Provinz Tamaulipas. Schon während des mexikanischen
Unabhängigkeitskampfes sammelten sich hier viele Abenteurer
aus den Vereinigten Staaten an. Nachdem der nordamerikanische
Oberst Austin 1823 die Stadt San Felipe de Austin gegründet
hatte, fanden sich immer mehr Ansiedler aus dem Norden ein, die
ihre Absicht, das Land für die Union zu gewinnen, nicht
verhehlten. 1835 erklärten sich die Texaner im Vertrauen auf
den Beistand der herrschenden Partei in den Vereinigten Staaten,
welche eine Vermehrung der Sklavenstaaten wünschte, für
unabhängig und ernannten den General Houston zum
Generalissimus. Ein mexikanisches Heer unter Santa Anna drang zwar
im Januar 1836 in T. ein und besetzte die Hauptstadt San Felipe de
Austin, ward aber 21. April unweit des Jacintoflusses von den
Texanern unter Houston geschlagen. Mehrere andre Expeditionen der
Mexikaner in den folgenden Jahren scheiterten ebenfalls, und um
1840 stand T. als völlig konsolidierte Republik da. Frankreich
und England erkannten dieselbe 23. Nov. 1839 und 14. Nov. 1841 an;
in T. selbst aber verlangte die Mehrzahl Anschluß an die
Vereinigten Staaten, welcher vom Kongreß 1. März 1845
angenommen wurde. Die förmliche Aufnahme in den Staatenbund
erfolgte 29. Dez. 1845. Hierüber entbrannte 1846 ein Krieg
zwischen Nordamerika und Mexiko, der am 2. Febr. 1848 mit dem
Friedensvertrag von Guadalupe Hidalgo endete; in diesem entsagte
Mexiko allen seinen Ansprüchen auf T. und das Gebiet zwischen
Rio Grande und Nueces, doch schlug die Unionsregierung durch
Beschluß vom 7. Sept. 1850 einen Teil dieser Länder zu
Neumexiko, welches inzwischen als eignes Territorium in die Union
getreten war, und T. erhielt hierfür eine Entschädigung
von 10 Mill. Doll. 1844 hatte sich zu Mainz ein deutscher
Adelsverein zu dem Zweck gebildet, den nach T. auswandernden
Deutschen Hilfe und Schutz zu gewähren. Noch in demselben Jahr
wurden 150 Familien nach T. befördert und in einer Kolonie,
Neubraunfels, vereinigt. Infolge örtlicher Schwierigkeiten und
Geldmangels geriet aber die Sache bald ins Stocken. Der Prinz von
Solms-Braunfels, der Leiter der Angelegenheit, verließ das
Land, und an seine Stelle trat ein Preuße, v. Meuselbach,
welcher im Herbst 1845 den Indianern einen nördlich von jener
Kolonie gelegenen bedeutenden Landstrich abkaufte, wo später
Friedrichsburg angelegt ward. Zwar kam jetzt ein neuer Zug von
mehreren tausend Auswanderern an; doch gerieten dieselben aus
Mangel an Mitteln sowie durch die ungeeignete Lokalität, den
mexikanischen Krieg und Krankheiten bald in eine sehr
mißliche Lage. Nur Neubraunfels und Friedrichsburg kamen
etwas empor.
616
Texcoco - Thaarup.
1847 verabschiedete der Mainzer Verein alle seine Beamten und
Agenten in T. und überließ seinen dortigen Grundbesitz
dem Advokaten Martin aus Freiberg, womit die ganze Sache ihr Ende
erreichte. Kein besseres Schicksal als die deutschen Einwanderer
hatten die 1848 unter Führung des französischen
Kommunisten Cabet (s. d.) hier angelangten Ikarier. T. stand
während des amerikanischen Bürgerkriegs sehr entschieden
zur Sezession, kam indes in seinen mittlern und westlichen Teilen
infolge der Wegnahme des Forts Esperanza am Eingang der
Matagordabai durch den Unionsgeneral Banks in die Gewalt des
Nordens. T. widerstrebte nebst Mississippi und Virginia am
längsten der Annahme des sogen. konstitutionellen Amendements
und ward daher erst später rekonstituiert. Vgl. Römer,
Texas (Bonn 1849); Olmstedt, Wanderungen durch T. (deutsch, 3.
Aufl., Leipz. 1872); Eickhoff, In der neuen Heimat (Geschichtliches
über die deutsche Einwanderung, New York 1884); Burkes,
Texas-Almanack; Baker, History of T. (New York 1873); H. Bancroft,
History of the Pacific States. Bd. 10 (San Francisco 1884).
Texcoco (Tezcuco, spr. techkoko), Stadt im mexikan. Staat
Mexiko, am gleichnamigen, 240 qkm großen Salzsee, hat eine
Glashütte, Trümmer alter Paläste sowie eines
großartigen Aquädukts und (1880) 15,626 Einw. T. war
unter dem Namen Acolhuacan Hauptsitz der Kultur der Azteken. Der
See (2275 m ü. M.) wird immer seichter. Vgl. Mexiko, S.
568.
Texel, niederländ. Insel in der Nordsee, vor dem
Eingang des Zuidersees gelegen, durch das Marsdiep vom Festland
getrennt, 187 qkm (3,4 QM.) groß, an der Ost- und
Südseite durch Deiche, im übrigen durch Dünen gegen
das Meer geschützt, hat schönes Weideland, zwei
Häfen, ein Fort (Oude Schans) zur Verteidigung des Marsdiep
und 6342 Einw. Haupterwerbszweig ist Schafzucht (etwa 34,000
Stück), welche außer feiner Wolle (70-100,000 kg) den
berühmten grünen Texeler Schafkäse liefert, daneben
Ackerbau, Fischfang und Schiffahrt. T. ist Sitz eines deutschen
Konsulats.
Texier (spr. tekssieh), 1) Charles Felix Marie,
Architekt, Archäolog und Geolog, geb. 29. Aug. 1802 zu
Versailles, bereiste im Auftrag der französischen Regierung
seit 1834 mehrere Jahre lang Kleinasien und zwar in einzelnen
Teilen als erster Europäer, war 1834 in Phrygien, Kappadokien
und Lykaonien, 1835 an der West- und Südküste und zog
1836 von Tarsos mitten durch die Halbinsel nach Trapezunt. 1838-40
forschte er sodann mit La Guiche und Labourdonnaye in Armenien,
Kurdistan und Persien und 1842 wieder an der Westküste
Kleinasiens. Zeitweise Sekretär der Geographischen
Gesellschaft in Paris, wurde er 1855 Mitglied der Akademie und
starb 1871. Er schrieb: "Description de l'Asie Mineure" (Paris
1839-49, 3 Bde.); "L'Arménie, la Perse et la
Mésopotamie" (das. 1840-52, 2 Bde.) u. a.
2) Edmond, franz. Publizist, geb. 1816 zu Rambouillet
(Seine-et-Oise), studierte in Paris und veröffentlichte
bereits in seinem 19. Jahr in Gemeinschaft mit Ménard eine
Sammlung von Gedichten unter dem Titel: "En avant" (1835). Dann mit
Leidenschaft sich auf die Journalistik werfend, lieferte er
Beiträge in die beliebtesten Tagesblätter, hatte
später hervorragenden Anteil am "Siècle" und
übernahm 1860 die Redaktion der "Illustration". Eine seiner
gelungensten und ergötzlichsten Schriften ist die Humoreske
"La physiologié du poète" (1841), welche unter dem
Pseudonym Sylvius erschien. Bemerkenswert sind ferner: "Biographie
des journalistes" (1850); "Lettres sur l'Angleterre" (1851);
"Critiques et récits littéraires" (1852); "Tableau de
Paris" (1853, 2 Bde.); "Les hommes de la guerre d'Orient" (1854);
"Paris, capitale du monde" (1867); "Le journal et les journalistes"
(1867); die im Verein mit Le Senne geschriebenen Romane: "Madame
Frusquin" (1878), "Mémoires de la Cendrillon"
(preisgekrönt, 1879), "La dame du lac" (1880) u. a. T. starb
20. Okt. 1887 in Paris.
Text (lat. textus), eigentlich Gewebe, Geflecht; in der
Litteratur der eigentliche Inhalt eines Buches, im Gegensatz zu dem
in den Noten (Anmerkungen) enthaltenen; manchmal auch s. v. w.
Schriftwerk überhaupt, wenn dasselbe in einer fremden Sprache
abgefaßt ist; in der Homiletik Stelle der Heiligen Schrift,
welche der Predigt (s. d.) zu Grunde gelegt zu werden pflegt; in
der Musik die einem Gesangstück zu Grunde liegenden Worte; in
der Buchdruckerkunst Name einer größern Schriftgattung
von 20 typographischen Punkten Kegelstärke (s.
Schriftarten).
Textil (lat.), auf Weberei bezüglich; daher
Textilindustrie, Gesamtbezeichnung der Arbeiten, welche zur
Erzeugung der Stoffe dienen, wie sie als Handelsware üblich
sind und Spinnerei, Weberei, Näherei und Stickerei mit
Einschluß der Appretur, Bleicherei etc. umfassen.
Textilpflanzen, Spinnfasern (s. d.) liefernde Pflanzen.
Textor, Vogel, s. v. w. Viehweber, s.
Webervögel.
Textularia, s. Rhizopoden.
Textur (lat.), Gewebe, Gefüge, Anordnung.
Textus receptus (lat.), s. Bibel, S. 882.
Tezcuco, Stadt und See, s. Texcoco.
Tezel, Johann, berüchtigter Ablaßkrämer,
geboren um 1455 zu Leipzig, trat 1489 in den Dominikanerorden und
trieb sodann 15 Jahre lang den Ablaßhandel auf die
unverschämteste Weise. Zu Innsbruck wegen Ehebruch zum Tod
mittels Ersäufens verurteilt, ward er auf Verwenden des
Erzbischofs Albrecht von Mainz wieder auf freien Fuß gesetzt.
Er holte sich in Rom Ablaß und ward sogar zum apostolischen
Kommissar ernannt. Jetzt nahm er als Unterkommissar des Erzbischofs
Albrecht von Mainz seinen Ablaßhandel besonders in Sachsen
wieder auf und hielt eine reiche Ernte, bis Luther 31. Okt. 1517 in
seinen Thesen gegen dies Unwesen auftrat. T. wurde hierauf 1518 zu
Frankfurt a. O. Doktor der Theologie und starb im August 1519 in
Leipzig an der Pest. Sein Leben beschrieben Hofmann (Leipz. 1844),
Körner (Frankenb. 1880); katholischerseits: Gröne ("T.
und Luther", 2. Aufl., Soest 1860) und Hermann (2. Aufl., Frankf.
1883). Vgl. Kayser, Geschichtsquellen über T. (Annab.
1877).
Th, th, in sprachwissenschaftlicher Hinsicht, s. "T".
Th, in der Chemie Zeichen für Thorium.
Thaarup, Thomas, dän. Dichter, geb. 21. Aug. 1749 zu
Kopenhagen, war von 1794 an eine Zeitlang Mitglied der
Theaterdirektion und starb als Privatgelehrter 11. Juli 1821 auf
dem Gut Smidstrup unfern Hirschholm. T. ist namentlich als
Verfasser der kleinen dramatischen Idylle: "Høstgildet"
("Das Erntefest") und "Peders Bryllup" ("Peters Hochzeit") bekannt,
die durch ihren einfachen heimischen Ton und ihre anmutigen,
stimmungsvollen Gesänge ungemein ansprachen; besonders diese
letztern erfreuten sich der weitesten Verbreitung und sind zum Teil
Volkslieder geworden. Seine Schriften gab Rahbek ("Efterladte
poetiske Skrifter", Kopenh. 1822), eine Auswahl seiner Gedichte mit
Biographie Nygaard (das. 1878) heraus.
617
Thabur - Thaleia.
Thabur (türk.), s. Tabor.
Thackeray (spr. thäckere), 1) William Makepeace,
berühmter engl. Romandichter, geb. 12. Aug. 1811 zu Kalkutta
als Sohn eines Beamten der Ostindischen Kompanie, ward im Charter
House zu London erzogen, studierte in Cambridge, bereiste den
Kontinent, wo er sich unter anderm in Weimar aufhielt (1830-31),
und widmete sich nach pekuniären Verlusten der
Schriftstellerei. Unter dem Namen Michael Angelo Titmarsh und
George Fitzboodle, Esq., lieferte er zunächst Beiträge zu
"Fraser's Magazine", unter denen besonders die Erzählungen:
"Barry Lyndon" und "The adventures of an Irish fortune-hunter"
Beachtung verdienen. Als Titmarsh veröffentlichte er ferner
die von ihm selbst illustrierten Werke: "The Paris sketch-book"
(1840), "The chronicle of the Drum "(1841), "The Irish sketch-book"
(1843) sowie die Reisebeschreibung "Notes of a journey from
Cornhill to Grand Cairo" (1846). Doch erst "Vanity Fair" (1847),
seine originellste Schöpfung, machte ihn berühmt: hier
zeigt er sich als vollendeten Satiriker und bedeutenden
Novellisten. Es folgten: "Our street" (1848); "Dr. Birch and his
young friends" (1849); "Pendennis" (1849-1850), im Plan "Vanity
Fair" nicht ebenbürtig, doch gleich ausgezeichnet durch Humor
und Charakterzeichnung, und "The Kickleburys on the Rhine" (1851).
Um diese Zeit begann er, erst in England, dann in Schottland und
Amerika, öffentliche Vorlesungen zu halten, zunächst
über "The English humourists of the eighteenth century",
sodann über "The four Georges". Seinem Studium der Humoristen
entsproß der Roman "Esmond" (1852), eine der besten
Schilderungen der Zeit der Königin Anna; besonders wertvoll
sind: "The Newcomes" (1855), worin der Ernst und die Herzlichkeit
Thackerays ganz besonders hervortreten, und "The Virginians"
(1857), ein Seitenstück zu "Esmond". 1860 übernahm er die
Herausgabe des "Cornhill Magazine", zu dem er die Erzählungen:
"The adventures of Philip", "Lovell the widower" und eine kleine
monatliche Skizze, die "Round-about papers", lieferte. T. starb 24.
Dez. 1863. Gesammelt erschienen seine Werke zuletzt 1887 in 24
Bänden, in illustrierter Prachtausgabe London 1879 ff., sein
Briefwechsel 1887. Vgl. Hannay, Memoir of T. (Edinb. 1864);
Trollope, T. (Lond. 1879; deutsch von Katscher, Leipz. 1880);
Conrad, W. M. Thackeray (Berl. 1887).
2) Anna Isabella, Tochter des vorigen, ebenfalls
Schriftstellerin, s. Ritchie.
Thaddädl, stehende komische Figur in alten Wiener
Volksdramen, Seitenstück zum Kasperle u. dgl. Hauptvertreter
derselben war der Komiker Anton Hasenhut (gest. 1841).
Thaddäus, s. Judas 2).
Thag (Thug), in Ostindien Hindubanden, die es sich zum
Geschäft machen, als Pilger u. dgl. Vertrauen bei Reisenden
oder in Gehöften zu erwecken und die Leute dann durch Gift zu
betäuben, ja selbst zu ermorden, um sich ihrer Habe zu
bemächtigen. Seit 1831 ergriff die britische Regierung von
Indien ernste Maßregeln gegen das Unwesen, so daß es
nur noch in vereinzelten Fällen auftritt.
Thai, die Bewohner von Siam, s. Schan.
Thaïs, berühmte griech. Hetäre, aus Athen
gebürtig, folgte Alexander d. Gr. auf seinem Zuge gegen
Persien und soll bei einem Gastmahl den berauschten Geliebten zur
Verbrennung der Stadt Persepolis veranlaßt haben. Später
wurde sie eine der Frauen des Ptolemäos Lagi.
Thal, s. Thäler.
Thal, Dorf in Sachsen-Gotha, im Thüringer Wald,
unweit des Erbstroms und an der Eisenbahn Wutha-Ruhla, hat eine
evang. Kirche, ein Amtsgericht, eine Burgruine (Scharfenberg) und
430 Einw.; T. ist eine beliebte Sommerfrische. Vgl. Lion, Bad T.
(Eisenach 1887).
Thalamifloren ("Bodenblütige"), eine
größere Abteilung im Pflanzensystem De Candolles,
begreift alle diejenigen Polypetalen, deren Kron- und
Staubblätter dem Blütenboden (thalamus) eingefügt
sind.
Thalamos, im altgriech. Haus das eheliche Schlafgemach;
auch s. v. w. Braut- oder Ehebett; in der Botanik s. v. w.
Fruchtboden.
Thalassa (Thalatta, griech.), das Meer.
Thalassidroma, s. Sturmvogel.
Thalberg, Sigismund, Klavierspieler und Komponist, geb.
7. Jan. 1812 zu Genf als natürlicher Sohn des 1854
verstorbenen Fürsten Dietrichstein-Proskau-Leslie, bildete
sich in Wien unter Sechter und Hummel in der Komposition und im
Klavierspiel aus, begab sich 1830 auf Konzertreisen, ward 1834 zum
österreichischen Kammervirtuosen ernannt, bereiste seit 1855
als Konzertspieler wiederholt England und Amerika und zog sich 1858
auf eine Villa bei Neapel zurück, wo er, mit Unterbrechung
einer 1862-63 unternommenen Kunstreise nach Paris, London und
Brasilien, bis zu seinem Tod 27. April 1871 der Ruhe genoß.
T. verdankt seine außerordeutlichen Erfolge als Virtuose
vornehmlich der von ihm eingeführten Behandlungsweise des
Klaviers, welche sich von der seiner Vorgänger im wesentlichen
dadurch unterscheidet, daß hier die frühere Trennung von
Melodie und Passagenwerk aufgehoben ist und das letztere als
Begleitung der Melodie auftritt, meist in Form von Arpeggien, die
in ihren mannigfaltigen Umstellungen das melodische Motiv umranken,
ohne es zu ersticken; vielmehr bestand Thalbergs Hauptstärke
gerade darin, daß er durch gesangreichen Vortrag und
geschickte Benutzung des Pedals die Melodie in einer Weise belebte,
wie es außer Liszt noch keinem Klavierspieler gelungen war.
Dieser ihm eigentümliche Stil gelangt auch in seinen
zahlreichen Klavierkompositionen zur Geltung, weshalb dieselben
einen höhern Kunstwert nicht beanspruchen können. Auch
als Opernkomponist hat sich T. noch in den 50er Jahren zweimal in
die Öffentlichkeit gewagt, beide Male jedoch ohne
nennenswerten Erfolg.
Thälchen, in der Botanik, s. Umbelliferen.
Thale, Dorf im preuß. Regierungsbezirk Magdeburg,
Kreis Aschersleben, an der Bode und der Linie Magdeburg-T. der
Preußischen Staatsbahn, 175 m ü. M., hat eine evang.
Kirche, eine Oberförsterei, ein großes
Eisenhüttenwerk (Blechhütte) mit Maschinenfabrik,
Fabrikation emaillierter Kochgeschirre, eine Zementfabrik, eine
Dampfziegelei, Bierhrauerei und (1885) 4498 Einw. Dabei das
Hubertusbad mit jod- und bromhaltigen Kochsalzquellen und das
Bodethal, die großartigste Partie des Harzes, mit dem
Hexentanzplatz und der Roßtrappe (s. d.) sowie eine
Blödsinnigenanstalt (Kreuzhülfe) und ein Asyl für
Epileptische (Gnadenthal).
Thale, Adalbert vom, Pseudonym, s. Decker 3).
Thaleia (Thalia, die "Blühende"), 1) eine der neun
Musen, später besonders als Muse des Lustspiels betrachtet;
wird auf antiken Denkmälern dargestellt mit kürzerm
Untergewand und Mantel, in der erhobenen Linken die komische Maske,
in der gesenkten Rechten ein pedum (Krummstab) haltend. Vgl. Musen
(mit Abbildung). Jetzt wird T. gewöhnlich als
618
Thaler - Thäler.
Beschützerin des Theaters im allgemeinen genannt. - 2) Eine
der drei Grazien oder Chariten (s. d.).
Thaler, eine größere Silbermünze, wie sie
zuerst in Joachimsthal in Böhmen (Joachimsthaler) von den
Herren v. Schlik seit 1518 mit ihrem Wappen, dem böhmischen
Löwen, und dem Bilde des heil. Joachim geschlagen wurde.
Später verstand man unter T. alle groben Silbermünzen,
welche mehr als 1 Lot wogen. Dieselben kamen unter verschiedenen
Nebenbezeichnungen vor, als Kronenthaler, Laubthaler, Speziesthaler
etc. (s. d.). Der auch nach der Einführung der
Reichswährung in Deutschland noch umlaufende T., welcher bis
Ende 1871 die Geldeinheit von beinahe ganz Norddeutschland bildete,
in 30 Groschen geteilt und auch in Süddeutschland geprägt
wurde, wo er den Wert von 1¾ Gulden hatte (im allgemeinen
Reichsthaler genannt, abgekürzt Rthlr.), enthält nach dem
Münzgesetz von 1857: 16,666 g fein Silber und wird 3 Mark Gold
gleich gerechnet. Auch in Dänemark und Schweden wurde bis Ende
1874 nach Reichsthalern gerechnet (s. Rigsdaler und Riksdaler).
Thäler, verschieden gestaltete Einsenkungen der
Gebirge und Durchfurchungen der Plateaus. Ist die Entfernung der
begrenzenden Gesteinswände, der Gehänge (welche als
rechtes und linkes im Sinn eines mit dem Gesicht dem Thalausgang
zugekehrten Beobachters unterschieden werden), eine geringe, und
ist der Winkel, unter welchem die Gehänge ansteigen, ein
großer, dem rechten sich nähernder, so entstehen
Schluchten, Gründe, Klammen, Canons (s. d.). Die beiden
Gehänge laufen häufig selbst bei gewundenen Thälern
einander parallel, so daß ein ausspringender Teil des einen
Gehänges (Thalsporn) einem einspringenden des andern
(Thalwinkel) entspricht. Nähern sich die beiden Gehänge,
so entstehen Thalengen; verlaufen sie annähernd in einer
Kreislinie, so entstehen Thalweitungen (Bassins, Becken, Zirkus
und, wenn die Gehänge steil abfallen, Thalkessel). Der
allgemeine Lauf der Gebirgsthäler steht entweder ungefähr
senkrecht zur allgemeinen Erstreckung des Gebirgskammes
(Querthäler, T. erster Ordnung), oder es laufen die T. etwa
parallel zu dem Hauptkamm des Gebirges (Längsthäler, T.
zweiter Ordnung). T., deren allgemeine Erstreckung eine zwischen
diesen beiden vermittelnde Richtung einhält, hat man
Diagonalthäler genannt. - Ein bei der Bildung der T. nie ganz
fehlendes, mitunter allein wirkendes Agens ist der erodierende
Einfluß des strömenden Wassers. Denkt man sich einen
zunächst vollkommen unverritzten Bergabhang, an welchem Wasser
herabströmt, so wird im Anfang dort das Wasser am energischten
angreifen, wo die einzelnen dünnen Wasserstränge zu einem
mächtigern Bergstrom zusammentreten. Bei fortgesetzter
Thätigkeit wird sich bald ein oberer und unterer Teil des
Wasserlaufs unterscheiden lassen. Im obern, dem Berggebiet,
schäumt der Bergstrom auf stark geneigter Thalsohle dahin,
zertrümmert das ihm entgegenstehende Gesteinsmaterial und
führt es hinweg. In dem untern Teil, dem Thalgebiet, wird der
in weniger geneigtem Terrain zum Fluß verlangsamte Bergstrom
einen Teil des im Oberlauf aufgewühlten Materials wieder
absetzen, seine erodierende Thätigkeit im wesentlichen nur bei
Hochwasser und nur im Sinn der Erweiterung, nicht der Vertiefung
des Thals äußern. In solchen breiten Thälern
läßt sich neben dem im eignen Material eingewühlten
Flußbett ein Inundationsgebiet, von Terrassen (Hochufern)
begrenzt, unterscheiden, das Produkt gelegentlicher Hochwasser. Je
länger die erodierende Thätigkeit anhält, desto
größere Strecken wird die Ausbildung des Thalgebiets
annehmen, desto weiter nach rückwärts, dem Kamm des
Gebirges näher, wird der Oberlauf mit seiner starken Neigung
der Thalsohle sich eingraben. Im obersten Wasserlauf, nahe dem Kamm
des Gebirges, ist ein weiter Thalkessel, oft mit steilen, fast
senkrechten Felswänden, vorhanden (in den Pyrenäen Oules
geheißen), über welche sich bei zur Bildung
günstiger Gesteinsbeschaffenheit Wasserfälle in die Tiefe
stürzen. Der Ausgang aus dem Kessel ist gewöhnlich stark
verengert, schluchtartig, und erst nach abwärts erweitert sich
dann die Thalbildung in der Region des nicht mehr stürmischen,
sondern ruhigen Wasserlaufs. Werden in der gechilderten Weise auf
den zwei einander entgegengesetzten Abhängen eines Gebirges T.
ausgewaschen, so wird das letzte Stadium in einer teilweisen
Abtragung des Gebirgskammes bestehen. Statt eines steilen Randes,
der die beiden auseinander strahlenden T. trennt, wird ein kleines
Plateau, tiefer gelegen als der Kamm des Gebirges (Paß),
dieselben vielmehr verbinden. Ganz ähnlich wie die
geschilderte Bildung der Gebirgsthäler verläuft der
Prozeß bei dem Einsenken der T. in die Plateaus. Abweichungen
können zunächst durch Verschiedenheiten in den zu
durchbrechenden Gesteinen begründet sein. Wälle
härtern Materials werden hemmend einwirken, das Thal sperren
und zu Thalerweiterungen dadurch Veranlassung geben, daß sich
das Wasser hinter ihnen seeartig ausbreitet, bis der Wall durchnagt
ist und der Fluß in Stromschnellen den vorher sperrenden Wall
durcheilt. Werden ferner weiche, der Erosion leicht
zugängliche Gesteine durch eine härtere Bank bedeckt, so
wird dort eine Thalschwelle mit Wasserfällen entstehen, wo die
weichern Gesteine zuerst verritzt werden. Durch Unterwaschung wird
das härtere Material stückweise abbrechen und nachsinken,
die Thalschwelle ruckweise nach dem Oberlauf zu weiter und weiter
zurückreichen. Ein oft citiertes Beispiel für solche
Verhältnisse bietet der Niagara dar. Der Erosion kann aber
auch der Weg durch Dislozierung der Gesteinsschichten
vorgeschrieben sein, so daß am fertigen Gebirgsthal zwar die
Erweiterung und endgültige Gestaltung auf Rechnung der Erosion
fallen, die erste Anlage und Richtung aber in dem allgemeinen Bau
des Gebirges begründet sind. Querthäler sind häufig
erweiterte Querspalten des Gebirges (Klusen, Klausen);
Längsthäler laufen mitunter die Grenze zwischen zweierlei
Schichten entlang, die gegen den Kamm des Gebirges zu ansteigen. Es
zeigen diese letztern (Scheidethäler, isoklinale T., Komben)
an den beiden Gehängen verschiedenes Gestein und nur auf dem
einen Abhang einen steilen Absturz, während der Sinn des
Einfallens der Schichten rechts und links der gleiche ist.
Längsthäler können ferner in der Richtung der
Sattellinie des Sattels eines Schichtensystems (s. Schichtung)
verlaufen, dessen oberste Schichten bei der Dislozierung zerrissen
wurden. Solche Gewölbthäler (Hebungsthäler,
antiklinale T.) werden an beiden Gehängen einerlei Folge der
Gesteine erkennen lassen, deren Schichten von der Thallinie aus
nach beiden Seiten einfallen. Muldenthäler
(Senkungsthäler, synklinale T.) verlaufen der Muldenlinie
einer Mulde (s. Schichtung) entlang; hier werden die
Gesteinsschichten der Gehänge nach der Thallinie zu
einschießen. Ferner kann die zwischen zwei ungefähr
parallel verlaufenden Lavaströmen entstehende Einsenkung
(interkolliner Raum) eine Thalbildung
619
Thalerhumpen - Thallochlor.
veranlassen. Besondere Thalformen zeigen auch einzeln stehende
Berge vulkanischen Ursprungs. Nach Erlöschen der vulkanischen
Thätigkeit senkt sich häufig an der Stelle des zentralen
Kegels ein tiefes Kesselthal (Caldera, Caldeira) ein, von welchem
aus mitunter ein den Ringwall durchbrechendes Hauptthal nach
außen führt, und gleichzeitig wird auch der
äußere Mantel von radial ausstrahlenden Rillen
(Barrancos) durchfurcht werden (vgl. Vulkane). Der Form nach stehen
der Calderabildung nahe die hinsichtlich der Entstehungsweise noch
streitigen Maare (s. Vulkane) als Einsenkungen in vulkanische
Plateaus oder doch in der Nähe vulkanisch gebildeter
Lokalitäten, und ganz ähnliche T., in Plateaus rein
sedimentärer Gesteine eingesenkt, liefern Unterwaschungen und
die von ihnen veranlaßten Erdfälle.
Thalerhumpen, s. Münzbecher.