Reolutionsmann, geb. 1769 zu Paris, war beim Ausbruch der
Revolution Advokatenschreiber, wurde 10. Aug. 1792 zum
Generalsekretär des neugebildeten revolutionären
Gemeinderats ernannt, Ende d. J. in den Nationalkonvent
gewählt, gesellte sich hier zu der Bergpartei und drang auf
die Verurteilung und Hinrichtung des Königs ohne Aufschub und
Appellation an das Volk. Am Tag der Hinrichtung Ludwigs wählte
ihn der Konvent zum Präsidenten. Im April 1793 ging er als
Konventsdeputierter nach den aufrührerischen westlichen
Departements und veranlagte dort zahlreiche Hinrichtungen. Durch
seine stürmische Beredsamkeit trug er im Mai viel zum Sieg der
Bergpartei über die Girondisten bei. Vom Konvent nach Bordeaux
gesandt, um die der Guillotine Entflohenen ausfindig zu machen,
ließ er sich dort durch die Frau v. Fontenay (s. unten), die
er im Gefängnis kennen lernte, und zu der er eine
glühende Neigung faßte, zu mildern Maßregeln
bestimmen. Als Robespierre seine Geliebte von neuem verhaften
ließ, verband sich T. mit Dantons Anhängern zu seinem
Sturz, den er auch 9. Thermidor (1794) durchsetzte. Hierauf zum
Präsidenten des Wohlfahrtsausschusses gewählt, hob er das
Revolutionstribunal auf, schloß den Jakobinerklub und suchte
überhaupt der Schreckensherrschaft zu steuern. Nach der
Auflösung des Konvents (26. Okt. 1795) trat er in den Rat der
Fünfhundert; doch verlor er in ruhigern Zeiten seine Bedeutung
und verkam. 1798 schloß er sich der Expedition Bonapartes
nach Ägypten an, erhielt dort eine Stelle bei der Verwaltung
der Nationaldomänen und gab ein Journal: "Décade
égyptienne", heraus. Nach Bonapartes Abreise aus
Ägypten wurde er von Menou nach Frankreich
zurückgeschickt, fiel aber in englische Gefangenschaft und
ward nach London gebracht. Nach seiner Rückkehr nach Paris
erhielt er den Posten eines französischen Konsuls zu Alicante,
lebte später, auf einem Auge erblindet, in Paris von einem
Gnadengehalt, den ihm Napoleon I. bewilligte, und starb 20. Nov.
1820. - Seine Gemahlin Jeanne Marie Ignazie Therese, geb. 1775 zu
Saragossa, Tochter des spanischen Finanzmanns, spätern
Ministers Grafen Cabarrus, erhielt eine vorzügliche Erziehung,
entzückte in Paris alles durch ihre Schönheit und Grazie,
heiratete 1790 den alten Marquis de Fontenay, flüchtete mit
diesem vor den Greueln der Revolution nach Spanien, ward aber in
Bordeaux verhaftet, von T. befreit und, nachdem die Ehe mit dem
Marquis geschieden worden, dessen Geliebte. Sie war zwar eine
eifrige Anhängerin der Revolution, bewog aber T. zur Milde und
rettete viele Opfer. Nach einer Rede im Konvent für die Frauen
ward sie auf Robespierres Befehl verhaftet, aber durch seinen Sturz
wieder befreit, worauf sie T. heiratete. Während des
Direktoriums war ihr Salon der gefeiertste und besuchteste von
Paris. Da T. mehr und mehr von seiner frühern Größe
herabsank, trennte sie sich während seiner Abwesenheit in
Ägypten von ihm und heiratete 1805 den Grafen von Caraman,
spätern Fürsten von Chimay (s. d.). Sie starb 15. Jan.
1835 auf dem Schloß Ménars bei Blois.
Tallipotbaum, s. Corypha.
Talma, François Joseph, berühmter franz.
Schauspieler, geb. 15. Jan. 1763 zu Paris, begann seine
öffentliche theatralische Laufbahn im April 1787 auf dem
Théâtre-Français als Seïde im "Mahomet"
von Voltaire und wurde zwei Jahre später Societär dieses
Instituts. Später begründete er das Théâtre
de la République, auf dem er große Triumphe feierte,
gastierte auch in der Provinz sowie in London und Belgien. Die
Wahrheit seiner Darstellungen, die Natürlichkeit des Spiels
und die Treue, mit der er sich zuerst des geschichtlichen
Kostüms statt des modernen französischen bediente,
begründeten eine neue Epoche in der dramatischen Kunst
Frankreichs. Seine Hauptrollen waren: Seïde, Orest,
Vendôme, Hamlet, Regulus, Karl IX., Sulla etc. Napoleon L
hatte ihn oft unter seiner Umgebung, so 1808 zu Erfurt und 1813 zu
Dresden. T. starb 19. Okt. 1826 in Paris. Seine "Réflexions
sur Lekain et sur l'art théâtral" (Par. 1825, neue
Ausg. 1874) zeugen von tiefer Einsicht in das Wesen der
Schauspielkunst. Seine "Mémoires" wurden herausgegeben von
Moreau (Par. 1826) und A. Dumas (das. 1849-50, 4 Bde.). Vgl. Copin,
T. et la revolution (Par. 1886); Derselbe, T. et l'empire (das.
1887). - Auch seine Gattin Charlotte Vanhove, geb. 10. Sept. 1771
im Haag, erst als Mademoiselle Vanhove, dann (bis 1794) als Madame
Petit-Vanhove und zuletzt (seit 1802) als Madame T. bekannt, war
eine der größten Schauspielerinnen ihrer Zeit, zog sich
aber schon 1811 von der Bühne zurück und starb 11. April
1860 in Paris. Sie schrieb "Études sur l'art
théâtral" (Par. 1835).
Talmigold, gelbe Kupferlegierung (z. B. aus 86,4 Teilen
Kupfer, 12,2 Zink, 1,1 Zinn, 0,3 Teilen Eisen), welche als Blech
oder Draht mit Gold plattiert und dann weiter verarbeitet wird. Der
Goldgehalt des Talmigoldes übersteigt zwar selten 1 Proz.;
dennoch ist es den gewöhnlichen vergoldeten Kupferlegierungen
vorzuziehen, da die Plattierung manche Vorteile gewährt. Das
beste T. liefert Tallois in Paris; man unterscheidet es von schwach
vergoldeter Ware durch Auflösen in Salpetersäure, wobei
ein zusammenhängendes dünnes Goldblättchen
zurückbleiben muß.
Talmud (Thalmud, "Lehre, Belehrung^), die Hauptquelle des
rabbinischen Judentums, das bändereiche Schriftdenkmal aus den
ersten fünf Jahrhunderten n. Chr., welches den gesamten
religionsgesetzlichen Stoff der jüdischen Tradition, nicht
systematisch geordnet, sondern in ausführlichen freien
Diskussionen, mit erbaulichen Betrachtungen, Parabeln, Legenden,
historischen und medizinischen Thematen u. a. vermischt,
enthält. Die Entstehungsgeschichte des T. erhellt aus
folgendem. Neben dem im Pentateuch enthaltenen schriftlichen Gesetz
hatte sich ein dieses ergänzendes und erklärendes
mündliches Gesetz von Geschlecht zu Geschlecht vererbt,
welches mit der Erweiterung und Änderung des sozialen Lebens
im Lauf der Zeit derart anwuchs, daß eine Sichtung und
schriftliche Fixierung des ganzen Materials sich als notwendig
erwies. Diese in hebräischer Sprache, der aber bereits
lateinische und griechische Ausdrücke eigen sind, von R.
Jehuda Hanassi im Verein mit gelehrten Zeitgenossen 189 n. Chr.
abgefaßte Sammlung mündlich überlieferter Gesetze
und Gebräuche (Halachot) führt den Namen Mischna
("Wiederholung", nämlich des Gesetzes) und zerfällt in
sechs Ordnungen (Sedarim): 1) Seraim (von den Saaten), 2) Moëd
(Feste), 3) Naschim (Ehegesetze), 4) Nesikin (Zivil- und
Strafgesetze), 5) Kodaschim (Opfer- und Speisegesetze), 6) Taharot
(Reinheitsgesetze). Die von R. Jehuda nicht aufgenommenen Gesetze
wurden später von seinen Jüngern gesammelt und
führen den Namen Boraitha (außerhalb [des Kanons]
stehende), eine noch spätere Sammlung heißt Tossefta. In
den Akademien Palästinas und Babylons bildete die Mischna nun
die Grundlage der gelehrten Verhandlungen, welche, später
gesammelt, Gemara (vollständige Erklärung) oder, mit der
Mischna ver-
503
Talon - Tamarindus.
bunden, T. genannt wurden. Zu Anfang des 4. Jahrh. entstand in
Palästina der jerusalemische T., in aramäischem Idiom
geschrieben, die vier ersten Ordnungen der Mischna behandelnd; um
500 war der babylonische T., bald aramäisch, bald
rabbinisch-hebräisch abgefaßt, redigiert. Von
ältern Mischnaerklärern sind Maimonides, der auch einen
wissenschaftlichen Kodex des T. ("Mischne Thora" oder "Jad
ha-chasaka") abfaßte (1178-80), Bartenora, Liepmann Heller
("Tosefot Jom-tob"), von Übersetzern der Mischna, die schon im
10. Jahrh. ins Arabische, später ins Spanische übertragen
ward, Surenhusius (lateinisch), Rabe (deutsch) und Jost (deutsch
mit hebräischen Lettern), Samter-Baneth, von Lehrbüchern
und Einleitungen zur Mischna die Werke von Geiger, Dukes,
Weiß, Z. Frankel, der auch eine "Einleitung zum
jerusalemischen T." schrieb, und Jakob Brüll zu nennen.
Erklärer des babylonischen T. sind neben Raschi die
Tossafisten (Glossatoren), eine Reihe meist nordfranzösisther
Rabbiner, Rosch (R. Ascher ben Jechiel, 1306-27) u. a.
Wörterbücher verfaßten: R. Natan ben Jechiel aus
Rom ("Aruch", 1101), Buxtorff (2. Aufl. von Fischer, Leipz.
1866-1870, 2 Bde.), Levy (das. 1875-89) und Kohut ("Aruch
completum", auf Grundlage des "Aruch" von R. Natan ben Jechiel,
Wien 1878 ff.); einzelne Traktate übersetzten: ins Lateinische
Riecius, Clarke, Ullmann, Surenhus, Lund, Ludovic, Coccejus,
Hirschfeld, Fagius, Hartmann u. a.; ins Französische Schwab,
Rabbinowicz; ins Deutsche Ewald, Pinner, Samter und Rawitsch. Der
babylonische T. in seinen haggadischen Bestandteilen ist von
Wünsche übersetzt (Leipz. 1886 ff.). Die Methode und
einzelne Disziplinen des T. behandelten: Hirschfeld (Exegese),
Lewysohn (Zoologie des T.), Wunderbar (Medizin), Markus
(Pädagogik), Duschak (Botanik), Bloch (Polizeirecht), Auerbach
(Obligationenrecht), Rabbinowicz (Zivil- und Kriminalrecht),
Zuckermann (Mathematik), Frankel (gerichtlicher Beweis), Fassel
(Zivilrecht, Tugend- und Rechtslehre, Strafrecht) u. a.; eine
Realencyklopädie des T. gab Hamburger (Neustrelitz 1883)
heraus; die Evangelien erläuterte aus T. und Midrasch Aug.
Wünsche (Götting. 1878). Vgl. Rabbinowicz, Kritische
Übersicht der Gesamt- und Einzelausgaben des Babylonischen T.
(Münch. 1877); Deutsch, Der T. (a. d. Engl., Berl. 1869);
Weber, Die Lehren des T. (Leipz. 1886).
Talon (franz., spr. -óng, "Ferse"), bei
Wertpapieren der Erneuerungsschein für die Koupons (s.d.); im
Kartenspiel die nach dem Geben übriggebliebenen Karten, die
Kaufkarten; im Hasard der Kartenstamm, welchen der Bankier abzieht;
im Domino die Kaufsteine.
Talos, nach dem Mythus der Alten ein eherner Riese auf
Kreta, der als Wächter des Minos die Insel täglich
dreimal umkreiste und die Herannahenden durch Steinwürfe
verscheuchte oder mit den Gelandeten ins Feuer sprang und sie so
lange an seine glühende Brust drückte, bis sie
verbrannten. Von seinem Kopf ging eine Blutader bis zur Ferse, wo
sie durch einen Nagel geschlossen war. Als die Argonauten nach
Kreta kamen, ließ Medea den Nagel durch Zaubergesang
herausspringen (oder Pöas, der Vater des Philoktet,
schoß ihn mit dem Bogen heraus), worauf T. verblutete. Sein
Tod ist auf einem ausgezeichneten apulischen Vasengemälde
dargestellt, wo T. infolge des Zaubers der Medea in den Armen der
Dioskuren stirbt. T. gilt für ein altes Symbol des
Sonnengottes und ist mit dem phönikischen Moloch verwandt.
Vgl. Mercklin, Die Talossage und das Sardonische Lachen (Petersb.
1851).
Talpa (lat.), Maulwurf.
Taltal, Hafenort im südamerikan. Staat Chile,
Provinz Atacama, mit 1876 entdeckten Salpeterlagern.
Talus (lat.), Sprungbein.
Talus (franz., spr. -lüh), s. Böschung.
Talvj, Pseudonym, s. Robinson 3).
Taman, Halbinsel zwischen dem Schwarzen und Asowschen
Meer, zum kubanischen Landstrich gehörig, mit der
gleichnamigen Bai und dem kleinen Orte T., war im Altertum Sitz
blühender Kolonien der Griechen, an deren Stellen (z. B. bei
Sennaja, vermutlich der Stätte des alten Phanagoria) seit 1859
erfolgreiche Ausgrabungen veranstaltet wurden. In den aufgedeckten
Kurganen fand man Gerippe von Menschen und Tieren (Pferden) und
viele Geräte meist griech. Ursprungs, die jedoch nicht
über das 4. Jahrh. v.Chr. zurückreichen. Vgl. Görtz,
Archäologische Topographie der Halbinsel T. (russ., Mosk.
1870).
Tamandua, s. Ameisenfresser.
Tamanieh (Tamanib), Dorf in Nubien, südwestlich von
Suakin am Wadi Chab und der über Sinkat nach Berber
führenden Straße. Hier 13. und 25. März 1884
Gefechte des englischen Generals Graham gegen Osman Digma, in
welchem der letztere zwar geschlagen und das Dorf eingenommen und
verbrannt wurde, die Engländer aber ihren Zweck, die Forts
Sinkat und Tokar zu entsetzen, nicht erreichen konnten.
Tamaquna, Stadt im nordamerikan. Staat Pennsylvanien, am
Schuylkill inmitten ergiebiger Kohlengruben, mit (1880) 5730
Einw.
Tamar (Tamer, spr. tähmer), Grenzfluß zwifchen
den englischen Grafschaften Cornwall und Devon, mündet in den
Plymouthsund; 96 km lang. Sein Ästuar bildet die berühmte
Reede Hamoaze. Er ist bis Launceston schiffbar, von wo ein Kanal
nach Budehaven an der Nordküste von Cornwall führt.
Tamara, ital. Würzpulver aus Koriander, Zimt,
Nelken, Fenchel und Anis; wird in der Küche wie Curry-powder
(s. d.) benutzt.
Tamarikaceen (Tamariskenartige), dikotyle, etwa 40 Arten
umfassende Familie aus der Ordnung der Cistifloren, Holzpflanzen,
selten Stauden mit kleinen, oft schuppenförmigen,
blaugrünen, abwechselnden Blättern und
regelmäßigen, zwitterigen, 4-5zähligen, in
Ähren, Köpfen, Trauben oder Rispen stehenden Blüten.
Von den verwandten Familien unterscheiden sich die T.
hauptsächlich durch einen Haarschopf am Samen. In Deutschland
kommt nur Tamarix (Myricaria) germanica Devs. an kiesigen
Flußufern vor, deren Rinde wie auch die der am Mittelmeer
heimischen Tamarix gallica L. früher offizinell war. Der
Familie der T. werden auch die kleinen Gruppen der Reaumurieen und
Fouquiereen beigezählt.
Tamarindus Tourn. (Tamarinde), Gattung aus der Familie
der Cäsalpinieen, mit der einzigen Art T. indica L. (s. Tafel
"Arzneipflanzen II"), ein bis 25 m hoher, immergrüner Baum mit
weit ausgebreiteter, sehr verästelter Krone, abwechselnden,
paarig gefiederten, 10-20jochigen Blättern,
linealisch-länglichen Blättchen, wenigblütigen,
endständigen Blütentrauben, weißen, purpurn
geäderten Blüten und gestielten, bis 15 cm langen, 2,5 cm
breiten, länglichen oder lineal-länglichen, meist etwas
gekrümmten, mäßig zusammengedrückten
Hülsen, welche in dünner, zerbrechlicher, gelbbrauner,
rauher Schale ein schwarzes oder braunes Mus und in diesem rundlich
viereckige, glänzend rotbraune Samen enthalten. Die Tamarinde
ist im tropischen Afrika, südwärts bis zum Sambesi,
heimisch, wohl auch im südlichen
504
Tamarix - Tambow.
Asien und in Nordaustralien, und wird in diesen Ländern und
in Amerika kultiviert. Man genießt die Früchte als Obst,
macht sie auch ein und bereitet daraus kühlende Getränke
und durch Zusammenkneten der entrindeten Früchte das
Tamarindenmus, welches aus Ostindien, Ägypten und (mit Sirup
versetzt) aus Westindien in den Handel kommt. Dasselbe ist
schwarzbraun, riecht säuerlich weinartig, schmeckt
süßlich-sauer, wenig herb und enthält Zucker,
Weinsäure, Pektinsäure, Gummi etc. Es dient als leicht
abführendes Mittel und zu Tabaksaucen. Das feste Holz des
Baums wird von Würmern nicht angegriffen und daher vielfach
benutzt.
Tamarix L. (Tamariske), Gattung aus der Familie der
Tamarikaceen, ästige Sträucher mit kleinen,
schuppenförmigen Blättern, rosafarbenen oder weißen
Blüten in gewöhnlich endständigen, einfachen oder
zusammengesetzten Trauben und mit aufspringenden Kapseln; wachsen
vorzugsweise auf salzhaltigem Boden in der Nähe der
Küsten in den Mittelmeerländern, im mittlern und
südlichen Asien. T. (Myricaria Devs.) germanica L. (deutsche
Cypresse), ein Strauch mit rutenförmigen, zahlreichen
Ästen, sehr kleinen, cypressenartigen, graugrünen
Blättern und weißlichen Blüten, ist in Mittel- und
Südeuropa heimisch und wird als Zierstrauch in Gärten
kultiviert; ebenso T. gallica L., ein Strauch an den Ufern des
Mittelländischen Meers sowie im nördlichen Afrika, in
Kleinasien bis zum Himalaja, dem vorigen ähnlich, mit
punktierten, bläulichgrünen Blättern und
rötlichen, in Rispen stehenden, sehr wohlriechenden
Blüten. Aus einer Spielart, T. gallica mannifera Ehrenb.
(Manna Tamarisca, Tarfabaum), welche im Steinigen Arabien und
besonders am Sinai ganze Wälder bildet, schwitzt infolge des
Stiches einer Schildlaus eine zähe, süße Substanz
aus, welche Zucker und Schleim enthält, von den Mönchen
am Sinai gesammelt und für das Manna der Israeliten ausgegeben
wird. Auch andre Arten, wie T. tetrandra Pall. aus dem Orient, und
T. chinensis Lour. aus Ostasien, beide mit weißlich hellroten
Blüten, werden als Ziersträucher kultiviert.
Tamaro, Monte, eins der drei Häupter des
tessinischen Voralpenlandes, erhebt sich am obern Ende des Lago
Maggiore 1961 m hoch.
Tamarugal (Pampa de T.), wüster Landstrich in der
Provinz Tarapacá des südamerikan. Staats Chile, jenseit
der Küstenkordillere, etwa 1000 m ü. M., bildet eine
nördliche Fortsetzung der Wüste von Atacama und ist reich
an Lagern von Salpeter und Borax.
Tamaschek (Ta-Mascheq), die zum hamit. Stamm
gehörige, von der Sprache der alten Libyer abstammende Sprache
eines Teils der nomadisierenden Stämme Nordafrikas (Tuareg).
Vgl. Hanoteau, Essai de grammaire de la langue tamachek (Par.
1860). Das T. besitzt ein besonderes Alphabet.
Tamatave, Stadt, s. Madagaskar, S. 39.
Tamaulipas, der nördlichste der östlichen
Küstenstaaten von Mexiko, 76,000 qkm (1380 QM.) groß,
besteht aus einem niedrigen Küstenstrich, der sich vom
Tampicofluß bis zur Mundung des Rio Grande del Norte
erstreckt und teilweise durch die langgestreckte Laguna del Madre
vom Meer getrennt wird, reicht 190 km weit den Rio Grande hinauf,
der ihn von den Vereinigten Staaten trennt, und erstreckt sich im
Innern auch über ein reichbewaldetes Hügelland. Das Klima
ist an der Küste heiß und ungesund, im Innern aber
angenehm. Die Bevölkerung (1880: 144,747) besteht
überwiegend aus Mestizen. Angebaut werden: Mais, Weizen,
Baumwolle, Reis, Zuckerrohr, Bohnen, Bataten, Maguey etc. Silber,
Kupfer, Blei und Steinkohlen kommen vor, werden aber noch kaum
ausgebeutet. An der Küste wird etwas Salz gewonnen und in den
Lagunen auch Fischfang betrieben. Die Industrie ist noch ganz
unbedeutend. Hauptstadt ist Victoria. S. Karte "Mexiko".
Tambach, Flecken im Herzogtum Sachsen-Gotha, im
Thüringer Wald, an der Apfelstedt und an der Linie
Georgenthal-T. der Preußischen Staatsbahn, 453 m ü. M.,
hat eine evang. Kirche, eine Oberförsterei, Fabrikation von
Bürstenwaren, Papier, Korken, Porzellan, eine Öl- und
eine Dampfschneidemühle und 2000 evang. Einwohner. Nahebei die
romantischen Thäler Spittergrund und Dietharzer Grund.
Tamberlick, Enrico, Opernsänger (Tenor), geb. 16.
März 1820 zu Rom, studierte erst Theologie und widmete sich
später unter Leitung Guglielmis der Kunst. Er debütierte
1841 in Neapel und ging 1843 nach Lissabon, wo seine Stimme eine
merkwürdige Wandlung durchmachte, indem aus dem tiefen eln
hoher Tenor wurde, später nach Petersburg, wo er zum
kaiserlichen Kammersänger ernannt ward. Nachdem er darauf
Südamerika bereist hatte, trat er endlich (1858) auch an der
Italienischen Oper zu Paris auf und erregte dort durch seinen
vollendeten Vortrag, namentlich auch durch sein phänomenales
hohes Cis Bewunderung. Obwohl in der komischen wie in der ernsten
Oper gleich ausgezeichnet, glänzte er doch am meisten als
Othello, Troubadour, Herzog in "Rigoletto" und Don Ottavio 1868
befand sich T. gerade in Madrid, als Isabella vertrieben wurde, und
erregte als Masaniello einen grenzenlosen Jubel, da man ihm
republikanische Gesinnungen zuschrieb. 1869 erschien er wieder in
Paris und ist dort auch noch 1877 aufgetreten. Er starb daselbst
14. März 1889.
Tambilan (Timbalan), Inselgruppe im Indischen Archipel,
zwischen Borneo und Sumatra, zur niederländischen
Residentschaft Rion gehörig, 72 qkm groß mit 3200
Einw.
Tambohorn, Berg , s. Adula.
Tambora, Vulkan, s. Sumbawa.
Tambour (franz., spr. -bur, vom pers. Tambur, s. d.),
Trommel; auch Trommler, Trommelschläger (s. Spielleute); daher
T. battant, mit schlagendem Trommler, vom Sturmangriff im freien
Feld, wobei der T. den Sturmmarsch schlägt. In der Baukunst
bezeichnet T. einen cylindrischen oder polygonen Unterbau einer
Kuppel (s. Laterne); in der Befestigungskunst eine kleine, meist
aus Palissaden bestehende Anlage zur Deckung der Eingänge in
Dörfer, Feldschanzen, Forts etc. (vgl. Palissaden); bei
Krempelmaschinen die mittlere Trommel.
Tambow, russ. Gouvernement, zu den Zentralgouvernements
Großrußlands gehörig, umfaßt 66,586,7 qkm
(1209 QM.). Das Land ist eben und gehört vorzugsweise der
Kreideformation an. Von nützlichen Mineralien finden sich
Eisen, Kalkstein, Gips und Thon. Der größte Teil des
Gouvernements ist mit Schwarzerde (Tschernosem) bedeckt, und die
beiden südlichsten Kreise tragen sogar den Charakter der
Steppe. Die Oka und der Don berühren auf kurzer Strecke das
Gouvernement; in die erstere mündet die Mokscha mit der Zna,
welche das ganze Gouvernement durchströmen; im S. fließt
die Worona zum Choper. Nur ein Sechstel des ganzen Landes ist mit
Wald bedeckt. Das Klima ist gemäßigt. Die Einwohnerzahl
beträgt (1885) 2,607,881 (39 pro QKilometer). Die Zahl der
Eheschließungen war 1885 22,780, der Gebornen 126,222, der
Gestorbenen
505
Tambur - Tammany-Ring.
83,184. Das Gouvernement T. gehört zu den
ackerbautreibenden ersten Ranges, aber bis auf den heutigen Tag
besteht fast allenthalben noch die Dreifelderwirtschaft. Man
säet hauptsächlich Hafer, Roggen, Buchweizen, im S. auch
Weizen; außerdem baut man Lein und Hanf, Kohl, Gurken,
Rüben, Rettiche, Tabak und Runkelrüben. Das Areal besteht
aus 63,3 Proz. Acker, 18,3 Wald, 13,4 Wiesen und 5 Proz. Unland.
Die Ernte war 1887: 14,2 Mill. hl Roggen, 11,3 Mill. hl Hafer, 4,4
Mill. hl Kartoffeln, 2½ Mill. hl Hirse, Buchweizen 1,1 Mill.
hl, Weizen, Gerste und Erbsen in nicht beträchtlichen Mengen.
Die Ernte ergab beim Roggen durchschnittlich das siebenfache Korn.
Viehzucht wird nur so weit betrieben, als sie zur Befriedigung der
Bedürfnisse des Ackerbaus dient; eine Ausnahme macht die
Pferdezucht. Die Pferde aus den östlichen Stutereien sind sehr
gesucht, finden beständigen Absatz in St. Petersburg und
Moskau und werden auch für die Armee angekauft. Man
zählte 1873: 171 Stutereien mit 525 Zuchthengsten und 3027
Stuten. Der Viehstand überhaupt bezifferte sich 1883 auf
399,478 Stück Rindvieh, 1,326,588 grobwollige und 200,816
feinwollige Schafe, 656,338 Pferde und 269,685 Schweine. Der Wert
der industriellen Produktion ward 1885 auf 25,796,000 Rubel
beziffert. Hervorragend sind: Brennerei (18 Mill. Rub.),
Tuchfabrikation (2,2 Mill. Rub.), Talgsiederei (1,4 Mill. Rub.),
Zuckerfabrikation (1,3 Mill. Rub.), Tabaksindustrie und
Eisengießerei. Die Handelsumsätze des Gouvernements
überschreiten 52 Mill. Rub. Den ersten Platz in Bezug auf den
Handel nimmt die Stadt T. ein, dann Koslow und Morschansk.
Schiffbare Flüsse und mehrere Eisenbahnen begünstigen und
erleichtern den Handel. Die Zahl aller Lehranstalten belief sich
1885 auf 755 mit 48,115 Schülern, darunter 19 Mittelschulen
und 2 Fachschulen (ein geistliches und ein Lehrerseminar). T. wird
eingeteilt in zwölf Kreise: Borissoglebsk, Jelatma, Kirsanow,
Koslow, Lebedjan, Lipezk, Morschansk, Schazk, Spask, T., Temnikow
und Usman. - Die gleichnamige Hauptstadt, an der Bahnlinie
Koslow-Saratow, hat 27 Kirchen (darunter eine evangelische), ein
Priesterseminar, ein klassisches Gymnasium, ein
Mädchengymnasium, ein Lehrerseminar und viele kleinere
Lehranstalten, das Alexander-Institut adliger Fräulein,
Schulen für Feldschere und Hebammen, ein Theater, eine
Stadtbank, eine Abteilung der Reichsbank, viele Fabriken, Handel
mit Getreide, Vieh, Talg und Wolle und (1885) 35,688 Einw. T. ist
Sitz eines griechischen Bischofs.
Tambur (Tanbur), ein arabisch-persisches lautenartiges
Saiteninstrument, das wie die Mandoline mit einem Plektrum gespielt
wurde.
Tamburinen, s. Stickerei, S. 317.
Tamburin (franz. Tambourin, spr. -âng. Handtrommel,
Handpauke), ein mit einer Haut überspannter metallener oder
hölzerner Reif, welcher ringsum mit Schellen oder
Glöckchen besetzt ist. Der Reif wird in der linken Hand in
verschiedenen Wendungen herumgedreht und mit dem Daumen der rechten
Hand auf dem Fell im Kreis umhergefahren oder zur Markierung des
Rhythmus mit der Faust auf dasselbe geschlagen, wodurch ein
verschiedenartiges Getön, Wirbel etc., verbunden mit
Schellengeklingel, hervorgebracht wird. Das Instrument ist bei den
Spaniern, Ungarn, Orientalen etc. zu Nationaltänzen
gebräuchlich (in der Hand der Tänzer selbst).
Tamburini, Antonio, Opernsänger (Baß), geb.
28. März 1800 zu Faenza, machte frühzeitig Gesangsstudien
und wurde schon mit zwölf Jahren für den Opernchor in
seiner Vaterstadt engagiert. Ans Neigung zum Theater verließ
er mit 18 Jahren heimlich das elterliche Haus und debütierte
glücklich in dem Städtchen Cento, von wo er nach und nach
an die größern Bühnen Italiens gelangte, bis er
endlich 1819 in Neapel ein vorteilhaftes Engagement und reichen
Beifall fand. 1825 engagierte ihn der berühmte Impresario
Barbara auf sechs Jahre für seine Unternehmungen in Neapel,
Mailand und Wien. 1832, nachdem er zuvor noch England besucht
hatte, kam T. nach Paris und debütierte als Dandini im
"Aschenbrödel". Von nun an bildete er länger als 20 Jahre
das Entzücken der Pariser, und noch 1854 sang er den Don Juan
mit klangvoller Stimme und jener Leichtigkeit der Tonbildung, die
ihm den Beinamen des "Rubini unter den Baritonisten" verschafft
hatte. Er befuchte von Zeit zu Zeit sein Vaterland und fand auch
mehrmals in Rußland die wohlwollendste Aufnahme. Im Besitz
eines beträchtlichen Vermögens, zog er sich endlich auf
seine Besitzung in Sèvres bei Paris zurück, siedelte
jedoch 1871 nach Nizza über, wo er 9. Nov. 1876 starb. Vgl.
Biez, T. et la musique italienne (Par. 1877).
Tamerlan, s. Timur.
Tamfana, Göttin, s. Tanfana.
Tamías (griech.), Schatzmeister, Rendant, ein
Titel, den in Athen verschiedene Behörden führten, vor
allen aber der auf vier Iahre gewählte Verwalter der
Hauptkasse, welcher von den Apodekten (Generaleinnehmern) alle
für die öffentlichen Ausgaben bestimmten Gelder
abgeliefert erhielt und an die Kassen der einzelnen Behörden
für ihre etatmäßigen Ausgaben verteilte.
Tamias, Backenhörnchen, s. Eichhörnchen, S.
362.
Tamil, die Sprache der Tamulen (s. d.).
Tamina, wilder Gebirgsfluß im schweizer. Kanton St.
Gallen, 26 km lang, entspringt am Sardonagletscher,
durchfließt zunächst das nur im Sommer bewohnte
Alpenthal Kalfeusen; hier liegt Sardona-Alp 1748, die Kapelle St.
Martin 1351 m ü. M. Aus dieser Oberstufe herausgebrochen,
erreicht sie den obersten permanent bewohnten Thalort Vättis
(947 m) und durchfließt nun ein enges Waldthal, wo in einem
Felsschlund die Therme von Pfäfers hervorquillt. Endlich
gelangt der Fluß durch eine Klus zur Rheinebene hinaus. Hier
liegt am Zusammenfluß von Rhein und T. der Badeort Ragaz (503
m).