Taunus (auch die Höhe, früher Einrich, auch

Einrichgau genannt), ein zum niederrheinischen Gebirge

gehöriger Gebirgszug im preuß. Regierungsbezirk

Wiesbaden (s. Karte "Hessen-Nassau"), breitet sich mit seinen

Nebenzweigen und Vorbergen zwischen dem Main, Rhein und der Lahn

aus und ist ein in seiner gesamten Ausdehnung wohl 90 km langes,

mit Wald bedecktes Gebirge, welches, in der Gegend von Wetzlar aus

dem Lahnthal ansteigend, anfangs als ein mäßig hoher

Bergrücken die Westseite der Wetterau begrenzt, dann in

südwestlicher Richtung sich über Oberursel, Kronberg,

Königstein und Eppstein nach Schlangenbad fortzieht, sich von

da, durch ein kleines Nebenthal unterbrochen, unter dem Namen des

Rheingaugebirges fortsetzt und bei Rüdesheim und Lorch am

Rhein endigt. Auf der Südseite ist der Abfall des Gebirges

ziemlich steil, noch steiler aber auf der Westseite von

Rüdesheim bis Lahnstein, wo er mit seinen obst- und

rebenreichen, von Burgruinen gekrönten Höhen einen

äußerst malerischen Anblick gewährt. Auf der

Nordseite treten felsige Verzweigungen des Gebirges bis hart an die

Lahn vor. Der wenig geschlossene Hauptkamm des Gebirges hat eine

mittlere Höhe von 480 m, über welche sich seine

gerundeten oder abgestumpften Gipfel noch um 300-400 1n erheben.

Der höchste Punkt

547

Taunusschiefer - Taurin.

ist der Große Feldberg (880 m) bei Königstein.

Südwestlich von diesem erhebt sich der Kleine Feldberg (827

m), von diesem südlich der Altkönig (798 m) mit zwei

kolossalen Steinringwällen. Im mittlern Teil der Kette sind zu

bemerken: der Rossert (516 m), der Staufen (452 m), der Trompeter

(540 m) und die Platte nördlich von Wiesbaden (500 m); weiter

nach SW. die Hohe Wurzel (618 m). Die höchste Spitze des

Rheingaugebirges ist die Kalte Herberge (620 m), der

südwestlichste Ausläufer der Niederwald (330 m). Die

Hauptmasse des Gebirges besteht aus Thonschiefer, der hier und da

in Talkschiefer übergeht und auf den Höhen von Quarz

überlagert wird; nach N. schließen sich

Grauwackebildungen an. Bergbau findet auf dem T. nicht statt.

Überall, wo der Boden sich dazu eignet, ist das Gebirge wohl

angebaut, und an den südlichen Abhängen finden sich

herrliche Weinpflanzungen, Obsthaine, Kastanienwäldchen und

selbst Mandelbäume. Von den zahlreichen Gewässern des T.

fließt die Use östlich der Wetter, die Schwarze

südlich dem Main, die Wisper westlich dem Rhein zu,

während die mit längerm Lauf, wie die Aar, Ems und Weil,

nach N. zur Lahn abfließen. Der T. ist besonders durch die

Menge seiner Mineralquellen berühmt, deren mehr als 40 bekannt

und größtenteils benutzt sind, und von denen mehrere zu

den berühmtesten Deutschlands gehören (Wiesbaden,

Schwalbach, Selters, Homburg, Schlangenbad, Soden, Ems etc.). Den

Süd-, West- und Nordfuß des T. begleitet die

Eisenbahnlinie Frankfurt a. M.-Lollar, den Ostfuß die Linie

Frankfurt a. M.-Kassel, während die Linie Höchst- und

Wiesbaden-Limburg das Gebirge durchschneidet und in zwei fast

gleiche Teile teilt und mehrere kürzere Linien in und an das

Gebirge führen. Durch die Bemühungen des Taunusklubs ist

der Touristenverkehr im T. in stetem Steigen begriffen. Vgl.

Schudt, Taunusbilder in Geschichten, Sagen und Liedern (Homb.

1859); Großmann u. a., Die Heilquellen des T. (Wiesb.

1887).

Taunusschiefer, s. Sericitschiefer.

Tauposee, See auf der Nordinsel von Neuseeland, 770 qkm

groß, mit vielen warmen Schwefelquellen.

Taupuukt, s. Tau und Hygrometer, S. 844.

Taura, Dorf in der sächs. Kreishauptmannschaft

Leipzig, Amtshauptmannschaft Rochlitz, mit evang. Kirche,

Handschuhfabrikation und (1885) 2722 Einw.

Taurellus, Nikolaus (eigentlich Öchsle), Philosoph,

geb. 1547 zu Mömpelgard (Montbéliard), das damals unter

württembergischer Herrschaft stand, wirkte erst als Professor

der Medizin in Basel, seit 1580 als Professor der Philosophie zu

Altdorf und starb daselbst 1606. Er hat sich als Gegner des

Aristoteles und des averrhoistischen Aristotelismus und Pantheismus

des Cesalpino (s. d.), insbesondere der Lehre von der Ewigkeit der

Welt, durch die Schriften: "Philosophiae triumphus" (Basel 1573),

"Alpes caesae" (Frankf. a. M. 1597) und "De rerum aeternitate"

(Marb. 1604) bekannt gemacht, in welchen er die Philosophie als

menschliche, der Theologie als geoffenbarter Weisheit als Grundlage

unterzuschieben, aber zugleich mit der letztern insbesondere durch

die Rechtfertigung der zeitlichen Schöpfung aus nichts und des

Sündensalls in Einklang zu bringen suchte. Vgl. Schmid aus

Schwarzenberg, Nikolaus T., der erste deutsche Philosoph (Erlang.

1860).

Taurien, das südlichste Gouvernement Rußlands,

umfaßt die Halbinsel Krim und einen Teil des Festlandes, wird

im S. vom Schwarzen und Asowschen Meer, im W. vom Gouvernement

Cherson, im N. und O. von Jekaterinoslaw begrenzt und hat ein Areal

von 63,553,5 qkm (1154 QM.). Über die Bodenbeschaffenheit des

letztern s. Krim und Taurisches Gebirge. Der festländische

Teil des Gouvernements ist Steppe, deren Boden von Schieferthon,

Quarzsand und Thon eingenommen wird; jedoch finden sich auf dem

Festland auch ausgedehnte, mit schwarzer Erde bedeckte Strecken.

Mineralische Reichtümer sind: Porphyr, roter und grauer Marmor

und vorzügliches Salz aus den Steppenseen. Der einzige

bedeutende Fluß ist der die Nordwestgrenze beruhrende Dnjepr.

Auf demselben wird Holz aus den innern Gouvernements

hinabgeflößt; stromaufwärts geht Salz. Das Klima

ist mild und im allgemeinen gesund, außer am Faulen Meer und

am Dnjeprliman. Die mittlere Jahrestemperatur am Südufer

beträgt +11,6° C., in Simferopol +10°. T. ist eins der

schwach bevölkerten Gouvernements, mit (1885) 1,060,004 Einw.

(16 pro QKilometer), bestehend in Groß- und Kleinrussen,

Tataren, deutschen Kolonisten, Bulgaren, Juden, Griechen und

Armeniern. Die Zahl der Eheschließungen war 1885: 8445, der

Gebornen 51,059, der Gestorbenen 29,843. Die

Hauptbeschäftigung in den nördlichen Teilen ist

Viehzucht, Ackerbau und Salzgewinnung, in den Bergthälern und

am Abhang der Gebirge Garten- und Weinbau. Der Fortschritt im Anbau

der Cerealien ist der rationellen Wirtschaft bei den deutschen

Kolonisten, zumal bei den Mennoniten, aber auch bei den russischen

Sektierern zu verdanken, ist aber überhaupt nicht bedeutend.

Das Areal besteht aus 38,7 Proz. Acker, 47 Wiese und Weide, 6 Wald

und 8,3 Proz. Unland. Die Ernte betrug 1887: 2,6 Mill. hl Weizen,

¾ Mill. hl Roggen, 1,4 Mill. hl Gerste, andres Getreide und

Kartoffeln in kleinern Mengen. Die besten u. ergiebigsten

Weingärten sind am Südufer der Krim vom Kap Aluschta bis

Kap Laspi, und die Fruchtgärten liefern gute Äpfel und

Birnen. Der Viehstand bezifferte sich 1882 auf 485,000 Stück

Rindvieh, 994,600 grobwollige und 2,891,000 feinwollige Schafe,

356,279 Pferde, 118,000 Schweine und 64,900 Ziegen. Hervorragend

ist die Zucht der Merinoschafe; doch auch Rinder- und Pferdezucht,

Bienenzucht und Fischfang (Heringe) werden mit großem Erfolg

betrieben. Der Wert der industriellen Thätigkeit wird 1885 auf

6½ Mill. Rubel angegeben. Der Handel besteht mehr in der

Ausfuhr zur See (Berdjansk, Sebastopol, Feodosia) als zu Land ins

Innere des Reichs. Die Haupausfuhrartikel sind: Weizen, Wolle,

Fische, Salz, Früchte und Wein. Die Zahl aller Lehranstalten

war 1885: 669 mit 40,186 Schülern, darunter 21 Mittelschulen

und 13 Spezialschulen (vorzugsweise Navigationsschulen). Das

Gouvernement zerfällt in acht Kreise, von denen die Kreise

Melitopol, Berdjansk und Aleschki auf dem Festland, Perekop,

Simferopol, Eupatoria, Jalta und Feodosia auf der Halbinsel Krim

liegen. Hauptstadt ist Simferopol.

Taurin C2H7NSO3 findet sich frei oder mit Cholsäure

verbunden (Taurocholsäure) in der Galle der Ochsen und

vieler andrer Tiere, im Darminhalt und Lungengewebe, in Muskeln

wirbelloser Tiere und Fische, entsteht bei Zersetzung der

Taurocholsäure durch Säuren, beim Erhitzen von

isäthionsaurem Ammoniak C2H9SO4, bildet farb-, geruch- und

geschmacklose Kristalle und ist leicht löslich in heißem

Wasser, nicht in Alkohol und Äther, schmilzt und zersetzt sich

gegen 240°; es reagiert neutral, bildet aber mit Basen Salze,

wird durch Kochen mit Alkalien und Säuren nicht verändert

und gibt beim Schmelzen mit Kalihydrat Essigsäure, schweflige

Säure, Ammoniak und Wasserstoff.

548

Tauris - Tauschwert.

Tauris, Stadt, s. Tebriz.

Taurische Halbinsel, s. Krim.

Taurisches Gebirge (Krimsches Gebirge), am Südrand

der Halbinsel Krim im südlichen Rußland, von Balaklawa

im NO. bis zur Straße von Jenikale. Der Hauptrücken

heißt Jaila Dagh (Jailagebirge) und erstreckt sich von

Balaklawa bis Feodosia in einer Länge von 122 km. Das Gebirge

fällt mit schroffem und wild zerrissenem Absturz nach S. in

die See und sinkt unter dem Wasser noch so jäh ab, daß

oft schon in geringer Entfernung vom Ufer das Senkblei keinen Grund

findet; es besteht aus mehreren reichbewaldeten, durch anmutige

Thäler getrennten Parallelketten. Die höchsten Gipfel

sind der Tschadyr Dagh oder Zeltberg (nach Parrot und Engelhardt

1661 m), der Babugan Jaila (l655 m) und der Ai-wassilem (1627

m).

Taurisker, kelt. Volksstamm, welcher in den Ostalpen an

der obern Drau wohnte, ward 13 v. Chr. durch P. Silius und Drusus

der römischen Herrschaft unterworfen. Ihr Name soll sich in

dem der Tauernkette erhalten haben.

Tauriskos, griech. Bildhauer und Bruder des Apollonios

aus Tralles (s. Apollonios 3). Er scheint auch als Maler Bedeutung

erlangt zu haben.

Taurocholsäure, s. Gallensäuren.

Tauroggen, Flecken im litauisch-russ. Gouvernement Kowno,

an der Jura (Zufluß der Memel), 7 km von der

preußischen Grenze, mit Grenzzollamt und 4720 Einw. Hier

unter zeichnete 21. Juni 1807 Kaiser Alexander I. den dem Frieden

von Tilsit vorausgehenden Waffenstillstand. Im nahen Dorf Poscherun

schloß 30. Dez. 1812 der preußische General York mit

dem russischen General Diebitsch die denkwürdige

Waffenstillstands- u. Neutralitätskonvention (Konvention von

T.).

Tauromenion, s. Naxos (Stadt) und Taormina.

Taurus (Tauros, griech. Umformung des nordsemit. tur,

"Gebirge"), das südliche Randgebirge des Hochlandes von

Kleinasien, zieht vom Euphrat westwärts bis an das

Ägeische Meer und bildet einen ununterbrochenen Gebirgszug,

der gegen S. in sehr kurzen Absätzen oder plötzlich und

steil zum Meer abfällt, gegen N. sich sanft zu Hochebenen

abdacht. Das unwegsame Gebirge erreicht in dem östlichen Teil

der Landschaft Kilikien in seinen Gipfeln eine Höhe von

über 3000 m. Der wichtigste Paß ist Gülek-Boghas,

die Kilikischen Pässe der Alten, durch welche die große

Heer- und Karawanenstraße von Kleinasien nach Syrien

führt. Westlich davon führt das Gebirge jetzt den Namen

Bulghar Dagh, östlich Ala Dagh. Hier wird es von zwei

Flüssen durchbrochen, dem Seihun (Saros) und Dschihan

(Pyramos), welche beide in das Mittelländische Meer

münden. Noch zahlreiche andre, aber meist unbedeutende

Flüsse gehen vom T. ins Mittelländische Meer. Weit

wasserärmer ist die Nordseite des Gebirges, wo mehrere

bedeutende, meist salzhaltige Seen liegen. Östlich vom Saros

zweigt sich als mächtiger Seitenarm der Antitaurus (heute

Binbogha Dagh) ab, der, anfangs gegen N., dann gegen NO. ziehend,

zwischen Euphrat und Kisil Irmak (Halys) die Wasserscheide

bildet.

Taus (tschech. Domazlice), Stadt im westlichen

Böhmen, an der Böhmischen Westbahn, in welche hier die

Staatsbahnlinie Janowitz-T. mündet, mit Beirkshauptmannschaft

und Bezirksgericht, Dechanteikirche, Kommunalobergymnasium,

Augustinerkonvent, Zuckerraffinerie, Bandfabrik, Bautischlerei,

Strumpfwirkerei und Topferei, Bierbrauerei, besuchten Märkten

und (1880) 7364 Einw. Bei T. 14. Aug. 1431 Sieg der Hussiten

über das deutsche Kreuzheer. In der Umgebung Glas- und

Porzellanfabriken, Brettsägen und

Zündwarenfabrikation.

Tausch (Tauschgeschäft, Tauschvertrag, Permutatio),

der Vertrag, durch welchen sich jeder von beiden

Vertragschließenden zur wechselseitigen Hingabe einer Sache

an den andern verpflichtet. Im Gegensatz zum Kaufvertrag, wobei

sich der eine Vertragschließende (der Verkäufer) zur

Hingabe der Ware, der andre (der Käufer) zur Übergabe

einer bestimmten Geldsumme, des Preises, verpachtet,

charakterisiert sich der T. eben dadurch, daß beide

Leistungen zugleich den Charakter des Preises und den der Ware an

sich tragen. Der Entwurf eines deutschen bürgerlichen

Gesetzbuchs (§ 502) erklärt denn auch: "Jeder der

Vertragschließenden ist in Ansehung der von ihm versprochenen

Leistung gleich einem Verkäufer und in Ansehung der ihm

zugesicherten Leistung gleich einem Käufer zu beurteilen".

Tausch, bei botan. Namen für J. F. Tausch, geb. 1792

zu Taussing in Böhmen, gest. 1848 als Professor der Botanik in

Prag. Beschrieb die seltenen Pflanzen des gräflich Canalschen

Gartens.

Tauschaninseln, türk. Inselgruppe im Ägeischen

Meer, südlich von der Dardanelleneinfahrt gelegen.

Tauschhandel, s. Barattieren.

Tauschierarbeit, eine Art eingelegter Metallarbeit,

welche frühzeitig in Damaskus geübt wurde und daher auch

Damaszierung (s. d. und Damaszener Stahl) genannt wird. Der

Ausdruck stammt von dem italienischen Tausia her, welches wohl

verwandt ist mit Tarsia; beides bedeutet eingelegte Arbeit, aber

ersteres solche in Metall, letzteres solche in Holz; die

französische technologische Litteratur pflegt für diese

Technik noch die Ausdrücke Incrustation oder Damasquinure zu

gebrauchen. Die T. wird mit Blattgold oder Blattsilber meist auf

Eisen oder Bronze ausgeführt, doch kommen auch Verzierungen

aus einem Edelmetall auf dem andern vor; die Befestigung der

Ornamente auf dem zu diesem Zweck rauh gemachten Grund geschieht

nur durch Druck oder Schlag, nicht durch Bindemittel oder Feuer. In

der Regel ist die Zeichnung in die Oberfläche des Grundmetalls

eingraviert, mitunter derart, daß die Vertiefungen unten ein

wenig breiter sind als oben und daher die überstehenden

Ränder das eingebettete Edelmetall festhalten; doch lassen

sich auch die aus Gold- oder Silberfäden gebildeten oder aus

feinem Blech ausgeschnittenen Ornamente frei auf den aufgerauhten

Grund auflegen; ferner kann man den Grund nachträglich durch

Ätzung vertiefen, so daß die Zeichnung erhaben bleibt.

In Indien, China, Japan ist die T. von alters her bekannt;

Theophilus handelt davon im dritten Buch seiner "Schedula" (Kap.

90: "De ferro"); später in Vergessenheit geraten, fiel Benv.

Cellini diese Technik an türkischen Dolchen auf, und er ahmte

sie nach (vgl. seine Selbstbiographie, Buch 1, Kap. 6). Im 16.

Jahrh. war die T. besonders für Prachtrüstungen beliebt

(Mailand, München, Augsburg etc.), kam jedoch auch bei

Gefäßen und Geräten zur Anwendung; durch die

Waffenfabrikation erhielt sie sich in Spanien (Eibar im Baskenland)

und ist gegenwärtig als Zweig der Goldschmiedekunst wieder

allgemein in Übung. Uneigentlich wird auch die jetzt

gebräuchliche Verzierung des Eisens und der Bronze auf

galvanischem Weg oder vermittelst flüssiger Metallfarben T.

genannt.

Tauschlepper (Taustreicher), s. Ackerkulte.

Tauschuarre, s. Ralle.

Tauschwert, s. Wert.

549

Tauschwirtschaft - Tautochronische Erscheinungen.

Tauschwirtschaft wird oft die heutige auf Privateigentum

und Arbeitsteilung beruhende gesellschaftliche Ordnung genannt,

bei welcher die meisten oder alle für Befriedigung der eignen

Bedürfnisse erforderlichen Güter auf dem Weg des Tausches

(Kaufs) beschafft werden.

Tausend, Einheit der dritten höhern Ordnung im

dekadischen Zahlensystem. Beim Handel mit Stab- und Faßholz

sowie mit Schieferplatten unterscheidet man das Großtausend,

= 1200, von dem ordinären T., = 1000 Stück.

Tausendfuß, s. v. w. Vielfuß.

Tausendfüßer (Myriopoda, Myriopoden), Klasse

der Gliederfüßer (Arthropoden), landbewohnende,

flügellose Tiere mit zahlreichen Körperringen und

Füßen. Der Kopf ist vom Rumpf deutlich abgesetzt,

dagegen zerfällt der letztere nicht, wie bei den Insekten, in

Brust und Hinterleib, sondern bildet einen gleichförmigen,

runden oder platt gedrückten Cylinder. Am Kopf, welcher dem

der Insekten sehr ähnlich ist, befinden sich die zwei

Fühler, die Augen und zwei Kieferpaare. Am Rumpf trägt

jeder Ring ein Paar sechs- bis siebengliederiger Beine, nur bei der

Abteilung der Chilognathen (s. unten) ein jeder, mit Ausnahme der

drei ersten, zwei Paare. Im innern Bau stimmen die T. in den

meisten Punkten mit den Insekten überein. Das Nervensystem

besteht aus dem Gehirn und der sehr langen Bauchganglienkette; die

Augen sind nur selten echte zusammengesetzte (facettierte),

gewöhnlich Gruppen von Einzelaugen, fehlen aber auch wohl

gänzlich. Der Darm durchzieht fast immer in gerader Linie den

Leib vom Mund zu dem am hintern Körperende gelegenen After und

zerfällt in die Speiseröhre mit den in sie mündenden

Speicheldrüsen, den Magendarm mit kurzen Leberschlauchen und

den Enddarm, in welchen auch die zwei oder vier Harnkanäle

(sogen. Malpighische Gesäße) ihren harnartigen Inhalt

entleeren. Das Herz erstreckt sich als pulsierendes

Rückengefäß durch den ganzen Rumpf. Zur Atmung

dienen die Tracheen (s.d.), deren Luftlöcher (Stigmen) an fast

allen Ringen vorhanden sind. Die Geschlechtsorgane (Hode, resp.

Eierstock) sind meist lange, unpaare Schläuche und münden

entweder mit einfacher Öffnung am hintern Körperende oder

mit doppelter (rechter und linker) Öffnung an dem zweiten

Beinpaar aus. Die Eier werden abgelegt; die aus ihnen

hervorkommenden Jungen haben erst wenige (bei den Chilognathen

sogar nur drei) Beinpaare und Ringe, erhalten dieselben aber durch

eine Reihe von Häutungen nach und nach, indem hinten stets

neue Ringe sich abschnüren. Die T. leben unter Steinen oder

Baumrinde, an feuchten, dunkeln Orten und in der Erde; die

Chilopoden ernähren sich räuberisch von Insekten und

andern kleinen Tieren, die Chilognathen von vegetabilischer Kost,

besonders von modernden Pflanzenteilen und Aas. Man kennt 500-600

Arten, welche meist den Tropen angehören. Fossile Reste findet

man im Jura, viel zahlreicher aber im Bernstein. Man teilt die T.

in zwei Gruppen: 1) die Schnurasseln oder Chilognathen

(Chilognatha); je zwei Beinpaare an den mittlern und hintern

Leibesringen; hierher unter andern die Gattung Julus

(Vielfuß, s. d.); 2) die Lippenfüßer oder

Chilopoden (Chilopoda); an jedem Ring nur ein Beinpaar; die beiden

ersten Paare als Kieferfüße dicht an den Mund

gerückt (daher der Name Lippenfüßer); hierher unter

andern die Gattung Scolopendra (Skolopender, s. d.). Vgl. Latzel,

Die Myriopoden der österreichisch-ungarischen Monarchie (Wien

1880-84, 2 Bde.).

Tausendgraufläschchen, f. Spezifisches Gewicht.

Tausendgüldenkraut, f. Erythraea.

Tausendjähriges Reich, s. Chiliasmus.

Tausendschön, s. Amarantus und Bellis.

Tausendundeine Nacht, berühmte alte Sammlung

morgenländ. Märchen und Erzählungen, über deren

Ursprung viel gestritten worden ist. Man hat sie für

indischen, persischen, arabischen Ursprungs gehalten; jedenfalls

haben alle diese Länder ihre Beiträge dazu geliefert. Die

jetzige Gestalt des Ganzen bietet ein anschauliches Bild arabischen

Lebens dar. Das Werk scheint in seinen Grundzügen im 9. Jahrh.

n. Chr. entstanden zu sein, und es mag ihm die ältere

persische Sammlung "Hêsar efschâne" ("Die 1000

Märchen") des Rasti zu Grunde liegen. Das Ganze in seiner

jetzigen Gestalt stammt aus Ägypten und zwar aus dem 15.

Jahrh. und wurde im Abendland erst durch Gallands "Les mille et une

nuits" (Par. 1704-1708, 12 Bde.; in den verschiedenen Auflagen

vermehrt von Caussin de Perceval u. a.) bekannt. Die

vollständigste deutsche Übersetzung der Gallandschen

Bearbeitung ist die von Habicht, v. d. Hagen und Schall (5. Aufl.,

Bresl. 1840, 15 Bde.). Neue, selbständig nach dem Original

gearbeitete Übersetzungen ins Deutsche lieferten Weil (neueste

Ausg., Stuttg. 1889, 4 Bde.) und König (neue Ausg.,

Brandenburg 1876, 4 Bde.), ins Englische Lane (neueste Ausg., Lond.

1877, 3 Bde.). Eine Ausgabe des Originals besorgten Habicht und

Fleischer (Bresl. 1825-1843, 11 Bde.) sowie Macnaghten (Kalk.

1839-42, 4 Bde.). Unter den mannigfachen Nachbildungen der Sammlung

sind Petit de la Croix und Lesages "Mille et un jours" (Par. 1710,

5 Bde.; deutsch von v. d. Hagen, Prenzl. 1836, 11 Bde.), ferner

"Les mille et une heures" (Amsterd. 1733, 2 Bde.) und "Les mille et

un quart d'heure" (Haag 1715-17, 3 Bde.) zu nennen.

Tausig, Karl, Klavierspieler, geb. 4. Nov. 1841 bei

Warschau, war bis zum 14. Jahr Schüler seinem Vaters,

genoß später in Wien noch den Unterricht Boklets,

Thalbergs und Liszts, machte Kunstreisen, lebte dann in Dresden,

1861-62 in Wien und von 1866 an als königlicher Hofpianist in

Berlin, wo er bis 1870 eine Akademie für Klavierspiel leitete.

Er starb bereits 17. Juli 1871 in Leipzig. Als genialer Virtuose

von keinem seiner Zeitgenossen übertroffen, ließ sich T.

so wenig wie sein Vorbild Liszt dazu verleiten, seine Kraft jemals

anders als im Dienste der reinsten Kunst zu verwenden. Gleich

groß als Interpret der klassischen wie der modernen

Klaviermusik, konnte er auch als Lehrer nach allen Seiten anregend

wirken und einen für die Kürze seiner Kunstlerlaufbahn

außerordentlichen Einfluß ausüben. Von seinen

Kompositionen sind nur wenige veröffentlicht. Weite

Verbreitung fanden seine Klavierbearbeitungen Wagnerscher Opern (z.

B. der Klavierauszug der "Meistersinger") und die von ihm

veranstaltete Ausgabe des Clementischen "Gradus ad parnassum". Vgl.

Weitzmann, Der letzte der Virtuosen (Berl. 1868).

Tautazismus (griech.), Häufung von gleichen

Anfangslauten in nacheinander stehenden Silben oder

Wörtern.

Tautochrone (Isochrone, griech.), Linie gleicher

Fallzeit, s. Cykloide und Fall, S. 16.

Tautochronische erfcheinuugen, in der Astronomie

Erscheinungen, welche für alle Beobachter in demselben

absoluten Moment stattfinden, wie die Mondfinsternisse, die

Verfinsterungen der Jupitermonde; auch solche, welche, wie die

Schwingungen eines Pendels, in genau gleichen Zeiträumen

stattfinden.

550

Tautogramm - Taxation.

Tautogramm (griech.), Gedicht mit demselben

Anfangsbuchstaben in allen Zeilen.

Tautologie (griech.), Bezeichnung eines Begriffs durch

zwei oder mehrere gleichbedeutende Ausdrücke (z. B. einzig und

allein, bereits schon). Insofern die T. ganz dasselbe noch einmal,

wenn auch mit andern Worten, fagt, unterscheidet sie sich vom

Pleonasmus (s. d.), der nur mehr, als zur Deutlichkeit unbedingt

erforderlich ist, ausdrückt.

Tauwerk der Schiffe wird vom Reepschläger aus Hanf oder

Manilahanf hergestellt. Man spinnt den Hanf zunächst in

Garne von ca. 340 m Länge, die geteert und in der Anzahl von

2-18 zu Leinen oder zu 18-50 zu einem Kardeel zusammengedreht

werden. 3-5 Kardeele geben eine Trosse, ausmehreren Trossen bildet

man ein Kabel. Trossen und Kabel benennt man nach ihrem Umfang in

Zentimetern (3-50 cm) und nach ihrer Anfertigung: drei-, vier- oder

fünfschäftig; rechts oder links geschlagen (gedreht).

Laufendes Gut ist dreischäftig rechts geschlagen, stehendes

vierschäftig links geschlagen, während die Kardeele, aus

denen letzteres besteht, ebenfalls rechts geschlagen sind. Bei

Drahttauwerk treten Eisendrähte an Stelle der Garne (f.

Drahtseile).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 159 / 302 段