Schriftsteller, insbesondere als Biograph Beethovens hochverdient,
geb. 22. Okt. 1817 zu South Natick (Massachusetts), studierte
Rechtswissenschaft an der Harvard University zu Cambridge, trat,
nachdem er daselbst promoviert hatte, in den Staatsdienst, war
1860-64 bei der amerikanischen Gesandtschaft in Wien angestellt und
lebte seitdem als Konsul der Vereinigten Staaten in Triest. Seit
1882 widmet er sich ausschließlich litterarischen Studien.
Schon frühzeitig hatte er den Plan einer erschöpfenden
Biographie Beethovens gefaßt und zur Ausführung
desselben wiederholt (1849-51, 1854-56, 1858 ff.) Studienreisen
nach Deutschland unternommen, wo er durch seine Nachforschungen ein
überaus reiches Material zusammenbrachte. Das Werk erschien
zunächst in deutscher Übersetzung (von H. Deiters): "L.
van Beethovens Leben" (Berl. 1876-79, 3 Bde.), und entwirft unter
Beiseitelassung aller musikalischen Analyse und Charakteristik von
dem Lebensgang und menschlichen Charakter des Meisters ein Bild,
das an Vollständigkeit, Treue und psychologischem
Verständnis jeden frühern Versuch auf diesem Gebiet weit
hinter sich läßt. T. veröffentlichte
außerdem: "Signor Masoni and other papers of the late J.
Brown", eine Sammlung musikalischer Novellen (Berl. 1862);
"Chronologisches Verzeichnis der Werke L. van Beethovens" (das.
1865); "Ein kritischer Beitrag zur Beethoven-Litteratur" (das.
1877) u. a.
Thäyingen (Thayngen), Dorf im schweizer. Kanton
Schaffhausen, an der Bahnlinie Konstanz-Schaffhausen, mit Weinbau
und (1888) 1185 Einw. über die dort gemachten Höhlenfunde
s. Randen.
623
Thb. - Theater.
Thb., auch Thgb., Thnb., bei botan. Namen Abkürzung
für K. P. Thunberg (s. d.).
Theagenes, Tyrann von Megaris, stürzte um 625 v.
Chr. mit Hilfe des Volkes die dorische Oligarchie und machte sich
zum Alleinherrscher, unterstützte 612 den Versuch des Atheners
Kylon, seines Schwiegersohns, in Athen die Tyrannis zu errichten,
versah Megara mit einer Wasserleitung, beförderte Handel und
Gewerbe, ward indes um 580 vertrieben.
Theano, von Kreta gebürtig, Tochter der Pythonax,
erst Schülerin, dann Gattin des Pythagoras, gilt für die
Verfasserin mehrerer Briefe (über Kindererziehung, Hauswesen
etc.) und Sittensprüche, die aber wahrscheinlich einer
spätern Zeit angehören.
Theanthropophilen, s. Theophilanthropen.
Theanthropos (griech., "Gottmensch"), dogmatische
Bezeichnung Christi, s. Christologie.
Theater (griech., hierzu Tafel "Theaterbau"),
Schaubühne, Schauspielhaus. Das eigentliche Vaterland des
Theaters ist das alte Hellas mit seinen Kolonien. Das
altgriechische T. (s. den Grundriß und Tafel "Baukunst IV",
Fig. 11) war nicht allein für dramatische Aufführungen
bestimmt, sondern auch Schauplatz für alle zum Kultus des
Dionysos gehörigen Feierlichkeiten und bestand aus drei
Hauptabteilungen: 1) aus dem Zuschauerraum (Theatron im engern
Sinn), welcher die in immer weitern Halbkreisen nach hinten
übereinander sich erhebenden Sitzreihen enthielt, durch einen
oder zwei breite, ebenfalls konzentrische Gänge (Diazoma) in
Stockwerke sowie durch Treppengänge in einzelne
keilförmige Abschnitte (Kerkis) abgeteilt war; 2) aus der
Orchestra, dem mittlern, für den Chor bestimmten Raum mit der
erhöhten Thymele, dem Standort des Chorführers, und 3)
aus dem mit Statuen geschmückten Bühnengebäude
(Skene), das mit seinen zwei nach dem Zuschauerraum hervortretenden
Flügeln (Paraskenion) den eigentlichen Spiel- und Sprechraum
(Proskenion) umschloß und die zur Aufbewahrung des ganzen
Theaterapparats nötigen Räume sowie die Ankleidezimmer
der Schauspieler enthielt. Der unter dem Proskenion gelegene Raum,
welcher dem Zuschauerraum gegenüber die tiefer liegende
Orchestra und die höher liegende Bühne abschloß,
hieß das Hyposkenion. Das ganze Gebäude war ohne
Bedachung, höchstens bedachte man den obersten, den
Zuschauerraum umgebenden Gang, welcher dann eine Säulenhalle
bildete, und die von zwei nach der Orchestra hin vorspringenden, im
Grundriß rechteckigen Flügeln flankierte Bühne, und
mit dem Zuschauerraum gewöhnlich an einen Hügel
angelehnt, aus dessen Gestein die Sitzreihen der Zuschauer
herausgearbeitet waren. Das T. in Athen (340-328 v. Chr. erbaut)
faßte gegen 30,000, das zu Megalopolis 40,000 Personen.
Daß bei den Griechen auch Szenerie, Maschinerie und
Dekoration schon eine gewisse Ausbildung erlangt hatten, steht
außer Zweifel; das Kostüm war zum Teil durch feste
Regeln bestimmt. Äschylos führte in die Tragödie den
hohen Kothurn und die Maske (s. d.) ein, welch letztere auch
ermöglichte, daß Frauenrollen ohne Störung der
Illusion von Männern gegeben werden konnten. Der Kampfpreis
für den tragischen Dichter bestand in einem Epheukranz,
für den komischen in einem Schlauch mit süßem Wein.
Das Eintrittsgeld betrug in Athen für die drei Spieltage eine
Drachme. Vgl. Chor und Schauspielkunst.
In Rom entstanden feststehende Theatergebäude erst gegen
das Ende der Republik. Wie das griechische, bestand auch das
römische aus drei Teilen: dem Zuschauerraum, der Orchestra und
der Bühne, nur daß die Orchestra (weil der Chor mit auf
der Bühne auftrat) zu bevorzugten Sitzplätzen verwendet
wurde; man nannte den Raum das Podium, den Sprechplatz der
Schauspieler Pulpitum. Eigentümlich war der römischen
Bühne ein Vorhang (aulaeum), womit sie vor Beginn des Spiels
geschlossen war. Der Zutritt zu den Theatern in Rom war
unentgeltlich; doch mußte jeder beim Eintritt eine Marke
(tessera) aufweisen, auf welcher sein Sitz
[siehe Graphik]
Grundriß eines griechischen Theaters.
bezeichnet war. Die Ausrichtung der Theaterspiele war
Staatssache; auch hier wurden weibliche Rollen bis in die
Kaiserzeit von Knaben und Männern gespielt. Außer dem T.
des Pompejus waren das T. des Corn. Balbus und das des Marcellus,
welches 22,000 Menschen faßte, die vorzüglichsten. Vgl.
Strack, Das altgriechische Theatergebäude (Potsd. 1843, 9
Tafeln); Wieseler, Theatergebäude und Denkmäler des
Bühnenwesens bei den Griechen und Römern (Götting.
1851, mit 14 Tafeln); Schönborn, Die Skene der Hellenen
(Leipz. 1858); Arnold, Das altrömische Theatergebäude
(das. 1873); A. Müller, Griechische Bühnenaltertümer
(Freiburg 1886); Öhmichen, Griechischer Theaterbau (Berl.
1886); Opitz, Das Theaterwesen der Griechen und Römer (Leipz.
1889).
Dem Mittelalter waren eigentliche Theatergebäude ganz
fremd. Die dramatischen Aufführungen standen im Dienste der
Kirche, welche die bauliche Anlage ihrer Gotteshäuser nach dem
Beispiel der antiken T. dem Zweck der heiligen Festspiele
anbequemte. Charakteristisch ist hierbei die dreiteilige,
über- und
624
Theater (moderner Theaterbau).
hintereinander sich erhebende Emporbühne, deren Anordnung
auch beibehalten wurde, als mit der zunehmenden Verweltlichung die
überdies allzu personenreichen Kirchenspiele ins Freie, auf
Kirchhöfe, Märkte etc., verwiesen wurden (s. Mysterien,
S. 956 f.), wo besondere Gerüste hierfür erbaut wurden.
Die weltlichen Spiele waren auf Schulsäle, Scheunen
("Stadeln"), unbedeckte Hofräume mit Gerüsten und Emporen
("Brücken", "Zinnen"), mit Teppichen umhangene Räume,
später auf schlichte "Spielhäuser" angewiesen, deren
erstes 1550 in Nürnberg durch die Meistersingerzunft errichtet
wurde. Letztere vervollkommten sich erst mit dem
Überhandnehmen des Luxus bei den Hofhaltungen in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrh., besonders nach dem Vorbild der
italienischen Operntheater, deren Grundformen noch heute gelten.
Die ersten Opernhäuser in Deutschland erhielten, abgesehen von
den Residenzen, Nürnberg, Augsburg, Hamburg und Leipzig
(1667-93).
Der moderne Theaterbau.
Auch im modernen T. wird der Zuschauerraum wie im antiken
halbrund oder hufeisenförmig, nach hinten zu etwas aufsteigend
erbaut. Den Boden desselben nimmt das Parterre (in seinem mit
reservierten Plätzen versehenen vordern Teil Parkett genannt)
ein; an der tiefsten Stelle des Zuschauerraums, zwischen Parkett
und der Bühne, hat sich die antike Orchestra in den schmalen,
lang gedehnten Raum für das Musikchor verwandelt, auf welches
auch der alte Name (eigentlich "Tanzplatt") übergegangen ist
(s. Orchester). Bei den neuesten Theaterbauten wird, nach der Idee
Richard Wagners und Sempers (Wagnertheater in Baireuth mit
amphitheatralisch aufsteigenden Sitzreihen), das Orchester, um die
Illusion weniger zu stören, versenkt und so angeordnet,
daß mindestens das in dem Parkett und Parterre befindliche
Publikum die ausführenden Musiker nicht sieht. Durch die
Herstellung eines vertieften Orchesters wird nicht nur der Eindruck
der von unsichtbaren Musikern herrührenden Musik, sondern auch
die perspektivische Wirkung der scheinbar näher gerückten
und deshalb größer erscheinenden Darsteller und
Darstellungsgegenstände wesentlich erhöht. Der Umfang des
Parterre wird von übereinander errichteten Logenreihen oder
von Balkonen, welche alsdann für die Logen nur den Raum am
Orchester übriglassen, umschlossen; der oberste Balkon
heißt Galerie. Die erhöhte Bühne, d. h. der Ort, wo
die Schauspieler agieren, wird von dem Orchester- und Zuschauerraum
durch mehrere Vorhänge geschieden, welche bei
größern Theatern, z. B. in Dresden, in einem Haupt- und
einem Zwischenaktsvorhang, einem Vorhang für Szenenwechsel und
einem zur Lokalisierung der Feuersgefahr bestimmten eisernen
Vorhang bestehen. Letzterer ist aus Trägerwellenblech
konstruiert, durch Gegengewichte ausbalanciert und mittels
Kurbelwinden beweglich. Vor dem Vorhang befindet sich die Rampe
oder das Gestell, an welchem die vordere Beleuchtung der Bühne
angebracht ist; in der Mitte der Rampe befindet sich der
Souffleurkasten. Vom Proszenium, dem vordersten Teil der
Bühne, aus steigt der Boden der Bühne (Podium) nach
hinten zu ein wenig aufwärts. Die Szene oder der Ort, wo die
Handlung spielt, wird durch die Dekorationen, nämlich eine
Hinterwand und Seitenwände, begrenzt. Die Hinterwand
(Hintergardine) muß an verschiedenen Stellen herabgelassen
werden können, da es nötig ist, die Bühne bald
kürzer, bald länger (tiefer) zu machen. Die
Seitenwände der Bühne werden durch Kulissen dargestellt.
Sie bestehen aus Leinwand, auf Rahmen gespannt, gehen durch das
Podium hindurch und ruhen unterhalb desselben auf einem kleinen
Wagen oder einer Walze, so daß leicht mit demselben Zug die
neuen Kulissen vor, die nicht mehr nötigen zurückgezogen
werden können. In neuester Zeit hat man, besonders für
das Konversationsstück, vielfach versucht, "geschlossene"
Dekorationen, sogen. Panoramatheater, einzuführen, d. h.
Kulissen, welche mittels Klappen sich aneinander anschließen
(Klappkulissen) und wirkliche Seitenwände bilden, sowie auch
die Deckendekoration aus dem Ganzen zu arbeiten. Die zur
nähern Bestimmung der Szene nötigen Stücke, wie
Häuser, Mauern, Bäume, Felsen u. dgl., heißen
Versetzstücke und werden vermittelst sogen. Freiwagen, deren
Maschinerie unter dem Podium hingeht, von den Seiten
hervorgeschoben. Den Luftraum oder die obere Decke der Bühne
bilden die Soffiten, d. h. quer über die Bühne gehende
Leinwandstreifen, die das Bühnenbild nach oben begrenzen. Je
nachdem die Soffiten bemalt sind, heißen sie Luft-, Wald-,
Zimmersoffiten etc. Die gesamte Maschinerie des modernen Theaters
wird in die obere und die untere geteilt. Die obere umfaßt
alle Zug- und Hängewerke nebst den dazu gehörigen Leinen,
Zügen, Walzen, Schnürböden, Galerien etc. sowie den
ganzen Apparat, mittels dessen auf der Bühne Personen und
Gegenstände durch die Luft bewegt werden, d. h. das Flugwerk.
Die untere Maschinerie besteht aus den Versenkungen
(geräuschlos auf- und niedergehenden Bodenausschnitten),
Kanälen, Freifahrten, Wagen u. dgl. und dient teils zur
Bewegung der Kulissen, teils zum Emporheben aus der Erde
aufsteigender Erscheinungen. Die notwendigen Vorrichtungen zum
Flugwerk, zu dem Aufziehen des Vorhangs, zum Dekorationswechsel,
zur Herablassung der Soffiten befinden sich auf einem besondern
Boden über der Bühne, dem Schnürboden, dessen
Fußboden durchbrochen ist. Auf einem andern obern Boden, dem
Feuerboden, sind für Feuersgefahr die zur Löschung
nötigen Reservoirs befindlich. Die Bühne wird meist in
5-8 perspektivisch geordnete Abteilungen zerlegt, deren jede eine
große Versenkung, drei durchgehende Freifahrten und eine
durchgehende Klappe hat. Die Beleuchtung wird meist in jeder Bahn
mittels zwei Ober- und zwei Seitenlichter sowie durch Versetz-,
Transparent- und Extralampen bewirkt. Hierzu kommt die vordere,
durch die Proszeniumslampen bewirkte, regulierbare Beleuchtung der
Bühne. Zu beiden Seiten der Hauptbühne befinden sich
Probesäle, Garderoben und Ankleidezimmer. Die den
Zuschauerraum enthaltende Abteilung des Hauses versieht man
außer mit den Treppenanlagen mit Restaurationsräumen,
Büffetten u. Foyers. Hierzu kommen die Vestibüle,
Korridore und Unterfahrten sowie bei Hof- und Residenztheatern in
dem Zuschauerraum die Anordnung der Hoflogen und die damit in
Verbindung zu bringenden Salons und sonstigen Appartements. Nicht
selten wird die Anlage besonderer Konzertsäle und Säle zu
kleinern theatralischen Aufführungen gefordert.
Die Anordnung des Äußern bestand früher in der
Herstellung eines mehr oder minder regelmäßigen
rechteckigen Gebäudes, in welches man den
hufeisenförmigen Zuschauerraum einschaltete, erfolgt aber bei
neuern Ausführungen häufig im engen Abschluß an die
Form des Innenbaues und stellt alsdann von der Seite des
Zuschauerraums einen mehr oder minder vollständigen Rundbau
dar. Anordnungen dieser Art zeigen unter andern das Mainzer, das
Dresdener
Theaterbau.
1 Auffahrt
2 Terasse
3 Magazine
4 Rundgang um das Vestibül (5)
6 Rundgang um das Foyer (7)
8 Große Garderobe
9 Terrasse
10 Haupttreppe
11 Foyer für III. Rang
12 Ventilationskanäle u. Heizraum
13 Garderobe für Parterre
14 Saal zur Königsloge
15 Vorsaal für III. Rang
16 Königsloge
17 Parterreloge
18 Mischraum
19 Zuschauerräume: Parkett, Parterre, Loge im I. und II.
Stock, III. Rang, Amphitheater
20 Ventilationsschacht
21 Bühne mit Asphaleia-Einrichtung
22 Versenkung
23 Schnürboden
24 Ventilationsschacht für die Bühne
25 Akkumulatoren 26 Hinterbühne
27 Ballett-Probesaal
28 Malersaal
Längenschnitt des königl. ungarischen Opernhauses in
Budapest. (Maßstab 1:500).
Grundriß des Parterregeschosses. (Maßstab
1:1040.)
Grundriß des Hochparterres (Bühnenhöhe).
(Maßstab 1:1040.)
[Artikel Theater.]
Zur Tafel 'Theaterbau': Das neue königliche Opernhaus in
Budapest.
Zu den Eigentümlichkeiten des beim Opernhaus zu Budapest
(Architekt Nik. v. Ybl) teilweise in Anwendung gekommenen sogen.
Asphaleia-Systems gehört der um den hufeisenförmigen
Zuschauerraum geführte, zu Lüftungszwecken dienende sog.
Ventilationsring, an welchen sich in den einzelnen Stockwerken das
Vestibül, die Foyers, Treppenhäuser, Garderoben u.
Büffette nebst den beiden seitwärts angebrachten,
gedeckten Unterfahrten u. zwar durchweg in einer Weise
anschließen, welche die Sicherheit und Bequemlichkeit der
Theaterbesucher vollkommen wahrt. Zur Verbesserung der Akustik,
Lüftung und freien Aussicht der Galeriebesucher ist der
eiserne Plafond muschelartig gewölbt, aus zwei Böden,
wovon der untere zwecks Aufsaugung schlechter oder Zuführung
frischer Luft siebförmig durchlöchert ist,
zusammengesetzt und ruht nicht auf der Galeriebrüstung,
sondern auf dem Ventilationsring, wodurch auch die Galeriebesucher
einen freien Ausblick auf die Bühne genießen. Mit den
Hauptneuerungen ist die Bühne ausgestattet, welche (das Podium
ausgenommen) mit Ausschluß von Holz konstruiert ist. Das
Podium ist seiner Breite nach in mehrere Podienstreifen, sogen.
Gassen (s. den Grundriß der Bühne auf der folgenden
Seite), zerlegt, wovon jeder für sich oder mit den andern um
je 2,5 m gesenkt oder um je 4,5 m gehoben werden kann. Diese
Bewegung wird, wie der nebenstehende Querschnitt zeigt, durch
hydraulische Pressen bewirkt, deren Stempel zugleich die
Träger jener Gassen unterstützen, und durch das
Öffnen und Schließen eines Hahns erzielt, welcher den
Zufluß des unter einem bestimmten Druck stehenden Wassers zum
Preßcylinder regelt. Jede Gasse enthält wieder drei
nebeneinander befindliche Versenkungen, welche ebenfalls auf
hydraulischen Pressen ruhen und in ähnlicher Weise um 5 m
gesenkt oder um 6,5 m gehoben werden können. Mit Hilfe dieser
hydraulisch zu bewegenden Versenkungen lassen sich Terrassen,
Serpentinen, Brücken, Balkone, ja bei abwechselndem
Öffnen und Schließen der Wasserhähne selbst
Schaukelbewegungen des Podiums oder seiner Teile hervorbringen.
Zwischen den einzelnen Gassen sowie an beiden Seiten der Bühne
sind Klappen angebracht, durch welche man nicht nur ganze
Dekorationen, sondern auch ganze Zimmer bis zu einer Höhe von
8 m heben kann. Bei dem Schnürboden werden die
Soffitenzüge durch lange Züge ersetzt und hierbei nur
Drahtseile verwandt. Alle Züge können ebenso wie die
Versenkungen
Querschnitt durch die Bühne in der Richtung einer
Kulissengasse, 1:285.
*
Zur Tafel 'Theaterbau': Das neue königliche Opernhaus in
Budapest.
hydraulisch von unten bewegt werden, wodurch das
gefährliche Betreten des Schnürbodens und der
Soffitenbrücken wegfällt. Dafür ist in jeder Gasse
ein Flugapparat eingeschaltet, welcher nicht bloß an jeden
Punkt derselben gelenkt, sondern auch in beliebigen Lagen bewegt
werden kann. Der Abschluß des Zuschauer- und Bühnenraums
wird durch einen ebenfalls hydraulisch bewegten Blechvorhang
geschlossen. Die vielfach störende Rampenbeleuchtung ist durch
eine seitliche Beleuchtung durch elektrisches Licht ersetzt, zu
welchem Zweck in der Mauer der Proszeniumsöffnung eine nur
gegen die Bühne hin offene Hohlkehle angebracht ist, welche
die Lampen aufnimmt. Die schwierig zu handhabenden, oft durch ihre
ungleiche Beleuchtung störenden Luftsoffiten sind durch einen
sogen. Horizont, ein mit Wolken bemaltes, senkrecht
herabhängendes Dekorationsstück, welches die ganze
Bühne umgibt und sich hinreichend hoch, im Budapester Theater
19 m, über das Podium erhebt, ersetzt. Der auf der Tafel
dargestellte Längenschnitt des königlich ungarischen
Opernhauses in Budapest gibt ein anschauliches Bild dieser ganzen
Einrichtung, deren einzelne Teile mit fortlaufenden Zahlen
bezeichnet und demgemäß mit den ihrem Zweck
entsprechenden Benennungen versehen sind. Zu erwähnen ist
noch, daß der Zuschauerraum, wie die beiden Grundrisse
zeigen, hufeisenförmig angelegt, und daß das Proszenium
in Gestalt eines Triumphbogens zwischen Bühne und
Zuschauerraum eingeschaltet ist. Der Orchesterraum ist vertieft und
mit einer zierlichen Eisenguirlande eingefaßt. In den mit 18
bezeichneten Mischraum treiben zwei große, von einem Gasmotor
bewegte Ventilatoren die frische Luft ein, von wo dieselbe,
entsprechend vorgewärmt, durch gemauerte Kanäle in den
Zuschauerraum gelangt. Die schlechte Luft wird durch den
Kronleuchterschacht (20) und zahlreiche andre
Luftabzugsschlöte entfernt. Die Effektbeleuchtung der
Bühne wird durch elektrisches Licht bewirkt, wobei vier durch
zwei zwölfpferdige Gasmaschinen bewegte Dynamomaschinen zur
Verfügung stehen. Die Beleuchtung des Hauses wird aus
ökonomischen Gründen durch Gas bewirkt. Zwischen
Zuschauerraum und Bühne befindet sich der eiserne Vorhang,
während die letztere mit einem eisernen Dachstuhl
überdeckt ist. Die Bewegung des ganzen Bühnenapparats,
welchen der Längenschnitt unter 21, 22 u. 23 sowie der
Querschnitt durch die Bühne deutlich darstellt, geht von einer
zwölfpferdigen Gasmaschine aus, welche die von einem unter dem
Zuschauerraum befindlichen Brunnen gespeiste Wasserpumpe in
Thätigkeit setzt. Der Urheber der Maschineneinrichtung des
Asphaleia-Systems ist der Wiener Ingenieur Robert Gwinner, nach
dessen Plänen seitdem diese Bühneneinrichtung unter
andern beim Landestheater zu Prag, den neuerbauten Theatern in
Halle a. S., Göggingen bei Augsburg, dem Drurylane-Theater in
London, dem großen Theater zu Chicago etc. Anwendung gefunden
hat.
Grundriß der Bühne mit Asphaleia-Einrichtung (Nr. 21,
22 des Längenschnitts).
625
Theaterbilletsteuer - Theatre-Francais.
und das Berliner Viktoria-T. Sowohl der die Vorder- und
Hinterbühne einschließende Gebäudeteil als auch die
für die verschiedenen Säle, Foyers, Treppen und
Korridoranlagen erforderlichen Anbauten erhalten dann aus dem
gleichen Grund rechteckige Begrenzung, wodurch die Form der neuern
T. eine mit mehr oder minder großem Geschick ausgebildete
kombinierte, aus Rechteck- und Rundbau bestehende wird. Die
merkwürdigste, zwar sehr reiche, aber etwas gezwungene
Kombination dieser Art zeigt die von Garnier erbaute Große
Oper in Paris, während diejenige des Dresdener Theaters dem
Innern genau angepaßt und natürlich ist. Die
Bekrönung der einzelnen Teile und ihre äußere
Verzierung wird meist durch Figuren oder Figurengruppen
unterstützt.
Die Stilformen des Hauptinnenraums bewegen sich bei den neuern
Theatern fast durchweg, je nach dem Grad ihres Reichtums, in einer
frühern oder spätern Epoche des Renaissancestils, wobei
die figürliche Skulptur eine mehr oder minder hervorragende
Rolle spielt. Karyatiden, Atlanten an den Proszeniumslogen,
schwebende Figuren in den Gewölbzwickeln der Decke (wie an der
Pariser Oper), Statuen und Medaillons von Musen und Musengruppen,
bedeutenden Ton- und Dramendichtern etc. bilden die Motive. Die
Dekorationsmalereien entfalten sich vorwiegend an dem Plafond. Als
ein Hauptschmuck des Zuschauerraums tritt endlich außer den
übrigen Arm- und Wandlampen der Kronleuchter hervor, dessen
Lampen sich in zwei und mehr (an der Pariser Oper in vier) Etagen
von ungleichen Durchmessern aufbauen und sowohl durch Ausziehen und
Niederlassen als auch durch die Regulierung der Gasflammen einen
mehr oder minder hellen Lichteffekt erzeugen können. Die in
der Nähe des Plafonds aufgehängten sogen. Sonnenbrenner
dienen zugleich zur Beförderung der Ventilation des
Innenraums, welche bisweilen, z. B. beim Dresdener Theater, noch
durch einen besondern, auf dem Dachstuhl ruhenden Ventilator
unterstützt wird. Zu den schon in der Bauanlage getroffenen
Vorsichtsmaßregeln zur Abwendung der Feuersgefahr
(Löschanstalten, ausreichende Ausgänge, zahlreiche
feuersichere Treppen, nach außen sich öffnende Zwischen-
und Außenthüren, Vorplätze, zur Abführung des
Rauches dienende Ventilationseinrichtungen etc.) kamen in neuerer
Zeit als bedeutungsvoll hinzu: die Aufführung einer soliden
Brandmauer zwischen Bühne und Zuschauerraum in Verbindung mit
dem in der Proszeniumsöffnung angebrachten hydraulisch
bewegbaren Metallvorhang (s. oben) zur raschen Isolierung beider
Räume bei Ausbruch eines Brandes; Ersatz der Gasbeleuchtung
durch elektrische Beleuchtung in allen Teilen des Theaters; Schutz
aller Theaterrequisiten und des Holzwerks auf der Bühne gegen
rasche Entzündbarkeit mittels chemischer Imprägnierung
mit unbrennbaren Stoffen. Der am 8. Dez. 1881 ausgebrochene
verhängnisvolle Brand des Wiener Ringtheaters führte
indessen zu der Einsicht, daß der technische Teil des
Theaterwesens den Anforderungen, welche die Richtung der heutigen
Kunst an denselben stellt, überhaupt nicht mehr gewachsen sei
und einer durchgreifenden Umgestaltung bedürfe. Dieser
Einsicht verdankt ein Entwurf nach dem System "Asphaleia" zu einem
nicht nur feuersichern, sondern auch technisch zeitgemäß
umgestalteten T. seine Entstehung, welcher bei dem 1885
eröffneten königlichen Opernhaus in Budapest seine erste,
bereits bewährte Anwendung gefunden hat und seitdem auch
anderwärts nachgeahmt worden ist. Weiteres darüber s. in
der Textbeilage zur beifolgenden Tafel.