Seelen (1861: 232,551), darunter ca. 10,000 Reformierte. Von der
Oberfläche kommen 223,536 Hektar auf Äcker, 22,366 auf
Wiesen, 48,720 auf Weinberge, 48,050 auf Wälder, 10,138 Hektar
auf Heiden und Weiden. Die wichtigsten Produkte sind: Getreide
(durchschnittlich 2 Mill. hl), vor allem Weizen, dann Hafer und
Mais, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Hanf, Flachs,
Futterrüben, Wein (bis zu 1 Mill. hl), Obst, Holz, Seide,
treffliche Pferde, Rindvieh (89,039 Stück), viel
Geflügel, Marmor und Bausteine. Neben dem Ackerbau, als der
Haupterwerbsquelle der Bewohner, ist die Industrie von keinem
großen Belang und nur durch einige Seidenfilanden,
Seidenabfallspinnereien, Papier-, Kerzen- und Seifenfabriken
vertreten. Von größerer Bedeutung ist der Handel mit den
Landesprodukten, für welche Montauban der Hauptstapelplatz
ist. Die Eisenbahn von Bordeaux nach Toulouse (mit der Abzweigung
von Montauban nach Lexos) durchschneidet das Departement. Es
zerfällt in drei Arrondissements: Castelsarrasin, Moissac und
Montauban; Hauptstadt ist Montauban. Vgl. Moulenq, Documents
historiques surleTarn-et-Garonne (Montauban 1879-85, 3 Bde.).
Tarnkappe (v. altd. tarnan, verbergen, auch Tarnhaut,
Nebelkappe), in der deutschen Mythologie ein Mantel, welcher
unsichtbar machte und zugleich die Kraft von zwölf
Männern verlieh. Vgl. Elfen und Zwerge.
Tarnobrzeg, Studt in Galizien, an der Weichsel und der
Eisenbahn Dembica-Rozwadow, Sitz einer Bezirkshauptmannschaft und
eines Bezirksgerichts, mit (1880) 3460 Einw.
Tarnogrod, Stadt im russisch-poln. Gouvernement Lublin, Kreis
Bjelgorai, an der galizischen Grenze, hat starke Leinweberei und
(1885) 5436 Einw. (viele Juden); geschichtlich merkwürdig
durch den hier 26. Nov. 1715 geschlossenen Bund des polnischen
Adels gegen die sächsische Armee.
Tarnopol, Stadt in Ostgalizien, am Sereth und an der
Eisenbahn Lemberg-Podwoloczyska (Linie nach Odessa), Sitz einer
Bezirkshauptmannschaft, eines Kreisgerichts und einer
Finanzbezirksdirektion, hat ein Obergymnasium, Unterrealschule,
Lehrerbildungsanstalt, Jesuitenkollegium mit Privatgymnasium,
Stärkefabrikation, Dampfmühle, Ziegelbrennerei, lebhaften
Handel und (1880) 25,819 Einw. (darunter 13,500 Juden).
Tarnow, Stadt in Galizien, nahe der Mündung oer
Biala in den Dunajec, Station der Karl Ludwigs-Bahn
(Krakau-Lemberg), in welche hier die Staatsbahnlinie Stroze-T.
einmündet, ist Sitz einer Bezirkshauptmannschaft, eines
römisch-katholischen Bischofs und Domkapitels, eines
Kreisgerichts, einer Finanzbezirksdirektion und eines
Hauptzollamtes, hat eine alte Domkirche, ein schönes Rathaus,
eine theologische Lehranstalt, ein bischöfliches Seminar, ein
Obergymnasium, eine Lehrerbildungsanstalt, mehrere Klöster,
eine Waisenanstalt, Sparkasse, Fabrikation von landwirtschaftlichen
Maschinen, Zichorienfabrik, Glashütte, Dampfmühle,
bedeutenden Handel und (1860) 24,627 Einw. (davon 11,349
Juden).
Tarnow, Fanny, Schriftstellerin, geb. 27. Dez. 1783 zu
Güstrow in Mecklenburg, lebte auf dem väterlichen Gut
Neubuckow, ging 1816 nach dem Tod ihrer Mutter zu einer Freundin
nach Petersburg, wo sie viel mit Klinger verkehrte, verließ
aber des rauhen Klimas wegen Rußland bald wieder und hatte
seit 1820 ihren Wohnsitz in Dresden, seit 1828 in Weißenfels,
zuletzt in Dessau, wo sie 20. Juni 1862 starb. Ihre Romane und
Novellen, deren lange Reihe "Natalie" (Berl. 1811) eröffnete,
und zu denen auch das Buch "Zwei Jahre in Petersburg" (Leipz. 1833)
gehört, waren zu ihrer Zeit bei der Frauenwelt sehr beliebt,
ohne daß sie auf künstlerischen Wert Anspruch machen
könnten. Gesammelt erschienen eine "Auswahl" (Leipz. 1830, 15
Bde.) und "Gesammelte Erzählungen" (das. 1840-42, 4 Bde.).
Vgl. Amely Bölte, Fanny T., ein Lebensbild (Berl. 1865).
Taruowitz, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk
Oppeln, Knotenpunkt der Linien Breslau-T., Kreuzburg-T.,
T.-Schoppinitz und T.-Tarnowitzerhütte der Preußischen
Staatsbahn, 326 m ü. M., hat eine evangelische und eine kath.
Kirche, eine Synagoge, ein Realgymnasium, eine Bergschule, ein
Kreiswaisenhaus, ein Rettungshaus, ein Amtsgericht, eine
Berginspektion, den Vorstand des Oberschlesischen
Knappschaftsvereins, Bergbau auf Eisen, ein großes Eisenwerk,
Fabrikation von Trottoirplatten, Stöcken, Seife, Tüten
und Zigarrenspitzen, Dampfmahl- und Schneidemühlen und (1885)
8618 meist kath. Einwohner. In der Nähe die Friedrichsgrube,
eine Bleierzgrube, deren Erze in der nahen Friedrichshütte
verhüttet werden. T. ward 1526 angelegt und erhielt 1562
Stadtrechte.
Tarnowski, Stanislaus, Graf, poln. Litterarhistoriker,
geb. 7. Nov. 1837 zu Dzikow in Galizien, studierte zu Krakau und
Wien, erlitt 1863-65 anläßlich des Aufstandes eine
zweijährige Haft, begründete dann mit Szujski die
konservative Zeitschrift "Przeglad Polski", war 1867-70
Reichsratsabgeordneter, wandte sich dann aber ganz den
wissenschaftlichen Studien zu und wurde im November 1871 zum
ordentlichen Professor der polnischen Litteratur an der Krakauer
Universität und 1884 zum Mitglied des Herrenhauses ernannt.
Unter seinen zahlreichen literarhistorischen Monographien (in poln.
Sprache), die sich insgemein durch Gründlichkeit, Schärfe
des Urteils und Eleganz der Sprache auszeichnen, sind
hervorzuheben: "Geschichte der vorchristlichen Welt", "Über
den polnischen Roman am Anfang des 19. Jahrhunderts", "Über
den Verfall der polnischen Litteratur im 18. Jahrhundert",
"Über die Lustspiele Fredros". "Shakespeare in Polen" und
insbesondere sein klassisches Hauptwerk: "Die polnischen
politischen Schriftsteller des 16. Jahrhunderts" ("Pisarze
polityczni XVI wieku"; Krak. 1886, 2 Bde.).
Taro, s. Colocasia.
Tarock, kompliziertes Spiel unter drei Personen mit einer
eignen, 78 Blätter starken Karte, die französischen
Ursprungs sein soll. Zu den gewöhnlichen 52 Blättern
kommen noch hinzu: 4 Cavalls (Reiter), 21 Tarocks, Trümpfe
oder Stecher (Karten mit I bis XXI bezeichnet) und ein einzelnes
Blatt, der Skis. Die Kartenfolge läuft in den roten Farben vom
As herab zur Zehn und in den schwarzen umgekehrt von der Zehn herab
zum As. Der Geber gibt in Würfen zu 5 jedem 25 Blätter,
die drei letzten behält er noch für sich, weil er das
Recht hat, 3 Karten in den Skat zu legen. 59 Blätter sind
leere (Latons), 19 aber Zähler. Der König gilt 5, die
Dame 4. der Cavall 3, der Bube 2. Der I (der Pagat), der XXI (der
Mond) und der Skis gelten an sich je 5, können aber beim
Ansagen als Matadore oder als Tarocks unter Umständen noch
besonders zählen. Der Skis (richtiger Sküs, von excuser)
sticht weder, noch wird er gestochen; er erscheint bald als T.,
bald als Laton, bald als Bild, ja auch in allen drei Eigenschaften
zusammen. Als T. benutzt man den Skis, wenn man 9 Tarocks neben ihm
hat (man sagt
524
Tarots - Tarquinius Superbus.
dann 10 Tarocks an), ferner, wenn man T. fordern will oder ein
Mitspieler T. gefordert hat. In letztern Fällen sagt man: "Ich
skisiere (exküsiere) mich!" legt den Skis in seine Stiche und
gibt aus diesen einen Laton oder leeren T. an den ab, welcher den
letzten Stich machte. Als Bild fungiert der Skis beim Ansagen eines
halben (skisierten) Königreichs oder einer halben oder
skisierten Kavallerie (3 Könige, resp. 3 Bilder einer Farbe
und der Skis). 4 Könige gelten als ganzes Königreich, 4
Bilder einer Farbe als ganze oder natürliche Kavallerie. Hat
man zu 15 Latons den Skis, so darf man 16 Latons ansagen. Als Laton
benutzt man auch den Skis, wenn man ein Blatt einer angezogenen
Farbe nicht weggeben will. Da der Skis nicht sticht, kann man nicht
die Vole mit ihm machen, wohl aber sich stichfrei spielen. Man
muß den Skis vor den 5 letzten Blättern ablegen, weil er
sonst dem Gegner zufällt. Hat der Geber Skat gelegt, so folgt
das Ansagen. 10 Tarocks gelten 10, jeder T. über 10 gilt 5,
eine ganze Kavallerie 10 etc. Diese Posten werden jedem Ansagenden
von den Mitspielern sogleich bezahlt. Jede Ansage muß auf
Verlangen aufgezeigt werden. Nach dem Ansagen beginnt das Spiel.
Hierbei wird Farbe bekannt; wer Renonce ist, muß mit einem T.
stechen. Bei den Tarocks sticht die höhere Zahl die niedere.
Soviel man in seinen Stichen über 26 Augen erlangt, hat man
gewonnen, was daran fehlt, muß bezahlt werden. Ein besonderes
Ziel des Spielers ist es, den Pagat zu ultimieren, d. h. den
letzten Stich mit ihm zu machen, bez. das Ultimieren des Pagat zu
verhindern. Für den ultimierten Pagat erhält man von
jedem Mitspieler l0 Points, für den ultimo abgestochenen
muß der Pagatist jedem andern 10 Points geben. Das
Stichfreispielen sagt man an beim 1. oder 13. Stich, die Vole darf
man auch vor den letzten sechs Blättern noch melden. In den
Skat legen darf man alle Latons, alle Bilder mit Ausnahme der
Könige, aber einen T. nur dann, wenn man nur 3 oder weniger u.
nicht den XXI hat. Den Skis legt man nur, wenn man die Vole machen
will. Vgl. Werner, Das moderne Tarockspiel (Wien 1883); Ulmann,
Illustriertes Wiener Tarockbuch (das. 1887).
Tarots (franz., spr. -oh), Tarockkarte (s. Tarock); in
der Typographie s. v. w. Unterdruck, Untergrund auf
Wechselformularen, Wertpapieren etc., ähnlich dem Muster der
Rückseite der Tarockkarte; tarotiert, mit solchem Unterdruck
versehen.
Tarpau, s. Pferde, S.945.
Tarpawlings (spr. tarpáh-), s. Jute, S. 341.
Tarpejischer Fels, südliche Spitze des
Kapitolinischen Hügels in Rom (über der heutigen Kirche
Santa Maria della Consolazione), von wo in den ältern Zeiten
der Republik und dann wieder zur Kaiserzeit Verbrecher und
Vaterlandsverräter hinabgestürzt wurden. Benannt war die
Stätte nach Tarpeja, der Tochter des kapitolinischen Burgvogts
Spurius Tarpejus, durch deren Verrat, wie die Sage berichtet, sich
die Sabiner unter Titus Tatius der wichtigen Burg bemächtigt
hatten, wofür Tarpeja, statt belohnt, von ihnen getötet
wurde. Sie hatte auf dem Felsen auch ihr Grab, wo ihr
alljährlich Totenopfer dargebracht wurden. Vgl. Krahner, Die
Sage von der Tarpeja (Friedland 1858).
Tarporley (spr. tárrporli), altes
Marktstädtchen in Cheshire (England), 16 km
südöstlich von Chester, mit Strumpfwaren- und
Lederhosenfabrikation und (1881) 2669 Einw.
Tarquinii, im Altertum eine durch ihre Kunstübung
berühmte Stadt Etruriens, wahrscheinlich Mutterstadt der
zwölf Bundesstädte, lag auf einem Hügel am
Fluß Marta. Durch die Kriege mit Rom im 4. Jahrh. v. Chr. kam
die Stadt herab und lag schon zur Kaiserzeit in Ruinen. Dieselben
finden sich auf dem Hügel Turchina bei Corneto, namentlich die
griechischen Einfluß verratende Nekropole, deren Aufdeckung
die Museen Europas mit den herrlichsten Vasen und andern
Kunstwerken gefüllt und in Corneto die Gründung eines
etruskischen Museums veranlaßt hat.
Tarquinius Priscus, Lucius, fünfter röm.
König (616-578 v. Chr.), Sohn des Korinthers Demaratos und
einer Tarquinierin, geboren zu Tarquinii, wanderte, da er dort als
Sohn eines Fremdlings keine Ehrenstelle erlangen konnte, auf den
Rat seiner mit der Gabe der Weissagung ausgestatteten Gemahlin
Tanaquil nach Rom aus. Hier machte er sich sowohl beim König
Ancus Marcius als beim Volk sehr beliebt; er wurde daher vom
sterbenden König zum Vormund seiner beiden Söhne ernannt
und konnte sich nach dessen Tod selbst der Herrschaft
bemächtigen. Er vollendete die Unterwerfung Latiums, besiegte
die Sabiner und verwendete die gewonnene Beute zur Ausführung
großer Bauten. Dahin gehören vor allen: der große
Abzugskanal (cloaca maxima), wodurch namentlich das Forum trocken
gelegt wurde, die Anlage des Circus maximus, der Beginn einer
Stadtmauer und des kapitolinischen Tempels. Der dritten
Stammtribus, den Luceres, gewährte er die Aufnahme in den
Senat, indem er aus ihnen als Patres minorum gentium 100 neue
Senatoren den frühern 200 hinzufügte. Da seine Absicht,
drei neue Tribus, wahrscheinlich aus den Plebejern, zu bilden,
scheiterte, begnügte er sich, die Zahl der Ritter, die dadurch
auf 1800 stieg, zu verdoppeln, ohne den drei alten Centurien neue
unter besondern Namen hinzuzufügen. Er wurde von den
Söhnen des Ancus, denen er den Thron entzogen, 578 ermordet,
sein Tod aber durch die Klugheit der Tanaquil so lange verhehlt,
bis es seinem Schwiegersohn Servius Tullius gelungen war, sich die
Nachfolge zu sichern.
Tarquinius Superbus, Lucius, Roms siebenter und letzter
König (534-510 v. Chr.), Sohn des Tarquinius Priscus. Servius
Tullius hatte ihn und seinen Bruder Aruns mit seinen Töchtern,
die beide den Namen Tullia führten, verheiratet, um sie
dadurch zu gewinnen und sie wegen ihrer Verdrängung vom Thron
zu versöhnen. Allein Lucius vereinigte sich mit der
jüngern Tullia, der Gemahlin des Aruns, zu dem
verbrecherischen Plan, Servius Tullius gewaltsam vom Thron zu
stoßen; Aruns und die ältere Tullia wurden durch ihre
beiderseitigen Gatten aus dem Wege geräumt, und nun ließ
sich T. in der Kurie des Senats zum König ausrufen. Als
Servius Tullius herbeieilte, um ihn zur Rede zu stellen,
stieß er den schwachen Greis die Stufen der Kurie hinab und
ließ ihn durch nachgesandte Bewaffnete töten; Tullia
aber, welche sofort ihren Gemahl in der Kurie als König
begrüßte, scheute sich nicht, auf dem Heimweg über
den Leichnam ihres Vaters hinwegzufahren, so daß sie mit
dessen Blut bespritzt zu Hause anlangte. Die Regierung des T.
entsprach der Art und Weise, wie er dieselbe an sich gerissen
hatte. Es gelang ihm zwar, die Latiner völlig zu unterwerfen,
auch wurde die benachbarte Stadt Gabii durch die List und den
Verrat seines Sohns Sextus in seine Gewalt gebracht, und in Rom
selbst setzte er den Bau der unterirdischen Kanäle fort und
vollendete den Bau des kapitolinischen Tempels. Dagegen erbitterte
er das ganze Volk durch Grausamkeit und Willkür und
insbesondere durch die
525
Tarraco - Tarsos.
Härte, mit der er die ärmern Bewohner zu Fronarbeiten
zwang. Als daher, während er selbst mit dem Heer vor dem
belagerten Ardea lag, sein Sohn Sextus die Lucretia (s. d.) entehrt
hatte, rief Junius Brutus das Volk zur Empörung auf; T. eilte
zwar von Ardea nach der Stadt, wurde aber von dieser und nachher
auch vom Lager ausgeschlossen und in Rom die Republik
eingeführt. Vergebens suchte er hierauf mit Hilfe der
Tarquinier, die beim Wald Arsia geschlagen wurden, des Königs
Porsena (s. d.) von Clusium und endlich der Latiner, die am See
Regillus gegen die Römer unterlagen, den Thron
wiederzuerobern. In letzterer Schlacht fielen auch seine Söhne
Titus und Aruns; er selbst starb als Flüchtling 495 in
Cumä. Sextus begab sich nach Gabii, wo er von denen, die
für seinen an Gabii verübten Verrat Rache suchten,
ermordet wurde.
Tarraco, Stadt in dem nach ihr benannten
tarraconensischen Hispanien, im Gau der Cessetaner, eine uralte
Felsenfeste, durch Augustus, der die Verwaltung der Provinz dahin
verlegte, mit einem künstlichen Hafen versehen und mit vielen
Prachtbauten geschmückt, deren Reste das jetzige Tarragona (s.
d.) anfüllen. Die Provinz Hispania Tarraconensis umfaßte
den ganzen nördlichen und östlichen Teil des Landes und
übertraf an Umfang die beiden andern Provinzen
zusammengenommen. Als Hauptvölker sind zu nennen: die
Kontestaner, Edetaner und Cessetaner im O., die Ilergeten,
Vaskonen, Kantabrer, Asturier und Galläken im N., die
Keltiberer und Karpetaner in der Mitte des Landes, die Oretaner und
Bastetaner im S. Hauptstädte waren außer T.: Carthago
Nova, Saguntum, Calagurris, Barcino, Bilbilis, Numantia, Toletum
etc.
Tarragona, span. Provinz, den südlichsten Teil der
Landschaft Katalonien umfassend, grenzt im N. an die Provinz
Lerida, im O. an Barcelona, im S. an das Mittelländische Meer,
im W. an Castellon, Teruel und Saragofsa und hat einen
Flächenraum von 6490 qkm (117,8 QM.). Das Innere des Landes
ist großenteils gebirgig und enthält unter anderm die
Berggruppen des Tosal del Rey (1392 m), Monte Caro (1413 m),
Montsant (1071 m), Puig de Montagut (953 m). Ebenen bilden die
Meeresküste und die Thäler einzelner
Küstenflüsse. Die Provinz enthält den Unterlauf des
Ebro mit dem Mündungsdelta, dann von wichtigern
Küstenflüssen den Francoli und Gaya. Die Bevölkerung
belief sich 1878 auf 330,105 Seelen (51 pro QKilometer) und wurde
1886 auf 345,000 Seelen geschätzt. Produkte sind: Getreide,
sehr viel Öl, Seide, viel Wein (1887 wurden auf 110,060 Hektar
1,6 Mill. hl geerntet), Südfrüchte und andres Obst,
insbesondere Mandeln, Haselnüsse, Johannisbrot, Lakritzen,
dann Bleierz, Braunstein und Salz. Die lebhafte Industrie erzeugt
Baumwoll-, Seiden- und Lederwaren, Steingut, Seife, Papier, Essig,
Weingeist etc. Der Handel findet in mehreren Häfen, dann in
der Küstenbahn Barcelona-Valencia Förderungsmittel. Die
Provinz umfaßt acht Gerichtsbezirke (darunter Reus, Tortosa,
Valls). Die gleichnamige Hauptstadt, an der Mündung des
überbrückten Francoli ins Mittelländische Meer und
an der Küstenbahn, welche hier über Reus nach Lerida
abzweigt, gelegen, zerfällt in die obere,
unregelmäßig gebaute, von starken Festungswerken
umgebene Altstadt und die untere, regelmäßig angelegte,
durch das Fuerte Real verteidigte Neustadt. Im W. liegt das Fort
Olivo, am Hafen das Fort Francoli. Die Stadt hat eine
prächtige, 1120 erbaute gotische Kathedrale, viele andre
Kirchen, ein Instituto, Seminar, eine Normalschule, Akademie der
schönen Künste, ein Altertumsmuseum, ein Theater und
einen guten Hafen. Von Altertümern aus der Römerzeit
finden sich noch die schöne Wasserleitung Puente de las
Ferreras, Ruinen eines Amphitheaters, eines Palastes des Kaisers
Augustus etc., der schöne Triumphbogen Arco de Sura und 6 km
von der Stadt das unter dem Namen des "Turms der Scipionen"
bekannte Denkmal, welches die Asche der Scipionen enthalten soll.
Die Stadt zählt (1886) 23,152 Einw. Die Industrie erstreckt
sich auf Spinnerei und Weberei (insbesondere in Seide, auch in
Jute), Filz-, Spitzenfabrikation u. a. Von großer Bedeutung
sind Handel und Schiffahrt. 1887 sind 1202 Schiffe von 500,723 Ton.
im Hafen eingelaufen. Die Einfuhr hatte einen Wert von 31,2, die
Ausfuhr einen solchen von 32,2 Mill. Pesetas. Hauptartikel sind
beim Import Spiritus (meist aus Deutschland), Getreide (aus
Rußland), Holz, Stockfisch, Kohle, Eisen, Schwefel; beim
Export Wein (705,464 hl), dann Weingeist, Haselnüsse, Mandeln,
Lakritzen, Weinstein. T. ist Sitz des Gouverneurs und eines
Erzbischofs (mit dem Titel "Fürst von T.") sowie eines
deutschen Konsuls. - Die Stadt T. (Tarrakon, röm. Tarraco) war
in der Römerzeit die Hauptstadt des tarraconensischen Spanien.
Während der Völkerwanderung hatte sie unter den
Einfällen der Sueven, Vandalen und Goten viel zu leiden. 714
wurde sie von den Mauren nach dreijähriger Belagerung erobert
und gänzlich verwüstet, über drei Jahrhunderte
später (1038) aber von den Grafen von Barcelona wieder
aufgebaut. Das nach 1038 gegründete Bistum ward 1154 zum
Erzbistum erhoben. 1119 wurde die Stadt von Alfons I. von Aragonien
den Arabern abgenommen. Am 28. Aug. 1811 eroberte sie der
französische General Suchet mit Sturm. Im August 1813 ward sie
von den Engländern belagert, und da Suchet sie nicht
länger behaupten konnte, ließ er die Festungswerke 8.
Aug. 1813 sprengen, wobei die Stadt sehr litt. 1833 ward T.
Hauptstadt der Provinz.
Tarrasa, Bezirksstadt in der span. Provinz Barcelona, an
der Bahnlinie Saragossa-Barcelona, mit Tuch-, Flanell- und
Baumwollfabriken und (1878) 11,193 Einw.
Tarrasbüchsen (tschech. tarras, "Bollwerk, Schirm,
daher auch Schirmbüchsen), in den Hussitenkriegen als
Wallgeschütz und im Feld hinter Schirmen aus Bohlen gebrauchte
Geschütze meist kleinen Kalibers.
Tarrytown (spr.-taun), Dorf im nordamerikan. Staat New
York, am Hudson, mit Taubstummenanstalt, Villen und (1880) 3025
Einw.
Tarsius, s. Koboldmaki.
Tarso, Gebirgsstock in Tibesti (s. d.).
Tarsos, im Altertum Hauptstadt von Kilikien in
Kleinasien, am Kydnos (Tarsus Tschai), vom assyrischen König
Sanherib (705-681) gegründet und seit 607 Sitz eigner,
später unter persischer Hoheit stehender Könige, gelangte
besonders zu Ansehen, als sich unter den Seleukiden viele Griechen
hier niederließen, welche einen schwunghaften Handel trieben.
Die dortige Philosophenschule blühte namentlich unter den
ersten römischen Kaisern. Antonius oder Augustus verlieh der
Stadt das Recht der sogen. freien Städte. Von besonderer
Wichtigkeit war T. in den Partherkriegen der Römer, und selbst
noch unter den Arabern war es eine volkreiche Stadt. Später
sank ihr Wohlstand. T. war auch Geburtsort des Apostels Paulus.
Jetzt Tersus, in der Provinz Adana, mit 8-10,000 Einw. (darunter
viele Sattler, Gerber und
526
Tarsus - Tarudant.
Zeltmacher) und Ausfuhr von Baumwolle, Südfrüchten,
Getreide, Wolle, Sesam etc. Mit Mersina und Adana steht es durch
Eisenbahn in Verbindung.
Tarsus (griech.), die Fußwurzel, d. h. die Knochen
am Anfang des Fußes (s. d.). Bei den Insekten ist T. oder
Fuß der letzte Abschnitt des Beins und besteht selbst wieder
meist aus fünf aneinander beweglichen Gliedern; das letzte von
diesen trägt gewöhnlich zwei Klauen oder Krallen, oft
auch noch sogen. Haftlappen.
Tarsza (spr. tarscha), Eduard, Pseudonym, s. Grabowski
1).
Tartaglia (ital., spr. -tallja, "Stotterer"), Name einer
komischen Maske des neapolitanischen Volkslustspiels.
Tartaglia (spr. -tallja, lat. Tartalen), Niccolò,
Mathematiker, geboren zu Brescia am Anfang des 16. Jahrh., wurde
als Kind von einem Soldaten derart mißhandelt, daß er
zeitlebens stotterte, wovon er den Namen T. (der Stotterer)
empfing. Sein Familienname war bis vor kurzem nicht bekannt; in
seinem 188l von Boncompagni veröffentlichten Testament nennt
er aber einen gewissen Zampiero Fontana als seinen legitimen
leiblichen Bruder. Er studierte Latein, Griechisch und Mathematik,
und von 1530 an war er in Verona, Piacenza, Venedig, Mailand und
zuletzt wieder in Venedig als Lehrer thätig. Er starb 14. Dez.
1557. T. kannte bereits den binomischen Lehrsatz für ganze
positive Exponenten, behandelte Probleme der
Wahrscheinlichkeitsrechnung, nahm zahlreiche Bestimmungen des
spezifischen Gewichts vor und vervollkommte die Ballistik;
hauptsächlich aber ist er berühmt durch seine
Auflösung der kubischen Gleichungen, deren
Veröffentlichung durch Cardanus Anlaß gab zu einem
heftigen litterarischen Streit mit Cardanus und dessen Schüler
Ferrari (vgl. Cardanische Formel).Tartaglias Hauptwerk: "General
trattato de' numeri e misure" (Vened. 1556-60, 3 Bde.),
enthält diese Lösung nicht; der Bericht über
dieselbe ist in seinen "Quesiti ed inventioni diverse" (das. 1554)
enthalten. Der Darstellung Tartaglias, die Hankel ("Zur Geschichte
der Mathematik", Leipz. 1874) reproduziert, hat Gherardi eine andre
entgegengestellt (Grunerts Archiv, 52. Teil). Vgl. Matthiessen,
Grundzüge der antiken und modernen Algebra, S. 367 (Leipz.
1878).
Tartan, der gewürfelte Wollenstoff, den die Schotten
bei ihrer Nationaltracht zu Mänteln und Kilts (s. d.)
verwenden; auch das Kleidungsstück selbst.
Tartane (roman.), bei den Italienern, Spaniern etc. ein
kleines ungedecktes Piratenschiff, später ein Fischerfahrzeug
mit Pfahlmast, großem lateinischen Segel und zwei
Klüvern am Klüverbaum, während die
österreichische T. ein gedecktes, zweimastiges
Küstenfahrzeug mit trapezoidischen Segeln ist. In Spanien
heißt T. auch eine Art zweiräderiger Wagen.
Tartarei, unrichtig für Tatarei (s. d.).
Tartaros, bei Homer tiefer Abgrund unter der Erde, so
weit unter dem Hades, als der Himmel über der Erde ist, durch
eherne Pforten geschlossen; später die ganze Unterwelt oder
derjenige Teil derselben, wo die Verdammten ihre Qualen leiden, im
Gegensatz zu den elysischen Gefilden, dem Aufenthaltsort der
Seligen. Personifiziert ist T. der Sohn des Äther und der
Gäa und von dieser Vater der Giganten. Vgl. Hölle.
Tartarus (lat.), Weinstein, saures weinsaures Kali; T.
ammoniatus, weinsaures Kaliammoniak; T. boraxatus, Boraxweinstein,
s. Borax (S. 210); T. depuratus, Cremor tartari, gereinigter
Weinstein; T. emeticus, stibiatus, Brechweinstein (s. d.); T.
ferratus, martiatus, chalybeatus, Eisenweinstein, s.
Eisenpräparate; T. natronatus, weinsaures Kalinatron; T.
solubilis, tartarisatus, neutrales weinsaures Kali; T. vitriolatus,
schwefelsaures Kali.
Tartas (spr. -tas), Stadt im franz. Departement Landes,
Arrondissement St.-Sever, an der Midouze mit altem Stadthaus und
(1881) 2110 Einw.; steht im Rufe von Krähwinkel.