geboren aus ursprünglich wohlhabendem Rittergeschlecht, das in
den Bürgerkriegen einen großen Teil seiner Güter
verloren hatte. Er begleitete 31 seinen Gönner Messala auf dem
aquitanischen Feldzug. Eine Aufforderung desselben, ihn nach Asien
zu begleiten, lehnte er anfangs ab, da ihn die Liebe zu Delia
(eigentlich Plania), einer Libertine in Rom, zurückhielt; zwar
entschloß er sich noch zur Mitreise, doch mußte er,
unterwegs erkrankt, in Kerkyra zurückbleiben. Nach Rom
zurückgekehrt, fand er seine Geliebte mit einem reichern
Bewerber verheiratet, ein Schlag, den er nicht wieder verwunden zu
haben scheint. Er starb bald nach Vergil, 19 oder 18 v. Chr. Seine
Gedichte zeichnen sich durch Einfachheit, Gefühl und Anmut
aus; besonders schön und innig sind die auf Delia
bezüglichen im ersten der unter seinem Namen
überlieferten vier Bücher. Von diesen gehören ihm
indessen nur die beiden ersten vollständig an. Das ganze
dritte rührt von einem wenig talentvollen Nachahmer her, der
sich selbst mit dem Namen Lygdamus und als 43 v. Chr. geboren
bezeichnet, und von den Gedichten des vierten Buches haben eine
Anzahl poetische Liebesbriefe ein junges Mädchen, Namens
Sulpicia, zur Verfasserin. Neuere Ausgaben von Voß (Heidelb.
1811), Lachmann (Berl. 1829), Dissen (Götting. 1835, 2 Bde.),
Haupt (5. Aufl., Leipz. 1885), L. Müller (das. 1870),
Bährens (das. 1878), Hiller (das. 1885). Übersetzungen
lieferten Voß (Tübing. 1810), Teuffel (Stuttg. 1853 u.
1855), Binder (2. Aufl., Berl. 1885) , Eberz (Frankf. 1865).
Tibur, Ort in Latium, auf einem 250 m hohen Hügel am
südlichen Ufer des hier prächtige Wasserfälle
bildenden Anio (s. d.), östlich von Rom, war eine der
ältesten und mächtigsten Städte des Latinischen
Bundes, welche sich erst 335 den Römern endgültig
unterwarf, aber nominell unabhängig blieb. Die Umgebung war
reich an Landhäusern, unter denen namentlich die prachtvolle
Villa Hadriani, südwestlich der Stadt in der Ebene,
berühmt war. Jetzt Tivoli (s. d.). Vgl. L. Meyer, T. (Berl.
1883).
Tic (franz.), s. v. w. Zucken, Verziehen des Gesichts.
Man unterscheidet zwei Krankheiten dieses Namens, nämlich den
T. douloureux oder Fothergilischen Gesichtsschmerz (s.
Gesichtsschmerz) und den T. convulsif, welcher ein Krampf im
Bereich des Nervus facialis, ein mimischer Gesichtskrampf ist.
Diese letztere Krankheit kommt häufig bei hysterischen und mit
Eingeweidewürmern behasteten Personen vor. Auch
Gemütsbewegungen und der Nachahmungstrieb werden unter den
veranlassenden Ursachen des T. convulsif angeführt; in vielen
Fällen ist der T. convulsif ein leichter Grad von Veitstanz.
Fast immer werden nur die Muskeln Einer Gesichtshälfte vom
Krampf befallen. Die Kranken machen schnell wechselnde oder
andauernde Grimassen, runzeln die Stirn und die Augenbrauen,
blinzeln mit den Augenlidern und schließen das Auge, zucken
und schnüffeln mit den Nasenflügeln, verziehen den
Mundwinkel nach oben und unten etc. Diese Grimassen treten
plötzlich auf, verschwinden ebenso schnell und kehren nach
kurzen Zwischenpausen wieder. Gewöhnlich ruft eine durch den
Willen eingeleitete isolierte Bewegung des Gesichts krampfhafte
Zusammenziehungen in andern Muskeln hervor. Anfangs ist die kranke
Gesichts-
692
Tichatschek - Tidemand.
hälfte oft schmerzhaft, später verlieren sich die
Schmerzen. Die Behandlung ist selten erfolgreich, man empfiehlt den
konstanten galvanischen Strom, Bromkalium, kräftige
Ernährung; beim Vorhandensein von Würmern abtreibende
Mittel. - Figürlich bedeutet T. (Tick) s. v. w. Grille,
wunderliche Eigenheit.
Tichatschek, Joseph Aloys, Opernsänger (Tenor), geb.
11. Juli 1807 zu Weckelsdorf in Böhmen, ging 1827 nach Wien,
um dort Medizin zu studieren, widmete sich jedoch bald darauf der
Musik und fand 1830 ein Engagement als Chorist am
Kärntnerthor-Theater. Infolge eifriger Kunstgesangstudien
unter Leitung Cicimaras konnte er 1833 in kleinern Partien mit
Erfolg auftreten und das Jahr darauf einen Ruf als erster Tenor
nach Graz annehmen, wo er bis 1837 der Liebling des Publikums war.
Im genannten Jahr gastierte er in Dresden und fand hier solchen
Beifall, daß er alsbald an der Oper und zugleich als
Sänger beim Chor der katholischen Hofkirche angestellt wurde.
Hier erreichte er, angeregt namentlich durch den
künstlerischen Verkehr mit der Sängerin
Schröder-Devrient und Richard Wagner, nachdem dieser 1842 als
Kapellmeister an die Dresdener Oper berufen war, die höchste
Stufe der Meisterschaft. Besonders gaben ihm die Musikdramen des
letztgenannten Meisters: "Rienzi", "Tannhäuser" und
"Lohengrin", Gelegenheit, seine Fähigkeiten nicht nur als
Sänger, sondern auch als geistvoll reproduzierender
Künstler im hellsten Licht zu zeigen. So wirkte er, zahlreiche
Gastspiele in ganz Europa abgerechnet, ununterbrochen in Dresden
bis 1870, wo er in den Ruhestand trat. Er starb 18. Jan. 1886
daselbst.
Tichborne (spr. tittschborn), Sir Roger, engl. Baronet,
geb. 5. Jan. 1829, wanderte 1853 auf einem französischen
Schiff aus und kam wahrscheinlich bei dem Schiffbruch der Bella im
April 1854 um. Seine reiche Erbschaft wurde den Verwandten, die sie
in Besitz genommen hatten, 1866 von einem Fleischergesellen Orton
aus Neusüdwales streitig gemacht, der sich für den
verschollenen Sir Roger T. ausgab. Anerkannt von der Mutter Sir
Roger Tichbornes und unterstützt von Advokaten und Agitatoren,
gelang es dem Prätendenten, die öffentliche Meinung
für sich zu interessieren und einen Prozeß gegen die
Erben einzuleiten, für dessen Kosten seine Anhänger
allmählich 60,000 Pfd. Sterl. aufbrachten. Dieser
Prozeß, der das größte Aufsehen machte, zog sich
infolge der zahlreichen weit hergeholten Schutz- und
Belastungszeugen und der Winkelzüge der Advokaten lange hin,
Orton wurde 1872 zunächst für einen Betrüger
erklärt und 1874 wegen doppelten Meineids zu 14 Jahren
Zuchthaus verurteilt. Obwohl bei den Gerichtsverhandlungen der
T.-Prätendent sich als dem Verschollenen ganz unähnlich,
überdies roh und ungebildet erwies, wurde die Agitation
für ihn auch nach seiner Verurteilung noch einige Zeit sowohl
in T.-Meetings und Zeitungsartikeln als auch im Parlament
fortgesetzt. Als Orton aber 1884 aus dem Zuchthaus entlassen wurde,
war das Interesse für ihn erloschen. Vgl. "Der neue Pitaval",
neue Serie, Bd. 10 (Leipz. 1875).
Tichwin, Kreisstadt im russ. Gouvernement Nowgorod, an
der Tichwinka (Nebenfluß des Sjas), hat 4 Kirchen, 2
Klöster, ein weibliches Gymnasium und (1886) 6526 Einw., deren
Hauptbeschäftigung im Bau von Flußbarken besteht.
Tichwinsches Kanalsystem, in Rußland, verbindet die
Wolga mit der Newa. Die Fahrt geht: Newa, Ladogakanal, Sjaskanal,
Sjasfluß, Tichwinka, Eglinosee, Tichwinscher Kanal,
Fluß Woltschina, See Somino, Fluß Somina, Woschsee,
Fluß Gorün, Tschagadoschtscha, Mologa, Wolga. Die
Länge des Verbindungssystems erstreckt sich vom Fluß
Gorün bis zum Sjaskanal 334 km weit, die Länge der
eigentlichen Kanäle ist 16 km. Das Tichwinsche Kanalsystem
durchzieht die Gouvernements St. Petersburg, Nowgorod, Jaroslaw auf
einer Strecke von 903 km. Da wegen der vielen kleinen Seen und
Flüsse größere Barken nicht passieren können,
so werden mehr die wertvollern, aber leichtern Waren transportiert,
wie Kolonialwaren, Getreide nur teilweise. Der erste Gedanke zu
diesem System gehörte Peter I., doch wurde es erst 1811
eröffnet.
Ticino (spr. titscht-), Fluß und Kanton, s.
Tessin.
Ticinum, antike Stadt, s. Pavia, S. 793.
Ticinus, linker Nebenfluß des Padus im
cisalpinischen Gallien, der jetzige Tessin (s. d.). Am T.
Niederlage der Römer unter dem Konsul P. Scipio durch die
Karthager unter Hannibal 218 v. Chr.
Tick, s. Tic.
Ticket (engl.), Zettel, Stimmzettel, Billet, z. B.
Railway-T., Eisenbahnfahrkarte.
Ticknor, George, Literarhistoriker, geb. 1. Aug. 1791 zu
Boston, wurde im Dartmouth College erzogen und zum Juristen
vorgebildet, gab aber diesen Beruf auf, ging 1815 nach Europa, wo
er fünf Jahre lang in London, Göttingen, Paris, Genf,
Rom, Madrid und Lissabon verweilte, und wurde nach seiner
Rückkehr zum Professor der französischen und spanischen
Sprache sowie der Belles-Lettres an der Harvard-Universität
ernannt. Berühmt machte sich T. besonders durch sein noch
heute unübertroffenes Werk "The history of Spanish literature"
(New York 1849, 3 Bde.; 4. Aufl. 1872; deutsch von Julius, mit
Zusätzen von Wolf, neue Ausg., Leipz. 1867, 2 Bde.), worin die
Resultate 30jähriger Studien in trefflichen, durch Genauigkeit
und Fülle ausgezeichneten Darstellungen verwertet sind.
Außerdem schrieb T. eine Biographie Lafayettes und des
Historikers Prescott (1863, neue Ausg. 1882). Er starb 26. Jan.
1871. Vgl. "The life, letters and journals of George T." (neue
Ausg., Boston 1876).
Ticul, Ruinenstätte im mexikan. Staat Yucatan, 50 km
südlich von Merida, beim Dorf Tekoh, mit merkwürdigen
Grabstätten. Der gleichnamige Distrikt hat (1880) 23,648
Einw.
Tidemand, Adolf, norweg. Maler, geb. 14. Aug. 1814 zu
Mandal in Norwegen, bildete sich zuerst auf der Kunstakademie zu
Kopenhagen und seit 1837 in Düsseldorf bei Th. Hildebrandt und
Schadow. Nach Vollendung des Bildes: Gustav Wasa redet in der
Kirche zu Mora zu den Dalekarliern (1841) wandte er sich nach
München, später nach Italien und kehrte dann nach
Norwegen zurück. Hier malte er einige Bildnisse für die
Universität in Christiania und machte Volksstudien in den
Gebirgsthälern. Von 1846 bis 1848 lebte er wieder zu
Düsseldorf, dann abermals in Norwegen und seit 1849 in der
Regel im Winter in Düsseldorf, im Sommer in Norwegen. Er starb
25. Aug. 1876 in Christiania. Um T. scharte sich ein zahlreicher
Kreis skandinavischer Künstler. Er wußte freundliche
Anmut, elegischen Ernst, große Naturwahrheit und meisterhafte
Individualisierung mit Großartigkeit der Auffassung zu
vereinigen. Seine Farbe ist kräftig, frisch und von
großem Schmelz, seine Pinselführung breit und markig.
Frei von gesuchten Gegensätzen, machen seine Bilder den
einfachen Eindruck der Natur. Er leistete im Volks- und Sittenbild
sein Bestes, weniger in Altargemälden. Von seinen Werken sind
hervorzuheben: Katechisation
693
Tiden - Tieck.
des Küsters in einer Landkirche (1847); Nachmittagsandacht
der Haugianer (1848, Kunsthalle in Düsseldorf, wiederholt);
norwegisches Bauernleben, ein Cyklus von zehn Gemälden auf
Zink für den Speisesaal des Schlosses Oskarshall bei
Christiania (1851, als Prachtalbum in Lithographien von J. B.
Sonderland mit norwegischem und deutschem Text in Düsseldorf
erschienen); der verwundete Bärenjäger (1856, kaiserliche
Galerie in Wien); die Austeilung des heiligen Abendmahls in einer
Hütte (1860); der Zweikampf beim Hochzeitsmahl (1864); die
Brautkrone der Großmutter (1865, Galerie zu Karlsruhe); die
Fanatiker (1866); vier cyklische Bilder aus dem Volksleben für
die Kronprinzessin von Dänemark (1870); Abschied eines
Sterbenden von seiner Familie (1872); der Hochzeitszug, der einen
Waldbach durchschreitet (1873), und die drei großen
Altargemälde für norwegische Kirchen: die Taufe Christi
(1869), die Auferstehung Christi (1871) und Christus als
Einzelfigur (1874). T. hat auch häufig die Figuren auf
Gemälden norwegischer Landschaftsmaler (Gude,
Morten-Müller u. a.) gemalt. Vgl. L. Dietrichson, A. T. hans
Liv og hans Vaerker (Christiania 1878-79, 2 Bde.), und "A. T.
utvalgte Vaerker" (das. 1878, 24 Radierungen von L. H.
Fischer).
Tiden, s. v. w. Gezeiten, s. Ebbe und Flut.
Tidikelt, Oase in Marokko, s. Tuat.
Tidor, eine zu den nördlichen Molukken gehörige
Insel an der Westküste von Dschilolo, hat etwa 150 qkm im
Umfang, mehrere Vulkane, ist fruchtbar und gut angebaut und bildet
mit 8000 mohammed. Bewohnern den Mittelpunkt eines von den
Niederländern abhängigen Sultanats. Die gleichnamige
Hauptstadt ist die Residenz des Sultans.
Tidscharet (arab.), Handel; T.-Naziri, Handelsminister;
T.-Mehkemesi, Handelstribunal zur Schlichtung der Handelsprozesse
zwischen osmanischen und fremden Unterthanen.
Tieck, 1) Johann Ludwig, Dichter der romantischen Schule,
geb. 31. Mai 1773 zu Berlin als der Sohn eines Sellermeisters,
besuchte seit 1782 das damals unter Gedikes Leitung stehende
Friedrichswerdersche Gymnasium, wo er sich eng an Wackenroder
anschloß, studierte darauf in Halle, Göttingen und kurze
Zeit in Erlangen Geschichte, Philologie, alte und neue Litteratur
und kehrte 1794 nach Berlin zurück, wo er sofort als
Schriftsteller auftrat. Es erschienen seine ersten Erzählungen
und Romane: "Peter Lebrecht, eine Geschichte ohne
Abenteuerlichkeiten" (Berl. 1795, 2 Bde.), "William Lovell" (das.
1795-96, 3 Bde.) und "Abdallah" (das. 1796), worauf er, seinen
Übergang zur eigentlichen Romantik vollziehend, die bald
dramatisch-satirische, bald schlicht erzählende Bearbeitung
alter Volkssagen und Märchen unternahm und unter dem Titel:
"Volksmärchen von Peter Lebrecht" (das. 1797, 3 Bde.)
veröffentlichte. Nachdem er sich 1798 in Hamburg mit einer
Tochter des Predigers Alberti verheiratet hatte, verweilte er
1799-1800 in Jena, wo er zu den beiden Schlegel, Hardenberg
(Novalis), Brentano, Fichte und Schelling in freundschaftliche
Beziehungen trat, auch Goethe und Schiller kennen lernte, nahm 1801
mit Fr. v. Schlegel seinen Wohnsitz in Dresden und lebte seit 1803
teils in Berlin, teils auf dem gräflich Finkensteinschen Gut
Ziebingen bei Frankfurt a. O., wohin er auch nach der Rückkehr
von einer Reise nach Italien, die er 1805 zum Behuf des Studiums
der im Vatikan aufbewahrten altdeutschen Handschriften unternommen
hatte, zurückkehrte. Während dieses Zeitraums waren
erschienen: "Prinz Zerbino, oder die Reise nach dem guten
Geschmack" (Jena 1799), "Franz Sternbalds Wanderungen" (Berl.
1798), ein die altdeutsche Kunst verherrlichender Roman, an welchem
auch sein Freund Wackenroder Anteil hatte, und "Romantische
Dichtungen" (Jena 1799-1800, 2 Bde.) mit dem Trauerspiel "Leben und
Tod der heil. Genoveva" (separat, Berl. 1820) sowie das nach einem
alten Volksbuch gearbeitete Lustspiel "Kaiser Octavianus" (Iena
1804), Werke, worin sich der Autor rückhaltlos der
romantischen Richtung hingegeben hatte. Daneben
veröffentlichte er eine übertragung des "Don Quichotte"
von Cervantes (Berl. 1799-1804, 4 Bde.), die Übersetzung einer
Anzahl dem Shakespeare zugeschriebener, aber zweifelhafter
Stücke unter dem Titel: "Altenglisches Theater" (das. 1811, 2
Bde.), eine Bearbeitung des "Frauendienstes" von Ulrich von
Lichtenstein (Tübing. 1812) sowie eine Auswahl dramatischer
Stücke von Rosenplüt, Hans Sachs, Ayrer, Gryphius und
Lohenstein ("Deutsches Theater", Berl. 1817, 2 Bde.) und gab unter
dem Titel: "Phantasus" (das. 1812-17, 3 Bde.; 2. Ausg., das.
1844-45, 3 Bde.) eine Sammlung früherer Märchen und
Schauspiele, vermehrt mit neuen Erzählungen und dem
Märchenschauspiel "Fortunat", heraus, welche die deutsche
Lesewelt wieder lebhafter für T. interessierte. In der That
werden Märchen und Erzählungen wie "Der getreue Eckart",
"Die Elfen", "Der Pokal", "Der blonde Eckbert" etc. schon ihrer
formellen Vorzüge wegen ihren dichterischen Wert lange Zeit
behaupten. Das Kriegsjahr 1813 sah den Dichter in Prag; nach dem
Frieden unternahm er größere Reisen nach London und
Paris, hauptsächlich im Interesse eines großen
Hauptwerks Über Shakespeare, das er leider nie vollendete.
1818 verließ er dauernd seine ländliche Einsamkeit und
nahm seinen Wohnsitz in Dresden, wo nun die produktivste und
wirkungsreichste Periode seines Dichterlebens begann. Trotz des
Gegensatzes, in welchem sich Tiecks geistige Vornehmheit zur
Trivialität der Dresdener Belletristik befand, gelang es ihm,
hauptsächlich durch seine fast allabendlich stattfindenden
dramatischen Vorlesungen, einen Kreis um sich zu sammeln, der seine
Anschauungen von der Kunst als maßgebend anerkannte. Als
Dramaturg des Hoftheaters gewann er namentlich in den 20er Jahren
eine bedeutende Wirksamkeit, die ihm freilich durch Kabalen und
Lügen der trivialen Gegenpartei mannigfach verleidet wurde.
Als Dichter bediente er sich seit der Niederlassung in Dresden
beinahe ausschließlich der Form der Novelle. Die Gesamtheit
seiner "Novellen" (vollständige Sammlung, Berl. 1852-54, 12
Bde.) erwies sein großes Erzählertalent. In den
vollendetsten gab er wahrhafte Kunstwerke, in denen eine wirklich
dichterische Aufgabe mit rein poetischen Mitteln gelöst ward;
mit zahlreichen andern bahnte er hingegen jener bedenklichen
Gesprächsnovellistik den Weg, in welcher das epische Element
ganz zurücktritt und die Erzählung nur das Vehikel
für die Darlegung gewisser Meinungen und Bildungsresultate
wird. Zu den bedeutendsten der erstern Gattung zählen: "Die
Gemälde", "Die Reisenden", "Der Alte vom Berge", "Die
Gesellschaft auf dem Lande", "Die Verlobung", "Musikalische Leiden
und Freuden", "Des Lebens Überfluß" u. a. Unter den
historischen haben "Der griechische Kaiser", "Der Tod des Dichters"
und vor allen der großartig angelegte, leider unvollendete
"Aufruhr in den Cevennen" Anspruch auf bleibende Bedeutung. In
allen diesen Novellen entzückt nicht nur die einfache Anmut
der Darstellungsweise, sondern auch die Man-
694
Tiedemann - Tiedge.
nigfaltigkeit lebendiger und typischer Charaktere und der
Tiefsinn der poetischen Idee. Auch in den prosaischern Novellen
zeigte T. seine Meisterschaft des Vortrags. Sein letztes
größeres Werk: "Vittoria Accorombona" (Bresl. 1840),
entstand unter den Einwirkungen der neufranzösischen Romantik
und hinterließ trotz der aufgewendeten Farbenpracht einen
überwiegend peinlichen Eindruck. Auch Tiecks sonstige
litterarische Thätigkeit war während der Dresdener
Periode eine sehr ausgebreitete. 1826 übernahm er die
Herausgabe und Vollendung der von A. W. v. Schlegel begonnenen
Shakespeare-Übertragung und gab die hinterlassenen Schriften
Heinrichs v. Kleist (Berl. 1821) heraus, denen die "Gesammelten
Werke" desselben Dichters (das. 1826, 3 Bde.) folgten. "Die Insel
Felsenburg" (Bresl. 1827), "Lenz' gesammelte Schriften" (Berl.
1828) sowie "Shakespeares Vorschule" (Leipz. 1823-29, 2 Bde.) etc.
wurden mit Vorreden und Abhandlungen von bleibendem Wert begleitet.
Aus seiner dramaturgisch-kritischen Thätigkeit erwuchsen die
"Dramaturgischen Blätter (Bresl. 1826, 2 Bde.; Bd. 3, Leipz.
1852; vollständige Ausg., Leipz. 1852, 2 Tle.). 1841 wurde T.
vom König Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin berufen, wo er,
durch Kränklichkeit zumeist an das Haus gefesselt und durch
den Tod fast aller nähern Angehörigen sehr vereinsamt,
ein zwar ehrenvolles und sorgenfreies, aber im ganzen sehr
resigniertes Alter verlebte und 28. April 1853 starb. Seine
"Kritischen Schriften" erschienen gesammelt in 2 Bänden
(Leipz. 1848), "Nachgelassene Schriften" in 2 Bänden (das.
1855). "Ausgewählte Werke" Tiecks gab Welti heraus (Stuttg.
1886-88, 8 Bde.). Tiecks vielfach widerspruchsvolle Natur kann
nicht bloß aus der Zwiespältigkeit seiner Bildung, in
welcher sich der Rationalismus des 18. Jahrh. und die mystische
Romantik fortwährend bekämpften, erklärt werden,
sondern ist zumeist auch noch auf das Improvisatorische, vom
zufälligen Augenblick Abhängende seiner Begabung
zurückzuführen, das ihn selten zu reiner Ausgestaltung
seiner geist- und lebensvollen Entwürfe gelangen ließ.
Vgl. R. Köpke, Ludwig T. Erinnerungen aus dem Leben etc.
(Leipz. 1855, 2 Bde.); H. v. Friesen, Ludwig T., Erinnerungen (Wien
1871, 2 Bde.); K. v. Holtei, Briefe an Ludwig T. (Bresl. 1864, 4
Bde.); Ad. Stern, Ludwig T. in Dresden (in "Zur Litteratur der
Gegenwart", Leipz. 1879). - Tiecks Schwester Sophie T., geb. 1775
zu Berlin, verheiratete sich 1799 mit Aug. Ferd. Bernhardi (s. d.),
von dem sie 1805 wieder geschieden wurde, lebte dann in
Süddeutschland und mit ihren Brüdern, dem Dichter und dem
Bildhauer, längere Zeit in Rom, später in Wien,
München und Dresden. Im J. 1810 schloß sie eine zweite
Ehe mit einem Esthländer, v. Knorring, dem sie in dessen
Heimat folgte, und starb dort 1836. Sie hat außer Gedichten,
z. B. dem Epos "Flore und Blanchefleur" (hrsg. von A. W. Schlegel,
Berl. 1822), auch Schauspiele und einige Romane, wie "Evremont"
(hrsg. von Ludw. T., das. 1836), geschrieben.
2) Christian Friedrich, Bildhauer, Bruder des vorigen, geb. 14.
Aug. 1776 zu Berlin, hatte hier Schadow, dann in Paris David zum
Lehrer und ward seit 1801 zu Weimar bei der Ausschmückung des
Neuen Schlosses beschäftigt. Unter anderm modellierte er
Goethes Büste, die er später auch in Marmor für die
Walhalla ausführte. 1805 ging er mit seinem Bruder Ludwig nach
Italien, wo er mehrere treffliche Büsten, wie die Alexanders
v. Humboldt, und ein Reliefporträt Neckers für dessen
Grabmal in Coppet ausführte. Von 1809 bis 1812 hielt er sich
in der Schweiz und in München auf, wo er die Büsten des
damaligen Kronprinzen Ludwig, Schellings, F. Jacobis und L. Tiecks
fertigte. In Carrara, wo er dann längere Zeit verweilte,
entstanden die Büsten Lessings, Erasmus' von Rotterdam, Hugo
Grotius', Herders, Bürgers, Wallensteins u. a. 1820 wurde er
Profefsor der Akademie zu Berlin, wo er die 1829 in Erz gegossenen
Gruppen von Rossebändigern für den Überbau des
königlichen Museums, Niobe und ihre Kinder, ein Relief lm
Giebelfeld des Schauspielhauses, Ifflands Statue im Schauspielhaus,
das Standbild König Friedrich Wilhelms II. für Neuruppin,
eine Statue Schinkels für die Vorhalle des Museums und
zahlreiche durch sorgfältige Durchführung ausgezeichnete
Büsten schuf (darunter eine dritte Goethebüste 1820
gleichzeitig mit Rauch). T. starb 14. Mai 1851 in Berlin.
Tiedemann, 1) Dietrich, philosoph. Schriftsteller, geb. 3. April
1748 zu Bremervörde bei Bremen, 1776 Lehrer am Carolinum zu
Kassel, 1786 Professor der Philosophie an der Universität
Marburg, wo er 24. Sept. 1803 starb. Er war ein Gegner der
Kantschen Philosophie und schrieb unter anderm ein "System der
stoischen Philosophie" (Leipz. 1776, 3 Bde.) und in skeptischer
Haltung eine Geschichte der Philosophie unter dem Titel: "Geist der
spekulativen Philosophie" (Marb. 1791-96, 6 Bde,).
2) Friedrich, Mediziner, geb. 23. Aug. 1781 zu Kassel, studierte
seit 1798 in Marburg, Würzburg und Paris und ward 1806
Professor der Anatomie und Zoologie zu Landshut. Seine "Anatomie
des Fischherzens" (Landsh. 1809) und seine Untersuchung des Baues
der Strahltiere gehörten wie die "Anatomie der kopflosen
Mißgeburten" (das. 1813) und die "Anatomie der
Bildungsgeschichte des Gehirns" (Nürnb. 1816) zu den
bedeutendsten Leistungen jener Zeit. 1816 ging T. als Professor der
Anatomie und Physiologie nach Heidelberg, wo er eine anatomische
und zoologische Sammlung anlegte. 1849 zog er sich vom Lehramt
zurück und lebte dann in Frankfurt und München, wo er 22.
Jan. 1861 starb. Er schrieb noch. "Zoologie" (Landsh. u. Heidelb.
1808-14, 3 Bde.); "Die Verdauung nach Versuchen" (gemeinschaftlich
mit Gmelin, Heidelb. 1826-27, 2 Bde.); "Physiologie des Menschen"
(Bd. 1 und 3, Darmst. 1830 und 1836); "Das Hirn des Negers, mit dem
des Europäers verglichen" (Heidelb. 1837); "Von den
Duverneyschen und Bartholinischen Drüsen des Weibes" (das.
1840) ; "Von der Verengung und Schließung der Pulsadern in
Krankheiten" (das. 1843); "Von lebenden Würmern und Insekten
in den Geruchsorganen des Menschen" (Mannh. 1844); "Geschichte des
Tabaks" (Frankf. 1854). Mit Reinhold und Treviranus gab er die
"Zeitschrift für Physiologie" heraus, von welcher 5 Bände
(Darmst. 1825-32) erschienen sind. Vgl. Bischoff,
Gedächtnisrede (Münch. 1861).
Tiedge, Christoph August, Dichter, geb. 14. Dez. 1752 zu
Gardelegen, übernahm 1776 eine Hauslehrerstelle zu Ellrich in
der Grafschaft Hohenstein, trat von dort aus in Verkehr mit
Göckingk, Gleim, der Gräfin Elisa von der Recke u. a.,
ging 1782, von Gleim aufgefordert, nach Halberstadt, wo er 1792
Sekretär des Domherrn v. Stedern wurde und dessen Töchter
unterrichtete, und zog nach Stederns Tod mit dessen Familie in die
Nähe von Quedlinburg. Nach dem Tode der Frau v. Stedern lebte
er abwechselnd auf Reisen, in Halle und Berlin, begleitete
1805-1808 Frau von der Recke durch Deutschland, die Schweiz und
Italien und blieb dann bei derselben als Gesellschafter und zwar
seit 1819 in Dresden.
695
Tiedm. - Tiefenmessung von Gewässern.