Tassilokelch, ein im Stift Kremsmünster aufbewahrter

Kelch, welcher um 780 von dem bayrischen Herzog Tassilo und seiner

Gemahlin Luitperga geschenkt wurde und der älteste unter den

erhaltenen ist, der eine Inschrift trägt. Er ist 9½ cm

hoch, aus Kupfer gegoffen und vergoldet und an der Kuppe mit den in

aufgeschweißtes Silber gravierten Brustbildern Christi und

der vier Evangelisten, am Fuß mit den Brustbildern von

Propheten geschmückt Die Inschrift am Fuß lautet:

"TASSILO DVX FORTIS LIVTPIRC VIRGO REGALIS".

530

Tasso (Bernardo und Torquato).

Tasso, 1) Bernardo, ital. Dichter, geb. 1493 zu Bergamo,

studierte in Padua und bekleidete dann verschiedene Stellen in Rom,

Ferrara und Venedig, wo er sich auch bereits als Dichter einen

Namen machte. 1531 trat er als Geheimschreiber in die Dienste des

Fürsten Ferrante Sanseverino von Salerno, begleitete denselben

auf Karls V. Zug nach Tunis, ging dann in Geschäften des

Fürsten nach Spanien, heiratete nach seiner Rückkehr nach

Salerno 1539 die geistvolle Porzia de' Rossi und lebte mit ihr in

Zurückgezogenheit zu Sorrento bis 1547. Dann mit dem

Fürsten von Salerno in die Ungnade des Kaisers gefallen, hielt

er sich an verschiedenen Orten auf und kam 1556, von allem

entblößt, nach Ravenna, von wo ihn der Herzog von Urbino

nach Pesaro berief. 1563 ward er erster Sekretär des Herzogs

Wilhelm von Mantua; er starb 1569 als Gouverneur von Ostiglia. Sein

Hauptwerk ist das romantische Epos "L'amadigi di Francia" in 100

Gesängen (Vened. 1560 u. öfter; am besten, Berg. 1755, 4

Bde.), dessen Stoff größtenteils dem spanischen Roman

vom Amadis entnommen ist. Außerdem verarbeitete er eine

einzelne Episode daraus zu einem besondern Gedicht: "Floridante",

von welchem er aber nur 19 Gesänge vollendete. Von seinem Sohn

wurde es vollendet und herausgegeben (Bologna 1587). Noch sind

seine zum Teil sehr schätzbaren lyrischen Poesien, welche

zuerst als "Amori" (Vened. 1555; vermehrt, das. 1560), dann als

"Rime" (Berg. 1749, 2 Bde.) erschienen, und die Sammlung seiner

"Lettere" (am vollständigsten, Padua 1733-51, 3 Bde.) zu

erwähnen.

2) Torquato, Sohn des vorigen, sowohl durch seinen Dichterruhm

als seine Schicksale bekannter geworden als der Vater, geb. 11.

März 1544 zu Sorrento, wurde in Neapel, Rom und Pesaro (hier

gemeinschaftlich mit dem Sohn des Herzogs von Urbino) erzogen,

begann mit dem 13. Jahr zu Padua das Studium der Rechte und

veröffentlichte vier Jahre später ein episches Gedicht:

"Rinaldo" (Vened. 1562). Da dasselbe Beifall fand, so gab er das

Studium der Jurisprudenz auf, widmete sich zu Bologna, später

zu Padua philosophischen und litterarischen Studien und begann

zugleich, den schon früher gemachten Entwurf zu einem epischen

Gedicht von der Befreiung Jerusalems auszuführen. 1565 berief

ihn der Kardinal Lodovico von Este, dem er seinen "Rinaldo"

gewidmet hatte, nach Ferrara und ernannte ihn zum Hofkavalier mit

einem ansehnlichen Jahrgehalt. Der Dichter ward mit großer

Achtung ausgenommen; namentlich schenkten ihm die Schwestern des

Herzogs Alfons, Lucrezia, die nachmalige Herzogin von Urbino, und

Leonore, ihre Gunst. 1571 reiste T. nach Vollendung der ersten acht

Gesänge seines Epos mit dem Kardinal nach Frankreich, wo er am

Hof Karls IX. die huldvollste Aufnahme fand, kehrte aber aus nicht

sicher bekannten Gründen schon nach einem Jahr nach Ferrara

zurück und trat durch Vermittelung der Prinzessin Leonore in

die Dienste des Herzogs Alfons, der ihn mit großer

Zuvorkommenheit behandelte und ihm volle Muße zu seinen

poetischen Arbeiten gewährte. T. verfaßte zunächst

das Schäferspiel "Aminta", welches sofort in Szene gesetzt

ward, vollendete darauf, nachdem er mehrere Monate zu Castel

Durante bei seiner Gönnerin, der Herzogin von Urbino, verweilt

hatte, im Frühling 1575 sein großes Epos unter dem

Titel: "Goffredo" und begab sich im November d. J. nach Rom, um es

dort nochmals einer gründlichen Prüfung zu unterwerfen.

In Rom wurde er dem Kardinal Ferdinand von Medici, nachmaligem

Großherzog von Toscana, vorgestellt und von diesem

aufgefordert, in seine Dienste zu treten, was T. jedoch aus

Rücksichten der Dankbarkeit gegen das Haus Este ablehnte. Von

jetzt an beginnt die Zeit seiner Leiden, deren eigentliche

Veranlassung noch nicht mit voller Sicherheit ermittelt ist, aber

wohl zum Teil in den Intrigen seiner Neider und Feinde, namentlich

des Staatssekretärs Antonio Montecatino, zum Teil auch in

seiner eignen geistigen Organisation zu suchen sein dürfte.

Bald nach seiner Rückkehr nach Ferrara, wo ihm der Herzog das

eben erledigte Amt eines Historiographen verlieh, bemächtigte

sich die finsterste Melancholie des Dichters. In dieser

Gemütsverfassung zog er 15^7 eines Abends in den Zimmern der

Herzogin von Urbino den Degen gegen einen ihrer Diener, worauf der

Herzog ihn auf kurze Zeit verhaften ließ. Nachdem T. danach

auf einen empfindlichen Brief an den Herzog die Weisung erhalten,

weder an diesen noch an die Herzogin ferner zu schreiben, entfloh

er 20. Juli 1577 mit Zurücklassung seiner Papiere und begab

sich auf Umwegen nach Sorrento zu seiner Schwester Cornelia, welche

daselbst als Witwe lebte. Unter der liebevollen Pflege derselben

erholte er sich einigermaßen, aber die Sehnsucht nach Ferrara

ließ ihm keine Ruhe. Er begab sich nach Rom und erwirkte sich

durch Vermittelung des Geschäftsträgers des Herzogs die

Erlaubnis zur Rückkehr. Er wurde zwar wohlwollend aufgenommen;

allein die Herausgabe seiner Manuskripte verweigerte ihm Alfons, da

er ihn noch immer als einen Gemütskranken betrachtete, in

dessen Händen sie vielleicht vor Vernichtung nicht sicher

wären. Zum zweitenmal floh daher T. aus Ferrara und wandte

sich zum Herzog von Urbino und dann nach Turin (1578). Hier fand er

beim Herzog Karl Emanuel wie bei Filippo d'Este wohlwollende

Aufnahme und schrieb außer verschiedenen andern Produktionen

in Poesie und Prosa die zwei "Dialoghi della nobilità e

della dignità". Nochmals entschloß er sich zur

Rückkehr nach Ferrara, erhielt auch abermals die Erlaubnis

dazu (1579), sah sich jedoch in der Hoffnung, die frühere

Gunst des Herzogs wiederzuerlangen, getäuscht; von dem

Fürsten nicht vorgelassen und von den Hofleuten verachtet,

ergoß er sich in lauten Schmähungen gegen Fürsten

und Hof. Als dies dem Herzog hinterbracht wurde, ließ er ihn

(März 1579) als einen Rasenden in das St. Annenhospital, das

Irrenhaus von Ferrara, bringen. Unerwiesen ist die Behauptung,

daß T. sich des Herzogs Zorn durch seine leidenschaftliche

Liebe zur Prinzessin Leonore, der er einmal in Gegenwart des Hofs

einen Kuß geraubt, zugezogen habe. Daß T. wirklich,

wenn auch mit Unterbrechungen, wahnsinnig war, wurde nur von

wenigen seiner Zeitgenossen bezweifelt. Im St. Annenhospital

verlebte er zuerst zwei Jahre in engem Gewahrsam in einem Zustand

zwischen Gesund- und Kranksein. Oft hatte er ruhige Augenblicke, in

denen er sich auf das schönste bald in Versen, bald in

philosophischen Betrachtungen aussprach; in diese Periode

gehören mehrere der besten seiner "Dialoghi". Am meisten

Kummer machte ihm die Nachricht, daß sein Gedicht in

höchst verstümmelter Gestalt zu Venedig erschienen sei

unter dem Titel: "La Gerusalemme liberata". Nach Ablauf jener zwei

Jahre erhielt er eine bessere Wohnung, durfte Besuche empfangen und

von Zeit zu Zeit ausgehen. Aber vergeblich bot er alles

mögliche auf, seine Freiheit wiederzuerhalten; erst als sich

sein Zustand mehr und mehr verschlimmerte, ließ der Herzog

1586 den Dichter nach mehr als siebenjähriger Gefangenschaft

frei. T. begab sich zuerst nach Man-

531

Tasso - Tassoni.

tua, dann nach Bergamo, wo er den "Floridante" seines Vaters und

sein bereits in Ferrara begonnenes Trauerspiel "Torrismondo"

vollendete, und 1587 nach Rom, wo er zwar sowohl beim Papst als bei

den einflußreichsten Personen wohlwollende Aufnahme fand,

allein ohne daß irgend etwas Wesentliches zu seinen gunsten

geschah. Vergeblich reklamierte er 1588 in Neapel die Mitgift

seiner Mutter und sein väterliches Vermögen, welches

eingezogen worden war, und wechselte in den nächsten Jahren,

nirgends Ruhe findend, mehrmals den Aufenthalt. Trotz dieses

herumschweifenden Lebens entstanden in dieser Zeit mehrere seiner

Werke. So arbeitete er die "Gerusalemme liberata" in eine

"Gerusalemme conquistata" um und schrieb seine "Sette giorni del

mondo creato". Inzwischen hatte Ippolito Aldobrandini, sein alter

Gönner, unter dem Namen Clemens VIII. den päpstlichen

Thron bestiegen, und sein Neffe, der Kardinal Cinzio Aldobrandini,

ein Freund von Kunst und Wissenschaft, versammelte die

ausgezeichnetsten Männer Italiens um sich. Auch T. wurde von

ihm nach Rom berufen und hatte sich hier von seiten des Papstes und

seines Verwandten der glänzendsten Aufnahme zu erfreuen.

Intrigen vertrieben ihn jedoch bald wieder von da, und erst als der

Kardinal Cinzio Aldobrandini, der T. in Rom zu fesseln

wünschte, seinem Oheim vorschlug, T. in feierlicher Weise auf

dem Kapitol zum Dichter zu krönen, kehrte dieser zurück.

Aber bald darauf fiel er in ein hitziges Fieber und starb im

Kloster Sant' Onofrio auf dem Janiculus, wohin er sich hatte

bringen lassen, 25. April 1595, wie es heißt, am Tag vor dem

zu seiner Dichterkrönung festgesetzten. Er ward in der Kirche

des genannten Klosters bestattet. Der Kardinal Bevilacqua von

Ferrara ließ ihm ein Denkmal setzen; ein andres wurde in

neuerer Zeit über seinem Grab errichtet. Auch in Sorrent,

Bergamo, Neapel (von Solari) etc. hat man dem Dichter Statuen

errichtet.

T. gehört zu den fruchtbarsten italienischen

Schriftstellern, und unter seinen poetischen Werken sind fast alle

Gattungen der Dichtkunst vertreten. Sein Hauptruhm aber

gründet sich auf sein Epos "La Gerusalemme liberata", welches

mit Recht zu den Meisterwerken seiner Gattung gerechnet wird,

sowohl wegen der edlen, würdevollen Behandlung des Stoffes,

der vortrefflichen Charakteristik der Hauptpersonen und der

schönen Abrundung des Ganzen als auch wegen der edlen, echt

poetischen Diktion und der musikalischen Schönheit der

Versifikation. Insbesondere sind die geschickt eingewebten Episoden

von großer Schönheit und machen einen Hauptreiz des

Gedichts aus. Zu tadeln ist dagegen der von geschraubten Antithesen

und zugespitzten Wortspielen nicht immer freie Ausdruck. Seine

Umarbeitung des Gedichts in eine "Gerusalemme conquistata", bei

welcher T. den Ausstellungen der Crusca Rechnung trug, ist beinahe

als eine Verirrung zu betrachten und jetzt mit Recht vergessen.

Nächst der "Gerusalemme" ist das Schauspiel "Aminta" Tassos

vorzüglichstes Werk. Sein "Torrismondo" (zuerst Berg. 1587)

gilt für eins der besten italienischen Trauerspiele aus der

ältern Schule; auch seinem "Rinaldo" sowie den religiösen

Gedichten: "Le sette giornate", "Le lagrime di Maria" . "Il monte

Oliveto", "La disperazione di Giuda" fehlt es nicht an schönen

Einzelheiten. Seine aus Sonetten und Kanzonen bestehenden lyrischen

Gedichte ("Rime") endlich gehören zum Teil zu den

schönsten ihrer Art. Von seinen Prosaschriften sind besonders

seine von philosophieschem Geiste durchwehten "Dialoghi" sowie

seine zahlreichen für die Kenntnis der gesamten Zeit wichtigen

"Lettere" (hrsg. von Guasti, Flor. 1852-55, 5 Bde.) hervorzuheben.

Von seinen einzelnen Werken ist namentlich die "Gerusalemme" in

zahllosen Ausgaben verbreitet (erste authentische Ausgaben Parma

1581 u. Mantua 1584; kritische Ausg. von Orelli, Zürich 1838,

von Scartazzini, 2. Aufl., Leipz. 1882). Gesamtausgaben von Tassos

Werken erschienen zu Florenz 1724, 6 Bände, und Venedig

1722-42, 12 Bände; die neueste und vollständigste ist die

von Rosini (Pisa 1820, 30 Bde.). Eine Auswahl ("Opere scelte") in 5

Bänden erschien 1824 in Mailand. Die besten deutschen

Übersetzungen der "Gerusalemme liberata" sind die von Gries

(13. Aufl., Leipz. 1874, 2 Bde.; Stuttg. 1887) und Streckfuß

(mit Biographie, 4. Aufl., Leipz. 1849, 2 Bde.). "Auserlesene

lyrische Gedichte" übersetzte K. Förster (2. Aufl.,

Leipz. 1844). Tassos Biographie schrieb sein Freund Giamb. Manso

(Neapel 1619), vollständiger Serassi (Rom 1785; neue Ausg.,

Flor.1858). Vgl. Rosini, Saggio sugli amori di Torquato T. e sulle

cause della sua prigionia (Pisa 1832); Milman, Life of T. T. (Lond.

1850, 2 Bde.); Cibrario, Degli amori e della prigionia di T. T.

(Tur. 1861); G. Voigt, Torquato T. am Hofe von Ferrara (in Sybels

"Historischer Zeitschrift", Bd. 20, Münch. 1868); Cardona,

Studi novi sopra del T. alienato (in der "Nuova Antologia", Februar

1873); Cecchi, T. T. Il pensiero e le belle lettere italiane nel

secolo XVI (Flor. 1877; deutsch, Leipz. 1880); Ferrazzi, T. T.

(Bassano 1880); Speyer, Torquato T. (im "Neuen Plutarch", Bd. 10,

Leipz. 1884). Unecht sind die von dem Conte M. Alberti

herausgegebenen "Manoscritti inediti di Torquato T." (Lucca 1837

f.).

Tassoni, Alessandro, ital. Dichter, geb. 1565 zu Modena,

studierte in Bologna und Ferrara die Rechte und ward 1597 zu Rom

Sekretär des Kardinals Colonna, den er 1600 nach Spanien

begleitete. Vom Kardinal in persönlichen Angelegenheiten

desselben nach Rom zurückgesandt, ließ er sich dort ganz

nieder, wurde in die Akademien der "Umoristi" und "Lincei"

aufgenommen und eins der eifrigsten Mitglieder derselben. Eine

erste Frucht seiner Arbeiten waren seine "Considerazioni sopra le

rime del Petrarca" (Mod. 1609), wodurch er in eine heftige

litterarische Fehde verwickelt ward, sich aber doch das Verdienst

erwarb, der übertriebenen Verehrung Petrarcas und dem Ansehen

seiner ungeschickten Nachahmer ein Ziel zu setzen. Kaum geringeres

Aufsehen erregten seine "Pensieri diversi" (Rom 1612), in welchen

er den Homer und Aristoteles angriff. 1612 trat er in die Dienste

Karl Emanuels von Savoyen, zog sich aber, als nach langem Warten

seine Beförderung durch Intrigen verhindert wurde, ins

Privatleben zurück, bis 1626 der Kardinal Lodovisio ihn zu

seinem Sekretär und nach des Kardinals Tod Franz I. von Modena

ihn (1632) zu seinem Kammerherrn ernannte. T. starb aber schon

1635. Sein Ruhm beruht vorzugsweise auf seinem heroisch-komischen

Gedicht "La secchia rapita", in 12 Gesängen (Par. 1622),

welches den zwischen den Modenesern und Bolognesern im 13. Jahrh.

über einen von den erstern aus Bologna geraubten Eimer

entstandenen Krieg zum Gegenstand hat. Es ist dies eigentlich das

erste komische Epos der neuern Zeit im strengen Sinn des Wortes und

gehört wegen seiner glücklichen Mischung von Ernst und

Scherz, der Originalität der Gedanken und Bilder, der

Schönheit der echt toscanischen Sprache und der Leichtigkeit

der Versifikation

532

Taste - Tastsinn.

zu den klassischen Werken der Italiener. Die "Secchia rapita"

ist nachher sehr oft wieder gedruckt worden (am besten, Mod. 1744,

Par. 1766, Vened. 1813; deutsch von Kritz, Leipz. 1842). Eine

Anzahl Briefe Tassonis hat Gamba herausgegeben (Vened. 1827).

Taste (ital. Tasto, lat. Clavis), der Teil eines musikal.

Schlaginstruments, der beim Niederdrücken mit dem Finger sich

hinten wie ein Hebel in die Höhe hebt und infolge davon

entweder durch den Schlag eines Hammers (wie beim Pianoforte), oder

durch Öffnen eines Ventils (wie bei der Orgel etc.) die Saite,

Pfeife oder Zunge zum Ertönen bringt. Sämtliche zu einem

Instrument gehörige Tasten nennt man Tastatur oder auch

Klaviatur. Vgl. Klavier.

Taster, s. Palpen.

Tastkörperchen, s. Haut, S. 232.

Tasto solo (abgekürzt t. s.) bedeutet in der

Generalbaßbezifferung, daß zu dem betreffenden

Baßton keine Akkorde gegriffen werden sollen.

Tastsinn (Gefühlssinn), derjenige Sinn, welcher

Über die ganze äußere Körperoberfläche

und den in nächster Nähe dieser gelegenen Teil der

Schleimhäute verbreitet ist und uns vermittelst mechanischer

oder thermischer Reibung über bestimmte Qualitäten und

Zustände der reizenden Objekte sowie deren räumliche

Verhältnisse Auskunft gibt. Der T. verschafft uns zweierlei

ganz verschiedene Empfindungen von spezifischer Natur, nämlich

die Empfindungen des Druckes und der Temperatur. Gehen die Druck-

und Temperatureinflüsse über eine gewisse Grenze hinaus,

so entsteht eine ganz neue Empfindungsform, nämlich der

Schmerz. Es ist nicht bekannt, ob diese Scheidung eine anatomische

Berechtigung hat, d. h. ob für jede der genannten Empfindungen

ein besonderer nervöser Apparat besteht. In der

äußern Haut u. den benachbarten Teilen der

Schleimhäute finden sich eigentümliche nervöse

Nervenendorgane (s. Haut, S. 232), welche aller Wahrscheinlichkeit

nach für das Zustandekommen der Druck- und

Temperaturempfindungen von der größten Bedeutung sind.

Da wir die Empfindungen, welche uns Druck- und

Temperatureinflüsse verursachen, ohne Ausnahme in die

betreffenden Körperteile verlegen (von welchen her sie dem

Gehirn zugeleitet wurden und uns hier zum Bewußtsein kamen),

so unterscheiden wir auch zwei im übrigen völlig gleiche

Eindrücke, welche zwei verschiedene Hautstellen betreffen, als

räumlich gesonderte. Die Organe des Tastsinnes sind also mit

Raumsinn oder Ortssinn begabt. Außerdem fassen wir zwei auf

das Tastorgan nacheinander oder miteinander wirkende Einflüsse

als zeitlich gesonderte oder als gleichzeitige auf. Man kann daher

ebensogut von einem Zeitsinn des Tastorgans wie z. B. von einem

Zeitsinn des Ohrs sprechen. Der Raumsinn zeigt an den einzelnen

Körperstellen sehr verschiedene Grade von Schärfe; man

ermittelt dieselbe am besten mit dem Tastzirkel, einem

gewöhnlichen Zirkel, dessen Spitzen aber nicht so fein sein

dürfen, daß sie die Haut verletzen. Die Spitzen des

Zirkels setzt man auf irgend eine Hautstelle und bestimmt (bei

geschlossenen Augen des zu Prüfenden) den kleinsten Abstand

der Spitzen, bei welchem noch eine zweifache Berührung

wahrgenommen wird. An der Zungenspitze beträgt der kleinste

Abstand, bei welchem zwei Punkte noch als getrennt wahrgenommen

werden, 1 mm. An der ebenfalls noch feinfühligen

Beugefläche des letzten Fingergliedes beträgt der Abstand

bereits 2 mm, an dem roten Teil der Lippen sowie an der

Beugefläche des zweiten Fingergliedes 4, an der Nasenspitze 6

mm, in der Mitte des Oberarms und Oberschenkels sowie an dem

Rücken 35-65 mm. Fortgesetzte Übung erhöht die

Feinheit des Raumsinnes und zwar an sonst minder bevorzugten

Stellen verhältnismäßig mehr als an den feiner

tastenden Hautpartien. Besonders entwickelt ist der Raumsinn des

Blinden. Wie schon erwähnt, haben wir die Tastempfindungen da,

wo die betreffenden Nerven von den Tastobjekten selbst erregt

werden, also an der Oberfläche des Körpers. Unter

Umständen jedoch verlegen wir die Tastempfindungen nach

außen und zwar entweder in nervenlose Teile, welche mit der

tastenden Fläche verbunden sind, oder sogar an das Ende eines

mit der Haut in Berührung kommenden fremden Körpers. Die

Haare z. B. leiten Bewegungen, welche ihnen mitgeteilt werden, bis

zu den empfindenden Hautstellen, aus denen sie hervorwachsen; wir

verlegen aber die dadurch bedingten Empfindungen in die an sich

unempfindlichen Haare. Der Druck, welchen äußere Objekte

auf uns ausüben, wird entweder unmittelbar geschätzt

mittels spezifischer Tastempfindungen (Druckempfindungen) oder

mittelbar dadurch, daß eine von uns gegen den drückenden

Körper ausgeführte willkürliche Bewegung uns zum

Bewußtsein kommt. Im letztern Fall erschließen wir

nämlich die Größe des Druckes oder Gewichts sowohl

aus den begleitenden Muskelgefühlen als auch aus der

Schätzung des Kraftmaßes, des aufzuwendenden

Willensimpulses, welchen wir nötig haben, um dem Objekt

Widerstand zu leisten, oder um es zu heben. Die nämlichen

Hilfsmittel dienen zur Wahrnehmung von Druckunterschieden

(Drucksinn). Man ist im stande, noch zwei Gewichte voneinander zu

unterscheiden, deren Schwere sich wie 40:41 verhält,

vorausgesetzt, daß die Gewichte weder zu schwer noch zu

leicht sind. Zunahme eines auf der Hand lastenden Druckes wird

leichter wahrgenommen als Abnahme desselben. Der Drucksinn zeigt in

den verschiedenen Bezirken der Haut geringere Unterschiede seiner

Feinheit als der Raumsinn. Die Leistungen des Drucksinns sind

geringer als die des Muskelgefühls; durch das letztere

schätzen wir die Druckempfindungen, indem wir die Gewichte auf

die Hand legen und zugleich Bewegungen mit der Hand ausführen.

Die zweite Art von spezifischen Empfindungen, welche uns der T.

vermittelt, sind die Temperaturempfindungen (Temperatursinn). Wir

haben nur innerhalb ziemlich enger Grenzen wirkliche

Temperaturempfindungen. Denn es verursacht uns z. B. das Wasser bei

55° C. keine eigentliche Wärmeempfindung, sondern ein

leises Brennen, während es schon bei einigen Graden unter Null

nicht eigentlich mehr als kalt empfunden wird, sondern uns

Schmerzen verursacht. Temperaturempfindungen entstehen unter

zweierlei Bedingungen, nämlich durch

Temperaturveränderungen der Haut oder durch

Wärmetransmission derselben. Kommt ein Körper, welcher

dieselbe Temperatur wie die Haut besitzt, mit dieser in

Berührung, so erscheint er uns weder kalt noch warm. Letzteres

ist aber sofort der Fall, wenn jener Körper unsre Haut durch

Zuleitung von Wärme höher temperiert, oder wenn er sie

durch Wärmeentziehung abkühlt. Bleibt die Temperatur der

Haut konstant, so haben wir keine oder nur sehr schwache

Wärmeempfindungen; die verschieden temperierte Haut der

Wangen, Hände und Füße z. B. erweckt in uns keine

Temperaturempfindungen. Sind aber die bei konstanter Temperatur der

Haut in einer bestimmten Zeit nach außen abgegebenen oder von

da aufgenommenen Wärmemengen verhältnismäßig

bedeutend, so haben wir das Gefühl anhaltender

533

Tastwerkzeuge - Tataren.

Kälte oder anhaltender Hitze. Objektive

Temperaturempfindungen entstehen somit nicht bloß bei

Veränderungen der Hauttemperatur, sondern auch beim Durchgang

bedeutender Wärmemengen durch die konstant temperiert

bleibende Haut. Wir vermögen zwischen 14 und 29° R. noch

Temperaturunterschiede von 1/5-1/6°, jedoch nur bei sehr

großer Aufmerksamkeit, zu erkennen. Am bevorzugtesten sind in

dieser Beziehung die Zungenspitze, die Gesichtshaut, die Finger.

Die Fähigkeit für Temperaturwahrnehmungen wird durch

verschiedene Umstände vorübergehend beeinträchtigt,

so z. B. schon durch Eintauchen der Hand in Wasser von einigen 50

Grad, durch Schmerzen verschiedener Art u. dgl. Ist eine Hautstelle

durch Eintauchen in niedrig temperiertes Wasser (z. B. von 10°)

abgekühlt worden, so empfindet man beim Einbringen derselben

in Wasser von z. B. 16° einige Sekunden hindurch Wärme, so

lange nämlich, als die Hauttemperatur von 10 auf 16°

steigt. Dann erst folgt anhaltendes Kältegefühl. Die

jeweilige Temperatur der Haut veranlaßt also falsche

Beurteilungen der objektiven Temperatur. Schnelle

Temperaturveränderungen der Haut bedingen lebhaftere

Empfindungen. Kalte Körper, welche die Wärme gut leiten,

wie Metalle, halten wir deshalb (weil sie der Haut die Wärme

schnell entziehen) für viel kälter als andre gleich

kalte, welche schlechte Wärmeleiter sind, wie z. B. Holz,

Stroh etc. Die Hand empfindet das gleiche Gefühl des Brennens

bei Luft von 120°, bei Holz von 80° und bei Quecksilber von

50°, weil die Luft langsamer als das Holz, dieses langsamer als

das Quecksilber die Wärme an den Körper abgibt. Kleine

Hautstrecken verursachen schwächere Temperatureindrücke

als größere. Taucht man z. B. einen Finger der linken

Hand in Wasser von 32° R., die ganze rechte Hand dagegen in ein

solches von 28½°, so erscheint uns letzteres gleich wohl

wärmer als das erstere, während der Unterschied sofort

den wirklichen Verhältnissen entsprechend erscheint, wenn man

beide Hände ganz eintaucht. Die Fundamentalarbeit über

den T. verdanken wir E. H. Weber: "Über T. und

Gemeingefühl" in Wagners "Handwörterbuch der

Physiologie".

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 154 / 302 段