Tellez (spr. telljeds), Gabriel, genannt Tirso de Molina,

berühmter span. Dramatiker, von dessen Lebensumständen

nur wenig bekannt ist. Er war um 1585 zu Madrid geboren, trat noch

vor 1613 in den Orden der Barmherzigen Brüder zu Toledo und

bekleidete nach und nach die wichtigsten Stellen in demselben. 1645

wurde er Prior des Klosters Soria und soll als solcher 1648

gestorben sein. T. gehört zu den größten

dramatischen Dichtern Spaniens und nimmt seinen Platz unmittelbar

neben Lope und Calderon ein. Seine Stücke sind teils

Schauspiele (Comedias), teils Zwischenspiele und Autos

sacramentales (im ganzen ursprünglich gegen 300, von denen

jedoch nur der kleinste Teil erhalten ist); sie zeichnen sich durch

ungemeine Originalität und Mannigfaltigkeit der Erfindung,

Kühnheit des Plans, meisterhafte Charakterzeichnung und

hochpoetische Diktion aus. Besonders hervorragend ist T. in seinen

Lustspielen, von denen mehrere sich bis auf den heutigen Tag auf

der spanischen Bühne erhalten haben. Zu den

vorzüglichsten derselben gehören: "Don Gil de las calzas

verdes" (deutsch in Dohrns "Spanischen Dramen", Bd. 1, Berl. 1841),

"La celosa de si misma", "La villana de Vallecas". "No hay peor

sordo que el que no quiere oir", "Marta la piadosa" (deutsch in

Rapps "Spanischem Theater", Bd. 5, Hildburgh. 1870), die geniale

Farce "El amor medico" u. a. Von den ernstern Stücken sind

besonders das hochtragische "Escarmientos para el cuerdo", das

großartige "La prudencia en la mujer", das

mystisch-asketische Drama "El condenado por desconfiado" und der

"Burlador de Sevilla o el convidado de piedra" (franz. bearbeitet

von Molière; deutsch bei Dohrn, Bd. 1, und bei Rapp, Bd. 5),

als die erste dramatische Bearbeitung der Don Juan-Sage,

hervorzuheben. Eine erste (jetzt sehr seltene) Sammlung von T.'

Stücken erschien in 5 Bänden Madrid und Tortosa 1631-36;

andre sind einzeln gedruckt und mehrere noch handschriftlich

vorhanden. Eine neuere Ausgabe der "Comedias" besorgte Hartzenbusch

(Madr. 1839-42, 12 Bde.; Auswahl in der "Biblioteca de autores

españoles", Bd. 5, das. 1850). Die "Autos" von T. finden

sich in der unter seinem wahren Namen herausgegebenen Mischsammlung

"Deleytar a provechando" (Madr. 1635; das. 1775, 2 Bde.).

Tellkampf, Johann Ludwig, Nationalökonom, geb. 28.

Jan. 1808 zu Bückeburg, studierte in Göttingen, woselbst

er sich 1835 als Dozent niederließ, ging 1838 infolge des

Umsturzes der hannöverschen Verfassung nach Amerika und

bekleidete hier bis 1846 die Professur der Staatswissenschaften

erst am Union College, dann am Columbia College in New York und

schrieb außer verschiedenen handelspolitischen Abhandlungen

eine Schrift: "Über die Besserungsgefängnisse in

Nordamerika und England" (Berl. 1844). Im Auftrag der

preußischen Regierung, welche ihn schon zu einer Beratung

über Gefängnisreform hinzugezogen hatte, studierte er

1846 das Gefängniswesen in England, Frankreich und Nordamerika

und wurde in demselben Jahr zum Professor der Nationalökonomie

in Breslau ernannt. 1848 gehörte T. dem

Verfassungsausschuß des Frankfurter Parlaments an, 1849-51

war er Mitglied der preußischen Zweiten Kammer, seit 1855 auf

Präsentation der Universität Breslau Mitglied des

preußischen Herrenhauses, wo er zur liberalen Minorität

gehörte. Im Reichstag, dem er seit 1871 angehörte,

zählte er zur national-liberalen Fraktion. Er starb 15. Febr.

1876. Von seinen zahlreichen Schriften sind zu nennen:

"Beiträge zur Nationalökonomie und Handelspolitik"

(Leipz. 1851-53, 2 Hefte); "Der Norddeutsche Bund und die

Verfassung des Deutschen Reichs" (Berl. 1866); "Die Prinzipien des

Geld- und Bankwesens" (das. 1867); "Essays on law reform,

commercial policy, banks, penitentiaries etc." (Lond. 1857; 2.

Aufl., Berl. 1875); "Selbstverwaltung und Reform der Gemeinde- und

Kreisordnungen in Preußen und Selfgovernment in England und

Nordamerika" (das. 1872). Mit Bergius übersetzte er

MacCullochs "Geld u. Banken" (Lpz. 1859).

Tellskapelle, eine der Lokalitäten, die mit der

Urgeschichte der vier schweizerischen Waldstätte in Verbindung

gebracht sind. Hierher versetzt nämlich die Tradition jenen

Moment, wo der von dem Landvogt Geßler gebundene Tell, als

der Sturm alle Schiffsleute verzagen ließ, seiner Bande los

wurde, das Fahrzeug sicher nach einem Felsvorsprung hinleitete und,

mit seiner Armbrust bewaffnet, dem Schiff entsprang (1307). Die

Kapelle wurde 1880 von neuem erbaut und von Stückelberg mit

Fresken geschmückt. Der Ort ist eine der Dampfschiffstationen

des Vierwaldstätter Sees. Eine zweite T. befindet sich in

Bürglen neben dem Hotel "Wilhelm Tell", eine dritte in der

Hohlen Gasse, zwischen Arth und Küßnacht.

Tellur Te, chemisch einfacher Körper, findet sich in

geringen Mengen gediegen bei Valathna in Siebenbürgen,

gewöhnlich mit Metallen verbunden, z. B. mit Gold als

Schrifttellur, mit Silber als Weißtellur, mit Wismut und

Schwefel als Tetradymit und mit Blei, Antimon und Schwefel als

Blättererz. Einige dieser Mineralien werden auf Silber und

Gold verhüttet. Zur Gewinnung des Tellurs zieht man Tellurgold

oder Tellursilber mit warmer Salzsäure aus, behandelt den

Rückstand mit Königswasser, fällt aus der klaren

Lösung das Gold durch Eisenvitriol und nach dem Filtrieren das

T. durch schweflige Säure. Es ist silberweiß,

glänzend, blätterig-kristallinisch, spröde, Atomgew.

127,7, spez. Gew. 6,24, schmilzt so leicht wie Antimon, ist

flüchtig, verbrennt an der Luft zu farblosem,

kristallinischem, wenig in Wasser löslichem

Tellurigsäureanhydrid TeO2 unter Verbreitung eines

eigentümlichen, schwach säuerlichen Geruchs, löst

sich mit roter Farbe in heißer Kalilauge zu Tellurkalium und

tellurigsaurem Kali, scheidet sich aber beim Erkalten der

Lösung wieder vollständig aus, wird von konzentrierter

Schwefelsäure und Salpetersäure zu farbloser, erdiger,

scharf metallisch schmeckender telluriger Säure H2TeO3 und von

schmelzendem Salpeter zu farbloser, kristallinischer, metallisch

schmeckender Tellursäure H2TeO4 oxydiert. Es verbindet sich

direkt mit den Haloiden, mit Schwefel und vielen Metallen, ist

zweiwertig und in

579

Tellurblei - Temes.

seinem chemischen Verhalten dem Schwefel und Selen ähnlich.

Das gediegene T. wurde von den alten Metallurgen Aurum paradoxum,

Metallum problematicum genannt, Klaproth erkannte es 1798 als neues

Element, und Berzelius studierte es 1832 genauer, stellte es aber

zu den Metallen.

Tellurblei (Altait), seltenes, regulär

kristallisierendes, zinnweißes Mineral aus der Ordnung der

einfachen Sulfuride, besteht aus Blei und Tellur PbTe mit 38,21

Tellur und etwas Silber, findet sich am Altai, in Kalifornien,

Colorado und Chile.

Tellurisch (lat.), was sich auf die Erde (tellus)

bezieht, von dieser abstammt; daher tellurische Einflüsse,

Einwirkung der Erde auf den menschlichen Körper als

Krankheitsursache etc.

Tellurismus (lat.), s. Magnetische Kuren.

Tellurit (Tellurocker), Mineral, natürlich

vorkommendes Anhydrid der tellurigen Säure, TeO2,

äußerst selten mit gediegenem Tellur in Quarz auf

einigen siebenbürgischen Gruben, auch mit andern Tellurerzen

in Colorado vorkommend.

Tellurium (lat.), Maschine zur Versinnlichung der bei der

täglichen Rotation und dem jährlichen Umlauf der Erde um

die Sonne eintretenden Erscheinungen, besonders des durch den

Parallelismus der Erdachse bedingten Wechsels der Jahreszeiten.

Vgl. Wittsack, Das T. (2. Aufl., Berl. 1875).

Tellus ("Erde"), die italische Gottheit der

mütterlichen Erde, daher auch oft T. mater genannt, entspricht

der griech. Gäa (s. d.). Man rief sie bei Erdbeben an (wie

denn ihr Tempel in Rom, am Abhang des vornehmen Quartiers der

Carinen gelegen, 268 v. Chr. infolge eines Erdbebens im Kriege

gelobt worden war), bei feierlichen Eiden zusammen mit dem

Himmelsgott Jupiter, als das allgemeine Grab der Dinge neben den

Manen. Wie die griechische Demeter, galt sie auch als Göttin

der Ordnung der Ehe, insbesondere aber verehrte man sie vielfach in

Verbindung mit Ceres als Göttin der Erdfruchtbarkeit. So

galten ihr die im Januar am Beschluß der Winteraussaat vom

Pontifex an zwei aufeinander folgenden Markttagen angesetzte

Saatfeier (feriae sementivae) und die gleichzeitig auf dem Land

gefeierten Paganalien, bei denen ihr mit Ceres ein trächtiges

Schwein geopfert wurde, ferner das am 15. April für die

Fruchtbarkeit des Jahrs teils auf dem Kapitol, teils in den 30

Kurien, teils außerhalb der Stadt unter Beteiligung der

Pontifices und der Vestalinnen begangene Fest der Fordicidien oder

Hordicidien, bei denen ihr trächtige Kühe (fordae)

geopfert wurden; die Asche der ungebornen Kälber verwahrten

die Vestalinnen bis zum Feste der Palilien (s. Pales), an welchem

sie als Reinigungsmittel verwendet wurde. Neben der weiblichen

Gottheit verehrte man auch einen Gott Tellumo. Vgl. Stark, De

Tellure dea (Jena 1848).

Telmann, Konrad, Pseudonym, s. Zitelmann.

Telmessos (Telmissos), im Altertum Hafenstadt an der

Westküste von Lykien, nahe der Grenze von Karien, als Sitz von

Wahrsagern berühmt. Ruinen beim heutigen Makri (s. Tafel

"Baukunst II", Fig. 14).

Telpherage (spr. téllferidsch, Telpher), von

Fleeming Jenkin erfundene elektrische Eisenbahn, bei welcher die

Wagen wie bei der Seilbahn an Stahldrahtseilen hängend sich

fortbewegen. Die zwei Seile sind an jeder Tragsäule übers

Kreuz stromleitend miteinander verbunden. Die Säulen stehen je

20 m voneinander entfernt, und jeder Zug besteht aus Lokomotive und

zehn Kasten im Gesamtgewicht von 570 und mit einer Tragkraft von

1400 kg. Eine Versuchsbahn wurde 1883 zu Weston bei Hitchin in

England gebaut, eine größere Anlage 1885 zu Glynde in

der Grafschaft Sussex.

Tel-pos (Töll-pos), Berg des nördlichen sogen.

Wüsten Urals im russ. Gouvernement Wologda, gipfelt in zwei

Piks (1687 und 1640 m hoch). Auf der höchsten Terrasse

befindet sich ein See, aus dem ein breiter Bach

hinabstürzt.

Telschi (lit. Telszei), Kreisstadt im litauisch-russ.

Gouvernement Kowno, am See Mastis, hat 2 Synagogen, eine

griechisch-russ. Kirche, eine Adelsschule, eine hebräische

Kreisschule, Handel mit Getreide und Leinsaat und (1886) 11,393

Einw.

Teltow, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Potsdam,

mit Berlin durch eine Dampfstraßenbahn verbunden, hat eine

evang. Kirche, berühmten Rübenbau (Teltower Rüben)

und (1885) 2667 Einw. T. wird zuerst 1232 urkundlich erwähnt.

Der Kreis T. hat Berlin zur Kreisstadt.

Teltower Rübe, s. Raps.

Teltsch, Stadt in der mähr. Bezirkshauptmannschaft

Datschitz, nahe am Ursprung der Thaya, hat ein Bezirksgericht, ein

altes Schloß, eine gotische Dekanats- und 5 andre Kirchen,

eine Landesoberrealschule, eine Dampfmühle,

Schneidemühle, Spiritusbrennerei, Tuchmacherei, Flachsbau und

(1880) 5116 Einw.

Telugu, Sprache des zu den Drawida (s. d.) gehörigen

Volkes der Telinga in Ostindien, an der Ostküste des Dekhan

von Orissa südwärts bis beinahe Madras von ca. 20 Mill.

Menschen gesprochen. Die eigentümliche Teluguschrift ist aus

dem alten Sanskritalphabet abgeleitet, und die mindestens bis ins

12. Jahrh. v. Chr. zurückreichende, nicht unbedeutende, aber

noch wenig gekannte Litteratur besteht ebenfalls zumeist in

Übersetzungen von und Kommentaren zu bekannten Sanskritwerken.

Bearbeitet wurde das T. am besten durch Brown ("T. grammar", Madras

1858; "T. dictionary", das. 1852-53, 2 Bde.); neuere Grammatiken

lieferten Arden (Lond. 1873) und Morris (das. 1889).

Telut, Insel, s. Jaluit.

Telyu, die cymbrische Harfe, s. Harfe.

Tem., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung

für J. E. Temminck, geb. 1778, gest. 1858 in Leiden

(Vögel, Säugetiere).

Temascaltepec, Stadt im mexikan. Staat Mexiko, 30 km

südwestlich von Toluca, in tiefem Thal, hat Weberei

großer Baumwolltücher, verlassene Bergwerke und (1880)

10,267 Einw. (im Munizipium).

Tembek, eine in Persien erzeugte Sorte Tabak, welche nur

aus der Wasserpfeife geraucht wird.

Tembuland, Dependenz des brit. Kaplandes, an der

Südostküste zwischen den Flüssen Bashee und Umtata,

10,502 qkm (191 QM.) groß mit (1885) 122,638 Einw., worunter

8320 Weiße.

Temen, Getreidemaß, s. Ueba.

Temenos (griech.), geweihter Tempelbezirk.

Temes (spr. témesch, bei den Alten Tibiscus),

Fluß in Ungarn, entspringt im Banater Gebirge, fließt

meist durch ein enges Gebirgsthal, tritt bei Lugos in die

ungarische Tiefebene, fließt hier in einem großen,

gegen S. geöffneten Bogen in südwestlicher Richtung und

mündet bei Pancsova in die Donau. Ihr Lauf beträgt 430

km. Anfangs wird sie bloß zum Holzflößen, von

Tomaschevatz an auch zur Schiffahrt benutzt. Sie nimmt links die

Bogonicz und Berzava, rechts die Bistra und Bega auf und speist den

Begakanal. - Das ungar. Komitat T. längs der Maros und

Theiß grenzt im W. an das Komitat Torontál,

580

Temesvar - Tempe.

im N. an Arad, im O. an Krassó-Szörény und im

S. an Serbien, umfaßt 7136 qkm (129,6 QM.) mit (1881) 396,045

Einw. (meist Rumänen und Serben), ist fast durchaus eben, wird

an der Nordgrenze von der Maros, im Innern von der Berzava, der T.,

dem Krassó und der Nera, an der Südgrenze von der Donau

bewässert, hat viele Sümpfe, ein heißes, teilweise

ungesundes Klima, aber sehr fruchtbaren Boden. Getreide und Obst

werden in Fülle gewonnen. Vieh-, Seidenraupen- und Bienenzucht

blühen. Das Komitat wird von den Bahnlinien Arad-Bazias und

Szegedin-Orsova durchschnitten. Sitz desselben ist Temesvár.

Hervorragend ist die Mühlenindustrie (259 Mühlen mit

einer Jahresproduktion von 1,644,000 metr. Ztr. Mehl).

Temesvár (spr. témeschwar), königliche

Freistadt und Festung im ungar. Komitat Temes und Knotenpunkt der

Österreichisch-Ungarischen Staatsbahnlinien Wien-Orsova und

T.-Bazias sowie der Arad-Temesvárer Bahn, liegt am Begakanal

in sumpfiger Gegend, besteht aus der von breiten Glacis- und

Parkanlagen (Stadtpark und Scudierpark) umgebenen Festung (innere

Stadt) und vier Vorstädten. Die Stadt T., welche 13 Kirchen, 4

Klöster und 3 Synagogen besitzt, hat hübsche

Straßen, große Plätze und schöne

öffentliche und Privatbauten, viele Kasernen und elektrische

Beleuchtung. Nennenswert sind die beiden Kathedralen sowie das

Komitatshaus am Losonczyplatz (daselbst steht eine

Mariensäule), das alte Schloß Joh. Hunyadys (jetzt

Zeughaus), ferner das Rathaus und die Militärgebäude am

Prinz Eugen-Platz, wo sich eine 1852 zur Erinnerung an die

Verteidigung Temesvárs errichtete 20 m hohe gotische

Spitzsäule (von Max) erhebt, das Dikasterialgebäude, das

Theater, die neue Synagoge und die Staatsoberrealschule etc. Die

Einwohner (1881: 33,694) sind Deutsche, Rumänen, Serben und

Ungarn und betreiben lebhaften Handel und zahlreiche Gewerbe. T.

hat eine bedeutende Fabrikindustrie: 1 königliche

Tabaksfabrik, 3 Dampfmühlen (darunter die Elisabeth- und

Pannoniamühle mit 200,000 und 100,000 metr. Ztr.

Jahresproduktion), 4 große Spiritusfabriken und -Raffinerien,

ein großes Brauhaus; ferner Fabriken für Tuch, Papier,

Leder, Wolle, Soda, Öl etc., eine Dampfsäge- und viele

Wassermühlen am Begakanal; endlich besitzt T. ein

Obergymnasium, eine Oberreal- und eine höhere

Mädchenschule, eine Handelsschule, mehrere Spitäler, 2

Waisenhäuser, eine Handels- und Gewerbekammer, eine Filiale

der Österreichisch-Ungarischen Bank, ein südungarisches

Museum und einen Tramway, welcher den Verkehr zwischen der Festung

und den Vorstädten vermittelt. T. ist Sitz des Komitats, des

Csanáder römisch-katholischen und eines

griechisch-orientalischen (serbisch-rumänischen) Bischofs,

eines General- und Festungskommandos, eines Gerichtshofs, einer

Finanzdirektion und sonstiger Behörden. - T. ist das Zambara

der Römer. Unter der Avarenherrschaft hieß es Beguey;

unter der ungarischen war es Sitz eigner Grafen und unter dem

ungarischen König Karl Robert eine so blühende Stadt,

daß derselbe 1316 fein Hoflager hierher verlegte. 1443

erbaute Hunyady das Schloß; 1552 ward T. von den Türken

erobert, 1716 durch den Prinzen Eugen vom türkischen Joch

befreit. Damals wurde die jetzige Festung angelegt, die alte Stadt

größtenteils niedergerissen und nach einem neuen Plan

wieder aufgebaut. 1781 ward T. zur königlichen Freistadt

erhoben. 1849 ward es vom ungarischen General Grafen Vecsey seit

25. April belagert, aber durch den Sieg Haynaus über Bem und

Dembinski (9. Aug.) entsetzt. Vgl. Preyer, Monographie der

königlichen Freistadt T. (Temesv. 1853).

Temir-Chan Schura, Gebietsstadt im Gebiet Daghestan der

russ. Statthalterschast Kaukasien, 466 m ü. M., in ungesunder

Gegend, stark befestigt, mit (1879) 4650 Einw.; von alters her

berühmt durch seine ausgezeichneten Dolche und Säbel.

Temme, Jodocus Donatus Hubertus, deutscher

Rechtsgelehrter und belletristischer Schriststeller, geb. 22. Okt.

1798 zu Lette in Westfalen, studierte zu Münster und

Göttingen die Rechte, besuchte dann als Erzieher eines Prinzen

von Bentheim-Tecklenburg noch Heidelberg, Bonn, Marburg, bekleidete

seit 1832 verschiedene richterliche Ämter, ward 1839 Direktor

des Stadt- und Landgerichts zu Berlin, 1844 nach Tilsit versetzt

und wurde 1848 Oberlandesgerichtsdirektor zu Münster. Er

saß in der preußischen wie in der deutschen

Nationalversammlung auf der äußersten Linken und ward

1849 wegen selner Teilnahme an den Stuttgarter Beschlüssen in

einen Hochverratsprozeß verwickelt, zwar nach neunmonatlicher

Haft vom Schwurgericht freigesprochen, aber im Disziplinarweg 1851

aus dem Staatsdienst entlassen. Vgl. "Die Prozesse gegen J. T."

(Braunschw. 1851). Von 1851 bis 1852 redigierte er die "Neue

Oderzeitung" in Breslau, 1852 folgte er einem Ruf als Professor des

Kriminalrechts nach Zürich, wo er 14. Nov. 1881 starb. Von

seinen juristischen Werken sind hervorzuheben: "Lehrbuch des

preußischen Zivilrechts" (2. Aufl., Leipz. 1846, 2 Bde.);

"Lehrbuch des preußischen Strafrechts" (Beri. 1853); "Archiv

für die strafrechtlichen Entscheidungen der obersten

Gerichtshöfe Deutschlands" (Erlang. 1854-59, 6 Bde.);

"Lehrbuch des schweizerischen Strafrechts" (Aarau 1855); "Lehrbuch

des gemeinen deutschen Strafrechts" (Stuttg. 1876). Daneben trat er

mit Glück als Novellist auf und entwickelte besonders im Fach

der Kriminalnovelle eine ungewöhnliche Produktivität.

Vgl. seine "Erinnerungen" (hrsg. von Born, Leipz. 1882).

Temne (Timmene), Negerstamm in Westafrika, am

Rokellefluß in Sierra Leone. Die Sprache der T., grammatisch

dargestellt von Schlenker (Lond. 1864), ist nahe verwandt mit der

des benachbarten kleinen Stammes der Bullom (grammatisch und

lexikalisch bearbeitet von Nyländer, das. 1814); nach Bleek

und Lepsius steht sie auch zu dem großen

südafrikanischen Bantusprachstamm (s. Bantu) in

Beziehungen.

Temnikow, Kreisstadt im russ. Gouvernement Tambow, an der

Mokscha, hat 8 griechisch-russ. Kirchen, Gußeisen- u.

Fayencefabriken u. (1885) 7107 Einw.

Tempe ("die Einschnitte"), von den alten Dichtern

vielfach gefeiertes, 100-2000 Schritt breites, etwa 10 km langes,

vom Peneios durchströmtes Felsenthal mit üppiger

Vegetation zwischen dem Ossa und dem Olympos in Thessalien. Wo der

Peneios das Gebirge durchbricht, rücken die Berge sehr nahe

zusammen; weiterhin öffnet sich stellenweise das Thal, so

daß der Fluß in Windungen sanft hindurchströmt;

aber in der Nähe des Meers bilden die Felsen eine enge, wilde

Schlucht, um dann ganz am Meer wieder auseinander zu treten. Die

Straße, zum Teil in den Felsen gehauen, liegt am rechten

Ufer. Das Thal war einer der wichtigsten Pässe

Nordgriechenlands. Philipp von Makedonien ließ am Eingang

Kastelle errichten, die nach ihm verfielen, von den Römern

aber wiederhergestellt wurden. Noch jetzt sind Trümmer eines

Kastells auf dem rechten Peneiosufer vorhanden. Im Passe selbst

stand ein hochheiliger Altar des Apollon, unweit des Meers ein

solcher des Poseidon Peträos, als dessen Werk die Thalspalte

an-

581

Tempel (kunstgeschichtlich).

gesehen wurde. Vgl. Kriegk, Das thessalische T. (Leipz.

1835).

Tempel (v. lat. templum), bei den Völkern des

Altertums ein der Gottheit geweihter Bezirk, dann das auf demselben

stehende Gebäude, zur Aufnahme der Götterbilder, des

Altars und der Priester, aber nur selten des Volkes bestimmt. Im

Innern des eigentlichen Tempelhauses oder der Zelle (cella) stand

die Bildsäule oder das Bild der Gottheit, welcher der T.

gewidmet war, auf einem Postament an der dem Eingang

gegenüberliegenden Mauer, vor ihm ein entweder runder oder

viereckiger Opfer- und Betaltar. Die Decke bestand aus Holz, selten

aus Stein und war gewöhnlich eben, später bisweilen auch

gewölbt. Der Fußboden war anfangs aus Steinplatten,

später aus Mosaik hergestellt. Die Säulen des Portikus

schmückte man oft mit erbeuteten feindlichen Schilden. Stufen

hatten die griechischen T. in der Regel, und zwar liefen sie stets

ringsherum. Der dadurch geschaffene Stufenunterbau hieß

Krepidoma. Der Platz um den T., soweit er der Gottheit geweiht war,

hieß Peribolus. Mit einer Mauer umgeben, enthielt er

Altäre, Statuen, Monumente aller Art. Über die T. der

alten Ägypter s.Baukunst, S. 482, und über die der Inder

s. Höhlentempel. Die Hebräer besaßen nur einen

einzigen T., den berühmten T. zu Jerusalem, ihr

Nationalheiligtum. Der erste T. (Salomonischer T.), von Salomo seit

990 v. Chr. auf dem Berg Moria mit Hilfe phönikischer Meister

errichtet, war ein steinernes Gebäude von 60 Ellen Länge,

20 Ellen Breite und 30 Ellen Höhe, an drei Seiten mit

Seitenzimmern umgeben, welche, in drei Stockwerken

übereinander, zur Bewahrung der Schätze und

Gerätschaften des Tempels dienten, an der vordern Seite aber

mit einer 10 Ellen breiten Vorhalle geziert, welche von zwei

ehernen Säulen, Jachin und Boas ("Festigkeit und

Stärke"), getragen wurde. Das Innere enthielt einen 40 Ellen

langen Vorderraum, das Heilige, worin die goldenen Leuchter, der

Schaubrottisch und der Räucheraltar standen, und einen durch

einen Vorhang davon geschiedenen Hinterraum von 20 Ellen

Länge, das Allerheiligste, mit der Bundeslade. Beide

Räume waren an den Wänden, das Allerheiligste (Adyton)

auch am Boden und an der Decke mit Holzwerk getäfelt.

Letzteres war nur dem Hohenpriester, das Heilige nur den Priestern

zugänglich. Das Tempelgebäude war von einem innern Vorhof

der Priester mit dem Brandopferaltar, dem Reinigungsbecken und

andern Gerätschaften umgeben und dieser durch

Säulengänge mit ehernen Thoren von dem für das Volk

bestimmten und von einer Mauer umschlossenen äußern

Vorhof geschieden. Nachdem er 586 durch Nebukadnezar zerstört

worden war, erhob sich an seiner Stelle nach der Rückkehr der

Juden aus der Babylonischen Gefangenschaft der zweite, nach

Serubabel gekannte T., der wahrscheinlich wie auf der Stätte,

so auch nach dem Plan des ersten errichtet und 516 vollendet wurde,

diesem aber an Größe und Pracht nachstand. Durch

Antiochos Epiphanes 169 entweiht, ward er von Judas Makkabäus

wiederhergestellt und befestigt. Unter Herodes d. Gr. begann seit

21 v. Chr. eine gänzliche Umgestaltung des Tempels in

großartigerm Maßstab im griechischen Stil (daher

Herodianischer T.). Dieser Tempelbau war nach Josephus eine Stadie

lang und eine Stadie breit. Im jüdisch-römischen Krieg,

70 n. Chr., war der T. die letzte Schutzwehr der Juden. Seit 644

steht auf der Tempelstätte eine Moschee. Die Aufzeichnungen

über den Salomonischen Tempelbau finden sich, außer

einzelnen Notizen bei Jeremias 52 und im 2. Buch der Könige

25, im 1. Buch der Könige, Kap. 5-7, und 2. Chron., Kap. 2-4.

Vgl. Vogué, Le temple de Jérusalem (Par. 1864,

Prachtwerk), außerdem die Schriften über den

Salomonischen T. von Keil (Dorp. 1839), Bähr (Karlsr. 1848),

Rosen (Gotha 1866), Fergusson (Lond. 1878), Spieß (Berl.

1881), Wolff (Graz 1887). - Die höchste künstlerische

Ausbildung erfuhr der Tempelbau durch die Griechen, welche, von der

einfachsten Form ausgehend, allmählich zu einer Anzahl von

Typen gelangten, die nicht nur für die Römer

maßgebend gewesen sind, sondern auch auf die Baukunst der

neuern Zeit Einfluß geübt haben. Man unterschied die

einzelnen Gattungen der T. entweder nach der Anordnung der

Säulenstellungen vor und hinter der Tempelfronte oder an den

Seiten des Tempels oder

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 168 / 302 段