Terrakotten (v. ital. terra cotta. "gebrannte Erde",

hierzu Tafel "Antike Terrakotten"), jetzt allgemeiner Name für

alle künstlerisch ausgestatteten Produkte der Töpfer und

Thonbildner wie der Bildhauer überhaupt, die sich mit

Kleinplastik beschäftigen. Die Technik des Formens in Thon aus

freier Hand, vermittelst der Hohlform oder auf der Drehscheibe ist

uralt und war schon bei den Ägyptern, dann auch bei den

Babyloniern und Assyrern hoch entwickelt. Mit bemalten und

glasierten Thonfliesen sind am Nil ebenso wie am Tigris und Euphrat

Wände und Fußboden der Wohnungen belegt worden. Aber

erst in Griechenland wird die Technik aufs höchste verfeinert,

die Form geadelt und mit jener Farbenpracht geschmückt, welche

der klassischen Kunst in allen ihren Äußerungen eigen

war. Die Aufgaben der Keramik in dieser Zeit sind doppelter Art,

sie arbeitet teils im Dienste der Architektur und Tischlerei, teils

schafft sie selbständige Gebilde: Gefäße oder

Figuren der verschiedensten Größe, Gestalt und

Bestimmung. Der erstgenannten Gattung gehören die

kastenartigen, bunt bemalten und hart gebrannten Thonplatten an,

welche in ältester Zeit (7. u. 6. Jahrh. v. Chr.) in

Griechenland zur Verkleidung der Gesimsbalken an Tempeln,

Schatzhäusern etc. verwendet worden sind, und deren sich eine

große Anzahl in Olympia, in Sizilien und an der von Griechen

bewohnten unteritalischen Küste vorgefunden haben. Sie waren

in Olympia mit Nägeln auf die steinernen (ursprünglich

aus Holz gefertigten) Geisonblöcke befestigt und dienten dem

geringern Material (poros), das sie bedeckten, als Schutz und

Schmuck zugleich (vgl. Fig. 1 u. 3, T. von Olympia und Selinus, und

die Schrift von Dörpfeld u. a.: "Über die Verwendung von

T. am Geison und Dach griechischer Bauwerke", Berl. 1881). Auch

späterhin, als dieser Gebrauch abgekommen, erhielt sich die

Anwendung von T. als Dachstirnziegel (Fig. 10) und Wasserspeier

(Fig. 2), und beliebt wurde zumal in römischer Zeit die

Verzierung von Wandflächen mit thönernen, bunt bemalten

Relieffriesen, deren viele in kampanischen Gräbern zum

Vorschein gekommen sind. Hauptsammlungen der letztern im Britischen

Museum (London), im Louvre (Paris) und im vatikanischen Museum

(Rom). Vgl. Combe, Description of the collection of ancient

terracottas in the British Museum (Lond. 1810; Campana, Opere in

plastica (Rom 1842). Auch zur Verkleidung hölzerner

Geräte benutzte man frühzeitig Thonreliefs, an denen der

Hintergrund ausgeschnitten wurde, und deren Befestigung mit

Nägeln die im Thon ausgesparten Löcher bezeugen. Eine aus

zahlreichen Beispielen bekannte Klasse derselben bilden die nach

dem Hauptfundort (Insel Melos) so genannten melischen Reliefs (Fig.

11). Auch Vasen pflegte man etwa seit dem 4. Jahrh. v. Chr. mit

bemalten Reliefs an Stelle der einfachern Gemälde zu

schmücken. Besondere Formen und Dekorationsweisen bilden sich

in Athen, Etrurien (schwarze Reliefvasen, vasi di Bucchero) und

Unteritalien (Fig. 4 u. 5) aus, während in der Kaiserzeit

zumeist nur einfarbig rote, mit aus Hohlformen eingepreßten

Reliefs verzierte Thonvasen (Fabriken von Cales etc.) gefertigt

werden (ein Beispiel gibt Fig. 6). Die höchsten Leistungen

dieser Technik erreichte man in der Koroplastik, in der Herstellung

kleiner Rundfiguren, die in der Form gepreßt, gebrannt, dann

mit Pfeifenthon überzogen, aus freier Hand nachmodelliert und

in zarten Farbentönen bemalt wurden. Manche scheinen als

Spielzeug, als Zimmerschmuck gedient zu haben. Die Mehrzahl wurde

für Zwecke des Kultus und des Totendienstes geschaffen. Es

waren Weihgeschenke an die Götter und Toten, daher sie

vorzugsweise in Gräbern gefunden werden. Ein

altertümliches Sitzbild der Athene aus einem attischen Grab

zeigt Fig. 9. Der Blütezeit griechischer Kunst aber

gehören die anmutigen Terrakottafiguren an, die in

erstaunlichen Mengen neuerdings bei Tanagra in Böotien, in

Myrrhina, Ephesos und andern Orten Kleinasiens, auch in Tarent

(Unteritalien) ausgegraben worden sind. Der Farbenschmuck ist meist

bei der Auffindung bereits zerstört, recht gut aber z. B. an

einer Figur der früher dem Grafen Pourtalès-Gorgier

angehörenden Sammlung (Fig. 7) erhalten. Die Gegenstände

sind meist dem Alltagsleben entlehnt, schöne Mädchen zum

Ausgehen angekleidet, mit dem Hut auf dem Kopf, allerlei

Handwerker, spielende Knaben, seltener Darstellungen aus dem Kreis

der Aphrodite und des Eros. Rundfiguren dieser Art wurden dann auch

gern an Vasen angebracht (Fig. 8). In römischer Zeit fertigte

man sogar lebensgroße Figuren aus Thon, für

Giebelkompositionen oder als Grabdenkmäler. Die Renaissance

brachte diese Technik wieder zu neuer Blüte und stellte selbst

Porträtbüsten gern in Terrakotta her (Beispiele im

Berliner Museum); vor allem aber erlangte die Schule der Robbia

durch ihre in heitern Farben prangenden, glasierten Einzelreliefs

(meist Madonnenbilder) hohen Ruf (vgl. Keramik und Thonwaren). Auch

in der Architektur der Renaissance, besonders in der

norditalienischen (lombardischen), gelangte die Terrakotta zum

Schmuck der äußern und Hoffassaden in reich

ornamentierten Gesimsen und Kranzgesimsen, Archivolten,

Fensterumrahmungen, Pilasterfüllungen, Friesen, Medaillons und

sonstigen Zieraten zur Verwendung. Zu unsrer Zeit hat die Baukunst

zum Schmuck der Fassaden von Backsteinrohbauten noch ausgedehntern

Gebrauch von der Terrakotta gemacht, indem auch einzelne

architektonische Glieder, wie Kapitäler, Konsolen u. dgl., nur

aus Terrakotta hergestellt werden, ferner ganze Friese,

Eckakroterien, Figuren und Gruppen zur Bekrönung von

Gebäuden, für Fontänen etc., wobei die Färbung

des Thons meist in Übereinstimmung mit der Farbe der für

die Fassade gewählten Backsteine (gelb oder rot in

verschiedenen Nuancen) gehalten wird. Bei rein ornamentalen T.

kommt auch ein- und mehrfarbige Glasur, selbst Vergoldung zur

Anwendung. Der Backsteinbau mit Terrakottenverzierung blüht am

meisten in den an Werksteinen armen Gegenden, besonders in

Norddeutschland. Fabriken, welche sich mit Anfertigung von

Ornamenten und Kunstgegenständen in Terrakotta

beschäftigen, gibt es in Charlottenburg

ANTIKE TERRAKOTTEN.

Zum Artikel »Terracotta«

1. Sima und Geisonverkleidung vom Schatzhaus der Geloer in

Olympia.

2. Wasserspeier aus Pompeji.

3. Sima vom Tempel C in Selinus.

7. Griechische Thonfigur der Sammlung Pourtales.

5. Unteritalische Vase.

4. Kampanische Reliefvase.

6. Römische gepreßte Terrakotte (Hermes).

11. Tänzerin mit Klappern (melische Relieffigur).

10. Etruskische Stirnziegel (Juno Caprotina).

8. Weinkrug aus Athen (geflügelter dionysischer Eros)

9. Thronende Athene (archaisch).

599

Terralithwaren - Terrasse.

bei Berlin (March), Greppin bei Bitterfeld, Lauban, Ullersdorf,

Tschauschwitz, Siegersdorf und Hansdorf, sämtlich in

Schlesien. Vgl. d'Agincourt, Recueil de fragments de sculpture

antique en terre cotte (Par. 1814); Panofka, T. des

königlichen Museums in Berlin (Berl. 1842); Gruner, The

terra-cotta architecture of North-Italy (Lond. 1867); Birch,

History of ancient pottery (2. Aufl., das. 1873); Kekulé,

Griechische Thonfiguren aus Tanagra (Stuttg. 1878); Derselbe, Die

antiken T. (mit v. Rohden, das. 1880-84, 2 Bde.); "Griechische T.

aus Tanagra und Ephesos im Berliner Museum" (Berl. 1878);

Fröhner, Terres cuites d'Asie Mineure (Par. 1879).

Terralithwaren, s. Siderolithwaren.

Terramaren (v. ital. terra di mare. "Meereserde,

angeschwemmtes Land"), in Parma, Modena und Reggio, vorwiegend in

der Ebene zwischen Po und Apennin, hügelartige Erhebungen von

5 m und mehr Höhe und 60-70 m Durchmesser, hervorgegangen aus

pfahlbauähnlichen Konstruktionen, die man in sumpfigem Terrain

oder inmitten eines künstlich gegrabenen Bassins

aufführte. Der Unrat und die Küchenabfälle wuchsen

unter der Balkendecke allmählich an und bildeten den Kern des

Hügels, auf dem die Menschen wohnen blieben, indem sie nur von

Zeit zu Zeit ihre Wohnungen in ein etwas höheres Niveau

verlegten. Bisweilen liegen die T. auf natürlichen

Hügeln; auch fehlt bisweilen das Pfahlwerk. Einige T. sind

wohl schon in der "neolithischen Zeit" bewohnt gewesen; die

Mehrzahl derselben enthält jedoch primitive

Bronzegegenstände, namentlich Haus- und Ackergeräte und

Schmuckgegenstände, seltener Waffen. Die bemerkenswerte

Übereinstimmung zwischen den Fundgegenständen und der

Konstruktion der schweizerischen Pfahlbauten und der T. hat zu der

Annahme geführt, daß die Besiedler der T. sowie die

Bewohner der Pfahlbauten Piemonts, der Lombardei und Venetiens von

Norden her über die Alpen gekommen seien. Helbig ("Die

Italiker in der Poebene", Leipz. 1879) glaubt, daß die T. wie

die Pfahlbauten an den oberitalienischen Seen von den Italikern

herrühren und die ersten Niederlassungen dieses Volkes

bilden.

Terranova, 1) (T. di Sicilia) Kreishauptstadt in der

ital. Provinz Caltanissetta (Sizilien), am Mittelländischen

Meer, in welches nahe östlich der Fluß T. mündet,

mit Gymnasium, mehreren Kirchen, Resten von Befestigungen, einem

Hafen, in welchem 1886: 752 Schiffe mit 50,259 Ton. einliefen,

Handel (Einfuhr von Steinkohlen und Getreide, Ausfuhr von Getreide,

Bohnen, Baumwolle, Baumwollsamen, Schwefel, Wein, Orangen),

Thunfisch- und Sardellenfang und (1881) 16,440 Einw. T. ist Sitz

eines deutschen Konsuls. Es wurde von Kaiser Friedrich II. nahe an

der Stelle des alten Gela erbaut, von welchem in letzterer Zeit

einige Ausgrabungen gemacht wurden. - 2) (T. Pausania) Stadt in der

ital. Provinz Sassari (Insel Sardinien), Kreis Tempio, am

gleichnamigen Golf und der Eisenbahn Chilivani-Golfo degli Aranci

gelegen, einst eine bedeutende Römerstadt, hat einen Hafen,

aus welchem 1886: 421 Schiffe mit 105,355 Ton. ausliefen (Ausfuhr

von Holzkohle, Kork, Käse), und (1881) 2671 Einw.

Terrarium (lat.), Vorrichtung zur Pflege und Zucht von

Landtieren, entsprechend den für Wassertiere bestimmten

Aquarien. Je nach dem speziellen Zweck, der mit den Terrarien

verfolgt wird, erhalten dieselben sehr verschiedene Einrichtung.

Die einfachsten Terrarien sind größere Kisten, die mit

einem mit Drahtgaze bespannten Rahmen verschlossen werden. Zur

bessern Beobachtung der Tiere ersetzt man eine oder mehrere

Wände der Kiste durch Glasscheiben, auch wird der Boden

vorteilhaft mit Zinkblech benagelt, auf welches man nach dem

Anstreichen handhoch Erde schüttet. Aus dieser einfachsten

Vorrichtung sind sehr luxuriöse Apparate hervorgegangen,

welche namentlich dann am Platz sind, wenn man zur Pflege

tropischer Tiere einer Heizeinrichtung bedarf. Man heizt mit

Petroleum- oder Gasflamme oder sehr vorteilhaft mit Grude, die

langsam und gleichmäßig verbrennt und ungemein billig

ist. Die Heizung geschieht vom Boden aus, erfordert

sorgfältige Regulierung, Überwachung der Luftfeuchtigkeit

im T. und gute Ventilation. Je nach den zu pflegenden Tieren ist

das T. verschieden einzurichten. Eidechsen und viele Schlangen

brauchen trocknen Sand und trockne Schlupfwinkel, die Amphibien

dagegen feuchtes Moos und größere Wasserbecken; fast

immer erweist es sich vorteilhaft, im T. Pflanzen zu kultivieren,

deren Auswahl sich nach der Temperatur und Feuchtigkeit, welche die

Tiere fordern, richten muß. Für kleinere Tiere und zur

Aufzucht der Jungen benutzt man Glasglocken, die, wenn es

erforderlich ist, durch Einstellen in ein Wasserbad geheizt werden.

In solchen oder ähnlichen kleinen Behältern kann man auch

Reptilieneier ausbrüten. Zur Aufzucht von Amphibien dienen

Aquarien, bis die Tiere das Wasser verlassen. In Häusern mit

starken Mauern kann man Fensternischen mit Doppelfenstern als

Terrarien einrichten und hier wie überhaupt Pflanzenkultur mit

Tierpflege erfolgreich verbinden. Der Raum zwischen Doppelfenstern

ist auch leicht zu heizen, wenn man über dem Fensterbrett

einen zweiten Boden (am besten starkes, mehrfach gestütztes

Blech) und in dem abgegrenzten Raum die Flamme anbringt. Will man

sich auf die Zucht heimischer Reptilien und Amphibien

beschränken, dann thut man gut, die Tiere in Winterschlaf

fallen zu lassen, da die Fütterung im Winter umständlich

und teuer ist. Die Einrichtung größerer Terrarien ist

durchaus von den Verhältnissen abhängig. Im Freien hat

man den für das T. bestimmten Raum mit einer etwa 1 m hohen

Mauer umgeben und diese mit einem breiten, etwas abwärts

geneigten Zinkblech bedeckt, um das Entschlüpfen der Tiere

sicher zu vermeiden. In der Mitte des Raums wird aus Steinen ein

Felsen errichtet, welcher hinlänglich Schlupfwinkel darbietet,

auch passend bepflanzt und mit Geäst für die kletternden

Tiere versehen wird. Der Boden muß ausreichende Abwechselung

bieten, mit Sand, Moos, Steinen, Rasen bedeckt sein, auch ist

für Wasserbehälter zu sorgen und, falls Gelegenheit

vorhanden ist, kann man fließendes Wasser, auch wohl einen

Springbrunnen, anbringen. Unter Umständen ist ein solches T.

auch durch radiale Wände zu teilen, selbstverständlich

aber eignet es sich nur für Tiere, welche gegen die Witterung

keines andern Schutzes bedürfen, als wie sie der Felsen, das

Moos oder der Erdboden darbieten. Für Säugetiere

müssen ausreichende Vorkehrungen gegen das Entweichen

getroffen werden, meist wird man das T. mit einem Oberbau aus

Drahtgeflecht versehen müssen, und für grabende Tiere ist

der Boden 1,5 m tief auszuheben, die Grube vollständig mit

Mauerwerk auszukleiden und dann wieder mit Erde zu füllen.

Vgl. Fischer, Das T. (Frankf. a. M. 1884); Dammer, Der Naturfreund,

Bd. 1 (Stuttg. 1885); Lachmann, Das T. (Magdeb. 1888).

Terrasse (franz.), wagerecht abgeplattete

Erderhöhung oder Erdstufe; insbesondere im Land- und Gartenbau

Bezeichnung für die treppenförmigen Absätze zur

Kultivierung von Bergabhängen. Jede T. bil-

600

Terrassierte Werke - Tersteegen.

det eine breite und hohe Stufe, welche sich in horizontaler

Richtung über den ganzen Abhang ausdehnt. Die obere Seite der

Stufe ist eine nur wenig nach vorn geneigte Fläche, die

vordere Seite (Dossierung) eine nicht ganz senkrecht absteigende

Wand, welche, wenn sie nicht aus natürlichem Fels besteht,

durch eine Vormauer oder Rasenverkleidung verwahrt werden

muß. Auch ein plattes Dach an einem Haus oder Turm

(Plattform) wird oft als T. bezeichnet. Über den

geographischen Begriff T. vgl. Thäler u. Hochgestade.

Terrassierte Werke, terrassenförmig angelegte

Befestigungen, wie sie hauptsächlich bei Bergbefestigungen

vorkommen.

Terrasson (spr. -ssóng), Stadt im franz.

Departement Dordogne, Arrondissement Sarlat, an der

Vézère und der Eisenbahn

Périgueux-Figeac-Toulouse, mit Lehrerinnenbildungsanstalt,

Kohlengruben, Stahlwarenfabrikation, Wollspinnerei und (1881) 2711

Einw.

Terrazzo (ital.), Söller, Terrasse; auch Estrich, in

welchen kleine bunte Steine eingewalzt sind, so daß eine

mosaikartige Wirkung entsteht.

Terre Haute (spr. tär oht), Stadt nahe der

Westgrenze des nordamerikan. Staats Indiana, Grafschaft Vigo, am

schiffbaren Wabash und am Wabash- und Eriekanal gelegen, hat breite

und gerade, von Bäumen beschattete Straßen, einen

Gerichtshof, ein Stadthaus, ein Lehrerseminar, eine kath.

Töchterschule, lebhaften Handel (mit Schweinefleisch,

Steinkohlen etc.) und (1880) 26,042 Einw.

Terremoto (span.), Erdbeben.

Terre-Noire (spr. tär-noáhr), Dorf im franz.

Departement Loire, Arrondissement St.-Etienne, an der Eisenbahn

Lyon-St. Etienne, zum Teil auf einem Hügel erbaut, welchen ein

1200 m langer Tunnel durchzieht, hat reiche Kohlengruben (Becken

von St.-Etienne), großartige Eisenwerke (das

Bessemerverfahren wurde hier in Frankreich zuerst angewendet) und

(1886) 2792 (Gemeinde 6489) Einw.

Terres fortes (spr. tär fórt), s.

Bordeauxweine.

Terresin, Mischung von Kohlenteer, Kalk und Schwefel,

dient als Asphaltsurrogat.

Terréstrisch (lat.), auf die Erde bezüglich,

irdisch.

Terreur (franz., spr. -ör, "Schrecken"), s.

Terrorismus; la T. blanche, "der weiße Schrecken", die

Reaktion nach 1815 (Anspielung auf die weiße Fahne der

Bourbonen).

Terribel (lat.), schrecklich.

Terrine (franz.), "irdene" Suppenschüssel, welche im

vorigen Jahrhundert dem Tafelgeschirr zugefügt wurde,

später meist aus Porzellan, bisweilen auch aus Silber

gefertigt; auch thönerne Deckelbüchsen für

Gänseleber- und Geflügelpasteten. Hauptfabrikationsort

für letztere ist Saargemünd.

Territion (lat.), früher die Bedrohung eines

Angeschuldigten mit der Tortur (s. d.) durch Vorzeigen der

Folterwerkzeuge, wodurch der Inquirent das Geständnis zu

erzwingen suchte.

Territorial (lat.), ein Territorium (s. d.) betreffend,

damit verbunden.

Territorialarmee, in Frankreich s. v. w. Landwehr.

Territorialdivisionen, in Belgien bis 1875 die drei

großen Bezirke für die militärische Verwaltung.

Territorialhoheit, die Gesamtheit der Befugnisse, welche der

Staatsgewalt in Bezug auf das Staatsgebiet zukommen; im

frühern Deutschen Reich s. v. w. Landeshoheit im Gegensatz zu

der Reichshoheit.

Territorialprinzip (lat.), Rechtsgrundsatz, wonach der

Erwerb eines Territoriums den Erwerb der Souveränität in

sich schließt; auch der Grundsatz, wonach die in einem

bestimmten Land Wohnenden unter der Gesetzgebung dieses Landes

stehen und die dort vorgenommenen Rechtshandlungen, ebenso wie die

dort begangenen Verbrechen, nach den Landesgesetzen beurteilt

werden.

Territorialretrakt, s. Landlosung.

Territorialsytem, diejenige kirchenrechtliche Theorie,

nach welcher der höchste Episkopat des Landesherrn ein

Ausfluß der Landeshoheit sein soll. Das T. beruht auf dem

Grundsatz: Cujus regio, ejus religio, d. h. wem im Lande die

höchste Gewalt zusteht, dem gebührt auch die Regierung

des Kirchenwesens. Es entstand als Übertreibung des

Episkopalsystems (s. d.) und fand infolge des Westfälischen

Friedens oft eine drückende Anwendung. Konsequent verfolgt,

führt es zum Cäsareopapat (Cäsareopapie) oder

weltlichen Papsttum und ward in dieser Weise besonders von Hobbes

in den Schriften: "De cive" und "Leviathan" entwickelt. Eine

wissenschaftliche Begründung erhielt das T. in Deutschland

durch Pufendorf in der Schrift "De habitu religionis ad vitam

civilem" (Brem. 1687). Im Gegensatz dazu stellte Chr. Matth. Pfaff

das Kollegialsystem (s. d.) auf. Vgl. Kirchenpolitik, S. 765. - T.

heißt auch ein Wehrsystem, nach welchem sich die

Heeresorganisation an die Landeseinteilung anschließt, wo

also die einzelnen Truppenteile sich aus den Wehrpflichtigen

bestimmter Landesbezirke ergänzen, gewisse Landwehr- oder

Landsturmformationen aufstellen. Die Anfänge eines solchen

Systems bildet die Kantonverfassung (s. d.) Preußens. In den

heutigen Heeresverfassungen der meisten Länder kommt das T. in

einer oder der andern Form zum Ausdruck.

Territorium (lat.), Gebiet, im Mittelalter Amtsbezirk

eines mit Verwaltung der kaiserlichen Hoheitsrechte betrauten

Vasallen; dann, nachdem dergleichen Beamte zu Landesherren

geworden, s. v. w. Landesgebiet im Gegensatz zum Reichsgebiet. In

der nordamerikanischen Union versteht man unter T. (engl.

territory) ein durch den Kongreß abgegrenztes Gebiet, welches

durch einen vom Präsidenten ernannten Gouverneur verwaltet

wird. Die gegenwärtig vorhandenen zehn Territorien (Alaska,

Arizona, Dakota, Idaho, Indianerterritorium, Montana, Neumexiko,

Utah, Washington und Wyoming) gehören nicht zu den

selbständigen Staaten der Union. Sie entsenden zu dem

Kongreß einen Abgeordneten, der jedoch nicht stimmberechtigt

ist.

Terrorismus (lat.), Schreckenssystem,

Schreckensherrschaft. Berüchtigt ist besonders der

französische T. (la Terreur) zur Zeit der ersten Revolution

(vom Mai 1793 bis 27. Juli 1794); die damaligen Gewalthaber

hießen Terroristen, Schreckensmänner. Vgl. Ternaux,

Histoire de la Terreur (Par. 1862 bis 1867, 8 Bde.). Terrorisieren,

in Schrecken setzen, eine Schreckensherrschaft ausüben.

Tersane-Nasir (türk.), Arsenaldirektor.

Ter-Schelling, niederländ. Insel in der Nordsee, vor

dem Eingang des Zuidersees, etwa 100 qkm groß mit drei

Dörfern und (1887) 3685 Einw. T. ist Sitz eines deutschen

Konsuls.

Tersteegen, Gerhard, Liederdichter und asketischer

Schriststeller, geb. 25. Nov. 1697 zu Mörs, lebte als

Bandmacher in Mülheim a. d. R., bis er sich seit 1728

ausschließlich der religiösen Schriftstellerei und dem

Predigeramt in frommen Konventikeln widmete, und starb 3. April

1769 daselbst. Von seinen Schriften sind hervorzuheben:

"Geistliches Blumengärtlein" (neueste Ausg., Stuttg. 1884);

"Brosamen" (Soling. 1773); "Gebete" (neue Aufl., Mülheim 1853)

und seine "Briefe" (Soling. 1773-75, 2 Bde.).

Tertiärformation I.

Crassatella ponderosa (Art. Muscheln), äußere

Seite.

Cancer macrocheilus. (Art. Krallen.)

Crassatella ponderosa, innere Seite.

Nummulites, Horizontaldurchschnitt der Schale. (Art.

Nummuliten.)

von oben

von unten

Sciltella striata. (Art. Echinoideen.)

Nummulites nummularia, von oben.

Nummulites, von der Seite.

Limnaeus pyramidalis. (Art. Schlammschnecke.)

Rhombus minimus. (Art. Fische.)

Cerithium hexagonum. (Art. Schnecken.)

von der Seite

von vorn

Planorbis discus. (Art. Lungenschnecken.)

Zähne von Notidanus primigenius. (Art. Selachier.)

Turbinolia sulcata. (Art. Korallen.)

Kauplatte von Myliobatus punctatus. (Art. Selachier.)

Zahn von Carcharodon heterodon. (Art. Selachier.)

Tertiärformation II.

Schädel von Rhinoceros incisivus. (Art. Huftiere.)

Zeuglodon macrospondylus, restauriert. Verkleinerung 1/100.

(Art. Wale.)

Anoplotherium commune, restauriert. (Art. Huftiere.)

Backenzahn von Mastodon australis. (Art. Mastodon und

Rüsseltiere.)

Unterkiefer von Dryopithecus Fontani; natürliche

Größe, a zerbrochener Eckzahn. (Art. Affen.)

Skelett des Megatherium Cuvieri. (Art. Megatherium und

Zahnlücker.)

Platte mit einem Abdruck von Andrias Scheuchzeri. Kopf,

Vorderfüße und Rückenwirbelsäule sind

erhalten. (Art. Andrias.)

Mylodon robustus, restauriert. (Art. Megatherium und

Zahnlücker.)

Kopf des Dinotherium giganteum, sehr stark verkleinert. (Art.

Dinotherium und Rüsseltiere.)

Backenzahn von Dinotherium giganteum, von der Krone aus gesehen,

sehr stark verkleinert.

Glyptodon clavipes. (Art. Zahnlücker.)

601

Tersus - Tertiärformation.

Am bekanntesten wurde er als Dichter pietistisch gefärbter,

aber gemütvoller und durch wahre Frömmigkeit

ausgezeichneter Kirchenlieder ("Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr

englischen Chöre", "Siegesfürst und Ehrenkönig",

"Nun sich der Tag geendet " etc.). Eine Sammlung seiner Schriften

erschien Stuttgart 1844-45, 8 Bde. Sein Leben beschrieben Kerlen

(2. Aufl., Mülh. 1853) und Stursberg (das. 1869).

Tersûs, Stadt, s. Tarsos.

Terteln, Kartenspiel, s. Tatteln.

Tertia (lat.), die dritte Schulklasse; Tertianer,

Schüler derselben. In der Buchdruckerkunst heißt T. eine

Schriftgattung von 16 typographischen Punkten Kegelstärke (s.

Schriftarten).

Tertian (lat.), dreitägig; Tertianfieber, Fieber,

das jeden dritten Tag eintritt (s. Wechselfieber).

Tertiär (lat.), die dritte Stelle in einer

Reihenfolge einnehmend; so heißt in der Heilkunde die dritte

Periode der Syphilis mit schweren Erkrankungen der Haut, Knochen

und Eingeweide tertiäre Syphilis; als Substantivum (das T.)

auch s.v. w. Tertiärformation (s. d.).

Tertiärbahnen, Eisenbahnen dritter Ordnung zum

Transport von Kohlen, Erzen etc. in Bergwerken, Fabrikanlagen etc.,

welche auf geneigten Strecken meist mittels Seil oder Kette

betrieben werden.

Tertiärformation (hierzu Tafeln

"Tertiärformation I u. II"), in der Geologie Schichtenfolge,

jünger als die Kreidebildungen und älter als das

Diluvium. Der Name ist im Gegensatz zu "primär" und

"sekundär" als Bezeichnungen der ältern Formationen

gewählt, Ausdrücke, welche jetzt fast ganz außer

Gebrauch gekommen sind, während speziell tertiär

allgemein üblich geblieben ist. Zusammen mit dem jüngern

Diluvium (Quartär) und dem noch jüngern Alluvium

(Rezent), die wohl auch als Posttertiär zusammengefaßt

werden, bildet das Tertiär die känozoische

Formationsgruppe im Gegensatz zu der mesozoischen und

paläozoischen. Charakteristisch für die

Tertiärbildungen ist der große Einfluß, den die

Herausbildung der Klimazonenunterschiede auf die Beschaffenheit der

damaligen Tier- und Pflanzenwelt ausgeübt hat, während

solche klimatische Sonderungen in den ihr an Alter vorausgehenden

Formationen nur eben nachweisbar sind. Eigentümlich ist ferner

das Zurücktreten oder vollkommene Verschwinden vieler

tierischer und pflanzlicher Formen, welche noch dem mesozoischen

Zeitalter einen fremdartigen, von unsrer heutigen Schöpfung

wesentlich verschiedenen Charakter aufprägten, während im

Tertiär Pflanzen und Tiere teils neu auftreten, teils zu

dominieren beginnen, welche den uns umgebenden näherstehen.

Weiter bietet das Tertiär vorzüglich in seinen

jüngern Abteilungen besondere Lagerungsverhältnisse dar:

die meisten Vorkommnisse sind auf einzelne, voneinander isolierte

Becken beschränkt, und nur von älterm

Tertiärmaterial finden sich zusammenhängende, über

weite Strecken ununterbrochen verbreitete Ablagerungen. In den

isolierten Becken wechseln Schichten, in denen Meeresformen

aufgehäuft sind, mit solchen, die brackische Formen oder

Süßwasser- und Landorganismen führen, oft in

mehrfacher Folge. Einige dieser Eigentümlichkeiten der T.,

namentlich die zuletzt erwähnten, erschweren die

Parallelisierung und Etagierung der Schichten sehr bedeutend. Eine

noch jetzt in ihren Grundzügen beibehaltene Einteilung der

Tertiärschichten rührt von Lyell (1832) her und beruht

auf Verhältniszahlen zwischen ausgestorbenen und noch lebenden

Mollusken, welche zuerst von Deshayes berechnet worden waren.

Derselbe hatte gefunden, daß in den ältesten Schichten

der T. etwa 97 Proz. aller Mollusken Arten angehören, welche

sich in unsrer heutigen Schöpfung nicht mehr vorfinden,

daß dieser Prozentsatz für die mittlere T. auf etwa 81

sinkt und in den jüngsten Schichten nur noch 48 beträgt,

so daß in diesen die Mehrzahl der Versteinerungen sich den

Arten der Jetztwelt unterordnen läßt. Lyell fixierte

diese drei Stufen als Eocän, Miocän und Pliocän.

Neuere Untersuchungen haben zwar diese Zahlen wesentlich

korrigiert, im allgemeinen aber doch die Zunahme noch lebender

Formen in den jüngern Schichten bestätigt; ja, bei der

Vereinzelung vieler tertiärer Ablagerungen bildet dieses

prozentige Verhältnis zwischen noch lebenden und schon

ausgestorbenen Arten oft die einzige Unterlage für die

relative Altersbestimmung. Dagegen hat sich der Sprung vom

Eocän zum Miocän als zu groß, dem Intervall

zwischen Miocän und Pliocän nicht gleichwertig

herausgestellt, weshalb Beyrich (1854) zwischen Eocän und

Miocän noch Oligocän einschob. Eine ursprünglich von

Mayer herrührende, von andern mannigfaltig geänderte

Einteilung der Tertiärschichten unterscheidet zwölf

Stufen, die nach hervorragenden Lokalitäten ihres Vorkommens

benannt werden, und von denen die Soissonische, Londoner, Pariser

und Bartonische dem Eocän, die Ligurische, Tongrische und

Aquitanische dem Oligocän, die Mainzer (auch Langhische Stufe

genannt), Helvetische und Tortonische dem Miocän und endlich

die Piacentische (Messinische) und Astische Stufe dem Pliocän

zuzurechnen sein würden. Mayers Originalbezeichnungen sind

französisch, z. B. Tongrien, Mayencien, Helvetien etc. Mayer

selbst aber trennt die T. in nur zwei Abteilungen: das

Alttertiär (Paläogen) und das Neutertiär (Neogen),

von denen das erstere Eocän und Oligocän, das letztere

Miocän und Pliocän umfaßt. Die "Übersicht der

geologischen Formationen" (s. Geologische Formation) gibt einen

Katalog aller wichtigen Tertiärablagerungen, während im

folgenden nur einige in geographischer Anordnung besprochen werden

sollen.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 174 / 302 段