3) Warzentauben (Schnabeltauben), Kennzeichen: kurzer dicker

oder langer kegelförmiger oder stark nach unten gebogener

Schnabel, mit kleinen bis walnußgroßen Warzen an der

Basis des Oberkiefers und fleischigen Warzenringen um die Augen,

welche bei einigen Rassen den Schädel überragen. Zehn

Rassen mit 8-9 Unterrassen: Lang-, krumm- und kurzschnäbelige

Bagdetten, Berbertauben, Römische T., Montaubantauben,

Belgische Brieftauben. Die englische Bagdette (Karrier, Fig. 19),

mit großen, häßlichen Schnabel- und Augenwarzen,

bei der vom Taubenkopf kaum noch etwas übrig ist, gilt in

England als die Königin der T., für "bezaubernd". Andre

Rassen sind der Englische Dragoner, die Französische Bagdette,

die bogenschnäbelige Nürnberger (Fig. 20), die

kurzschnäbelige Türkische, die Berbertaube (Indianer,

Cyprische Taube, Fig. 2l) und die Römische Taube (Fig.

22).

V. Gruppe, Flugtauben, d. h. Tümmler und Purzler. Das

gemeinsame Kennzeichen dieser beliebten und rassenreichsten ist bei

übrigens verschiedener Kopf- und Schnabelform der

eigentümliche Flug. Sie steigen hoch in die Luft und

überschlagen sich (purzeln) beim Herabfliegen weniger oder

öfter, zuweilen bis auf den Boden herab, manche Rassen auf dem

Boden selber. Man teilt die Tümmler in flachstirnige

Langschnäbel (8 Rassen mit 6-7 Unterrassen, meist deutscher

Zucht), flach- und hochstirnige Mittelschnäbel (9 Rassen) und

in hochstirnige Kurzund Dickschnäbel (11-12 Rassen, meist

englischer und deutscher Zucht). Unter den Englischen Tümmlern

nehmen die Almonds- (Fig. 8), Bart- (Fig. 9) und

Weißkopftümmler den ersten Rang ein und werden nebst den

Kröpfern und Karriers zu hohen Preisen verhandelt. Auch unter

den deutschen, österreichischen und dänischen Rassen

(Berliner [Fig. 6], Danziger, Stralsunder, Braunschweiger,

Hannoveraner, Königsberger, Altstämmer, Wiener, Prager,

Pester, Kopenhagener, Kalotten [Fig.5], Nönnchen [Fig.7],

Elster etc.) gibt es eine Menge sehr schöner und wertvoller

T.

Haltung und Zucht der T. Die wirtschaftlichen Zwecken dienende

Taubenzucht, für welche nur die Feld- oder Farbentauben zu

empfehlen sind, ist eine sehr einfache. Der einfachste

Taubenschlag, womöglich hoch gelegen, und jede gegen die

Unbilden der

TAUBEN.

1. - Felsentaube. -

2. Bucharische Trommeltaube. -

3. Deutsche Trommeltaube. -

4. Lockentaube. -

5. Kalotte. -

6. Berliaer altstämmiger Tümmler. -

7. Nönnchen. -

8. Almond. -

9. Barttümmler. -

10. Perückentaube. -

11. Ägyptisches Möwchen. -

12. Chinesisches Möwchen. -

13. Deutsches Möwchen. -

14. 15. Pfauentaube. -

16. Englischer Kröpfer. -

17. Französischer Kröpfer. -

18. Brünner Kröpfer. -

19. Karrier. -

20. Deutsche Bagdette. -

21. Cyprische Taube. -

22. Römische Taube. -

23. Antwerpener Brieftaube. -

21. Lütticher Brieftaube.

Zum Artikel »Tauben«.

537

Tauben (Taubenzucht, Brieftauben).

Witterung einigermaßen schützende Einrichtung,

Fütterung zur Zeit des Nahrungsmangels (Wicken, Gerste und

andre Sämereien), reines Trinkwasser und alter

Kalkmörtel, allenfalls das Unschädlichmachen eines

boshaften Taubers ist im allgemeinen alles, was das Gedeihen des

Feldflüchters verlangt. Weit schwieriger ist Haltung und

Züchtung der Rassetauben. Geräumige, für die

verschiedenen Rassen geeignete, den Mäusen und Raubtieren

unzugängliche, warme und reinlich gehaltene Schläge,

passende Nester, reine Luft, gesunde Nahrung, oft erneuertes

Trinkwasser sind unerläßliche Vorbedingungen. Sorge

für Pfleger (Ammen) solcher Rassen, welche ihre Jungen nicht

selber füttern können (Kurzschnabeltümmler, Berber,

Kröpfervarietäten, Karriers). Stete Beaufsichtigung der

brütenden und atzenden Paare etc.; richtige Paarung, eine

nicht leicht zu erwerbende Kunst.

Die wichtigsten Krankheiten der T. sind: diphtherische

Schleimhautentzündung (Geflügeltyphoid), Unverdaulichkeit

oder Schwerverdaulichkeit, Darmkatarrh (Durchfall), der Katarrh der

Nase oder der Luftsäcke, durch Schimmelpilze hervorgerufene

Lungenentzündung, Verstopfung des Kropfes, Rachitis,

Vergiftungen durch Bleipräparate, Geflügelpocken

(Gregarinen-Epithelium). Von den Hautleiden haben das

Schmarotzertum der Vogelmilben und Flöhe sowie der Kopfgrind

und das allgemeine Ausfallen der Federn das meiste Interesse. Vgl.

Prütz, Die Krankheiten der Haustauben (Hamb. 1886). Die sogen.

feinen Rassen sind viel häufiger Krankheiten ausgesetzt als

die gewöhnlichen. Zur Vermeidung von Erkrankungen sorge man

für gute Ventilation, vermeide Überfüllung, Zugluft,

zu große Hitze und Kälte des Schlags, gebe nur bestes

und reichliches, aber nicht überreichliches Futter, im Sommer

täglich dreimal frisches, reines Wasser und halte auf

peinlichste Reinlichkeit des Schlags, der Nester und aller

Utensilien; im Sommer tägliche Reinigung des Schlags. Man

vermeidet durch diese Vorbeugemittel die ganze Reihe von meist

gefährlichen Krankheiten der Atmungs- und Verdauungsorgane,

der rheumatischen und andrer Übel. Auf Erkrankung darf man

schließen, wenn die Flügel schlaff herabhängen, der

Schnabel geöffnet, die Zunge und die Mundhöhle trocken

oder mißfarbig sind, ein Ausfluß aus Schnabel und Nase

vorhanden, die Augen entzündet, die Exkremente zu dünn,

grünlich oder zu konsistent und selten sind oder

gänzliche Verstopfung eingetreten ist. Die erkrankten Tiere

sind sofort von den gesunden zu trennen und abgesondert und warm zu

halten. Wenn es sich nicht um besonders wertvolle Tiere handelt,

ist von meist lange dauernden und erfolglosen Kurversuchen lieber

abzusehen; Käfige und sonstige infizierte Räumlichkeiten

sind zu desinfizieren, die gestorbenen oder getöteten Kranken

zu verbrennen oder tief zu vergraben. Unter den geflügelten

Feinden der T. sind Taubenfalke, Habicht und Sperber die

gefährlichsten; gegen Katzen, Marder, Iltis, Wiesel, Ratten

und Mäuse kann man die Schläge von vornherein

schützen; gegen die parasitischen, zum Teil verderblichen

Insekten hilft sorgfältigste und oft wiederholte Reinigung der

Schläge, Nester etc., tägliche Wegnahme des Mistes,

Bestreuung des Bodens mit Asche, Tabaksstaub, des Gefieders mit

persischem Insektenpulver, Einreiben mit verdünntem

Anisöl. Der Nutzen der wirtschaftlichen Taubenrassen wiegt den

Schaden bedeutend auf. Junge und Alte liefern eine gesunde,

leichtverdauliche Speise für Kranke und Genesende und bilden

im Sommer oft die einzige Fleischkost auf dem Land oder einen

einträglichen Marktartikel. Die Gewinnung des Düngers,

dessen Wert für Garten- und Feldbau man höher

schätzen gelernt hat, ist im Orient einziger Zweck der

Taubenhaltung (rings um Ispahan zählt man über 3000

Taubentürme). Franzosen und Italiener ziehen ihn zu

gärtnerischen Zwecken dem Guano vor. Den angeblichen Schaden

an Sämereien, gerade zur Saatzeit, hat man auf Grund

genauester Untersuchungen (Snell hat jahrelang Körner und

Vogelwickensamen in Kropf und Magen gezählt [in einer jungen

Taube 3582], die T. auf seine Äcker gelockt und die besten

Getreideernten erhalten) als großen Vorteil erkannt. de Vitey

und Befroy erachten die Zerstörung der gegen 50,000

Taubentürme in Frankreich durch die Revolution von 1789 als

Nationalunglück. Der wirkliche Schade an Mehl- und

Ölfrüchten zur Zeit der Ernte kommt dagegen nicht in

Betracht.

Brieftauben.

Als Stammeltern der Brieftaube gelten der Karrier und die von

ihm zunächst gezüchtete Drachentaube, dann die Feldtaube,

das Möwchen und der Tümmler. Man unterscheidet wohl 3

oder 4 mehr oder minder ausgeprägte Brieftaubenrassen,

namentlich die Antwerpener (Fig. 23), die Lütticher (Fig. 24)

und die Brüsseler, welche aber in neuester Zeit wieder

weitergebildet wurden, so daß gegenwärtig eine

große Mannigfaltigkeit vorhanden ist. Eine gute Brieftaube

muß aufrechte Haltung, langen Hals, breite Brust, breite und

lange Schwingen, große Muskelkraft in den Flügeln und

blaue oder dunkle Farbe besitzen; ungeduldiges, stürmisches

Benehmen gelten als besonders gute Zeichen. Zu ihrem Dienst

muß die Brieftaube angelernt werden. Während man durch

die den Brieftauben gereichte Nahrung auf Erhöhung des

Flugvermögens durch Stärkung der Muskeln wirkt,

Fettbildung aber unterdrückt, nimmt man mit den Tieren

Flugübungen vor, die ihren Orientierungssinn und ihr

Gedächtnis stählen und allmählich immer weiter

ausgedehnt werden. Natürlich lernen die Tiere nur eine

bestimmte, immer dieselbe bleibende Richtung mit Sicherheit

durchfliegen, d. h. sie müssen im stande sein, den Weg nach

ihrer Heimatsstation von einer Außenstation selbst bei Nacht

und ungünstiger Witterung (Nebel, Regen) zurückzulegen;

nicht aber kann man von ihnen das Fliegen von mehreren

Außenstationen aus verlangen oder gar, daß sie nach

einer andern als der Heimatsstation fliegen, denn nur die Sehnsucht

nach der Heimat, als ein diesen Tieren von der Natur gegebener

Instinkt, macht sie für obige Zwecke geeignet. Deshalb werden

auch die T. verschiedener Flugrichtungen stets getrennt gehalten.

Die Geschlechter sondert man voneinander nach der ersten,

spätestens zweiten Brut, um eine neue Begattung der T. zu

verhindern, welche die Täubin durch Entwickelung des Eies im

Körper reiseuntüchtig machen würde, und ferner auch,

um die Begierde zur Paarung und damit den Drang zu heben, der alten

Heimat zuzufliegen. Im Schlag macht man durch

Lattenverschlüsse Abteilungen, deren jede einzelne freie

Bewegung nach dem Flugloch und Ausflugkasten gestattet, die

untereinander aber nur durch verschließbare

Schiebethüren und Lauflöcher am Boden in Verbindung

stehen.

Das Einüben der T. für eine bestimmte Tour beginnt vom

Mai ab, nach Beendigung des Brutgeschäfts, mit Entfernungen

von 7-8 km und steigt allmählich bis zu 200 km, wobei aber die

T. erst dann in weiterer Entfernung aufgelassen werden, wenn sie

die Tour vom ersten Auflaßort in geradester Richtung und

kürzester Frist zurücklegen. Die Geschwin-

538

Tauben (Taubenpost, Kulturgeschichtliches etc.).

digkeit des Flugs der Brieftaube beträgt 60-70 km in der

Stunde, übertrifft also die der schnellsten

Eisenbahnzüge. Bei 15-20 Meilen Entfernung kommen fast

sämtliche Brieftauben unter günstigen Verhältnissen

heim, mit der zunehmenden Weite aber verringert sich ihre Anzahl.

Als Verlust auf kürzern Flügen schätzt man etwa 10

von 100 T., doch nimmt diese Zahl mit der Entfernung in steigendem

Verhältnis zu. Bei mehr als 100 Meilen Weite ist auf die

Rückkehr überhaupt nicht mehr sicher zu zählen, und

dann bleiben sonderbarerweise gerade die besten und

zuverlässigsten Brieftauben am ehesten aus. Es haben indes auf

eine Entfernung von 1600 km (Madrid-Lüttich) einige der

ausgelassenen T. ihren Heimatsschlag erreicht, und 1886 flogen von

9 Brieftauben eine von London in den Heimatsschlag zu Boston, eine

zweite erreichte New York, eine dritte Pennsylvanien. Die

Antwerpener Vereine wählen für die Konkurse eine Weite

von höchstens 200 Stunden. Wenn die Brieftaube in der Jugend

nicht zu sehr angestrengt wird, so hält sie wohl mehrere Jahre

gut aus, und man hat Brieftauben von 6, 7-10 Jahren, die noch

alljährliche Wettflüge in tüchtigster Weise

mitmachen.

Zu den Auflaßorten werden die T. in besonders

konstruierten, ihre Verpflegung zulassenden Reisekörben per

Kurier- oder Schnellzug unter Aufsicht eines Wärters

befördert. Dort angekommen, werden sie an einem freie

Übersicht gewährenden Ort bei guter Witterung, und

nachdem sie kurz vor dem Abflug noch getränkt, aber nicht

gefüttert worden, aufgelassen; zur Kontrolle ist jedes

einzelne Tier auf den Schwungfedern genau gezeichnet; an den

Schlägen aber befindet sich ein elektrischer Läutapparat,

welcher das Einspringen in den Stall dem Wärter anzeigt.

Sollen die Brieftauben für Kriegszwecke benutzt werden, so

werden sie bei der Mobilmachung aus den Festungen oder sonstigen

Heimatsstationen nach den Außenstationen verschickt und dort

interniert. Die Depeschen werden zu ihrer Beförderung auf

mikrophhotographischem Weg auf ein feines Kollodiumhäutchen

übertragen, deren sich mehrere in einem Federkiel unterbringen

lassen. Dieser wird mit einem Wachspfropfen geschlossen und an eine

Schwanzfeder der Taube angenäht; daß diese Feder, wenn

z. B. ein wenig in der Haut gelockert oder beim Zusammenstoß

mit einem Raubvogel, leicht verloren gehen kann, liegt auf der

Hand; deshalb verlangt das Befestigen der Depesche sehr geschickte

Finger, und man fertigt stets fünf T. mit der gleichen

Nachricht ab; deshalb hat man auch zu einem von den Chinesen seit

undenklichen Zeiten angewandten Mittel gegriffen, um die T. nach

Möglichkeit vor dem Anfall durch Raubvögel zu

schützen. Man befestigt nämlich an die Schwungfedern

Glöckchen von durchdringendem Ton, die von größter

Leichtigkeit sind, das Tier also nur wenig belästigen und, je

schneller die Taube fliegt, desto heller tönend, die

Raubvögel verscheuchen. Durch die Mikrophotographie ist man im

stande, den Inhalt von zwölf großen Journalen auf den

Raum eines Zwanzigpfennigstücks zu konzentrieren; das

Dechiffrieren erfolgt dann nach Vergrößerung mittels

Lupe oder Laterna magika.

Die Benutzung der Brieftauben ist sehr alt, sie findet sich bei

Chinesen, Griechen und Römern und scheint im Morgenland

niemals aufgehört zu haben. Sie blühte besonders im 12.

Jahrh. und später, seitdem der Kalif von Bagdad, Sultan Nur ed

din, die ersten wirklichen Taubenposten eingerichtet hatte. Aus dem

Orient brachten sie die Kreuzfahrer nach Deutschland, wo sie von

Burg zu Burg Nachrichten trugen. Wilhelm von Oranien (1573 und

1574) und Napoleon I. benutzten Brieftauben zur

Nachrichtenbeförderung im Krieg. Nathan Rothschild erhielt von

seinen Agenten durch die Taubenpost die neuesten Nachrichten

über Napoleons Feldzüge und benutzte dieselben zu seiner

Spekulation. Auch zwischen Paris und Brüssel haben

Bankhäuser Kurstauben unterhalten, und das Reutersche

Büreau bediente sich bis 1850 einer Taubenpost zwischen Aachen

und Brüssel. In ganz Belgien war damals bereits, wie noch

heute, die Brieftaubenliebhaberei weit verbreitet, und die ganze

milde Jahreszeit hindurch veranstaltete man allsonntäglich

Wettflüge, welche vom König und den Behörden durch

Aussetzung von Prämien unterstützt wurden. Dieser Sport

verbreitete sich auch nach Frankreich, und 1820 hatte Paris einen

Taubenwettflug. Zu großer Bedeutung gelangte die

Brieftaubenpost 1870 bei der Belagerung von Paris; man sandte dort

im ganzen 534 T. mittels des Luftballons ab, von denen etwa 100

zurückkamen. Eine Taube hat den Weg zehnmal gemacht. Auf diese

Weise wurden 60 Serien von Depeschen nach Paris hinein

befördert, und wenn diese Resultate einer improvisierten

Einrichtung auch nicht sehr glänzende waren, so hatten sie

doch für die belagerte Stadt hohen Wert und veranlaßten

die Militärbehörden nach dem Frieden zu eingehender

Berücksichtigung der Brieftaubenpost. In Frankreich errichtete

man im Jardin d'acclimatation eine Zentralzuchtanstalt und stattete

Paris und Langres derart mit T. aus, daß sie sechs Monate

lang den Verkehr mit vielen andern Stationen unterhalten

können. Taubenhäuser wurden außerdem in Vincennes,

Perpignan, Lille, Verdun, Toul und Belfort errichtet. Aus dem Mont

Valérien besteht eine Spezialschule für Trainierung

junger Tauben. Ein Gesetz verpflichtet alle Besitzer von

Brieftauben, diese im Krieg an die Regierung abzugeben, welche

dadurch einen Zuwachs von 150,000 T. erwarten darf. Ähnliche

Einrichtungen wurden seit 1872 in Deutschland getroffen. Das

gesamte Militärbrieftaubenwesen ist der Inspektion der

Militärtelegraphie, die Stationen (Köln [Zentralstelle],

Mainz, Metz, Straßburg, Posen, Thorn, Wilhelmshaven, Kiel,

Danzig) sind den örtlichen Fortifikationen oder Kommandanturen

unterstellt. Die etwa 350 Brieftaubenvereine Deutschlands,

besonders im Rheinland vertreten, werden im Krieg ihre etwa 50,000

T. der Heeresleitung zur Verfügung stellen. Nächst

Deutschland ist die Kriegstaubenpost besonders in Italien

entwickelt, und auch in fast allen andern Staaten hat man

entsprechende Einrichtungen getroffen. 1876 wurden an der

Nordseeküste, besonders in Tönning an der

Eidermündung, Versuche angestellt, um eine Verbindung der in

See liegenden Leuchtschiffe mit dem Land (55 km) durch T.

herzustellen, und in der That haben die T. bei heftigen

Stürmen die Lotsen herbeigerufen.

Die Taube ist das Symbol des Schöpfungswassers, der

Urfeuchte (der Geist Gottes schwebte über den Wassern wie eine

Taube), Regen u. Schiffergestirn, wegen ihrer Üppigkeit u.

Fruchtbarkeit der Vogel der Venus, für welchen in Syrien

Kolumbarien errichtet wurden. Babylon war die Stadt der Taube, wo

die aus einem Taubenei geborne Semiramis herrschte. Taube,

Phönix und Palme identifizierte die Hieroglyphe als Bilder der

Zeit und der Zeugung. Noch jetzt nisten Scharen wilder T.

ungestört in Mekka, und Freudenmädchen halten Korn

für dieselben feil. Auch den Israeliten war die Taube heilig,

und Jerusalem hieß ebenfalls Stadt der Taube. Die Taube war

das At-

539

Taubenerbsen - Tauberbischofsheim.

tribut Mariens, dann des Heiligen Geistes und später auch

der Apostel. Als Symbol der Auferstehung wurden T. in die

Gräber der Märtyrer gelegt, und die Grablampen (s.

Lampen, Fig. 10) sowie kirchliche Geräte (s. Peristerium)

erhielten Taubengestalt. In Rußland dürfen keine T.

getötet werden, weil sie nach dem Volksglauben die Herbergen

der Seelen Verstorbener sind. Endlich ist auch die Taube Symbol der

ehelichen Liebe und Eintracht. Vgl. Temminck und Prevost, Histoire

naturelle générale des pigeons (Par. 1808-43, 2

Bde.); Bonaparte, Iconographie des pigeons (das. 1857);

Reichenbach, Naturgeschichte der T. (Leipz. 1862); Brehm,

Naturgeschichte und Zucht der T. (Weim. 1857); Öttel,

Geflügelhof (7. Aufl., das. 1887); Neumeister, Das Ganze der

Taubenzucht (3. Aufl. von G. Prütz, das. 1876); Baldamus, Die

Tauben (Dresd. 1878); Prütz, Arten der Haustaube (3. Aufl.,

Leipz. 1878); Ders., Illustriertes Mustertaubenbuch (Hamb. 1884);

Tegetmeier, Pigeons (Lond. 1867); Fulton, The illustrated book of

pigeons (Lond. 1876); Wright, Der praktische Taubenzüchter

(deutsch, Münch. 1880); Bungartz, Taubenrassen (Leipz. 1886);

Derselbe, Brieftaubensport (das. 1888); Lorentz, Die Taube im

Altertum (das. 1886); über Brieftauben die Schriften von

Lenzen (Dresd. 1873), Ruß (Hannov. 1877), Schomann (Rostock

1883); Chapuis, Le pigeon-voyageur belge (Verviers 1866); Puy de

Podio, Brieftauben in der Kriegskunst (deutsch, Berl. 1873); Gigot,

La science colombophile (Brüssel 1889); drei Fachjournale

über Brieftauben in Brüssel und Antwerpen.

Taubenerbsen, s. Caragana.

Taubenfalke, s. v. w. Habicht oder Wanderfalke.

Taubenkropf, Pflanze, s. Fumaria und Corydalis.

Taubenmosaik, s. Mosaik, S. 817.

Taubenpost, s. Tauben, S. 538.

Taubenschießen, ein Sport von

außerordentlicher Grausamkeit, dem hauptsächlich die

vornehmen Stände huldigen. Vor dem Schießstand befinden

sich Blechkasten, deren Wände nur lose zusammengefügt

sind, so daß der Bau zusammenfällt, wenn an einem daran

befestigten Draht gezogen wird. In jeden Kasten wird eine Taube

gesteckt, die man meist vorher durch Ausreißen der Federn und

Ätzen der Wunden, Blenden auf einem oder beiden Augen, Brechen

der Knochen etc. gräßlich verstümmelt hat, damit

sie ihren Aufflug nicht kreisend, sondern gerade aufrecht oder nach

einer bestimmten Seite nimmt. Auf ein Kommandowort des

Schützen wird an dem Draht gezogen, der Kasten fällt

zusammen, die erschreckte Taube fliegt davon, und der Schütze

muß sie so zu treffen suchen, daß sie innerhalb der

Umzäunung zu Boden fällt, sonst gilt der Schuß

nicht. Anlaß zu dem grausamen Sport gab wohl der Vorwand,

sich im Treffen rasch sich bewegender Gegenstände zu

üben. Doch ist dieser Vorwand hinfällig, seitdem Bogardus

eine Vorrichtung erfunden, durch welche mittels einer Feder

Glaskugeln in die Höhe geschleudert werden, und zwar mit

derselben Geschwindigkeit wie der Aufflug einer Taube. Das T.

blüht hauptsächlich in Monaco, England und Belgien und am

Heiligen Damm bei Doberan. In Brüssel und Ostende allein

werden alljährlich etwa 35,000 Tauben dem Blutdurst einiger

vornehmer Müßiggänger geopfert. Baden, Holland und

andre Staaten haben das T. verboten. In England scheiterte ein

diesbezüglicher Gesetzentwurf an dem Widerspruch des

Oberhauses. Vgl. "Aussprüche über die Taube und den

Taubensport", gesammelt von A. Engel (Guden 1888).

Taubenstößer, s. v. w. Habicht.

Taubenvögel (Tauben, Columbae), Ordnung der

Vögel von mittlerer Größe mit kleinem Kopf, kurzem

Hals, schwachem Schnabel, mittellangen Flügeln und kurzen

Spaltfüßen. Die T. stehen den Hühnern in vieler

Beziehung sehr nahe, unterscheiden sich jedoch äußerlich

durch die Form der Flügel und des Schnabels, innerlich durch

den Besitz eines paarigen Kropfes und andre Merkmale von ihnen. Im

Gefieder fehlen zwischen den Konturfedern die Daunen völlig;

die Flügel sind (mit Ausnahme der Dodos) ziemlich lang und

zugespitzt. Der Kamm des Brustbeins ist sehr hoch. Der Schnabel ist

am Grund weichhäutig. Der Magen hat eine sehr starke

Muskelschicht, die Gallenblase fehlt; die Blindsäcke des Darms

sind sehr kurz. Die T. sind durchgängig gute, zum Teil

ausgezeichnete Flieger, aber schlechte Läufer. Zur

Brütezeit leben sie paarweise zusammen und ziehen dann

zuweilen in ungeheuern Scharen umher (Wandertaube). Das Weibchen

legt gewöhnlich 2, selten 1 oder 3 Eier in ein kunstloses

Nest; die Jungen schlüpfen fast ganz nackt aus und werden

durch elne milchartige Flüssigkeit, welche im Kropf der Mutter

abgesondert wird, die ersten Tage hindurch ernährt. Die T.

sind fast auf der ganzen Erde zu finden, haben indessen ihre

größte Artenzahl nicht auf dem Festland, sondern auf den

Inseln der Südsee sowie den Antillen, wo ihre Eier den

Nachstellungen der Vierfüßer und Raubvögel wenig

ausgesetzt sind. Fossil kennt man sie aus Frankreich und England;

in historischer Zeit ausgestorben ist der Dodo. Man unterscheidet

drei Unterordnungen: 1) Dodos oder Dronten (Dididae) mit 2

Gattungen: Didus (Dronte, s. d., von Mauritius) und Pezophaps

(Solitaire, von Rodriguez), noch im 17. Jahrh. lebend und auf den

genannten Inseln sehr zahlreich. Flügel und Schwanz

verkümmert. 2) Erdtauben (Didunculidae), nur die Art

Didunculus strigirostris von den Samoainseln umfassend, mit

gezahntem Unterschnabel, kurzem Schwanz, mäßig langen

Flügeln, starken Läufen und langen Krallen. 3) Tauben

(Columbidae) mit stets ungezahntem Schnabel. Man kennt etwa 50

Gattungen mit über 350 Arten und sondert sie in die Familien:

Gouridae (von Hühnergröße, auf dem Kopf eine

Federkrone; nur die Gattung Goura, auf Neuguinea, Java und den

Bandainseln), Caloenadidae (Lauf lang; nur die Gattung Caloenas;

Nikobaren, Philippinen, Neuguinea), Columbidae (Lauf kurz, Schwanz

mit 12 Steuerfedern) und Treronidae (Lauf kurz, Schwanz mit l4

Steuerfedern). Die beiden letztgenannten Familien sind die

Hauptvertreter der Gruppe.

Taubenweizen, s. Sedum.

Tauber, linksseitiger Nebenfluß des Mains,

entspringt an der Frankenhöhe beim Dorf Michelbach in

Württemberg aus dem Taubersee, durchfließt zunächst

zwischen Rothenburg und Mergentheim den lieblichen Taubergrund im

nordöstlichen Teil des württembergischen Jagstkreises,

tritt unterhalb Mergentheim in den badischen Kreis Mosbach, wo ihr

Thal an Tiefe zunimmt, und mündet, immer in nordwestlicher

Richtung fließend, nach 120 km langem Lauf bei Wertheim. Im

Tauberthal, namentlich im badischen Teil desselben, wird guter Wein

gebaut.

Tauberbischofsheim, Stadt im bad. Kreis Mosbach, an der

Tauber und der Linie Lauda-Wertheim der Badischen Staatsbahn, 183 m

ü. M., hat eine kath. Kirche, ein Gymnasium, eine

Präparanden-, eine Gewerbe- und eine landwirtschaftliche

Kreisschule, ein Bezirksamt, ein Amtsgericht, eine

Bezirksforstei,

540

Taubert - Taubstummenanstalten.

Schuh- und Zigarrenfabrikation, Marmorschneiderei und

-Schleiferei, eine Kunstmühle, Bierbrauerei, Weinbau und

-Handel und (1885) 3325 meist kath. Einwohner. T. war schon 725 ein

bischöflicher Hof mit Kammerkloster, welches im 13. Jahrh. in

ein Spital umgewandelt wurde. Hier 24. Juli 1866 Gefecht zwischen

den Preußen und Württembergern.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 156 / 302 段