Grafschaft, welche ursprünglich außer dem Kanton T. auch
die heutigen Kantone Zürich, Uri, Schwyz, Zug, Appenzell sowie
Stücke von St. Gallen, Aargau und Luzern umfaßte, aber
durch die Lostrennung des westlichen Teils als eines besondern
Zürichgaues, durch die Immunitätsprivilegien des Klosters
St. Gallen etc. zusammenschmolz. Nach dem Aussterben der Grafen von
Kyburg, welche die Landgrafschaft T. besessen, kam dieselbe an
Rudolf von Habsburg (1264). 1415 wurde infolge der Ächtung
Herzog Friedrichs die hohe Gerichtsbarkeit über den T. an
Konstanz verliehen, 1460 entrissen die Eidgenossen das Land
Österreich gänzlich und machten daraus eine gemeine
Vogtei der sieben alten Orte (ohne Bern). Unter dem Schutze
Zürichs wandte sich der größte Teil des Landes der
Reformation zu. Der Umsturz der alten Eidgenossenschaft (1798)
befreite den T. aus seiner Unterthanenschaft, und die
Mediationsakte erhob ihn 1803 zum selbständigen Kanton mit
einer Repräsentativverfassung, die 1814 durch Zensus, lange
Amtsdauern, künstliche Wahlart etc. ein aristokratisches
Gepräge erhielt. Nach der Julirevolution machte T. unter der
Führung des Pfarrers Bornhauser den Anfang mit der
Demokratisierung der schweizerischen Kantone durch seine neue, 26.
April 1831 angenommene Verfassung. Seitdem gehörte der T.
beständig zu den liberalen Kantonen, nahm teil an den Badener
Konferenzbeschlüssen, hob 1848 seine Klöster auf bis auf
eins und erklärte sich für Annahme der neuen
Bundesverfassung wie auch für die Revisionen derselben 1872
und 1874. Nachdem schon 1837 und 1849 das Grundgesetz revidiert
worden war, begann 1868 eine neue Revisionsbewegung, welche
Einführung des Referendums und der Initiative, der direkten
Volkswahl der Regierung etc. anstrebte und in der Verfassung vom
28. Febr. 1869 ihren Abschluß fand. Vgl. Puppikofer,
Geschichte des Thurgaus (2. Aufl., Frauenfeld 1884); Häberlin,
Geschichte des Kantons T., 1798-1869 (das. 1872-76, 2 Bde.);
"Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte"
(das. 1861 ff.).
Thurii, Stadt, s. Sybaris.
Thüringen, das Land zwischen Werra und Saale, dem
Südfuß des Harzes und dem des Thüringer Waldes,
umfaßt den Hauptteil des Großherzogtums Sachsen-Weimar,
das Herzogtum Sachsen-Gotha, die Ober-Herrschaft der
Fürstentümer Schwarzburg-Rudolstadt und
Schwarzburg-Sondershausen, einen Teil der Herzogtümer
Sachsen-Meiningen und Sachsen-Altenburg, den preußischen
Regierungsbezirk Erfurt fast ganz und vom Regierungsbezirk
Merseburg den westlichen Teil. Unter den Namen thüringische
Staaten versteht man alle Länder zwischen den
preußischen Provinzen Sachsen und Hessen-Nassau, Bayern und
dem Königreich Sachsen, nämlich: das Großherzogtum
Sachsen-Weimar, die Herzogtümer Sachsen-Meiningen,
Sachsen-Koburg-Gotha und Sachsen-Altenburg sowie die
Fürstentümer Schwarzburg und Reuß, mit einem
Gesamtflächeninhalt von 12,288 qkm (223,17 QM.) und (1885)
1,213,063 Einw. (darunter ca. 1,147,800 Evangelische, 17,000
Katholiken und 3800 Juden). S. Karte "Sächsische
Herzogtümer".
[Geschichte.] Zu Anfang des 5. Jahrh. n. Chr. tritt in dem
heutigen T. ein deutscher Volksstamm unter dem Namen Thüringer
(Düringe) in der Geschichte auf. Sie sind Abkömmlinge der
Hermunduren, mit deren Namen der ihrige nahe verwandt ist. Zu
Grenznachbarn und steten Gegnern hatten sie im Norden die Sachsen,
im Westen die Franken und im Süden die Alemannen. Sie werden
dann unter den deutschen Völkerschaften genannt, welche den
Hunnenkönig Attila 451 auf seinem Zug nach Gallien
begleiteten. Zu Anfang des 6. Jahrh. hat sich ein großes
thüringisches Reich gebildet, dessen Grenzen im Norden bis zur
Niederelbe, im Süden bis zur Donau reichten. Hermanfried,
durch seine Gattin Amalaberga der Eidam des großen
Theoderich, erwarb damals die Alleinherrschaft, nachdem er seine
Brüder Berthar und Baderich aus dem Wege geräumt hatte.
Als König Theoderich I. von Austrasien, der ihm dabei
geholfen, den versprochenen Lohn nicht erhielt, begann er in
Gemeinschaft mit seinem Bruder Chlotar I. 530 gegen Hermanfried den
Krieg. Bei Burgscheidungen wurden die Thüringer geschlagen,
und ihr König, der sich, um Frieden zu schließen, nach
Austrasien begab, fand auf der Mauer von Zülpich durch
Hinterlist seinen Tod. Das nordöstliche T. zwischen der
Unstrut und Elbe ward hierauf den Sachsen überlassen, der
südwestliche Teil fiel an Austrasien. Fortan bezieht sich der
Name T. vornehmlich auf das Gebiet zwischen Harz und Thüringer
Wald, Werra und Saale. Der südliche Teil um den Main bis zur
Donau wurde allmählich fränkisches Gebiet und verlor den
alten Namen. Dagobert I. von Austrasien gab 630 den Thüringern
einen Herzog in der Person Radolfs. Derselbe focht tapfer gegen die
Slawen, lehnte sich dann gegen den Frankenkönig Siegbert III.
auf und brachte 640 die Unabhängigkeit Thüringens zu
stande. Schon im 7. Jahrh. wurde die Bekehrung der Thüringer
durch britische Missionäre versucht. Die dauernde Bekehrung
gelang aber erst Bonifacius, welcher um 725 die Johanniskirche auf
dem Alten Berg bei Georgenthal, das Kloster Ohrdruf und die
Marienkirche in Erfurt stiftete. Inzwischen war T. wieder zur
Anerkennung der fränkischen Oberhoheit gebracht worden; von
Pippin wurde die herzogliche Würde beseitigt und die
Verwaltung der einzelnen Gaue (wie Helmengau, Altgau, Eichsfeld,
Westgau, Ostgau, Lancwiza und Arnstadt) Grafen überlassen.
Karl d. Gr. gründete um 804 gegen die Sorben die
thüringische Mark an der Saale, deren Inhaber unter Ludwig dem
Deutschen den Titel Markherzöge (duces Sorabici limitis)
führten, wie Thakulf um 849 und Radulf um 875. Diese
Würde wechselte dann mehrfach, so daß es zur Ausbildung
einer einheimischen herzoglichen Gewalt nicht kam; vielmehr dehnte
der sächsische Herzog Otto der Erlauchte 908 nach dem Tode des
Markgrafen Burchard seine Gewalt eigenmächtig auch über
T. aus. Nach dessen Tod (912) behauptete sie sein Sohn, der
nachmalige deutsche König Heinrich I., gegen den König
Konrad I. Von den fünf Marken, in welche Kaiser Otto I. nach
Markgraf Geros Tode dessen große Sorbenmark zerteilte,
verschwanden die nordthüringische und die
südthüringische frühzeitig wieder, weil
überflüssig geworden durch die östlichern Marken.
Ihnen entsprechen die Bistümer Merseburg und Zeitz
(später Naumburg), wogegen das eigentliche T. kirchlich von
Mainz abhängig blieb. Markgraf Ekkehard I. von Meißen
(985-1002) besaß auch über T. eine Art herzoglicher
Gewalt. Noch einmal, unter den Markgrafen Wilhelm und Otto (von
Weimar, 1046-1067), war T. mit Meißen vereinigt; doch erhob
sich um diese Zeit ein neues Geschlecht in T., das die übrigen
Grafen, die sich nach Käfernburg, Schwarzburg, Gleichen,
Gleisberg, Weimar nannten, an Macht bald übertraf. Ludwig der
Bärtige kaufte zwischen 1031
682
Thüringen (Geschichte).
und 1039 von den Grafen von Käfernburg, Gleichen u. a.
Güter am Thüringer Wald, namentlich in der Gegend von
Altenberg und Reinhardsbrunn, erhielt hierzu vom Kaiser noch ein
großes unangebautes Gebiet um den Inselsberg und durch seine
Gemahlin Cäcilie Sangerhausen und Umgegend. Er ist der Ahnherr
der ältern thüringischen Landgrafen. Ihm folgte 1056
Ludwig II., der Salier (fälschlich der Springer, s. Ludwig
53), unter dem T. den Zehntenstreit mit dem Erzbischof Siegfried
von Mainz auszufechten hatte. Trotz der Entscheidung der Erfurter
Kirchenversammlung (1073) weigerten sich die Thüringer, neue
Zehnten zu zahlen, und stellten sich auf die Seite der Gegner
Heinrichs IV., der die Ursache ihrer Bedrückung gewesen war.
In dieser schweren Zeit der Gewaltthaten entstanden überall
auf Thüringens Bergen Burgen; auch Ludwig der Springer baute
1067 die Wartburg bei Eisenach und schlug da 1076 seinen Wohnsitz
auf. 1085 gründete er das Kloster Reinhardsbrunn. Nach seinem
Tod (1123) folgte sein Sohn Ludwig III. Ihm verlieh 1130 König
Lothar die bisher dem Grafen von Winzenburg zustehende Würde
eines Landgrafen von T. Auch erwarb er, als Landgraf Ludwig I.
genannt, durch Heirat bedeutende Besitzungen in Hessen. Sein Sohn
Ludwig II., der Eiserne (s. Ludwig 54), durch seine Gemahlin Jutta
mit dem Kaiser Friedrich Barbarossa verwandt, nahm an dessen
Heerfahrten nach Italien teil und starb 1172. Sein Sohn und
Nachfolger Ludwig III., der Milde (s. Ludwig 55), nahm an der
Bekämpfung Heinrichs des Löwen den thätigsten Anteil
und erhielt nach Heinrichs Sturz (1180) die Pfalzgrafschaft
Sachsen. 1189 machte er Kaiser Friedrichs I. Kreuzzug mit und starb
auf der Heimkehr im Mai 1190 auf Cypern kinderlos. Ihm folgte sein
Bruder Hermann I., dessen Schwanken zwischen den beiden
Gegenkönigen Philipp von Schwaben und Otto IV. sowie zwischen
Otto IV. und Friedrich II. große Kriegsdrangsale über T.
brachte. Die Wartburg ward unter ihm ein Asyl der Minnesänger
und der Schauplatz des sagenhaften Wartburgkriegs (s. d.). Hermann,
welcher 1216 starb, hatte seinen zweiten Sohn, Ludwig IV., den
Heiligen, zum Nachfolger. Dieser (s. Ludwig 56) und seine Gemahlin,
die heil. Elisabeth (s. Elisabeth 14), sind von Sage und Legende
vielfach verherrlicht worden. Bei Ludwigs Tod in Otranto 11. Sept.
1227 zählte sein einziger Sohn, Hermann II., erst vier Jahre,
weshalb sein Oheim Heinrich Raspe die stellvertretende Regierung in
T. erhielt. 1238 mündig geworden, übernahm Hermann II.
die Regierung selbst, starb aber schon 1242 kinderlos. Ihm folgte
der eben genannte Heinrich Raspe (s. Heinrich 49). Er starb als
Gegenkönig Kaiser Friedrichs II. 17. Febr. 1247, als der
letzte männliche Sproß seines Hauses. Schon 30. Juli
1242 hatte der Markgraf Heinrich der Erlauchte von Meißen (s.
Heinrich 39), Sohn von Jutta, der Stiefschwester des letzten
Landgrafen von T., vom Kaiser Friedrich II. die anwartschaftliche
Belehnung mit T. erhalten und schritt nun zur Besitzergreifung. Da
aber zu gleicher Zeit Sophie, die Tochter Ludwigs des Heiligen und
Gemahlin des Herzogs Heinrich I. von Brabant, und Graf Siegfried
von Anhalt, ein Neffe Heinrich Raspes, mit Erbansprüchen
hervortraten, so entstand der sogen. Thüringer Erbfolgekrieg,
welcher zwar durch das Treffen bei Mühlhausen (11. Febr. 1248)
und den Weißenfelser Vergleich vom 1. Juli 1249 zu gunsten
Heinrichs des Erlauchten endigte, allein, da Sophie von Brabant den
Kampf erneuerte, nach einem zweiten entscheidenden Sieg Heinrichs
bei Wettin (29. Okt. 1263) dadurch beigelegt wurde, daß
Sophie Hessen, Heinrich dem Erlauchten aber T. zugesprochen ward.
T. war seit 1256 von Heinrichs ältestem Sohn, Albrecht, und
dessen Oheim, dem Grafen Hermann von Henneberg, verwaltet worden.
1263 aber trat Heinrich der Erlauchte T. und die sächsische
Pfalz an jenen Sohn, Albrecht den Entarteten (s. Albrecht 14), ab.
Diesen verwickelte sein Versuch, die ihm von seiner ersten
Gemahlin, Margarete, gebornen Söhne, Heinrich, Friedrich den
Freidigen und Diezmann, zu gunsten des ihm von Kunigunde von
Eisenberg gebornen Apitz an ihrem Erbteil zu verkürzen, in
Krieg mit erstern; dabei verkaufte er 1294 T. für 12,000 Mark
Silber an den König Adolf von Nassau. Infolge davon ward das
Land von allen Greueln des Kriegs heimgesucht, indem sich
König Adolf 1294 und 1295 mit Heeresmacht in Besitz des
erkauften Landes zu setzen suchte, und diese Greuel wiederholten
sich, als nach Adolfs Sturz dessen Nachfolger Albrecht I. ebenfalls
Ansprüche auf T. erhob. Nachdem aber Friedrich der Freidige
(s. Friedrich 34) seinem Vater die Wartburg entrissen und mit
Diezmann die kaiserlichen Truppen bei Lucka 31. Mai 1307 geschlagen
hatte, gelangte er nach Diezmanns Ermordung zum alleinigen Besitz
von T. und erhielt dann von Kaiser Heinrich VII. auch die
förmliche Belehnung. Zwischen seinem Sohn und Nachfolger
Friedrich II,. dem Ernsthaften (s. Friedrich 35), einer- und den
Grafen von Orlamünde und Schwarzburg sowie andern
thüringischen Grafen anderseits entstand 1342 der sogen.
Thüringer Grafenkrieg. Zwar stiftete Kaiser Ludwig der Bayer
1343 Frieden, doch entbrannte der Kampf bald aufs neue und endete
erst 1345 und zwar zum Vorteil des Landgrafen. Er starb 18. Nov.
1349. Von seinen drei Söhnen vergrößerte Friedrich
III., der Strenge (1349-81, s. Friedrich 36), T. durch Erwerbung
der Pflege Koburg und Balthasar (1349-1406) durch Erwerbung der
Ämter Hildburghausen, Heldburg, Ummerstadt etc. infolge seiner
Vermählung mit Margarete, der Tochter des Burggrafen Albrecht
von Nürnberg. Auch entrissen sie im Verein mit ihrem dritten
Bruder, Wilhelm dem Einäugigen, 1369 den von ihnen besiegten
Vögten von Plauen Ziegenrück, Auma und Triptis und
kauften 1365 die Stadt Sangerhausen zurück. Nachdem 1373 mit
den Landgrafen von Hessen eine Erbverbrüderung geschlossen
worden war, fand 1379 und definitiv 1382 nach Friedrichs des
Strengen Tod eine Teilung statt, der zufolge T. an Balthasar fiel.
Balthasar hatte in T. 1406 seinen Sohn Friedrich IV., den
Friedfertigen oder den Einfältigen, zum Nachfolger. Dieser (s.
Friedrich 37) überließ aber die Regierung meist seinem
Schwiegervater, dem Grafen Günther von Schwarzburg, und
erhielt infolge des Absterbens seines Oheims Wilhelm einen
großen Teil von Meißen. Nach seinem Tod (1440) fiel T.
an den Kurfürsten Friedrich II., den Sanftmütigen, und
dessen Bruder, den Herzog Wilhelm III. Die Teilung zwischen beiden
Brüdern veranlaßte einen Bruderkrieg (s. Sachsen, S.
134). Als darauf Wilhelm 1482 ohne Leibeserben starb, fiel T. an
die Söhne Friedrichs des Sanftmütigen, Ernst und Albert,
welche 26. Aug. 1485 eine förmliche Länderverteilung
vornahmen (s. Sachsen, S. 134). Seitdem verschmilzt die Geschichte
von T. in die der sächsischen Herzogtümer Ernestinischer
Linie (s. d.), die Geschichte des thüringischen Kreises aber,
wie der Anteil der Albertinischen Linie hieß, in die
Geschichte Kursachsens und seit 1815 Preußens. Vgl.
"Thüringische Geschichts-
GEOLOGISCHE KARTE VON THÜRINGEN.
Maßstab 1:415000.
Farbenerklärung.
Formationen:
Tertiär
Lias
Trias:
Keuper
Muschelkalk
Buntsandstein
Perm:
Zechstein
Rotliegendes
Karbon:
prod. Steinkohle
Kulm
Devon
Silur
Cambrium.
Gneis und Glimmerschiefer
Eruptivgesteine:
Phonolith
Basalt
Palatinit
Melaphyr und Porphyrit
Quarzporphyr
Granitporphyr
Granit
Diabas
683
Thüringer Wald.
quellen" (hrsg. von Wegele und Liliencron, Jena 1854 bis 1886,
Bd. 1-5); "Zeitschrift des Vereins für thüringische
Geschichte" (das. 1854 ff.); Galletti, Geschichte Thüringens
(Gotha 1781-85, 6 Bde.); Wachter, Thüringische und
obersächsische Geschichte (Leipz. 1826-30, 3 Bde.);
Knochenhauer, Geschichte Thüringens in der karolingischen u.
sächsischen Zeit (Gotha 1863) und zur Zeit des ersten
Landgrafenhauses (das. 1871); Koch, Geschichte Thüringens
(das. 1886); Rothe, Chronik von T. (hrsg. von Fritzsche, Eisenach
1888); Gebhardt, Thüringische Kirchengeschichte (Gotha 1880);
Bechstein, Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringer
Landes (Hildburgh. 1838).
Thüringer Wald (hierzu "Geologische Karte des
Thüringer Waldes"), Kettengebirge in Mitteldeutschland,
erstreckt sich zwischen Thüringen im N. und Franken im S. in
südöstlicher Richtung von der Werra unweit Eisenach bis
zum Wetzstein bei Lehesten, nach andern nur bis zur Werra und
Schwarza, wo es, den Charakter des Plateaus annehmend, in den
Frankenwald übergeht (s. Karte "Sächsische
Herzogtümer"). Die Länge des Gebirges, über dessen
Kamm in seiner ganzen Ausdehnung ein uralter Grenzweg, der sogen.
Rennstieg (s. d.), führt, beträgt, die Linie der Werra-
und Schwarzaquelle als Grenze angenommen, 75, bis zum Wetzstein 110
km, während die Breite im äußersten Nordwesten kaum
10 km, im SO., zwischen Rudolstadt und Sonneberg, 35 km
beträgt. Das Profil des langgestreckten Gebirgszugs mit seinen
zahlreichen, schön gerundeten Gipfeln und muldenförmigen
Vertiefungen bildet eine fortlaufende, sanft gekrümmte
Wellenlinie, die namentlich von der Nordseite her einen ungemein
malerischen Anblick darbietet. Der Kamm selbst erhebt sich nur an
wenigen Stellen über 900 m, während die Höhe seiner
Ausläufer zwischen 200 m (bei Eisenach und Saalfeld) und 490 m
(bei Ilmenau) schwankt. Im allgemeinen kann man den T. W. nach
seiner Längenausdehnung in zwei Hälften teilen, die in
ihrer von der geognostischen Zusammensetzung abhängigen
Oberflächengestalt sich wesentlich voneinander unterscheiden.
Auf ihrer etwa durch die Linie Eisfeld-Amtgehren bezeichneten
Grenze haben die Gewässer, welche das Gebirge drei
Hauptströmen (Elbe, Weser und Rhein) zusendet, ihren
Quellknoten. Der nordwestliche Teil bildet eine schmale, gegen
Eisenach keilförmig zugespitzte, durch einen hohen Kamm
geschlossene Bergkette mit steilem Abfall nach N. und S. Da,
abgesehen von räumlich beschränkten Gebieten
kristallinischen Urgebirges (Granit-, Gneis- und
Glimmerschiefergebiet von Brotterode), die Ablagerungen der
Karbon-Rotliegend-Zeit und von diesen wiederum vorwaltend die
Lavaströme porphyr- und melaphyrartiger Gesteine die
Hauptmasse dieses etwa 75 km langen, 15 bis 22 km breiten
Gebirgsabschnitts zusammensetzen, so herrschen die den
Eruptivgebieten eignen steilen, zerrissenen, durch malerisch
geformte Thalgründe zerklüfteten Terrainformen vor. In
diesem vorzugsweise von Bade- und Kurorten belebten Teile liegen
zugleich die höchsten und besuchtesten Gipfel des Gebirges:
der Inselsberg (915 m), der Große Beerberg (983), der
Schneekopf (978), der Finsterberg (947), der Kickelhahn (861 m) u.
a. Der südöstliche Teil (den Wetzstein als Grenze
angenommen) stellt sich als ein fast ebenso langes, dagegen 40-50
km breites, wellenförmiges, hauptsächlich aus Phyllit,
Thonschiefer und Grauwacke bestehendes Hochland dar, mit steilem
Abfall nach S., breitfüßigen und flach geböschten
Bergen, welche sich nur wenig über das allgemeine Niveau
erheben, und langgestreckten, etwas einförmigen, aber von
gewerblichem und industriellem Verkehr vielfach belebten
Thälern. Als höchste Punkte sind hier zu nennen: das
Kieferle (877 m), die Kursdorfer Kuppe (805), der Wurzelberg (837)
und der Wetzstein (821 m). - Der Wald besteht vorherrschend aus
Tannen und Fichten, neben denen auch bedeutende
Laubwaldbestände vorkommen, gegenwärtig fast überall
Gegenstand einer sorgfältigen Kultur. Die am höchsten
gelegenen, stets bewohnten Orte sind: Neustadt a. R. (925 m),
Igelshieb (835), Steinheid (814), Neuhaus a. R. (812), Oberhof
(811), Oberweißbach (754), Schmiedefeld (728 m) etc., fast
alle im südöstlichen Teile des Thüringer Waldes
liegend.
In geognostischer Beziehung gehört der T. W. zu den
interessantesten und lehrreichsten Gebirgen Deutschlands. Das
nordwestliche Ende besteht aus Rotliegendem; weiterhin gegen SO.
wächst in der Nachbarschaft des inselartig hervortauchenden
Kernes kristallinischen Grundgebirges (Granit, Gneis,
Glimmerschiefer) die Zahl und Mannigfaltigkeit der
karbonisch-rotliegenden Sedimente und besonders der gleichaltrigen
Eruptivgesteine mit ihren Tuffbildungen. Porphyr, Porphyrit,
Melaphyr in den verschiedenartigsten Abänderungen durchsetzen
gangförmig und stockförmig oder überlagern
deckenförmig die bisweilen stark zurücktretenden und in
ihrem Lagerungsgefüge durch zahlreiche Verwerfungen
gestörten Schichtgesteine. Dabei walten in den gewaltigen,
Lavaströmen vergleichbaren Deckenergüssen der tiefern
(karbonischen) Stufe, wie sie den Granit von Suhl, Vesser,
Schmiedefeld und Stützerbach überlagern, die basischen
Eruptivgesteine (Melaphyr, Glimmerporphyrit), in der höhern,
dem Rotliegenden zugerechneten Stufe, insonderheit auf der Strecke
Tambach, Oberhof, Elgersburg, dagegen die sauren Glieder
(Quarzporphyr etc.) vor. Südöstlich der Linie Amtgehren,
Neustadt a. R., Unterneubrunn hören die zusammenhängenden
Eruptivgesteinsdecken ziemlich plötzlich auf, und die Glieder
des kambrisch-phyllitischen Schiefersystems (Thonschiefer,
Grauwacke, Quarzit) mit den bei Siegmundsburg aufgefundenen
Vertretern der ältesten Fauna treten in der ganzen Breite des
Waldgebirges hervor. Schon hart an der Grenze gegen den Frankenwald
lagern sich in schmalem, von SW. bis NO. laufendem Streifen von
Steinach über Spechtsbrunn, Gräfenthal nach Saalfeld die
Glieder des Silur- und Devonsystems auf, ihrerseits den weit in den
Frankenwald in großer Fläche verbreiteten Kulm
(Unterkarbon) tragend. Der ganze Gebirgskörper erscheint als
ein durch gewaltige Bruchlinien (Verwerfungen) von dem ihn
allseitig umgebenden, eingesunkenen, aus Buntsandstein, Muschelkalk
und Keuper gebildeten hügeligen Vorland losgetrennter und
stehen gebliebener horstförmiger Keil. Wo das Absinken des
Vorlandes von demselben weniger in Gestalt scharfer,
schnittförmiger Brüche als durch eine Schichtenverbiegung
und Niederziehung erfolgte, ist die Zechsteinformation als bald
breiterer, bald schmälerer Randsaum des Gebirges erhalten.
Die Gewässer des Thüringer Waldes, sämtlich zum
Gebiet der Nordsee gehörend, verzweigen sich zu einem
dreifachen Flußgebiet, dessen Scheitelpunkt der Saarberg
unfern Limbach ist. Zum Elbgebiet gehören die direkt oder
indirekt zur Saale gehenden: Selbitz, Loquitz, Schwarza, Ilm und
Gera mit Apfelstedt; zum Wesergebiet: die Werra mit Schleuse,
Hasel, Schmalkalde, Druse und Hörsel mit Leine; zum
Rheingebiet die zum Main gehenden: Rodach und Itz. An
größern stehenden Gewässern fehlt es dem Gebirge.
Von Mineralquellen
684
Thüringische Terrasse - Thurles.
sind außer den kalk- und kohlensäurehaltigen
Eisenquellen in Liebenstein die Solquellen von Salzungen und
Schmalkalden zu nennen, während andre Orte, besonders
Elgersburg, Ilmenau etc., sich eines fast chemisch reinen Wassers
erfreuen und den dortigen Kaltwasserheilanstalten ihren guten Ruf
verschafft haben. An nutzbaren Mineralien ist die Ausbeute von
Braunstein, welcher aus Gängen im Porphyr vorkommt
(Manganerz), bei Ilmenau, Elgersburg, Friedrichroda, Schmalkalden
etc. von einiger Bedeutung. Außerdem liefert die
Zechsteinformation Eisenerze (Stahlberg und Mommel bei
Schmalkalden, Kamsdorf bei Saalfeld), Schwerspat, Kupfererz
(Kupferschiefer bei Ilmenau, Schweina u. Fahlerz bei Kamsdorf),
Gips (Kittelsthal, Friedrichroda etc.), Kobalt- und Nickelerze bei
Saalfeld und Schweina. Alaun- und Vitriolschiefer sind bei
Schmiedefeld im Silur bekannt. Gold fand sich im kambrischen
Quarzit von Reichmannsdorf. Flußspat wird bei Steinbach und
Öhrenstock, Kaolin bei Limbach etc. gewonnen. Besondere
Erwähnung verdienen noch die Schieferbrüche im
südöstlichen Teil des Gebirges, besonders bei Lehesten.
Lebhaft ist die Industrie. Hervorragend sind besonders: die
Bearbeitung des Eisens in allen Formen bis hinab zu den Produkten
der Kleinschlosserei und den sogen. Schmalkaldener Waren, die
Porzellan- und Steingutmanufakturen, die Spielwaren- und
Papiermachéfabriken in Sonneberg und Waltershausen, die
Meerschaumindustrie in Ruhla, die Glashütten,
Glasinstrumenten- und Glasperlenfabrikation, die Farbenfabriken,
die Gewinnung von Pechharz und Kienruß etc. Bedeutend ist der
Fremdenverkehr während der Sommermonate, besonders in
Eisenach, Thal, Ruhla, Friedrichroda, Tabarz, Georgenthal, Tambach,
Elgersburg, Ilmenau. Zahlreiche, meist wohlgepflegte Straßen
überschreiten das Gebirge. Ein Gürtel von Eisenbahnen
umgibt den T. W., drei Linien durchschneiden denselben von N. nach
S. zum Teil in langen Tunnels. Für noch größere
Hebung des Fremdenverkehrs, namentlich auch für
Aufschließung noch weniger bekannter Thäler und
Aussichtspunkte, ist der Thüringerwaldverein sehr thätig.
In politischer Beziehung bietet der T. W. noch heute das bunteste
Bild dar: Preußen, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Weimar,
Sachsen-Koburg-Gotha, die beiden Schwarzburg, Reuß und Bayern
teilen sich in ihn. Vgl. Heim, Geologische Beschreibung des
Thüringer Waldgebirges (Meining. 1796, 6 Bde.); Credner,
Geognostische Verhältnisse Thüringens und des Harzes
(Gotha 1843); Derselbe, Versuch einer Bildungsgeschichte der
geognostischen Verhältnisse des Thüringer Waldes (das.
1855); Schwerdt und Ziegler, Thüringen (in "Meyers
Reisebüchern", 3. Aufl., Leipz. 1879), und ebenda: Anding und
Radefelds "Wegweiser" (9. Aufl., das. 1888); Trinius,
Thüringer Wanderbuch (Mind. 1886-89, 3 Bde.); Vogel,
Topographische Karte vom T. W., 1 : 150,000 (Gotha).