geb. 19. Nov. 1770 auf der See zwischen Island und Kopenhagen,
wohin sich sein Vater, ein Isländer, begab, um sich seinen
Lebensunterhalt durch Schnitzen von Figuren für
Schiffsvorderteile zu erwerben. T. war schon als Knabe in demselben
Beruf thätig. Vom elften Jahr an besuchte er die
Kunstakademie, wo er mit Erfolg studierte und mehrere Preise
gewann. Unter anderm hatte T. damals die Büste des
Staatsministers Peter Andreas v. Bernstorff modelliert, welche er
später (1798) zu Rom in Marmor ausführte. Dadurch wurde
der Staatsmi-
671
Thorwaldsen.
nister Graf Reventlow auf ihn aufmerksam und verschaffte ihm ein
dreijähriges Reisestipendium. Im Mai 1796 verließ T.
Kopenhagen zu Schiff, kam aber erst im Februar des folgenden Jahrs
in Neapel und 8. März in Rom an. Hier ging ihm unter dem
Anschauen der antiken Götter- und Heroenbilder das
Verständnis für die klassische Kunstrichtung auf.
Insbesondere gaben auch die Zeichnungen von Carstens und Zoega
seinem Geiste die Richtung auf die ideale Schönheit der
antiken Kunst. Im Sommer 1798 übersandte er von Rom aus der
Kopenhagener Akademie sein erstes selbständiges Werk: Bakchos
und Ariadne. Gegen das Ende seines auf drei Jahre bestimmten
Aufenthalts in Rom führte er noch einen das Goldene Vlies
erobernden Jason aus, fand aber damit keinen Beifall und zerschlug
ihn. Ein neuer Jason, in kolossaler Größe, fand zwar bei
Zoega und Canova Anerkennung, hätte jedoch fast das Schicksal
seines Vorgängers geteilt. T. wollte seine Rückreise nach
Kopenhagen mit dem Bildhauer Hagemann aus Berlin antreten, ward
jedoch durch eine Paßangelegenheit des letztern um einen Tag
aufgehalten. Gerade an demselben Tag besuchte der reiche Brite Sir
Th. Hope Thorwaldsens Atelier und bestellte die Ausführung des
Modells vom Jason, wodurch über Thorwaldsens fernern
Aufenthalt in Rom und damit über seine Zukunft entschieden
wurde. Verschiedene Umstände verzögerten die Vollendung
der Arbeit bis 1828, wo T. das Werk zugleich mit mehreren Reliefs
und Büsten als Geschenken des Künstlers an Hope nach
England absendete. In das Frühjahr 1805 fällt die
Ausführung von vier Statuen: Bakchos mit Thyrsos und Patera,
Ganymed mit Jupiters Adler zu seinen Füßen, Apollon, mit
Leier und Plektron an den Baumstamm gelehnt, und die berühmte
Venus mit dem Apfel, nackt, mit dem Kleid über dem Baumstamm.
Letztere hat der Künstler später (1813-16) auch in
Lebensgröße ausgeführt. Im Mai 1805 wurde T. zum
Mitglied der Akademie in Kopenhagen und zum Ehrenmitglied der
Akademie in Bologna ernannt. Von den Werken der
nächstfolgenden Jahre sind die hervorragendsten: der Adonis
(1810) in der Münchener Glyptothek; das Relief: A genio lumen,
die Kunst als sitzende weibliche Gestalt darstellend; Hektor den
Paris auffordernd, die Waffen zu ergreifen, und vier Reliefs: Amor
als Löwenbändiger, Venus, aus der Muschel ins Licht der
Welt tretend, Amor, von der Biene verwundet und vor seiner Mutter
klagend, und Bacchus, welchen Merkur der Ino übergibt,
sämtlich für den Fürsten Malte von Putbus. Von
Napoleon I. erhielt T. den Auftrag, für den Sommerpalast auf
Monte Cavallo (Palazzo Quirinale) einen großen Fries
auszuarbeiten. T. wählte den Triumphzug Alexanders d. Gr. in
Babylon und vollendete das Werk im Juni 1812. Eine Ausführung
in Marmor, die Napoleon I. für Paris bestellt hatte, wurde
nach dem inzwischen erfolgten Sturz des Kaisers für die Villa
des Grafen Sommariva (jetzt Villa Carlotta) am Comersee 1828
vollendet. Später hat T. den Triumphzug noch mehrere Male
ausgeführt, unter anderm 1829 für das Schloß
Christiansborg in Kopenhagen (s. Tafel "Bildhauerkunst VII", Fig. 1
u. 2). Gestochen ist er am besten von Amsler (mit Beschreibung von
L. Schorn, Münch. 1835, und mit Text von Lücke, Leipz.
1870). In Montenero, wohin sich T. wegen Unwohlseins begeben,
führte er 1815 nach drei Monate langem schwermütigen
Hinbrüten die beiden schönen Reliefs: Nacht und Morgen an
Einem Tag aus. In den Jahren 1817 und 1818 modellierte er unter
anderm eine Statue des Ganymed, die Büste Lord Byrons, den
berühmten Hirtenknaben mit dem Hunde, die Statue der Hoffnung
(im Schloß Tegel bei Berlin), Merkur als Argustöter und
ein Relief für die Kapelle im Palast Pitti: Christus mit
seinen Jüngern am Meer bei Tiberias, dem Christus in Emmaus
folgte. Seine damals ausgeführte Gruppe der Grazien zeigt im
Gegensatz zu der berühmten des Canova die keusche Strenge der
Antike. 1819 kehrte T. nach Kopenhagen zurück. Seine ersten
dortigen Arbeiten waren die Büsten des Königs und der
Königin sowie mehrerer Prinzen und Prinzessinnen.
Bedeutungsvoller sind die Werke für die Frauenkirche in
Kopenhagen, welche er teils damals, teils später
ausführte. Im August 1820 verließ er, zum Etatsrat
ernannt, die dänische Hauptstadt und ging über
Deutschland, Polen und Österreich nach Italien zurück. In
Rom modellierte er zunächst die treffliche Porträtstatue
des Fürsten Potocki (jetzt in der Kathedrale zu Warschau) und
vollendete dann (1821) die Skizzen zu dem großen Bildercyklus
der Frauenkirche. Unter seiner Aufsicht führten seine
Schüler die Statuen der Apostel und den aus 14 Statuen
bestehenden Schmuck des Giebelfeldes: die Predigt des Johannes in
der Wüste aus. Das nächste größere Werk, das
Monument des Kopernikus, in Bronze gegossen, ward 1830 auf dem
Universitätsplatz zu Warschau aufgestellt. Zu Thorwaldsens
Hauptarbeiten der folgenden Jahre gehören: das Modell zur
Reiterstatue des Fürsten Poniatowski, welche, in Bronze
gegossen, 1830 zu Warschau enthüllt wurde, und die Büste
und ein Relief für den Sarkophag des Kardinals Consalvi.
Obwohl T. Protestant war, wurde er ausersehen, dem Papst Pius VII.
ein Denkmal zu setzen; dasselbe ward 1830 in Marmor vollendet und
in der Kapelle Clementina der Peterskirche aufgestellt. Weitere
Werke Thorwaldsens aus dieser Zeit sind: das Monument des Herzogs
Eugen von Leuchtenberg in der St. Michaelskirche zu München
und die Reiterstatue des Kurfürsten Maximilian I. von Bayern
auf dem Wittelsbacher Platz daselbst, die Statue Gutenbergs
für Mainz, welche 1837, und die Schillers für Stuttgart,
die 1839 enthüllt ward. 1838 unternahm T. eine zweite Reise
nach Dänemark und wurde mit großer Begeisterung
empfangen. Hier beschäftigte er sich vorzugsweise mit Werken,
deren Motive der christlichen Religion entnommen sind. Meisterwerke
dieser Richtung sind zwei große Reliefs, der Einzug Christi
in Jerusalem und der Zug des Heilands nach Golgatha, beide in der
Frauenkirche zu Kopenhagen. Damals modellierte er auch die Statue
König Christians IV., die, in Erz gegossen, im Dom zu
Roeskilde aufgestellt wurde, dann die Büsten Holbergs,
Öhlenschlägers, Steffens' und sein eignes Bild in
Lebensgröße. Im Mai 1841 kehrte er nach Rom zurück.
Dort vollendete er die Allegorien der sieben Wochentage in
Genienfiguren, für den König von Württemberg die
Reliefs der vier Jahreszeiten, der Hirtin mit den
Liebesgöttern im Nest und Amors, wie er sich bei Venus
über den Stich der Rose beklagt. Nachdem T. noch einen Cyklus
von Bildern aus dem Leben des Heilands, als Fortsetzung der im
Auftrag des Königs von Bayern begonnenen gleichartigen Arbeit,
entworfen, kehrte er im Oktober 1842 nach Kopenhagen zurück.
Hier beschäftigte ihn neben der Umarbeitung einiger
früher gefertigter Modelle zur Ausschmückung des
Schlosses Christiansborg vornehmlich der Plan zu einem Standbild
Luthers, welches aber nicht zu stande kam. Aus seinem Atelier zu
Rom ging in dieser Zeit die schon 1833 begonnene Statue Konradins
von Schwaben in Marmor hervor, welche in der Kirche Santa Maria
del
672
Thos - Thouars.
Carmine zu Neapel, wo Konradins Gebeine ruhen, aufgestellt ward.
T. starb plötzlich 24. März 1844 in Kopenhagen
während einer Vorstellung im Theater; sein
Leichenbegängnis trug das Gepräge nationaler Trauer.
Thorwaldsens Hauptgebiet war die Darstellung idealer,
mythologischer Gestalten; er schuf die Antike gleichsam neu in sich
in ihrer Wahrheit und Einfachheit, in ihrer Naivität und ihrem
Humor. In dieser Beziehung hat er eine Zeitlang auf die Richtung
der Kunst des 19. Jahrh. Einfluß geübt, besonders aber
auf die Kunst und Kunstindustrie seines Vaterlandes, die noch heute
seiner Richtung folgt. Die Darstellung des Individuellen,
Charakteristischen war ihm dagegen versagt, ebenso wie das
Dramatische außerhalb seiner Begabung lag. Seine Bedeutung
liegt in der Wiederbelebung der idyllischen Richtung der antiken
Kunst. T. war nie verheiratet und hatte außer einer
natürlichen Tochter keine Angehörigen. Zum Erben seines
künstlerischen Nachlasses nebst einem Kapital von 75,000
Thaler hatte er seine Vaterstadt eingesetzt mit der Bedingung,
daß ein eignes Gebäude zur Aufbewahrung desselben
errichtet werde. Dieses Thorwaldsen-Museum, nach Plänen des
Architekten Bindesböll im italienischen Stil aufgeführt,
wurde 1846 eröffnet und enthält (teils in Originalen,
teils in Abgüssen) die sämtlichen Kunstwerke sowie die
Kunstsammlungen des Meisters (darunter von seiner Hand 80 Statuen,
drei lange Bilderreihen in erhabener Arbeit sowie zahlreiche andere
Reliefs und 130 Büsten). In dem von den vier Flügeln des
Gebäudes umschlossenen Mittelraum befindet sich sein
schmuckloses Grab. Einen Katalog des Museums veröffentlichte
Müller (Kopenh. 1849-1851, 8 Tle.); eine Sammlung von
Lithographien (120) sämtlicher Werke Thorwaldsens gab Holst im
"Musée T." (das. 1851). Denkmäler des Künstlers
befinden sich im Garten des Palazzo Barberini zu Rom (nach Emil
Wolff) und zu Reikjavik auf Island (seit 1875). Zu den
bedeutendsten seiner Schüler gehören die Dänen
Freund und Bissen, die Deutschen Emil Wolff, Schwanthaler, von der
Launitz, die Italiener Tenerani, Bienaimé u. a. Vgl. Thiele,
Leben und Werke des dänischen Bildhauers B. T. (Leipz.
1832-34, 4 Bde. mit 160 Kupfertafeln); Derselbe, Thorwaldsens
Leben, nach eigenhändigen Aufzeichnungen (deutsch, das.
1852-56, 3 Bde.); E. Plon, T., sein Leben und seine Werke (a. d.
Franz, Wien 1875); Hammerich, T. u. seine Kunst (Gotha 1876).
Thos, s. Schakal.
Thoth (Tehut), ägypt. Gott, mit dem die Griechen den
Hermes identifizierten, ist ursprünglich Lunus, ein Mondgott,
gewöhnlicher aber der Gott der Schrift und Wissenschaft. Sein
heiliges Tier ist der Ibis, er selbst wird beständig mit einem
Ibiskopf dargestellt (s. Abbildung); außerdem war ihm der
Hundskopfaffe heilig, unter dessen Form er gleichfalls mitunter
erscheint. Seine gewöhnlichsten Attribute sind Schreibtafel
und Griffel. Er gilt als der Urheber aller Intelligenz und als der
Verfasser der heiligsten Bücher. Weiteres s. Hermes
Trismegistos.
Thou (spr. tu), 1) Jacques Auguste de, latinisiert
Thuanus, franz. Geschichtschreiber und Staatsmann, geb. 8. Okt.
1553 zu Paris, wo sein Vater Christoph de T. erster
Parlamentspräsident war, studierte in Orléans und
Valence die Rechte, ward von Heinrich III. mit mehreren wichtigen
Missionen, unter andern 1576 mit den Unterhandlungen mit den
protestantischen Führern in Guienne, betraut und zum
geistlichen Rat beim Pariser Parlament ernannt. Nach dem Tod seiner
beiden Brüder gab er den beabsichtigten Eintritt in den
geistlichen Stand auf, ward 1584 Requetenmeister, folgte 1586
Heinrich III. nach Chartres, veranlaßte ihn 1588 zu dem
Bündnis mit Heinrich von Navarra und reiste, um Geld zur
Fortsetzung des Kampfes gegen die Liga zu schaffen, nach
Deutschland und Italien. Nach Heinrichs IIl. Ermordung trat er in
die Dienste Heinrichs IV. 1594 ward er Vizepräsident des
Parlaments und Großmeister der königlichen Bibliothek.
Als toleranter, freisinniger Katholik hatte er wesentlichen Anteil
an der Ausarbeitung des Edikts von Nantes. Nach Heinrichs IV.
Ermordung (1610) verlieh ihm die Regentin Maria von Medici nicht
die ihm versprochene Stelle des ersten Präsidenten des
Parlaments, sondern ernannte ihn zu einem der drei
Generaldirektoren der Finanzen; daher zog er sich bald aus dem
öffentlichen Leben zurück. Er starb 7. Mai 1617. Sein
Hauptwerk ist die "Historia mei temporis", 1543-1607, die er 1591,
vom Tod Franz' I. ausgehend, begann. Die ersten 18 Bücher
wurden 1604 veröffentlicht. 1606 erschien eine neue Ausgabe
bis zum 49. Buch, 1614 eine dritte, 80 Bücher umfassend, bis
1584. Das Werk sollte nach seinem Plan 138 Bücher umfassen und
bis zum Tod Heinrichs IV. reichen; allein bei Veranstaltung der
nächsten Ausgabe überraschte ihn der Tod, und dieselbe
erschien daher erst 1620, von seinem Verwandten Dupuy und seinem
Freund Nic. Rigault besorgt. Vollständig erschien das Werk in
dem ursprünglichen Text und von Rigault aus Thous Materialien
bis zu dem bestimmten Ziel fortgesetzt zu London 1733 in 7
Bänden. Nach dieser Ausaabe ist die 1734 zu Paris (mit dem
Druckort London) erschienene französische Übersetzung (16
Bde.) abgefaßt. Das in trefflichem lateinischen Stil
geschriebene Werk ist für die Geschichte jener Zeit, besonders
die französische, und für die Würdigung der
damaligen religiösen Händel äußerst wichtig,
da T. Augenzeuge vieler Ereignisse war und nach unparteiischer
Wahrheit strebte. Dennoch wurde er als kirchenfeindlich und
parteiisch für die Hugenotten angegriffen. Zu seiner
Rechtfertigung schrieb T. seit 1616: "Thuani commentarius de vita
sua", libri IV" (Orl. 1620, deutsch in Seybolds "Selbstbiographien
berühmter Männer"). Eine Sammlung trefflicher Poesien in
lateinischer Sprache erschien unter dem Titel: "Posteritati;
poematum opus notis perpetuis illustratum a J. Melanchthone"
(Amsterd. 1678). Vgl. Phil. Chasles, Discours sur la vie et les
oeuvres de J. A. de T. (Par. 1824); Düntzer, de Thous Leben,
Schriften und historische Kunst (Darmst. 1837).
2) François Auguste de, franz. Staatsrat, Sohn des
vorigen, geb. 1607 zu Paris, glich seinem Vater an Talenten und
Kenntnissen sowie an Edelmut des Charakters, wurde sehr jung
Parlamentsrat, Requetenmeister, auch Großmeister der
königlichen Bibliothek und später Staatsrat, aber als
Mitwisser der Verschwörung des Cinq-Mars (s. d.) 12. Sept.
1642 in Lyon enthauptet.
Thouars (spr. tuár), Stadt im franz. Departement
Deux-Sèvres, Arrondissement Bressuire, rechts am Thouet,
über den drei Brücken führen, Knotenpunkt
[Thoth.]
673
Thouars - Thrakische Chersones.
der Eisenbahnen Tours-Bressuire und Saumur-Niort, hat ein
Felsenschloß mit schöner Kapelle, Reste von
Befestigungswerken, Weberei, Gerberei, Handel mit Getreide, Pferden
etc. und (1881) 3535 Einw.
Thouars, auch P. Th., bei botan. Namen für L. M. A.
du Petit-Thouars, geb. 1756 auf Schloß Boumois in Anjou,
bereiste die Maskarenen und Madagaskar, gest. 1831 in Paris. Flora
der südafrikanischen Inseln; Obstbäume.
Thourout (spr. turuh), Stadt in der belg. Provinz
Westflandern, Arrondissement Brügge, Knotenpunkt der
Staatsbahnlinie Ostende-Ypern und der Linie Brügge-Courtrai,
hat Leinweberei, Gerberei, Hutfabrikation und (1888) 8972 Einw.
Thouvenel (spr. tuhw'nell), Edouard Antoine, franz.
Staatsmann, geb. 11. Nov. 1818 zu Verdun, bereiste nach
Absolvierung seiner Rechtsstudien den Orient (vgl. sein Werk "La
Hongrie et la Valachie", 1840), ging 1844 als Attaché nach
Brüssel und 1845 als Gesandtschaftssekretär nach Athen,
wo er 1848 Gesandter wurde; 1850 ward er nach München
versetzt. Als entschiedener Anhänger des
Prinz-Präsidenten erhielt er nach dem Staatsstreich vom 2.
Dez. 1851 die Leitung der politischen Angelegenheiten im
Departement des Auswärtigen übertragen. Dem Kaiser machte
er sich unentbehrlich durch die Gewandtheit, womit er dessen Ideen
aufzunehmen und in vollendeter Form diplomatisch zu gestalten
verstand. 1855 für den Gesandtschaftsposten in Konstantinopel
ausersehen, sollte er vornehmlich den englischen Einfluß im
Diwan brechen; doch gelang es ihm nicht, den französischen
Einfluß zu größerer Geltung zu bringen. Seit 8.
Mai 1859 Senator, war er vom 24. Jan. 1860 bis 15. Okt. 1862
Minister des Auswärtigen. Er starb 19. Okt. 1866 in Paris.
Vgl. "Le secret de l'empereur. Correspondance confidentielle et
inédite entre M. T., le duc de Grammont et le
général Flahault 1860-63", veröffentlicht von M.
Thouvenel (Par. 1888).
Thouvenin (spr. tuhw'náng), Louis Etienne de, geb.
1791 zu Moyenvic (Meurthe), wurde 1811 Artillerieleutnant im
französischen Heer, focht mit Auszeichnung in den
Feldzügen 1813-15, dann 1823 in Spanien, 1828 in Griechenland,
trat 1853 als Brigadegeneral in den Ruhestand und starb 1882. Er
schlug 1840 eine Verbesserung des gezogenen Gewehrs vor, indem er
einen Dorn in der Schwanzschraube des gezogenen Gewehrs anbrachte,
und konstruierte 1844 eine Dornbüchse mit Langgeschoß,
welche 1846 angenommen, fast in allen Heeren als Jägerwaffe,
auch als Birsch- und Scheibenbüchse benutzt und erst durch das
Minie- und Zündnadelgewehr verdrängt wurde.
Thrakien (Thrake, lat. Thracia), in den ältesten
Zeiten Bezeichnung der nördlich von Griechenland sich
ausdehnenden Landstriche, dann das Land östlich und
nördlich von Makedonien; zur Zeit der Römerherrschaft das
im W. vom Gebirge Rhodope, im N. vom Hämos, im O. vom Pontos
Euxeinos und dem Thrakischen Bosporus und im S. von der Propontis,
dem Hellespont und dem Ägeischen Meer begrenzte Land.
Hauptgebirge desselben ist der Hämos im N., an den sich im SW.
der Skomios anschließt. Die bedeutendsten Flüsse sind
die an der Südküste mündenden: Nestos und Hebros
(jetzt Maritza) mit dem Ergines (jetzt Ergene) und dem Artiskos
(Arda). Von Meerbusen ist nur der Melasbusen zwischen T. und der
Thrakischen Chersones ermähnt. Das Land lieferte Getreide in
Menge und selbst Wein. Auch an edlen Metallen war es reich, und bei
Philippi wurden Goldminen bearbeitet. Die unter dem allgemeinen
Namen Thraker (Thrakes) begriffenen Einwohner arischen Stammes
standen frühzeitig auf einer ziemlich hohen Stufe der Kultur,
sanken aber später in derselben und zerfielen in eine Menge
Völkerschaften, z. B. die Odrysen am Hebros, die Besser
längs der Rhodope und die Kikonen und Bistonen am
Ägeischen Meer. Die Sitten und Gebräuche der Thraker
hatten viel Übereinstimmendes mit denen der germanischen
Völker. Jagd und Krieg bildeten die Hauptbeschäftigung
der Männer. Eine den Thrakern eigentümliche Sitte war das
Tättowieren. Manche Stämme hatten Könige, denen ein
Rat zur Seite stand. Die Religion war die polytheistische der
Griechen. Menschenopfer wurden nur bei Nationalfeiern dargebracht.
Die wichtigern Städte, fast durchweg griechische Siedelungen,
waren, zwischen Nestos und Hebros an der Küste: Abdera,
Maroneia, Änos; auf der Thrakischen Chersones: Sestos,
Kallipolis, Lysimachia; an der Propontis: Perinthos, Selymbria; am
Thrakischen Bosporus: Byzantion; am Pontos: Apollonia, Mesembria;
im Innern: Philippopolis, Hadrianopolis.
Dareios Hystaspis hatte auf seinem Feldzug gegen die Skythen 515
v. Chr. die um den Pontos Euxeinos wohnenden thrakischen
Stämme unterjocht; doch hörte die persische Herrschaft
wieder ganz auf, als der Zug des Königs Xerxes gegen
Griechenland 480 unglücklich ablief. Nach den Perserkriegen
bemächtigten sich die Griechen der thrakischen Küsten,
und namentlich war es Athen, welches mehrere Seestädte und die
Striche in T. mit den Goldbergwerken an sich riß. Im Innern
gelangten besonders die Odrysen zur Herrschaft, namentlich unter
ihren Fürsten Teres und Sitalkes, der sein Reich bis zum
Istros, Nestos und Pontos Euxeinos ausdehnte. Mit den Athenern
befreundet, unternahm er auf ihre Veranlassung gegen Perdikkas von
Makedonien 430 einen Feldzug, blieb aber 425 gegen die Triballer.
Sein achfolger Seuthes L unterwarf sich mehrere Nachbarvölker.
Seuthes I. (400) war der Schwiegersohn des Atheners Xenophon. Sein
Nachfolger Kotys (380) eroberte fast ganz T., wodurch er in
Zwiespalt mit Athen geriet. Sein Sohn Chersobleptes wurde von
Philipp von Makedonien 343 seines Landes beraubt und T. dem
makedonischen Reich einverleibt. Nach Alexanders d. Gr. Tod wurde
T. Lysimachos 311 zugesprochen, doch behaupteten mehrere
Stämme unter Seuthes III. ihre Unabhängigkeit. Nach
Lysimachos' Tod eroberten 280 keltische Völkerschaften das
Land, wurden aber um 220 wieder vertrieben, worauf wieder jeder
Volksstamm seinen besondern Heerführer hatte. Besonders
mächtig wurden die Besser sowie die odrysischen Fürsten.
M. Crassus unterwarf einen großen Teil des Landes, welcher
unter dem Namen Mösia zur römischen Provinz gemacht ward.
Das übrige T. stand zwar in Abhängigkeit von den
Römern, hatte aber eigne Könige. Nach dem Tode des
Rhömetalkes, 7 n. Chr., verteilte Kaiser Augustus dessen Reich
zwischen dessen Bruder und Sohn Rheskuporis und Kotys V. Ihnen
folgte durch die Gunst des Tiberius des erstern Sohn
Rhömetalkes II., und Caligula überließ ihm 38 die
Herrschaft über ganz T. Nach seinem Tod (47) wurde ganz T.
römische Provinz, erhielt aber erst von Vespasianus die
Einrichtung einer solchen. Unter den byzantinischen Kaisern wurden
viele fremde Völker nach T. verpflanzt, so die Bastarner von
Probus, die Goten von Valens und Theodosius. Vgl. Cary, Histoire
des rois de Thrace (Par. 1825).
Thrakische Chersones, s. Chersonesus.
Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.
43
674
Thrakischer Bosporus - Thrasybulos.
Thrakischer Bosporus, im Altertum Name der Straße
von Konstantinopel.