Thermochemie (griech.), die Lehre von den durch chemische

Prozesse bedingten Wärmeerscheinungen. Die neuere Physik lehrt

bekanntlich, daß der Wärmezustand eines Körpers

bedingt werde durch die Art der Bewegung der kleinsten

Massenteilchen, der Moleküle. Je schneller sich diese Teilchen

bewegen, je größer ihre lebendige Kraft ist, um so

wärmer erscheint uns der Körper, dem sie angehören;

je geringer dagegen die Geschwindigkeit der Moleküle ist, um

so weniger Wärme wird der Körper zu enthalten scheinen.

Mithin muß, wenn durch irgendwelche äußere

Einwirkung oder innere Veränderung die Bewegung der

Moleküle in einem beliebigen Massensystem geändert wird,

auch der Wärmezustand dieses Systems eine Veränderung

erleiden. Wenn sich zwei isolierte Gasatome, die sich vollkommen

unabhängig voneinander bewegen, zu einem Molekül

vereinen, so werden bedeutende Bewegungsgrößen

zerstört, da die früher frei beweglichen Atome durch die

chemische Verbindung gezwungen sind, sich innerhalb bestimmter

Grenzen zu bewegen. Der scheinbare Wärmeinhalt des Systems

wird also nach der Vereinigung der beiden Atome ein geringerer

sein, es wird während der Vereinigung Wärme nach

außen abgegeben. Mithin wird bei der chemischen Vereinigung

zweier Atome stets Wärme frei. Zur Trennung der chemisch

vereinten Atome ist die Anziehungskraft zu überwinden, welche

die Atome zwingt, sich innerhalb bestimmter Grenzen zu bewegen; den

Atomen ist eine so lebhafte Bewegung mitzuteilen, daß sie

sich voneinander losreißen, sich unabhängig voneinander

bewegen können. Es wird also bei der Zersetzung einer

chemischen Verbindung Wärme von außen zugeführt

werden müssen, es wird Wärme gebunden werden und zwar

genau so viel, wie bei der Entstehung der betreffenden Verbindung

frei geworden war. Da nun aber bei der Entstehung einer chemischen

Verbindung um so mehr Wärme frei wird, je größer

die durch die Affinität zerstörten oder richtiger in

Wärme verwandelten Bewegungsgrößen der

Elementaratome oder nähern Bestandteile der fraglichen

Verbindung waren, so gibt die frei werdende Wärmemenge ein

relatives Maß der bei der Entstehung der fraglichen

Verbindung sich betätigenden Verwandtschaftskräfte ab,

vorausgesetzt, daß nicht anderweitige physikalische oder

chemische Vorgänge, welche sich neben der eigentlichen

Reaktion abspielen, von Wärmeerscheinungen begleitet sind. Das

letztere ist nun gewöhnlich der Fall, so daß die

thermochemischen Daten nur mit Vorsicht als Maß für die

chemischen Verwandtschaftskräfte zu benutzen sind. Wenn bei

der Vereinigung von Wasserstoff und Chlor zu gasförmiger

Chlorwasserstoffsäure 22 Kal. entwickelt werden, so ist diese

Wärmeentwickelung nicht durch die bei der Vereinigung der

beiden Gase in Frage kommende Affinität allein bedingt,

sondern es kommen noch andre Faktoren in Betracht. Der Prozeß

ist nicht: H+Cl==HCl, sondern: H2+Cl==2HCl, d. h. es müssen

erst die Wasserstoff- und die Chlormoleküle in die diskreten

Atome zerlegt werden, ehe die letztern sich zu Chlorwasserstoff

vereinigen können. Die oben angeführte

Wärmetönung gibt also die Bildungswärme des

Chlorwasserstoffs, vermindert um die Zersetzungswärme der

Wasserstoff- und der Chlormoleküle. Aus dem Umstand, daß

jede Wärmetönung, wie sie durch die direkte Beobachtung

gegeben wird, als eine Differenz angesehen werden muß, ergibt

sich auch die Erklärung für die sonst

schwerverständliche Thatsache, daß viele Verbindungen

unter Wärmeabsorption entstehen. Nichtsdestoweniger haben die

thermochemischen Daten als relatives Maß der bei einem

chemischen Prozeß zum Ausgleich kommenden Affinitäten

ihren hohen Wert. Man darf eben nur auf solche Prozesse

bezügliche Zahlen direkt miteinander vergleichen, welche

analog verlaufen und Produkte von analoger Konstitution liefern, so

daß man eine annähernde Gleichheit der sekundären

Wärmeerscheinungen annehmen kann. Die letztern werden sich

dann bei der Differenzierung aufheben.

Es gibt eine Reihe wichtiger chemischer Prozesse, deren Verlauf

teils wegen der Langsamkeit der Reaktion, teils wegen der geringen

Beständigkeit der dabei entstehenden Produkte und aus

ähnlichen Gründen keiner genauen thermischen Untersuchung

unterzogen werden kann. Will man nun dennoch einen Aufschluß

über die durch derartige Prozesse bedingten

Wärmeerscheinungen erhalten, so muß man mittels

Rechnungsoperationen aus anderweitigen Versuchsdaten

erschließen, was die direkte Beobachtung nicht ergeben kann.

Die Handhabe für diese Rechnungen bietet der sogen. zweite

Hauptsatz der T., welcher aussagt, daß, wenn ein System

einfacher oder zusammengesetzter Körper unter bestimmten

äußern Umständen und Bedingungen chemische und, wie

wir gleich hinzusetzen können, physikalische

Veränderungen erleidet, die dabei auftretende

Wärmeabsorption oder Emission allein von dem Anfangszustand

und dem Endzustand des Systems abhängig ist und dieselbe

bleibt, welches immer die Beschaffenheit und die Aufeinanderfolge

der Zwischenzustände sei. Es geht daraus hervor, daß,

wenn ein System von zwei verschiedenen Anfangszuständen zu

demselben Endzustand oder von einem und demselben Anfangszustand zu

zwei verschiedenen Endzuständen übergeführt wird,

die Differenz der diesen beiden Prozessen entsprechenden

Wärmetönungen diejenige Wärmetönung ergibt,

welche dem übergang des Systems aus dem einen Anfangs-, bez.

Endzustand in den andern entspricht. Die Affinitätskräfte

beruhen auf der Zerstörung von Bewegungsgrößen oder

richtiger auf ihrer Verwandlung in Wärme. Jedes bewegte

Massensystem strebt aber dem Zustand des stabilen Gleichgewichts

zu, und das Gleichgewicht ist am stabilsten, wenn das System den

größtmöglichen Verlust an lebendiger Kraft er-

643

Thermochrose - Thermoelektrizität.

litten hat. Mithin ist stets die wahrscheinlichste Reaktion,

vorausgesetzt, daß nur die Affinitätskräfte den

Verlauf derselben bedingen, diejenige, bei welcher die Atome den

größten Verlust an lebendiger Kraft erleiden, bei

welcher also die größte Wärmemenge entwickelt wird.

Dies Prinzip der größten Arbeit, das am meisten

bestreitbare und auch bestrittene Prinzip der T., ist nur eine

erste Annäherung, welche man unter Vernachlässigung aller

sekundären Kräfte erhält, und welche ihren Wert nur

so lange bewahren kann, als diese Vernachlässigung statthaft

ist. Unter dieser Voraussetzung hat das Prinzip für die

Beurteilung der Wahrscheinlichkeit einer Reaktion seinen

großen Wert. Ein Problem, an dessen Lösung man oft

gezweifelt hat, ist das, was eintritt, wenn man eine Säure auf

das Salz einer andern Säure einwirken läßt. Bringt

man z. B. Natriumsulfat und Salpetersäure zusammen, so

könnten folgende Reaktionen eintreten: die Salpetersäure

könnte die Schwefelsäure vollkommen verdrängen, so

daß in der Lösung schließlich nur Natriumnitrat

und freie Schwefelsäure vorhanden wären. Es könnte

aber auch eine nur teilweise Verdrängung der

Schwefelsäure eintreten, so daß wir eine Mischung von

Natriumnitrat und Natriumsulfat, von freier Salpetersäure und

freier Schwefelsäure in der Endlösung anzunehmen

hätten. Die Schwefelsäure würde sich dann aller

Wahrscheinlichkeit nach mit dem Natriumsulfat zu Natriumbisulfat

vereinigen. Die T. hat die vollkommene Sicherheit dafür

verschafft, daß die zuletzt erwähnte Teilung im

Schoß der Lösung vor sich geht. Die T. liefert also

nicht allein die Mittel, um die Affinitätskräfte einer

genauen relativen Messung zu unterziehen, sie gibt zugleich

Aufschluß über die Wirkungen dieser Kräfte in

Fällen, wo alle rein chemischen Methoden bisher versagt haben.

Sie gibt die Handhabe, um über die Möglichkeit, in vielen

Fällen sogar über die Wahrscheinlichkeit des Verlaufs

eines chemischen Prozesses von vornherein zu entscheiden, und

eröffnet der theoretischen chemischen Forschung dadurch ganz

neue Bahnen. Vgl. Berthelot, Méchanique chimique (Par. 1879,

2 Bde.); Thomsen, Thermochemische Untersuchungen (Leipz. 1882-1886,

4 Bde.); Naumann, Lehr- und Handbuch der T. (Braunschw. 1882);

Jahn, Grundsätze der T. (Wien 1882); Horstmann, Theoretische

Chemie einschließlich der T. (Braunschw. 1885); Ditte,

Anorganische Chemie, gegründet auf die T. (deutsch von

Böttger, Berl. 1886).

Thermochrose (griech., Wärmefärbung), s.

Wärmestrahlung.

Thermoelektrizität (griech.), durch Wärme

hervorgerufene Elektrizität. Lötet man einen Bügel m

n (Fig. 1) von Kupfer an einen Wismutstab o p und erwärmt die

eine Lötstelle, so zeigt eine innerhalb des Bügels auf

einer Spitze schwebende Magnetnadel a durch ihre Ablenkung,

daß ein elektrischer Strom entstanden ist, welcher an der

erwärmten Lötstelle vom Wismut zum Kupfer übergeht.

Wird die Lötstelle unter die Temperatur der umgebenden Luft

abgekühlt, so entsteht ein thermoelektrischer Strom von

entgegengesetzter Richtung. Verbindet man einen Antimonstab mit dem

Kupferbügel, so geht der Strom an der erwärmten

Lötstelle vom Kupfer zum Antimon. Einen solchen aus zwei

Metallen, welche an zwei Stellen miteinander verlötet sind,

gebildeten Bogen nennt man ein geschlossenes thermoelektrisches

Element (Thermoelement). Zwei Metallstäbchen, welche

bloß am einen Ende zusammengelötet sind, während

die freien Enden Leitungsdrähte tragen, bilden ein offenes

thermoelektrisches Element (Fig. 2), das zu einem geschlossenen

wird, wenn man die Drahtenden miteinander in leitende Verbindung

bringt. Die verschiedenen Metalle lassen sich in eine Reihe

(thermoelektrische Spannungsreihe) derart ordnen, daß, wenn

man aus zwei derselben ein Element bildet und die Lötstelle

erwärmt, der positive Strom von dem in der Reihe höher

stehenden Metall zu dem tiefer stehenden übergeht; diese Reihe

ist: Wismut, Quecksilber, Platin, Gold, Kupfer, Zinn, Blei, Zink,

Silber, Eisen, Antimon. Einige Schwefel- und Arsenmetalle sowie

einige Oxyde, z. B. Kupferkies, Arsenikkies, Bleiglanz, Pyrolusit

etc., stehen noch über dem Wismut, eine Legierung aus 2 Teilen

Antimon mit 1 Teil Zinn noch unter dem Antimon. Zur Konstruktion

möglichst wirksamer Thermoelemente wählt man zwei

Metalle, welche in der Spannungsreihe weit voneinander entfernt

stehen, z. B. Wismut und Antimon. Die Wirkung wird verstärkt,

wenn man mehrere Elemente nach Art der Voltaschen Säule zu

einer thermoelektrischen Säule (Thermosäule, Fig. 3)

verbindet; mehrere Stäbchenschichten, deren Zwischenräume

mit einer isolierenden Substanz ausgegossen sind, werden, zu einem

Bündel vereinigt, in eine Fassung p (Fig. 4) gebracht, so

daß ihre Endstäbchen mit den Stiften x und y in

leitender Berührung stehen. Eine solche Thermosäule in

Verbindung mit einem Galvanometer (Multiplikator) wird

Thermomultiplikator genannt und bildet ein sehr empfindliches

Mittel zum Nachweis und zur Messung der strahlenden Wärme.

Marcus hat eine größere Thermosäule konstruiert,

worin einerseits eine Legierung aus 10 Teilen Kupfer, 6 Teilen Zink

und 6 Teilen Nickel, an-

41*

644

Thermograph - Thermometer.

derseits eine solche aus 12 Teilen Antimon, 5 Teilen Zinn und 1

Teil Wismut angewandt wird. Die eine Reihe der Lötstellen wird

durch Flammen erwärmt, die andre durch Wasser oder Eis

gekühlt. 30 Elemente dieser Art erzeugen einen Elektromagnet

von 75 kg Tragkraft. Weit günstigere Resultate gibt die

Thermosäule von Noë, deren 20 Elemente sternförmig

angeordnet sind, von der Mitte aus durch einen Bunsenschen Brenner

erwärmt werden und durch Vermittelung kupferner Blechspiralen

die Wärme an die Luft abgeben. Ebenfalls auf Luftkühlung

eingerichtet ist die Clamondsche Thermosäule; auch sie wird

von einem cylindrischen Hohlraum aus geheizt, um welchen die

Elemente in übereinander geschichteten Kränzen aufgebaut

sind. Vier solche Säulen zu je 400 Elementen, welche zusammen

pro Stunde 3,2 cbm Gas verzehren, ersetzen 50 Bunsenelemente und

können demnach elektrisches Kohlenlicht erzeugen. Leitet man

durch ein Thermoelement einen galvanischen Strom, so bringt

derselbe an der Lötstelle eine Temperaturveränderung

hervor, welche derjenigen entgegengesetzt ist, die einen

Thermostrom von gleicher Richtung erzeugen würde. Geht z. B.

der galvanische Strom vom Antimon zum Wismut, so erwärmt sich

die Lötstelle; sie kühlt sich dagegen ab, wenn der Strom

vom Wismut zum Antimon übergeht (Peltiers Phänomen).

Thermograph (griech.), s. Registrierapparate.

Thermographie (griech.), graphische Darstellung der

Schwankungen der Körpertemperatur bei fieberhaften

Krankheiten; auch ein dem Naturselbstdruck (s. d.) ähnliches

Verfahren mechanischer Vervielfältigung, von Abate in Neapel

erfunden, das aber nur geringe Verbreitung gefunden hat.

Thermohypsometer (griech.), s. Barothermometer.

Thermolyse (griech.), s. v. w. Dissociation.

Thermometer (griech., Wärmemesser), Instrument zur

Bestimmung der Temperatur. Bei den gewöhnlichen Thermometern

mißt man die durch das Fallen und Steigen der Temperatur

veranlaßten Volumveränderungen einer in einem

Gefäß mit Kapillarrohr eingeschlossenen

Flüssigkeit, besonders des Quecksilbers. Das Gefäß

ist am besten cylindrisch, weil es bei dieser Form im

Verhältnis zu der von ihm aufgenommenen Quecksilbermenge der

Umgebung eine größere Oberfläche darbietet. Je

größer die Kapazität des Gefäßes im

Verhältnis zum Querschnitt des Kapillarrohrs ist, desto

merklicher wird das Steigen oder Sinken des Quecksilbers bei

gleicher Änderung der Temperatur sein. Das Rohr des

Thermometers muß überall gleiche innere Weite haben, so

daß ein Quecksilberfaden an allen Stellen desselben gleiche

Länge behält. Bei der Anfertigung des Thermometers wird

die Luft vollständig aus dem Instrument entfernt. Der Raum

über dem Quecksilber muß absolut luftleer sein, so

daß letzteres das Rohr beim Umkehren des Instruments bis in

die äußerste Kuppe füllt. Das fertige T. wird in

schmelzendes Eis getaucht und der Stand des Quecksilbers bestimmt.

So erhält man den Gefrierpunkt. Zur Bestimmung des

Siedepunktes hängt man das T. in einer Röhre auf, durch

welche der Dampf von kochendem destillierten Wasser strömt,

und markiert den Stand des Quecksilbers. Durch den Druck der

äußern Luft auf das luftleere Instrument wird das

Gefäß des letztern etwas zufammengepreßt und

dadurch die Skala etwas verrückt. Es ist deshalb der

Gefrierpunkt nach längerer Zeit wiederholt zu bestimmen. Den

Raum zwischen Gefrier- und Siedepunkt teilt Reaumur in 80, Celsius

in 100 Teile oder Grade. Auf den Fahrenheitschen Thermometern ist

der Eispunkt mit 32, der Siedepunkt mit 212 bezeichnet, der 0-Punkt

liegt also 3.2° F. unter dem Eispunkt. Die Grade über dem

Gefrierpunkt werden durch das Zeichen +, die unter dem Gefrierpunkt

durch - bezeichnet. Um die Angaben einer der verschiedenen Skalen

in eine andre zu übertragen, dienen folgende Formeln:

t° C. = 8/10 t° R. oder 9/5 t + 32° F.,

t° R. = 10/8 t° C. oder 9/4 t + 32° F.,

t° F. = 5/9 (t -32)° C. oder 4/9 (t - 32)° R.

Vergleichnng der Thermometerskalen.

C. R. F. C. R. F.

-40 -32 -40 35 28 95

-35 -28 -31 40 32 104

-30 -24 -22 45 36 113

-25 -20 -13 50 40 122

-20 -16 - 4 55 44 131

-15 -12 5 60 48 140

-10 - 8 14 65 52 149

- 5 - 4 23 70 56 158

0 0 32 75 60 167

5 4 41 80 64 176

10 8 50 85 68 185

15 12 59 90 72 194

20 16 68 95 76 203

25 20 77 100 80 212

30 24 86

Bei Siedepunktbestimmungen ist immer der Barometerstand zu

berücksichtigen, weil das Sieden einer Flüssigkeit von

dem auf ihr lastenden Druck abhängig ist. Die

Thermometerskalen beziehen sich stets auf normalen Barometerstand

von 760 mm. Über den Siedepunkt des Wassers hinaus trägt

man die Skala empirisch auf und kann sie bis fast zum Siedepunkt

des Quecksilbers ausdehnen. Bei -40° gefriert das Quecksilber,

und man bedient sich daher zur Messung

Fig. 1. Rutherfords Maximum- und Minimumthermometer.

niedriger Temperaturen des Alkoholthermometers, welches ebenso

wie das Quecksilberthermometer angefertigt und nach einem solchen

graduiert wird. Rutherfords Maximum- und Minimumthermometer

(Thermometrograph, Fig. 1) gibt die höchste und die niedrigste

Temperatur an, welche in einer gewissen Zeit geherrscht hat. Es

besteht aus einem Weingeist- und einem Quecksilberthermometer,

deren Röhren horizontal liegen. In der Röhre des

Quecksilberthermometers schiebt das Quecksilber einen feinen

Stahlcylinder vor sich her, läßt ihn aber liegen, wenn

es sich bei fallender Temperatur zusammenzieht. Im

Weingeistthermometer befindet sich ein feines Glasstäbchen,

welches aus

645

Thermometer (zu verschiedenen Zwecken).

dem Weingeist nicht herauszufallen vermag; es folgt dem beim

Sinken der Temperatur sich zusammenziehenden Weingeist, bleibt aber

liegen, wenn der Weingeist sich wieder ausdehnt. Das Sixsche

Maximum- und Minimumthermometer (Fig. 2) besteht aus einer

heberförmig gebogenen Röhre n o p, deren unterer Teil

Quecksilber enthält. Das Gefäß d und der linke

Schenkel sind bis auf das Quecksilber mit Weingeist gefüllt;

im rechten Schenkel, der mit dem Gefäß q endigt,

befindet sich über dem Quecksilber ebenfalls Weingeist. Jeder

Schenkel der Röhre enthält in seinem mit Weingeist

gefüllten Teil einen Stahlstift a und b, von denen der

letztere bei steigender Temperatur, der erstere bei fallender

Temperatur durch das Quecksilber hinaufgeschoben und beim

Rückgang des Quecksilbers stehen gelassen wird. Der Stift a

gibt also das Minimum, der Stift b das Maximum der Temperatur seit

der letzten Einstellung an. Die Einstellung wird durch einen

kleinen von außen an die Röhre gehaltenen Magnet

bewirkt, durch welchen man die beiden Stifte wieder bis zu den

Quecksilberkuppen herabzieht. Das Six-T. ist namentlich zum Messen

der Temperatur der Meerestiefen sehr geeignet. Zur Messung der

menschlichen Blutwärme gebrauchen die Ärzte ein kleines

Maximumthermometer, das sogen. Fieberthermometer (Fig. 3,

natürliche Größe), von dessen Quecksilbersäule

das obere Stück durch eine ganz kleine Luftblase von dem

übrigen Queck-Silber abgetrennt ist. Beim Steigen wird der

abgetrennte Faden vorgeschoben und bleibt bei der Abkühlung an

der erreichten Stelle stehen. Durch Schwingen des Thermometers

muß vor jeder neuen Beobachtung der abgetrennte Faden wieder

bis zum übrigen Quecksilber zurückgeführt werden,

wobei eine doppelte Umbiegung der Röhre eine völlige

Vereinigung mit diesem verhindert. Beim Gebrauch steckt man das

Gefäß des Thermometers in die Achselhöhle oder in

den After des Kranken und wartet 10 Minuten bis zur Ablesung. Die

Einteilung gestattet, Zehntelgrade abzulesen, und braucht nur im

Bereich der vorkommenden Bluttemperaturen ausgeführt zu sein.

Das Geothermometer zum Messen der Temperatur in Bohrlöchern

ist ein Ausflußthermometer, es besitzt ein großes

cylindrisches Gefäß, welches mittels Korks zwischen zwei

durch Schrauben verbundene Metallplatten eingeklemmt ist; die

Röhre ist oben offen u. so kurz, daß der Endpunkt der

Skala noch unter der zu messenden Temperatur liegt. Füllt man

nun das Rohr vollständig mit Quecksilber u.

überläßt das Instrument einige Zeit neben einem

gewöhnlichen T. sich selbst, so kann man die Temperatur,

welche es anzeigt, als T notieren; senkt man es dann ins Bohrloch,

so dehnt sich das Quecksilber aus, und ein Teil desselben

fließt aus. Nach dem Versuch zeigt das Geothermometer t1°

und ein gewöhnliches T. daneben t°, wobei t1 kleiner ist

als t. Die Temperatur im Bohrloch ist dann x=t-t1+T. Für

wissenschaftliche Zwecke wendet man das Luftthermometer (s.

Ausdehnung, S. 110) an, bei welchem die Ausdehnung oder

Druckzunahme eines bestimmten Volumens Luft gemessen wird. Dieses

Instrument gibt zwischen 0 und 100° dieselben Grade an wie das

Quecksilberthermometer, über 100° hinaus gibt dagegen

letzteres stets höhere Temperaturen an. Das Quecksilber dehnt

sich nämlich von 0-100° gleichförmig, von 100° an

aber in einem stärkern Verhältnis aus. Nur die Ausdehnung

der Luft ist der absorbierten Wärmemenge stets proportional,

und deshalb muß man auch, wenn es sich um genaue Bestimmung

höherer Temperaturen handelt, stets das Luftthermometer

anwenden. Die Benutzung desselben ist aber umständlich, da man

die Temperatur nicht direkt ablesen, sondern jedesmal durch einen

mehr oder minder umständlichen Versuch ermitteln muß.

Das Metallthermometer von Breguet (Fig. 4) ist ein

spiralförmig gewundenes, 1-2 mm breites Band, das aus Silber,

Gold u. Platin besteht. Drei Streifchen dieser Metalle sind so

aufeinander gelötet, daß sich das Gold in der Mitte

zwischen dem stärker ausdehnbaren Silber u. dem weniger

ausdehnbaren Platin befindet, und dann zu einem sehr dünnen

Band ausgewalzt. Das eine Ende der Spirale A ist an einem Stativ

befestigt, das andre B trägt einen Zeiger cd, der über

einer Kreisteilung schwebt. Beim Wechsel der Temperatur windet sich

die Spirale auf oder zu und bewegt so den Zeiger, dessen Angaben

nach einem guten Quecksilberthermometer reguliert werden. Das

Instrument ist äußerst empfindlich. Bei dem abgebildeten

Metallthermometer hängt ein an der Nadel cd befestigtes

Stäbchen in das Quecksilbergefäß H H herab, welches

mit dem Messingbügel N N A nur durch das Spiralband in

leitender Verbindung steht. Wird nun das

Quecksilbergefäß mit dem einen, der Messingbügel

mit dem andern Pol eines galvanischen Stromerzeugers verbunden, so

geht der Strom durch das Spiralband, welches sich infolgedessen

erwärmt, und die Nadel dreht sich um eine der Stärke des

Stroms entsprechende Anzahl von Graden. Das Quadrantenthermometer

(Fig. 5) enthält ein innen aus

646

Thermometer (Tiefsee -T.).

Kupfer, außen aus Platin bestehendes, kreisförmig

gebogenes Band fgh, dessen eines Ende f befestigt ist, während

das andre t t mittels eines Hebelwerks boa durch den gezahnten

Bogen cd einen Zeiger z z in Bewegung setzt, sobald sich das Band

mehr streckt oder biegt. Bei abnehmender Temperatur bewirkt die

Spiralfeder s s eine Drehung in entgegengesetzter Richtung. Auf

demselben Prinzip beruht das Metall-Maximum- und Minimumthermometer

von Herrmann und Pfister (Fig. 6). Das eine Ende der Spirale s s,

welche aus zwei Metallstreifen, außen Stahl, innen Messing,

zusammengelötet ist, ist an einen festen Metallzapfen a

angeschraubt, das andere Ende b ist frei. Steigt die Temperatur, so

dehnt sich das Messing stärker aus als der Stahl, die Spirale

öffnet sich etwas, ihr freies Ende geht nach links u. schiebt

den leicht beweglichen Zeiger cd mittels des Stifts p vor sich her;

beim Erkalten schließt sich die Spirale wieder mehr, ihr

freies Ende bewegt sich nach rechts, läßt den Zeiger cd

auf der erreichten Maximaltemperatur stehen und schiebt nun den

Zeiger fg mittels des Stifts q nach rechts, wo derselbe bei

erneuter Erwärmung stehen bleibt und das Temperaturminimum

anzeigt. Die bogenförmige Skala wird durch Vergleichung mit

einem Quecksilberthermometer graduiert. Solche Spiralen eignen sich

sehr gut zur Konstruktion selbstregistrierender T. (s.

Registrierapparate, S. 664).

Das Tiefseethermometer von Negretti und Zambra ist ein

gewöhnliches Quecksilberthermometer mit cylindrischem

Gefäß, dessen Hals verengert und auf besondere Weise

zusammengezogen ist (Fig. 7 u. 8). Jenseit dieser Verengerung ist

das Thermometerrohr mehr ausgebogen und bildet eine kleine Bucht

zur Aufnahme von Quecksilber. Das Ende der alsdann gerade

verlaufenden Röhre bildet ein Reservoir für das aus dem

cylindrischen Gefäß abfließende Quecksilber. Wird

der Apparat zunächst so gehalten, daß dies

Gefäß sich unten befindet, so füllt das Quecksilber

die ganze Röhre bis zu einem Raum in dem Reservoir am Ende

derselben, welcher für die Ausdehnung des Quecksilbers

genügt, sobald die Temperatur steigt. Kommt nun aber durch

eine plötzliche Umkehrung des Apparats das cylindrische

Gefäß nach oben, so zerreißt das Quecksilber bei

der Verengerung des Halses, u. der abgerissene Teil des

Quecksilbers fließt die Röhre hinab und füllt das

Reservoir u. einen Teil der Röhre oberhalb desselben,

entsprechend der jedesmaligen Temperatur zur Zeit der Umkehrung;

die Röhre ist deshalb von dem Reservoir aus nach oben in Grade

eingeteilt und bildet die Thermometerskala. Um das Instrument zur

Beobachtung vorzubereiten, muß das cylindrische

Gefäß nach unten gebracht werden und so lange in dieser

Lage verharren, bis es bei seinem Herablassen in das Wasser die

Temperatur seiner Umgebung angenommen hat (Fig. 7). Will man nun

für irgend eine Tiefe des Meers, eines Sees oder eines Flusses

die Temperatur bestimmen, so muß man das T. umkehren, so

daß das cylindrische Gefäß nach oben kommt (Fig.

8), und es in dieser Lage halten, bis die Ablesung nach dem

Heraufholen des Thermometers gemacht ist. Die Menge des

Quecksilbers in dem untern graduierten Teil der Röhre ist

nämlich so gering, daß sie von einer Änderung der

Temperatur während des Heraufholens nicht oder nur sehr

unbedeutend beeinflußt wird (ausgenommen, wenn diese sehr

beträchtlich sein sollte). Dagegen wird sich das Quecksilber

in dem cylindrischen Gefäß mit der Ab- und Zunahme der

Wärme zusammenziehen oder ausdehnen. In dem letztern Fall wird

etwas Quecksilber die Verengerung am Hals des Gefäßes

passieren, in die oben erwähnte seitliche Ausbuchtung gelangen

und dort verbleiben, solange das Gefäß aufwärts

gerichtet ist; somit bleibt die Quecksilbermenge bei dieser Lage

des Thermometers in dem untern Teil der Röhre

unverändert. Die nach dem Heraufholen des Thermometers mittels

der eingeteilten Lotleine an der Oberfläche erfolgende

Ablesung desselben gibt also in der That die wirkliche Temperatur

der betreffenden, durch die Lotleine bestimmten Tiefenschicht

647

Thermomètre automoteur - Theromorphie.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 187 / 302 段