2) Christian Bernhard, Freiherr von, Neffe von T. 1),

Buchhändler, geb. 25. Aug. 1816 zu Schleinitz bei Naumburg,

gründete 1837 unter der Firma Bernhard T. in Leipzig eine

Verlagshandlung nebst Druckerei, besonders bekannt durch die 1841

begonnene "Collection of British authors", von welcher bis 1889

über 2550 Bände erschienen sind. Daneben pflegte T.

besonders den Verlag von größern juristischen Werken und

Wörterbüchern sowie von kritischen griechischen und

römischen Klassikerausgaben. Seit 1866 läßt er auch

eine "Collection of German authors", welche die vorzüglichsten

Werke der deutsch en Litteratur in englischer Übersetzung

enthält, und seit 1886 die "Student's Tauchnitz editions",

Ausgaben englischer und amerikanischer Werke mit deutschen

Einleitungen und Anmerkungen, erscheinen. Im J. 1860 wurde T. vom

Herzog von Koburg in den erblichen Freiherrenstand erhoben und 1877

zum Mitglied der sächsischen Ersten Kammer ernannt; auch ist

er großbritannischer Generalkonsul für das

Königreich Sachsen.

Tauenzeichenpapier, aus alten Schiffstauen hrgestelltes

Papier, dient zu Werkstattzeichnungen.

Tauenzien (Tauentzien), Boguslaw Friedrich Emanuel, Graf

T. von Wittenberg, preuß. General, geb. 15. Sept. 1760 zu

Potsdam, Sohn des im Siebenjährigen Krieg berühmt

gewordenen Verteidigers von Breslau und Gönners Lessings, des

Generals Boguslaw Friedrich von T. (geb. 18. April 1710 im

Lauenburgischen, gest. 20. März 1791), trat 1775 in die

preußische Armee, nahm an dem Feldzug von 1793 teil, ward

1795 Oberst und 1801 Generalmajor. Als solcher befehligte er 1806

ein vom Fürsten Hohenlohe bis Saalburg vorgeschobenes

Beobachtungskorps, wurde zwar vom Marschall Soult nach Schleiz

zurückgedrängt, bewerkstelligte aber dann trotz des

unglücklichen Gefechts vom 9. Okt. seinen Rückzug auf die

Hauptarmee. Bei Jena befehligte er die Avantgarde des

Hohenloheschen Korps. Nach dem Frieden zu Tilsit erhielt er als

Generalleutnant das Kommando der brandenburgischen Brigade und

beteiligte sich an der Reorganisation der Armee. 1813 zum

Militärgouverneur zwischen der Oder und Weichsel ernannt,

leitete er die Belagerung von Stettin. Seit August kommandierte er

das meist aus Landwehr bestehende 4. preußische Armeekorps

und focht an der Spitze desselben bei Großbeeren (23. Aug.)

und Dennewitz (6. Sept.). Im Oktober ward sein Korps zur Deckung

des Übergangs über die Elbe bei Dessau

zurückgelassen. Nach der Schlacht bei Leipzig zwang er Torgau

zur Kapitulation (26. Dez.) und nahm Wittenberg in der Nacht vom

13. zum 14. Jan. 1814 mit Sturm, wodurch er sich das

Ehrenprädikat "von Wittenberg" erwarb. Auch Magdeburg fiel

nach engerer Einschließung 24. Mai. Im Feldzug des folgenden

Jahrs erhielt T. das Kommando des 6. Armeekorps; doch war, als er

den französischen Boden betrat, der Krieg durch die Schlacht

bei Waterloo bereits entschieden. Nach dem Frieden erhielt T. den

Oberbefehl über das 3. Armeekorps. Er starb als Kommandant von

Berlin 20. Febr. 1824.

Tauerei (Kettenschiffahrt, Seilschiffahrt, Touage), ein

System der Schleppschiffahrt, bei welchem die auf dem Schiff

stehende Maschine Trommeln in Umdrehung versetzt, um welche man

eine endlose Kette oder ein endloses Seil mehreremal schlingt,

während Kette oder Seil längs des ganzen vom Schiff zu

durchlaufenden Wegs über den Boden hin ausgespannt und an

beiden Enden an letzterm entsprechend befestigt sind. Der auf diese

Weise bewegte Ketten- oder Seildampfer dient in gewöhnlicher

Weise als Schleppschiff (Toueur), welchem die Lastschiffe

angehängt werden. Die ersten Versuche mit der T. wurden 1732

auf Veranlassung des Marschalls Moritz von Sachsen angestellt; zur

Ausführung im großen kam die T. aber erst 1820 in Lyon

auf der Saône durch Tourasse und Courteaut. Die hierbei

verwendeten Schiffe trugen einen sechsspännigen

Pferdegöpel, durch welchen ein Hanfseil auf eine Trommel

aufgewunden wurde. Das andre Ende des Seils war in einer Entfernung

von etwa 1 km am Ufer befestigt, und sobald das Seil

vollständig aufgewunden war, mußte es wieder abgewickelt

werden, während man ein zweites, in gleicher Entfernung am

Ufer befestigtes Seil aufwand. Seit diesen Versuchen wurde das

Prinzip beständig ausgebildet, und 1853 kam die T. in ihrer

heutigen Vollkommenheit auf der Seine in Anwendung. Auch andre

französische Flüsse und Kanäle wurden mit der Kette

versehen, und bald folgten Belgien und Holland dem gegebenen

Beispiel. In Deutschland wurde die erste T. 1866 durch die

Hamburg-

544

Tauerei - Tauern.

Magdeburger Dampfschiffahrtsgeschschaft in Magdeburg auf der

¾ Meile langen Elbstrecke zwischen Neustadt und Buckau

ausgeführt und der Betrieb sogleich mit so großem Erfolg

bewerkstelligt, daß damit die Rentabilität der T.

für die meisten schiffbaren Flüsse außer Zweifel

gesetzt wurde. 1871 wurde die ganze Linie von Magdeburg bis zur

böhmischen Grenze eröffnet und 1873 auch die Strecke von

der Mündung der Saale bis Kalbe in Betrieb gesetzt. Seitdem

hat die T. auch auf andern deutschen Flüssen Verwendung

gefunden, auf dem Rhein seit 1877 (zuerst Ruhrort-Emmerich), auf

Havel und Spree seit 1882 etc. Am großartigsten ist der

Tauereiverkehr in den Vereinigten Staaten von Nordamerika auf

Flüssen und Seen entwickelt. Der in Magdeburg angewandte

Kettendampfer ist mit Ausnahme des Verdecks vollständig aus

Eisen konstruiert, 51,3 m lang, 6,7 m breit und hat 48 cm Tiefgang.

Er besitzt an beiden Enden Steuerruder, welche von der Mitte des

Schiffs aus gemeinsam regiert werden können. Mit Hilfe dieser

Steuerung sowie zweier an jedem Schiffsende angebrachter

beweglicher Arme, welche die Kette zwischen Rollen aufnehmen,

dagegen in horizontaler Richtung fast um 90° drehbar sind, wird

es möglich, das Schiff auch in andrer als der Richtung der

Zugkette zu steuern, ohne daß dadurch die Aufwickelung der

letztern gestört wird. Dies ist für die Anwendung des

Kettenschiffs auf gekrümmten Stromstrecken von großer

Bedeutung. Auf dem Hinterteil des Schiffs befinden sich zwei

Trommeln von 1,1 m Durchmesser und 2,6 m gegenseitiger

Achfenentfernung, von denen jede mit vier Rinnen versehen ist. Die

Kette, welche von dem Schiff auf dessen Vorderseite aus dem Wasser

emporgehoben wird, läuft in einer schräg aufsteigenden,

mit Leitrollen versehenen Rinne zu den Trommeln und schlingt sich

um jede 3½mal, indem sie von der ersten Rinne der ersten

Trommel auf die erste Rinne der zweiten Trommel, dann auf die

zweite Rinne der ersten Trommel etc. übergeht. Zuletzt wird

sie in einer schräg abfallenden Rinne an das hintere Ende des

Schiffs geleitet und sinkt in das Wasser zurück. Die

Betriebsdampfmaschine, welche auf jeder Seite durch eine

wasserdichte Wand vom übrigen Schiffsraum abgeschlossen ist,

hat 60 Pferdekräfte. Das Schiff befördert eine Last, die

so groß ist wie die von 4-6 Güterzügen von 100

Achsen, und überwindet ungleich größere Hindernisse

als ein gewöhnlicher Schlepper. Auf der Oberelbe beträgt

die mittlere Fahrgeschwindigkeit zu Berg 1,4 m pro Sekunde oder

0,66 Meile in einer Stunde. Die Kettenschiffe befördern z. B.

die Lastschiffe von Magdeburg nach Dresden in 72 Stunden,

während Raddampfer dazu 120 Stunden brauchen. In Belgien hat

man sich bemüht, die Kette durch ein Drahtseil zu ersetzen.

Man wendet hierbei die von Fowler für seine Dampfpflüge

konstruierte Klappentrommel an, welche in der Mitte des Schiffs an

der einen Seitenwand angebracht ist. Das Seil legt sich auf diese

Trommel, fällt an jeder Seite vertikal herab und wird durch

zwei kleinere Trommeln in horizontaler Richtung nach dem Vorder-

und Hinterteil des Schiffs geführt, um hier von zwei kleinen

Rollen aufgenommen und in das Wasser geleitet zu werden. Diese

Führungsrollen sind nach allen Seiten drehbar und stellen sich

daher der jedesmaligen Richtung des Schiffs entsprechend. Die

Fowlersche Trommel besitzt an ihrem Umfang eine aus zwei Reihen

beweglicher Backen gebildete Rinne, deren Breite sich nach der

Achse der Trommel hin verringert, so daß das auf derTrommel

liegende Seil um so stärker gespannt wird je tiefer es sich in

die Rinne einlegt. Zur Verhinderung des Abgleitens des Seils beim

Ingangsetzen des Schiffs dienen zwei in der Nähe der Trommel

befindliche Friktionsrollen. Das auf der Maas angewandte Drahtseil

hat 25 mm Durchmesser und ist aus 42 eisernen Drähten

zusammengesetzt. Es wiegt pro Meter 2,25 kg und ist um vieles

billiger als die Kette, welche bei einem Durchmesser von 26 mm 15

kg wiegt. Es gewährt auch den Vorteil, daß es sich, ohne

Erschütterungen des Schiffs zu verursachen, und ohne

Geräusch über die Trommel bewegt, während die Kette

beides in ziemlich hohem Grad hervorbringt. Dagegen soll die Dauer

der Kette 12-14, die des Seils nur 9 Jahre betragen. Die Vorteile,

welche die T. gewährt, sind hauptsächlich folgende: Die

Frachtspesen werden geringer teils wegen des geringern

Kohlenkonsums der Kettenschiffe im Vergleich zu den

gewöhnlichen Dampfschleppschiffen, teils weil die Bedienung

der Fahrzeuge auf den dritten Teil reduziert werden kann. Nach

Meitzen berechnen sich die Kosten der Zugkraft bei einem Schiff von

7000 Ztr. Tragkraft unter gleichen Bedingungen pro Zentner und

Meile für Pferdezug auf 0,16, Schleppdampfer auf 0,04, T. auf

0,01-0,02 Pf. Die Schiffe brauchen weder Masten noch Takelage und

können also um das Gewicht derselben mehr beladen werden. Der

starke Wellenschlag, den die Raddampfer erzeugen, fällt weg,

und die Beförderung wird eine schnellere und

regelmäßigere, so daß bei leidlichem Wasserstand

die Lieferungszeiten genauer innegehalten werden können. Vgl.

"Bateau toueur à vapeur" in Armengauds "Publication

industrielle", Bd. 14 (Par. 1862); Chanoine und Lagrène,

Mémoire sur la traction des bateaux, in "Annales des ponts

et chaussées" 1863; "Die Kettenschiffahrt auf der Elbe" und

Ziebarth, "Über Ketten- und Seilschiffahrt", in "Zeitschrift

des Vereins deutscher Ingenieure", Bd. 11 u. 13 (Berl. 1867 u.

1869); Hoffmann, Über Kettenschleppschiffahrt und deren

Einführung auf der Elbe (Dresd. 1869); Schmidt, Mitteilungen

über die Kettendampfschiffahrt auf der Oberelbe (das. 1870);

Eyth, On towing-boats on canals and rivers by a fixed wire rope and

clip drum, in "Artisan" 1870; Werneburg, Die Kettenschiffahrt auf

dem kanalisierten Main (Frankf. 1880).

Tauern, Name eines Hauptzugs der Deutschen Zentralalpen,

der östlichen Fortsetzung der Zillerthaler Alpen in Salzburg,

Kärnten und Steiermark. Man unterscheidet die Hohen T. und die

Niedern T. Jene erstrecken sich vom Krimmler Achenthal und Ahrnthal

im W. bis zum Großarlthal und Malthathal im O. Dieses

große Stück Gebirgswelt zerfällt in folgende Teile:

1) Die Hohe Tauernkette im eigentlichen Sinn, an der Grenze

Salzburgs einer-, Tirols und Kärntens anderseits, gehört

zu den hochsten und am wenigsten tief eingeschnittenen Teilen der

Alpen, da die Kammhöhe 2600-2900 m erreicht, mehr als 16

Gipfel über 3500 m und an 100 über 3200 m emporragen und

auf 150 km Länge keine fahrbare Straße sich findet. Die

Vergletscherung erreicht in einzelnen Fällen, wie bei der

Pasterze (10 km lang, zweitlängster Gletscher der Deutschen

Alpen), Schlattenkees, Obersulzbacher Gletscher, eine gewaltige

Ausdehnung, erscheint jedoch im allgemeinen geringer als die der

Ötzthaler und Ortlergruppe und ist namentlich in den letzten

zwei Jahrzehnten ansehnlich zurückgegangen. Dagegen sind die

T. teils wegen der Steilheit der Seitenwände ihrer

Thäler, insbesondere aber wegen der tiefen Lage der

Thalsohlen, das an Wasserfällen reichste Gebiet der Deutschen

Alpen. In den höchsten Terrassen der zahlreichen

545

Tauernwind - Taufe.

parallel zum wasserscheidenden Hauptkamm hinaufziehenden

Tauernthäler finden sich malerische Hochseen. Bemerkenswert

sind auch die von den Thalbächen gebildeten Felsenschlunde,

darunter die großartigen Liechtenstein- und Kitzlochklammen.

Die T. bilden wegen ihrer herrlichen, in neuerer Zeit leichter

zugänglich gewordenen Naturszenerien eins der besuchtesten

Reisegebiete in den Alpen. Die schönsten Punkte sind

außer den erwähnten Klammen und abgesehen von den

Gipfeln: Gastein mit Umgebung, Rauriser Goldberg, Fusch und

Ferleiten, Kaprun mit dem Moserboden, Stubachthal, Krimmler

Wasserfälle, Gschlöß, Kalser Thörl, der

Pasterzengletscher. Im Volksmund heißen T. nur die hoch

gelegenen Gebirgspässe, von welchen folgende in den Bereich

dieses Gebirgszugs fallen: der Krimmler T., 2635 m, Übergang

aus der Prettau (von Bruneck her) ins Krimmler Achenthal, zugleich

die Grenze zwischen den Hohen T. und den Zillerthaler Alpen

bildend; der Felber T., 2545 m, welcher, die Großglockner-

von der Großvenedigergruppe scheidend, aus dem Isel- und

Tauernthal (Lienz, Windischmatrei) nach dem Pinzgau (Mittersill)

führt; der Kalser T., 2506 m, mlt Übergang vom Iselthal

über Kals ins Stubachthal im Pinzgau; der Mallnitzer T., 2414

m, zwischen der Hochnarr- und Ankoglgruppe aus dem Möllthal

über Mallnitz ins Gasteinthal führend. Die wichtigsten

Berggruppen und deren Kulminationspunkte in den Hohen T. sind in

der Richtung von W. nach O.: Dreiherrenspitze (3503 m),

Großvenediger (3673 m), Großglockner (3797 m),

Großes Wiesbachhorn (3575 m), Hochnarr (3258 m),

Hochalpenspitze (3355 m). 2) Die Antholzer Gruppe, zwischen

Ahrnthal einer-, Antholz, Stalleralpsattel und Stalleralpenthal

anderseits; höchster Gipfel: Hochgall (3442 m). 3) Das

Deferegger Gebirge, südlich des Deferegger Thals, zwischen dem

Antholzer und untern Iselthal, im Weißspitz (2955 m)

kulminierend. 4) Die Schobergruppe, begrenzt durch den Iselberg

zwischen Lienz und Winklern, der Möll, dem Kalserbach und der

Isel; höchste Punkte sind der Petzeck (3275 m) und der

Hochschober (3243 m). 5) Die Kreuzeckgruppe, zwischen Iselberg,

Möll und Drau, mit dem Kreuzeck (2703 m) und Polinik (2780 m).

- An der Markkarspitze, dicht neben der Arlscharte (2342 m),

spaltet sich der Hauptkamm der östlichen Zentralalpen in einen

nördlichen und südlichen Zug: letzterer, südlich der

Mur, heißt die Kärntnisch-Steirischen Alpen; ersterer,

zwischen der Mur im S., der Enns im N., bildet die Niedern T. oder

Steirischen Alpen, die sich bis zum Schoberpaß oder der

Walder Höhe hinziehen; höchster Punkt ist der Hochgolling

(2872 m). Sie haben keine Gletscher, wohl aber fahrbare Pässe:

den Radstädter T. (1763 m), über den eine Straße

von Radstadt nach St. Michael und in weiterer Fortsetzung über

den Katschbergpaß (1641 m) nach Gmünd und Spittal in

Kärnten führt, und den RottenmannerT. (1760 m), dessen

Straße Lietzen an der Enns mit Judenburg an der Mur

verbindet. Über die Walder Höhe führt die

Rudolfsbahn. Die zentrale Hauptkette der T. besteht aus

kristallinischen Schiefern (Gneis, Glimmerschiefer, Talk- und

Chloritschiefer) mit eingelagertem körnigen Kalkstein und

Serpentin, hier und da auch von Granit durchsetzt. Vgl. v. Sonklar,

Die Gebirgsgruppe der Hohen T. (Wien 1866); Derselbe, Karte (2.

Aufl., das. 1875); Heß, Führer durch die Hohen T. (das.

1886).

Tauernwind, ein in den Norischen Alpen (Tauern)

auftretender kalter Nordostwind; s. Bora.

Taufe (griech. Baptisma, Baptismus), das Sakrament, durch

welches der Täufling mittels Untertauchung oder Besprengung

mit Wasser in die christliche Kirche aufgenommen wird. Heilige

Waschungen findet man fast bei allen alten orientalischen

Völkern (s. Reinigungen) und Spuren von feierlicher Lustration

neben der Beschneidung auch bei den Juden (s. Proselyt), welchen

die körperliche, sogen. levitische Reinheit als das Symbol, ja

Surrogat der innern Reinheit galt. Durch die Wassertaufe weihte

namentlich Johannes der Täufer alle, welche Buße thaten,

für das nahe bevorstehende Gottesreich, und auch Jesus empfing

diese T. im Jordan. Nach seinem Vorbild ließen sich dann

seine Gläubigen taufen. In Paulinischen Kreisen faßte

man die T. als ein mysteriöses Bad der Wiedergeburt auf und

setzte sie mit dem Tod und der Auferstehung Christi in Beziehung,

daher man bald in der T. eine über das Sinnbild des Unter- und

Auftauchens hinausschreitende, geheimnisvolle Verbindung mit

Christum fand. Weil man sie zugleich als das spezifische Organ der

innerlichen Reinigung und Sündenvergebung betrachtete,

verschoben viele, wie Kaiser Konstantin, ihre T. bis ans Lebensende

(procrastinatio baptismi). Erst Augustin aber gab durch seine Lehre

von der Erbsünde der T. eine dogmatische Unterlage und bewies

ihre absolute Notwendigkeit. Die Erbsünde wird durch sie zwar

als Schuld getilgt, doch bleibt die Fleischeslust noch als "Zunder

der Sünde" in dem Getauften. Die Wiederholung der T. war lange

eine Streitfrage, besonders mit Bezug auf die Ketzertaufe. Seit dem

3. Jahrh. sprach sich die Kirche immer bestimmter dahin aus,

daß ein auf die Trinität getaufter Ketzer beim

Übertritt zur orthodoxen Kirche nicht wiederum zu taufen sei.

Die richtig vollzogene T. ist nach katholischer Lehre das die

erstmalige Eingießung übernatürlicher Gerechtigkeit

vermittelnde Sakrament. Auch nach den protestantischen symbolischen

Büchern gewährt die T. Vergebung der Sünde und

Mitteilung des Heiligen Geistes, kann folglich, wenn

rechtmäßig vollzogen, an demselben Individuum nicht

wiederholt werden. Während aber nach der lutherischen Lehre

die T. durch die wunderbare Wirksamkeit des mit dem Wasser

verbundenen Worts außer der Sündenvergebung auch

Wiedergeburt (s. d.), Wiederherstellung der Freiheit des Willens

zum Guten und sogar in Kindern den Glauben wirkt, gilt sie bei

Zwingli als Pflichtzeichen und kirchlicher Einweihungsakt,

überhaupt in der reformierten Kirche mehr als Symbol und

Unterpfand dafür, daß Gott denen, welche zum Glauben

gelangen, die verheißenen Heilsgüter auch zukommen

lassen werde. Beide Kirchen haben auch die Kindertaufe beibehalten,

welche schon seit etwa 200 sporadisch vorgekommen, seit Augustin

allmählich herrschende Sitte geworden war. Weil für

dieselbe kein Befehl Christi und der Apostel vorliegt, und weil die

Kinder überdies auch zu dem Glauben, welcher in der T.

vorausgesetzt ist, nicht befähigt sind, verwarfen die

Wiedertäufer (Mennoniten) dieselbe völlig, indem sie eine

Wiederholung der T. an den Erwachsenen statuierten. Ähnlich

weisen auch die Quäker (s. d.) und die Baptisten (s. d.)

Englands und Nordamerikas die Kindertaufe zurück. Dagegen soll

nach der Lehre der katholischen und evangelischen Kirche die T.

regelmäßig von dem ordinierten Geistlichen verrichtet

werden. Nur in Notfällen soll auch die Laientaufe (Nottaufe)

zugelassen werden. Die unter wörtlicher Beziehung auf die drei

Personen der Trinität vorzunehmende Applikation des

Wassers

546

Taufe eines Schiffs - Taunus.

kann Untertauchung (immersio) oder Besprengung (adspersio oder

infusio) sein. Der erstere Taufmodus ist bis in das 12. Jahrh.

üblich gewesen und findet noch jetzt in der

morgenländischen Kirche statt. Der Exorzismus (s. d.) ist in

der protestantischen Kirche nicht überall abgeschafft worden.

In der alten Kirche wurde die T. in den Kathedralkirchen

vorgenommen, welche besondere Taufkapellen (Baptisterien) hatten.

Nachdem aber die Bischöfe sich nur noch die Konfirmation oder

Firmung (s. d.) ausschließlich vorbehalten hatten, die

Verrichtung der T. dagegen den Presbytern zugewiesen worden war,

brachte man in jeder Kirche Taufsteine an. Später wurden

Haustaufen üblich, mehr noch bei den Lutheranern als bei den

Katholiken. Bei der T. findet nach Luk. 1,59; 2,21, wie bei der

jüdischen Beschneidung, eine Namengebung statt. Wo sich Staat

und Kirche nicht in der Weise der modernen Gesetzgebung auseinander

gesetzt haben, erscheint die T. als notwendige Handlung und kann

daher auch gegen den Willen der Eltern erfolgen; über die T.

selbst muß der Geistliche ein Register führen (s.

Kirchenbuch); die formellen Auszüge daraus (Taufzeugnisse)

gelten als öffentliche Urkunden. Vgl. Höfling, Das

Sakrament der T. (Erlang. 1846-48, 2 Bde.).

Zur T. diente in den Kirchen ursprünglich ein Bassin mit

Wasser, in welchem der Täufling untergetaucht wurde. An seine

Stelle trat später der Taufstein, ein Becken aus Stein auf

hohem Ständer, mit symbolischen Figuren oder auf die T.

bezüglichen Darstellungen, bisweilen auch von Figuren (den

vier Flüssen des Paradieses, Löwen u. a.) getragen.

Solcher Taufsteine sind noch viele aus romanischer Zeit erhalten.

In die Vertiefungen der Steine ließ man seit dem 11. Jahrh.

metallene Becken ein, zu denen sich später metallene Deckel

gesellten, die ebenfalls mit bildlichen Darstellungen verziert

waren und durch Ketten emporgezogen oder durch Arme fortbewegt

wurden, wenn Taufen vollzogen wurden. In spätgotischer Zeit

wurden über die Taufsteine bisweilen Baldachine angebracht. In

neuerer Zeit (seit dem 17. Jahrh.) sind die Taufbrunnen außer

Gebrauch gekommen, und an ihre Stelle sind Taufschüsseln und

Taufkannen getreten.

Taufe eines Schiffs, s. Ablauf.

Tauferer Thal, nördliches Seitenthal des Pusterthals

in Tirol, mit seinen Seitenthälern eins der schönsten

Alpenthäler, im N. und W. von den Zillerthaler Alpen, im O.

und S. von den Hohen Tauern begrenzt, zieht sich von Bruneck bis

zum Krimmler Tauern zuerst nördlich, dann nordöstlich

hinan. Von Bruneck bis Taufers, dem Hauptort des Thals (mit

Bezirksgericht), aus dem gleichnamigen hoch gelegenen Schloß

und den Dörfern Sand und St. Moritzen bestehend, heißt

es das T. T. im engern Sinn, von da bis gegen St. Peter Ahrnthal

und von hier bis zu seinem Schluß an der Birnlucke Prettau.

Nebenthäler sind das Mühlwald-Lappacher, das Rainthal,

das Weißenbachthal und das Mühlbacher Thal. Vgl. Daimer,

Taufers und Umgebung (Gera 1879).

Taufgesinnte, s. Mennoniten.

Taufname, s. v. w. Vorname, s. Name.

Taufstein, s. Taufe, S. 546.

Taufstein, Berg, s. Vogelsberg.

Taufzeugen, s. v. w. Paten.

Taugarn, grobes Hanfgespinst zu den schwersten

Seilerwaren.

Taugras, s. Agrostis.

Tauler, Johannes, deutscher Mystiker, geboren um 1300 zu

Straßburg, trat in den Dominikanerorden und wirkte als

Volksprediger meist in seiner Vaterstadt bis zu seinem 1361

erfolgten Tode. Daß er sich gegen das päpstliche Verbot,

welches den Gottesdienst in Straßburg während der Zeit

des über die Stadt verhängten Interdikts untersagte,

aufgelehnt habe, läßt sich ebensowenig festhalten, wie

daß die in des "Meisters Buch" sich findende

Bekehrungsgeschichte sich auf T. beziehe. Die Abfassung des bisher

allgemein dem T. zugeschriebenen Buches "Von der Nachfolgung des

armen Lebens Christi" muß, wie Denifle und Ritschl

nachgewiesen haben, demselben abgesprochen werden. Taulers Mystik

lernen wir jedoch aus seinen Predigten kennen, sie hält sich

von dem Pantheismus eines Eckart (s. d.) fern. T. fordert,

daß sich der Christ der Gelassenheit befleißige und

innerlich von aller Kreatur frei werde. Ein Feind der von der

katholischen Kirche so laut gepredigten Selbstgerechtigkeit, war T.

ein Verkünder der alles wirkenden göttlichen Gnade. Der

Weg aber, auf dem man nach T. zur Selbstverleugnung gelangt, ist

der der Nachfolge des Lebens Jesu. Vgl. K. Schmidt, J. Tauler

(Hamb. 1841); Denifle, Das Buch von der geistlichen Armut etc.

(Münch. 1877); Derselbe, Taulers Bekehrung (das. 1879); Jundt,

Les amis de Dieu au XIV. siècle (Par. 1879) ; Ritschl in der

"Zeitschrift für Kirchengeschichte" (1880). Taulers Predigten

wurden ins Hochdeutsche übertragen von Hamberger (2. Aufl.,

Frankf. 1872).

Taumelkäfer (Gyrinidae), s. Wasserkäfer.

Taumellolch, s. Lolium.

Taumler, an Drehkrankheit (s. d.) leidende Schafe.

Taunton (spr. tohntön), 1) Hauptstadt der Grafschaft

Somerset (England), am schiffbaren Tone, hat eine gotische Kirche

aus der Zeit Heinrichs VII., ein altes Schloß (jetzt Museum),

eine Lateinschule, zahlreiche milde Stiftungen, etwas Seiden- und

Handschuhfabrikation, lebhaften Handel und (1881) 16,614 Einw. Hier

hielt der berüchtigte Jeffreys 1685 seine Blutgerichte. - 2)

Stadt im nordamerikan. Staat Massachusetts, am schiffbaren

Fluß T., der 25 km unterhalb in die Narragansetbai

mündet, mit Gerichtshof, Irrenanstalt, bedeutender

Gewerbthätigkeit (Bau von Lokomotiven, Kupfer- und

Nagelschmieden, Kurzwaren) und (1885) 23,674 Einw.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 158 / 302 段