Provinz Hasbat, am westlichen Eingang der Straße von
Gibraltar, amphitheatralisch am Abhang eines kahlen Kalkgebirges
erbaut, hat meist unregelmäßige, enge und steil
aufsteigende Straßen, schöne Moscheen, ein
Franziskanerkloster mit Kapelle, dem einzigen christlichen
Gotteshaus im ganzen Reich, mehrere Synagogen und Häuser
europäischer Agenten, eine alte, teilweise verfallene
Citadelle, aber bedeutende Befestigungen am Hafen. Dieser ist zwar
klein und von geringer Tiefe, die Reede aber schön und
ziemlich geräumig. T. ist der bedeutendste Seehandelsplatz
Marokkos und unterhält namentlich einen sehr lebhaften Verkehr
mit Gibraltar. Es liefen 1887: 806 Schiffe von 168,598 Ton. ein;
der Wert der Ladungen betrug im Eingang 8,52, im Ausgang 4,4 Mill.
Mk. Die Konsuln (darunter auch ein deutscher) in T. haben dort eine
bedeutendere Stellung als an irgend einem andern Orte, da sie die
politischen Vertreter ihrer Staaten beim Sultan von Marokko sind.
Da letzterer nicht gestattet, daß Europäer in seiner
Hauptstadt residieren, so läßt er seinen Minister der
auswärtigen Angelegenheiten in T. wohnen, wo derselbe zugleich
Gouverneur ist. Die Einwohner, 20,000 an der Zahl, sind meist
Mauren; dazu kommen Juden spanischen Ursprungs und wenige
Europäer. - T. hieß bei den Römern Tingis und ward
unter Kaiser Claudius Hauptstadt der Provinz Tingitana oder des
westlichen Mauritanien. Die Westgoten eroberten es im 5. Jahrh., im
8. Jahrh. kam es an die Araber. Die Portugiesen brachten es 1471 in
ihre Gewalt. 1662 ward es als Brautschatz der portugiesischen
Infantin Katharina bei deren Vermählung mit Karl II. von
England an letzteres abgetreten, aber wegen der kostspieligen
Unterhaltung 1684 aufgegeben, worauf es die Mauren wieder in Besitz
nahmen. Am 6. Aug. 1844 ward es von einer französischen Flotte
bombardiert, worauf 10. Nov. daselbst der Friede zwischen
Frankreich und Marokko abgeschlossen ward.
Tangermann, Wilhelm (pseudonym Victor Granella),
altkathol. Theolog und Schriftsteller, geb. 6. Juli 1815 zu Essen
an der Ruhr, bezog 1840 die Akademie Münster, vollendete hier
den philosophischen Kursus und begann das Studium der Theologie,
das er 1842-43 in München unter Döllinger, Görres
und Haneberg beendete. Darauf in das erzbischöfliche
Klerikalseminar zu Köln aufgenommen, erhielt er 1845 die
Priesterweihe und ward 1846 Kaplan in Neuß, 1862 in Unkel.
Infolge seiner Weigerung, die vatikanischen Dekrete vom l8. Juli
1870 anzuerkennen, wurde er seines Amtes entsetzt, zog nach Bonn
und übernahm 1872 das Pfarramt bei der neuen altkatholischen
Gemeinde zu Köln. Von seinen Schriften nennen wir: "Wahrheit,
Schönheit und Liebe", philosophisch-ästhetische Studien
(Leipz. 1867); "Patriotische Lieder und Zeitgedichte" (Bonn 1871);
"Aus zwei Welten", Wahrheit und Dichtung (Leipz. 1871); "Diotima",
eine kulturhistorische Novelle (Köln u. Leipz. 1873); "Zur
Charakteristik der kirchlichen Zustände" (das. 1874); "Herz
und Welt", Dichtungen (das. 1876); "Philosophie und Christentum in
ihren Beziehungen zur Kultur- und Religionsfrage" (das. 1876); "Das
liberale Prinzip in seiner ethischen Bedeutung für Staat und
Kirche etc." (3. Aust., Köln 1883); "Sions Harfenklänge"
(Bonn 1886); "Philosophie und Poesie^, Sonettenkränze
(Köln 1886); "Neuer Frühling, neues Leben.
Zeitbetrachtungen" (Essen 1889). Alle diese Schriften stehen mit
der geistigen Richtung, als deren unerschrockener Streiter T.
eingetreten ist, im Zusammenhang, offenbaren aber über ihren
tendenziösen Zweck hinaus eine poetische Anlage u. vertiefte
Bildung.
Tangermünde, Stadt im preuß. Regierungsbezirk
Magdeburg, Kreis Stendal, am Einfluß der Tanger in die Elbe
und an der Eisenbahn Stendal-T., hat Mauern und Thore aus dem
Mittelalter, die 1376 begonnene gotische Stephanskirche, ein
Schloß, ein spätgotisches Rathaus, eine Schifferschule,
ein Amtsgericht, Zuckerraffinerie, Öl- und Schrotfabrikation,
Bierbrauerei, Schiffbau, Schiffahrt, Getreidehandel, Fischerei und
(1885) 5852 Einw. In der Nähe an der Tanger und der Linie
Leipzig-Wittenberge der Preußischen Staatsbahn die
Tangerhütte mit Raseneisensteingräberei,
Eisengießerei, einem Emaillierwerk und (1885) 200 Einw. - T.
erscheint schon im 12. Jahrh. als Stadt. Die dortige Burg war
wiederholt Residenz der Markgrafen von Brandenburg, besonders zur
Zeit Kaiser Karls IV., wurde aber 1640 von den Schweden
größtenteils zerstört; von dem alten Bau ist noch
der Kapitelsturm übrig. Vgl. Götze, Geschichte der Burg
T. (Stendal 1871).
Tangerwicke, s. v. w. Lathyrus tingitanus.
Tangieren (lat.), berühren; Eindruck machen.
Tanguten (bei den Chinesen Sifan, d. h. westliche
Barbaren), ein den Tibetern nahe verwandtes Volk in den
Alpenländern westlich von den chinesischen Provinzen Schensi
und Setschuan, am obern Lauf der Zuflüsse des Huangho und
Jantsekiang. Sie werden seit 634 n. Chr. in den chinesischen
Annalen öfters erwähnt und sind gegenwärtig den
Chinesen tributpflichtig. Die T. sind von mittlerm, aber
kräftigem Wuchs, mit schwarzem Haar und starkem,
kurzgeschornem Bart, gerader Nase, großen, nicht schmal
geschlitzten Augen und dicken, oft aufgeworfenen Lippen. Ihre
Kleidung, bei beiden Geschlechtern dieselbe, besteht in einer Art
Schlafrock aus Tuch oder Schaffellen. Ihre Unsauberkeit
überschreitet alle Grenzen. Die Sprache der T. gehört zur
tibetischen Gruppe der einsilbigen Sprachen. Die T. sind Nomaden,
welche sich vornehmlich mit Schafzucht befassen; nach der Farbe der
Zelte, unter welchen sie wohnen, unterscheidet man schwarze oder
gelbe T. Ihre Religion ist ein durch allerhand Aberglauben
entstellter Buddhismus. Alle T. werden von eignen Beamten regiert,
welche einem chinesischen Beamten in Sinin (Kansu) unterstellt
sind.
510
Tangwiesen - Tanne.
Tangwiefen, s. Fukusme^e.
Taenia. Bandwurm.
Tanis (ägypt. T'a, T'an, hebr. Zo'an, arab. Sân),
altägypt. Stadt
im nordöstlichen Nildelta, deren zuerst von Mariette, dann
1883-84 von
Flinders Petrie aufgedeckte Ruinen beim heutigen Fischerdorf
Sân el
Hager unweit des Südufers des Menzalesees liegen. Schon
unter der
6. Dynastie um die Mitte des 3. vorchristlichen Jahrtausends
bestehend,
wurde T. um 2100 Residenz der semitischen Hyksoskönige und
später
diejenige der großen Herrscher aus der 19. Dynastie, wie
Ramses' II. und
Merenptahs, deren ersterer in T. einen großartigen Tempel
des
Kriegsgottes Set erbaute, in dessen Ruinen nicht weniger als
14
Obelisken gefunden wurden. In sehr fruchtbarer, wild- und
fischreicher
Gegend gelegen und selbst für Seeschiffe erreichbar, war T.
vor der
Gründung Alexandrias wohl die größte
Handelsstadt Ägyptens, sank aber
später infolge von Landanschwemmungen und des Versandens
der
Tanitischen Nilmündung und wurde wahrscheinlich 174 n.
Chr.
gelegentlich eines Aufstandes zerstört. Vgl. Flinders
Petrie, Tanis
(Lond. 1885, Bd. 1).
Tanjore, Stadt, s. Tandschor.
Tankred, 1) T. von Hauteville, normänn. Ritter im 11.
Jahrh., dessen zehn Söhne, unter ihnen
der berühmte Robert Guiscard und Roger I., 1038
nach Unteritalien zogen, es eroberten und dort das
normännische Reich
gründeten.
2) Berühmter Kreuzfahrer, Enkel des vorigen, von
dessen Tochter Emma aus
ihrer Ehe mit dem Markgrasen Otto dem Guten, geb. 1078,
begleitete 1096
seinen Vetter Bohemund von Tarent auf dem ersten Kreuzzug,
zeichnete
sich bei der Belagerung von Nikäa durch Tapferkeit aus,
besetzte
Tarsos, über dessen Besitz er sich mit Balduin entzweite,
that sich vor
Antiochia hervor, besetzte Bethlehem, erstürmte bei der
Eroberung von
Jerusalem zuerst mit den Seinen die Mauern und pflanzte sein
Banner auf
der Moschee Omars auf. Er blieb auch nach dem Sieg bei Askalon
in
Palästina und erhielt das Fürstentum Tiberias. Nach
dem Tod Gottfrieds
von Bouillon suchte er die Wahl zum König von Jerusalem
vergeblich auf
seinen Vetter Bohemund zu lenken. Als die Sarazenen Bohemund
gefangennahmen und dieser nach seiner Freilassung 1103 nach
Europa ging,
verwaltete er dessen Fürstentum Antiochia und hielt eine
harte
Belagerung durch die Sarazenen aus. Er vergrößerte
das Fürstentum durch
Eroberung von Adana, Mamistra und Laodikea, rettete Edessa vor
der
Einnahme durch die Seldschukken, worauf ihm auch dieses
Fürstentum
übertragen wurde, und eroberte Arta. Er starb 21. April
1112. Vermählt
war er mit Cäcilie, einer natürlichen Tochter des
Königs Philipp I. von
Frankreich. Wenn schon Tankreds Ruhm in der Geschichte
begründet ist,
so ist derselbe doch ganz vorzüglich erhöht worden
durch Tafsos
"Befreites Jerusalem", worin T. ganz als Held
erscheint. Vgl. Raoul von Caen, Gesta Tancredi (in Guizots
"Collection
des mémoires"); Delabarre, Histoire de Tancrède
(Par. 1822), und
Kugler, Boemund und T., Fürsten von Antiochien
(Tübing. 1862).
3) T. von Lecce, König von Sizilien,
natürlicher Sohn des Herzogs Roger
von Apulien und Enkel des Königs Roger II. von Sizilien,
ward nach
Wilhelms des Gütigen Tod 1190 von den Sizilianern in
Palermo zum König
gewählt und verteidigte den Thron mit Glück gegen
Kaiser Heinrich VI. Nach
seinem Tod 22. Febr. 1194 mußte sein unmündiger
Sohn Wilhelm III. auf die Krone verzichten und
starb bald auf der Burg Hohenembs.
Tann, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Kassel, Kreis
Gersfeld, in der
Rhön, an der Ulster und der Linie Fulda-T. der
Preußischen Staatsbahn,
359 m ü. M., hat eine neue gotische evang. Kirche, 3
Schlösser der
Freiherren von der T. (s. Tann-Rathsamhausen),
Holzwarenfabrikation,
Spinnerei und (1885)
1090 meist evang. Einwohner. Die Stadt ward 1866
von Bayern an Preußen abgetreten.
Tanna, 1) (Thana) Hauptstadt eines Distrikts in der
britisch-ind. Präsidentschaft Bombay, auf der Ostseite der
Insel
Salsette, mit einem alten Fort (jetzt Gefängnis),
portugiesischer
Kathedrale und l4,456 Einw. - 2) Eine der südlichsten der
Neuen
Hebriden, 380 qkm (7 QM.) mit 10,000 Einw. Im Innern ein 135 m
hoher,
thätiger Vulkan mit Schwefelquellen an seinem Fuß.
Die Küstenstriche
sind äußerst fruchtbar. Hafenplatz ist
Resolution.
Tanna, Stadt im Fürstentum Reuß j. L., Landratsamt
Schleiz, an der
Eisenbahn Schönberg-Hirschberg, 538 m ü. M., hat eine
evang. Kirche,
Viehmärkte, Holzhandel und (1885) 1636 evang.
Einwohner.
Tannahill, Robert, schott. Dichter, geb. 3. Juni
1774 zu Paisley, trieb die Weberei und dichtete daneben Lieder,
die
durch seines Freundes R. A. Smith Kompositionen bald
volkstümlich
wurden. Auch gab er "Poems and songs" (1807) heraus. Am
bekanntesten
wurden unter seinen Gedichten: "Jessy, the flower of Dumblane"
und "The
song of the battle of Vittoria", die nur von den besten
Dichtungen
Rob. Burns' übertroffen werden. Später verfiel er in
Schwermut und
zuletzt in Wahnsinn; in diesem nahm er sich 17. Mai 1810 selbst
das
Leben. Eine Sammlung seiner Werke nebst Biographie erschien
Glasgow 1838 (neue Ausg. 1879).
Tanne (Picea Don., Abies Lk., hierzu Tafel "Tanne"), Gattung aus
der
Familie der Abietineen, meist hohe Bäume, deren
Hauptäste in
unregelmäßigen Quirlen und deren Nebenäste meist
zweireihig stehen,
mit einzeln stehenden, meist zweizeiligen, flachen, unterseits
längs des
Mittelnervs bläulichweiß gestreiften Nadeln,
aufrechten Zapfen und nach
der Reife von der Achse sich lösenden Zapfenschuppen. Die
europäische
Edeltanne (Weißtanne, P. pectinata Lam., Abies alba Mill.,
A. Picea
L., A. pectinata Dec., A. excelsa L., P. Abies Dur., s. Tafel),
einer
der schönsten Waldbäume mit in der Jugend pyramidaler,
im Alter fast
walzenförmiger, unregelmäßiger, am Wipfel
storchnestartig abgeplatteter
Krone, wird im Schluß über 65 m hoch, hat zuerst
olivenbraune, später
weißgraue Rinde, behaarte, rauhe Zweige, an welchen die
Nadeln nach zwei
Seiten flach gestellt sind. Sie werden 2-3 cm lang und sind am
obern
Ende abgerundet und ausgerandet; die Blüten stehen fast nur
in den
obersten Verzweigungen des Wipfels an vorjährigen Trieben,
die
männlichen Blütenkätzchen sind viel länger
als die der Fichte, die
senkrecht aufgerichteten, 4-6 cm langen weiblichen
Blütenzäpfchen
gelbgrün, die aufrecht stehenden, 14-20 cm langen Zapfen
länglich
walzenförmig, hell grünlichbraun, ihre Deckschuppen
lineal zungenförmig
mit dem zwischen den Fruchtschuppen hervorragenden Teil
rückwärts
gebogen. Nach der Samenreife im Oktober, oft erst im April des
folgenden
Jahrs, löst sich der Zapfen ganz auf, und nur die
spindelähnliche Achse
bleibt am Trieb stehen. Die Samen sind dreikantig,
geflügelt. Die T. hat
eine ziemlich tief gehende Pfahlwurzel und unter der
Oberfläche des
Bodens verlaufende zahlreiche Nebenwurzeln. Die Keimpflanze
besitzt ge-
Tanne.
Tanne (Abies Picea).
1. Zweig mit männlichen Blütenkätzchen.
--
2. Trieb mit weiblichen Blütenkätzchen. -
3. 4. Weibliche Deckschuppe mit der noch kleinen Samenschuppe
von der Innen- und Außenseite, an ersterer unten die
Samenschuppe mit den zwei Samenknospen. --
5. (und die Figur darüber) Die Samenschuppe in
verschiedenen Entwickelungszuständen, wie 3 und 4
vergrößert. --
6. 7. Männliche Blütenkätzchen, als Knospe und
vollkommen entwickelt (doppelte Größe). --
8. Staubgefäße. --
9. Nadel (doppelte Größe). --
10. Querschnitt derselben, ebenso. --
11. Keimpflänzchen. --
12. Stammknospe desselben mit abgeschnittenen Nadeln und
Keimnadeln, vergrößert.
Zum Artikel »Tannen.
511
Tannenberg - Tannenhäher.
wöhnlich 5-7 sehr große Keimnadeln; in der Jugend
wächst die T. viel langsamer als die Fichte, vom 25. oder 30.
Lebensjahr an beginnt aber ein fördersameres Wachstum, welches
länger als bei irgend einem Waldbaum, mit Ausnahme der Eiche,
anhält. Sie erreicht ein sehr hohes Alter. Im allgemeinen
trägt sie später und seltener Früchte als die
Fichte. Ihre Verbreitung ist auch viel beschränkter. Sie
gehört als Waldbaum den höhern Stufen des
mitteleuropäischen Berglandes (Riesengebirge, Erzgebirge,
Böhmerwald, Bayrischer Wald, Fichtelgebirge, Frankenwald,
Schwarzwald, Alb, Jura, Wasgenwald), den
südwesteuropäischen (Burgund, Auvergne, Pyrenäen)
und südosteuropäischen Gebirgslandschaften (Karpathen,
Siebenbürgen, östlicher Balkan, thrakische
Berglandschaft), meist in Höhen von 800-1200 m ü. M. im
mittlern, von 1200 -1900 m im südlichen Europa, an. Die T.
meidet die aufgeschwemmten Bodenarten des Flachlandes und liebt vor
allen den Verwitterungsboden des Urgebirges. Sie gedeiht nur im
Bestandsschluß zur höchsten Vollkommenheit, da sie einen
erheblichen Schirmdruck erträgt und in der Jugend des Schutzes
durch Altstämme bedarf. Ausgedehnte Bestände bildet sie
mit der Rotbuche zusammen, auch mit der Fichte; ihr ganzes
Wuchsverhalten aber stempelt sie zum Betrieb in reinen
Beständen mit höherm Umtrieb (140-150 Jahre). Die T. ist
sturmfest und dem Schneebruch und Insektenschäden wenig
unterworfen, Wildbeschädigungen aber sehr ausgesetzt. Man
verjüngt die Tannenbestände am besten in dunkeln
Samenschlägen; zur Neubegründung von solchen
Beständen wendet man Schirmschläge an. Man pflückt
die Zapfen im September; der Same bedarf des Ausklengens nicht, da
derselbe von selbst ausfällt. Ein Hektoliter Zapfen wiegt 45
kg und ergibt etwa 3 kg gereinigten Samen (4½ kg
geflügelten Samen). Ein Kilogramm reinen Samens enthält
16,000 Körner. Zur Saat verwendet man pro Hektar 25 kg
(Plätzesaat) bis 80 kg (Vollsaat) reinen Samen. Meist macht
man Riefensaaten (0,5 m breit) mit 50 kg Samen pro Hektar. Im
Saatkamp säet man 5 kg pro Ar. Der Same wird höchstens
0,8 cm tief mit Erde bedeckt. Frühjahrssaat ist wegen der
Frostgefahr und des Mäusefraßes vorzuziehen. Saat- und
Pflanzkämpe legt man in frostfreien Lagen, thunlichst in nicht
zu geschlossenen alten Schirmbeständen an. Die
zweijährigen Pflänzlinge werden umgepflanzt (verschult),
im sechsjährigen Alter in die Bestände gepflanzt.
Vielfach werden auch Wildlinge mit Ballen, fünf- bis
sechsjährig, zur Vervollständigung der Kulturen
verwendet. Man benutzt das sehr gleichmäßige und
spaltbare Tannenholz wie Fichtenholz, außerdem namentlich zu
Resonanzböden musikalischer Instrumente. Die T. liefert auch
Harz und Terpentinöl, aber die Rinde ist zum Gerben nicht
geeignet. A. venusta Dougl., in Kalifornien, mit brauner Rinde,
weit herabhängenden untern und unregelmäßig
abstehenden obern Ästen, zugespitzten Nadeln und dreilappigen,
sehr lang zugespitzten Deckblättern, wird über 30 m hoch
und bei uns als Zierpflanze kultiviert, ebenso A. amabilis Dougl.,
an der Westseite Nordamerikas, mit brauner Rinde, in der Jugend auf
beiden Seiten bläulich gestreiften, zuletzt
gleichmäßig grünen, an der Spitze oft ausgerandeten
Nadeln und am Rand gezähnelten Deckblättern, über 60
m hoch werdend. P. balsamea Loud. (A. balsamea Mill., Balsamtanne),
in Nordamerika, südlich bis Virginia, sehr verbreitet, mit
schwärzlichgrauer Rinde, an der Spitze ausgerandeten,
unterseits bläulichweiß gestreiften Nadeln,
gezähnelten Deckblättern und violetten Zapfen, wird 15 m
hoch und bildet eine pyramidale Krone; ihre Blätter und Zweige
riechen gerieben sehr angenehm; sie liefert den Kanadabalsam. P.
Nordmanniana Loud. (A. Nordmanniana Link.), im Kaukasus und im
Pontischen Gebirge, 30 m hoher, meist vom Grund an
regelmäßig mit Ästen besetzter Baum mit
schwärzlichgrauer Rinde, ringsum gestellten, an der Spitze
ausgerandeten, wenigstens am obern Teil gezähnelten und meist
mit verlängerter Spitze versehenen Deckblättern und sehr
großen, meist mit Harz stark bedeckten Zapfen, zählt zu
den schönsten und höchsten Edeltannen, ist
raschwüchsig und vollständig hart und wird daher vielfach
als Zierpflanze kultiviert. P. Pinsapo Loud. (A. Pinsapo Boiss.,
spanische Edeltanne), in den Gebirgen des südlichen Spanien
und Nordafrikas, ein 20-25 m hoher Baum mit grauschwärzlicher
Rinde, ringsum stehenden, zugespitzten, gleichfarbigen oder
unterseits schwach bläulichweiß gestreiften Nadeln,
kurzen, gezähnelten und mit einer besondern Spitze versehenen
Deckblättern und ziemlich großen, am obern Teil etwas
eingedrückten Zapfen, hält in Norddeutschland in
geschützten Lagen ziemlich gut aus. Amerikanische Edeltanne
(P. nobilis Loud., A. nobilis Lindl.), 70 m hoher Baum Kaliforniens
mit kastanienbraunem Stamm, fast ringsum gestellten, nach oben
gekrümmten Nadeln, 16-18 cm langen Zapfen mit
spatelförmigen, oben geschlitzt gezahnten und in eine schmal
lanzettliche Spitze auslaufenden, sehr langen Deckschuppen, eine
der schönsten Edeltannen, bildet in ihrem Vaterland
große Wälder und ist in Norddeutschland vollkommen hart.
Vgl. Schuberg, Die Weißtanne (Tübing. 1888).
Tannenberg, 1) Dorf in der sächs.
Kreishauptmannschaft Zwlckau, Amtshauptmannschaft Annaberg, an der
Zschopau und der Linie Schönfeld-Geyer der Sächsischen
Staatsbahn, hat eine evang. Kirche, Baumwollspinnerei, Papier- und
Pappenfabrikation, Gorlnäherei und (1885) 1277 Einw. - 2) Dorf
im preuß. Regierungsbezirk Königsberg, Kreis Osterode,
hat (1885) 247 Einw. und ist bekannt durch die Niederlage des
deutschen Ordensheers gegen die Polen und Litauer 15. Juli
1410.
Tannenfalk, s. v. w. Wanderfalk, s. Falken, S. 9.
Tannenfichte, s. v. w. Weimutskiefer.
Tännengebirge, ein Gebirgsstock der
Salzkammergutalpen, vom Salzachthal zwischen Golling und Werfen
östlich gegen die Dachsteingruppe sich hinziehend, im Raucheck
2428 m hoch, verengert mit dem gegenüberliegenden
Haagengebirge das Salzachthal zu enger Schlucht (Paß
Lueg).
Tannenhäher (Nucifraga Briss.), Gattung aus der
Ordnung der Sperlingsvögel, der Familie der Raben (Corvidae)
und der Unterfamilie der eigentlichen Raben (Corvinae),
kräftig gebaute Vögel mit langem, starkem, sanft nach der
Spitze zu abfallendem Schnabel, mittellangen, stumpfen
Flügeln, in welchen die vierte und fünfte Schwinge am
längsten sind, mittellangem, gerundetem Schwanz und starken
Füßen mit kräftigen Nägeln an den mittellangen
Zehen. Der T. (Nußknacker, Berg-, Birkenhäher, N.
caryocatactes Briss.), 36 cm lang, 59 cm breit, ist dunkelbraun,
weiß gefleckt. nur auf Scheitel und Nacken ungefleckt,
Schwingen und Schwanzfedern sind schwarz, letztere an der Spitze
weiß; die Augen sind braun, Schnabel und Füße
schwarz. Der T. bewohnt die Wälder Nordeuropas, Nordasiens und
unsrer Hochgebirge, besonders im Gebiet der Zirbelkiefer. In
Deutschland ist er sehr selten, erscheint aber in manchem Winter
ziemlich häufig; im Norden
512
Tannenklee - Tansillo.
wandert er regelmäßiger, doch im allgemeinen auch
nur, wenn die Zirbelnüsse mißraten sind. Er klettert an
den Bäumen umher und meißelt mit dem Schnabel, wie die
Spechte. Seine Nahrung besteht wesentlich aus Sämereien,
Nüssen, Beeren, Kerbtieren, Schnecken, kleinen Vögeln
etc. Er nistet im März auf Bäumen und legt 3-4 blaß
grünblaue, hellbraun gefleckte Eier, welche das Weibchen in
17-19 Tagen ausbrütet. Er wird nützlich, indem er zur
Verbreitung des Arvensamens an den unzugänglichsten Stellen
beiträgt. In der Gefangenschaft fällt besonders seine
Mordlust auf. Vgl. Tschusi zu Schmidhoffen, Verbreitung und Zug des
Tannenhehers (Wien 1888).
Tannenklee, s. Anthyllis.
Tannenlaus, s. Blattläuse, S. 2.
Tannenpapagei, s. Kreuzschnabel.
Tannenpfeil, s. Kiefernschwärmer.
Tannenroller, s. Spechte.
Tannhausen, Dorf im preuß. Regierungsbezirk
Breslau, Kreis Waldenburg, im Weistritzthal und im Waldenburger
Gebirge, hat eine kath. Kirche, ein Schloß,
Steinkohlenbergbau, mechanische Weberei, Dampfziegelei und besteht
aus den Orten Blumenau (Ober-T.) mit (1885) 1941, Mittel-T. mit
1551 und Erlenbufch (Nieder-T.) mit 356 Einw.
Tannhäuser (Tanhuser), Minnesänger, vermutlich
ein Salzburger oder Bayer, der um die Mitte des 13. Jahrh. am Hofe
Friedrichs des Streitbaren und andrer Fürsten sich aufhielt
und ein abenteuerliches Wanderleben geführt zu haben scheint.
In seinen Liedern schildert er, dem Vorgang Neidharts folgend, mit
Vorliebe das bäuerliche Leben und derbsinnliche Minne,
nebenbei mit allerlei litterarischer Gelehrsamkeit prunkend. Auch
ein didaktisches Gedicht: "Hofzucht", wird ihm beigelegt. Eine
seiner Weisen erhielt sich bei den Meistersängern. Seine
lyrischen Gedichte finden fich im 2. Teil der "Minnesinger" von
Hagen (Leipz. 1838), die "Hofzucht" im 6. Band von Haupts
"Zeitschrift für deutsches Altertum" (das. 1848). An sein
bewegtes Leben und ein ihm beigelegtes Bußlied knüpft
sich die bekannte Sage vom Ritter T., der im Venusberg verweilte,
dann nach Rom pilgerte, um Vergebung seiner Sünden zu
erlangen, und, als ihm diese versagt wurde, verzweiflungsvoll zu
Frau Venus im Hörselberg (s. d.) zurückkehrte. R. Wagner
hat die Sage zu einer Oper verarbeitet. Vgl. Grässe, Der T.
und ewige Jude (2. Aufl., Dresd. 1861); Zander, Die
Tannhäusersage und der Minnesänger T. (Königsb.
1858).
Tannieren, s. Gallieren.
Tannin, s. Gerbsäuren, S. 160.
Tanningensäure, s. Katechin.
Tanninstoffe, s. v. w. Gerbsäuren.