Freiherr von und zu der, bayr. General, geb. 18. Juni 1815 zu
Darmstadt als Sohn des 1848 verstorbenen bayrischen Kämmerers
Freiherrn Heinrich von und zu der T. und einer Freiin von
Rathsamhausen aus einer erloschenen elsässischen Familie, trat
1833 als Leutnant in die bayrische Artillerie, ward 1840 in den
Generalstab versetzt, 1844 Adjutant des Kronprinzen Maximilian und
bald Major, ging 1848 beim Ausbruch des Kriegs in
Schleswig-Holstein dahin, wo er in kurzem in das Freischarenwesen
Ordnung zu bringen wußte und bei Altenhof und Hoptrup
glänzende Waffenthaten verrichtete, ward 1849 Chef des
Generalstabs der unter dem Prinzen Eduard von Sachsen-Altenburg
stehenden Division und trat im Juli 1850 als Oberst und
Generalstabschef des Generals Willisen in die
schleswig-holsteinische Armee, mit der er bei Idstedt, Missunde und
Friedrichstadt kämpfte. Nach Bayern zurückgekehrt, ward
er Oberstleutnant und Adjutant des Königs Maximilian II., 1855
Generalmajor, 1860 Generaladjutant des Königs und 1861
Generalleutnant und Generalkommandant in Augsburg, dann in
München. 1866 wurde er zum Generalstabschef des Prinzen Karl,
des Oberbefehlshabers der süddeutschen Kontingente, ernannt,
schloß mit Österreich zu Olmütz die Konvention vom
14. Juni ab und leitete die Operationen der Bayern im Juli, deren
unglücklicher Verlauf von der ultramontanen Presse besonders
T. schuld gegeben wurde, so daß derselbe den Angriffen durch
eine Anklage des "Volksboten" ein Ende machen mußte. (Vgl.
"Die bayrische Heerführung und der Chef des Generalstabs,
Generalleutnant Freiherr v. d. T., vor den Geschworen etc.,
Kissing. 1866.) T. blieb nach dem Kriege Generaladjutant des
Königs und Divisionskommandeur und wurde 1869 zum General der
Infanterie und Kommandeur des 1. bayrischen Korps befördert.
An der Spitze desselben kämpfte er 1870 mit Auszeichnung bei
Wörth, Beaumont und Sedan, erhielt Anfang Oktober den
Oberbefehl über eine aus seinem Korps, der 22.
preußischen Infanterie- sowie der 1. und 4.
Kavalleriedivision gebildete Armeeabteilung, siegte 10. Okt. bei
Orléans, das er besetzte, zog sich nach tapferer Gegenwehr
gegen die französische Übermacht bei Coulmiers 9. Nov.
nach Norden zurück, kämpfte 2.-10. Dez. unter dem
Großherzog von Mecklenburg in mehreren blutigen Gefechten bei
Orléans und kehrte Ende Dezember 1870 zur Zernierungsarmee
vor Paris zurück. Er starb als Kommandeur des 1. bayrischen
Armeekorps 26. April 1881 in Meran. Vgl. Zernin, Freih. Ludw. von
und zu der T. (Darmstadt 1883); Helvig, Ludw., Freih. v. T. (Berl.
1884).
Tannroda, Stadt im weimar. Verwaltungsbezirk Weimar I, an
der Ilm und der Eisenbahn Weimar-T.-Kranichfeld, 294 m ü. M.,
hat eine evang. Kirche, eine Burgruine, eine Oberförsterei,
Korbflechterei, eine Dampfschneide-, Mahl-, Gips- und
Lohmühle, Holzhandel und (1885) 889 Einw.
Tannwald, Stadt in der böhm. Bezirkshauptmannschaft
Gablonz, an der Bahnlinie Eisenbrod-T., mit Bezirksgericht,
Baumwollspinn- und Webfabrik (23,500 Spindeln und 500 mechanische
Webstühle), Maschinenbauwerkstätte, Glasschleiferei,
Glaskurzwarenindustrie und (1886) 2726 Einw.
Tan-ra, früher Name der Insel Quelpart (s.d.).
Tansillo, Luigi, ital. Dichter, geboren um 1510 zu Venosa
im Neapolitanischen, trat früh in die Armee und erwarb sich
durch seinen Mut nicht minder als durch sein poetisches Talent die
Gunst des Don Garcias, Sohns des Vizekönigs von Neapel, den er
nach Sizilien und später auf der Expedition gegen Tunis (1551)
begleitete. Ein geistreiches, aber schlüpfriges Gedicht: "Il
vendemmiatore" (Neapel 1534, Vened. 1549, Par. 1790; franz. von
Mercier: "Jardin d'amour", das. 1798), begründete seinen
litterarischen Ruf, zog ihm aber das Verdammungsurteil der
römischen Kurie zu. Um dieselbe wieder auszusöhnen,
schrieb er das religiöse Epos "Le lagrime di San Pietro", von
welchem jedoch bei seinen Lebzeiten nur ein Teil gedruckt wurde,
und welches er auch unvollendet hinterließ. Erst nach seinem
Tod erschien das Gedicht, welches im einzelnen große
Schönheiten besitzt, aber durch seine Länge und eine
gewisse Monotonie ermüdet (Vened. 1606). T. starb um 1570.
Außer den genannten Werken hat man
513
Tansimat - Tantieme.
von ihm das dramatische Gedicht "I due pellegrini" (Neap. 1631).
Die Ausgabe seiner "Opere" (Vened. 1738) enthält die beiden
letztgenannten Gedichte und seine "Rime Varie", unter welchen sich
viele gute befinden. Später wurden aus Handschriften
publiziert die beiden Lehrgedichte: "La balia" (Vercelli 1767,
Vened. 1797) und "Il podere" (Tur. 1769, Parma 1797), welch
letzteres zu den besten seiner Gattung in der italienischen
Litteratur gehört, sowie verschiedene "Capitoli" (Vened.
1832-31).
Tansimat,s. Tanzimat.
Tanta, Hauptstadt der ägypt. Provinz Garbieh mit
(1882) 33,750 Einw. (1029 Ausländer), hat große
kommerzielle Bedeutung infolge seiner zentralen Lage im Nildelta,
als Kreuzungspunkt mehrerer Eisenbahnen und Kanäle, des
prächtigen Grabes des wunderthätigen Scheichs Ahmed el
Bedawi und seiner drei großen Messen, von welchen die im
August an 500,000 Menschen hier versammelt. Die hiesige Medresse
wird von nahe an 5000 Schülern besucht und steht nur der von
Kairo nach. T. ist Sitz eines deutschen Konsulats.
Tantal (Columbium) Ta, chemisch einfacher Körper,
findet sich als Tantalsäuresalz im Tantalit, Columbit,
Yttrotantalit, Pyrochlor und andern seltenen Mineralien, wird aus
diesen als schwarzes, sehr widerstandsfähiges Pulver erhalten,
verbrennt beim Erhitzen an der Luft zu Tantalsäureanhydrid
Ta2O5 und gibt beim Erhitzen in Chlor Tantalchlorid TaCl5.
Tantalsäure H3TaO4 verbindet sich mit Basen in mehreren
Verhältnissen. Atomgewicht des Tantals ist 182. T. wurde 1801
von Hatchett entdeckt.
Tautalit, Mineral aus der Ordnung der Tantalate und
Niobate, findet sich in rhombischen, säulenförmigen
kristallen, auch derb und eingesprengt, ist schwarz,
undurchsichtig, unvollkommen metallglänzend, Härte 6-6,5,
spez. Gew. 6,3-8, besteht aus tantal- und niobsaurem Eisenoxydul
Fe(TaNb)2O6 mit Mangangehalt. Eine zinnreiche Varietät ist der
Ixiolith. T. findet sich bei Falun in Schweden, in Finnland etc.,
überall in Granit eingewachsen.
Tantalos, im griech. Mythus König von Lydien oder
Phrygien, Sohn des Zeus und der Pluto, Vater des Pelops und der
Niobe, Großvater des Atreus und Thyestes, durfte als Liebling
des Zeus an den Göttermahlen teilnehmen. Dadurch
übermütig geworden, lud er selbst die Götter ein und
setzte ihnen, um ihre Allwissenheit zu prüfen, das Fleisch
seines eignen Sohns Pelops vor. Nach andern soll er des Zeus
geheime Ratschlüsse ausgeplaudert oder Nektar und Ambrosia vom
Göttertisch entwendet haben. Zur Strafe für diesen Frevel
stürzten ihn die Götter in die Unterwelt, und hier
mußte er (nach der Sage bei Homer) fortwährend den
qualvollsten Hunger u. Durst leiden. Er stand in einem Teich,
während Bäume ihre fruchtbeladenen Zweige über ihn
nieder neigten; aber so oft er davon pflücken oder aus dem
Teich trinken wollte, wichen Früchte und Wasser zurück.
Nach Pindar schwebt er selbst in der Luft, und über seinem
Haupt hängt ein stets den Sturz drohender Felsenblock.
Darstellungen finden sich auf Vasenbildern, z. B. in der
Münchener Sammlung (s. Abbildung).
Tautalusbecher, Vexierbecher, s. Heber, S. 256.
Tantardini, Antonio, ital. Bildhauer, geb. 1829 zu
Mailand, bildete sich an der dortigen Akademie und zeigte schon in
seinen ersten Arbeiten, einer Marmorbüste von Dantes Beatrice,
einer Marmorstatue des Studiums und dem Grabdenkmal der
Sängerin Giuditta Pasta (gest. 1865), ein eifriges Studium der
Antike und der Cinquecentisten. Es folgten eine kolossale Statue
des Moses für Mailand, eine Statue des Märtyrers Arnold
von Brescia (in Desio bei Mailand), die sitzende Muse der
Geschichte an dem Cavour-Denkmal Tabacchis in Mailand und das
Denkmal des Physikers Volta in Pavia. Unter seinen kleinern
Arbeiten, die sich durch meisterhafte Behandlung des Stofflichen
auszeichnen, aber auch unter dem die moderne italienische Plastik
beherrschenden Streben nach Koketterie leiden, sind zu nennen. eine
Figur der Eitelkeit, eine Badende, eine Lesende, eine
Marmorbüste Dantes, der erste Schmerz und Faust und Gretchen.
T. starb 7. März 1879 als Professor der Akademie in
Mailand.
Tantarer, alte ägypt. Stadt, s. Dendrah.
Tant de bruit pour une omelette! (franz.), "so viel
Lärm um einen Eierkuchen!" d. h. um nichts,
sprichwörtlich gewordener Ausruf, der nach einer bekannten
Anekdote auf den Dichter Desbarreaux zurückgeführt
wird.
Tante (franz., mit vorgeschobenem t v. altfranz. ante,
engl. aunt, lat. amita), Muhme, Base, Vaters-, Mutterschwester,
Frau des Oheims etc.
Tantième (franz., spr. tangtíähm, "der
sovielte Teil"), der Anteil, welchen jemand von dem Gewinn eines
Unternehmens bezieht. Das Tantiemesystem bildet den Gegensatz zu
dem Honorarsystem, indem bei dem letztern eine bestimmte und dem
Betrag nach feststehende Vergütung gewährt wird,
während die T. sich nach dem finanziellen Erfolg des
Unternehmens richtet und sich nach Prozentsätzen des
Geschäftsgewinns bestimmt. T. beziehen gewisse Beamte,
Handlungsgehilfen, Provisionsreisende, Arbeiter (s. Arbeitslohn, S.
759), Verwaltungsräte bei Aktiengesellschaften etc. Die T.
kommt aber auch neben festem Gehait vor, wie dies z. B. bei den
Direktoren von Aktiengesellschaften üblich ist. Für
Genossenschaften ist nach dem deutschen Genossenschaftsgesetz von
1889 das Tantiemesystem ausgeschlossen, soweit es sich um die
Bezahlung der Aufsichtsräte handelt. Dagegen ist das
Tantiemesystem bei der Aufführung von dramatischen und
musikalischen Werken das herrschende. Der Komponist wie der Dichter
können hiernach als Autorenanteil einen Bruchteil von der
Einnahme beanspruchen, welche sich beider Aufführung ihres
Werkes (Tantiemevorstellung) ergibt. In Frankreich schon 1791
gesetzlich eingeführt, wurde die Theatertantieme erst seit
1847 von der Generalintendantur der königlichen Schauspiele in
Berlin und ebenso von der Direktion des Burgtheaters in Wien
verwilligt. Jetzt ist die Tantiemezahlung in der
regelmäßigen Höhe von 10 Proz. allgemein
üblich, und die Ausübung einer diesbezüglichen
Kontrolle ist eine Hauptaufgabe der 1871 gegründeten
514
Tantos - Tanzmusik,
Deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren und Komponisten,
welche in Leipzig ihren Sitz hat. Im einzelnen Fall ist der
zwischen dem Autor und dem Unternehmer der Aufführung
abgeschlossene Vertrag, im Zweifel die "Theaterpraxis"
maßgebend. Das Bundes- (Reichs-) Gesetz vom 11. Juni 1870,
betreffend das Urheberrecht an Schriftwerken, Abbildungen,
musikalischen Kompositionen und dramatischen Werken, sichert dem
Dichter wie dem Komponisten und ihren Rechtsnachfolgern ihren
Anspruch auf die Vergütung für die Überlassung des
Aufführungsrechts (s. Urheberrecht).
Tantos, s. Rechenpfennige.
Tantra, Name eines spätern brahmanischen Systems,
das ungefähr 500 n. Chr. in Indien entstand und über
Nepal nach Tibet wanderte, wo es einen starken Einfluß auf
den Buddhismus ausübte. Die Anhänger der Tantralehre
(Tantrikas) verehren als Hauptgottheiten Siwa und seine Gattin
Pârwatî, die hier zu strafenden und rächenden
Gottheiten wurden, welche die Verteidigung der Religion des Buddha
übernommen haben. Ihre Schriften, meist Dialoge zwischen
beiden Gottheiten und von der Schöpfung und Zerstörung
der Welt, der Götterverehrung, der Erlangung
übermenschlicher Kräfte etc. handelnd, sind in Europa
noch wenig bekannt.
Tanunda, Ort in Südaustralien, hat 3 deutsche
Kirchen und zählt mit dem nahen Langmeil, Bethanien u. a. 900
Einw. (meist Deutsche).
Tanz, gewisse von Musik begleitete und in einem
bestimmten Zeitmaß ausgeführte körperliche
Bewegungen, die durch technische Fertigkeit und Geschmack in das
Gebiet der Kunst erhoben werden können (Tanzkunst), sowie das
begleitende Musikstück selbst (s. Tanzmusik). Die Tanzkunst
gehört unter die mimischen Künste; wie aber bei der
Pantomime die Bewegungen der Füße den Bewegungen und
Gebärden des übrigen Körpers untergeordnet sind, so
finden im T. umgekehrt die Bewegungen der Füße
gewissermaßen eine Begleitung (Akkompagnement) in den
Bewegungen des übrigen Körpers. Man teilt den T. in den
gesellschaftlichen und den theatralischen. Der gesellschaftliche T.
hat das gemeinschaftliche Vergnügen, die Unterhaltung zum
Zweck und schließt auch die sogen. Nationaltänze, die
als Ausdruck nationaler Eigentümlichkeiten ein besonderes
Interesse haben, in sich. Zu letztern gehören bei den
Deutschen namentlich der Walzer (künstlich zur Allemande
ausgebildet), bei den Franzosen die Menuett und Française,
in England die Anglaise, in Schottland die Ekossäse, bei den
Spaniern die Sarabande und der Fandango, bei den Italienern die
Tarantella und der Saltarello, in Polen die Polonäse, Mazurka,
der Krakowiak etc. Beim theatralischen T., der von
künstlerisch gebildeten Tänzern aufgeführt wird,
unterscheidet man gewöhnlich die grotesken Tänze, die
mehr Ausdruck der Kraft als der Grazie, ungewöhnliche
Sprünge und Gebärden erfordern; die komischen Tänze,
die, ebenfalls lebhaft, sich mitunter bis zum Mutwillen steigern,
und die halben Charaktere, die eine Intrige, eine Liebesaffaire
darstellen und besonders Zierlichkeit und Geschmack verlangen;
hierzu kommt noch das Ballett (s. d.). - Schon in den frühsten
Zeiten des Altertums nahm der T. eine wichtige Stelle ein und zwar
vorzugsweise zur Verherrlichung öffentlicher Feste und als
Teil des Kultus; namentlich konnte in Asien der sinnliche
Götterdienst des Tanzes nicht entbehren. Am meisten wurde aber
die Kunst des Tanzes (Orchestik) bei den Griechen ausgebildet, bei
denen sie auch das ganze Gebärdenspiel mit in sich
schloß und in der innigsten Vereinigung mit Gesang, Poesie
und Schauspielkunst stand (vgl. Flach, Der T. bei den Griechen,
Berl. 1880). Die Römer überkamen Tänze von den
Griechen, eigentliche Nationaltänze hatten sie kaum. Die
Histrionen (Ludier) tankten auf den Theatern nach dem
Flötenspiel, ohne dabei zu singen, und suchten durch
Gebärden Ernsthaftes auf lächerliche Weise nachzuahmen.
Von der altrömischen Bühne ging der T. auf die
italienischen Volkstheater über; die neuere Tanzkunst ist von
den Italienern und Franzosen ausgegangen. Die
Gesellschaftstänze haben mehrfache Wandlungen durchgemacht.
Anfangs wurde bei diesen sogen. niedrigen Tänzen (danses
basses) weder gesprungen, noch gehüpft, sondern man bewegte
sich nur in feierlichem Schritt (pas). Diese Tanzweise fand in
Frankreich unter Ludwig XII., Franz I. und Heinrich II. Eingang.
Unter Katharina von Medici erhielten die Damen üppigere
Kleidung, kurze Röcke etc., und die Tänze selbst wurden
lebhafter; auch verband man Maskeraden mit Bällen und tanzte
die Nationaltänze der Provinzen. Unter Ludwig XIV. legte
Beauchamp den Grund zu dem künstlichen theatralischen T. der
Franzosen, den später besonders Noverre ausbildete. In der
neuern Zeit machten sich besonders die Familien Vestris und
Taglioni im Kunsttanzen berühmt; außerdem sind als
hervorragende Tänzerinnen zu nennen Therese und Fanny
Elßler, Fanny Cerrito, Marie Taglioni, Grisi, Lucile Grahn
und Adele Granzow; als Tänzer A. Saint-Leon, K. Müller,
Paul Taglioni u. a. Geraume Zeit leistete das Ballett der
Großen Oper zu Paris das Höchste in dieser Kunst, bis
ihm in der neuern Zeit das Ballett des Berliner Opernhauses
ebenbürtig zur Seite trat. Vgl. Czerwinski, Tanz und Tanzkunst
(2. Ausg., Leipz. 1882); Derselbe, Die Tänze des 16.
Jahrhunderts (Danz. 1878); Voß, Der T. und seine Geschichte
(Berl. 1868); Angerstein, Die Volkstänze im deutschen
Mittelalter (2. Aufl., das. 1874); Klemm, Katechismus der Tanzkunst
(5. Aufl., Leipz. 1887); Böhme, Geschichte des Tanzes in
Deutschland (das. 1886, 2 Bde., mit Musikbeilagen); Zorn, Grammatik
der Tanzkunst (das. 1887).
Tanzimat (Tansimat, arab.), s. v. w. Anordnungen;
besonders die auf den Hattischerif (s. d.) von Gülhane sich
gründenden organischen Gesetze, welche als Norm für die
Regierung des türkischen Reichs vom Sultan Abd ul Medschid
1844 veröffentlicht wurden. Sie betreffen namentlich auch die
Stellung der christlichen Unterthanen der Pforte, wurden aber nie
ernstlich durchgeführt. Infolge der Reformverpflichtungen,
welche die Pforte nach Ausbruch des Krimkriegs ihren
europäischen Bundesgenossen gegenüber eingehen
mußte, erließ der Sultan 7. Sept. 1854 eine neue
Verordnung, in welcher nicht allein die vollständige
Durchführung der T. befohlen, sondern zu diesem Behuf auch
eine besondere Kommission niedergesetzt ward. Allgemeiner versteht
das türkische Volk unter T. überhaupt Neuerungen.
Tanzkunst (Choreutik), s. Tanz.
Tanzmusik, die bei Gesellschaftstänzen üblichen
Musikstucke, als deren zur Zeit beliebteste zu nennen sind: Walzer,
Mazurka, Schottisch (Polka), Tirolienne (Ländler), Galopp,
Polonäse, Française, Kontertanz (Anglaise) und
Quadrille. Aus verschiedenen Tänzen zusammengesetzt ist der
Kotillon. Haupteigenschaften guter T. sind: gut gruppierte
Rhythmen, fließende, ungesuchte, gefällige und dabei
pikante Melodien mit ansprechender Harmonie und interessanter
Instrumentation. In der Komposition der
515
Tanzwut - Tapeten.
höhern theatralischen T. oder des Balletts haben besonders
Benda, Weigl, Winter, Righini, Adam, Beethoven ("Prometheus"),
Spontini, Weber, Meyerbeer, Halévy, in neuester Zeit
Rubinstein (Ballettmusik in der Oper "Feramors") Ausgezeichnetes
geleistet, während die Musik für gesellschaftliche
Tänze in unsrer Zeit vor allen durch Strauß und Lanner,
denen sich Gungl, Labitzky und Lumbye beigesellten, ausgezeichnete
Pflege fand. In Frankreich stehen an der Stelle der erstgenannten
Walzerkönige die Quadrillenkomponisten Tolbecque, Musard,
Offenbach, Lecocq, als Komponist von Ballettopern L. Delibes. - Die
ältern Tänze waren ursprünglich Tanzlieder, so die
deutschen Ringelreihen und Springtänze, die spanischen
Sarabanden, die französischen Branles, Gavotten, Couranten,
Giguen, Rigaudons, Musetten, Bourrées, Passepieds, Loures
etc., die italienischen Paduanen, Gagliarden, Ciaconen, Passamezzi,
die englischen Ballads, Hornpipes, dänischen Reels etc. Die
Instrumentenspieler verbreiteten die Melodien, und sie mögen
oft genug schon vor dem 16. Jahrh. nur von Instrumenten ohne Gesang
gespielt worden sein. Eine kunstgemäße mehrstimmige
Bearbeitung für Instrumente erfuhren sie, wie es scheint,
zuerst im Anfang des 16. Jahrh., aus welcher Zeit uns viele
gedruckte Sammlungen erhalten sind. Eine Sammlung deutscher
Tanzlieder und Tanzmelodien enthält Böhmes "Geschichte
des Tanzes in Deutschland" (Bd. 2, Leipz. 1886). In eine neue Phase
der Entwickelung traten die Tanzstücke, als man anfing, ihrer
mehrere zu cyklischen Formen zu vereinigen, wobei zunächst die
Einheit der Tonart das Bindemittel bildete. In der daraus
entspringenden Form der Partie (Partita) oder Suite (s. d.), die
besonders für Klavier allein und für Violine allein oder
mit Klavier um die Wende des 17.-18. Jahrh. mit Vorliebe gepflegt
wurde, erfuhren die Tanzstücke erhebliche Weiterungen, so
daß sie statt kurzer achttaktiger Reprisen ausgeführte
Themen, Gegenthemen und Durchführungen erhielten. In unserm
Jahrhundert finden teilweise noch die ältern Tanzstücke
Pflege (besonders das Menuett), sei es in der Form der Sonate oder
Suite oder in noch freiern Zusammenstellungen von Stücken
verschiedener Art oder einzeln (Gavotte), teils sind auch die
neuesten Tänze einer kunstvollen Ausgestaltung unterworfen
worden, so von Haydn (Menuette), Beethoven ("Deutsche Tänze"
und "Kontertänze"), Weber ("Aufforderung zum Tanz", Es
dur-Polonäse, Ekossäsen etc.), Schubert (Walzer,
Ländler, Ekossäsen), Chopin (Polonäsen, Mazurken,
Walzer), Schumann ("Ballszenen", "Faschingsschwänke",
"Karneval"), Brahms ("Walzer", "Ungarische Tänze" etc.), Kiel
("Deutsche Reigen", Walzer für Streichquartett), Liszt ("Valse
de bravour", "Chromatischer Galopp"), Raff (Humoresken, Tarantella
etc.) u. a.
Tanzwut (Tanzsucht), epidemische Volkskrankheit des
Mittelalters, welche besonders in den Jahren 1021, 1278, 1375 und
1418 herrschte. Von religiösem Wahnsinn ergriffen, tanzten
Tausende, bis ihnen Schaum aus dem Mund quoll, Zuckungen sich
einstellten und der Unterleib unförmlich aufschwoll. Dabei
gaben sie vor, während des Tanzes himmlische Visionen zu
haben, und zogen häufig, wie die Flagellanten (s. d.), mit
bekränztem Haupt von Ort zu Ort. Da man die Tänzer
für vom Teufel Besessene hielt, nahm der Klerus allerlei
Beschwörungen vor, obwohl fruchtlos, und die Angehörigen
wandten sich mit Gebet um Hilfe an St. Johannes und St. Veit (daher
Veitstanz). Im 14. Jahrh. trieben am Niederrhein die
Johannistänzer ihr Wesen, welche ihren Tanz zu Ehren des St.
Johannes aufführten. Auch der Tanz der Derwische und der
Schüttlersekten in Nordamerika kann zu diesen
Exaltationszuständen gerechnet werden. Manche mit
tanzähnlichen Bewegungen verbundene körperliche
Krankheitszustände, wie die Reitbahn- oder Manegetouren,
gehören in das Gebiet der sogen. Zwangsbewegungen. S. auch
Tarantel und Veitstanz. Vgl. Hecker, Die T., eine Krankheit im
Mittelalter (Berl. 1832); Derselbe, Die großen
Volkskrankheiten des Mittelalters (das. 1865).
Tao, s. Laotse.
Taormina, Stadt in der ital. Provinz Messina (Sizilien),
Kreis Castroreale, 396 m ü. M., an der Ostküste der Insel
und an der Eisenbahn Messina-Catania reizend gelegen (herrliche
Ausblicke auf den Ätna und das Meer), hat ein wohlerhaltenes,
in griechischer Zeit gegründetes, unter den Römern
umgebautes Theater, ein großes Wasserreservoir für
Bäder (sogen. Naumachia), römische Grabmäler und
andre antike Baureste, ein maurisches Kastell, eine alte Mauer mit
Türmen, interessante gotische Gebäude, einen Dom mit
Zinnenturm und (1881) 2388 Einw. - T. ist an Stelle des nahe
südlich am Kap Schiso 736 v. Chr. von Chalkidiern
gegründeten, 403 von Dionysios von Syrakus zerstörten
Naxos 358 als Tauromenion gegründet worden. Im Sklavenkrieg
wie in den Kämpfen zwischen Oktavian und Sextus Pompejus
heruntergekommen, geriet es, wenn auch durch eine römische
Kolonie ausgefrischt, in Verfall und behauptete nur noch in
arabischer und normännischer Zeit eine strategische
Bedeutung.
Taos, Ort im N. des nordamerikan. Territoriums Neumexiko,
80 km nordnordöstlich von Santa Fé, früher von
Bedeutung, jetzt nur ein ärmliches Dorf.
Taosse, s. Laotse.
Taouata (Tauata, Santa Christina), eine der
Markesssinseln, 70 qkm groß mit (1885) 551 Einw. In dem
Freihafen Port Anna Maria konzentriert sich der Verkehr der Inseln;
hier ist auch der Sitz der französischen Behörden.
Tapachula (spr. -tschula), Stadt, s. Soconusco.
Tapajoz (spr. -schos, Tapayoso), Fluß in Brasilien,
entspringt als Arinos in der Provinz Mato Grosso, wird bald
schiffbar, fließt nordöstlich in die Provinz Para und
fällt dort nach einem Laufe von etwa 1680 km bei Santarem
rechts in den Amazonenstrom. Er bildet mehrere Wasserfälle.
Dampfschiffe befahren ihn von 330 km aufwärts bis zu dem
untersten derselben, der Caxoeira de Apué.
Tapanhoancanga, brasilisches, Gold, Diamant und andre
Edelsteine führendes Trümmergestein, besteht aus eckigen,
großen Fragmenten von Eisenoxyden (Magneteisen, Roteisen,
Brauneisen), durch eisenschüssiges Bindemittel verkittet.
Tapet (lat. tapetum), Teppich oder Decke zur Bekleidung
von Tischen, Wänden, Fußböden etc.; daher "etwas
aufs T. bringen", s. v. w. auftischen, zur Sprache bringen. Aus dem
zum Singular gewordenen Plural tapeta entstand unser Tapete.
Tapeten, Gewebe, Leder oder farbiges und gemustertes
Papier zur Bekleidung der Wände. T. und Teppiche (v. lat.
tapetum. griech. tapes, Decke) haben ihren gemeinsamen Ursprung im
Zelte der wandernden Völkerschaften und gelangten aus diesem
in die Wohnungen der seßhaften Völker. Tyros, Sidon und
Pergamon waren im Altertum berühmt wegen ihrer Teppiche. Aus
dem Orient, wo sich die Bildweberei und Stickerei schon früh
zu hoher Vollkommenheit entwickelt hatte, brachten Araber diese
Kunst nach Europa. Während man in Frankreich und Ita-
516
Tapeten (Fabrikation).