Tiberias, Stadt in Palästina (Galiläa), am

westlichen Gestade des Sees Genezareth, der daher auch See von T.

heißt, Gründung und gewöhnliche Residenz des

Herodes Antipas, der ihr dem Kaiser Tiberius zu Ehren den Namen

gab, war durchaus im römisch-griechischen Geschmack erbaut,

mit Amphitheater, Rennbahn etc. und daher den strenggläubigen

Juden zuerst verhaßt. Nach dem Untergang des jüdischen

Staats war T. Jahrhunderte hindurch Sitz einer berühmten

jüdischen Akademie und Mittelpunkt der jüdischen Nation,

wo Mischna und Talmud entstanden. Das Christentum fand nur langsam

seit Konstantin Eingang. 637 fiel die Stadt den Arabern in die

Hände. Während der Kreuzzüge galt sie als eins der

wichtigsten Bollwerke der Kreuzfahrer; aber 4. Juli 1187 erlitten

die Christen bei Hattin unweit T. durch Saladin eine entscheidende

Niederlage, welche die Übergabe der Stadt zur Folge hatte.

Jetzt Tabarieh, ein ärmlicher, schmutziger Ort mit verfallenem

Kastell, dicker Stadtmauer und 3000 Einw., zur größern

Hälfte Juden, deren Begräbnisplatz, ½ Stunde

westlich der Stadt, die Gräber der berühmtesten

Talmudisten (Maimonides, Rabbi Akiba etc.) enthält.

Tiberinus (Paton T.), der Gott des Tiberflusses, nach der

römischen Sage ein alter König des Landes, der in dem

seither nach ihm Tiberis genannten Fluß Albula ertrank und

zum Gott wurde. Der Mythus ließ ihn die in den Tiber

gestürzte Mutter des Romulus und Remus, Rea Silvia, zu seiner

Gemahlin und zur Stromgöttin erheben. Sein Heiligtum war auf

der Tiberinsel, wo ihm 8. Dez. geopfert wurde; besondere Spiele

feierten ihm zu Ehren am 7. Juni die Fischer.

Tiberius, Name zweier oströmischer Kaiser: 1) T.

Constantinus, ein Thraker, Befehlshaber der Leibwache unter Justin

II., wurde von diesem 574 zum Mitkaiser erhoben und folgte ihm 578

in der Regierung. Er unterdrückte einen von Justins Gemahlin

Sophia angestifteten Aufstand und führte ein kräftiges

und gerechtes Regiment, er kämpfte mit Glück gegen den

Perserkönig Chosru, welcher 579 den Krieg erneuerte, aber von

T.' Feldherrn Justinian wiederholt besiegt und bis in die Nähe

seiner Hauptstadt verfolgt wurde. T. starb schon 582.

2) T. Apsimarus, von dem gegen den Kaiser Leontios

aufständischen Heer 698 zum Kaiser ausgerufen, stürzte

Leontios, wurde aber 705 von dem mit bulgarischer Hilfe aus dem

Exil heimkehrenden Justinian II. gestürzt und grausam

hingerichtet.

Tiberius Claudius Nero, röm. Kaiser, geb. 42 v.

Chr., Sohn eines gleichnamigen Vaters und der Livia Drusilla und

nach deren Verheiratung mit Augustus (38) Stiefsohn des Kaisers,

unterwarf mit seinem Bruder Drusus zusammen 16-15 die Rätier

und Vindelizier, unterdrückte in drei Feldzügen 12-10

einen Aufstand der Pannonier und Dalmatier und machte 8 einen

Einfall in das Gebiet der Sigambrer, die er schlug, und von denen

er 40,000 auf das linke Rheinufer verpflanzte. Er war 12 nach dem

Tode des Agrippa mit Julia, der Tochter des Augustus, verheiratet

worden, und 6 wurde ihm die tribunizische Gewalt auf fünf

Jahre verliehen. In demselben Jahr aber wurde er durch die

Ausschweifungen der Julia und durch Eifersucht auf die bevorzugten

Enkel des Augustus, Gajus und Lucius Cäsar, bewogen, sich

gegen den Willen des Kaisers nach Rhodos in ein freiwilliges Exil

zu begeben. Erst 2 n. Chr. kehrte er von da zurück, und nun

wurde er, nachdem Gajus und Lucius Cäsar gestorben waren, 4

von Augustus adoptiert und damit zum Nachfolger auf dem Kaiserthron

designiert; zugleich wurde ihm die tribunizische Gewalt auf weitere

fünf Jahre (sodann 9 auf Lebenszeit) übertragen. Sonach

fiel ihm, nachdem er 6-9 einen neuen, langen und schwierigen Krieg

in Pannonien und Dalmatien geführt und 11 die Rheingrenze

gegen die Deutschen geschützt hatte, 14 nach dem Tode des

Augustus die Herrschaft von selbst zu, welche er hierauf 23 Jahre

mit Klugheit und Energie und nicht ohne einen gewissen Gewinn

für die Provinzen, aber mit Härte und Mißgunst

gegen jedermann und mit Grausamkeit geführt hat. In den ersten

Jahren seiner Regierung wurde er zu einiger Zurückhaltung

durch die Rücksicht auf Germanicus, den Sohn seines Bruders

Drusus, bestimmt, den er auf Anordnung des Augustus adoptiert, und

der durch zwei glänzende, obwohl erfolglose Feldzüge

gegen die Deutschen (15 und 16) seinen Argwohn erregt hatte.

Nachdem aber Germanicus 19 gestorben und die Regierung immer mehr

in die Hand des Sejanus, des Präfekten der Prätorianer,

gelangt war, der diese in einem festen Lager in Rom selbst

vereinigte, um durch sie einen Druck auf die Hauptstadt

auszuüben, nahmen die Verfolgungen der angesehensten

Männer durch die Delatoren, d. h. die Angeber, welche im

Dienste des T. alle, die dessen Verdacht erweckten, anklagten und

ihre Verurteilung im knechtisch gesinnten Senat bewirkten, immer

mehr zu. Zwar wurde 31 Sejanus gestürzt, der, um sich selbst

den Weg zur Herrschaft zu bahnen, schon 23 Drusus, den Sohn des T.,

durch seine Gemahlin hatte vergiften lassen, der 26 den T. bewogen

hatte, sich nach Capreä (Capri) zurückzuziehen, und der

die Familie des Germanicus zum großen Teil zu beseitigen

gewußt hatte. Indessen diente dies nur dazu, die Zahl der

Hinrichtungen zu vermehren, indem alle diejenigen, welche der

Mitschuld an den Plänen des Sejanus geziehen wurden, der

Grausamkeit des T. zum Opfer fielen, bis endlich T. 16. März

37, als er schon im Todeskampf lag, von Macro, dem Nachfolger des

Sejanus in der Gunst des Kaisers, in den Kissen seines Lagers

erstickt wurde. Vgl. Stahr, Tiberius' Leben, Regierung, Charakter

(2. Aufl., Berl. 1873); L. Freytag, T. u. Tacitus (das. 1870),

welche beide den T. durch Herabsetzung des Tacitus zu rechtfertigen

gesucht haben; dagegen Pasch, Zur Kritik der Geschichte des Kaisers

T. (Altenb. 1866), und Beulé, T. und das Haus des Augustus

(deutsch von Döhler, Halle 1873); Deppe, Kriegszüge des

T. in Deutschland (Bielef. 1887).

689

Tibesti - Tibet.

Tibesti (auch Tu), das Land der Tibbu Reschade in der

östlichen Sahara, zwischen 14-19° östl. L. v. Gr. und

19-23° nördl. Br. gelegen, wurde zuerst 1868-69 von

Nachtigal erforscht. Der bewohnte Teil des Landes konzentriert sich

um das Zentralgebirge, eine von NW. nach SO. streichende Kette,

welche im Tarso, einem 1000 m hohen Dolomitrücken, ihren

Hauptstock hat. Die höchsten Kegel desselben sind: der Tusside

(2500 m), der Timi, Boto und Bodo. Am östlichen Fuß des

Tarso befindet sich eine heiße Quelle. An den Seiten dieses

Hauptgebirges, in den nach W. hinabgehenden Thälern sowie in

dem östlich gelegenen Thal Bardai, haust die elende und arme

Bevölkerung, deren Hauptsubsistenzmittel ihre Kamel-, Schaf-

und Ziegenherden sind. Datteln wachsen in einigen Schluchten, Durra

und Duchn wird an wenigen Orten gebaut. Auch die Jagd ist

dürftig. Hauptorte sind Tao und Bardai. Vgl. Nachtigal, Sahara

und Sudân, Bd. 1 (Berl. 1879).

Tibet, Zeug, s. Merino.

Tibet (Thibet, Tübet), Nebenland Chinas zwischen dem

Hauptkamm des Himalaja im S. und W., dem Kuenlün und seinen

östlichen Fortsetzungen im N. und den Provinzen Kansu und

Setschuan im O. (s. die Karten "Zentralasien" und "China"),

umfaßt 1,687,898 qkm (30,654 QM.), bildet ein großes

Plateau, das, im äußersten Westen schmal, nach Osten

ständig an Breite zunimmt, bis es im Meridian von Lhassa

zwölf Breitengrade bedeckt, worauf es mit schwach

konvergierendem Nord- und Südrand nach Osten geht. Den

Süden dieses ungeheuern Gebiets nimmt das Längsthal des

Indus und Sanpo ein als deutliche Grenzmark zwischen dem Himalaja

und der tibetischen Massenerhebung. Die nördlich davon sich

ausbreitende Hochfläche, welche sich allmählich von

Westen, wo die gewaltige Bergmasse des Karakorum aufgelagert ist,

nach O. senkt, hat eine mittlere Höhe von über 4000 m.

Zwischen 80 und 90° östl. L. v. Gr. scheint die wellige

Hochsteppe vorzuherrschen; hier führt die Straße von

Kiria über den Kuenlün und ein 5000 m hohes Plateau zu

den Goldfeldern von Thok Dschalung, dem höchsten (4977 m)

ständig bewohnten Orte der Erde. Hier dehnt sich nun die

zentrale Hochsteppe aus, ein mit zahlreichen Salzlachen und

Salzseen bedecktes, abflußloses Gebiet, das für

zahlreiche Scharen wilder Esel, Antilopen und Moschusschafe immer

noch genügende Weideplätze zu bieten scheint. Auf weite

Strecken ist das Hochland unbewohnt, nur einige tiefer gelegene

Gründe gestatten den Anbau von Gerste. Den Südostteil

dieser Hochsteppe erfüllt ein seenreiches Gebiet; einer der

größten Seen ist der Tengri-Nor (4600 m ü. M.),

einige buddhistische Klöster an seinen Ufern sind die einzigen

Wohnstätten. Osttibet, das Gebiet nordöstlich von Lhassa

bis zum Huangho, ist gleichfalls ein von beträchtlichen

Bergmassen erfülltes Hochland, doch unterscheidet sich

dasselbe von dem westlichen Plateau dadurch, daß zahlreiche

nach O. und SO. strebende Flüsse (Omtschu oder Dibong,

Tsatschu, Salwen, Mekhong, Murussu oder Britschu, Jatschu, die

beiden letztern Quellflüsse des Jantsekiang) dasselbe

durchziehen. Über die Hauptrichtung der Gebirgszüge

Osttibets herrscht noch keine Klarheit; auf weite Strecken

gänzlich unbewohnt, beherbergt dies Gebiet einzelne wilde

Stämme, die kaum als Unterthanen der Chinesen anzusehen sind

und das Eindringen von S. her ähnlich erschweren wie die

tibetischen Beamten an den Grenzorten der Karawanenstraßen.

Von der großen Hochebene führen 5000 m hohe Pässe

über den bis 7500 m hohen, mit Schneegipfeln gekrönten

Plateaurand in das Thal des Brahmaputra, das bis 88° östl.

L. v. Gr. noch immer über 4000 m hoch und daher nur von

Nomaden bewohnbar ist. Hier erst beginnt die Möglichkeit des

Anbaues der Gerste. Im NO. liegt das mit zahllosen Seen besetzte

Quellgebiet des Huangho, des Sternenmeers, westlich davon erhebt

sich das Plateau zu 5400 m, dagegen senkt sich das von einem

abflußlosen Salzmorast bedeckte Becken von Tschaidam bis zu

2600 m; am äußersten Nordrand des tibetischen Plateaus

liegt 3300 m hoch das Becken des Kuku-Nor. Das Klima hat einen

durchaus kontinentalen Charakter: die Sommer sind kurz und

heiß, die Winter lang und streng (bis -25° C.). Die

Trockenheit ist ungemein, der atmosphärische Niederschlag,

fast nur Schneefall während des 5-7 Monate dauernden Winters,

beträgt kaum 25 mm. Die beim Auftauen des Schnees mit

Feuchtigkeit sich vollsaugenden Moosarten ersetzen zum Teil den

Mangel an Waldungen, indem sie das gänzliche Ausdörren

des Bodens verhindern. Die Pflanzenwelt ist, da die Hochebenen

größtenteils höchst unfruchtbar sind, eine sehr

dürftige. In den wärmern Thälern des Südwestens

wird Reis gebaut, ebenso Obst und Wein; der Getreidebau deckt den

Bedarf nicht. Die Steppenregionen liefern den feinsten Rhabarber.

Mannigfaltig ist das Tierreich. Der Yak kommt auf den Hochsteppen

in großen Herden wild vor, ebenso eine wilde Art Pferde

(Equus hemionus) und ein wildes Schaf (Ovis Argali) mit

großen Hörnern. Antilopen, Moschustiere, Wölfe,

Schakale und Füchse bevölkern die Steppen. Vögel

sind selten, Singvögel fehlen ganz. Die wertvollsten Haustiere

sind: Yak, Pferd (klein), Ziege (deren Vlies die kurze, zu den

feinsten Geweben taugliche, Paschm genannte Wolle liefert) und

Schaf. Hunde sind bei jedem Haus, aber verwahrlost und darum eine

Plage. Das Mineralreich liefert Gold, Edelsteine, Bergkristalle,

Salz, Borax u. a.

Die Bevölkerung, deren Zahl auf 6 Mill. veranschlagt wird,

gehört der großen Mehrzahl nach zu den eigentlichen

Tibetern (Bod-dschi), einem mongolischen Volk; daneben gibt es

eigentliche Mongolen (Sokpa), Türken (Hor) und Kirgisen im N.,

Mohammedaner, Chinesen und einige Inder in Lhassa und in den

Städten. Die Tibeter bewohnen außer T. noch Bhutan,

Sifan, das Quellgebiet des Huangho und die obern Stufenländer

der hinterindischen Flüsse sowie im W. Ladak und Baltistan.

Den Charakter des Tibeters kennzeichnen kriechende

Unterwürfigkeit gegen Mächtige, Übermut gegen

Niedrige. Die Ehe wird wenig heilig gehalten; unter den Reichen

herrscht Polygamie, unter dem Volk Vielmännerei bei

Brüdern. Gesellschaftlich gliedert sich die Bevölkerung

in Geistliche und Laien; leider übt die Welt- und

Klostergeistlichkeit beider Geschlechter keinen guten Einfluß

auf die Sittlichkeit des Volkes aus. Doch findet wissenschaftliche

Bildung in den zahlreichen Klöstern eine anerkennenswerte

Pflege, so daß in dieser Hinsicht die Tibeter unter den

Völkern Hochasiens einen hervorragenden Rang einnehmen. Die

Hauptbeschäftigung ist Viehzucht, dann Ackerbau; die

gewerbliche Thätigkeit beschränkt sich auf Anfertigung

von groben Wollgeweben, Filzen und Metallarbeiten für den

Hausbedarf. Der Handel mit Hochasien, Indien und China ist nicht

unbedeutend; doch bereitet die chinesische Regierung dem Verkehr

mit Indien aus politischem Mißtrauen die größten

Schwierigkeiten. Den Verkehr mit China wie den Binnenhandel haben

die Klöster und die Großen des Landes in

Händen.

690

Tibet (Geschichte).

Waren werden auf den Rücken von Schafen und Ziegen oder

auch von Menschen verschickt, Kunststraßen fehlen, und selbst

auf den Hauptverkehrswegen müssen Seilbrücken solidere

Anlagen ersetzen. Der Handel ist vorwiegend Tauschhandel. Neben

Thee statt Geld kursieren chinesische Kupfermünzen und

indische Rupien, oft zu Klumpen zusammengeschmolzen. Religion ist

der Buddhismus in der tibetischen Form. Begründer der

tibetischen Lehre ist der Mönch Tsonkhapa (1358-1419), der die

Menge des zu Wissenden und zu Verrichtenden in acht Gebote

zusammenfaßte und unter der Geistlichkeit eine feste

Hierarchie begründete, welche der Kitt der bestehenden

politischen Verhältnisse wurde. Obenan steht der Dalai Lama,

eine Verkörperung des Tschenresi (Padmapani), des

göttlichen Stellvertreters des Buddha auf Erden; seine

Residenz ist Lhassa (s. d.). Nächst diesem kommt der Pantschen

Rinpotsche, der zu Taschi Lhunpo (s. d.) residiert und dort in

einem kleinen Bezirk auch Hoheitsrechte ausübt. Beide

Hohepriester gehen aus Wahl hervor unter Einwirkung der

chinesischen Regierung (s. Dalai Lama). Unter dem Dalai Lama stehen

die Klosteräbte, unter diesen die Priester (Lama), alle dem

Cölibat unterworfen und in verschiedene Klassen zerfallend.

Die Klöster (Gonpa) sind weitläufige Gebäude

(zuweilen eine ganze, von Ringmauern umgebene Stadt) und reich mit

liegenden Gründen bedacht. Durchschnittlich wird aus jeder

Familie ein Sohn Lama. Die Mönche sind sehr ungebildet, dabei

von lockern Sitten. Die religiösen Gebräuche

unterstützen den Aberglauben; weltbekannt ist die Anwendung

des Gebetrades (s. Gebetmaschine). Die Hauptfamilienakte vollziehen

sich ohne Segen des Lama; aber bei jedem sonstigen Anlaß

braucht man den Lama als Geisterbeschwörer, der dabei

große Fertigkeit in höherer Gaukelei bekundet. Der

eigentliche Gottesdienst ist durch Gepränge, Musik und

Weihrauch geistverwirrend (vgl. E. Schlagintweit, Buddhism in T.,

Leipz. 1863). Eine zwischen 1861 und 1870 durch französische

Missionäre in Bonga, südöstlich von Lhassa,

eingerichtete Missionsstation wurde unterdrückt. Die

Verwaltung wird im Namen des Kaisers von China von Tibetern

geführt, welche ihre Bestallung von Peking aus erhalten. Der

Dalai Lama widmet sich nur der Erfüllung seiner

religiösen Pflichten; die Besorgung der

Regierungsgeschäfte liegt einem Stellvertreter ob, der aus den

Mönchen eines der Hauptklöster von Lhassa genommen wird.

Oberster Rat sind 4 Minister und 16 Dezernenten für Zivil,

Militärverwaltung, Gerichtswesen und Finanzen mit dem Sitz in

Lhassa; unter ihnen wirken Lokalbeamte. Chinesische Beamte

überwachen in Lhassa, Mandarinen in den Provinzen die

Geschäfte; sie stehen unter dem Gouverneur von Setschuan, wie

T. auch als Teil dieser Provinz gilt. Verwaltung wie Gerichtswesen

bieten jedoch durch Bestechlichkeit ein Zerrbild gesunden

Staatslebens. Für den Bestand der chinesischen

Oberherrlichkeit sorgt eine Mandschutruppe von etwa 4000 Mann, die

in zahlreichen kleinen Garnisonen untergebracht ist. Außerdem

wird im Inland eine Miliz ausgehoben. Der jetzige Dalai Lama, der

13. dieses Titels, wurde 1879 noch im Kindesalter unter

Feierlichkeiten, die drei Tage andauerten, eingesetzt.

[Geschichte.] Die tibetischen Chroniken leiten das älteste

dort regierende Königsgeschlecht von jenem der Sakja ab, dem

im 7. Jahrh. v. Chr. der Stifter des Buddhismus entsproß. Ein

Inder, Namens Buddasri, soll ein halbes Jahrhundert v. Chr. die

"kleinen Könige" in T. sich unterthan gemacht und sich zum

ersten Großkönig aufgeschwungen haben. Das Reich

hieß damals Jarlung ("oberes Thal") und umfaßte die

Uferländer des Jarlungflusses und seiner Zuflüsse. Innere

Kämpfe füllten die Zeit bis 607, da trat als großer

Eroberer Namri Srongtsan auf; Begründer des Buddhismus, einer

Litteratur und eines tibetischen Alphabets wurde Srongtsan Gampo

(629-698), der dem Reich dabei viele neue Provinzen erwarb und zu

dem chinesischen Kaiserhaus durch eine Heirat in freundschaftliche

Beziehungen trat; er verlegte die Residenz nach Lhassa. Unter Kri

Srongdetsan (744-786) stand T. auf der Höhe der Macht; bis an

den Mustag hin, unter Türken und Mongolen, verschaffte es sich

Achtung; die Himalajaländer wurden abhängig, mit China

über die Grenze ein Vertrag geschlossen und dieser in eine

Denksäule zu Lhassa eingeschnitten. Mächtig war noch

Ralpatschan (806-842); er ließ die heiligen Schriften in zwei

Sammlungen bringen (vgl. Tibetische Sprache), demütigte die

äußern Feinde, darunter die Chinesen. Seine

Gunstbezeigungen an den Klerus hatten eine innere Revolution zur

Folge, der König wurde ermordet, dem fremden Kultus Abbruch

gethan und hierdurch Osttibet in kleinere Reiche zersplittert wie

auch den Chinesen geöffnet. In diesen Wirren wurde von

Mitgliedern der Königsfamilie eine Seitendynastie in Westtibet

gegründet, Ladak (s. d.) und die angrenzenden Provinzen zum

Buddhismus bekehrt. 1206 und 1227 erhob Dschengis-Chan Tribut von

T.; im 14. Jahrh. trat Tsonkhapa (s. oben) als Reformator der Lehre

auf und wurde Begründer der Allgewalt der Priester. 1566

fielen die Ostmongolen in das nördliche T. ein; 1624 drang der

Jesuitenpater A. Andrada als der erste christliche Missionär

in das südöstliche T. vor. Eine große

Umwälzung brachte dann der 1640 auf Anforderung des damaligen

Dalai Lama erfolgte Zug der am Kuku-Nor lagernden Choschotmongolen.

Die dem Dalai Lama ungünstigen Großen wurden vernichtet

und dieser von den gläubigen Mongolen als Landesherr

eingesetzt. Den Mandschu bezeigte bereits 1642 der Dalai Lama

Verehrung, 1651 begab sich dieser nach Peking zum Besuch des

Kaisers. Die in Kaschgar, Jarkand und Ili herrschenden Dsungaren

wollten nicht dulden, daß China über die Wahl des Dalai

Lama verfüge; um T. von sich abhängigen machen, zogen sie

vor Lhassa, stürmten dies vergeblich, bekamen es aber 30. Nov.

1717 durch Verrat in die Hand und wüteten schrecklich. Der

chinesische Kaiser Kanghi wurde nun von den Tibetern um Hilfe

angegangen, seine Armee rückte in vier Haufen ein, schlug die

Dsungaren in mehreren Treffen und begründete so 1720 die

Oberherrschaft der heute noch herrschenden Mandschudynastie

über T. Ein 1727 ausgebrochener Aufstand wurde blutig

unterdrückt, und T. behielt nun Ruhe bis 1791, während

welcher Zeit jedoch China manchen unbequemen Würdenträger

mittels Gifts beseitigt haben soll. Die Weigerung der Tibeter, mit

Nepal einen billigen Münzvertrag abzuschließen,

führte zum Krieg mit diesem; China schickte Truppen und schlug

1791 das nepalische Heer. Zwischen 1837 und 1844 ließ der

ehrgeizige Regent (der weltliche Stellvertreter des Dalai Lama)

drei Dalai Lamas ermorden, wurde schließlich der That

überführt, verbannt und die chinesische Verwaltung noch

straffer angezogen. Insbesondere wurden die Großen des Landes

dadurch mißgestimmt, daß der Regent nunmehr nur aus der

Reihe der Priester genommen ward; die Priester hinwieder wurden

darum unbotmäßig, weil seit einigen Jahrzehnten infolge

der Aufstände der Taiping und

691

Tibetische Sprache und Litteratur - Tic.

Dunganen (s. d.) die herkömmlichen Gaben des chinesischen

Schatzes an die tibetischen Klöster ausblieben. Die Chinesen

vermögen ihre Herrschaft in T. nur mit Schwierigkeiten zu

behaupten. Zwischen Ende des 13. Jahrh. und 1870 erreichten

Europäer 14mal T., darunter 7mal Lhassa; von Indien aus ist

der Eintritt Europäern nicht gestattet, eine 1876 geplante

englische Gesandtschaft mußte unterbleiben. Im Streit um

Sikkim (1887/88) nahm T. gegen Britisch-Indien Partei, wurde aber

von Peking aus zur Nachgiebigkeit gezwungen. Große Verdienste

um die Erforschung von T. hat der Russe Prschewalskij (s. d.) ;

kein andrer europäischer Reisender hat in T. so große

Strecken durchmessen wie dieser Forscher. Vgl. Klaproth,

Description du Thibet (Par. 1831); E. Schlagintweit, Die

Könige von T. (Münch. 1866); Desgodins, Le Thibet (2.

Aufl., Par. 1885); Ganzenmüller, Tibet (Stuttg. 1878);

Kreitner, Im fernen Osten (Wien 1881); Prschewalskij, Reisen in T.

(deutsch, Jena 1884); Feer, Le T. (Par. 1886).

Tibetische Sprache und Litteratur. Die tibetische Sprache ist

eine der einsilbigen Sprachen Ostasiens und bietet die seltene

Erscheinung dar, daß sie sich, obschon bereits vor mehr als

1200 Jahren zur Schrift- und Litteratursprache erhoben, infolge

einer fast abgöttischen Verehrung des geschriebenen Wortes bis

heute unverändert erhalten hat, während Stil und

Redeformen Umgestaltungen erfuhren. Daher zeigen sich bei

Vergleichung von Schrift und Laut Abweichungen in ähnlichem

Maß wie im Französischen. Alphabet und Schrift (von

links nach rechts) sind dem Altindischen nachgebildet; doch wird

eine Druckschrift, eine Kursiv und eine Schnellschrift

unterschieden. Man schneidet die Buchstaben sehr schön in

Holzblöcke und druckt damit; bewegliche Lettern kennt man

nicht. Der Schrift sind zusammengesetzte Konsonanten eigen, wie im

Sanskrit. Das Tibetische hat 30 Konsonanten; Diphthonge fehlen.

Beim Schreiben trennt man jede Silbe durch einen Punkt. Die Flexion

wird meist durch Anfügung von Stammbildungsendungen (Affixen

und Suffixen) ersetzt. Es gibt zwei Modi: Infinitiv und Imperativ,

und drei Tempora: Präsens, Perfektum und Futurum. Das Verbum

ist durchweg unpersönlich, Aktivum und Passivum werden nicht

unterschieden; das handelnde Subjekt eines transitiven Zeitworts

steht im Instrumental ("durch mich ist gethan"). Die Syntax kennt

nur wenige feste Regeln, worunter obenan steht, daß der

einfache Satz mit dem Zeitwort schließt. Grammatiken des

Tibetischen verfaßten der Missionär Schröter (mit

Wörterbuch, Serampur 1826), der Ungar Csoma (ebenfalls mit

Wörterbuch, Kalk. 1834), J. F. Schmidt (Petersb. 1839-41),

Foucaux (Par. 1858) und besonders Jäschke ("Tibetan grammar",

2. Aufl., Lond. 1883), der auch ein "Tihetan-English dictionary"

(das. 1882) und ein großes "Handwörterbuch der

Tibetsprache" (Gnadau 1871-75) herausgab. Die tibetische Litteratur

besteht ihrem geistlichen Teil nach zumeist aus Übertragungen

aus dem Sanskrit, die mit wenigen tibetischen Originalwerken zwei

Hunderte von Bänden starke Sammlungen füllen, den

Kandschur (s. d.) und den neuern Tandschur. Die Profanlitteratur an

Erzählungen, Gedichten, Geschichtswerken ist nicht

unbedeutend, aber noch wenig bekannt. An der Herausgabe und

Übersetzung tibetischer Texte beteiligten sich der Ungar

Csoma, die Deutschen J. F. Schmidt, A. Schiefner, H. A.

Jäschke, E. Schlagintweit, die Franzosen Foucaux und Feer.

Vgl. Hodgson, Essays on the languages, literature and religion of

Nepal and Tibet (Lond. 1874).

Tibia (lat.), Schienbein; bei den Römern auch ein

Blasinstrument mit Tonlöchern (Pfeife, Flöte).

Tibialis (lat.), das Schienbein betreffend, z. B. arteria

t., Schienbeinschlagader, vena t., Schienbeinblutader, etc.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 200 / 302 段