Seesäugetieren und Fischen. Die Waltiere und Robben, welche
hauptsächlich des Thrans halber gejagt werden, besitzen unter
der Haut eine sehr starke Specklage, aus welcher man durch
Auskochen den T. gewinnt. Früher geschah dies meist auf den
Schiffen selbst, während man jetzt den in Fässern
verpackten Speck nach den Seestädten bringt und mit Dampf
ausschmelzt. Frischer Speck liefert einen hellen T. von mildem
Geschmack und Geruch; aus dem auf der Reise angefaulten Speck
erhält man dagegen bei größerer Ausbeute einen
dunkelbraunen T. von widerlich scharfem Geruch und Geschmack,
nachdem eine etwas bessere Sorte vorher freiwillig abgeflossen ist.
Der braune T. wird durch Schütteln mit Ätzkali oder
Metallsalzlösungen, Lohbrühe oder Chlorkalk gereinigt und
zum Teil auch gebleicht. Heller T. harzt stärker auf dem Leder
als dunkler, bei höherer Temperatur durch Ausbraten gewonnener
und erhält die guten Eigenschaften des letztern, wenn man ihn
auf 290° erhitzt. Der gewöhnliche Walfischthran,
zunächst vom Grönlandswal (Balaena Mysticetus) gewonnen,
ist meist als weißer T. im Handel, obwohl davon auch eine
gelbe und braune Sorte existiert. Der T. vom Pottfisch oder
Kachelot (Catodon macrocephalus) ist hell orangegelb, in
dünnen Schichten lichtgelb, durchsichtig klar, vom spez. Gew.
0,884, setzt bei 8° nadelförmige Fettkristalle ab. Er
dringt leicht in das Leder ein, schlägt aber gern durch.
Delphinthran, hauptsächlich aus dem Speck des Grindwals
(Globiceps macrocephalus), im Norden Europas in großen Mengen
erzeugt, ist leichtflüssig, zitronengelb, von sehr starkem
Geruch, scheidet bei 3° Fettkristalle ab und erstarrt erst bei
niedriger Temperatur. Er eignet sich bestens für die
Sämischgerberei. Der Döglingthran, aus dem Zwergwal
(Balaenoptera rostrata) gewonnen, ist farblos bis braun, riecht
sehr intensiv, gehört zu den schlechten Thransorten und wird
meist mit andern Thranen gemischt. Die Robbenthrane, zu denen der
beliebte Dreikronenthran gehört, werden aus dem Speck der
Ohrenrobben (Otaria), Seehunde (Phoca) und Walrosse (Trichechus)
auf verschiedenen Meeren gewon^ nen. Diese Thrane sind viel
geschätzter als die Walsischthrane. Da sie spezisisch schwerer
sind, liefern sie im Leder bessere Gewichtsergebnisse, wegen ihrer
Dickfiüssigkeit schlagen sie nicht leicht durch und mischen
sich auch gleichmäßiger mit dem Talg zu einer
gleichförmigen Schmiere. Dazu kommt, daß die Walthrane
mit der Zeit an der Luft zu einer starren Masse eintrocknen, wobei
das Leder steif, hart und brüchig wird. Durch den
Sämischprozeß wird der Walfischthran in ein braunes,
dickes Öl (Moellon, Dégras) umgewandelt, welches nicht
mehr an der Luft trocknet und als vorzügliches
Lederschmiermittel bekannt ist. Die Umwandlung, welche der
Walfischthran hier erfahren hat, muß auch auf andre Weise
herbeigeführt werden können, wenigstens kommt als
Baläneïn ein T. im Handel vor, welcher viele wertvolle
Eigenschaften des Dégras besitzt und dem Leder helle Farbe
und große Milde verleiht. Für die Sämischgerberei
sind die Walfischthrane vorzuziehen, weil sie vermöge ihrer
Dünnflüssigkeit leichter als die Seehundsthrane in die
Blöße eindringen. Von den Fischthranen ist der T. vom
Stockfisch oder Dorsch (Gadus Morrhua) am wichtigsten. Er wird aus
der Leber dieser beiden Fische, aber auch aus der Leber andrer
Schellfische gewonnen, der helle und braunblanke durch Behandeln
der Leber mit Dampf, der dickflüssigere, dunklere durch
Ausbraten der gedämpften Lebern über freiem Feuer. Der
Dampfthran bildet beim Lagern einen bedeutenden Bodensatz und
braucht lange Zeit zum Abklären. Für die Benutzung als
Lederschmiere ist das Auskochen ebenso notwendig wie beim Wal- und
Robbenthran. Heringsthran kommt weiß, blond und braun vor,
ist sehr dickflüssig, vom spez. Gew. 0,927, riecht und
schmeckt intensiv nach Seefischen. Der Gerberthran dieser Sorte ist
bräunlich orangegelb, bleibt bei 0° noch flüssig und
setzt nur nach einiger Zeit festes Fett ab. Beim Lagern wird er
bald ranzig und ziemlich sauer, was übrigens seiner guten
Verwendbarkeit als Schmiermittel nur wenig schadet. Rochenthran,
aus den Lebern von Trygon Pastinaca, Raja Giorna und Raja clavata,
dem Dorschthran ähnlich, wird in italienischen und
südfranzösischen Gerbereien benutzt. Eine ergiebige
Quelle ist durch den Haifischfang erschlossen; manche Leber soll
800 kg T. liefern. Über die Eigenschaften desselben als
Lederschmiermittel ist noch nichts bekannt. An der Ostküste
Nordamerikas liefert die Meerbricke (Petromyzon maximus) einen T.,
der weniger als Dorschthran geschätzt wird. Die Leber des
Thunfisches (Thynnus vulgaris) wird jetzt ebenfalls auf T.
versotten. Guter Thunfischthran ist gelbbraun, dickflüssig,
vom spez. Gew. 0,9275, riecht mild nach Sardinen, erstarrt erst
unter 0° und stellt sich den besten bisher im Handel
vorkommenden Thranen zur Seite.
Thränen (Lacrimae), die wässerige und klare
Flüssigkeit, welche von den acinösen
Thränendrüsen abgesondert wird und auf 99 Proz. Wasser
kleine Mengen von Mucin und Eiweiß sowie ca. 0,8 Proz. Salze
enthält. Die T. werden beständig in geringer Menge
abgesondert, ergießen sich über die vordere Fläche
des Augapfels, um diesen vor Wasserverlust zu schützen,
sammeln sich im Thränensee in den innern Augenwinkeln und
gelangen durch die Thränenpunkte in die
Thränenkanälchen, von hier in den Thränengang und
dann in die Nasenhöhle, wo sie sich dem Nasenschleim
beimengen. Wird die Sekretion der T. so stark vermehrt, daß
die Thränenkanälchen das Sekret nicht mehr
fortzuführen im stande sind, so stürzen die T. aus dem
Auge hervor (Weinen). Die Thränenabsonderung wird
vergrößert durch Reizung des Nervus lacrimalis, durch
gewisse psychische Affekte und reflektorisch bei Reizung der
Nasenschleimhaut oder der Konjunktiva. Beiden Tieren wird ein
Abfließen der T. über die Wangen nur unter
pathologischen Verhältnissen wahrgenommen.
Thränenbeine, s. Schädel, S. 374.
Thränenfistel, eine krankhafte, geschwürige
Öffnung, durch welche der Thränensack und
Thränenkanal nach außen münden. Meist liegt eine
Erkrankung der den Thränenkanal begrenzenden Knochen zu
Grunde; die Behandlung beginnt mit einer Entfernung etwa
abgebröckelter Knochenstückchen, später wird der
Defekt durch plastische Operation geschlossen.
Thränenflaschen, fälschliche Bezeichnung
für schlauchförmige, in antiken Gräbern gefundene
Salbgefäße aus Glas oder Thon.
Thränengras, s. Coix.
Thränenschwamm, s. Hausschwamm.
Thränensteine, s. Augenstein.
Thraso, Name des prahlerischen Soldaten (miles gloriosus)
in dem Lustspiel "Der Eunuch" von Terenz; daher thrasonisch,
prahlerisch, großsprecherisch.
Thrasybulos, athen. Feldherr, Sohn des Lykos, stand 411
v. Chr. als einer der Strategen an der
675
Thrasyllos - Thrombosis.
Spitze der athenischen Flotte bei Samos, setzte, um die
oligarchische Herrschaft der Vierhundert zu stürzen, die
Zurückberufung des Alkibiades durch und focht erst unter
Alkibiades am Hellespont, dann 406 als Trierarch bei den Arginusen.
Nachdem auf das Gebot Spartas in Athen die Herrschaft der
Dreißig Tyrannen errichtet worden war, ging T. in die
Verbannung nach Theben, fiel von da aus 403 mit 70 seiner Freunde
in Attika ein, eroberte das Kastell Phyle, bemächtigte sich
des Piräeus und besiegte die Tyrannen. Er betrieb darauf die
Wiederherstellung der Solonischen Verfassung und den Erlaß
einer allgemeinen Amnestie. Unmäßige Ausbrüche
leidenschaftlicher Demokraten wider die Gegenpartei wußte er
zu unterdrücken. Er begnügte sich mit einem Olivenkranz
als Anerkennung seines Verdienstes. Als Feldherr befehligte er 394
die athenischen Truppen in Böotien und vor Korinth, stellte
391 den Einfluß Athens in Byzantion und auf den Inseln wieder
her, namentlich durch die Eroberung von Lesbos und die Verteidigung
von Rhodos, und wurde 389, als er in Pamphylien bei der Stadt
Aspendos gelandet war, durch einen Ausfall der Aspender im
Feldherrenzelt getötet; er entging so der gegen ihn erhobenen
Anklage wegen Veruntreuung und Plünderung.
Thrasyllos, athen. Feldherr, Anhänger der
Demokratie, rief 411 als Strateg der athenischen Flotte bei Samos
im Verein mit Thrasybulos Alkibiades zurück, kämpfte
unter diesem tapfer in Kleinasien, war wieder Strateg 406 in der
siegreichen Schlacht bei den Arginusen, ward aber nebst fünf
andern Strategen wegen der Nichtbestattung der Gefallenen zum Tod
verurteilt und hingerichtet.
Three rivers (spr. thri riwwers), s. Trois
Rivières.
Threnodie (griech.), bei den Griechen Bezeichnung der
Trauer- oder Klagelieder auf den Tod geliebter Wesen, dergleichen
bei der Ausstellung der Leichen gesungen wurden. Sie bildeten sich
mit der Zeit zu einer eignen Gattung der Poesie aus, in der
namentlich Pindar und Simonides Vorzügliches leisteten. Vgl.
Elegie.
Threskiornis, s. Ibisse.
Thrinakía, mythische Insel bei Homer, auf welcher
die Herden des Sonnengottes weideten (s. Helios), wohl identisch
mit Trinakria (s. d.).
Thrips, Blasenfuß, s. Blasenfüßer.
Thrombosis (griech.), Verstopfung von
Blutgefäßen durch ein Blutgerinnsel (Thrombus,
Pfropfen), kommt im Herzen, in den Arterien und besonders
häufig in den Venen, namentlich nahe ihren Klappen, vor.
Dagegen ist sie in den Kapillaren und Lymphgefäßen
seltener. Jeder Pfropfen ist von Anfang an ein wandständiger,
welcher das Gefäßlumen nur teilweise verstopft;
späterhin füllt der Pfropfen das Gefäßlumen
vollständig aus. Von der Stelle der ursprünglichen
Verstopfung kann sich der Thrombus sowohl nach rückwärts
als auch zentralwärts, d. h. nach dem Herzen hin, in
verschiedener Ausdehnung fortsetzen. Derselbe ist anfangs weich,
feucht, blutig gefärbt; später wird er trockner, derber,
gelblich und bröckelig. Weiterhin kann derselbe, und zwar
zunächst in seinem Zentrum, zu einer breiigen, oft
eiterartigen Masse erweichen (puriforme Schmelzung) und endlich
seiner ganzen Ausdehnung nach in eine solche Masse zerfallen. Das
Gerinnsel kann aber unter andern Umständen auch durch
Einwanderung von Rundzellen aus der Nachbarschaft zu festem
Bindegewebe organisiert werden. Hierdurch wird stets eine bleibende
Verstopfung des Gefäßes bedingt, und dieser Vorgang ist
erwünscht, wenn er in einem zerschnittenen oder anderweitig
verletzten Gefäß vor sich geht, weil er das einzige
sichere Mittel gegen die Blutung abgibt. Selten kommt es zur
teilweisen Resorption, zur einfachen Schrumpfung und Vermeidung des
Thrombus (Venensteine, Phlebolithen). An der Stelle, wo sich in
einem Gefäß ein Thrombus gebildet hat, zeigt sich die
Gefäßwand infolge der T. meist im Zustand einer
chronischen, seltener einer akuten Entzündung; umgekehrt hat
auch eine Entzündung der Gefäßwand nicht selten T.
zur Folge. Die Ursachen der T. bestehen entweder in einer Stockung
des Bluts (bei normaler Gefäßwand) oder in krankhafter
Veränderung der Gefäßwand. Stockungen des Bluts
treten aber unter den verschiedensten Verhältnissen ein, so z.
B. bei jeder Verengerung des Gefäßlumens
(Kompressionsthrombose), wie sie durch die Unterbindung des
Gefäßes oder durch den Druck, welchen Geschwülste
etc. auf das Gefäß ausüben, bedingt wird. Auch bei
der Durchschneidung und Zerreißung der Gefäße
kommt es fast immer zur T. (traumatische T.), und in diesem Fall
ist die Pfropfenbildung ein erwünschter, zur Heilung
notwendiger Vorgang, da auf ihm z. B. die Heilung von Wunden zum
Teil beruht. Eine fernere Veranlassung zur T. ist die Erweiterung
der Gefäße (Dilatationsthrombose), denn je weiter der
Kanal ist, desto langsamer ist der Fluß in demselben bei
gleicher Flüssigkeitsmenge. Hierher gehören die
Fälle von Gerinnung in den Krampfaderknoten und
Pulsadergeschwülsten, wodurch eine Heilung der letztern
bewerkstelligt werden kann. Endlich bilden sich Gerinnungen in den
Venen bei stark abgemagerten Kranken, wenn dieselben ruhig
daliegen, und wenn gleichzeitig die Herzkraft abgenommen hat, das
Blut also nicht schnell genug zirkuliert (marantische T.). Diese
Art der T. ist eine häufige Nachkrankheit schwerer
fieberhafter Krankheiten, namentlich des Typhus und
Puerperalfiebers; sie ist auch eine sehr gewöhnliche
Komplikation der Tuberkulose, Krebskrankheit, der chronischen
Gelenk- und Knochenkrankheiten. In andern Fällen ist die T.
abhängig von krankhaften Veränderungen der
Gefäßwand. Dies geschieht beim Brand eines Gliedes, bei
der Entzündung der äußern Venenhaut, bei Krebs,
welcher die Venenwand durchbricht, und am häufigsten bei der
chronischen Entzündung der innern Arterien und Herzhaut. In
allen diesen Fällen werden die Gefäßwände
rauh, und der Faserstoff des Bluts lagert sich auf den Rauhigkeiten
als Thrombus ab. In ähnlicher Weise tritt Blutgerinnung ein,
wenn man durch das lebende Gefäß eine Nadel sticht oder
einen Faden durchzieht, wie dies z. B. die Chirurgen bei der sogen.
Elektropunktur der Aneurysmen thun, um auf dem Weg einer
künstlich herbeigeführten Gerinnung oder T. die Heilung
derselben herbeizuführen. Die Verstopfung der Venen gibt sich
zu erkennen durch Anstauung des venösen Bluts hinter dem
Thrombus und vorzugsweise durch wassersüchtige Anschwellung
des betreffenden Körperteils. Die Wassersucht fehlt jedoch,
wenn sich ein genügender Kollateralkreislauf herstellt. Die
Folgen der T. einer Arterie bestehen in mangelhafter oder
unterbrochener Blutzufuhr, also in Blutarmut des betreffenden
Teils, welche so hochgradig werden kann, daß derselbe brandig
abstirbt, wie beim sogen. Altersbrand. Es kommt nicht selten vor,
daß ein Stück von einem Thrombus, namentlich wenn
derselbe in der Erweichung begriffen ist und der Kranke eine
schnelle Bewegung ausführt, abbricht und mit dem Blutstrom
nach andern Körperteilen hingeführt wird (s. Embolie).
War der Thrombus aus der
43*
676
Thrombus - Thugut.
Gegend einer verjauchenden Wunde und selbst mit Jauche
getränkt, so ruft der von ihm abgebrochene Embolus an der
Stelle, wohin er mit dem Blutstrom gelangt, wiederum eine jauchige
Entzündung hervor, es entstehen die sogen. metastatischen
Abszesse. Vgl. Virchow, Gesammelte Abhandlungen (Berl. 1862);
Baumgarten, Die sogen. Organisation des Thrombus (Leipz. 1877).
Thrombus (griech.), s. Thrombosis.
Thron (griech.), der für besonders feierliche
Gelegenheiten bestimmte, ausgezeichnete Sitz für
fürstliche Personen, ein Attribut der Herrschergewalt, bei den
Griechen ursprünglich Ehrensitz, der Stuhl der sitzenden
Götterbilder (s. Abbildung). Der T. ist in einem besondern
Saal (Thronsaal) aufgestellt und ruht gewöhnlich auf einem
Gestell, zu dem mehrere Stufen führen. Über dem Sessel
ist in der Regel ein Thronhimmel angebracht, d. h. eine an der Wand
befestigte, verzierte, zeltartige Decke mit prächtigen, meist
aus Seide u. Goldstoff bestehenden Behängen. Der T. wird von
den Fürsten nur bei feierlichen Gelegenheiten benutzt, wenn
der Fürst als Träger der Herrscherwürde auftreten
muß. Symbolisch bezeichnet T. die Herrscherwürde oder
Herrschergewalt selbst, daher die Ausdrücke: den T. besteigen,
jemand vom T. stoßen etc., Thronerbe, Thronlehen,
Thronräuber (Usurpator).
Thronentsagung, s. Abdankung.
Thronfolge (Succession, Thronerbfolge), der Eintritt des
Regierungsnachfolgers (Thronfolgers) in die Hoheitsrechte des
bisherigen Monarchen. Je nachdem sich die T., wie dies in den
Erbmonarchien der Fall ist, auf Verwandtschaft oder je nachdem sie
sich auf einen andern Titel, z. B. auf eine Erbverbrüderung,
gründet, wird zwischen ordentlicher und
außerordentlicher T. unterschieden. Das Recht zur
ordentlichen T. (Thronfolgerecht) wird durch leibliche und eheliche
Abstammung vom ersten Erwerber der Krone aus ebenbürtiger Ehe
begründet (s. Ebenbürtigkeit), und zwar sind nach den
meisten fürstlichen Hausgesetzen männliches Geschlecht
des Thronfolgers und Abstammung desselben vom ersten Erwerber durch
Männer (agnatische oder männliche Deszendentenfolge)
erforderlich. Außerdem muß der Thronfolger nach den
meisten Verfassungen die zur Führung der Regierung nötige
geistige und körperliche Tüchtigkeit besitzen. Weibliche
(kognatische) T. ist nach manchen Hausgesetzen und Verfassungen
überhaupt ausgeschlossen. Dies ist das sogen. Salische Gesetz
(s. d.). In andern Staaten, z. B. in Holland, Bayern, Sachsen und
Württemberg, ist die weibliche T. subsidiär, d. h. nach
gänzlichem Aussterben des Mannesstamms, statuiert, und in
England und Spanien ist sogar eine mit der agnatischen vermischte
weibliche T. (Successio promiscua) insofern eingeführt, als
nur die Söhne des Regenten und ihre männliche Deszendenz
vor den Töchtern den Vorzug haben, während die letztern
und ihre Nachkommen die Brüder des Regenten und dessen
sonstige Agnaten in den Seitenlinien ausschließen. Die
Thronfolgeordnung ist regelmäßig so bestimmt, daß
stets der Erstgeborne und, wenn er vor der Thronerledigung
verstarb, sein erstgeborner Deszendent und dessen Nachkommenschaft
succedieren (Lineal-Primogeniturordnung). Fehlt es überhaupt
an Deszendenten, so kommt der Erstgeborne der dem letzten Regenten
nächsten Linie zur T. Vgl. Schulze, Das Recht der Erstgeburt
in den deutschen Fürstenhäusern (Leipz. 1851); Derselbe,
Die Hausgesetze der regierenden deutschen Fürstenhäuser
(Jena 1862-83, 3 Bde.); Heffter, Die Sonderrechte der
souveränen und der mediatisierten, vormals
reichsständigen Häuser (Berl. 1871).
Thronrede, die Rede, mit welcher der Monarch oder an
dessen Stelle ein verantwortlicher Minister die Sitzungen der
Volksvertreter eines konstitutionellen Staats eröffnet. Sie
bezeichnet die von der Volksvertretung zu behandelnden
Gegenstände und gibt zugleich in der Regel eine Darlegung der
äußern und innern Verhältnisse des Staats. Die T.
wird daher zugleich als Programm des Ministeriums, welches ihren
Inhalt zu vertreten hat, angesehen und bei besonderer Veranlassung
von der Kammer in einer Adresse beantwortet.
Thuanus, s. Thou 1).
Thudichum, Friedrich Wolfgang Karl von, angesehener
Rechtslehrer, geb. 18. Nov. 1831 zu Büdingen, studierte
1849-52 in Gießen, war dann vier Jahre im Justiz- und
Verwaltungsdienst thätig und habilitierte sich 1858 in
Gießen als Privatdozent. 1862 folgte er einem Ruf als
außerordentlicher Professor der Rechte nach Tübingen, wo
er 1870 zum ordentlichen Professor ernannt ward. Er schrieb. "Die
Gau- und Markverfassung in Deutschland" (Gieß. 1860); "Der
altdeutsche Staat" (das. 1862); "Rechtsgeschichte der Wetterau"
(Tübing. 1867-85, 2 Bde.); "Das Verfassungsrecht des
Norddeutschen Bundes und des Deutschen Zollvereins" (das. 1869f., 2
Abtlgn.); "Deutsches Kirchenrecht des 19. Jahrhunderts" (Leipz.
1877-78, 2 Bde.); "Bismarcks parlamentarische Kämpfe und
Siege" (Stuttg. 1887).
Thueyts (spr. tüä), Stadt im franz. Departement
Ardèche, Arrondissement Largentière, auf einem von
riesigen Basaltsäulen gestützten Lavaplateau nahe am
Zusammensluß der Ardèche und des
Médéric, welcher unter dem Pont du Diable einen 100 m
hohen Wasserfall bildet, hat Mineralquellen, Seidenindustrie, ein
altes Schloß und (1881) 720 Einw.
Thug, s. Thag.
Thugut, Franz Maria, Freiherr von, österreich.
Staatsmann, geb. 8. März 1739 zu Linz, fand 1752 Aufnahme in
die orientalische Akademie zu Wien, ward 1754 als Sprachknabe
(Dolmetschgehilfe) mit einer Gesandtschaft nach Konstantinopel
geschickt, hierauf 1757 zum Dolmetsch, 1769 zum
Geschäftsträger bei der Pforte, 1770 zum Residenten und
1771 zum Wirklichen Internunzius daselbst ernannt. Auf dem
Friedenskongreß von Fokschani 1772 bewies er als
österreichischer Botschafter große diplomatische
Gewandtheit und ward von Maria Theresia dafür in den
Freiherrenstand erhoben. Durch eine Konvention mit der Pforte
bewirkte er 1776 die Abtretung der Bukowina an Österreich.
Nachdem er an den Höfen von Neapel, Versailles und Berlin
diplomatisch thätig gewesen, ging er 1780 als Gesandter nach
Warschau, 1787 nach Neapel und 1788 als Hofkommissar in die Moldau
und Walachei, deren Verwaltung er bis 1790 leitete. Er beteiligte
sich hierauf an den Friedensunterhandlungen mit der Pforte zu
Sistova und leitete in Paris die Unterhandlungen zwischen der
Königin Maria Antoinette und dem Grafen Mirabeau. Nach seiner
Rückkehr im J. 1792 wurde er zum Armeeminister bei dem Heer
des Prinzen von
[Zeus auf dem Thron os sitzend (Münze von
Elis).]
677
Thuin - Thulden.
Koburg, welches die verlornen Niederlande wiedererobern sollte,
ernannt und 27. Mai 1793 Generaldirektor der Staatskanzlei unter
Kaunitz und damit tatsächlich, nach Kaunitz' Tod 1794 auch
formell, Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Ein Mann
von Geist und Talent, aber ränkevoll und gewissenlos,
schärfte er durch seine unruhige, neidische Eroberungspolitik
den Gegensatz zwischen Österreich und Preußen, dessen
Plänen er in Polen auf alle Weise hindernd in den Weg trat,
ohne für Österreich Wesentliches zu erreichen,
während er die energische Kriegführung der Koalition
gegen Frankreich empfindlich schädigte. Nachdem er auf diese
Weise Österreich in Deutschland isoliert hatte, verschuldete
er den unglücklichen Ausgang des Kriegs und mußte auf
Napoleons I. ausdrückliches Verlangen bei dem Abschluß
des Friedens von Campo Formio 1797 aus dem Ministerium scheiden. Er
ging darauf als bevollmächtigter Minister in die neuerworbenen
italienischen und Küstenprovinzen, übernahm 1799 beim
Wiederausbruch des Kriegs aufs neue das Portefeuille des
Auswärtigen, trat aber schon im Dezember 1800 wieder
zurück und lebte fortan zu Preßburg und Wien, wo er 29.
Mai 1818 starb. Vgl. Vivenot, T., Clerfayt und Wurmser 1794-97
(Wien 1869); Derselbe, T. und sein System (das. 1870, 2 Tle.);
Derselbe, Vertrauliche Briefe des Freiherrn v. T. (das. 1871, 2
Bde.).
Thuin (spr. tuäng), Hauptstadt eines Arrondissements
in der belg. Provinz Hennegau, an der Sambre und der Eisenbahn
Charleroi-Erquelines, mit schöner Kirche, höherer
Knabenschule, Tuchfabrikation, Eisenwerken und (1888) 5361 Einw. T.
gehörte früher zum Bistum Lüttich und war stark
befestigt.
Thuja Tourn. (Lebensbaum), Gattung aus der Familie der
Kupressineen, Bäume von in der Regel mehr oder weniger
pyramidenförmigem Wuchs, mit blattartig flachen letzten
Verästelungen, vierreihig dachziegeligen,
schuppenförmigen, nur an der Spitze freien Blättern,
monözischen Blüten auf verschiedenen Ästen und
kleinen, im zweiten Jahre reifenden Zapfen. T. occidentalis L.
(abendländischer Lebensbaum), ein 20-22 m hoher Baum von
pyramidenförmigem Wuchs mit abstehenden bis horizontalen
Ästen, in horizontaler Ebene dicht und fiederig zweizeilig
verzweigten jüngern Zweigen, kurzen, fast stachlig gespitzten
Blättern, von denen die auf den flachen Seiten der Zweige
stehenden eine rundliche, stark riechende Drüse auf dem
Rücken besitzen, und länglichen, überhängenden,
braunen Beerenzapfen, wächst in Nordamerika und wird seit dem
16. Jahrh. bei uns kultiviert. In den Gärten benutzt man
mehrere Varietäten als Ziersträucher, auch ist der Baum
an vielen Orten beliebte Gräberpflanze. Das Holz dient zu
Wasserbauten und feinen Tischlerarbeiten; die Blätter und das
daraus bereitete ätherische Öl wurden früher
medizinisch benutzt (daher der Name, den zuerst Dodoens brauchte).
T. (Biota) orientalis L. (morgenländischer Lebensbaum), ein
niedriger, bleibender, pyramidenförmiger Baum mit in
senkrechter Ebene fiederig verzweigten Ästchen, einer
Mittelfurche auf dem Rücken der Blätter und fleischigen,
hellgrünen, bläulich bereiften, später fast der
ganzen Länge nach sich öffnenden Beerenzapfen,
wächst in China und Japan, auch in Mittelasien und Gilan und
wird wie die vorige in mehreren Abarten bei uns kultiviert, ist
aber viel empfindlicher. - T. articulata, s. Callitris.
Thukydides, 1) athen. Staatsmann, Sohn des Melesias,
übernahm nach Kimons, seines Verwandten, Tod (449 v. Chr.) die
Leitung der konservativen Partei in Athen, wußte durch seinen
uneigennützigen Charakter und seine Rednergabe viele
Anhänger zu gewinnen, ward, als er Perikles zu stürzen
versuchte, 444 durch den Ostrakismos verbannt, setzte aber nach
seiner Rückkehr die Opposition gegen Perikles fort.