zu unterstützen und in dem allgemeinen Krieg die Rheingrenze
wiederzugewinnen, scheiterte an der Weigerung des friedfertigen
Königs. T. reichte daher 21. Okt. seine Entlassung ein und
griff den schon früher gefaßten Plan wieder auf, die
Geschichte Napoleons I. zu schreiben, zu welchem Behuf er 1841 bis
1845 dessen Schlachtfelder in Deutschland und Italien bereiste. In
der Kammer gesellte er sich wieder zur Opposition, deren
Führung er jedoch nicht erlangte, obwohl er bei den
Verhandlungen über die Regentschaft (1842), die Jesuiten
(1845) und die Rechte der Universität (1846) heftig gegen die
Regierung auftrat. Als die Februarrevolution von 1848 den
König zwang, das Ministerium Guizot zu entlassen, sollte T.
mit Barrot ein neues bilden, durch welches Ludwig Philipp den Sturm
besänftigen wollte. Dasselbe kam aber nicht mehr zu stande,
und T. hielt es für geraten, nach Proklamierung der Republik
Paris zu verlassen. Er blieb Orléanist und nahm in der
Nationalversammlung eine Mittelstellung ein. Den Plänen
Napoleons wirkte er eifrig entgegen und ward daher beim
Staatsstreich 2. Dez. 1851 verhaftet und dann in das Ausland
entlassen. 1852 ward ihm die Rückkehr nach Frankreich
gestattet, wo er sich elf Jahre lang vom öffentlichen
politischen Leben fern hielt und sich ganz der schriftstellerischen
Thätigkeit widmete. Die Frucht derselben war die "Histoire du
Consulat et de l'Empire" (Par. 1845 bis 1862, 20 Bde.; Register
1869; deutsch von Bülau, Leipz. 1845-62, 20 Bde.; von
Burckhardt und Steger, das. 1845-60, 4 Bde.). 1863 wurde T. in
Paris in den Gesetzgebenden Körper gewählt und ward hier
der Führer der kleinen, aber mächtigen Opposition. Er
bekämpfte in glänzenden Reden ("Discours prononcés
au Corps législatif", Par. 1867) besonders den falschen
Konstitutionalismus und die auswärtige Politik des
Kaiserreichs, sowohl in Zollfragen als namentlich die Intervention
in Italien, welche die Gründung der italienischen Einheit, und
sein Verhalten 1864-66 in der deutschen Frage, welches Sadowa zur
Folge gehabt habe. Um das legitime Übergewicht Frankreichs zu
behaupten, drang er auch auf Aufrechthaltung eines tüchtigen
stehenden Heers nach altem System, da er von allgemeiner
Wehrpflicht und Volksbewaffnung nichts wissen wollte. Mit um so
größerer Energie widersetzte er sich 15. Juli 1870 der
übereilten Kriegserklärung und erklärte mit
später bestätigter Einsicht Frankreich für nicht
gerüstet. Nach dem Sturz des Kaiserreichs übernahm er im
September eine Rundreise an die Höfe der
Großmächte, um sie zu einer Intervention für
Frankreich zu veranlassen, kehrte aber Ende Oktober unverrichteter
Sache zurück und begann nun im Auftrag der Regierung
Unterhandlungen mit dem deutschen Hauptquartier über einen
Waffenstillstand, die ebenso erfolglos endeten. Bei den Wahlen
für die Nationalversammlung ward er in 20 Departements zum
Deputierten und, da alle Parteien ihr Vertrauen auf ihn setzten,
schon 17. Febr. 1871 von der Versammlung zum Chef der
Exekutivgewalt gewählt. Seine erste Aufgabe war, den Frieden
mit Deutschland zu stande zu bringen; er führte selbst die
Verhandlungen mit Bismarck und rettete wenigstens Belfort. Am 1.
März setzte er die Annahme des Friedens in der
Nationalversammlung durch und bewog 10. März diese, ihren Sitz
nach Versailles zu verlegen. Der Kommuneaufstand in Paris 18.
März brachte T. in die höchste Bedrängnis, und nur
seinem Mut und Selbstvertrauen sowie seiner unermüdlichen
Thätigkeit war es zu danken, daß derselbe
überwunden und gleichzeitig 10. Mai der definitive Friede mit
Deutschland abgeschlossen wurde. Daran schlossen sich die
erfolgreichen Maßregeln zur Beschassung der nötigen
Geldmittel. Am 31. Aug. 1871 ward er auf drei Jahre zum
Präsidenten der Republik ernannt. Nun begannen aber die
Schwierigkeiten des Parteigetriebes in der Nationalversammlung. Die
monarchistischen Parteien sahen sich in ihren Hoffnungen auf T.'
energische Unterstützung getäuscht und rächten sich
durch gehässige Angriffe und Ränke, obwohl T. den
klerikalen Ansprüchen möglichst nachgab. Als daher T.,
überzeugt, daß die Herstellung des Königtums in
Frankreich, besonders des orléanistischen, eine
Unmöglichkeit und die Republik die einzig mögliche
Regierungssorm sei, 11. Nov. 1872 die definitive Konstituierung der
Republik von der Nationalversammlung verlangte, beschloß die
klerikal-monarchistische Majorität derselben, da die Zahlung
der Kriegsentschädigung an Deutschland und die Räumung
des Gebiets durch den Vertrag vom 15. März 1873 gesichert
waren, T. zu stürzen. Am 19. Mai brachte die Rechte eine
Interpellation ein über das neue Ministerium, welches T.
berufen hatte, um seine Verfassungsvorschläge für die
Republik durchzuführen; nach heftiger Debatte ward 23. Mai ein
Tadelsvotum gegen dies Ministerium mit 360 gegen 344 Stimmen
angenommen und, als T. darauf seine Entlassung gab, diese mit 368
gegen 338 Stimmen genehmigt. T. zog sich darauf wieder vom
öffentlichen Leben zurück und nahm nur an wichtigen
Abstimmungen in der Deputiertenkammer teil. Nach dem Staatsstreich
vom 16. Mai 1877 richteten sich die Hoffnungen aller Republikaner
wieder auf T. als das Haupt einer gemäßigten Republik,
aber er starb plötzlich 3. Sept. 1877 zu St.-Germain en Laye
infolge. eines Schlaganfalls und wurde am 8. in Paris feierlich
bestattet. 1879 wurde ihm ein Standbild in Nancy, 1880 ein solches
in St.-Germain errichtet. T., von kleiner Gestalt, aber scharf
geschnittenen, lebendigen Zügen, war einer der bedeutendsten
Staatsmänner Frankreichs im 19. Jahrh. und jedenfalls der
populärste. Seine Doktrin war die des konstitutionellen
Systems, in welchem der aufgeklärte, wohlhabende
Bürgerstand die beste Sicherung seiner geistigen und
materiellen Güter erblickte, und welches T. unter der
Julimonarchie verwirklicht zu sehen gehofft hatte. Deshalb war ihm
die militärische Demokratie eines Napoleon III. verhaßt.
Aber über allen Doktrinen stand bei T. seine Nation,
Frankreich. Dessen Ruhm und Größe zu vermehren, war sein
höchstes Ziel, wie er denn auch ein echter Franzose mit allen
Vorzügen und Schwächen dieses Volkes war; er besaß
eine unermüdliche Arbeitskraft, feine, edle Bildung,
Scharfblick, eine sanguinische Elastizität des Geistes und
echten Patriotismus, dabei aber eine naive Selbstsucht und
Eitelkeit. Als Geschichtschreiber verherrlichte er die
Freiheitsideen der französischen Revolution und den Kriegsruhm
Napoleons I. in schwungvoller Sprache und glänzender
Darstellung, jedoch keineswegs stets wahrheitsgetreu und
unparteiisch. Ganz erfüllt von der Idee, daß Frankreichs
berechtigte Suprematie das politische Gleichgewicht Europas bedinge
und die kleinen deutschen und italienischen Staaten für diese
Suprematie notwendig seien, war er ein heftiger Gegner der
italienischen und deutschen Einheitsbestrebungen und, obwohl
Voltairianer, ein Beschützer des Kirchenstaats. T.' "Discours
parlementaires" wurden von Calmon (1879 bis 1883, 15 Bde.)
herausgegeben. Vgl. Laya, Étu-
654
Thiersch.
des historiques sur la vie privée, politique et
littéraire de M. T. 1830-46 (Par. 1846 2 Bde.); Derselbe,
Histoire populaire de M. T. (das. 1872); Richardet, Histoire de la
présidence de M. T. (das. 1875); Eggenschwyler,T.' Leben und
Werke (Bern 1877); Jules Simon, Le gouvernement de M. T. (Par.
1878, 2 Bde.); Derselbe, T., Guizot, Remnsat (das. 1885); Mazade,
M. T. (das. 1884); P. de Remusat,A. T. (das. 1889).
Thiersch, 1) Friedrich, namhafter Philolog, geb. 17. Juni
1784 zu Kirchscheidungen bei Freiburg a. d. Unstrut, vorgebildet in
Naumburg und Schulpforta, studierte seit 1804 in Leipzig und
Göttingen Theologie und Philologie, ward 1808 Kollaborator am
Gymnasium zu Göttingen und Privatdozent an der
Universität, 1809 Professor an dem neuerrichteten Lyceum zu
München, begründete hier das 1812 mit der Akademie
verbundene philologische Institut und zur Vereinigung der
jüngern Gelehrten die "Acta philologorum Monacensium"
(Münch. 1811-29, 4 Bde.) und ward 1826 nach der Verlegung der
Universität Landshut nach München ordentlicher Professor
der Philologie und Direktor des philologischen Seminars daselbst.
1831-32 war er in Griechenland, wo er nach dem Tod Kapo d'Istrias'
an der Regierung teilnahm und namentlich für Erwählung
des Prinzen Otto von Bayern zum König wirkte; 1848 wurde er
zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften erwählt.
Er starb 25. Febr. 1860. T. ist die Wiederbelebung der
philologischen Studien in Bayern zu danken. Von seinen Schriften
gehören hierher: "Griechische Grammatik, vorzüglich des
Homerischen Dialekts" (Leipz. 1812, 3. Aufl. 1826); "Griechische
Grammatik für Schulen" (das. 1812, 4. Aufl. 1855); "Über
die Epochen der bildenden Kunst unter den Griechen" (Münch.
1816-19, 2 Bde.; 2. Aufl. 1829); die Bearbeitung des Pindar (Leipz.
1820, 2 Bde.); "Allgemeine Ästhetik in akademischen
Lehrvorträgen" (Berl. 1846). Er hat aber auch sehr segensreich
auf die Gestaltung des höhern Schulwesens überhaupt
eingewirkt; er veröffentlichte hierüber: "Über
gelehrte Schulen, mit besonderer Rücksicht auf Bayern"
(Stuttg. 1826-37, 3 Bde. in 12 Abtlgn.); "Über den Zustand der
Universität Tübingen" (Münch. 1830; "Über die
neuesten Angriffe auf die Universitäten" (Stuttg. 1837) und
"über den gegenwärtigen Zustand des öffentlichen
Unterrichts in den westlichen Staaten von Deutschland, in Holland,
Frankreich und Belgien" (das. 1838, 3 Bde.). Auch sonst vertrat er
die Grundsätze freierer Lebensgestaltung. In der Schrift
"Über den angenommenen Unterschied zwischen Nord- und
Süddeutschland" (Münch. 1810) trat er für die
angefeindeten Norddeutschen auf, in "Über Protestantismus und
Kniebeugung in Bayern" (drei Sendschreiben an Döllinger, Marb.
1844) für seine protestantischen Glaubensgenossen. Noch
schrieb er: "De l'état actuel de la Grèce et des
moyens d'arriver à sa restauration" (Leipz. 1833, 2 Bde.).
Sein Leben beschrieb sein Sohn Heinrich T. (Leipz. 1866-67, 2
Bde.). - Sein Bruder Bernhard, geb. 26. April 1794 zu
Kirchscheidungen, 1817 Lehrer in Gumbinnen, 1818 in Lyck, 1823 in
Halberstadt, 1832 Direktor des Gymnasiums in Dortmund, gest. 1.
Sept. 1855 als Emeritus in Bonn, veröffentlichte: "Über
das Zeitalter und Vaterland des Homer" (Halberst. 1824, 2. Aufl.
1832), eine Ausgabe des Aristophanes (nur Bd. 1 und 6, Leipz. 1830)
und der "Thesmophoriazusen" von Aristophanes (Halberst. 1832),
Forschungen über die westfälischen Femgerichte u. a. T.
ist der Dichter des Preußenliedes.
2) Heinrich Wilhelm Josias, Sohn von T. 1), der
wissenschaftliche Vertreter des Irvingianismus in Deutschland, geb.
5. Nov. 1817 zu München, studierte daselbst Philologie, in
Erlangen Theologie, ward 1839 Privatdozent der theologischen
Fakultät zu Erlangen und 1843 Professor in Marburg, legte aber
1850 diese Stelle nieder, um als Pastor an der sich damals in
Norddeutschland bildenden irvingianischen Gemeinde zu wirken, lebte
seit 1864 ohne Amt in München, Augsburg und Basel, wo er 3.
Dez. 1885 starb. Unter seinen Schriften sind zu nennen: "Versuch
zur Herstellung des historischen Standpunktes für die Kritik
der neutestamentlichen Schriften" (Erlang. 1845); "Vorlesungen
über Katholizismus und Protestantismus" (2. Aufl., das. 1848,
2 Bde.); "Über christliches Familienleben" (8. Aufl., Augsb.
1888); "Die Kirche im apostolischen Zeitalter" (3. Aufl., das.
1879); "Döllingers Auffassung des Urchristentums" (Erlang.
1862); "Die Strafgesetze in Bayern zum Schutz der Sittlichkeit"
(Münch. 1868); "Die Gleichnisse Christi" (2. Aufl., Frankf.
1875); "Die Bergpredigt Christi" (2. Aufl., Augsb. 1878);
"Über den christlichen Staat" (Frankf. 1875); "Christian
Heinr. Zellers Leben" (Basel 1876, 2 Bde.); "Die Anfänge der
heiligen Geschichte" (das. 1877); "Über die Gefahren und
Hoffnungen der christlichen Kirche" (2. Aufl., das. 1878);
"Inbegriff der christlichen Lehre" (das. 1886); ferner außer
der Biographie seines Vaters (s. oben): "Griechenlands Schicksale
vom Anfang des Befreiungskriegs bis auf die gegenwärtige
Krisis" (Frankf. 1863). Vgl. Wigand, H. W. T.' Leben, zum Teil von
ihm selbst erzählt (Basel 1887).
3) Karl, Mediziner, Bruder des vorigen, geb. 20. April 1822 zu
München, studierte daselbst, in Berlin, Wien u. Paris, ward
1848 Prosektor für pathologische Anatomie in München,
machte den zweiten schleswig-holsteinischen Krieg unter Stromeyer
als freiwilliger Arzt mit und stellte 1854 bei einer
Choleraepidemie in München experimentelle Untersuchungen
über die Ansteckungsfähigkeit der Cholera an. 1854 wurde
er als Professor der Chirurgie nach Erlangen, 1867 nach Leipzig
berufen. 1870 machte er als konsultierender Generalarzt im 12.
Armeekorps den Krieg gegen Frankreich mit. T. zählt zu den
ersten Chirurgen der Gegenwart. Nach einem von ihm in Gemeinschaft
mit Wunderlich entworfenen Plan wurde das neue Stadtkrankenhaus zu
Leipzig, ein Musterinstitut ersten Ranges, erbaut. Seine
hervorragendsten Untersuchungen beziehen sich auf die Wundheilung,
deren feinere Vorgänge er mikroskopisch zu erforschen suchte.
Die gewonnenen Resultate wurden im "Handbuch der Chirurgie" von
Billroth und Pitha veröffentlicht. Auch die praktische Seite
der Wundheilung förderte T. als einer der ersten durch
Einführung der Salicylsäure als Verbandmittels. über
den Epithelialkrebs lieferte er eine bahnbrechende Arbeit (Leipz.
1865).
4) Ludwig, Maler, geb. 12. April 1825 zu München als Sohn
von T. 1), besuchte die dortige Akademie, um sich unter
Schwanthaler der Bildhauerkunst zu widmen, ging aber nach einigen
Jahren zur Malerei über, worin er Schüler von Heinrich
Heß, Schnorr und insbesondere von Schorn wurde. Nachdem er
eine Sakuntala (1848) und eine Kamisardenszene gemalt, begab er
sich nach Rom und malte Szenen aus dem italienischen Volksleben
sowie einen Hiob unter seinen Freunden. 1852 reiste er mit seinem
Vater nach Athen, schmückte die dortige byzantinische Kirche
des heil. Nikodemus mit Fresken und wurde 1856 nach Wien berufen,
wo er in der griechischen Kirche ebenfalls Fresken ausführte.
Nachdem
655
Thiersheim - Thiviers.
er für den Baron Sina die in Rom entworfenen Kartons:
Charon als Seelenführer, Bakchos' Einzug in den Hain von
Kolonos und Thetis' Klage um Achilleus ausgeführt hatte,
folgte er 1860 einem Ruf nach Petersburg, wo er zahlreiche Bilder
in den Kapellen der Großfürsten Nikolaus und Michael und
in der protestantischen Katharinenkirche malte. Nach seiner
Rückkehr entstanden für die Stiftskirche in Kempten die
Auferweckung der Tochter des Jairus und Christus in Gethsemane,
1866 die Predigt des Paulus auf dem Areopag und in den folgenden
Jahren Christus am Teich Bethesda, eine Ceres, die ihre Tochter
sucht, ein Christus in der Wüste, Alarich in Athen als Sieger
gefeiert und eine Kreuztragung Christi.
5) Friedrich, Architekt, Sohn von T. 2), geb. 18. April 1852 zu
Marburg, besuchte 1868-73 das Polytechnikum in Stuttgart und
bildete sich dann im Atelier von Mylius und Bluntschli für den
praktischen Beruf aus. 1877 und 1878 bereiste er Italien und
Griechenland und entwarf dann mit dem Maler Keuffel die Kartons
für die dekorativen Malereien im Haupttreppenhaus des neuen
Stadttheaters in Frankfurt a. M. Auf Grund dieser Arbeiten wurde er
1879 als Professor der Architektur an die Kunstakademie und die
technische Hochschule in München berufen. Er beteiligte sich
an der Konkurrenz um den Zentralbahnhof in Frankfurt a. M., wobei
sein Entwurf angekauft wurde, und 1881 an der Konkurrenz um die
Rheinbrücke in Mainz. Hier erhielt sein mit den Ingenieuren
Lauten und Bilfinger entworfenes Projekten ersten Preis. In weitern
Kreisen wurde sein Name durch die Konkurrenz um das deutsche
Reichstagsgebäude bekannt, bei welcher ihm ebenfalls der erste
Preis zuerkannt wurde. Jedoch ward nicht er, sondern Wallot mit der
Ausführung des Gebäudes betraut. T. veröffentlichte:
"Die Königsburg von Pergamon" (Stuttg. 1882).
Thiersheim, Flecken im bayr. Regierungsbezirk
Oberfranken, Bezirksamt Wunsiedel, hat eine evang. Kirche, ein
Amtsgericht und (1885) 1178 Einw.
Thiessow, Dorf und Seebad im preuß.
Regierungsbezirk Stralsund, Kreis Rügen, auf der
Südspitze der Halbinsel Mönchgut, hat eine Lotsenstation
und 189 Einwohner.
Thietmar (Dietmar), Bischof von Merseburg,
Geschichtschreiber der Zeit der sächsischen Kaiser, geb. 976
als Sohn des Grafen Siegfried von Walbek, mit dem sächsischen
Kaiserhaus verwandt, im kaiserlichen Stift zu Quedlinburg, im
Klosterberge und in Magdeburg gebildet, wurde 1002 Propst des von
seinem Großvater gestifteten Klosters Walbek, 1009 Bischof
von Merseburg und starb 1. Dez. 1019. Er schrieb eine Chronik in
acht Büchern, welche die Geschichte von 908 bis 1018
umfaßt und an die Geschichte Merseburgs, Sachsens und der
Wendenkriege wertvolle Mitteilungen zur Reichsgeschichte
anschließt. T. ist in der Geschichte seiner Zeit gut
unterrichtet, wahrheitsliebend und anschaulich in der Darstellung;
namentlich sind die drei letzten Bücher (1014-18) fast wie ein
Tagebuch. Weniger gut ist sein lateinischer Stil und die
Komposition, da er immer neue Zusätze und Nachträge
hinzufügte, die sich, da die eigne Handschrift Thietmars
erhalten ist, leicht erkennen lassen. Die einzige zuverlässige
Ausgabe ist die von Lappenberg in den "Monumenta Germaniae
historica", Script. III (besonders, Hannov. 1889), die beste
Übersetzung die von Laurent (2. Aufl., Berl. 1879).
Thimothygras, s. Phleum.
Thing, s. Ding.
Thinis, die älteste Stadt Ägyptens und Heimat
des ersten Pharao, Mena oder Menes, des Begründers des
ägyptischen Reichs und der Stadt Memphis, lag in
Oberägypten westlich vom Nil, wo sich ca. 18 km südlich
von Girge bei El Cherbe und Kôm es Sultân seine Reste
erhalten haben, unweit der mit ihm in engen Beziehungen stehenden
Totenstadt Abydos (s. d. 2).
Thiocyanverbindungen, s. Rhodanverbindungen.
Thionville (spr. tiongwil), Stadt, s. Diedenhofen.
Thioschwefelsäure, s. Unterschweflige
Säure.
Thiosulfate, Unterschwefligsäuresalze, z. B.
Natriumthiosulfat, unterschwefligsaures Natron.
Thirlmere (spr. thirlmihr), kleiner See in der engl.
Grafschaft Cumberland, 1877 von der Stadt Manchester angekauft, die
ihn in ein großes Reservoir für neu zu erbauende
Wasserwerke verwandelt hat.
Thirsk, Stadt in Yorkshire (England), malerisch am
Ostrand der Ebene von York und am Fuß der Hambletonhügel
gelegen, mit (1881) 3337 Einw.
Thirst-quenchers (engl., spr. thörst-kwenntschers,
"Durstlöscher"), moussierende Pastillen gegen Durst.
Thisted, dän. Amt, den nordwestlichsten Teil von
Jütland umfassend, 1688 qkm (30,6 QM.) mit (1880) 64,007 Einw.
Die gleichnamige Hauptstadt im sogen. Thyeland, am nördlichen
Ufer des Limfjords, Endpunkt der Bahnlinie Struer-T, hat eine
ansehnliche Kirche und (1880) 4184 Einw., die recht lebhaften
Handel, Fischerei und Industrie treiben. T. ist Sitz eines
deutschen Konsuls.
Thisted, Valdemar Adolf, dän. Dichter, bekannt unter
dem Pseudonym Em. Saint-Hermidad, geb. 28. Febr. 1815 zu Aarhus,
studierte Theologie in Kopenhagen, ward 1845 Adjunkt an der
Realschule seiner Vaterstadt, 1855 Pfarrer im nördlichen
Schleswig und 1862 nach größern Reisen im Süden zu
Tömmerup auf Seeland, von welcher Stelle er sich 1870
entbinden ließ. Er starb 1889. Von seinen meist auch ins
Deutsche übersetzten Werken sind hervorzuheben die Romane und
Schilderungen: "Vandring i Syden" (1843); "Havfruen" (1846); "Tabt
og funden" (1849, 2 Bde.); ferner: "Episoder fra et Reiseliv"
(1850) und "Romerske Mosaiker" 1851), die Früchte einer Reise
nach Italien; der Roman "Sirenernes Ö" (1853); das romantische
Drama "Hittebarnet" (1854; "Neapolitaniske Aquareller" (1853) und
"Hjemme og paa Vandring" (1854), novellistische Reisestudien; dann
die Dichtungen: "Örkenens Hjerte" (1849) und "Bruden" (1851),
nebst "Digte" (1861); endlich der Roman "Familieskatten" (1856).
Großes Aufsehen erregten seine "Breve fra Helvede" ("Briefe
aus der Hölle", 4. Aufl. 1871, unter dem Pseudonym M. Rowan).
Thisteds Schriften zeichnen sich durch glänzende Darstellung
und reiche Phantasie aus, leiden aber unter großer
Weitschweifigkeit.
Thivä (Thebai), Hauptstadt einer Eparchie des
griech. Nomos Attika und Böotien, an der Stelle der Kadmeia,
der Burg des alten Theben (s. d. 2), gelegen, Sitz eines Bischofs,
mit (1879) 3509 Einw. Aus dem Altertum hat sich nur wenig erhalten,
abgesehen von den zahlreichen Quellen, die in den thebanischen
Mythen eine Rolle spielen. In der Nähe wurden jüngst von
der Deutschen Archäologischen Schule die Reste des von
Pausanias geschilderten, berühmten Kabirentempels
ausgegraben.
Thiviers (spr. tiwjeh), Stadt im franz. Departement
Dordogne, Arrondissement Nontron, an der Eisenbahn
Limoges-Périgueux, hat eine romanische Kirche, ein
Schloß, Fabrikation von Fayence, Handel mit Vieh,
Trüffeln und Käse und (1881) 2127 Einw.
656
Thizy - Thomas.
Thizy (spr. tisi), Stadt im franz. Departement
Rhône, Arrondissement Villefranche, an der Eisenbahn
St.-Victor-Cours, mit bedeutender Fabrikation von Leinwand und
Kattun, Färberei und Appretur und (1881) 3759 Einw.
Thlinkit, Indianerstamm, s. Koloschen.
Thoas, nach griech. Mythus König von Lemnos, wurde,
als die Frauen von Lemnos alle Männer aus der Insel
töteten, von seiner Tochter Hypsipyle (s. d.) gerettet,
später aber von den Lemnierinnen entdeckt und ins Meer
versenkt. Nach andrer Überlieferung entfloh er nach der Insel
Sikinos bei Euböa oder nach Chios oder nach Taurien, dessen
aus der Geschichte der Iphigenie (s. d.) bekannter König T.
nun mit dem lemnischen identifiziert wurde.
Thöl, Johann Heinrich, Autorität auf dem Gebiet
des Handels- und Wechselrechts, geb. 6. Juni 1807 zu Lübeck,
ward 1830 Privatdozent und 1837 Professor der Rechte in
Göttingen, 1842 zu Rostock, kehrte aber 1849 an erstere
Universität zurück und starb 16. Mai 1884 in
Göttingen. Er hat sich namentlich durch "Das Handelsrecht"
(Bd. 1 u. 2, Götting. 1841-48; Bd. 3, Leipz. 1880; Bd. 1, 6.
Aufl., Leipz. 1879; Bd. 2: Wechselrecht, 4. Aufl. 1878) bekannt
gemacht. Außerdem erwähnen wir von ihm: "Volksrecht,
Juristenrecht" (Rost. 1846); "Einleitung in das deutsche
Privatrecht" (Götting. 1851); "Ausgewählte
Entscheidungsgründe des Oberappellationsgerichts der vier
Freien Städte Deutschlands" (das. 1857); "Zur Geschichte des
Entwurfs eines allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuchs" (das.
1861); "Protokolle der Leipziger Wechselkonferenz" (das. 1866);
"Theaterprozesse" (das. 1880); "Handelsrechtliche
Erörterungen" (das. 1882). Vgl. die Gedächtnisschriften
von Frensdorff (Freiburg 1885) und Ehrenberg (Stuttg. 1885).
Tholen, Insel der niederländ. Provinz Zeeland, durch
die Osterschelde und Mündungsarme der Maas gebildet, 24 km
lang, 11 km breit. Auf der Ostküste die Stadt T., mit 2
Kirchen und (1887) 2758 Einw.
Tholey, Flecken im preuß. Regierungsbezirk Trier,
Kreis Ottweiler, hat eine kath. Kirche, ein Amtsgericht,
Eisenerzgruben und (1885) 1155 Einw.; die ehemalige
Benediktinerabtei ward 1793 aufgehoben.
Tholos (griech.), ein aus übereinander nach innen
vortretenden Steinschichten gebildeter Kuppelbau. Solche den
ältesten Zeiten Griechenlands angehörende Kuppelbauten
sind bei Mykenä, Orchomenos u. a. O. entdeckt worden.
Früher für Schatzhäuser gehalten, gelten sie jetzt
als Gräber von Fürsten.
Tholuck, Friedrich August Gotttreu, protest. Theolog,
geb. 30. März 1799 zu Breslau, studierte daselbst und in
Berlin erst orientalische Sprachen, dann Theologie und ward durch
den Verkehr mit den damaligen frommen Kreisen in Berlin für
die pietistische Richtung gewonnen, von welcher sogleich sein
Erstlingswerk: "Die wahre Weihe des Zweiflers" (1823; 9. Aufl. u.
d. T.: "Die Lehre von der Sünde und dem Versöhner", Gotha
1870), zeugte. Seit 1824 außerordentlicher Professor der
Theologie in Berlin, folgte er, von einer wissenschaftlichen Reise
nach England und Holland zurückgekehrt, 1826 einem Ruf als
ordentlicher Professor nach Halle, wo er namentlich auch durch
einen ausgebreiteten Privatverkehr mit den Studierenden sowie als
Prediger und (seit 1867) Oberkonsistorialrat erfolgreich bis zu
seinem 10. Juni 1877 eingetretenen Tod wirkte. Vorübergehend
war er 1828 und 1829 preußischer Gesandtschaftsprediger zu
Rom. Außer der genannten Schrift und Kommentaren zur
Bergpredigt (5. Aufl., Gotha 1872), zu den Psalmen (2. Aufl., das.
1873), zum Römerbrief (5. Aufl., Halle 1856),
Johannesevangelium (7. Aufl., Gotha 1857) und Hebräerbrief (3.
Aufl., Hamb. 1850) sowie zahlreichen Predigten ("Predigten
über die Hauptstücke des christlichen Glaubens und
Lebens", 4 Bde.; 6. Aufl., Gotha 1877) veröffentlichte er:
"Die Glaubwürdigkeit der evangelischen Geschichte" (Hamb.
1837, 2. Aufl. 1838); "Das Alte Testament im Neuen" (das. 1836, 7.
Aufl. 1877); "Der Geist der lutherischen Theologen Wittenbergs im
17. Jahrhundert" (das. 1852); "Das akademische Leben des 17.
Jahrhunderts" (Halle 1853-54, 2 Bde.); "Das kirchliche Leben des
17. Jahrhunderts" (Berl. 1861-62, 2 Abtlgn.); "Lebenszeugen der
lutherischen Kirche vor und während der Zeit des
Dreißigjährigen Kriegs" (Halle 1861); "Geschichte des
Rationalismus" (Bd. 1, Berl. 1865) u. "Stunden christlicher
Andacht" (Hamb. 1840; 8. Aufl., Gotha 1870). Eine Gesamtausgabe
seiner Werke erschien Gotha 1863-67, 11 Bde. Vgl. Kähler, A.
T., ein Lebensabriß (Halle 1877); L. Witte, Tholucks Leben
(Bielef. 1885-86, 2 Bde.).
Thomar, Stadt in der portug. Provinz Estremadura,
Distrikt Santarem, am Nabào und der Eisenbahn
Lissabon-Oporto, hat ein altes Schloß, 2 Kirchen, ein
großes Kloster des Christusordens (dessen Hauptsitz ehemals
die Stadt war), Baumwollindustrie und (1878) 5105 Einw. Unfern die
Ruinen des alten Nabantia.
Thomas, einer der zwölf Jünger Jesu, im vierten
Evangelium nach griechischer Übersetzung des aramäischen
Namens Didymus, d. h. Zwilling, genannt und als Typus der
Schwergläubigkeit behandelt, daher das sprichwörtliche
ungläubiger T. Der ältesten Tradition zufolge predigte er
das Christentum in Parthien oder in Indien. Ebendeshalb betrachten
auch die seit etwa 600 in Malabar wohnenden syrischen Christen
(Thomaschristen) den T. als Stifter ihrer Kirche; vgl. Germann, Die
Kirche der Thomaschristen (Gütersl. 1877). Der geschichtliche
Kern dieser Traditionen dürfte sich auf eine gewisse
Verbindung oder doch wenigstens Bekanntschaft alter christlicher
Missionäre mit den parthisch-indischen Grenzländern
reduzieren. Die Legenden nennen als vom Apostel T. getauft mit
großer Bestimmtheit einen uns durch viele Münzen und
Inschriften bekannten König parthischer Abkunft, welcher in
Peschawar am Indus geherrscht: Gundaphoras oder Gondophares; vgl.
Gutschmid, Rheinisches Museum für Philologie (1864). Dem T.
zugeschrieben werden unter den Apokryphen die "Acta Thomae" und das
"Evangelium secundum Thomam" (vgl. Lipsius, Apokryphe
Apostelgeschichten, Bd. 1, Braunschw. 1883; Bonnet, Acta Thomae,
Leipz. 1883). In der römisch-katholischen Kirche ist dem T.
der 21. Dezember, in der griechisch-katholischen der 6. Oktober
sowie der erste Sonntag nach Ostern (Thomassonntag) geweiht.
Thomas, 1) Charles Louis Ambroise, Komponist, geb. 5.
Aug. 1811 zu Metz, war 1828-32 Schüler des Pariser
Konservatoriums und errang im letztgenannten Jahr mit der Kantate
"Herman et Ketty" den römischen Preis. Nach dreijährigem
Aufenthalt in Italien nach Paris zurückgekehrt,
debütierte er 1837 als dramatischer Komponist mit der
komischen Oper "La double échelle", welche jedoch so wenig
wie sieben weitere Arbeiten dieser Gattung einen nennenswerten
Erfolg hatte. Erst mit den komischen Opern: "Le Caïd" (1849)
und "Le songe d'une nuit d'été" (1850), gelang es
ihm, die Teilnahme des Publikums in vollem Maß zu
gewinnen
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Thomas a Kempis - Thomas von Celano.
und in die Reihe der ersten dramatischen Komponisten Frankreichs
zu treten. Von seinen während der folgenden Jahre
aufgeführten sechs Opern fand nur "Psyche" (1857) einigen
Beifall, wogegen "Mignon" (1866) vollständig durchschlug und
nicht nur in Paris, sondern auch im Ausland glänzenden Erfolg
hatte. Eine günstige Aufnahme fand auch "Hamlet" (1868),
während sein letztes Werk, "Françoise de Rimini"
(1882), nur einen mäßigen Erfolg hatte. T.' Musik
zeichnet sich durch angenehme, wenn auch bisweilen an
Trivialität streifende Melodik, geistvolle Orchestration und
namentlich durch effektvolle Behandlung der Singstimmen aus, steht
jedoch an Originalität hinter der seiner Vorgänger auf
dem Gebiet der großen wie der komischen Oper weit
zurück. Unter seinen sonstigen Werken befinden sich ein
Requiem, eine solenne Messe, ein Streichquintett und -Quartett,
eine Phantasie für Klavier und Orchester, Klavier- und
Gesangstücke u. a. Auch als Musikpädagog hat sich T.
ausgezeichnet, nachdem er 1871 als Nachfolger Aubers zum Direktor
des Konservatoriums erwählt war, welcher Anstalt er schon
Jahre zuvor als Komposttionslehrer angehört hatte. Seit 1868
ist er auch Kommandeur der Ehrenlegion.
2) George H., amerikan. General, geb. 1816 in Southampton County
(Virginia), ward in West Point erzogen, 1840 Leutnant der
Artillerie, diente in Florida u. Texas und machte auch den
mexikanischen Krieg mit. Beim Ausbruch des Bürgerkriegs 1861
Kavallerieoberst in der Unionsarmee, erhielt er den Oberbefehl
über die Reiterei auf dem westlichen Kriegsschauplatz, siegte
19. März 1862 bei Mill Spring, zeichnete sich in der Schlacht
am Chickamanga (19. und 20. Sept. 1863) durch seine Standhaftigkeit
und Umsicht aus, befehligte 1864 ein Korps unter Sherman auf dem
Marsch nach Atlanta, dann in Tennessee, siegte 15.-16. Dez. 1864
bei Nashville, erhielt nach dem Krieg ein Militärkommando im
Süden, dann das in San Francisco und starb daselbst 28.
März 1870. Bescheidenheit und Uneigennützigkeit
zeichneten ihn als Menschen, Tapferkeit, Ausdauer und methodische
Bildung als Soldaten aus. Sein Leben beschrieben R. W. Johnson
(Philad. 1881) und van Horne (New York 1882).