2) Wladislaw, Graf, ungar. Patriot, geb. 11. Febr. 1811 zu Pest,

studierte die Rechte und Staatswifsenschaften, ward 1839 Mitglied

des siebenbürgischen Landtags, trat 1843 als Magnat in die

Magnatentafel des ungarischen Reichstags und stellte sich mit an

die Spitze der Opposition. Im September 1848 ward er vom

ungarischen Ministerium nach Paris gesandt, um dort die ungarischen

Interessen zu vertreten, und, da er nach der Niederwerfung der

ungarischen Insurrektion im Namen Ungarns gegen die Maßregeln

Österreichs protestierte, in contumaciam verurteilt und in

effigie gehenkt, Er lebte seitdem abwechselnd in Paris und Genf und

wirkte nach Ausbruch des italienischen Kriegs 1859 zu Turin im

Interesse der ungarischen Nationalpartei. Im Dezember 1860 ward er

zu Dresden verhaftet und nach Wien ausgeliefert, dort aber

begnadigt. Im April 1861 in den ungarischen Reichstag gewählt,

hielt er sich zur Linken, geriet aber bei seiner politischen

Richtung mit dem bei seiner Begnadigung gegebenen Versprechen in

Konflikt und erschoß sich in Verzweiflung darüber 8. Mai

1861 in Pest. T. hinterließ auch eine Tragödie: "A

kegyencz" ("Der Günstling").

Telelog (griech., "Fernsprecher"), ein von Ackermann

für die Mitteilung beobachteter Treffergebnisse beim

Schießen der Artillerie erfundener elektrischer Telegraph,

besteht aus einer Drahtleitung, einer Batterie Meidingerscher

Elemente und einem Apparat zur Zeichengebung durch einfache und

dreifache Glockenschläge, die als Elementarzeichen zu einem

Alphabet gruppiert sind. Vgl. Ackermann, Der T. (Rastatt 1877).

Telemachos, im griech. Mythus Sohn des Odysseus und der

Penelope, war bei der Abreise des Vaters zum Trojanischen Krieg

noch ein Kind. Herangewachsen, erhielt er von Athene den Rat, bei

Nestor in Pylos und Menelaos in Sparta Erkundigungen über den

Vater einzuziehen; am letztern Ort erfuhr er, daß derselbe

noch lebe. Nach Hause zurückgekehrt, traf er bei dem Sauhirten

Eumäos seinen von Athene in einen Bettler verwandelten Vater.

Dieser entdeckte sich ihm, und T. stand hierauf dem Vater bei der

Tötung der Freier bei. Seine spätere Geschichte wird

verschieden erzählt (vgl. Telegonos). Die Schicksale des T.

behandelt der berühmte Roman von Fénelon: "Les

aventures de Télémaque".

Telemann, Georg Philipp, Komponist, geb. 14. März

1681 zu Magdeburg, bezog zum Studium der Rechte 1700 die

Universität Leipzig, widmete sich aber hier der Musik mit

solchem Erfolg, daß er schon vier Jahre später die

Organistenstelle an der Neuen Kirche und die Leitung des

studentischen Gesangvereins Collegium musicum übernehmen

konnte. In der Folge wirkte er als Kapellmeister erst in Sorau (an

der Kapelle des Grafen Promnitz), dann in Eisenach, endlich von

1712 an in Frankfurt a. M. Von hier wurde er 1721 als

städtischer Musikdirektor nach Hamburg berufen, wo er 25. Juli

1767 starb. T. stand als ebenso fleißiger wie gewandter

Komponist und als Mann von reicher wissenschaftlicher Bildung bei

seinen Zeitgenossen in höchstem Ansehen. Als er die ihm 1722

angetragene Stellung eines Thomaskantors in Leipzig ausschlug, war

der dortige Rat sehr enttäuscht, auch dann noch, als J. S.

Bach für dies Amt gewonnen war. Die Hoffnungen, welche Hamburg

auf ihn gesetzt, konnte er nur teilweise erfüllen, sofern man

erwartet hatte, er werde die am Anfang des Jahrhunderts

blühende nationale Oper von ihrem inzwischen eingetretenen

Niedergang wieder emporheben, was ihm nicht gelingen sollte. Von

seinen fast unzählbaren Werken (darunter 44 Passionsmusiken

und an 40 Opern) hat nicht ein einziges ihren Schöpfer zu

überleben vermocht.

Telemarken, Landschaft, s. Thelemarken.

Telemeteorograph (griech.), s. Meteorograph.

Telemeter (griech., "Fernmesser"), eine von C. L. Clarke

in New York erfundene Vorrichtung, um die Ablenkungen eines

Manometers, Wasserstandszeigers etc. telegraphisch auf einen

entfernten Zeigerapparat zu übertragen. Der Geber ist mit dem

Empfänger durch drei Leitungen verbunden; ersterer

enthält den Zeiger des Meßinstruments, der sich zwischen

zwei mit ihm um dieselbe Achse mittels eines Sperrrades

verschiebbaren Kontaktfedern bewegt und, je

575

Telemssen - Telesio.

nachdem er sich links oder rechts anlegt, in der einen oder

andern von zwei Leitungen den Stromweg der am Empfangsort

aufgestellten Batterie schließt. In jedem dieser Stromwege

liegen auf der gebenden Seite zwei Elektromagnete, auf der

Empfangsstelle ein dritter, welche beim Stromschluß

nacheinander in Wirksamkeit treten. Der erste stellt einen Nebenweg

zu dem unsichern Zeigerkontakt her und erhöht dadurch die

Sicherheit des Ansprechens; der andre schiebt das Sperrrad des

Gebers um einen Zahn vorwärts, wodurch die Kontaktfedern dem

Zeiger nachgedreht werden, bis dieser wieder frei zwischen beiden

spielt; der Elektromagnet auf der Empfangsstelle endlich bewirkt,

ebenfalls durch Einwirkung aus ein Sperrrad, daß der Zeiger

des Empfangsapparats eine gleiche Ablenkung erfährt. Infolge

der Bewegung beider Sperrräder wird ein neuer Stromweg durch

die dritte Leitung und den dritten Elektromagnet des

Empfangsapparats geschlossen, dessen Anker beim Anziehen

demnächst die Batterieverbindung unterbricht und alle

Elektromagnete in die Ruhelage zurückführt, so daß

bei einem neuen Kontakt des Zeigers nach der einen oder andern

Seite das Spiel sich wiederholen kann. Die Telemeterapparate

verlangen eine sorgfältige Einstellung, sind aber dann gegen

zufällige Erschütterungen unempfindlich. Vgl.

Distanzmesser.

Telemssen, Stadt, s. Tlemsen.

Teleologie (v. griech. telos, Ziel, Zweck), "Lehre von

den Zwecken", diejenige Vorstellungsart der Dinge, d. h. der Natur

und der sozialen Welt, der zufolge die einzelnen Erscheinungen,

Existenzen und Vorgänge auf die in ihnen enthaltenen oder doch

vorausgesetzten zweckmäßigen Beziehungen hin betrachtet

werden. Dieselbe wird neuerlich in dem Maß, als die exakten

Wissenschaften emporkamen, für unfruchtbar, ja dem Fortschritt

des Wissens hinderlich angesehen. Spinoza (s. d.) bezeichnete die

Zwecke, die man in der Natur angetroffen haben wollte, als

menschliche Hineindichtungen; Bacon (s. d. 3) nannte die

Zweckbetrachtung im Gegensatz zu der Erforschung der wirkenden

Ursachen eine gottgeweihte Jungfrau, die nichts gebären

könne. Noch Kant richtete einen Abschnitt seiner "Kritik der

Urteilskraft" gegen die Gültigkeit der Zweckvorstellungen.

Neuerdings hat man in Anknüpfung an Aristoteles, in dessen

Philosophie die den Naturdingen innewohnenden Zwecke eine

große Rolle spielen, die Wiederherstellung einer Art von T.

insofern versucht, als in gewissen Naturerscheinungen, wie im

Instinkt (s. d.) und Trieb (s. d.), Zwecke, die von keinem

Bewußtsein begleitet und also nicht als eigentliche Absichten

gedacht werden (immanente Zwecke), anzutreten sein sollen. In der

sogen. natürlichen Religion hat die T. sowohl bei den

englischen Deiften als in der deutschen Aufklärungsphilosophie

des Reimarus (s. d.) eine Rolle gespielt; aus der Naturwissenschaft

ist sie seit Darwin (s. d.), der an die Stelle des Kanons: Es ist

zweckmäßig, darum ist es, den umgekehrten setzte: Es

ist, darum ist es zweckmäßig, so gut wie

verschwunden.

Teleorman, Kreis in der Großen Walachei, an der

Donau, benannt nach dem Fluß T.; Hauptstadt

Turnu-Magurele.

Teleosaurier, krokodilähnliche Reptilien der

Juraperiode.

Teleostei (Knochenfische), Ordnung der Fische (s.d., S.

298).

Telepathie (griech., "Fernfühlung,

Fernegefühl"), neuerdings in Aufnahme gekommene Bezeichnung

für das angebliche Vermögen einzelner Personen,

räumlich oder zeitlich entfernte Vorgänge zu empfinden.

Vgl. Gedankenlesen und Zweites Gesicht.

Telephon (griech.), s. Fernsprecher.

Telephorus, s. Schneewürmer.

Telephos, im griech. Mythus ein Arkadier, Sohn des

Herakles und der Auge, einer Priesterin der Athene, ward von seiner

Mutter ausgesetzt, aber von einer Hirschkuh gesäugt und von

dem König Korythos erzogen. Beim König Teuthras von

Mysien fand er später die Mutter und ward Schwiegersohn und

Nachfolger des Königs. Als auf dem Zuge gegen Troja die

Hellenen Mysien angriffen, besiegte sie T., ward aber dabei von

Achilleus verwundet. Da die Wunde nicht heilen will und das Orakel

verkündet, daß sie nur der heilen könne, der sie

geschlagen habe, wendet er sich nach Argos, wohin die Griechen

durch Sturm zurückverschlagen sind, flüchtet auf

Klytämnestras Rat mit dem aus der Wiege geraubten Orestes, dem

kleinen Sohn des Agamemnon, auf den Hausaltar und droht, das Kind

zu töten, wenn ihm keine Hilfe würde, worauf Achilleus

mit dem Rost oder den Spänen seiner Lanze die Wunde heilt. Vom

Orakel als Führer nach Troja bezeichnet, zeigt T. den Griechen

den Weg dorthin, weigert sich aber, als Gemahl der Astyoche, einer

Schwester des Priamos, an dem Krieg selbst teilzunehmen. T. wurde

in Pergamon und besonders von den Königen aus dem Haus des

Attalos als Heros verehrt. Auf den in Pergamon jüngst

ausgegrabenen Reliefs des Zeusaltars ist seine Geschichte

dargestellt. Vgl. O. Jahn, T. und Troilos (Kiel 1841 u. Bonn 1859);

Pilling, Quomodo Telephi fabulam veteres tractaverint (Halle

1886).

Telephotographie, die Reproduktion von Bildern durch den

elektrischen Strom in der Ferne. Zuerst 1847 von Bakewell versucht,

hat die Ausführung dieser Idee durch Bidwell 1881 praktische

Gestaltung erhalten. In den Schließungskreis zweier

galvanischer Batterien, die einander entgegenwirken, ist an der

einen Station eine lichtempfindliche Selenzelle, an der andern

Station eine mit befeuchtetem Jodkaliumpapier bedeckte

Messingplatte eingeschaltet, aus welcher ein Messingstift schleift.

Der Widerstand im Schließungskreis wird durch Rheostate so

reguliert, daß kein Strom durchfließt, wenn die

Selenzelle nicht beleuchtet ist. Durch Uhrwerke wird die

Messingplatte mit dem Jodkaliumpapier an dem Stift und ganz

entsprechend eine durchsichtige Glasplatte mit dunkeln Zeichnungen

an der Selenzelle vorbei bewegt. Geht eine helle Stelle der

Glasplatte an der Selenzelle vorbei, so wird unter der Einwirkung

des Lichts ihr Widerstand kleiner, ein der Lichtwirkung

entsprechender Strom geht von der Messingspitze, welche als

positive Elektrode dient, durch das Jodkaliumpapier und bringt

durch Abscheidung von Jod eine dunkle Färbung hervor; man

erhält also eine negative Kopie der Zeichnung, welche die

hellen Stellen des Originals dunkel zeigt.

Telerpeton, s. Eidechsen.

Telesio, Bernardino, ital. Philosoph, geb. 1508 zu

Cosenza in Kalabrien, gest. 1588 daselbst, nachdem er zu Padua, Rom

und Neapel gelehrt und an letzterm Orte die noch heute bestehende

Accademia Telesiana der Naturforscher zur Verdrängung der

Aristotelischen Physik gegründet hatte, hat sich als Gegner

des Aristoteles und Begründer einer neuen, angeblich auf

Erfahrung gestützten Naturphilosophie bekannt gemacht. In

derselben führt er (nach Art der griechischen

Naturphilosophen) die gesamte Erscheinungswelt auf drei

Hauptprinzipien, ein leidendes und körperliches (Materie) und

zwei thätige unkörperliche (Wärme und

576

Teleskop - Tell.

Kälte), zurück, von welchen das erste, welches

beweglich ist, den Himmel und die Gestirne, die letztern, welche

unbeweglich sind, die Erde und deren Bewohner, der Kampf zwischen

beiden aber den Ursprung und das Leben aller Dinge, der seelenlosen

wie der beseelten, den Menschen inbegriffen, bestimmt. Seine

Hauptschrift: "De natura", erschien unvollständig Rom 1568,

vollständig Neapel 1586, seine übrigen Werke Venedig

1590. Vgl. Rixner und Fieber, Leben berühmter Physiker, Heft 3

(Sulzb. 1821); Fiorentino, Bernardino T. (Flor. 1872-74, 2

Bde.).

Teleskop (griech., "Fernschauer"), s. v. w. Fernrohr,

besonders katoptrisches; s. Fernrohr.

Telesphoros (griech., "Vollender"), in der griech.

Mythologie der Gott der Genesung, gewöhnlicher Begleiter des

Asklepios, neben dem er als kleiner, in einen Mantel gehüllter

Knabe erscheint.

Tel est notre plaisir (franz.), "das ist unser Wille",

"so beliebt es uns", vor der Revolution der gewöhnliche

Schluß in Reskripten und Befehlen der Könige von

Frankreich an ihre Beamten.

Telëuten (Tulungut, weiße Kalmücken, auch

Kumanelinzen), mongolischer, aber türkisierter,

ackerbautreibender Volksstamm im sibir. Gouvernement Tomsk, an der

Beja und den Telezker Seen.

Teleutosporen (griech.), eine Art Sporen bei den Pilzen

(s. Pilze, S. 66, und Rostpilze).

Telford, Thomas, Ingenieur, geb. 9. Aug. 1757 zu Eskdale

(Dumfriesshire), erlernte das Maurerhandwerk, ging 1781 nach

Edinburg, 1782 nach London, wo er unter Chambers und Adams weitere

Studien machte. Hier lernte er zugleich die Anlagen der Docks und

Werften kennen, welche 1787 unter seiner Leitung vollendet wurden.

1793 wandte er sich dem Bau von Brücken zu, unter welchen die

gewölbten Brücken über den Severn bei Montfort und

Bewdley sowie über den Dee bei Tongueland und die

gußeiserne Brücke von Buildwas hervorzuheben sind. Bei

dem Bau des Ellesmerekanals (mit den bemerkenswerten

Aquädukten im Chirkthal und von Pont y Cyssylte) 1793

konstruierte T. zuerst gußeiserne Schleusenthore und dann

ganze Schleusen aus Gußeisen. Noch bedeutender war der T.

übertragene Bau des 1823 für die Schiffahrt

eröffneten Kaledonischen Kanals (s. d.). Auch der

Macclesfieldkanal und Birmingham-Liverpool-Junctionkanal sind Werke

Telfords. Unter seinen Hafenbauten sind die von Aberdeen und Dundee

die bedeutendsten. Unter den auswärtigen Aufträgen

Telfords ist der Plan des zur Verbindung des Wenersees mit der

Ostsee bestimmten Götakanals in Schweden hervorzuheben. Das

bedeutendste Werk Telfords ist die 1819-26 erbaute

großartige, zur Verbindung der Insel Anglesea mit dem

Festland von Carnarvon bestimmte Kettenbrücke über die

Menaistraße bei Bangor. Nach demselben System ist die zur

gleichen Zeit von ihm ausgeführte Conwaybrücke erbaut. T.

starb 1831.

Telfs, Dorf in Tirol, Bezirkshauptmannschaft Innsbruck,

in weiter Ebene des Oberinnthals an der Arlbergbahn gelegen, hat

eine hübsche Pfarrkirche mit Freskomalerei, ein

Bezirksgericht, Franziskanerkloster, Bierbrauerei,

Baumwollspinnerei, Tuch- und mechanische Leinweberei und (1880)

2261 Einw.

Telgte, Stadt im preuß. Regierungsbezirk und

Landkreis Münster, an der Ems, zwischen ausgedehnten Heiden,

56 m ü. M., hat eine kath. Kirche mit wunderthätigem

Marienbild, eine Privatirrenanstalt (Rochushospiz), Wollspinnerei

und Wollwarenfabrikation, Bierbrauerei, Mahl-, Walk-, Öl- und

Sägemühlen und (1885) 2271 Einw. T. ist seit 1238

Stadt.

Telinga, ein zu den Drawida (s. d.) gehöriger

Volksstamm in Ostindien, dessen Sprache das Telugu (s. d.), von

ältern Reisenden auch Gentoo ("Heidensprache") genannt,

ist.

Teliosádik (v. griech. telos, "Vollendung"), das

vollkommenste Zahlensystem, nämlich das duodezimale mit der

Grundzahl 12, dessen Verbreitung und gesetzliche Einführung

Joh. Friedrich Werneburg (geb. 1777 zu Eisenach, gest. 1851 als

Professor in Jena) in seiner gleichnamigen Schrift (Leipz. 1800)

"jedem redlichen Mann, ja jeder gebildeten, vernünftigen

Regierung zur Pflicht" gemacht hat.

Tell, das (arab.), das fruchtbare, den Getreidebau

gestattende Land am Atlas in Nordwestafrika, im Gegensatz zu der

unfruchtbaren Sahara. Das T. hat von Marokko bis Biskra in Algerien

eine fast durchgehends gleiche Breite von etwa 190 km.

Tell, Wilhelm, der besonders durch Schillers Dichtung

verherrlichte Held der Schweizersage, angeblich ein Landmann aus

Bürglen im Kanton Uri, Schwiegersohn Walther Fürsts von

Uri. Als er 18. Nov. 1307 dem vom Landvogt Geßler zu Altorf

als Zeichen der österreichischen Hoheit aufgesteckten Hute die

befohlene Reverenz nicht erwies, gebot ihm der Vogt als

berühmtem Armbrustschützen, einen Apfel von dem Haupt

seines Söhnleins zu schießen. Auf die Drohung, das Kind

müsse sonst mit ihm sterben, that T. den Schuß und traf

den Apfel. Als er aber auf die Frage nach dem Zweck des zweiten

Pfeils, den er zu sich gesteckt hatte, antwortete, daß

derselbe, wenn er sein Kind getroffen, für den Vogt bestimmt

gewesen, befahl dieser, ihn gefesselt auf seine Burg nach

Küßnacht überzuführen. Auf dem

Vierwaldstätter See aber brachte ein Sturm das Fahrzeug in

Gefahr, und T. ward seiner Fesseln entledigt, um dasselbe zu

lenken. Geschickt wußte er das Schiff gegen das Ufer, wo der

Axenberg sich erhebt, zu treiben, sprang dort vom Bord auf eine

hervorragende Felsplatte, welche noch jetzt die Tellsplatte

heißt, eilte darauf über das Gebirge nach

Küßnacht zu, erwartete den Vogt in einem Hohlweg, Hohle

Gasse genannt, und erschoß ihn aus sicherm Versteck mit der

Armbrust. Von Tells weitern Lebensschicksalen wird nur noch

berichtet, daß er 1315 in der Schlacht bei Morgarten mit

gefochten und 1354 in dem Schächenbach beim Versuch der

Rettung eines Kindes den Tod gefunden habe. Nachdem schon der

Freiburger Guillimann 1607, dann die Baseler Christian und Isaak

Iselin, der Berner Pfarrer Freudenberger 1752 sowie Voltaire

("Annales de l'Empire") die Geschichte Tells als Fabel bezeichnet

hatten, ist in neuerer Zeit durch die Forschungen Kopps (s. d.) u.

a. in unzweifelhafter Weise aufgezeigt worden, daß dieselbe,

wie überhaupt die gewöhnliche Tradition von der Befreiung

der Waldstätte, einerseits im Widerspruch mit der urkundlich

beglaubigten Geschichte (s. Schweiz, S. 757) steht, und daß

sie anderseits in keinen zeitgenössischen oder der Zeit

näher stehenden Quellen mit irgend einer Silbe erwähnt

wird. Erst gegen Ende des 15. Jahrh. taucht die Tellsage auf und

zwar in zwei Versionen. Die eine, repräsentiert durch ein um

1470 entstandenes Volkslied, die 1482-88 geschriebene Chronik des

Luzerners Melchior Ruß, ein 1512 in Uri verfaßtes

Volksschauspiel u. a., erblickt in T. den Haupturheber der

Befreiung und Stifter des Bundes; die andre, die zuerst in dem um

1470 geschriebenen anonymen "Weißen Buch" zu Sarnen, dann in

der 1507 gedruckten Chronik des Luzerners Etterlin erscheint, gibt

Tells Geschichte nur als zufällige Episode und schreibt die

Verschwörung

577

Tell el Kebir - Tellereisen.

vornehmlich den Stauffacher zu. Erst Tschudi (s. d.) hat die

beiden Traditionen zu der stehend gewordenen Gesamtsage

verknüpft, die dann im Lauf der Jahrhunderte noch mancherlei

Zusätze bekam und durch J. v. Müller und Schiller

Gemeingut geworden ist. Die sogen. Tellskapellen auf der

Tellsplatte, in Bürglen, in der Hohlen Gasse stammen

sämtlich erst aus dem 16. Jahrh. und sind zum Teil

nachweislich zu Ehren von Kirchenheiligen gestiftet worden. In Uri

ließ sich keine Familie T. ermitteln; die Erkenntnisse der

Urnerlandsgemeinden von 1387 und 1388, welche Tells Existenz

bezeugen sollten, sowie die den Namen "Tello" und "Täll"

enthaltenden Totenregister und Jahrzeitbücher von Schaddorf

und Attinghausen sind als Erdichtungen und Fälschungen

nachgewiesen. Die Sage vom Apfelschuß ist ein uralter

indogermanischer Mythus, welcher in anderm Gewand auch in der

persischen, dänischen, norwegischen und isländischen

Heldensage, in welch letzterer der Held Eigil genannt wird, von

dessen Sohn, König Orentel, T. vielleicht den Namen erhalten

hat, vorkommt und in der Schweiz von den Chronisten des 15. Jahrh.

zur Ausschmückung der Befreiungssage verwendet worden ist.

Vgl. Häusser, Die Sage vom T. (Heidelb. 1840); Huber, Die

Waldstätte (mit einem Anhang über die geschichtliche

Bedeutung des Wilhelm T., Innsbr. 1861); Liebenau, Die Tellsage

(Aarau 1864); W. Vischer, Die Sage von der Befreiung der

Waldstädte (Leipz. 1867); Rilliet, Der Ursprung der Schweizer

Eidgenossenschaft (deutsch, 2. Aufl., Aarau 1873);

Hungerbühler, Étude critique sur les traditions

relatives aux origines de la Confédération suisse

(Genf 1869); Meyer v. Knonau, Die Sage von der Befreiung der

Waldstätte (Basel 1873); Rochholz, T. und Geßler in Sage

und Geschichte (Heilbr. 1876); Derselbe, Die Aargauer Geßler

in Urkunden (das. 1877).

Tell el Kebir (Gasassin), ägypt. Dorf, an der

Eisenbahn von Ismailia nach Zagazig und am

Süßwasserkanal, bei dem die Engländer unter

Wolseley 13. Sept. 1882 das Heer Arabi Paschas vernichteten.

Teller kommen bei den german. Völkern schon in den

ältesten Zeiten vor und zwar aus Thon wie aus Metall und

Holz; doch wurden anfangs die Speisen darin bloß aufgetragen,

worauf jeder Tischgenosse sein Stück Fleisch auf eine

Brotschnitte gelegt erhielt, das er mit dem Messer dann

zerkleinerte. Erst im 12. Jahrh. fing man an, den Gästen noch

besondere T. vorzusetzen und zwar anfänglich je einen für

zwei Tischgenossen; dieselben waren bei den Wohlhabenden von Zinn

oder von Silber, im übrigen von gleicher Form wie die

unsern.

Teller, Wilhelm Abraham, protest. Theolog, geb. 9. Jan.

1734 zu Leipzig, ward 1755 Katechet an der Peterskirche daselbst,

1761 Professor der Theologie und Generalsuperintendent in

Helmstädt, 1767 Oberkonsistorialrat und Propst an der

Peterskirche zu Berlin, als welcher er auch unter dem Ministerium

Wöllner die unerschütterliche Säule des

Rationalismus bildete. Seit 1786 Mitglied der Akademie, starb er 9.

Dez. 1804. Von seinen Schriften sind hervorzuheben: das "Lehrbuch

des christlichen Glaubens" (Halle 1764) und das "Wörterbuch

des Neuen Testaments" (Berl. 1772, 6. Aufl. 1805).

Tellereisen (Tritteisen), Fangeisen, an welchem ein

rundliches, tellerförmiges, in einem Kranz b b (Fig. 1)

befestigtes Brett (Teller c) die Bügel a auseinander

hält, indem es zwischen dieselben mittels der Stellhaken

eingeklemmt wird. Sobald das Wild auf den Teller tritt, wird dieser

heruntergedrückt, und zugleich schlagen die Bügel durch

die Triebkraft einer mit ihnen in Verbindung stehenden Feder d

zusammen. Das Wild wird dadurch an dem den Teller

niederdrückenden Lauf gefaßt und dieser zwischen den

Bügeln festgeklemmt. Der Anker an der Kette e hindert das

Entkommen des gefangenen Wildes. Man hat auch Eisen, an welchen der

von Eisenblech gefertigte Teller in der Mitte getrennt, durch

bewegliche Scharniere zusammengehalten wird (Eisen mit gebrochenem

Teller), so daß beim Auftreten dieser in der Mitte nach unten

zusammenklappt und dadurch das Zuschlagen der Bügel bewirkt.

Man verwendet die T. zum Fang von Wölfen, Dachsen,

Füchsen, Ottern, Mardern und kleinem Raubzeug sowie von

Raubvögeln und fertigt sie dazu in sehr verschiedener

Größe. Man legt die T. entweder auf den Wechsel des

Wildes, auf den Eingang zum Bau, auf den Absprung des Marders und

den Ausstieg des Fischotters (s. d.) gut verdeckt in die Erde

gebettet und braucht dann keine Kirrbrocken. Andernfalls

578

Tellerrot - Tellur.

legt man, nachdem das Wild dadurch vorher angekirrt ist, solche

aus und bindet den Fangbrocken auf den Teller, lockt auch durch

eine Schleppe (s. d.) das Raubtier an den Fangplatz. Für

Marder bindet man ein Ei auf den Teller oder hängt einen Vogel

darüber. Um Raubvögel zu fangen, hat der Teller eine

konische Form und wird auf einem in Feld- oder Wiesenstücke

eingeschlagenen Pfahl befestigt (Fig. 2 u. 3), weil sich dieselben

zur Beobachtung der Umgegend gern hierauf niederzulassen

(aufzuhacken) pflegen. Bei Frostwetter ist der Fang unsicher, weil

der Teller festfriert und die Bügel am Losschlagen hindert.

Oft beißen sich auch die gefangenen Tiere, wenn der Knochen

durchgeschlagen ist, den Lauf ab und entkommen. Vgl. v. d. Bosch,

Fang des einheimischen Raubzeugs (Berl. 1879).

Tellerrot (Tassenrot), s. Safflor.

Tellerschnecke, s. Lungenschnecken und Planorbis

multiformis.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 167 / 302 段