Hügellandschaft zwischen dem Thüringer Wald und dem Harz,
der Saale und der Werra, die vom Harz durch die Goldene Aue (das
Thal der Helme) geschieden wird, bildet im allgemeinen eine
allmählich gegen S. ansteigende Landschaft mit zahlreichen
Bergzügen und Platten unter besondern Namen. Dahin
gehören: das Plateau des Eichsfeldes (Goburg, am Westrand, 568
m) mit dem Ohmgebirge (522 m) und dem Dün (517 m), das
zwischen Wipper und Helbe sich als Hainleite (Wetternburg 465,
Possen 461 m) zur Unstrut zieht; das Kyffhäusergebirge (470 m)
am südlichen Rande der Goldenen Aue; die Schmücke,
Schrecke und Finne zwischen der Unstrut bei Sachsenburg und der
Saale bei Kösen; der Göttinger Wald (440 m) östlich
von der Leine und von Göttingen; der Hainich (473 m),
Verbindungsglied zwischen dem Eichsfelder Plateau und den Bergen
bei Eisenach; der Ettersberg (481 m) nördlich von Weimar und
der Steigerwald bei Erfurt. In unmittelbarer Nähe des
Thüringer Waldes bereits befinden sich Höhen zwischen der
Saale und Gera (Singerberg bei Stadtilm 582 m, Reinsberg bei Plaue
614 m), die Drei Gleichen bei Wandersleben und die Hörselberge
(485 m) bei Eisenach. Auch die ostwärts von der Saale sich
erstreckenden Berglandschaften gehören teilweise noch hierher,
so: der Kulm (482 m) bei Saalfeld, die Leuchtenburg (436 m), die
Kunitzburg (353 m) und die Rudelsburg, alle drei unmittelbar an der
Ostseite des Saalethals. Was den Bau der Terrasse betrifft, so
besteht dieselbe, abgesehen von den Alluvionen in den
Flußthälern, vorzugsweise aus Keuper, Muschelkalk und
Buntsandstein. Älteres Gestein, Zechstein und Rotliegendes,
Granit, Gneis und Hornblendefels bedeckend, findet sich im
Kyffhäusergebirge.
Thürklopfer, ursprünglich eiserne Hämmer,
dann Ringe aus Eisen oder Bronze, welche an den Hausthüren so
angebracht waren, daß man sie bewegen und mit ihnen gegen
einen eisernen Knopf schlagen konnte. Seit der gotischen Zeit
wurden die T. phantastisch gestaltet und künstlerisch verziert
(s. Tafel "Schmiedekunst", Fig. 3 u. 25), in der Renaissance zu
Kunstwerken mit figürlichem Zierat ausgebildet (s. Abbild.).
Bisweilen waren sie auch mit Fackelhaltern verbunden (s. Tafel
"Schmiedekunst", Fig. 19). Jetzt nur noch in England
gebräuchlich.
Thurles (spr. thörls), Stadt in der irischen
Grafschaft Tipperary, am Suir, sehr alt, Sitz des Erzbischofs von
Cashel und Emly, hat ein kath. Seminar, 2 Nonnenklöster, die
Ruinen eines Schlosses derTempelherren und (1881) 4850 Einw. 6 km
davon die Ruinen der 1182 gestifteten Holy Croß Abbey.
[Thürklopfer (Neptun am Palast Trevisan in
Venedig).]
685
Thurm - Thymele.
Thurm, s. Turm.
Thurmayr, Johannes, s. Aventinus.
Thurn, Heinrich Matthias, Graf von, einer der
Hauptführer des böhmischen Aufstandes unter Ferdinand
II., geb. 1580 von protestantischen Eltern, erhielt vom Kaiser
Rudolf II. wegen seiner Dienstleistungen in einem Feldzug gegen die
Türken die Stelle eines Burggrafen von Karlstein in
Böhmen. Er war einer der Haupturheber des Majestätsbriefs
und wurde von den Ständen zu einem der 30 Defensoren des
Glaubens ernannt. Er gab 23. Mai 1618 das Zeichen zum Aufstand der
protestantischen Bevölkerung in Böhmen und ward dann zum
Anführer des ständischen Heers ernannt, mit dem er im
Juni 1619 bis Wien vordrang. Nach der Schlacht am Weißen
Berg, in welcher er mitkämpfte, floh er nach Siebenbürgen
zu Bethlen Gabor. 1626 befehligte er ein kleines Korps in
Schlesien, begab sich dann zu dem König Gustav Adolf von
Schweden und focht bei Leipzig 1631 und bei Lützen 1632 mit.
Nach dem Tode des Königs ging er mit einem schwedischen Korps
nach Schlesien, knüpfte dort mit Wallenstein nutzlose
Unterhandlungen an und ward im Oktober 1633 mit seinen 2500
Schweden bei Steinau a. O. eingeschlossen und zur Kapitulation
gezwungen, aber bald wieder freigegeben. 1636 veröffentlichte
er in Stockholm eine "Defension-Schrifft". Er starb 28. Jan. 1640.
Vgl. Hallwich, Heinrich Matthias Graf T. (Leipz. 1883).
Thurn und Taxis, altes, weitverzweigtes Adelsgeschlecht,
stammt angeblich von den mailändischen della Torre, die
1237-77 und 1302-11 Mailand beherrschten. Von den Visconti
vertrieben, ließ sich nach der Überlieferung Lamoral I.
1313 im Gebiet von Bergamo nieder und nahm von dem Berg Tasso
(Dachsberg) den Namen del Tasso, später de Tassis (Taxis), an.
Thurn entstand durch die Übersetzung des italienischen Torre.
Franz von T. ward von Kaiser Maximilian 1512 der
rittermäßige Reichsadel bestätigt; er errichtete
1516 die erste wirkliche Post zwischen Wien und Brüssel. 1595
wurde Leonhard von Taxis Generalpostmeister des Reichs, und 1615
erwarb Lamoral von Taxis neben der Erblichkeit dieses Amtes die
gräfliche Würde für sein Haus. Eugen Alexander von
Taxis wurde 1686 von Leopold I. in den Reichsfürstenstand
erhoben, und der fürstliche Rang war seit 1695 in seinem
Geschlecht erblich. Die 1785 von Karl Anselm von Taxis erkauften
reichsunmittelbaren Herrschaften Friedberg, Scheer,
Dürmentingen und Bussen wurden 1786 zu einer gefürsteten
Reichsgrafschaft erhoben und verschafften ihrem neuen Herrn Sitz
und Stimme auf der Fürstenbank des schwäbischen Kreises.
Als Entschädigung für den Verlust der Posten in den
österreichischen Niederlanden und auf dem linken Rheinufer
erhielt das Thurn und Taxissche Haus im
Reichsdeputationshauptrezeß von 1803 das gefürstete
Damenstift Buchau nebst Stadt, die Abteien Marchthal und Neresheim,
das Amt Ostrach, die Herrschaften Schemmerberg und die Weiler
Tiefenthal, Frankenhofen und Stetten als Fürstentum; von
Preußen 1819 als Entschädigung für die hier
verlornen Posten drei in der Provinz Posen gelegene
Domänenämter, die zu einem Fürstentum Krotoschin
erhoben wurden. Außerdem besitzt das Haus zahlreiche
Herrschaften in Österreich, Bayern, Württemberg u.
Belgien. Seine gesamten Besitzungen umfassen etwa 1900 qkm
(34½ QM.) mit ca. 100,000 Einw. und 1,1 Mill. Mk.
Einkünften. Über die Thurn und Taxisschen Posten, welche
1867 Preußen übernahm, s. Post, S. 274.
Gegenwärtiger Standesherr ist Fürst Albert, geb. 8. Mai
1867, Sohn des Erbprinzen Maximilian und der Prinzessin Helene,
Herzogin in Bayern. Derselbe wohnt in Regensburg, ist erblicher
Reichsrat in Österreich u. Bayern und erbliches Mitglied des
preußischen Herrenhauses sowie der Ersten Kammer in
Württemberg. Eine Sekundogenitur des Hauses T. bildet die zu
Prag residierende fürstliche Seitenlinie, welche durch die
Nachkommen des Prinzen Maximilian Joseph (geb. 29. Mai 1769, gest.
15. Mai 1831) gebildet wird. An ihrer Spitze steht jetzt Fürst
Hugo, geb. 3. Juli 1817. Einer seiner Brüder, Prinz Emmerich,
geb. 12. April 1820, ist k. k. Geheimrat, Kämmerer und General
der Kavallerie in Österreich. Beider Oheim, Prinz Karl
Theodor, geb. 17. Juli 1797, wurde 1850 bayrischer General der
Kavallerie und im Feldzug von 1866 Befehlshaber des
Kavalleriereservekorps, ward bald nach wiederhergestelltem Frieden
zur Disposition gestellt und starb 21. Juni 1868 in
München.
Thurnau, Flecken im bayr. Regierungsbezirk Oberfranken,
Bezirksamt Kulmbach, am Rande des Jura, 350 m ü. M., Hauptort
eines 220 qkm (4 QM.) großen Mediatgerichts des Grafen von
Giech, hat eine evang. Kirche, ein Schloß mit Park, ein
Amtsgericht, Schleifsteinbrüche und (1885) 1269 Einw.
Thursday (spr. thörrsde), zur britisch-austral.
Kolonie Queensland gehörige Insel, in der Torresstraße
gelegen, nördlich vom Kap York, mit der seit einigen Jahren
hierher von Somerset verlegten Niederlassung der Regierung. T. ist
eine Zentralstation für die in diesen Gewässern
schwunghaft betriebene Perl- und Trepangfischerei (Ertrag 1886:
70,602, resp. 6800 Pfd. Sterl.) und Station für die von
Singapur nach Brisbane laufenden Postdampfer.
Thursen, Riesen, s. Joten.
Thúrso, Seestadt in der schott. Grafschaft
Caithneß, an der Mündung des Flusses T. in eine
geräumig Bai, hat ein altes Schloß, einen Hafen für
Schiffe von 3,6 m Tiefgang, Seilerei, Ausfuhr von Vieh und
Pflastersteinen und (1881) 4026 Einw.
Thürsteuer, f. Gebäudesteuer.
Thusis (roman. Tuseun), Marktflecken im schweizer. Kanton
Graubünden, Hauptort des Bezirks Heinzenberg, an der
Mündung der Nolla in den Hinterrhein (oberhalb beginnt die Via
mala), 746 m ü. M., mit Korn- und Viehhandel und (1880) 1126
Einw. T. ist wichtig als Kreuzungspunkt der Splügen- und der
Schynstraße. In der Nähe die Burgruine Hohen-Rätien
(Hohen-Realta, 950 m hoch) mit schöner Aussicht. Vgl. Lechner,
T. und die Hinterrheinthäler (Chur 1875); Rumpf, Thusis
(Zürich 1881).
Thusnélda, Tochter des Segestes, Gattin des
Arminius, der sie ihrem Vater entführt hatte, geriet
später wieder in die Gewalt ihres Vaters und wurde von diesem
15 n. Chr. an Germanicus ausgeliefert, der sie nebst ihrem Sohn
Thumelicus, den sie in der Gefangenschaft geboren, im J. 17 zu Rom
im Triumph aufführte.
Thyatira, antike Stadt, s. Akhissar 2).
Thyéstes, Bruder des Atreus (s. d.).
Thyiaden, s. v. w. Bacchantinnen, s. Dionysos, S.
997.
Thylacinus, Beutelwolf.
Thylacotherium, s. Beuteltiere, S. 848.
Thyllen (griech., Füllzellen), Zellen, welche
ältere oder verletzte Gefäße, z. B. im Holz der
Eiche, Robinien u. a., nachträglich ausfüllen.
Thymallus, Äsche.
Thymele, auf der altgriech. Bühne eine
altarförmige viereckige, sich auf Stufen erhebende
Erhöhung in der Mitte der Orchestra, auf welcher der
Chorführer
686
Thymeleen - Tiara.
stand und die Bewegung des Reigens beherrschte (s. Tafel
"Baukunst IV", Fig. 11, u. Theater, S. 623).
Thymeleen (Daphnoideen), dikotyle, etwa 300 Arten
umfassende, der gemäßigten und warmen Zone
ungehörige Pflanzenfamilie aus der Ordnung der
Thymeläinen, welche sich von den nächstverwandten
Eläagnaceen hauptsächlich durch die nahe dem Gipfel des
ein-, selten mehrfächerigen Ovariums entspringenden,
hängenden Samenknospen unterscheidet. Vgl. Meißners
Monographie in De Candolles "Prodromus", Bd. 14. Eine Anzahl von
Arten aus den Gattungen Daphne L. und Pimelea Banks kommen fossil
in Tertiärschichten vor.
Thymelinae, Ordnung im natürlichen Pflanzensystem
unter den Dikotyledonen, charakterisiert durch nebenblattlose
Blätter, viergliederige Blüten, ein
röhrenförmiges, blumenkronartig gefärbtes Perigon,
die fehlende Korolle, perigynische Staubgefäße, einen
oberständigen, einfächerigen und meist einsamigen
Fruchtknoten, umfaßt die Familien der Thymeleen,
Eläagneen, Proteaceen.
Thymian, Pflanzengattung, s. Thymus.
Thymianöl, ätherisches Öl, welches aus dem
blühenden Kraute des Thymians durch Destillation mit Wasser
gewonnen wird. Es ist farblos oder gelblich, vom Geruch und
Geschmack des Thymians, spez. Gew. 0,87-0,90, löst sich schwer
in Wasser, in gleichen Teilen Alkohol, leicht in Äther,
enthält Thymen C10H16, Cymol C10H14 und Thymol C10H14O. Es
wird in der Parfümerie häufig angewandt.
Thymol (Thymiankampfer) C10H14O findet sich im
ätherischen Thymianöl und in einigen andern
ätherischen Ölen und wird daraus gewonnen, indem man die
Öle mit Natronlauge schüttelt und die von dem Öl
getrennte wässerige Flüssigkeit mit Salzsäure
Übersättigt. Es bildet farblose Kristalle, riecht
thymianähnlich, schmeckt brennend gewürzhaft, ist leicht
löslich in Alkohol und Äther, schwer in Wasser, schmilzt
bei 44°, siedet bei 230° und wird aus seiner Lösung in
wässerigen Alkalien durch Kohlensäure abgeschieden. Das
T. wurde als Ersatz der Karbolsäure (Phenol) beim Wundverband,
als Arzneimittel, zu Mundwässern und zum Konservieren des
Fleisches etc. empfohlen. Es wirkt antiseptisch, aber nicht in der
Weise schädlich auf den Organismus wie Karbolsäure,
hinter welcher es freilich auch in seinen antiseptischen
Eigenschaften bedeutend zurücksteht. In der Wundbehandlung hat
es daher nur vorübergehend eine Rolle gespielt. Vgl. Ranke,
Über das T. (Leipz. 1878).
Thymus Tourn. (Thymian, Quendel), Gattung aus der Familie
der Labiaten, Halbsträucher oder kleine Sträucher mit
kleinen, ganzrandigen, gegenständigen Blättern, meist
wenigblütigen Scheinquirlen, die bald entfernt voneinander,
bald zu dichten oder lockern Ähren oder Köpfchen
zusammengedrängt sind, und meist rötlichen Blüten.
40 (80) Arten, besonders in den Mittelmeerländern. T.
Serpyllum L. (Feldthymian, Feld-, Hühnerpolei, Quendel), in
ganz Europa, im mittlern und südwestlichen Asien, in Afrika
und Nordamerika, kleiner Halbftrauch mit niederliegendem,
verästeltem Stengel, linealischen oder elliptischen, meist
drüsig punktierten und am Grund borstig gewimperten
Blättern und blaß purpurroten Blüten, variiert
stark in Behaarung und Blattform, riecht, besonders gerieben,
angenehm gewürzig und liefert ein ätherisches Öl
(bis 0,4 Proz.). Das Kraut ist offizinell. T. vulgaris L.
(Gartenthymian, römischer Quendel), ein niedriger Halbstrauch
in Südeuropa, in Deutschland und noch in Norwegen häufig
in den Gärten zum Küchengebrauch und der Bienen wegen
kultiviert, hat einen aufsteigenden, ästigen Stengel,
linealisch-lanzettliche bis länglich-eiförmige,
drüsig punktierte, sehr kurz behaarte oder kahle, am Rand
umgerollte Blätter und weißliche oder rötliche
Blüten in ährig bis kopfig zusammengerückten
Scheinquirlen. Das Kraut enthält ätherisches Öl (bis
0,6 Proz.) und ist offizinell.
Thymusdrüse (Milchfleisch, Brustdrüse, Briesel,
Glandula Thymus), bei den Wirbeltieren ein drüsiges Gebilde im
obern Teil der Brusthöhle und des Halses. Sie ist sehr
langgestreckt bei den Krokodilen und Vögeln, wo sie vom
Herzbeutel bis zum Unterkiefer reicht, kürzer bei den
Säugetieren. Fast immer ist sie in der Jugend stärker
entwickelt und erleidet im Alter Rückbildungen. Bei den
Fischen steht sie noch in naher Beziehung zu den Kiemen und scheint
auch aus ihnen hervorgegangen zu sein. Ihrem Bau nach ist sie eine
Lymphdrüse (s. d.) ohne Ausführungsgang. Beim Menschen
liegt sie hinter dem Handgriff des Brustbeins, wiegt 4-34 g, ist
graurötlich, platt, meist dreieckig und besteht aus zwei
seitlichen Lappen, welche durch einen schmälern mittlern Teil
untereinander verbunden sind. Ungefähr im zweiten Jahr nach
der Geburt hört sie auf, sich zu vergrößern. Von da
an bleibt sie, meist bis etwa zum 15. Jahr, stationär und
erleidet dann allmählich eine Umwandlung in Fettgewebe.
Thynnus, Thunfisch.
Thyone, Beiname der Semele (s. d.), daher auch Dionysos
hin u. wieder als Thyoneus verehrt wurde.
Thyreotomie (griech.), operative Spaltung des
Schildknorpels zur Entfernung unzugänglicher Neubildungen aus
dem Kehlkopf.
Thyrsos (griech.), der mit Epheu u. Weinranken umwundene,
oben mit einem Fichtenzapfen versehene Stab des Dionysos u. seiner
Begleiter (s. Abbild.); in der Botanik (Thyrsus) s. v. w. sehr
zusammengedrängte Rispe.
Thysanuren (Thysanura), Gruppe der Insekten, welche
früher zu den Geradflüglern gestellt wurde, jetzt aber
als selbständige Ordnung aufgefaßt wird; flügellose
Tiere mit behaarter oder beschuppter Körperbedeckung,
rudimentären kauenden Mundteilen und borstenförmigen
Fäden, bez. Springapparat am Ende des zehngliederigen
Hinterleibs. Die T. scheinen den ursprünglichen Charakter der
ältesten Insektenformen am meisten bewahrt zu haben u.
erinnern besonders in den langgestreckten Kampodiden an gewisse
Myriopoden, zumal sie auch am Hinterleib Fußstummel tragen
können. Die T. leben an feuchten, moderigen Orten und
ernähren sich von verwesenden organischen Substanzen. Man
teilt sie in drei Familien: Campodidae. Springschwänze
(Poduridae) und Borstenschwänze (Lepismidae), zu welchen der
Zuckergast (Lepisma saccharina) gehört. Vgl. Lubbock,
Monograph of the Collembola and Thysanura (Lond. 1873).
Ti, in der Chemie Zeichen für Titan.
Tiahuanaco, Dorf in der südamerikan. Republik
Bolivia, in der Nähe des Titicacasees, bekannt durch seine
Altertümer, die von den Vorfahren der Aymara herstammen
sollen.
Tiara (griech.), nach Herodot die bei feierlichen
Gelegenheiten getragene Kopfbedeckung der Orientalen, namentlich
der Perser, von aufrecht stehender Form mit darum geschlungenem
Diadem; dann die hohe päpstliche Kopfbedeckung, anfangs
weiß ohne Kronenrand, dann gestreift mit goldenem
Stirnreif.
[Thyrsos.]
687
Tibaldi - Tiber.
Bonifacius VIII. (gest. 1303) gab dem letztern die Gestalt einer
Krone (regnum) und setzte darüber noch einen zweiten goldenen
Kronenreif; Urban V. (gest. 1370) fügte dazu einen dritten
Kronenreif und machte sie so zur dreifachen Krone (triregnum), an
den Seiten mit zwei herabhängenden Bändern u. oben darauf
mit dem Reichsapfel, dem Symbol der vom Kreuz beherrschten Welt.
Seit Papst Paul II. (gest. 1471) besteht sie aus purpurnen, blauen
und grünen Streifen mit dreifachem Reif darum (s.
Abbild.).
Tibaldi, Pellegrino, ital. Maler und Architekt, geb. 1532
zu Bologna, begab sich 1547 nach Rom, wo er besonders die Werke
Michelangelos studierte, ging sodann zur Architektur über,
bethätigte sich aber auch wieder als Maler, als ihn der
Kardinal Gio. Poggi beauftragte, in seinem Palast zu Bologna die
Geschichte des Odysseus zu malen. Durch seine Ausschmückung
der Kapelle des heil. Jakob des Augustiners erwarb er sich den
Namen eines "Michelangelo riformato". Im Börsensaal zu Ancona
malte er den die Ungeheuer zähmenden Herakles, inzwischen aber
auch zarte und anmutige Bilder in Öl, meist figurenreich,
lebhaft koloriert und mit Architektur verziert. 1562 wurde T. vom
Kardinal Carlo Borromeo nach Pavia berufen, um den Plan zum Palast
della Sapienza zu entwerfen. In Mailand restaurierte er den
erzbischöflichen Palast, und nach Vollendung des Baues der
Kirche des heil. Fidelis daselbst wurde er 1570 erster Architekt
des Doms und modernisierte als solcher besonders das Innere
desselben. 1586 ward er von Philipp II. nach Madrid berufen, um den
Plan zum Escorial zu entwerfen, in welchem er auch das Deckenbild
der Bibliothek malte. Zum Marchese von Valsolda ernannt, kehrte der
Künstler nach neun Jahren nach Mailand zurück und starb
daselbst 1598. Vgl. Zanotti, Le pitture di Pellegrino T. (Vened.
1756). Sein Sohn Domenico, geb. 1532 zu Bologna, gest. 1583, erwarb
sich ebenfalls als Architekt und Maler einen Namen.
Tibbu (Tebu), das Volk der östlichen Sahara, hat
seine westliche Grenze, gegen die Tuareg hin, ungefähr an der
großen von Tripolis über Mursuk und Bilma nach Kuka
verlaufenden Karawanenstraße, wird im N. von Tripolitanien,
im S. von Kanem und Wadai, im O. von der Libyschen Wüste
begrenzt und zerfällt in zwei sprachlich getrennte Gruppen:
die Teda oder Tubu in Tibesti und Kauar und die Dasa oder Koran in
Borku, Kanem und dem Gebiet des Gazellenflusses in Wadai.
Während Rohlfs u. a. die T. zu den Negern stellten, weist
ihnen Nachtigal ihre ethnographische Stellung bei den Berbern zu;
doch ist eine Mischung mit Negern nicht ausgeschlossen. Die Sprache
der Teda ist nach den Untersuchungen von Barth, der die T. für
Nachkommen der alten Garamanten (s. d.) hält, und Fr.
Müller entschieden verwandt mit dem benachbarten Kanuri von
Bornu. Hautfarbe und Gesichtsbildung der T. schwanken zwischen hell
und "kaukasisch" und negerartig mit krausem Haar und gelber
Bindehaut der Augen; vorwiegend sind weißlichgelbe bis
rotbräunliche Individuen. Der Bartwuchs ist spärlich.
Alle T. sind jetzt zum Islam bekehrt, dem sie fanatisch
anhängen, wiewohl sie dessen Wesen kaum begriffen haben.
Gesellschaftlich sind die T. in drei Klassen geschieden: die Maina
(Edlen), aus welchen die Sultane hervorgehen, das übrige Volk
und die Schmiede, welche eine Pariastellung einnehmen. Die
Industrie ist sehr gering; die Frauen flechten Matten aus
Palmfasern, die Männer gerben Schläuche und verfertigen
Sättel. Die Behausungen, durch Reinlichkeit ausgezeichnet,
bestehen aus Höhlen in den Felsen, aus kreisrunden, von
Sandsteinen geschichteten Häusern und aus Stabhütten, die
mit Matten gedeckt sind. Die Kleidung ist das einfache
Baumwollgewand (Tobe) des Sudân; Knaben gehen bis zum zehnten
Jahr nackt. Waffen sind Schwert, Spieß, Bogen und das zackige
Wurfmesser (Schandermagor), wie es bei den Niam-Niam im Gebrauch
ist. Da geschriebene Gesetze fehlen, beruht die gesellschaftliche
Ordnung auf dem Herkommen, wozu seit Einführung des Islam der
Koran kommt. Die Sultane (Derde) werden auf Lebenszeit aus der
Klasse der Maina gewählt; ihre Einkünfte bestehen in
einem Teil der Raubzugsbeute; ihre Machtvollkommenheit ist eine
beschränkte. Eine Nation oder einen Staat bilden die T. nicht;
auch da, wo, wie in Kauar und Tibesti, mehrere Ortschaften unter
einem gemeinsamen Herrscher stehen, ist doch der Verband ein
lockerer. Vgl. Behm, Land und Volk der Tebu (im Ergänzungsheft
Nr. 8 zu "Petermanns Mitteilungen", 1862); Nachtigal, Die T. (in
der "Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin",
Berl. 1870); Derselbe, Sahara und Sudân, Bd. 1 (das. 1879);
Rohlss, Quer durch Afrika, Bd. 1 (Leipz. 1874).
Tiber (ital. Tevere, franz. Tibre, bei den Römern
Tiberis, in noch früherm Altertum Albula), der Hauptfluß
des mittlern Italien, an dessen Ufern die Stadt Rom liegt,
entspringt in der Provinz Arezzo, 18 km nördlich von Pieve
Santo Stefano, am Hochkamm des toscanischen Apennin, fließt
anfangs gegen S. und SW. durch die Provinz Perugia, wendet sich
dann bei der Einmündung der Paglia scharf gegen SO. und
läuft nun eine Strecke weit parallel mit der Küste des
Tyrrhenischen Meers, bis er sich wieder gegen SW. dem Meer
zuwendet, die Provinz Rom betritt und 38 km unterhalb Rom in zwei
Armen (wovon der nördliche, der von Fiumicino, ein
künstlich abgeleiteter Kanal ist) in das Tyrrhenische Meer
einmündet. Das Thal des T. ist bald schluchtenartig eng und
wild, bald weitet es sich zu einem lieblichen Gebirgskessel aus,
überall aber ist es reich an Naturschönheiten. Auch die
Thäler der Nebenflüsse haben einen wilden Charakter. Nur
die untern, erweiterten Thalgründe von Rieti u. Foligno,
trocken gelegte Seebecken, machen eine Ausnahme. Bei Nazzano
gelangt der Fluß in die wellenförmige Campagna di Roma.
Die beiden Mündungsarme, von welchen nur der nördliche
(Fiumicino) schiffbar, der südliche (Fiumara) aber versandet
ist, umschließen die Isola sacra ("heilige Insel"), ein mit
Wald und Sumpf bedecktes Delta. Von den mehr als 40
Nebenflüssen verdienen nur die Paglia mit der Chiana rechts,
der Chiascio mit Topino und Clitunno, die Nera mit dem Velino und
der Teverone links Erwähnung. Die direkte Entfernung von der
Quelle bis zur Mündung beträgt 233, der Stromlauf 418 km.
Beim Eintritt in die Stadt Rom, welche er auf eine Länge von
4450 m durchfließt, ist der Fluß 75, weiterhin nur 52,
unterhalb der Tiberinsel 103 m breit, bei einer Tiefe von 5-13 m.
Berüchtigt sind die vielen Überschwemmungen in Rom und
der Cam-
[Tiara.]
688
Tiberias - Tiberius Claudius Nero.
pagna, welche durch rasches Schneeschmelzen und langes
Regenwetter bei weitgehender Entwaldung des Flußgebiets
verursacht werden. Den Lauf des Flusses zu regeln und diese
Überschwemmungen zu verhüten, ist eine der schwierigsten
noch ungelösten Aufgaben der italienischen Wasserbaumeister.
Der T. ist von der Mündung der Nera an schiffbar, von Rom aus
auch für kleine Dampfer und Segelschiffe bis zu 180 Ton. Sein
Wasserstand ist auch im Sommer höher, als man erwarten sollte,
und es ist anzunehmen, daß er durch unterirdische
Zuflüsse aus dem Kalkgebirge genährt wird. Er ist
beständig trübe und von den Thonmassen gelblichweiß
gefärbt, welche er von den umbrischen Bergen und Ebenen
mitführt, um sie an seiner Mündung abzulagern. Er schiebt
deshalb sein Delta sehr rasch ins Tyrrhenische Meer vor und hat
alle Hafenanlagen ausgefüllt und unbrauchbar gemacht; die
älteste, Ostia, liegt jetzt 6½ km vom Meer. Vgl. Smith,
The T. and its tributaries (Lond. 1877); Nissen, Italische
Landeskunde, Bd. 1 (Berl. 1883).