Esens in Ostfriesland, kam als Kind nach New York, wo er sich,
nachdem er durch Schüllinger und Mayrhoffer eine
gründliche musikalische Erziehung erhalten hatte,
zunächst als Quartettspieler eine geachtete Stellung errang.
Einen ungleich größern Wirkungskreis aber fand er von
1869 an, als er sich an die Spitze eines eignen Orchesters stellte
und eine wahrhaft geniale Kraft als Dirigent entfaltete. Seitdem
haben die außerordentlichen Leistungen seiner Kapelle sowie
die vielseitigen, alle Richtungen der klassischen Musik umfassenden
Programme der von ihm in New York und in den größern
Städten der Union veranstalteten Konzerte seinen Namen zu
einem der populärsten des Landes gemacht. 1877 folgte er einem
überaus vorteilhaften Engagement als Direktor des
neuerrichteten Konservatoriums in Cincinnati, kehrte jedoch schon
nach zwei Jahren nach New York und zu seiner frühern
Dirigentenwirksamkeit zurück.
4) Sydney Gilchrist, Techniker, geb. 1850 in oder bei London,
besuchte die Royal School of mines, bemühte sich seit 1870 um
die Entphosphorung des Roheisens im Bessemerkonverter und verband
sich 1876 mit seinem Vetter Percy Gilchrist, der als Chemiker auf
den Bleanaoneisenwerken beschäftigt war, zur Vornahme
größerer Verfuche. 1877 nahm er sein erstes Patent auf
ein Verfahren, welches für die Eisenindustrie kaum minder
bedeutungsvoll wurde als der Bessemerprozeß. Seiner
Gesundheit halber ging er 1882 nach Australien, 1883 nach Algier
und starb 1. Febr. 1885 in Paris.
5) Karl, Pseudonym, s. Richter 10).
Thomas a Kempis, s. Thomas von Kempen.
Thomas von Aquino (T. Aquinas), berühmter
Scholastiker, geb. 1225 auf dem Schloß Roccasecca im
Neapolitanischen aus einem alten Adelsgeschlecht, ward im Kloster
Monte Cassino erzogen und trat gegen den Willen seiner Eltern 1243
zu Neapel in den Dominikanerorden ein, studierte in Köln und
Paris und trat hier 1248 als Lehrer der scholastischen Philosophie
mit solchem Beifall auf, daß er den Beinamen eines Doctor
universalis und angelicus erhielt. Papst Urban IV. berief ihn 1261
nach Italien zurück, worauf T. zu Bologna, Pisa und Rom
lehrte. Seit 1272 zog er sich in dasselbe Kloster zu Neapel
zurück, in das er zuerst eingetreten war, und starb 6.
März 1274 im Kloster Fossanuova bei Terracina auf der Reise
zum Konzil von Lyon. T. ward 15. Juli 1323 kanonisiert und galt
für den größten Kenner der Aristotelischen
Philosophie. Als einer der Hauptverfechter des Realismus übte
er einen großen Einfluß in den scholastischen
Streitigkeiten seiner Zeit aus. Seine in vielen Einzelausgaben
gedruckten Hauptwerke sind: der Kommentar über des Petrus
Lombardus vier Bücher Sentenzen; ferner "Summa theologiae"
(hrsg. von Nicolai u. a., 13. Aufl., Regensburg 1884, 8 Bde.;
deutsch von Schneider, das. 1886 ff.), der erste vollständige
Versuch eines theologischen Systems; "Summa fidei catholicae contra
gentiles"; "Quaestiones disputatae et quodlibetales" und "Opuscula
theologica". Er begründete besonders die Lehren vom Schatz der
Kirche an überflüssigen Werken, von der
Transsubstantiation und von der Infallibilität des Papstes.
Seine Schriften (Gesamtausgabe, Parma 1852-72, 25 Bde., und auf
Veranlassung des Papstes Leo XIII., Rom 1882 ff.; Auswahl, Turin
1886, 3 Bde.) genossen lange in der katholischen Kirche eine Art
von kanonischem Ansehen, und namentlich war er stets die
Hauptautorität der Dominikaner. Doch trat schon um 1300 der
Franziskaner Duns Scotus gegen ihn auf und gründete die
philosophisch-theologische Schule der Skotisten, mit welcher die
Thomisten auf den Universitäten in Fehde lebten. Letztere
verteidigten namentlich im Anschluß an T. die strenge Lehre
Augustins von der Gnade und bestritten die unbefleckte
Empfängnis der Jungfrau Maria. In beiderlei Beziehung ist die
spätere Kirche von der Lehrautorität des heil. T.
abgewichen. Vgl. Werner, Der heil. T. (Regensb. 1858-59, 3 Bde.);
Jourdain, La philosophie de saint Thomas d'Aquin (Par. 1858, 2
Bde.); Baumann, Die Staatslehre des heil. T. (Leipz. 1873);
Holtzmann, T. und die Scholastik (Karlsr. 1874); Eucken, Die
Philosophie des T. und die Kultur der Neuzeit (Halle 1886);
Frohschammer, Die Philosophie des T. (Münch. 1889); ferner
Thömes, Divi Thomae Aquinatis opera et praecepta (Berl. 1875,
Bd. 1); Schütz, Thomas-Lexikon (Paderb. 1881).
Thomas von Celano, geistlicher Dichter des 13. Jahrh.,
Verfasser des berühmten Liedes "Dies irae, dies illa" war zu
Celano in den Abruzzen geboren und einer der ersten Jünger des
heil. Franziskus von Assisi. Als sich 1221 der Bettelorden der
Minoriten am Rhein niedergelassen hatte, wurde er von Cäsarius
von Speier, dem ersten Minister der deutschen
Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.
42
658
Thomas von Kempen - Thomasschlacke.
Ordensprovinz, zum Kustos der Konvente zu Worms, Mainz und
Köln und 1222 zu seinem Stellvertreter und zum alleinigen
Kustos der Rheingegenden ernannt. Nach achtjähriger Verwaltung
dieses Amtes begab er sich wieder nach Assisi und schrieb hier im
Auftrag des Papstes Gregor IX. das Leben des heil. Franziskus, das
nie im Druck erschien. Weiter ist von seinem Leben nichts bekannt.
Einige schreiben T. noch zwei Sequenzen zu: "Fregit victor
virtualis" und "Sanctitatis nova signa"; doch bleibt das "Dies irae
etc." das Werk, dem er allein seinen Ruhm verdankt. Man hat von
diesem in der römisch-katholischen Kirche zu einem stehenden
Gesang am Fest Allerseelen und beim Totenamt erhobenen Liede drei
bedeutend voneinander abweichende Texte: den wahrscheinlichen
Urtext, wie er von einer Marmorplatte in der Kirche des heil.
Franziskus zu Mantua kopiert worden sein soll; den sogen.
Hämmerlinschen, wie ihn Felix Hämmerlin (Malleolus)
herstellte, und den kirchlichen, der durch die Autorität des
tridentinischen Konzils festgestellt und 1576 in einem
römischen Missale bekannt gemacht worden ist.
Übersetzungen dieses Liedes sind in vielen Sprachen
erschienen; unter den deutschen sind besonders die von Clodius,
Herder, A. W. Schlegel, Fichte, A. L. Follen und H. A. Daniel
hervorzuheben. Noch öfter wurde das Gedicht komponiert, so von
Palestrina, Pergolese, Astorga, Durante, Joseph und Michael Haydn,
Jomelli, Mozart (im "Requlem"), Cherubini, Neukomm, Abt Vogler, G.
Weber, Winter u. a. Vgl. Lisco, Dies irae, Hymnus auf das
Weltgericht (Berl. 1840); Daniel im "Thesaurus hymnologicus" (Halle
1844).
Thomas von Kempen (T. a Kempis), berühmter
asketisch-mystischer Theolog des Mittelalters, eigentlich Thomas
Hamerken oder Hämmerlein (Malleolus), geb. 1380 zu Kempen
(Kampen) im Kölnischen, besuchte die Schule der Brüder
des gemeinsamen Lebens in Deventer, trat 1407 in das
Augustinerkloster zu Agnetenberg bei Zwolle, ward 1423 Priester und
Subprior und starb als Superior desselben 1471. Unter seinen
Schriften (zuletzt hrsg. von F. X. Kraus, Trier 1868;
übersetzt von Silbert, 2. Ausg., Wien 1840, 4 Bde.) sind am
verbreitesten geworden die "Vier Bücher von der Nachfolge
Christi" ("De imitatione Christi", etwa 5000 mal aufgelegt; nach
dem 1441 geschriebenen, in Brüssel befindlichen Autograph
hrsg. von Hirsche, Berl. 1874; im Faksimile von Ruelens, Lond.
1879). Nachdem früh seine Autorschaft desselben bestritten
war, wurde dieselbe 1652 vom Pariser Parlament und auch durch die
neuere Kritik, allerdings gegen vielfachen Widerspruch, behauptet.
Vgl. Malou, Recherches sur le véritable anteur du livre de
l'Imitation de Jésus-Christ (3. Aufl., Tournai 1858);
Kettlewell, The authorship of the De imitatione Christi (Lond.
1877); Derselbe, Thomas a Kempis and the brothers of common life
(2. Aufl. 1884); Hirsche, Prolegomena zu einer neuen Ausgabe der
Imitatio Christi (Berl. 1873-83, 2 Bde.; Keppler in der
Tübinger "Theologischen Quartalschrift" (1880). Verfehlt ist
der noch von Wolfsgruber ("Van der navolginge cristi ses boeke",
Wien 1879; "Giovanni Gersen", Augsb. 1880) vertretene Versuch der
Benediktiner, das Buch für einen Benediktinerabt von Vercelli
mit Namen Gersen, von dem man nichts näheres weiß, in
Anspruch zu nehmen. Doch ist anzuerkennen, daß die
Unterschrift in dem sogen. Autographum (Finitus et completus ...
per manus fratris Thomae Kempensis) den Thomas ebensogut als
Abschreiber (und T. hat in der That viele Bücher
abgeschrieben) wie als Verfasser bezeichnen kann. Auch kann man
sich nach dem augenblicklichen Stande der Dinge dem Eindruck nicht
verschließen, daß es nach aller Wahrscheinlichkeit
Handschriften gibt, die über die Zeit des T. hinausgehen,
womit freilich nicht gesagt ist, daß gerade Gersen der
Verfasser wäre.
Thomaschristen, s. Thomas (Apostel) und Nestorianer.
Thomasin von Zirkläre, mittelhochdeutscher Dichter,
aus Friaul, verfaßte 1215-16 ein Lehrgedicht in zehn
Büchern. "Der welsche Gast", d. h. der Fremdling aus
Welschland (hrsg. von Rückert, Quedlinb. 1852), eine
umfassende, auf die höfischen Kreise berechnete
Tugendlehre.
Thomasius, 1) (Thomas) Christian, deutscher Rechtslehrer,
geb. 1. Jan. 1655 zu Leipzig, studierte daselbst die Rechte und
Philosophie, trat dann als akademischer Lehrer auf und hielt (1688)
die ersten Vorlesungen in deutscher Sprache. Seine
Freimütigkeit zog ihm viele Feinde unter den Theologen zu, und
schon war in Dresden ein Verhaftsbefehl gegen ihn ausgewirkt, als
er über Berlin 1690 nach Halle entfloh, wo er an der
Ritterakademie Vorlesungen begann. Später (1694) wurde er an
der zum Teil durch seine Mitwirkung neugegründeten
Universität zu Halle Professor der Rechte, Geheimrat und
Rektor. Er starb daselbst 23. Sept. 1728. T. hat viel zur
Einführung einer bessern Methode in der Behandlung aller
Wissenschaften und namentlich der Philosophie durch Verwerfung der
hergebrachten philosophischen Terminologie beigetragen. Auch hat er
zuerst die Hexenprozesse und die Tortur mit den Waffen des Geistes
bekämpft. Seine Denkart charakterisieren besonders seine
"Vernünftigen und christlichen, aber nicht scheinheiligen
Gedanken und Erinnerungen über allerhand gemischte
philosophische und juristische Händel" (Halle 1723-25, 3 Bde.;
Anhang 1726) sowie seine "Historie der Weisheit und Thorheit" (das.
1693, 3 Tle.). Seine systematischen Schriften betreffen meist das
Naturrecht und die Sittenlehre. Vgl. H. Luden, T. nach seinen
Schicksalen und Schriften (Berl. 1805); Dernburg, T. und die
Stiftung der Universität Halle (Halle 1865); B. A. Wagner,
Christ. T. (Berl. 1872); Nicoladini, Christ. T. (das. 1887).
2) Gottfried, luther. Theolog, geb. 26. Juli 1802 zu Egenhausen
in Franken, studierte in Erlangen, Halle und Berlin, wurde 1829
Pfarrer zu Nürnberg, 1842 ordentlicher Professor der Dogmatik
und Universitätsprediger in Erlangen und starb daselbst 24.
Jan. 1875. Seine bedeutendsten Schriften sind außer mehreren
Predigtsammlungen, Religionslehrbüchern und kirchlichen
Zwecken dienenden Arbeiten: "Origenes" (Nürnb. 1837);
"Beiträge zur kirchlichen Christologie" (das. 1845); "Das
Bekenntnis der lutherischen Kirche in der Konsequenz seines
Prinzips" (das. 1848); "Christi Person und Werk" (2. Aufl., Erlang.
1856-64, 3 Bde.); "Das Bekenntnis der lutherischen Kirche von der
Versöhnung" (das. 1857); "Das Wiedererwachen des evangelischen
Lebens in der lutherischen Kirche Bayerns" (das. 1867); "Die
christliche Dogmengeschichte" (das. 1874-76, 2 Bde.; 2. Aufl.
1886-89). Vgl. v. Stählin, Lohe, T., Harleß (Leipz.
1886).
Thomasschlacke, die nach dem Thomasschen Verfahren der
Verhüttung phosphorhaltiger Erze mit basischen Zuschlägen
erhaltene Schlacke, ist porös oder dicht, schwarz,
zerfällt beim Liegen an der Luft zu einem groben Pulver,
welches schwer zersetzbare, bis kopfgroße Beimengungen
enthält. Die gemahlene Schlacke zeigt wenig konstante
Zusammensetzung, da diese durch die verwendeten Erxe und
Zuschläge wie auch durch die
659
Thomisten - Thomson.
Führung des Prozesses beeinflußt wird. Im Mittel
enthält T. 17 (14-24) Proz. Phosphorsäure, 50 Kalk, 4
Magnesia, 14 Eisenoxyd, je 4 Manganoxydul und Thonerde, 7,5
Kieselsäure, 0,5 Schwefel und 0,2 Proz. Schwefelsäure.
Sie dient im fein gemahlenen Zustand als billiges Dungmittel, doch
wird sie auch auf Thomaspräzipitat (präzipitierten
phosphorsauren Kalk) verarbeitet, welcher als Dungmittel ungleich
größern Wert besitzt.
Thomisten, s. Thomas von Aquino.
Thommen, Achilles, Architekt, geb. 25. Mai 1832 zu Basel,
studierte daselbst Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft,
seit 1850 auf dem Polytechnikum in Karlsruhe, arbeitete seit 1852
unter Etzel an der Schweizer Zentralbahn und 1857 an der Franz
Joseph-Orientbahn in Ungarn. Als Oberingenieur tracierte,
projektierte und baute er 1861-67 die Brennerbahn, wurde dann als
Staatseisenbahnbaudirektor und Leiter des gesamten Eisenbahnwesens
nach Ungarn berufen. Hier projektierte, leitete und überwachte
er den Bau eines Bahnnetzes von über 2400 km Länge, nahm
aber 1870 seinen Abschied und lebt seitdem in Wien. Seine
Thätigkeit für den Bau von Gebirgsbahnen war
epochemachend, und die Brennerbahn ist das Vorbild für
ähnliche Unternehmungen geworden. Er bearbeitete schon 1869
"Grundzüge für Lokalbahnen" und veröffentlichte in
der Folge "Normalien für Unter-, Ober- und Hochbau",
außerdem die Schrift "Die Gotthardbahn" (Wien 1877).
Thomsen, Christ. Jürgensen, dän.
Archäolog, geb. 29. Dez. 1788 zu Kopenhagen als Sohn eines
Kaufmanns, dessen Handelsgeschäft er nach dem Tode des Vaters
fortführen mußte, beschäftigte sich nebenbei eifrig
mit Numismatik, Altertümern und Kunstgeschichte und legte eine
Münz- und Antiquitätensammlung an. 1816 wurde er
Sekretär der Kommission zur Aufbewahrung der Altertümer
und übernahm dann die Verwaltung des neuerrichteten
altnordischen Museums. In dieser Stellung war er der erste, welcher
zwischen einem Steinzeitalter, Bronzezeitalter und Eisenzeitalter
unterschied. Später erhielt er die Direktion der Münz-
und Medaillensammlung, die Inspektion der Gemäldesammlung und
die des ethnographischen Museums; 1861 wurde er Direktor
sämtlicher Sammlungen, deren eigentlicher Schöpfer und
Ordner er war. T. starb 21. Mai 1865.
Thomson, 1) James, engl. didaktischer Dichter, geb. 11.
Sept 1700 zu Ednam in Schottland, studierte zu Edinburg Theologie,
widmete sich aber bald ganz der Poesie und dichtete als Hofmeister
zu London die beschreibenden, im Blankvers abgefaßten
Gedichte: "Winter" (1726), "Summer" (1728), "Spring" (1729) und
"Autumn" (1730), die dann vereinigt unter dem Namen: "Seasons"
(deutsch von Soltau, Braunschw. 1823; von Bruckbräu,
Münch. 1836) erschienen. In diesen Gedichten gibt T. eine
originelle Beschreibung der Naturerscheinungen, die er mit
aufmerksamem und liebevollem Auge begleitet; besonders
glücklich ist er in Beobachtung des Tierlebens. Die
Eintönigkeit aber, die ein bloß beschreibendes Gedicht
kaum würde vermeiden können, weiß T. zu umgehen,
indem er in lieblichen und ergreifenden Episoden den Menschen in
seinem Verhältnis zu den Mächten der Natur und im Kampf
mit denselben vorführt. Haydn hat das Gedicht im Auszug
komponiert. 1731 begleitete T. einen Sohn des nachmaligen
Lord-Kanzlers Sir Charles Talbot auf seinen Reisen durch den
Kontinent. Nachdem er bis Talbots Tod im Genuß einer
einträglichen Sinekure gestanden, erhielt er vom Prinzen von
Wales einen Jahrgehalt von 100 Pfd. Sterl. und die Stelle eines
Oberaufsehers über die Antillen. Er starb 27. Aug. 1748. Fast
noch höher als die "Seasons" steht "The castle of indolence",
ein allegorisches Gedicht in der Spenserstrophe und eine der besten
Nachahmungen des Spenserschen Stils. Andre Produktionen von T. sind
die trefflichen patriotischen Gedichte: "Liberty" und "Britannia".
Am schwächsten ist er in seinen fünf Tragödien
(darunter "Sophonisbe" und "Tancred and Sigismunda"). Noch ein
kleines von ihm mit einem Schulfreund, Mallet, gemeinschaftlich
geschriebenes Stück: "Alfred", verdient Erwähnung, weil
in ihm zuerst das berühmte englische Volkslied "Rule
Britannia" vorkommt. Eine Gesamtausgabe von Thomsons Werken
erschien zu Edinburg 1768, 4 Bde. (in neuer Ausgabe 1874). Des
Dichters Leben beschrieb Murdoch (Lond. 1803, 3 Bde.).
2) Thomas, Chemiker, geb. 12. April 1773 zu Crieff in
Schottland, studierte zu Glasgow und Edinburg und lieferte seit
1796 für die Supplemente zur "Encyclopaedia britannica"
gediegene Artikel über Physik, Chemie, Mineralogie und
Metallurgie. 1801 bis 1811 las er in Edinburg über Chemie,
lebte dann in London, war 1817-41 Professor der Chemie in Glasgow
und starb 2. Juli 1852 zu Kilmun in Argyllshire. Seine Arbeiten
bewegen sich auf dem Gebiet der allgemeinen und organischen Chemie,
der Mineralogie und Geologie. Er entdeckte mehrere Verbindungen,
erfand ein Saccharometer, verbesserte das Lötrohr und
führte 1798 den Gebrauch der Symbole in der Chemie ein. Von
seinen selbständigen Werken sind hervorzuheben: "System of
chemistry" (7. Aufl., Edinb. 1831, 4 Bde.); "Elements of chemistry"
(das. 1810); "Attempt to establish the first principles of
chemistry by experiments" (Lond. 1825, 2 Bde.); "History of
chemistry" (das. 1830-1831, 2 Bde.); "Outlines of mineralogy and
geology" (das. 1836); "Chemistry of organic bodies" (das. 1838, 2
Bde.) und "Outlines of heat and electricity" (das. 1839). Seit 1813
gab er zu London die "Annals of Philosophy" heraus, welche 1822 mit
dem "Philosophical Magazine" vereinigt wurden.
3) Thomas, engl. Reisender, geb. 4. Dez. 1817 zu Glasgow,
studierte dort Medizin, trieb daneben aber auch Chemie,
Mineralogie, Konchologie und Botanik, trat 1840 als Arzt in die
Dienste der Ostindischen Kompanie und machte den afghanischen
Feldzug mit. 1847 wurde er zu einem der drei Kommissare ernannt,
welche die Grenze zwischen Kaschmir und Tibet festlegen sollten.
1848 erforschte er den Schajokfluß bis zu seiner Quelle am
Karakorumpaß in 5550 m Höhe. Über diese Reisen
schrieb er: "Western Himalayas and Tibet" (Lond. 1852), welches ihm
die goldene Medaille der Londoner Geographischen Gesellschaft
eintrug. 1850 und 1851 bereiste er Sikkim, die Khassiaberge,
Katschar, Tschittagong und die Sunderbands. 1851 kehrte er mit
kolossalen botanischen und geologischen Sammlungen und
Beobachtungen, aber mit gebrochener Gesundheit nach Europa
zurück. Alle Bemühungen, von der Ostindischen Kompanie
eine Unterstützung zur Herausgabe und Verwertung seiner
Schätze zu erlangen, waren vergeblich, und so mußte er
die auf eigne Kosten begonnene Herausgabe seiner "Flora of British
India" einstellen. Von 1854 bis 1861 lebte er wieder in Indien als
Direktor des botanischen Gartens und Professor der Botanik in
Kalkutta; er starb 18. April 1878 in London.
4) Sir William, Physiker, geboren im Juni 1824 zu Belfast,
studierte in Glasgow, Cambridge und Paris und wurde 1846 Professor
der Physik in Glas-
660
Thomson - Thon.
gow. Seine erste Arbeit (1841) behandelte die Wärmeleitung
in homogenen festen Körpern und deren Beziehung zur
mathematischen Theorie der Elektrizität. Sie erschien mit
vielen andern Arbeiten aus dem Gebiet der Elektrizität und des
Magnetismus in dem Werk "Reprint of papers on electricity and
magnetism" (Lond. 1872, 2. Aufl. 1884). T. lieferte auch
verschiedene Elektrometer, von denen das Quadrantelektrometer
für die feinsten elektrischen Messungen große
Verbreitung, namentlich zu Untersuchungen über die
atmosphärische Elektrizität, gefunden hat, während
sein Spiegelgalvanometer in der Geschichte der unterseeischen
Telegraphie Epoche machte. Auf dem Gebiet der mechanischen
Wärmetheorie haben seine Arbeiten neben denen von Clausius am
meisten zur Entwickelung der Theorie beigetragen. In England hat
man versucht, T. überhaupt als den Begründer der neuen
Wärmetheorie hinzustellen; indes hat Clausius zuerst 1850 die
aus dem von Mayer 1842 ausgesprochenen Prinzip von der Erhaltung
der Kraft sich ergebenden Folgerungen in der mathematischen
Behandlung der Wärmeerscheinungen verwertet. Dann aber gehen
die Arbeiten von T. und Clausius einander so nahe parallel,
daß es manchmal schwer fällt, zu unterscheiden, welcher
von beiden Forschern gewisse Sätze zuerst entwickelt hat.
Ebenso wie Clausius hat auch T. die Prinzipien der mechanischen
Wärmetheorie auf andern Gebieten der Physik verwertet; so
entwickelte er sofort eine mechanische Theorie der chemischen
Zersetzung durch den elektrischen Strom und eine Theorie der
Thermoströme. Letztere führte ihn zu der Entdeckung der
positiven oder negativen Fortführung der Wärme durch den
galvanischen Strom, wie er die Erscheinung bezeichnete.
Hervorragendes leistete T. auf dem Gebiet der unterseeischen
Telegraphie. Seine theoretischen und experimentellen Arbeiten, ganz
besonders seit 1858, als das erste gelegte Kabel zwischen England
und Amerika seine Dienste so bald versagte, haben zu den
später erreichten Erfolgen auf das erheblichste beigetragen.
In Anerkennung dieser Leistungen wurde er bei der Rückkehr von
der Legung des Kabels 1866, an der er sich selbst beteiligt hatte,
zum Ritter ernannt. Ein Beweis von der Vielseitigkeit des Mannes
sind seine Untersuchungen über Ebbe und Flut, über die
Gestalt der Erde, über die Frage, ob das Innere der Erde fest
oder flüssig ist, und über manche Frage der theoretischen
Mechanik. T. schrieb: "On the electrodynamic properties of metals"
(1855); "Navigation, a lecture" (1876); "Reprint of papers on
electrostatics and magnetism" (2. Aufl. 1884); "Mathematical and
physical papers" (1882-84, 2 Bde.); "Treatise on natural
philosophy" (2. Aufl. 1879-83, Bd. 1 in 2 Tln.; deutsch von
Wertheim: "Handbuch der theoretischen Physik", Braunschw. 1874,
unvollendet); er redigiert seit 1846 das "Cambridge and Dublin
Mathematical Journal".
5) Sir Charles Wyville, Naturforscher, geb. 5. März 1830 zu
Bonsyde in Linlithgowshire, studierte seit 1845 zu Edinburg
Naturwissenschaft und begann 1850 Vorlesungen über Botanik in
Aberdeen. Gleichzeitig beschäftigte er sich eifrig mit der
Erforschung der niedern Tiere. 1853 ward er Professor für
Naturwissenschaft in Cork, ging aber schon 1854 in gleicher
Eigenschaft nach Belfast und las hier über Mineralogie und
Geologie, wobei er indes seine geologischen Arbeiten fortsetzte und
auch den Bau des Museums des Queen's College leitete. Er begann um
diese Zeit die Studien über die fossilen und die lebenden
Liliensterne, welche erst 1862 zum Abschluß kamen. Die
Entdeckung einer sehr alten Form von Liliensternen in den Tiefen
des Atlantischen Ozeans brachte T. zu der Überzeugung,
daß in diesen Regionen die größten Schätze
für die weitere Erforschung dieser Tiere zu finden seien, und
auf seine Anregung veranlaßte Carpenter die Regierung,
wissenschaftliche maritime Expeditionen auszurüsten. So kamen
seit 1868 die Lightning-, Porcupine- und Challenger-Expedition zu
stande, welche namentlich für die Zoologie und die
physikalische Geographie die bedeutendsten Resultate geliefert
haben. 1870 wurde T. Professor der Naturwissenschaft in Edinburg.
Von hier aus unternahm er die Challenger-Expedition, auf welcher er
3½ Jahre von England abwesend war. Erst 1876 kehrte er nach
England zurück. Die Resultate dieser Expeditionen legte er
nieder in den Werken: "The depths of the sea" (2. Aufl., Lond.
1873) und "The voyage of the Challenger, the Atlantic" (das. 1877,
2 Bde.). Er starb 10. März 1882 in Edinburg.