Thema (griech.), das Gesetzte, Aufgestellte; daher in der

Rhetorik der einer jeden stilistischen Darstellung zu Grunde

liegende Hauptgedanke; in der Musik derjenige Gedanke (Satz) in

einem Tonstück, der dem ganzen Stück oder doch einer

größern Abteilung desselben zu Grunde gelegt ist, daher

als Hauptgedanke am meisten wiederholt und in der Art weiter

ausgeführt ist, daß er in den verschiedensten Wendungen

und Veränderungen und in verschiedenen Tonarten wiederkehrt.

Bei den kontrapunktischen Formen (Fuge etc.) wird das T. auch

Subjekt genannt. Vgl. Kompositionslehre und Fuge.

Themar, Stadt im sachsenmeining. Kreis Hildburghausen, an

der Werra, Knotenpunkt der Linien Eisenach-Lichtenfels und

T.-Schleusingen der Werraeisenbahn, hat eine evang. Kirche, eine

Ringmauer mit Türmen, ein Amtsgericht, Holzhandel, 2

Dampfziegeleien, eine Dampfmahlmühle, Korbwarenfabrikation und

(1885) 1694 Einw. Dabei die Ruine Osterburg und das Nadelöhr,

ein Felsenriff, welches die Werra durchbrochen hat.

Themis, in der griech. Mythologie eine der Titaniden,

Tochter des Uranos und der Gäa, war eine Zeitlang Inhaberin

des delphischen Orakels, überließ dasselbe aber dem

Apollon, als Zeus sie zu seiner zweiten Gemahlin erhob. Sie gebar

demselben die Horen und die Mören (Parzen). In weiterer

Ausbildung erscheint sie als Personifikation der gesetzlichen

Ordnung. Dargestellt wird sie auf Münzen mit Füllhorn und

Wage, auch als Göttin der Gerechtigkeit, entsprechend der

Justitia. Vgl. Ahrens, Über die Göttin T. (Hannov. 1862

u. 1864).

Themistios, mit dem Beinamen Euphrades ("Wohlredner"),

peripatetischer Philosoph und Rhetor aus Paphlagonien, lehrte in

Nikomedia, späterhin in Konstantinopel, wo er 355 Senator, 362

Stadtpräfekt und, obgleich Heide, von Kaiser Theodosius zum

Erzieher seines Sohns Arcadius bestellt wurde; starb zwischen 387

und 390. Außer einem Kommentar zu einigen Schriften des

Aristoteles (hrsg. von Spengel, Leipz. 1866; von Wallies in den

"Commentaria in Aristotelem graeca" der Berliner Akademie, Bd. 23,

Berl. 1884) besitzen wir von ihm 33 Reden, die unter andern Dindorf

(das. 1874) herausgab.

Themisto, nach griech. Mythus Tochter des

Lapithenkönigs Hypseus und dritte Gemahlin des Athamas (s.

d.), tötete aus Versehen ihre eignen Kinder und dann, nachdem

sie ihren Irrtum erkannt, sich selbst.

Themistokles, berühmter athenischer Feldherr und

Staatsmann, geboren um 527 v. Chr. zu Athen, Sohn des Neokles aus

dem altattischen Stamm der Lykomiden, aber einer fremden

(thrakischen oder karischen) Mutter, weswegen er nicht

vollbürtig war, zeigte schon als Knabe hellen Verstand,

treffende Urteilskraft, großes Selbstbewußtsein und

hochstrebenden Geist, aber auch ein leidenschaftliches, trotziges

Gemüt. Er erlangte durch seine geistige überlegenheit und

Kühnheit bald Einfluß bei der Bürgerschaft und war

bemüht, sie für die Schaffung einer herrschenden Seemacht

zu gewinnen. 493 zum Archonten erwählt, bewirkte er die Anlage

des neuen Hafens im Piräeus, ermutigte 490 die Athener zum

Widerstand gegen die persische Übermacht und kämpfte als

einer der zehn Strategen in der Schlacht bei Marathon. Da er aber

die Rückkehr der Perser mit verstärkter Macht voraussah,

welcher die Athener nur mit einer Flotte erfolgreich entgegentreten

könnten, so bewirkte er den Beschluß, die Einkünfte

der Silberbergwerke von Laurion zur Erbauung von 100 neuen Schiffen

zu verwenden, und setzte das Gesetz durch, daß die Flotte

einen jährlichen Zuwachs von 20 neuen Trieren erhalten sollte.

Da Aristeides diese Beschlüsse für verderblich ansah und

ihrer Ausführung entgegenwirkte, wurde er 483 auf T.' Betrieb

durch den Ostrakismos verbannt, und nun hatte T. allein die

Herrschaft in Athen und benutzte sie zur Vermehrung der

Seerüstungen, so daß bald 200 Trieren fertig waren. An

der Spitze derselben nahm er an den Kämpfen von 480 (s.

Perserkriege) teil, und ihm war es zu danken, daß die

griechische Flotte bei Artemision aushielt und die ersten

Kämpfe wagte; er bewog die Athener, ihre ganze Existenz der

neuen Flotte anzuvertrauen, und führte endlich durch Ausdauer

und List den Kampf bei Salamis herbei, der mit dem glänzenden

Sieg der Griechen endete. Hierauf zwang er die Kykladen zur

Unterwerfung und zur Zahlung ansehnlicher Bußgelder.

Mißgunst und Eifersucht bewirkten, daß T. nicht nur den

gebührenden ersten Siegespreis nicht erhielt, sondern auch

für 479 nicht zum Feldherrn ernannt wurde. Athen wurde hierauf

478 unter seiner Leitung wieder aufgebaut und befestigt. Den

Einspruch Spartas gegen den Bau von Mauern beseitigte er durch

List, zog sich aber dadurch dessen Haß zu. Auch der

Piräeus wurde von neuem in großem Maßstab

befestigt, der Hafenbau vollendet und durch Beförderung der

Einwanderung die junge Stadt bevölkert. Trotzdem verlor T.

bald sein Ansehen und seinen Einfluß, weil er nicht frei von

Eitelkeit, willkürlicher Gewalttätigkeit und

Bestechlichkeit war und deshalb von Aristeides verdunkelt wurde; da

er diesem entgegenwirkte und das gute

633

Themse - Thenenet.

Einvernehmen mit Sparta störte, wurde er 471 durch das

Scherbengericht verbannt. Er begab sich nach Argos, mußte

aber, als seine Feinde, die Spartaner, ihn der Teilnahme am

Hochverrat des Pausanias beschuldigten und in Athen seine

Verurteilung und Verfolgung durchsetzten, 466 von da flüchten.

Er ging nun über Kerkyra zu dem Molosserkönig Admetos

und, als die Spartaner auch von diesem seine Auslieferung

verlangten, 465 über Ephesos nach Susa zu dem Perserkönig

Artaxerxes, der ihm die Einkünfte dreier Städie

überwies: Magnesia zum Brot, Lampsakos zum Wein, Myus für

die Zukost. In Magnesia lebte T. längere Zeit als persischer

Satrap in fürstlichem Prunk. Als er gerade nach Ausbruch des

ägyptischen Aufstandes eine persische Flotte gegen seine

Heimat führen sollte, starb er plötzlich (um 460),

vielleicht freiwillig durch Gift. Seine Freunde brachten seine

Gebeine heimlich nach Attika und setzten sie beim Vorgebirge

Alkimos bei. Zu Magnesia zeigte man nachmals sein Grabmal und auf

dem Markte daselbst seine Bildsäule. Die Briefe, welche wir

unter seinem Namen besitzen, sind unecht, wie Bentley

("Abhandlungen", deutsch von Ribbeck, Leipz. 1867) nachgewiesen

hat. Sein Leben beschrieben Cornelius Nepos und Plutarch. Vgl.

Finck, De Themistoclis Neoclis etc. aetate (Götting. 1849);

Bauer, Themistokles (Merseb. 1881).

Themse (engl. Thames, franz. Tamise, im Altertum Tamesis

oder Tamesa), der wichtigste Fluß Englands, entspringt als

Churn in den Cotswoldhügeln im S. von Cheltenham, wird durch

den der Quelle Thames Head (115 m ü. M.) entströmenden

Bach verstärkt und vereinigt sich nach einem Laufe von 32 km

oberhalb Cricklade mit dem aus W. kommenden kleinern

Quellfluß, der eigentlichen T. oder Isis. Der Fluß

stießt nun östlich an Lechdale vorbei, wo er für

Boote schiffbar wird, nimmt bei Oxford den von N. kommenden

Cherwell auf, verstärkt sich weiter unterhalb durch Thame (bei

Dorchester), Kennet (bei Reading), Loddon, Colne, Wey, Mole und

Brent sowie unterhalb London durch Lea (s. d.), Ravensbourne,

Darent und Medway (s. d.), berührt außer den oben

genannten Orten noch Maidenhead (am malerischten Teil des Flusses),

Windsor, Kingston und unterhalb London Greenwich, Woolwich,

Gravesend und Sheerneß und fällt unterhalb letzterer

Stadt in die Nordsee. Mitten in ihrer 7 km breiten Mündung,

bei der "Nore" genannten Sandbank, liegt ein weltberühmtes

Leuchtschiff. Das Flußgebiet der T. umfaßt 15,371 qkm

(279 QM.) und gehört 14 Grafschaften an. Die direkte

Entfernung der Mündung des Flusses von der Quelle beträgt

201 km, der Stromlauf 346 km. Der unterhalb der Londonbrücke

gelegene Teil des Flusses, der eigentliche Hafen Londons,

heißt Pool, aber gesetzlich erstreckt sich der Hafen bis zu

einer Linie, welche man sich vom Nord Foreland bis zum Harwich Naze

gezogen denkt. Die Breite des Flusses beträgt bei Gravesend

noch 731 m, bei der Londonbrücke 244 m. Die Tiefe bis dahin

ist nirgends unter 3,6 m. Die Flut steigt alle 12 Stunden 4-6 m

senkrechter Höhe mit einer Schnelligkeit von 3-5 km auf die

Stunde, so daß Schiffe bis zu 800 Ton. in die Catherinedocks

dicht bei der Londonbrücke einlaufen können. Die Flut

macht sich bis Teddington, 29 km oberhalb der Londonbrücke,

bemerkbar, wo die erste Schleuse ihrem weitern Fortschreiten ein

Ziel setzt. Nur selten bildet sich Eis im Fluß; wohl aber

überschwemmt derselbe häufig seine Ufer, die unterhalb

London meilenweit durch Deiche geschützt sind, da die dortigen

Marschen bei hoher Flut 1 m unter dem Wasserspiegel liegen. In

Beziehung auf den Handel ist die T. einer der wichtigsten

Flüsse der Welt, indem an ihren Ufern London, die

größte Handelsstadt der Welt, liegt. Ihre Wichtigkeit

wird erhöht durch zahlreiche Kanäle, welche die T. mit

fast allen Teilen Englands verbinden. Die wichtigsten unter ihnen

sind: der Thames- und Severnkanal, welcher Lechdale an der obern T.

mit dem Severn und der englischen Westküste verbindet; der

Oxfordkanal, der von Oxford ins mittlere England führt; der

Wilts- und Berkskanal; der Grand Junctionkanal (s. d.), mit

mehreren Zweigen, welcher London mit dem innern England verbindet.

Gegen feindliche Angriffe ist die übrigens wegen der

Sandbänke sehr schwierige Themseeinfahrt durch in neuester

Zeit sehr verstärkte Befestigungen geschützt. An der

Mündung des Medway in die T. liegt Sheerneß, den Zugang

zum Kriegshafen Chatham versperrend. Weiter oberhalb verteidigen

vier große Forts (bei Cliffe Creek, Coalhouse Point, Shorne

Creek und Tilburn) den Zugang zu Gravesend. Vgl. "The royal river

T." (Lond. 1886).

Themsetunnel, ein Tunnel, welcher 2,1 km unterhalb der

Londonbrücke unter der Themse weg führt und die

Verbindung zwischen den beiden Ufern herzustellen bezweckt, ohne

doch dem Schiffsverkehr auf dem Fluß hinderlich zu sein. Die

1798 (von R. Dodd) und 1805-1808 gemachten Versuche schlugen fehl,

und erst Marc Isambard Brunel (s. d.) gelang es, durch Erfindung

des Teredobohrers das Werk 1825 mit Aussicht auf Erfolg wieder in

Angriff zu nehmen. Durch mehrere Unglücksfälle

unterbrochen, wurde dasselbe 25. März 1843 von Page vollendet.

Der Tunnel ist 361,8 m lang, 4,27 m breit, 5,18 m hoch, und sein

Boden liegt 24,34 m unter dem Straßenniveau. Der Bau kostete

über 9 Mill. Mk. 1869 ging derselbe in den Besitz einer

Eisenbahngesellschaft über, welche eine Verbindungsbahn

durchgeführt hat. Weiter oberhalb liegt ein 1869-70 erbauter

zweiter T. (Tower subway), 405 m lang und nur für den

Personenverkehr bestimmt. Ein dritter Tunnel soll jetzt weiter

unterhalb gebaut werden.

Thenar, Daumenballen.

Thénard (spr. -ár), Louis Jacques,

Chemiker, geb. 4. Mai 1774 zu Louptière im Departement Aube,

studierte zu Paris, ward Professor der Chemie am Collège de

France, später an der polytechnischen Schule und an der

Universität und 1833 Pair von Frankreich. 1840 legte er seine

Professur nieder und starb 20. Juni 1857 in Paris. Thénards

Untersuchungen, welche sich über fast alle Teile der Chemie

erstreckten, waren zum Teil epochemachend für seine Zeit.

Namentlich lieferte er in Gemeinschaft mit Gay-Lussac eine Reihe

der wichtigsten Arbeiten. So entdeckten sie das Bor, die

Alkalisuperoxyde und das Baryumsuperoxyd, stellten zuerst die

Alkalimetalle ohne Anwendung einer galvanischen Batterie dar und

bildeten die Elementaranalyse aus. T. entdeckte auch das

Wasserstoffsuperoxyd und das Kobaltblau sowie eine neue Methode der

Bleiweißfabrikation, vervollkommte die Ölraffinerie etc.

Seine Hauptschriften sind: "Traité de chimie

élémentaire théorique et pratique" (6. Aufl.,

Par. 1836, 5 Bde.; deutsch, Leipz. 1825-30, 7 Bde.) und "Recherches

physico-chimiques" (mit Gay-Lussac, Par. 1811, 2 Bde.).

Thenardit, natürlich vorkommendes Glaubersalz

(schwefelsaures Natron).

Thénardsblau, s. Kobaltblau.

Thenenet, ägypt. Göttin, Begleiterin des Gottes

Month, eine Form der Hathor.

634

Theobroma - Theodolit

Theobroma, s. Kakaobaum.

Theobromin C7H8N4O2, Alkaloid, findet sich zu 1,5 Proz.

in den Kakaobohnen und wird dargestellt, indem man entölten

Kakao anhaltend mit Wasser und wenig Schwefelsäure kocht, die

klare Abkochung mit Bleioxyd neutralisiert, filtriert, das Filtrat

gären läßt, kocht, mit Soda neutralisiert und das

sich ausscheidende T. durch wiederholtes Lösen in

Salpetersäure und Fällen mit Ammoniak reinigt. T. bildet

ein farb- und geruchloses, kristallinisches Pulver, schmeckt

bitter, ist wenig löslich in Wasser, kaum in Alkohol und

Ather, leicht in Ammoniak, sublimiert bei 290°, reagiert

neutral, bildet leicht kristallisierbare, unbeständige Salze

und gibt in ammoniakalischer Lösung mit salpetersaurem

Silberoxyd einen Niederschlag von Theobrominsilber, welches mit

Jodmethyl Jodsilber und Kaffein (Methyltheobromin) bildet. T. wirkt

wie Kaffein, aber viel schwächer.

Theodat (Deodat), König der Ostgoten, letzter

männlicher Sprößling des Königsgeschlechts der

Amaler, Graf von Tuscien, ward von Amalasuntha nach ihres Sohns

Athalarich Tod (534) zum Mitherrscher erkoren, obwohl er wegen

seiner Habsucht und Gewaltthätigkeit allgemein verhaßt

war und schon in verräterischer Verbindung mit dem Hofe von

Konstantinopel stand, ließ, gereizt durch Amalasunthas

Verachtung, diese 535 im Bad ermorden, benahm sich, unkriegerisch

und zu gelehrter Spielerei neigend, als Belisar das Ostgotenreich

angriff, feig und kriechend demütig, erbot sich sogar, sein

Reich an Justinian abzutreten, und ward 536 von einem über

seine Feigheit ergrimmten Goten ermordet. Vgl. O. Abel, T.,

König der Ostgoten (Stuttg. 1855).

Theodéktes, griech. Redner und tragischer Dichter,

aus Phaselis in Lykien, trug achtmal den Sieg davon, so 351 v. Chr.

mit seiner Tragödie "Mausolos" in dem tragischen Wettstreit,

welchen die Königin Artemisia zu Ehren ihres verstorbenen

Gemahls Mausolos veranstaltet hatte. Von seinen Tragödien sind

nur unbedeutende Bruchstücke übrig (abgedruckt bei Nauck,

"Tragicorum graecorum fragmenta", Leipz. 1856). Vgl. Märcker,

De Theodectis vita et scriptis (Bresl. 1835).

Theodelinde, Königin der Langobarden, Tochter des

Bayernherzogs Garibald, ward 589 mit dem langobardischen König

Authari, der unerkannt um sie warb, vermählt, reichte nach

dessen Tod (590) dem Herzog Agilulf von Turin die Hand und

verschaffte ihm dadurch die Krone, übte unter ihm und ihrem

Sohn Adelwald (615-624) großen Einfluß auf die

Regierung aus und vermittelte namentlich den Frieden zwischen den

arianischen Langobarden und der römisch-katholischen Kirche.

Sie erbaute die Kathedrale in Monza, wo fortan die Eiserne Krone

aufbewahrt wurde.

Theoderich (got. Thiudareiks, "Volksherrscher",

Theodorich, Theuderich, später Dietrich), Name zweier

westgotischer Könige: 1) T. I., 419-451, Nachfolger Wallias,

wählte Tolosa zum Herrschersitz, besiegte 439 den

römischen Feldherrn Litorius, verband sich 451 mit Aetius

gegen die Hunnen und fiel, tapfer kämpfend, in der Schlacht

bei Catalaunum.

2) T. II., 453-466, Sohn des vorigen, ermordete seinen

ältern Bruder, König Thorismund, regierte kräftig

und focht siegreich, ward 466 von Eurich ermordet.

3) T. der Große, König der Ostgoten, geb. 454, Sohn

des Amalers Theodemir, kam 462 als Geisel an den byzantinischen

Hof, an dem er zehn Jahre verweilte, nahm dann an seines Vaters

Kämpfen teil, ward nach dessen Tod 475 König der Ostgoten

und stand im Bund mit dem oströmischen Kaiser Zenon, der ihn

mit Ehren und Würden Überhäufte und ihm die

Erlaubnis erteilte, Italien für den Kaiser wiederzuerobern.

488 zog er über die Ostalpen, schlug Odoaker 489 am Isonzo und

bei Verona, 490 an der Adda, zwang ihn 493 in Ravenna zur

Übergabe und tötete ihn mit eigner Hand. Er nannte sich

nun, obwohl er die Oberhoheit des byzantinischen Kaisers

anerkannte, König von Italien und begründete das

ostgotische Reich. Er erweiterte und sicherte dessen Grenzen nach

außen, erwarb Sizilien, die Alpenlande und die Provence,

suchte den Frieden unter den germanischen Reichen aufrecht zu

erhalten und ward von denselben als mächtiger Schiedsrichter

hoch geachtet. Im Innern stellte er ebenfalls eine vortreffliche

Staatsordnung her. Seinen Goten wies er ein Dritteil des

Grundbesitzes an und übertrug ihnen den bewaffneten Schutz des

Reichs; für die Italiker ließ er die römische

Verfassung, Gerichtsordnung und Gesetzgebung bestehen und suchte

dieselben überhaupt durch Milde und Gerechtigkeit für

sich zu gewinnen, begünstigte den Ackerbau, errichtete

Getreidemagazine, um der Teurung vorzubeugen, und schmückte

die größern Städie des Landes mit Kirchen,

Palästen, Bädern, Wasserleitungen etc., wovon noch jetzt

Überbleibsel vorhanden sind. Kurz, Italien begann unter seiner

Regierung nach jahrhundertelanger innerer Zerrüttung und

Anfeindung von außen sich aller Segnungen des Friedens wieder

zu erfreuen. Dennoch gelang es ihm nicht, die Goten mit den

Römern zu verschmelzen und die Abneigung des orthodoxen Klerus

gegen die Herrschaft der arianischen Ketzer zu überwinden. Die

Ränke desselben verleiteten ihn 524 zur Hinrichtung der

hochgeachteten Senatoren Boethius und Symmachus. Er starb 26. Aug.

526, ohne einen Sohn zu hinterlassen, daher das Reich auf seinen

zehnjährigen Enkel Athalarich, den Sohn seiner Tochter

Amalasuntha, überging. Auch in der Sage und im Lied lebte T.

als Dietrich von Bern (s. d.) fort, und im deutschen Heldenbuch wie

im Nibelungenlied wird er als einer der hervorragendsten Helden

gefeiert. Vgl. Dahn, Könige der Germanen, Bd. 3 (Würzb.

1866); Deltuf, Théodoric, roi des Ostrogothes (Par. 1869);

Martin, T. der Große bis zur Eroberung Italiens (Freiburg

1889).

Auch Name zweier fränkischer Könige aus dem Geschlecht

der Merowinger: 4) T. I., außerehelicher Sohn Chlodwigs,

folgte diesem 511 im Osten des Frankenreichs (Austrasien) mit der

Hauptstadt Reims, eroberte 530 das Thüringer Reich, dessen

letzten König, Hermanfried, er hinterlistig tötete; starb

534. - 5) T. II., Sohn Childeberts, erbte von diesem 596

Burgundien, entriß seinem Bruder Theodebert 612 Austrasien,

starb aber 613 in Metz.

Theodicee (griech., "Gottesrechtfertigung"), der

religionsphilosophische Versuch des Erweises, daß das

Vorhandensein des Übels und des Bösen vereinbar sei mit

einer weisen, gütigen und gerechten Vorsehung. Für die

älteste T. gilt gewöhnlich das Buch Hiob; aber Begriff

und Aufgabe derselben stehen erst fest seit Leibniz' Schrift "Essai

de théodicée sur la bonté de Dieu, la

liberté de l'homme et l'origine du mal" (Amsterd. 1712).

Vgl. Optimismus.

Theodolít (griech.), ein hauptsächlich zu

geodätischen Zwecken, aber auch in der Astronomie benutztes

Winkelmeßinstrument, besteht aus zwei geteilten Kreisen, von

denen der eine horizontal, der andre vertikal steht. Der

Horizontalkreis ist in fester Verbindung mit dem massiven

dreifüßigen Gestell und kann

635

Theodor - Theodora

mit Hilfe von Stellschrauben und einer Libelle genau horizontal

eingestellt werden. In dem Kreis liegt ein zweiter, um eine

vertikale Achse drehbarer Kreis (Alhidadenkreis), welcher mit

seinem Rand genau an den Horizontalkreis anschließt und an

den Enden eines Durchmessers zwei Nonien zur Zählung der Grade

trägt. Senkrecht darauf steht ein fester Träger für

ein Fernrohr mit Fadenkreuz, welches um eine mit dem

Horizontalkreis parallele Achse drehbar ist, und dessen Visierlinie

von der Alhidadenachse geschnitten wird und auf der Drehachse des

Fernrohrs senkrecht steht. Fest verbunden mit der Drehachse des

Fernrohrs steht der Vertikalkreis, welcher alle Bewegungen des

Fernrohrs mitmacht. Zur Messung derselben dienen zwei feststehende

Nonien, welche an dem Ende eines mit dem Horizontalkreis parallelen

Durchmessers liegen. Nebenbestandteile sind die Klemm- und

Mikrometerschrauben für die grobe und feine Drehung des

Vertikal- und Alhidadenkreises und die Lupen zum Ablesen. Von

diesem einfachen T. unterscheidet sich der Repetitionstheodolit

(MultipliKations-, Repetitionskreis) dadurch, daß er bei

einmaliger Aufstellung und zweimaliger Ablesung ein beliebig

großes Vielfache eines gegebenen Winkels zu messen gestattet,

aus dem man durch Division leicht den einfachen Winkel finden kann.

Man vermindert in dieser Weise den Einfluß der

Beobachtungsfehler auf den gemessenen Winkel. Statt des

Hängekompasses, welcher nur eine geringe Genauigkeit der damit

aufgenommenen Winkel gewährt, wendet man die Grubentheodolite

an, welche sich von den andern nur dadurch unterscheiden, daß

sie in der Regel mit einer Bussole umgeben sind. Über den

magnetischen T. s. Magnetometer. Kleine Theodolite mit

distanzmessendem Fernrohr, mit Bussole und Vertikalkreis werden als

Tachymeter (Schnellmesser, daher Tachymetrie), Tacheometer,

Tachygraphometer in der praktischen Geometrie zum Feldmessen und

Abstecken heutzutage vielfach gebraucht. Vgl. Jordan, Handbuch der

Vermessungskunde (2. Aufl., Stuttg. 1878). Ein ähnliches

Instrument ist der Katersche Kreis. Große Theodolite mit

Vertikalkreisen genauester Konstruktion werden allgemein

Universalinstrumente genannt. Offizinen zu deren Verfertigung:

Breithaupt in Kassel, Ertel in München, Repsold in Hamburg,

Kern in Aarau, Starke in Wien. Das Urbild des Theodolits ist das

von Regiomontan im 15. Jahrh. erfundene Astrolabium, ein

Kreisbogen, in dessen Zentrum behufs Horizontalwinkelmessung eine

Alhidade (Zeiger, Radrus) sich drehte, über deren Endpunkte

man mittels Diopter visierte, dann an der feststehenden

Gradeinteilung den Winkel ablas. Die Alhidade wurde später zum

Alhidadenkreis erweitert, auf welchem sich ein Kippfernrohr mittels

Bocks oder Säule erhob; dieses erhielt dann noch zur

Vertikalmessung den Vertikal- oder Höhenkreis. Das Ganze auf

Stativ befestigt, bildete nun den T.

Theodor (griech., "Gottesgabe" oder "Gottgeweihter"), 1)

König von Corsica, s. Neuhof.

2) (Theodoros) König von Abessinien, eigentlich Kasa,

geboren um 1820 im Land Quara als Sohn des dortigen Statthalters

Hailu Marjam und einer Mutter niederer Abkunft, führte den

Titel Ledsch (Prinz), ward in einem Kloster erzogen, widmete sich

aber dem Kriegerstand, suchte sich an der Spitze einer

Räuberbande im Kampf gegen Moslims und Heiden Ruhm und Macht

zu erwerben, erhielt 1847 vom König von Gondar, Ras Ali, die

Herrschaft über ein großes Gebiet, stürzte darauf

Ras Ali durch den Sieg bei Aischal (1853) und ließ sich,

nachdem er auch den König Ubieh von Tigré seiner

Herrschaft beraubt hatte, 11. Febr. 1855 von dem Abuna Selama in

der Kirche von Deresgeh Marjam unter dem Namen T. zum König

der Könige (Negus Negesti) von Äthiopien salben und

krönen. Er eroberte darauf auch noch das Land der Wollo Galla

und Schoa, mußte aber unaufhörlich gegen Aufstände

in diesen Ländern kampfen, welche seine Kraft aufrieben und

die Durchführung seiner Reformabsichten vereitelten. Dazu

kamen Streitigkeiten mit der mächtigen Geistlichkeit und mit

England, das T. durch Nichtachtung beleidigte. Obwohl T. eigentlich

danach strebte, die europäische Zivilisation in seinem Land

einzuführen, wurde sein Zorn durch Anmaßung und

Taktlosigkeiten der europäischen Konsuln und Missionäre

so gereizt, daß er 1864 alle Europäer ins Gefängnis

warf. Im unaufhörlichen Kampf mit Rebellen und der Ungunst des

Auslandes waren seine Willkür und Grausamkeiten gewachsen. Als

er 1866 den englischen Gesandten Rossam, der eine

Verständigung versuchte, gefangen nahm und seine Auslieferung

verweigerte, landeten die Engländer Ende 1867 bei Massaua und

drangen, von den Rebellen unterstützt, bis zur Bergfeste

Magdala vor, wo T. sie erwartete. Nach einer Niederlage seines

Heers bot er Frieden an, als aber die Engländer forderten, er

solle sich als Gefangener stellen, erschoß er sich selbst

(14. April 1868). Sein Sohn Alemajehu wurde nach England gebracht,

starb hier aber bald. Vgl. Acton, The Abyssinian expedition and the

life and reign of king T. (Lond. 1868).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 184 / 302 段