höchste Einheit für Gewicht und Geld, vorzüglich
Silbergeld, war eingeteilt in 60 Minen à 100 Drachmen
à 6 Obolen. Der Wert des Talents war zu verschiedenen Zeiten
und in verschiedenen Staaten verschieden. Das gewöhnlichste T.
war das von Solon eingeführte kleine attische, welches stets
gemeint ist, wenn T. ohne weitern Zusatz genannt wird. Dasselbe
hielt dem Gewicht nach 26,2 kg, als Geldsumme nach den neuesten
Berechnungen rund 4710 Mk. - Im jetzigen Griechenland ein Gewicht,
= 150 kg
499
Talfourd - Talisman.
Talfourd (spr. tälförd), Sir Thomas Noon, engl.
Dichter, geb. 26. Jan. 1795 zu Doxey bei Stafford, widmete sich der
juristischen Laufbahn, vertrat 1834 bis 1843 Reading im Parlament
und machte sich hier durch das Einbringen und die Verteidigung der
Copyright bill bekannt. 1849 wurde er zum Richter am Court of
Common Pleas ernannt und starb 20. März 1854 während
einer Anrede an den großen Gerichtshof zu Stafford.
Berühmt wurde T. durch seine Trauerspiele ("Dramatical works",
neue Ausg. 1852), deren erstes: "Ion", zugleich sein bestes, 1836
zur ersten Aufsührung kam. Außerdem schrieb er eine
Anzahl politischer und belletristischer Werke, darunter: "The life
of Charles Lamb" (neue Ausg. 1850. 2 Bde.) und "Vacation rambles
and thoughts, recollections of three continental tours" (3. Aufl.
1851. Supplement 1854).
Talg (Unschlitt, Inselt), das Fett der Rinder, Schafe,
Ziegen, Hirsche, ist farblos, riecht schwach eigentümlich, ist
härter bei Trockenfütterung, im warmen Klima und bei
männlichen Tieren, enthält durchschnittlich 75 Proz.
Stearin und Palmitin und 25 Proz. Olein. Rindertalg schmilzt bei
43,5-45°, ist unlöslich in kaltem, schwer löslich in
siedendem Alkohol; Hammeltalg ist härter, brüchig, fast
geruchlos, schwer löslich in Alkohol, schmilzt bei
46,5-47,5°. Ziegentalg ist dem Rindertalg ähnlich, riecht
aber stärker. über Hirschtalg s. d. Zur Gewinnung des
Talgs erhitzt man das zerschnittene Fett (Talglinsen) unter Zusatz
von einigen Prozenten Wasser unter beständigem Umrühren
im kupfernen Kessel, schöpft das geschmolzene Fett ab und
preßt endlich den Rückstand (Griefen, Grieben) aus.
Vorteilhafter schmelzt man die Linsen mit Dampf unter Zusatz von
etwa 1 Proz. Schwefelsäure in hölzernen, mit Blei
ausgeschlagenen Bottichen, bedeckt, um die übelriechenden
Dämpfe abzuleiten, die Kessel und bringt ein mit der Feuerung
in Verbindung stehendes Ableitungsrohr an, welches zur Verteilung
der Dämpfe mit einem Sieb endigt. Die Ausbeute beträgt
75-92 Proz. und ist im allgemeinen beim Schmelzen mit Dampf
größer als beim trocknen Schmelzen. Zur Reinigung wird
der T. wiederholt mit 5 Proz. Wasser, auch mit Alaun-, Salz- oder
Salpeterlösung umgeschmolzen, in kaltes Wasser gegossen und in
Spänen an der Sonne gebleicht. Auch durch Schmelzen mit etwa 1
Proz. Braunsteinpulver, 2 Proz. Schwefelsäure und 30 Proz.
Wasser, Abgießen, Versetzen mit 1 Proz. Oxalsäure und
abermaliges Abgießen kann T. gebleicht werden. Zum
Härten schmelzt man T. mit 0,5 Proz. Schwefelsäure und
0,5 Proz. Salpetersäure, wäscht aus und erhitzt bis zum
Verdunsten des Wassers, oder man rührt 0,007 Proz. Bleizucker
in das geschmolzene Fett ein. Man kann auch geschmolzenen T. auf
20-25° abkühlen lassen und das flüssig gebliebene
Olein abpressen. Das abgepreßte breiförmige Talgöl
dient zur Darstellung von Kunstbutter. Die größte Menge
T. liefert Rußland, im Süden mehr Hammeltalg
(weißer T.), im Norden hauptsächlich Rindertalg (gelber
T.). Je nach der Reinheit und Konsistenz unterscheidet man auch
Lichtertalg und Seifentalg, welch letzterer namentlich aus Sibirien
kommt. Auch Polen, Holland und Dänemark liefern viel und guten
T., welcher, wie die inländische Produktion, in Deutschland
dem russischen vorgezogen wird. Neuerdings wird auch T. aus
Australien und den La Plata-Staaten zugeführt. Man benutzt T.
als Nahrungsmittel, zu Kerzen, zur Darstellung von
Stearinsäure und Seife, in der Lederbereitung, zu
Schmiermitteln etc.
Talg, vegetabilischer, starres Pflanzenfett von
höherm Schmelzpunkt und der Zufammensetzung der echten Fette.
Chinesischer Talg, aus der festen Fettschicht, welche die Samen von
Stillingia sebifera umgibt, in China, Ost- und Westindien durch
Schmelzen und Abpressen gewonnen, ist farblos oder
grünlichweiß, ziemlich hart, schmilzt bei 37-44°,
besteht aus Stearin und Palmitin, reagiert sauer durch einen Gehalt
von Essigsäure und Propionsänre, dient in China und
England zur Darstellung von Kerzen und Seifen. Vateriatalg
(Pineytalg), aus den Samen der ostindischen Vateria indica durch
warmes Pressen gewonnen, ist gelblich, später farblos, riecht
schwach angenehm, schmilzt bei 36,4°, besteht aus festen Fetten
und freien Fettsäuren und enthält 2 Proz. fettes Öl,
dient in England zur Kerzenfabrikation. Virolafett, aus den Samen
von Virola sebifera in Guayana durch Auskochen und Pressen
gewonnen, ist gelblich, innen oft bräunlich mit
punktförmigen Kristallaggregaten, riecht frisch nach
Muskatbutter, wird bald ranzig, schmilzt bei 44°,
vollständig bei 50°, ist nur teilweise verseifbar, dient
zur Kerzen- und Seifenfabrikation. Myricawachs (Myrtle-,
Myrtenwachs), aus den Beeren von Myrica cerifera und M.
carolinensis in Nordamerika, M. caracassana in Neugranada und M.
quercifolia, cordifolia, laciniata am Kap durch Auskochen mit
Wafser gewonnen, ist grünlich, riecht sehr schwach balsamisch,
schmilzt bei 42,5-49°, besteht aus Fetten, wird wie Bienenwachs
und mit diesem gemengt verwendet. Japanisches Wachs, aus den Samen
von Rhus succedanea in China und Japan durch warmes Pressen
gewonnen, ist blaßgelblich, wachsartig, nach längerm
Liegen außen gelb bis bräunlich mit schneeweißem
Anflug, schmilzt bei 52-53°, besteht wesentlich aus Palmitin
und ist von allen vegetabilischen Talgarten die wichtigste. Es
kommt seit 1854 aus Japan und Singapur, zum Teil über China,
in großen Mengen nach Europa und Amerika und wird zur
Kerzenfabrikation und wie Bienenwachs, auch mit diesem gemengt
benutzt. Über die Bassiafette (Schibutter, Galambutter etc.)
s. Bassia.
Talgbaum, mehrere festes Pflanzenfett liefernde Pflanzen,
namentlich: Stillingia sebifera, Vateria indica, Myrica
cerifera.
Talgdrüsen, s. Hautdrüsen.
Talglichte, s. Kerzen, S. 696.
Talgsäure, s. v. w. Stearinsäure.
Talgstoff, s. v. w. Stearin.
Talha, s. Acacia, S. 74.
Talhaka, König, s. Tirhaka.
Talifu, Stadt in der chines. Provinz Jünnan, deren
Bewohner als Hauptbeschäftigung die Bearbeitung von
Marmorplatten betreiben, welche bei dem Dorf Tiensing gebrochen
werden, und die sich durch ihr wunderbares Farbenspiel auszeichnen.
Es war nach 1857 Hauptstadt der aufständischen muselmanischen
Panthai, bis es Ende 1872 wieder von den Chinesen eingenommen
wurde.
Talion [Dehnungsstrich auf dem o] (lat.), Vergeltung
einer Handlung durch eine gleiche; daher Jus talionis, das Recht
der Wiedervergeltung; Poena talionis, die Strafe der Vergeltung,
die in den ältern germanischen Rechten sowie bei den Griechen
und Römern üblich war.
Talipes (lat.), der Klumpfuß.
Talisman, Bild von Metall oder Stein, welchem die Kraft
innewohnen soll, denen, die es tragen, oder in und an deren
Wohnungen es sich befindet, Schutz gegen Krankheit und Zauberei zu
gewähren sowie überhaupt Glück zu bringen. Diese
magischen Bilder
500
Talismanexpedition - Talleyrand.
mit der Metallreligion der alten Akkadier zusammenhängend,
waren besonders im alten Babylon und Ninive im Gebrauch, woselbst
kein Gebäude ohne schützendes Bild (meist
Zwittergestalten von Göttern, Menschen und Tieren) gebaut
wurde. Auch in den arabischen Erzählungen spielt der T. eine
wichtige Rolle. Ähnliche Dinge waren die Skarabäen der
Ägypter, die Abraxasgemmen der Gnostiker (s. Abraxas), die
Alraunen und der Allermannsharnisch des Mittelalters, die
Siegessteine der Wielandsage und die meist nur mit magischen
Zeichen und Sprüchen beschriebenen Amulette (s. d.). Das Wort
T. findet sich in fast allen europäischen Sprachen und wird
aus das arabische tilsam (Zauberbild, Plural tilsamât oder
talâsim) zurückgeführt. Vgl. Lenormant, Die Magie
und Wahrsagekunst der Chaldäer (deutsch, Jena 1878); Fischer
und Wiedemann, Babylonische Talismane (Stuttg. 1881).
Talismanexpedition, 1883, s. Maritime wissenschaftliche
Expeditionen, S. 285.
Taliter qualiter (lat.), so gut es eben geht.
Talith (hebr.), der vom Gesetz (4. Mos. 15, 37 ff.)
gebotene shawlförmige Gebetmantel der Juden.
Talje, im Seewesen s. v. w. Flaschenzug; das bei der T.
zur Anwendung kommende Tau heißt deren Läufer; das an
dem einen Block der T. befestigte Ende des Läufers die feste
Part, das andre Ende desselben die lose oder die holende Part. Um
auf die holende Part eine Zugkraft ausüben zu können, ist
es meist erforderlich, deren Richtung durch einen sogen. Leitblock
zu verändern; der Klappläufer ist ein Leitblock, dessen
obere Backe zum Aufklappen eingerichtet ist, so daß der
Taljenläufer direkt auf die Scheibe des Leitblocks gebracht
werden kann.
Taljereeps, s. Takelung, S. 495.
Talk, Mineral aus der Ordnung der Silikate (Talkgruppe),
kristallisiert wahrscheinlich rhombisch, zeigt nur selten
tafelförmige Kristalle, bildet gewöhnlich schalige,
blätterige, schieferige, auch dichte, weiße,
grünliche oder gelbliche, selten farblose Aggregate. T. ist in
dünnen Lamellen durchsichtig, besitzt Perlmutter- oder
Fettglanz, ist sehr mild und fühlt sich fettig an. Härte
1, spez. Gew. 2,69-2,80. Der chemischen Zusammensetzung nach ist T.
mit Speckstein (s. d.) identisch und entspricht, wie dieser, der
chemischen Formel H2Mg3Si4O12. Oft tritt auch etwas Eisen und
Aluminium in die Zusammensetzung ein. T. ist ein häufiges
Mineral, bildet als Talkschiefer (s. d.) ein einfaches Gestein,
kommt aber auch untergeordnet auf Lagern, Nestern, Gängen, im
Gemenge mit andern Mineralspezies, ferner als Überzug vor.
Hauptfundorte sind: Tirol, Steiermark und die Schweiz. Er dient,
ähnlich wie Speckstein, als Maschinenschmiere, als
Poliermaterial für weiche Gegenstände, in der
Schminkebereitung etc.
Talkeisenstein, s. Magneteisenerz.
Talken, böhm. Hefengebäck aus Butterteig in
Kloßform, wird mit Pflaumenmus bestrichen, mit zerriebenem
Pfefferkuchen bestreut und mit zerlassener brauner Butter
begossen.
Talkerde, s. Magnesia.
Talkhydrat, s. Brucit.
Talkschiefer, einfaches Gestein, schieferiger Talk von
unreinen weißen, gelblichweißen, grünlichgrauen
und lichtgrünen bis ölgrünen Farben, von fettigem
Glanz und großer Weichheit beim Anfühlen. Er kommt
dünn und dickschieferig, als reines Talkgestein, aber auch mit
Quarz und Feldspat gemengt vor. Er bildet Übergänge,
namentlich zu Chloritschiefer. Als accessorische Bestandteile
enthält er: Glimmer, Chlorit, Magneteisen, Strahlstein,
Cyanit, Staurolith, Turmalin, Granat, Asbest, Magnesit, Bitterspat,
Eisenkies, Gold. Er ist ein Glied der huronischen Formation und
meist dem Glimmerschiefer untergeordnet, in welchem er dann oft mit
Chloritschiefern, Hornblendegesteinen, oft auch in Verbindung mit
Serpentin auftritt. Mit Chlorit oder mit diesem und Asbest innig
gemengt, bildet er ein dichtes Gestein, den Topfstein (s. d.). Im
ganzen von beschränkter Verbreitung, tritt der T. auf in den
Alpen, so im Montblanc- und Monte Rosa-Gebirge, in Graubünden
und Oberitalien, in den Tauern und am Bachergebirge, im Apennin, in
Schweden, sehr ausgedehnt im Ural, in Nordamerika, in Brasilien,
hier die Lagerstätte der Topase, des Euklases, sehr
beschränkt im Fichtelgebirge, als Topfstein in
Graubünden, bei Chiavenna (Lapis comensis). Wegen seiner
Feuerfestigkeit benutzt man T. zu Gestellsteinen.
Talkspat, s. Magnesit.
Tallahassee, Hauptstadt des nordamerikan. Staats Florida,
mit Staatenhaus und (1880) 2293 Einw. T. wurde erst 1824 angelegt.
Am 7. Jan. 1861 wurde hier die Sezessionsordinance angenommen.
Tallart (spr. -lar), Camille, Graf von, Herzog von
Hostun, Marschall von Frankreich, geb. 14. Febr. 1652 in der
Dauphiné, focht zuerst unter dem großen Conde in den
Niederlanden, dann 1674 und 1675 unter Turenne im Elsaß und
1678 als Marechal de Camp am Rhein. 1690 überschritt er, um
den Rheingau zu plündern, den Rhein auf dem Eis. Im spanischen
Erbfolgekrieg kommandierte er 1702 ein Korps am Rhein unter dem
Oberbefehl des Herzogs von Burgund. 1703 erhielt er den
Marschallsstab, eroberte Breisach, belagerte Landau und schlug den
zum Entsatz herbeirückenden Prinzen von Hessen bei Speier.
1704 führte er dem Kurfürsten von Bayern 35,000 Mann
Hilfstruppen zu, um mit ihm gemeinschaftlich in Österreich
einzudringen, fiel aber in der Schlacht bei Höchstädt in
englische Gefangenschaft. Nach seiner Befreiung (1712) erhielt er
den Herzogstitel, 1715 die Pairswürde. Seitdem lebte er den
Wissenschaften und der Staatskunst. In seinem Testament ernannte
ihn Ludwig XIV. zum Mitglied des Regentschaftsrats, allein der
Herzog von Orléans vollzog als Regent diese Bestimmung
nicht. 1724 erwählte die Akademie der Wissenschaften T. zu
ihrem Präsidenten. Von Ludwig XV. 1726 zum Staatsminister
ernannt, starb er 20. März 1728.
Talleyrand (spr. tall'rang), altes franz. Geschlecht,
stammt von einem Zweig der Grafen de la Marche, der sich in die
Linien Périgord, welche 1400 erlosch und T. (so benannt nach
einem Gut in Périgord) teilte. Der erste Graf von T. war
Hélier (um 1100). Die drei Linien der Talleyrands stammen ab
von Daniel Marie Anne, Marquis von T., Fürsten von Chalais,
welcher 1745 bei der Belagerung von Tournai blieb und fünf
Söhne hinterließ. Der Stifter der ersten Linie war
Gabriel Marie von T., der von Ludwig XV. den Titel eines Grafen von
Périgord zurückerhielt. Sein Enkel Augustin Marie Elie
Charles, Fürst von T., Herzog von Périgord, geb. 10.
Jan. 1788, diente unter Napoleon I., ward unter den Bourbonen zum
Obersten befördert und starb 11. Juni 1879. Mit seinem Sohn,
dem Fürsten Elie Roger Louis von T., Herzog von
Périgord (geb. 23. Nov. 1809), erlosch die Linie 1883. Der
Stifter der zweiten Linie war Charles Daniel von T., gest. 1788.
Dessen Sohn war der berühmte Diplomat (s. unten). Jetziger
Chef derselben ist Napoléon Louis, Herzog von T.-
501
Talleyrand-Périgord
Périgord, geb. 12. März 1811, seit dem Tod seiner
Mutter, der Herzogin von Kurland (gest. 19. Sept. l862), Herzog von
Sagan; sein Bruder ist Alex andre Edmond, Marquis von
T.-Périgord, geb. 15. Dez. 1813, durch Zession seines Vaters
Herzog von Dino und seit dem Tod seiner Mutter Besitzer der
Herrschaft Deutsch-Wartenberg in Schlesien, die er 1879 an den
ehemaligen preußischen Minister Friedenthal verkaufte. Der
Gründer der dritten Linie war Louis Marie Anne, 1788
französischer Gesandter zu Neapel; dessen vierter Bruder,
Alexandre Angélique, geb. 16. Okt. 1736, widmete sich dem
geistlichen Stand, ward 1777 Erzbischof von Reims und mußte
1791 auswandern, begleitete als Beichtvater den nachmaligen
König Ludwig XVIII. nach Mitau und später nach England.
Nach der Restauration wurde er zum Pair, 1817 zum Erzbischof von
Paris und Kardinal erhoben. In dieser Stellung übte er
großen Einfluß auf die Gestaltung der kirchlichen
Verhältnisse, starb jedoch schon 20. Nov. 1821. Chef der
dritten Linie ist jetzt Charles Angélique, Graf von
T.-Périgord, geb. 8. Nov. 1821, er war 1862 bis 1864
französischer Gesandter zu Berlin, 1864-69 in Petersburg.
Talleyrand-Périgord (spr. tall'rang-perigör),
Charles Maurice, Prinz von T., Fürst von Benevent,
berühmter Diplomat, geb. 13. Febr. 1754 zu Paris, wurde,
obschon erstgeborner Sohn, wegen einer Fußlähmung zum
geistlichen Stand bestimmt. 1780 ward er zum Generalagenten des
Klerus in Frankreich und 1788 zum Bischof von Autun ernannt. Als
Mitglied der Nationalversammlung von 1789 stimmte er 19. Juni 1789
für die Vereinigung des geistlichen Standes mit dem dritten,
ward 16. Febr. 1790 Präsident, trug auf feste Besoldung der
Geistlichkeit, Abschaffung der Zehnten, Verkauf der geistlichen
Güter und Einführung gleichen Maßes und Gewichts in
ganz Frankreich an und entwarf einen freisinnigen Unterrichtsplan.
Beim Bundesfest 14. Juli 1790 hielt er auf dem Marsfeld das Hochamt
am Altar des Vaterlandes, leistete als einer der ersten den Eid auf
die Konstitution und weihte die ersten konstitutionellen Priester.
Infolge davon vom Papst Pius VI. 1791 mit dem Bann belegt, legte er
sein Bistum nieder. 1792 des Royalismus verdächtigt, entfloh
er nach Nordamerika, wo er Handelsgeschäfte trieb. Nach dem
Sturz der Schreckensherrschaft kehrte er 1795 zurück. Nach dem
Staatsstreich vom 18. Fructidor (1797) übernahm er auf kurze
Zeit das Ministerium des Auswärtigen. Er schloß sich
jetzt Bonaparte an, half diesem nach seiner Rückkehr von
Italien beim Staatsstreich vom 18. Brumaire (1799), übernahm
das Portefeuille des Auswärtigen und war seitdem Napoleons
kluger diplomatischer Ratgeber. Die Friedensunterhandlungen von
Lüneville, Amiens, Preßburg, Posen und Tilsit leitete er
vornehmlich; auch das Konkordat, durch welches 1802 der
Katholizismus in Frankreich wiederhergestellt ward, war
größtenteils sein Werk. Zum Dank dafür entband ihn
Papst Pius VII. von den geistlichen Weihen und erteilte seiner
Zivilehe mit Madame Grant die kirchliche Legitimation. Nach
Errichtung des Kaiserthrons ernannte ihn Napoleon zum
Großkämmerer von Frankreich und 1806 zum souveränen
Fürsten von Benevent. Zwar erhob ihn Napoleon noch im August
1807 zum Vizegroßwahlherrn (vice-grand-électeur) und
nahm ihn 1808 mit nach Bayonne und Erfurt; doch war T. gegen die
unaufhörlichen Eroberungskriege, fiel deshalb in Ungnade,
verlor seinen Ministerposten und zog sich 1808 auf sein Landgut
Valençay zurück. Nach der Katastrophe in Rußland
trat er in geheime Unterhandlungen mit den Bourbonen und betrieb
nach dem Einrücken der Verbündeten in Frankreich ihre
Restauration. Als Ludwig XVIII. die Regierung angetreten, wurde T.
zum Fürsten, Pair, Oberkammerherrn und Minister des
Auswärtigen ernannt. Die glänzendsten Triumphe
diplomatischer Kunst feierte er auf dem Kongreß zu Wien, wo
er sich durch das von ihm erfundene Prinzip der Legitimität
zum Mittelpunkt aller Verhandlungen machte. Mit
außerordentlicher Gewandtheit verwirrte er die Interessen der
Mächte und ermüdete den Kongreß, um ihn desto
sicherer zu beherrschen und für Frankreich die möglichst
größten Vorteile zu erlangen. Schon hatte er 5. Jan.
1815 Österreich und England für ein geheimes Bündnis
mit Frankreich gegen Rußland und Preußen gewonnen, als
Napoleons Rückkehr diesen Umtrieben ein Ende machte. Ein
Versuch Napoleons, T. wieder für sich zu gewinnen,
mißlang, und als jener darauf den Fürsten in die Acht
erklärte, rächte sich dieser dadurch, daß er die
Ächtung Napoleons bei den Verbündeten aufs eifrigste
betrieb. Nach der zweiten Restauration übernahm T. aufs neue
das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten zugleich mit
der Präsidentschaft im Ministerium, legte aber sein Amt noch
vor dem zweiten Pariser Frieden nieder, da die reaktionäre
Hofpartei ihn als Revolutionär verabscheute und
bekämpfte. Der König beider Sizilien schenkte ihm 1816
das Fürstentum Dino; doch übertrug T. den Titel eines
Herzogs von Dino schon 1827 auf seinen Neffen, den Herzog Edmond,
der ihn seinem zweiten Sohn, Alexandre Edmond, vererbte. Nach Karls
X. Thronbesteigung (1824) zog sich T. nach Valençay
zurück. In der letzten Zeit der Restauration gehörte er
in der Pairskammer zur Opposition und war auch an der
Julirevolution nicht unbeteiligt. Er riet, um seine Meinung
befragt, Ludwig Philipp zur Annahme der Krone. Auch ging er als
Botschafter nach London, wo er eine Verständigung über
die griechische und belgische Frage zu stande brachte. Die
Unterzeichnung der Quadrupelallianz 1834, durch welche
zunächst im europäischen Westen das konstitutionelle
Prinzip aufrecht erhalten werden sollte, war sein letztes
diplomatisches Werk. Er lebte fortan zurückgezogen in
Valençay, wo er 17. Mai 1838 starb. Sein Gelst und sein
schlagfertiger, feiner Witz in der Unterhaltung, seine kurze,
treffende Ausdrucksweise sind berühmt. Eine Menge
glücklicher Wendungen werden von ihm überliefert und sind
geflügelte Worte geworden. Die bekannteste (freilich nicht
zuerst von T. herrührende) ist, daß dem Menschen die
Sprache gegeben sei, um seine Gedanken zu verbergen. Sehr bequem,
verstand er vortrefflich die Kunst, andre für sich arbeiten zu
lassen. Egoist im höchsten Grad, war er, von der Sucht nach
Gold abgesehen, fast ohne alle Leidenschaften, verstand es aber
vortrefflich, andrer Leidenschaften für sich auszubeuten. Sein
auf 18 Mill. Frank sich belaufendes Vermögen vermachte er
größtenteils seiner Nichte, der Herzogin von Dino. Von
seinen hinterlassenen Memoiren ist bisher nur ein Auszug ("Extraits
des mémoires du prince T.", Par. 1838, 2 Bde.)
veröffentlicht. Seine Korrespondenz mit Ludwig XVIII.
während des Wiener Kongresses gab Pallain (Par. 1881, 2 Bde.;
deutsch von Bailleu, Leipz. 1887), "Lettres inédites de T.
à Napoléon 1800-1809" (Par. 1889) Bertrand und die
"Correspondance diplomatique de T. La mission de T. à
Londres en 1792" Pallain (das. 1889) heraus. Vgl. Pichot, Souvenirs
intimes sur T. (Par. 1870).
502
Tallien - Talmud.