Theodor Laskaris, Name zweier griech. Kaiser von

Nikäa. 1) T. I., Schwiegersohn des oströmischen Kaisers

Alexios III., flüchtete 1204 nach der Einnahme Konstantinopels

durch die Kreuzfahrer nach Kleinasien und gründete hier das

griechische Kaiserreich von Nikäa, welches er in tapfern

Kämpfen gegen Lateiner und Seldschukken glücklich

behauptete. Er starb 1222.

2) T. II., Enkel des vorigen, Sohn des Kaisers Johann Vatatzes,

folgte demselben 1254 auf dem Thron, kämpfte glücklich

gegen die Bulgaren und den abtrünnigen Despoten von Epirus,

starb aber schon 1258.

Theodora, 1) Gemahlin des oströmischen Kaisers

Justinian I., Tochter eines Zirkusbeamten, Acacius von Cypern, war

früher Schauspielerin, Tänzerin und Hetäre, dann die

Geliebte und endlich die Gemahlin des Justinianus. Als derselbe 527

den byzantinischen Thron bestieg, erhielt auch sie die Krönung

vom Patriarchen und die Würde als Mitherrscherin. Sie

übte eine bedeutende Gewalt über den Kaiser und gab

vielfache Beweise von Klugheit und Mut, aber auch von Hochmut,

Herrschsucht und rachsüchtiger Grausamkeit. Bei dem 532 in

Konstantinopel ausgebrochenen Nika-Aufstand rettete sie ihren

Gemahl, welcher den Mut verloren hatte und fliehen wollte, durch

unerschrockenes Auftreten. Ihre vertraute Freundin war die

sittenlose Gemahlin Belisars, Antonina, weswegen sie Belisar

begünstigte. Durch äußere Frömmigkeit und

kirchliche Rechtgläubigkeit, durch Spenden und Stiftungen an

Kirchen, Klöster und Spitäler suchte sie ihren

frühern Lebenswandel zu sühnen. Sie starb, 40 Jahre alt,

548 an einer schrecklichen Krankheit. Prokopios hat in der

"Geheimgeschichte" ("Anecdota") ein abschreckendes Bild ihrer

Sittenlosigkeit gegeben, welches die neuere Kritik aber als ein

sehr übertriebenes erkannt hat. Vgl. Debidour,

L'impératrice T. (Par. 1885).

2) Gemahlin des oströmischen Kaisers Theophilos, nach

dessen Tod 842 Regentin für ihren unmündigen Sohn Michael

III. Schon bei Lebzeiten ihres bilder-

636

Theodoretus - Theodotion.

feindlichen Gemahls heimlich dem Bilderdienst zugewandt, stellte

sie nach ihrer Thronbesteigung denselben wieder her, entsetzte den

widerstrebenden Patriarchen Johannes und erhob Methodios an seine

Stelle. Sie wurde 856 auf Veranstalten ihres Bruders Bardas von

ihrem Sohn in ein Kloster geschickt, später aber aus demselben

wieder entlassen und überlebte noch den Tod Michaels

(867).

3) Tochter des oströmischen Kaisers Konstantin VIII., wurde

1042 nach dem Sturz Michaels V. mit ihrer Schwester Zoe auf den

Kaiserthron erhoben, führte dann nach dem Tode der letztern

und des dritten Gemahls derselben, Konstantin VII. Monomachos, 1054

bis 1056 allein die Regierung. Mit ihr erlosch die von Basilius I.

begründete makedonische Dynastie.

4) Römerin, Gemahlin des Konsuls Theophylactus, schön,

klug und ehrgeizig, aber sittenlos, Mutter der Marozia und der

jüngern Theodora, stand mit diesen an der Spitze der

patrizischen Partei und beherrschte mehrere Jahre Rom und den

päpstlichen Stuhl, auf den sie 914 Johann X., ihren

frühern Geliebten, erhob.

Theodoretus, Kirchenhistoriker, geboren zu Antiochia,

ward 420 Bischof in Cyrus am Euphrat, als Vertreter der

antiochenischen Schule in den nestorianischen und eutychianischen

Streitigkeiten zwar auf der sogen. Räubersynode in ein Kloster

verbannt, vom Konzil zu Chalcedon aber als rechtgläubig

anerkannt und starb 457. Seine Schriften wurden von Schulze und

Nösselt (Halle 1769, 5 Bde.) herausgegeben, die wichtigste

darunter, die "Historia ecclesiastica", welche die Zeit von 322 bis

428 umfaßt, von Gaisford (Oxf. 1854). Vgl. Binder,

Études sur Théodorète (Genf 1844); Bertram,

Theodoreti doctrina christologica (Hildesh. 1883).

Theodorus von Mopsuëstia, griech. Kirchenvater, aus

Antiochia gebürtlg, war anfänglich Mönch, seit 393

Bischof von Mopsuestia in Kilikien, wo er 428 starb. Er war der

erste Exeget seiner Zeit, zugleich der unbefangenste im ganzen

kirchlichen Altertum. In der morgenländischen Kirche ward er

als Anhänger des Pelagianismus sowie des Nestorianismus auf

dem fünften ökumenischen Konzil als Ketzer verdammt. Die

syrischen Fragmente seiner Schriften gab Sachau (Leipz. 1869)

heraus, die exegetischen Schriften Fritzsche (Zürich 1847) und

Swete (Cambridge 1880 bis 1882, 2 Bde.). Vgl. Kihn, T. und Junilius

(Freiburg 1880).

Theodosia, Stadt, s. Feodosia.

Theodosianus Codex (lat.), vom Kaiser Theodosius

veranstaltete und 438 als Gesetzbuch in 16 Büchern publizierte

Sammlung von Gesetzen, welche die Verordnungen von Konstantins d.

Gr. Zeit bis auf die seinige umfassen. Gute ältere Ausgaben

sind die von Gothofredus (Leid. 1665) und Ritter (Leipz. 1736-45),

die besten neuern lieferten Hänel (Bonn 1837-42) und

Krüger (Berl. 1880).

Theodosius, 1) T. I., der Große, röm. Kaiser,

geb. 346 n. Chr., war der Sohn des aus Spanien stammenden Flavius

T., der unter Valentinian I. in Britannien und Afrika dem Reich als

Feldherr bedeutende Dienste geleistet hatte, aber 376 in Ungnade

fiel und hingerichtet wurde. Der Sohn hatte sich schon bei

Lebzeiten seines Vaters ebenfalls als Feldherr ausgezeichnet, zog

sich aber nach dessen Hinrichtung auf sein Landgut in Spanien

zurück, wo er in völliger Verborgenheit sich ganz den

Geschäften der Landwirtschaft widmete. Als aber die Goten die

Donau überschritten und 378 in der Schlacht bei Adrianopel den

Kaiser des Ostens, Valens, geschlagen und getötet und fast das

ganze Heer desselben vernichtet hatten, wurde er 379 von Gratianus

(s. d.), dem Kaiser des Westens, berufen, um als Kaiser des Ostens

das Reich gegen die eindringenden Feinde zu verteidigen. Er brachte

die Goten teils durch glückliche Unternehmungen, teils durch

Unterhandlungen dahin, daß sie sich 382 unterwarfen, worauf

er ihnen feste Wohnsitze in Thrakien und Dacien anwies und einen

Teil derselben in sein Heer ausnahm. Außer gegen

auswärtige Feinde hatte er aber auch gegen innere Krieg zu

führen. Als Maximus (s. d. 3), welcher bereits Gratian

gestürzt hatte, auch Valentinian H. bedrohte, zog er 388 gegen

Maximus und brachte ihm bei Siscia eine völlige Niederlage

bei, und 394 unternahm er den Krieg gegen Arbogastes (s. d.),

welcher, nachdem wahrscheinlich auf sein Anstiften Valentinian II.

ermordet worden, Eugenius als Kaiser des Westens eingesetzt hatte;

auch dieser wurde bei Aquileja völlig geschlagen und fand bald

darauf den Tod. Auf diese Art wurde das ganze Reich zum letztenmal

unter der Herrschaft Eines Kaisers vereinigt. Im Innern war T.

besonders bemüht, die Arianer zu unterdrücken und dem

Heidentum ein Ende zu machen, weshalb er 381 auf dem Konzil zu

Konstantinopel das Nicäische Glaubensbekenntnis für

allein gültig erklären ließ und 392 durch ein Edikt

den heidnischen Kultus völlig verbot. Als er 390 die Stadt

Thessalonich wegen eines Aufstandes durch ein grauenhaftes Blutbad

züchtigte, mußte er sich vor Bischof Ambrosius von

Mailand einer Kirchenbuße unterwerfen. Er starb 17. Jan. 395

in Mailand. Nach seinem Tod wurde das Reich unter seine beiden

Söhne Arcadius und Honorius geteilt, die er schon bei seinen

Lebzeiten zu Mitkaisern ernannt hatte. Vgl. Güldenpenning und

Ifland, Kaiser T. d. Gr. (Halle 1878).

2) T. II., der jüngere, Sohn des Arcadius und der Eudoxia,

Kaiser des oströmischen Reichs, geb. 401, folgte seinem Vater

408 und stand bis 414 unter Vormundschaft des Präfekten

Anthemius, worauf seine Schwester Pulcheria für ihn bis an

seinen Tod die Herrschaft führte; er selbst verbrachte seine

Zeit mit Jagen und andern nutzlosen Beschäftigungen.

Während seiner Herrschaft wurde ein Krieg mit Persien

geführt, welcher 422 durch einen nicht unrühmlichen

Frieden beendigt ward; dagegen wurde das Reich seit 441 durch die

Einfälle der Hunnen unter Attila schwer heimgesucht, denen 447

ein großer Strich Landes südlich der Donau abgetreten

und, außer einer Summe von 6000 Pfd. Goldes, ein

jährlicher Tribut bewilligt werden mußte. An den

theologischen Streitigketten nahm T. eifrig teil. In dem Streit

über die natürliche Geburt Christi erklärte er sich

unter Pulcherias Einfluß für die Lehre Cyrillus' und

schickte den Patriarchen Nestorius in die Verbannung; später

wurde er für die Lehre des Entyches gewonnen und geriet

darüber in ein Zerwürfnis mit Pulcheria, welche 449 auf

kurze Zeit vom Hof entfernt wurde. Noch ist zu bemerken, daß

unter ihm 438 der Codex Theodosianus (s. d.), eine Sammlung der

kaiserlichen Edikte von Konstantin d. Gr. bis auf die Gegenwart,

veröffentlicht wurde. T. verheiratete sich 421 mit Athenais

(s. d.), die nach der Taufe den Namen Eudotia erhielt, sich aber

441 von ihm trennte. Er starb 450. Vgl. Güldenpenning,

Geschichte des oströmischen Reichs unter den Kaisern Arcadius

und T. (Halle 1885).

Theodotion, Kirchenschriftsteller des 2. Jahrh.,

über dessen Person und Heimat Widersprechendes berichtet wird,

lieferte gleich seinem Zeitgenossen Aquila (s. d. 1) eine

griechische Übersetzung des Al-

637

Theodulie - Theologie.

ten Testaments, welche von Origenes in die "Hexapla" (s. d.)

aufgenommen wurde.

Theodulie (griech.), Gottesdienst.

Theognis, griech. Elegiker, zwischen 540 und 470 v. Chr.,

wurde als Anhänger der Aristokratie aus seiner Vaterstadt

Megara vertrieben und kehrte erst in spätern Jahren in die

Heimat zurück. Aus den Überresten seiner Elegien ersieht

man, daß dieselben mit seinen politischen Erlebnissen in

innigstem Zusammenhang standen. Den Untergang derselben hat ihr

außerordentlicher Reichtum an Sentenzen herbeigeführt,

die man schon frühzeitig auszog und zusammenstellte, um sie

für den Jugendunterricht zu verwerten, wie dies namentlich in

Athen geschah. Wir besitzen unter dem Namen des T. eine planlose,

oft nach bloßen Stichwortern geordnete Sammlung von allerlei

distichischen Sprüchen und Ermahnungen in 1389 Versen, unter

denen sich auch manches dem Dichter nicht Gehörige findet.

Ausgaben besorgten Bekker (Berl. 1827), Welcker (Frankf. 1826),

Orelli (Zürich 1840), Bergk (in "Poetae lyrici graeci"),

Ziegler (2. Ausg., Tübing. 1880) und Sitzler (Heidelb. 1880);

Übersetzungen liegen vor von Weber (Bonn 1834) und Binder

(Stuttg. 1860).

Theognosie (griech.), Gotteserkenntnis.

Theogonie (griech.), die Lehre von der Abstammung der

Götter, wie sie in mehreren alten Dichtungen der Griechen

niedergelegt war. Erhalten hat sich davon nur die T. des

Hesiod.

Theok, Längenmaß, s. Thuok.

Theokratie (griech.), "Gottesherrschaft", Staatswesen,

bei welchem die Gottheit selbst als oberster Regent gedacht ist;

zunächst eine dem Josephus (gegen Apion, 2,16) entlehnte

Bezeichnung des Mosaismus, sofern hier der im Gesetz und durch den

Mund der Richter, Priester und Propheten sich kundgebende Wille

Gottes die oberste Norm für das Gemeinwesen war. Ähnliche

Vorstellungen sind übrigens dem antiken Staatswesen

überhaupt eigentümlich, und ihre großartigste

Verwirklichung fand die Idee eines "Gottesstaats" in der

mittelalterlichen Kirche.

Theokritos, der Schöpfer und Hauptvertreter der

bukolischen Poesie der Griechen, aus Syrakus oder Kos

gebürtig, blühte um 270 v. Chr. und lebte teils in

Alexandria, teils zu Syrakus. Unter seinem Namen besitzen wir

außer einer Anzahl von Epigrammen 32 größere

Gedichte, sogen. Idylle. Die meisten derselben haben eine

dramatische Form und sind teils künstlerische Nachahmungen des

Wechselgesangs der sizilischen Hirten, teils stellen sie Szenen des

gemeinen Lebens dar, während andre mythologische

Erzählungen enthalten, noch andre rein lyrischer Natur sind.

Schon bei den Alten standen sie wegen des echten Dichtergeistes,

der lebendigen und doch prunklosen Darstellung der Natur in hohem

Ansehen. Wie die Form, ist auch die Sprache meist die epische,

letztere jedoch zur Erhöhung des volkstümlichen Eindrucks

in höchst kunstvoller Weise mit Formen des auf Sizilien

heimischen dorischen Dialekts gemischt. Ausgaben von Valckenaer

(mit Bion und Moschos, Leid. 1779, 1810), Meineke (ebenso, zuletzt

Berl. 1856), Ahrens (ebenso, Leipz. 1855-59, 2 Bde.; Textausg.,

das. 1856), Ziegler (2. Aufl., Tübing. 1867), Fritzsche

(3.Aufl., Leipz. 1881); Übersetzungen von Voß (2.Aufl.,

Tübing. 1815), Eberz (Frankf. 1858), F. Rückert (im

"Nachlaß", Leipz. 1867), Mörike und Notter (2. Aufl.,

Berl. 1882). Ein "Lexicon Theocriteum" bearbeitete Rumpel (Leipz.

1879).

Theolatrie (griech.), Gottesdienst.

Theologia deutsch, s. Deutsche Theologia.

Theologie (griech.), bei den Griechen die Lehre von den

Göttern und göttlichen Dingen. Daher nannten die Griechen

denjenigen einen Theologos, welcher über das Wesen und die

Geschichte der Götter Auskunft zu erteilen vermochte. So

führen diesen Namen der Syrer Pherekydes und der Kreter

Epimenides. Die alte Kirche nannte Theologen die Verteidiger der

Gottheit des Logos, wie den vierten Evangelisten und Gregor von

Nazianz. Erst die Scholastik versteht unter T. den Komplex der

christlichen Lehre, und so spricht man noch heute im Unterschied

von der gesamten Religionswissenschaft von T. im Sinn einer

positiven Wissenschaft, welche einer bestimmten geschichtlichen

Religion gilt. Insonderheit ist die christliche T. die

Fakultätswissenschaft der Diener der Kirche, wie die

Jurisprudenz diejenige der Staatsdiener. Daraus ergibt sich teils

der wesentliche Unterschied der T. von dem Begriff der Religion (s.

d.), teils ihr nahes Verhältnis zur Philosophie (s.

Religionsphilosophie). Fast jedes philosophische System ist auf die

T. angewendet worden, und in langen Perioden der Geschichte bildete

die T. den alles bedingenden Hintergrund für die Geschichte

der Philosophie. Formell ist man seit Schleiermacher ziemlich

allgemein darin einverstanden, daß in der T. eine Reihe von

Disziplinen, welche der Sache nach in die Gebiete der Geschichte,

der Philosophie und der Philologie gehören, im Interesse der

Kirchenleitung in eine, jeder dieser Disziplinen an sich fremde,

Association versetzt wurde. Da es sonach bloß ein praktischer

Gesichtspunkt ist, welcher als zusammenhaltende Klammer für

die sonst mannigfach divergierenden Beschäftigungen der

"theologischen Fakultät" dient, würde an sich nichts im

Weg stehen, ihre einzelnen Elemente in die ihnen natürliche

Verbindung zurücktreten zu lassen, wofern nicht ein leider oft

allzu wenig erkanntes Interesse des Staats selbst es erheischte,

die Kirche durch eine von ihm, nicht von ihr zu besetzende

theologische Fakultät in dem lebendigen und befruchtenden

Zusammenhang mit dem sich entwickelnden wissenschaftlichen,

künstlerischen und politischen Bewußtsein der Zeit zu

erhalten oder, wo dieser Zusammenhang verloren gegangen ist, ihn

wiederherzustellen. Im übrigen unterscheidet man

herkömmlicherweise innerhalb der T. als christlicher (bez.

auch jüdischer) Religionswissenschaft die Hauptgebiete der

historischen, systematischen und praktischen T. Die historische T.

hat zum Gegenstand den Ursprung, den weitern Fortgang und die

gegenwärtige Lage der Kirche und zerfällt daher wieder in

die exegetische, kirchenhistorische und statistische T. Unter der

erstern begreift man alles das, was auf das Bibelstudium oder auf

die Erklärung der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments

Bezug hat. Sie umfaßt außer der eigentlichen Exegese

auch die dazu nötigen Hilfswissenschaften. Diese sind: die

biblische Philologie, die Einleitungswissenschaft oder Isagogik und

die Hermeneutik. An die Quellen der Offenbarung reiht sich der

Inhalt derselben als eigentliche biblische Geschichte und

Archäologie und als biblische Glaubens- und Sittenlehre

(biblische T.) und wieder an die biblische Geschichte speziell die

historische T. an, welche die Geschichte der Kirche seit ihrer

Entstehung im nachapostolischen Zeitalter bis auf die neueste Zeit

fortsetzt. Einige Zweige der Kirchengeschichte sind besonders

bearbeitet worden, so: die Dogmengeschichte, die Symbolik, die

Patristik, die kirchliche Archäologie, die Geschichte des

Kultus und der Kirchenverfassung, oft auch der christ-

638

Theomantie - Theophano.

lichen Kunst und Sitte in den ersten Jahrhunderten, die

Darstellung des christlichen Lebens in den verschiedenen

Zeitaltern, die Missionsgeschichte und die Ketzergeschichte. Die

kirchliche Statistik endlich ist die Darstellung des

gegenwärtigen Zustandes der äußern und innern Lage

der Kirche in den verschiedenen christlichen Ländern. Unter

der systematischen T. begreift man die wissenschaftliche

Darstellung der christlichen Lehre, sowohl nach dem Glauben als

nach dem ihm entsprechenden sittlichen Leben. Die Dogmatik (s. d.)

oder Glaubenslehre bildet eigentlich den Mittelpunkt der T., indem

in ihr die Resultate der exegetischen und historischen T. zu einem

geordneten Ganzen verbunden werden. Als besondere Bestandteile

gehören ihr an: die Apologetik, die Polemik und deren

Gegensatz, die Irenik. Die christliche Moral oder Sittenlehre hatte

früher als besondere Disziplinen neben sich die Kasuistik und

die Asketik. Die praktische T. würde, falls sich die oben

angeregte Auseinandersetzung der theologischen mit der

philosophischen Fakultät vollziehen ließe, ganz

außerhalb der Universitätsstudien fallen und Sache

kirchlicher Seminare werden, sofern sie die Theorie von

Kirchenleitung und Kirchendienst darstellt. Auch sie umfaßt

mehrere besondere Disziplinen, namentlich die Katechetik, Liturgik,

Homiletik, Pastoraltheorie und unter Umständen das

Kirchenrecht; wir verweisen auf die betreffenden Artikel.

Theologische Encyklopädie heißt diejenige Disziplin,

welche den gesamten Organismus der theologischen Wissenschaften

darzustellen und in denselben einzuführen hat. Die neuesten

Werke sind: Hofmann, Encyklopädie der T. (hrsg. von Bestmann,

Nördling. 1879; Hagenbach, Encyklopädie und Methodologie

der theologischen Wissenschaften (11. Aufl., hrsg. von Kautzsch,

Leipz. 1884); Rothe, Theologische Encyklopädie (hrsg. von

Ruppelius, Wittenb. 1880); Räbiger, Theologik oder

Encyklopädie der T. (Leipz. 1880); Zöckler u. a.,

Handbuch der theologischen Wissenschaften (3. Aufl., Nördling.

1889 ff., 4 Bde.). Lexikalische Hilfsmittel: Herzogs

"Realencyklopädie für protestantische T. und Kirche" (2.

Aufl., Leipz. 1876-88, 18 Bde.); Holtzmann und Zöpffel,

Lexikon für T. und Kirchenwesen (2. Aufl., Braunschw. 1888);

Meusels "Kirchliches Handlexikon" (Lpz. 1885 ff.); Zellers

"Theologisches Handwörterbuch" (Kalw 1889 ff.);

katholischerseits: Wetzer und Weltes umfangreiches "Kirchenlexikon"

(2. Aufl. von Hergenröther und Kaulen, Freiburg 1880 ff.) und

Schäflers "Handlexikon der katholischen T." (Regensb. 1880-88,

3 Bde.).

In den ersten Jahrhunderten war die T. wesentlich Exegese,

zuerst des Alten, dann auch des Neuen Testaments; in dieser

Beziehung unterschieden sich namentlich die Alexandrinische (s. d.)

und die Antiochenische Schule (s. d.). Seit dem 3. und noch mehr

seit dem 4. Jahrh. trat die Dogmatik in den Mittelpunkt der T.,

während zugleich durch den herrschenden Gebrauch, auf Konzilen

Glaubensgesetze aufzustellen, die Freiheit der theologischen

Forschung gehemmt wurde. Später trat die Macht der Päpste

an die Stelle der Konzile. Nachdem so das Dogma durch die

Hierarchie festgestellt war, fand die scholastische T. (s.

Scholastiker) ihre Aufgabe in der Durchbildung des Lehrbegriffs im

einzelnen, namentlich aber in dem Nachweis seines innern

Zusammenhanges und in der philosophischen Begründung der

Kirchenlehre. Erst gegen Ende des 14. Jahrh. beginnt eine

durchgreifende, auf das Wesen des Christentums zurückgehende

Reformation der T. mit Wiclef, die durch Huß, aber auch durch

seine Gegner, die nominalistischen Theologen Frankreichs,

fortgesetzt, durch die Reformatoren vollendet und praktisch ins

Werk gesetzt wurde. Von diesem Zeitpunkt an durchläuft die

theologische Wissenschaft, als die Schöpferin einer neuen

Kirche, neue Phasen. Die Reformation brachte der evangelischen T.

zunächst Freiheit der Forschung dadurch, daß sie die

Herrschaft und die Macht der bloßen Autorität über

die Geister brach und die Heilige Schrift als alleinige

Erkenntnisquelle hinstellte. Im Gegensatz gegen die neue Fessel,

als welche nun der Schriftbuchstabe in der zu einer zweiten

Scholastik erstarrten protestantischen T. des 17. Jahrh. auftrat,

regte sich mit Erfolg das teils philosophisch fortgeschrittenere,

teils historisch geschultere Bewußtsein des 18. Jahrh.,

während das 19., besonders in Schleiermacher, mit der

philosophischen und historischen Unbefangenheit auch wieder eine

tiefere Würdigung des Wesens der Religion und der Interessen

der Kirche zu verbinden wußte. Gleichwohl ließen die

restaurativen Tendenzen, welche zeitweilig im Staate, dauernd in

der Kirche die Herrschaft gewannen, es kaum zur Bildung einer

eigentlich freien, die Grundlage und Methode der übrigen

Wissenschaften teilenden T. kommen. Vgl. Holtzmann, Über

Fortschritte und Rückschritte der T. unsers Jahrhunderts

(Straßb. 1878); Dorner, Geschichte der protestantischen T.

(Münch. 1867); Werner, Geschichte der katholischen T. (2.

Aufl., das. 1889).

Theomantie (griech.), im Altertum die Wahrsagung

zukünftiger Dinge durch göttliche Eingebung, die weder an

einen bestimmten Ort noch an eine bestimmte Zeit geknüpft war,

meist bei Privatangelegenheiten stattfand und sich vom Orakel (s.

d.) ebenso wie von der Weissagung aus Opfern unterschied.

Theon, 1) T. von Smyrna, griech. Philosoph um die Mitte

des 2. Jahrh. n. Chr., verfaßte ein für die Kenntnis der

altgriechischen Arithmetik wichtiges Werk über die zum

Verständnis des Platon nötigen mathematischen,

musikalischen und astronomischen Sätze (hrsg. von Hiller,

Leipz. 1878).

2) T. von Alexandria, griech. Mathematiker und Astronom, gegen

Ende des 4. Jahrh. n. Chr. in Alexandria lebend, Vater der Hypatia

(s. d.), schrieb unter anderm Kommentare zu Eukleides und

Ptolemäos. Seine Schriften gab Halma (Par. 1821-23, 2 Bde.)

mit französischer Übersetzung heraus.

3) Älios, aus Alexandria, griech. Rhetor des 5. Jahrh. n.

Chr., ist Verfasser einer trefflichen Anleitung, sogenannter

"Progymnasmata" (hrsg. von Finckh, Stuttg. 1834, und in den

"Rhetores graeci" von Walz und von Spengel).

Theophanes, mit dem Beinamen Isauricus oder Confessor,

byzantin. Geschichtschreiber, geb. 758 zu Konstantinopel,

bekleidete daselbst mehrere Hofämter, ward dann Vorsteher

eines Klosters in Bithynien, aber als Bilderverehrer von Kaiser Leo

III. verbannt und starb 817 in Samothrake. Er verfaßte eine

"Chronographia" (hrsg. von Classen und Becker, Bonn 1839-41, 2

Bde.; von Boor, Leipz. 1883-85, 2 Bde.).

Theophanie (griech., "Gotteserscheinung"), in der

christlichen Kirche s. v. w. Epiphania (s. d.).

Theophano (Theophania), Kaiserin, Tochter des

oström. Kaisers Romanos II. und der berüchtigten

Theophano, welche 963 Romanos und 969 ihren zweiten Gemahl,

Nikephoros Phokas, ermorden ließ, geb. 960, ward 972 mit dem

jungen Kaiser Otto II. in Rom vermählt. Sie war eine Frau von

hoher Schönheit, starkem Geist und feiner Bildung,

erlangte

639

Theophilanthropen - Theorie.

bald nach der Thronbesteigung ihres Gemahls (973) großen

Einfluß auf denselben, dem sie 980 den spätern Kaiser

Otto III. gebar, begleitete ihn 981 nach Italien und kehrte nach

Ottos II. Tod 984 nach Deutschland zurück. Als

Vormünderin ihres jungen Sohns und Reichsregentin anerkannt,

führte sie die Regierung mit Kraft und Umsicht und erzog ihren

Sohn in griechischer Bildung, starb aber schon 15. Juni 991 in

Nimwegen. Vgl. Moltmann, Theophano (Schwerin 1878).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 185 / 302 段