Theophilanthropen (Theanthropophilen, griech., "Gottes-

und Menschenfreunde"), deistische Religionsgesellschaft in

Frankreich, welche sich 1796 in Paris zur Erhaltung der Religion

bildete und vom Direktorium zehn Pfarrkirchen in Paris

eingeräumt erhielt, aber schon 1802 erlosch. Vgl.

Grégoire, Geschichte des Theophilanthropismus (deutsch,

Hannov. 1806).

Theophilos, 1) oström. Kaiser, Sohn Michaels II.,

schon von diesem zum Mitkaiser erhoben, bestieg nach dem Tode

desselben im Oktober 829 den Thron. Er war ein talentvoller,

hochgebildeter Fürst, welcher strenge Gerechtigkeit übte,

die Wissenschaften und Künste förderte, die Hauptstadt

mit prächtigen Bauten schmückte und ihre Festungswerke

verstärkte. Er war ein eifriger Bilderfeind und verfolgte die

Verehrer derselben, namentlich die halsstarrigen Mönche. Er

kämpfte tapfer gegen die Araber, erlitt aber mehrere

Niederlagen und konnte nicht verhindern, daß 838 der Kalif

Mutassim auf einem großen Heereszug seine Heimatstadt Amorion

in Phrygien eroberte und zerstörte. Er starb 20. Jan. 842 und

hinterließ die Regierung seinem unmündigen Sohn Michael

III. unter der Vormundschaft seiner Gemahlin Theodora.

2) Ein Heidenchrist, seit 168 Bischof von Antiochia, wo er 180

und 181 die drei Bücher an den Autolykos schrieb, eine

Apologie des Christentums (hrsg. von Otto im "Corpus apologetarum",

Bd. 8, Jena 1861).

3) Nach der Legende Bistumsverweser zu Adana in Kilikien,

verschrieb sich, infolge von Verleumdungen seines Amtes entsetzt,

dem Teufel und ward hieraus restituiert. Von Gewissensbissen

gefoltert, wandte er sich später an die heilige Jungfrau,

erhielt von dieser die verhängnisvolle Handschrift zurück

und starb drei Tage darauf. Diese schon im 10. Jahrh. vorhandene

Legende, eine Vorläuferin der Faustsage, ward bis in das 16.

Jahrh. herab dichterisch behandelt. Bearbeitungen wurden

herausgegeben unter andern von Blommaert (eine niederländische

metrische des 14. Jahrh., Gent 1836); von Pfeiffer (Stuttg. 1846)

aus den Marienlegenden des Verfassers des alten Passionals; von

Ettmüller (Quedlinb. 1849); von Hoffmann von Fallersleben

(Hannov. 1853) nach dramatischer Bearbeitung in niederdeutscher

Sprache aus dem 14. und 15. Jahrh.; von W. Meyer ("Radewins Gedicht

über T.", Münch. 1873). Vgl. Sommer, De Theophili cum

diabolo foedere (Berl. 1844); Wedde, T., das Faustdrama des

deutschen Mittelalters (Hamb. 1888).

Theophrastos, griech. Philosoph, geb. 390 v. Chr. zu

Eresos auf der Insel Lesbos, war in Athen erst Schüler des

Platon, dann des Aristoteles und ward von diesem zum Erben seiner

Bibliothek und zu seinem Nachfolger in der Leitung der

peripatetischen Schule ernannt. Er starb in Athen, 85, nach andern

106 Jahre alt. In seinen Reden zeigte T. so viel Würde und

Anmut, daß Aristoteles seinen eigentlichen Namen Tyrtamos in

T., d. h. göttlicher Redner, umgewandelt haben soll. T. ist

der Verfasser von etwa 200 Schriften dialektischen, metaphysischen,

moralischen und physikalischen Inhalts, von denen einige

naturhistorische und philosophische, zum Teil Fragmente aus

größern Werken, erhalten sind. Die bekanntesten sind:

"Ethici characteres" (hrsg. von Foß, Leipz. 1858, und

Petersen, das. 1859; deutsch von Schnitzer, Stuttg. 1858; von

Binder, das. 1864; vgl. La Bruyère) und die "Naturgeschichte

der Gewächse" (hrsg. von Schneider, Leipz. 1818-21, 5 Bde.;

deutsch von Sprengel, Altona 1822, 2 Bde.). Eine Gesamtausgabe des

noch Vorhandenen von seinen Schriften besorgte Wimmer (Leipz.

1854-62, 3 Bde., und Par. 1866, 1 Bd.). Zur Entwickelung der

Philosophie scheint T. nicht viel beigetragen, sondern die

Aristotelische Philosophie nur fortgepflanzt und erläutert

sowie durch Zusätze zur Logik und Politik erweitert zu haben.

Vgl. Kirchner, Die botanischen Schriften des T. (Leipz. 1874).

Theophylaktos, Erzbischof von Achrida in der Bulgarei,

gest. 1107, hat katenenartige Kommentare zum größten

Teil des Neuen Testaments verfaßt; im Streit mit der

abendländischen Kirche nahm er eine versöhnliche Stellung

ein. Auch hinterließ er eine Schrift über

Prinzenerziehung und 130 Briefe. Seine Werke erschienen Venedig

1754-63, 4 Bde.

Theopneustie (griech.), s. v. w. Inspiration (s. d.).

Theopompos, 1) griech. Historiker, von Chios,

Schüler des Isokrates, lebte im 4. Jahrh. v. Chr. und starb,

aus Chios verbannt, in Ägypten. Er schrieb eine "Hellenika"

betitelte Fortsetzung von des Thukydides Geschichtswerk bis zur

Seeschlacht bei Knidos (394 v. Chr.) und "Philippika", eine

allgemeine Geschichte seiner Zeit von Ol. 105, 1 (360 v. Chr.) an.

Herausgegeben sind die Fragmente derselben von Wichers (Leid.

1829), Theiß (Nordh. 1837) und Müller in den

"Historicorum graecorum fragmenta" (Bd. 1, Par. 1841). Vgl. Pflugk,

De Theopompi vita et scriptis (Berl. 1827).

2) Griech. Komödiendichter, ein jüngerer Zeitgenosse

des Aristophanes, dichtete noch um 370 v. Chr. Von seinen 24

Dramen, von denen die spätern den Übergang von der alten

zur mittlern Komödie anbahnten, sind nur geringe

Bruchstücke erhalten (gesammelt in Meinekes "Fragmenta

comicorum graecorum", Bd. 2, Berl. 1840). Vgl. Bünger,

Theopompea (Straßb. 1874).

Theorbe (ital. Tiorba, Tuorba), ein veraltetes, im

16.-18. Jahrh. sehr angesehenes, zur Familie der Laute

gehöriges Saiteninstrument. Vgl. Laute.

Theorem (griech.), s. v. w. Lehrsatz (s. d.).

Theorie (griech.), eigentlich das Betrachten, Beschauen,

vorzugsweise aber das geistige Anschauen und Untersuchen, die

daraus hervorgehende wissenschaftliche Erkenntnis und Entwickelung

der einzelnen Erscheinungen einer Wissenschaft in ihrem innern

Zusammenhang. Jeder Kreis von Gedankenobjekten hat demnach seine

besondere T., welche darauf hinausläuft, aus allgemeinen

Gesetzen, welche nicht erfahren, sondern denkend gefunden werden,

die Mannigfaltigkeit der auf irgend eine Weise erkannten

Einzelheiten in ihrem Kausalnexus zu begreifen. Jede auf Erfahrung

gegründete Wissenschaft kommt von selbst, je mehr der innere

Zusammenhang klarer vor die Augen tritt, zu Theorien, welche umso

vollkommener aufgestellt werden können, je mehr die Masse der

Erscheinungen Anhaltspunkte für die wissenschaftliche

Untersuchung darbietet. Bei der Endlichkeit des menschlichen

Geistes behalten alle Theorien ihre Mängel; die beste wird die

sein, welche am einfachsten und ungezwungensten die Ergebnisse der

Erfahrung aus einem oder einigen Grundprinzipien herzuleiten im

640

Theorikon - Therapie.

stande ist. Im gemeinen Leben pflegt man unter T. im Gegensatz

zur Praxis die bloße Erkenntnis einer Wissenschaft ohne

Rücksicht auf Anwendung derselben zu besondern Zwecken zu

verstehen (danach theoretisch, s. v. w. der T. angehörig,

wissenschaftlich). In dieser Beziehung behauptet man oft, daß

etwas in der T. wahr, für die Praxis aber unbrauchbar sei,

welche Behauptung insofern gegründet sein kann, als die

Gedanken nach des Dichters Wort "leicht bei einander wohnen", die

Sachen aber, deren die That zur Verkörperung des Gedankens

bedarf, "sich hart im Raume stoßen". - Bei den Griechen

hießen Theorien insbesondere auch die Festgesandtschaften,

welche von den einzelnen Staaten zu den großen Nationalfesten

sowie zu den Festen befreundeter Staaten geschickt wurden, um sich

offiziell an der Feier zu beteiligen. Diese Festgesandtschaften

waren Ehrengäste des betreffenden Staats.

Theorikon (griech.), bei den alten Athenern das

Theatergeld, eine seit Perikles aus der Staatskasse an die

ärmern Bürger gezahlte Spende von zwei Obolen (25

Pfennig), um ihnen den Theaterbesuch zu ermöglichen; 338 v.

Chr., kurz vor der Schlacht bei Chäroneia, abgeschafft.

Theosophie (griech.), die tiefere Erkenntnis Gottes und

göttlicher Dinge; dann im Unterschied von der Theologie und

Philosophie das angeblich höhere Wissen von Gott und Welt,

welches der Mystik (s. d.) infolge unmittelbarer Anschauung und

göttlicher Erleuchtung zu teil werden soll. T. ist daher ein

Gesamtname für alle mystischen Systeme, insonderheit auch der

auf den Neuplatonismus zurückgehenden pantheistischen. Der

neuern Zeit gehören an: Jakob Böhme, V. Weigel,

Swedenborg, Ötinger, Saint-Martin, F. v. Baader.

Theotókos (griech., russ. Bogoroditza),

"Gottgebärerin", d. h. Maria, die Mutter Jesu, eine

Bezeichnung, welche die Griechisch-Gläubigen sehr lieben.

Theoxenien (griech.), Götterbewirtung, ein im alten

Griechenland in manchen Gegenden gefeiertes Fest, an welchem neben

der Hauptgottheit des Lokalkultus auch alle übrigen

Götter gleichsam als Gäste derselben gefeiert wurden.

Eine solche Feier fand namentlich zu Delphi in dem danach benannten

Monat Theoxenios (August) im Namen des Apollon statt. Über die

Art derselben ist näheres nicht bekannt.

Thera, Insel, s. Santorin.

Theramenes, Athener, Adoptivsohn Hagnons, fein gebildet,

klug und beredt, aber charakterlos, gehörte anfangs zur

gemäßigten Partei der Oligarchen und nahm 411 v. Chr. am

Umsturz der Solonischen Verfassung, dann aber, zur Volkspartei

übergehend, an ihrer Herstellung teil. Er kämpfte daraus

bei Kyzikos, vor Byzanz und bei den Arginusen mit; da er sich aber

zurückgesetzt und seinen Ehrgeiz nicht befriedigt fand, so

ging er wieder zur volksfeindlichen Partei über und betrieb

die Verurteilung der sechs Feldherren, welche bei den Arginusen

gesiegt, wegen der Versäumnis der Aufsammlung der Leichen,

welche eigentlich ihm selbst zur Last fiel. Nachdem er 405 bis 404

durch seine langwierigen Verhandlungen mit Lysandros die Athener an

einer mutigen Verteidigung ihrer Stadt gehindert und sie zum

schimpflichen Frieden gezwungen hatte, erreichte er das Ziel seiner

Herrschsucht, indem er zu einem der 30 Tyrannen ernannt wurde. Da

er die Grausamkeiten seiner Genossen nicht billigte und dem

gewalttätigen Kritias sich widersetzte, ward er 403 von diesem

zum Tod verurteilt und mußte den Giftbecher leeren. Vgl.

Pöhlig, Der Athener T. (Leipz. 1877).

Therapeuten (griech., "Diener", nämlich Gottes), ein

Orden von Asketen, welche, den Essäern ähnlich, am See

Möris bei Alexandria lebten. Übrigens kennen wir sie

bloß aus einer etwas zweifelhaften Schrift: "De vita

contemplativa", welche bislang Philo zugeschrieben wurde, jetzt

aber als Machwerk christlich-asketischen Ursprungs erkannt ist, und

ihre historische Existenz steht keineswegs ganz fest. Vgl. Lucius,

Die T. (Straßb. 1879).

Therapie (griech., "Dienst, Pflege", Heilkunst),

derjenige Teil der Medizin, welcher den eigentlichen Endzweck des

medizinischen Wissens bildet, die Lehre von der Behandlung der

Krankheiten. Die Mutter der T. ist die Erfahrung, und so findet

sich in den Uranfängen der medizinischen Kunst noch vor

Hippokrates oder irgend einer ausgebildeten Lehre die empirische

Behandlung vor, welche bis auf unsre Tage ihr gutes Recht geltend

macht und nicht selten Aufgaben löst, die für die exakte

Forschung noch auf lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln sind. So

hat vor mehreren Jahrhunderten die Erfahrung gelehrt, daß das

Einimpfen von Kuhpockenlymphe einen Schutz gegen die wahren Pocken

gewährt; seitdem sind dank der durchgreifenden Einführung

der Impfung die Blatterepidemien aus den Kulturländern fast

verschwunden, und noch immer sucht man nach der Ursache, auf

welcher dieser geheimnisvolle Schutz beruht. Seit langem ist die

geradezu spezifische Wirkung des Quecksilbers gegen die Syphilis

oder des Chinins gegen das Wechselfieber bekannt, jeder Arzt wendet

diese Mittel empirisch an, aber niemand kann Auskunft geben, auf

welche Weise diese Wirkung zu stande kommt. Neben der

Erfahrungstherapie hat es zu allen Zeiten eine rationelle

Behandlung gegeben. Diese Ratio nun ist so wechselvoll gewesen wie

die vielfachen Systeme und Schulen der Medizin (s. d.) selbst,

welche im Lauf der Jahrtausende aufeinander gefolgt sind, und

rationelle T. bedeutet darum nichts allgemein Feststehendes,

sondern nur ein auf dem Grund irgend welcher gerade herrschenden

Lehre aufgebautes Heilverfahren. Es ist z. B. rationell, wenn man

einen Nierenkranken, dessen Harnabsonderung stockt, in heiße

Decken hüllt, damit die im Blut sich anhäufenden

schädlichen Stoffe auf einem andern Weg durch den

Schweiß, aus dem Körper entfernt werden. Diese T. beruht

auf einer Reihe von wissenschaftlich begründeten

Vorstellungen, bei denen der Arzt zielbewußt handelt,

während er beim Wechselfieber vorläufig das "Warum"

seiner T. noch nicht kennt. - Radikalkur ist eine solche T., bei

welcher das Übel gleichsam mit der Wurzel (radix) ausgerissen

werden kann, z. B. eine erfolgreiche Bandwurmkur, die

Durchschneidung verkürzter Sehnen, das Ausziehen eines

schmerzenden Zahns etc. Ist eine solche gründliche T. nicht

möglich, etwa weil das Organ nicht zugänglich ist, so

muß sich die T. beschränken, die drohendsten oder

lästigsten Symptome, z. B. den Schmerz durch

Betäubungsmittel, zu bekämpfen (symptomatische T.). Liegt

eine Krankheit vor, bei welcher erfahrungsgemäß ein

günstiger Ausgang zu erwarten ist, wie bei Masern, leichten

Fällen von Lungenentzündung bei kräftigen Personen,

so muß sich der Arzt abwartend verhalten und nur jederzeit

aufmerksam sein, daß nicht etwanige neue Übel

hinzutreten; man spricht dann wohl von exspektativer T., die aber

eben nur eine Beobachtung ist. Dies sind dann die Fälle, bei

denen die Homöopathie, die Naturheilung und andre Systeme ihre

Triumphe feiern, da sich eben die Prozesse durch kein Mittel in

ihrem Ablauf beschleunigen lassen. Das Vorbeugen

641

Theremin - Thermen.

durch Schutzmaßregeln, welche die Entstehung oder

Verbreitung einer Krankheit hemmen, heißt Prophylaxis. Eine

T. ohne eine gründliche Kenntnis der Pathologie ist weder

wissenschaftlich denkbar noch vor dem Gewissen eines ehrlichen

Menschen zu verantworten. Es gibt deswegen kein Lehrbuch der T.,

das nicht gleichzeitig ein solches der Pathologie wäre, wohl

aber Lehrbücher der Pathologie, welche nicht von T. handeln.

Vgl. Billroth, Allgemeine chirurgische Pathologie und T. (14.

Aufl., Berl. 1889); die Handbücher der allgemeinen Pathologie

und T. von Lebert (2. Aufl., Tübing. 1875) und F. v. Niemeyer

(11. Aufl., das. 1881, 2 Bde.); Petersen, Hauptmomente in der

geschichtlichen Entwickelung der medizinischen T. (Kopenh.

1877).

Theremin, Ludwig Friedrich Franz, protest. Kanzelredner,

geb. 19. März 1780 zu Gramzow in der Ukermark, wurde 1810 zum

Prediger der französischen Gemeinde in Berlin, 1814 zum Hof-

und Domprediger und 1824 zum Oberkonsistorialrat und vortragenden

Rat im Ministerium des Kultus, 1834 zum Wirklichen

Oberkonsistorialrat ernannt und bekleidete seit 1839 zugleich eine

Professur an der Berliner Universität. Er starb 26. Sept.

1846. Außer "Predigten" (Berl. 1829-41, 9 Bde.) u.

Erbauungsschriften, wie die "Abendstunden" (6. Aufl., Frankf.

1869), die sich besonders durch klassische Form auszeichnen,

veröffentlichte er: "Die Beredsamkeit, eine Tugend" (Berl.

1814; neue Ausg., Gotha 1889) und "Demosthenes und Massillon, ein

Beitrag zur Geschichte der Beredsamkeit" (Berl. 1845). Vgl. Nebe,

Zur Geschichte der Predigt, Bd. 3 (Wiesb. 1878).

Therese, Schriftstellername, s. Bacheracht.

Therese von Jesu, Heilige, geb. 1515 zu Avila in

Altkastilien, wo sie 1535 in ein Karmeliterkloster trat. Sie

stellte in den von ihr reformierten Klöstern der unbeschuhten

Karmeliterinnen den Orden in seiner ursprünglichen Reinheit

wieder her und hatte schwere Verfolgungen von seiten der Karmeliter

der laxen Observanz auszustehen, die selbst gegen sie einen

Ketzerprozeß anstrengten. Sie starb 1582 im Kloster zu Alba

de Liste in Altkastilien und ward 1622 kanonisiert. Ihre bei den

katholischen Mystikern in hohem Ansehen stehenden

Erbauungsbücher (die berühmtesten: "Selbstbiographie",

"Seelenburg" u. a.), in denen sie in Visionen und ekstatischen

Zuständen schwelgt, wurden in fast alle europäischen

Sprachen übersetzt, ins Deutsche von Schwab (3. Aufl.,

Regensb. 1870, 5 Bde.) und L. Clarus (2. Aufl., das. 1866-1868, 5

Bde.). Ihre Briefe ("Cartas de Santa Teresa de Jesus") erschienen

in 4 Bänden (Madr. 1793; deutsch in den genannten Ausgaben).

Vgl. Pösl, Das Leben der heil. T. (2. Aufl., Regensb. 1856);

Hofele, Die heilige T. (das. 1882); Pingsmann, Santa Teresa de

Jesus (Köln 1886).

Theresienorden, bayr. Damenorden, gestiftet 12. Dez. 1827

von der Königin Therese von Bayern als Auszeichnung und

Unterstützung für zwölf unvermögende adlige

unverheiratete Damen, die jährlich 516 Mk. beziehen. Auch

andre adlige Damen können ihn erhalten, heißen aber

Ehrendamen und genießen keine Einkünfte. Die Dekoration

ist ein hellblau emailliertes, mit der Krone gedecktes Kreuz, in

dessen Mittelschild auf dem Avers ein T, vom Rautenkranz, auf dem

Revers 1827, von der Devise: "Unser Erdenleben sei Glaube an das

Ewige" umgeben, sich befinden. Das Band ist weiß mit

himmelblauen Rändern.

Theresienstadt, Stadt und Festung in der böhm.

Bezirkshauptmannschaft Lettmeritz, an der Eger, unweit ihrer

Mündung in die Elbe, Station der Österreichischen

Staatseisenbahn, mit Lederfabrik, Bierbrauerei, Mühlen und

(1880) mit Einschluß ron 4325 Mann Militär 7014 Einw.

Der Fluß kann durch Schleusen, die durch eine Citadelle

gedeckt sind, zu Inundationen benutzt werden. T. wurde 1780 von

Joseph II. angelegt und zu Ehren seiner Mutter benannt.

Theresiopel, ungar. Stadt, s. Maria-Theresiopel.

Therezina, Hauptstadt der brasil. Provinz Piauhy, am

Parnahyba, 250 km oberhalb dessen Mündung,

regelmäßig angelegt, aber ohne hervorragende

öffentliche Gebäude, mit Gewerbeschule, Lyceum und 6000

Einw., die lebhaften Handel treiben, den die kleinen, den

Fluß befahrenden Dampfschiffe vermitteln.

Theriak (griech.), altes Universalarzneimittel in Form

einer Latwerge, angeblich vom Leibarzt Kaiser Neros, Andromachus,

erfunden, ist aus 70 Stoffen zusammengesetzt und wurde bis in die

neuere Zeit in den Apotheken Venedigs, Hollands, Frankreichs mit

gewissen Feierlichkeiten und unter Aufsicht von Magistratspersonen

gefertigt. Jetzt wird es nur noch bei Tierkrankheiten benutzt. Nach

der "Pharmacopoea germanica Ed. I." bereitet man T. aus 1 Teil

Opium, 3 Teilen spanischem Wein, 6 Teilen Angelikawurzel, 4 Teilen

Rad. Serpentariae, 2 Teilen Baldrianwurzel, 2 Teilen Meerzwiebel, 2

Teilen Zitwerwurzel, 2 Teilen Zimt, 1 Teil Kardamom, 1 Teil Myrrhe,

1 Teil Eisenvitriol und 72 Teilen gereinigtem Honig.

Theriakwurz, s. Valeriana.

Theriodónten, s. Reptilien, S. 738.

Thermä, Name mehrerer alter Orte mit warmen Quellen.

Am bekanntesten sind: Thermae Himerenses, an der Nordküste von

Sizilien, westlich von Himera, dessen Einwohner es nach der

Zerstörung ihrer Stadt gründeten, seit Ende des ersten

Punischen Kriegs im Besitz der Römer; heute Termini. Ein

zweites T. (Thermae Selinuntinae) lag an der Südwestküste

von Sizilien bei Selinus; heute Sciacca.

Thermäischer Meerbusen, im Altertum Name des Golfs

von Saloniki (in ältester Zeit Thermä).

Thermästhesiometer (griech.), Vorrichtung zur

Prüfung des Temperatursinns, beruht im wesentlichen auf der

Applizierung eines erwärmten, resp. abgekühlten

Thermometers.

Thermen (griech.), "warme Quellen", d. h. solche, welche

eine höhere Temperatur besitzen als die mittlere

Jahrestemperatur der Orte, an denen sie auftreten. Sie sind eine

besondere Art der Mineralquellen (s. d.), eben durch diese

erhöhte Temperatur charakterisiert, wogegen ihr Gehalt an

gelösten Mineralbestandteilen oft ein auffallend geringer ist.

Nach der am meisten verbreiteten Ansicht verdanken sie ihre hohe

Temperierung der Erdwärme, indem sie aus bedeutenden Tiefen,

in denen die Gesteine eine hohe, sich den Wässern mitteilende

Temperatur besitzen, emporsteigen (vgl. Erde, S. 746). - Bei den

Römern führten diesen Namen (thermae) zum Unterschied von

den gewöhnlichen Bädern (balnea) die unter Augustus von

Agrippa eingeführten öffentlichen Anstalten, welche die

Einrichtung der griechischen Gymnasien (Ringplatz, offene und

bedeckte Säulenhallen, Konversatsonszimmer, Räume

für den Unterricht und die verschiedenen Übungen,

namentlich auch für das Ballspiel, allgemeines Badebassin u.

a.) mit warmen Bädern verbanden. Die umfangreichsten und

prächtigsten Anlagen dieser Art befanden sich in Rom und sind

zum Teil noch in Trümmern vorhanden, insbesondere die des

Caracalla (Rekonstruktion s. Tafel "Baukunst VI", Fig. 11); der

Erhaltung nach nehmen die wichtigste Stelle ein die beiden T. von

Pompeji (den Plan der einen s. Bad, S. 222, Fig. 2).

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

41

642

Thermia - Thermochemie.

Vgl. "Le terme dei Romani" (Zeichnungen von Palladio, hrsg. von

Scamozzi, Vicenza 1785); Canina, L'architettura romana, Bd. 1;

Overbeck, Pompeji (4. Aufl., Leipz. 1884); Marquardt, Privatleben

oer Römer, Bd. 1 (2. Aufl., das. 1886).

Thermia (das alte Kythnos), griech. Insel im

Ägelschen Meer, zu den Kykladen gehörig, 76 qkm (1,38

QM.) groß, gebirgig, aber wohl angebaut, mit (1879) 2923

Einw., die vorliegend Seeleute oder Weinbauer sind. Die Hauptstadt

Kythnos, im Zentrum der Insel, ist Sitz eines griechischen

Bischofs, hat einen Hafen und (1879) 1523 Einw. An der

Nordostküste befinden sich mehrere hauptsächlich

salzsaure Soda und Magnesia enthaltende Quellen von 40-55° C.,

von denen die Insel ihren modernen Namen hat.

Thermidor (auch Fervidor, franz., "Hitzemonat"), der

elfte Monat im franz. Revolutionskalender, vom 19. Juli bis 17.

Aug. Merkwürdig ist der 9. T. des Jahrs II (27. Juli 1794), an

welchem Robespierre gestürzt ward, dessen Gegner sich deshalb

Thermidoristen nannten.

Thermik (griech.), Lehre von der Wärme (s. d.).

Thermische Anomalie, s. Isanomalen.

Thermobarograph, s. Meteorograph.

Thermobarometer, s. Barothermometer.

Thermo-cautère (griech.-franz., spr.

-kotähr), s. v. w. Paquelinscher Brennapparat.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 186 / 302 段