größte und reichste Stadt Siziliens, lag anfangs auf der
hart vor der Küste gelegenen, zuerst von Phönikern
besetzten Insel Ortygia, von wo sich die Stadt später
über das Festland ausbreitete. Zur Zeit ihrer
größten Ausdehnung, wo sie über eine Million
Einwohner zählte, bestand sie aus fünf Hauptteilen: der
Insel Ortygia (Nasos) mit der Quelle Arethusa, den Tempeln der
Artemis und Athene, den großen Getreidemagazinen, dem von
Hieron erbauten Palast und der im nördlichen Teil von
Dionysios I. erbauten Akropolis; der 66 m hoch ansteigenden
Halbinsel Achradina, dem Hauptteil und Mittelpunkt der Stadt, mit
der von Säulengängen umgebenen Agora, dem Prytaneion
etc.; Tycha, dem an den nördlichen Teil von Achradina westlich
anstoßenden, volkreichsten Teil der Stadt; Neapolis, auf der
Südwestseite von Achradina, mit dem Haupttheater und Tempeln
der Demeter, Kora etc.; Epipolä, einer die ganze Stadt
beherrschenden Höhe nordwestlich von Neapolis, welche
Dionysios I. mit einer starken Mauer umgeben ließ, durch das
Fort Euryalos krönte und mit in den Bereich der die Stadt
umgebenden Befestigungen zog. Neapolis und Achradina enthielten
große Steinbrüche (Latomien), welche tief in die Erde
gingen und als Gefängnisse benutzt wurden. S. besaß zwei
treffliche, durch tiese Buchten gebildete Häfen, einen
kleinern (Lakkios) im N. von Ortygia und einen größern,
der mit Ketten gesperrt werden konnte, im W. der genannten Insel.
Südlich von S., in der Nähe der Quelle Kyane, lagen das
Olympieion und der Hafenort Daskon. S. war eine dorische
Niederlassung, 734 v. Chr. von den Korinthern auf Ortygia
gegründet und nach der sumpfigen Ebene Syrako, westlich vom
großen Hafen, benannt. Wiewohl der Zeit nach die zweite
griechische auf Sizilien gegründete Kolonie, wurde sie doch
bald durch Betriebsamkeit und Handel dem Rang nach die erste und
gründete selbst neue Niederlassungen auf Sizilien (Akrä,
Kasmenä, Kamarina u. a.). Sie hatte eine aristokratische
Verfassung. Die Gamoren hatten die Regierung in den Händen,
zuerst mit einem König an der Spitze, später ohne einen
solchen. Aus den Gamoren, den Nachkommen der ersten Kolonisten,
wurden die Magistrate und Mitglieder des Hohen Rats gewählt,
welche das Volk in ihren Versammlungen leiteten. 491 wurde die
Aristokratie der Gamoren von der demokratischen Partei
gestürzt, welche aber keine geordnete Verfassung herzustellen
vermochte. So ward es Gelon (s. d.) leicht, die Gamoren nach S.
zurückzuführen und sich dann selbst 485 der Herrschaft zu
bemächtigen. Unter ihm erreichte S. seine höchste
Blüte, seine Flotten beherrschten die umliegenden Meere, und
die meisten Städte Siziliens standen unter seinem
Einfluß. Namentlich sein Sieg über die Karthager am
Himera 480 machte S. zur mächtigsten Stadt Siziliens. Er
verband die Neustadt auf dem Felsplateau Achradina mit Ortygia
durch einen Damm und umgab das Ganze mit einer kolossalen Mauer,
außerhalb welcher noch die Vorstädte Tycha, Neapolis und
Epipolä entstanden. Auf Gelon folgte sein Bruder Hieron I.
(477-467) und auf diesen der dritte Bruder, Thrasybulos, der aber
schon 466 vertrieben ward. An die Stelle der Tyrannis trat jetzt
eine demokratische Verfassung. Zur Sicherstellung der Demokratie
ward eine dem athenischen Ostrakismos ähnliche Maßregel
in dem Petalismos ("Blättergericht", weil mit beschriebenen
Olivenblättern abgestimmt wurde) eingeführt, doch ward
derselbe als die Ochlokratie nur befördernd bald wieder
aufgehoben. Die innern Unruhen benutzend, strebten sich mehrere von
S. abhängige sizilische Städte frei zu machen und suchten
zu diesem Zweck Unterstützung bei den Athenern nach. Diese,
schon längst eifersüchtig auf die mächtige
Handelsstadt, sandten auch 415 eine große Flotte unter Nikias
und Lamachos nach Sizilien (sizilische
468
Syrdarja - Syrien.
Expedition der Athener 415-413). Die Athener eroberten 414 die
Vorstädte Epipolä und Tycha und
hatten S. schon auf der Landseite eingeschlossen, als nach dem
Tode des Lamachos der Spartaner Gylippos ihre Verschanzungen
durchbrach und sie zwang, sich auf den Angriff zur See zu
beschränken. Unter Führung des Gylippos und des
Hermokrates erbauten die Syrakusier 413 eine Flotte, entrissen den
Athenern ihre befestigte Stellung auf dem Vorgebirge Plemmyrion,
Ortygia gegenüber, und brachten ihnen in einer Seeschlacht
eine Niederlage bei. Durch Demosthenes verstärkt, versuchten
die Athener einen
nächtlichen Angriff auf Epipolä, der mißlang,
lieferten den Syrakusiern, um die Ausfahrt aus dem Hafen zu
erzwingen, eine unglückliche Seeschlacht und wurden, 40,000
Mann stark, auf dem Abzug zu Lande am Assinaros vernichtet. 7000
Gefangene wurden in die Latomien auf Achradina geworfen, wo sie
meist verschmachteten, Nikias und Demosthenes hingerichtet. Unter
dem Einfluß des Volksvorstehers
Diokles wurde darauf in S. eine neue, völlig demokratische
Verfassung eingeführt, deren erste Bestimmung die Wahl der
Magistrate durch das Los war. Zugleich wurden geschriebene, sehr
strenge Gesetze gegeben. Der gleichwohl überhandnehmenden
Zügellosigkeit zu steuern und sich gegen die Eroberungs-
pläne Karthagos zu schützen, übertrug das Volk
dem
tapfern Dionysios I. (s. d.) das Oberkommando über die
Armee, bahnte ihm aber dadurch den Weg
zur Tyrannis (406). Dionysios drängte nach mehreren Kriegen
die Karthager in den westlichen Teil Siziliens zurück und
befestigte die Herrschaft von S. über die Osthälfte der
Insel und einen Teil Unteritaliens. In S. erbaute er auf der
Nordspitze der
Insel Ortygia die Feste Hexapylon und umgab die
Stadt mit einer hohen Quadermauer, welche auch die
Vorstädte Tycha und Epipolä umfaßte und 20 km lang
war; die Einwohnerzahl stieg auf eine Million. Im kleinen
Außenhafen legte Dionysios 50, im großen innern 100
Docks für Kriegsschiffe an. Die wohlbefestigte Regierung
übernahm nach ihm 367 sein
Sohn Dionysios II., ein Wollüstling, der 357 von
Dion vertrieben wurde, aber 346 zurückkehrte. Endlich
nötigte ihn 343 Timoleon, seine Herrschaft niederzulegen.
Letzterer zerstörte die Burg , stellte die demokratische
Verfassung wieder her und zog durch Häuser- und
Äckerverteilung an 60,000 neue Ansiedler in die
entvölkerte Stadt. Die nach seinem Tod entstandenen Unruhen
benutzte Agathokles (s. d.), um sich unter der Verheißung
einer reinen Demokratie zum Tyrannen aufzuwerfen (317). Seine
strenge und gewalttätige Regierung erhielt wenigstens Ruhe im
Innern, wodurch es noch möglich wurde, daß sich S. gegen
die in Sizilien immer weiter fortschreitenden und S. schon
belagernden Karthager halten konnte. Nach Agathokles' Tod (289)
warf sich Mänon, der Mörder jenes, zum Herrscher auf,
ward aber von Hiketas vertrieben, der sich drei Jahre lang
behauptete. Als er gegen die Agrigentiner zu Felde
zog, stritten in der Stadt Thynion und Sostratos
um die Herrschaft. Zur Stillung dieser Unruhen riefen die
Syrakusier den damals in Italien kriegführenden Pyrrhos (277)
herbei, der S. von den Karthagern befreite und seinen Sohn zum
König von
Sizilien einsetzte. Nach seinem Weggang wählten
aber (275) die Syrakusier Hieron II. zu ihrem Feldherrn und 269
zum König. Dieser stand den Römern im ersten und zweiten
Punischen Krieg mit Erfolg bei und sicherte sich dadurch seine
Herrschaft im östlichen Teil der Insel. Sein Enkel und
Nachfolger
(seit 215) Hieronymus trat dagegen im zweiten
Punischen Krieg auf die Seite der Karthager und beschleunigte
dadurch seinen Sturz (214) und den Untergang der
Selbständigkeit von S., das 212 nach
tapferer Verteidigung durch Archimedes von Marcellus erobert
wurde. Seitdem ward S. mit dem östlichen Teil Siziliens
römische Provinz. Der alte Glanz der Stadt verschwand für
immer, und die Bevölkerung nahm immer mehr ab. Vergebens
suchte sie Augustus durch eine Kolonie zu heben. Gegen Ende des 5.
Jahrh. n. Chr. ward S. von germanischen Völkerschaften, die
zur See ankamen, besonders von den Vandalen, 884 aber von den
Sarazenen geplündert. Kaiser Heinrich VI. schenkte 1194 die
Stadt
den Genuesen, die ihm gegen Tankred beigestanden hatten; doch
befreiten sich die Syrakusier mit Hilfe der Pisaner bald wieder. S.
kam hierauf unter spanische Herrschaft und ward Residenz des
Statthalters. Infolge einer Seeschlacht, die bei S. 1718 zwischen
den Engländern und Spaniern geschlagen wurde, mußten die
letztern die Stadt den Österreichern einräumen, bekamen
aber 1755 die Insel Sizilien wieder. 1100,1542, 1693und 1735 litt
S.bedeutend durch Erdbeben. Vgl. Arnold, Geschichte von S. (Gotha
1816); Privitera, Storia di Siracusa
antica e moderna (Neap. 1879, 2 Bde.); Cavallari u. Holm,
Topografia archeologica di Siracusa (Pal. 1884; deutsch bearb. von
Lupus: "Die Stadt S. im
Altertum", Straßb. 1887).
Syrdarja, Fluß, s. Sir Darja.
Syria Dea, Göttin, f. Derketo.
Syrien (türk. Suria), ein Land der asiat.
Türkei, an der Ostküste des Mittelländischen Meers,
bezeichnete ursprünglich den gesamten Umfang des assyrischen
Reichs, bis der Name in abgekürzter Form durch die Griechen
auf die Gebiete westlich des Euphrat beschränkt wurde, und
heute versteht man darunter alles Land zwischen dem Euphrat und der
Arabischen Wüste im O. und dem Mittelmeer im W., dem Taurus im
N. und der Grenze Ägyptens im Süden, d. h. das heutige
Wilajet Surija und die südwestliche Hälfte von Haleb
(Aleppo) sowie die selbständigen
Bezirke Libanon und Jerusalem (s. Karte "Türkisches
Reich"). Infolge des Parallelismus seiner von N. nach Süden
streichenden Gebirge, welche, wenn auch von tiefen Querspalten
durchschnitten, den Taurus im N. mit den von NW. nach SO. ziehenden
Küstengebirgen des Arabischen Meerbusens verbinden, ist
das
Land von ziemlich gleichförmiger
Oberflächenbildung.
Ihrer Ausdehnung und mittlern Höhe nach stehen die
syrischen Gebirge zwar hinter den großen ostwestlich
gerichteten Systemen Asiens zurück, bewirken aber dennoch
infolge ihrer nordsüdlichen Aufrichtung eine sehr ungleiche
Verteilung des Regens. Da im Mittelmeerbecken die Westwinde
vorherrschen, so ist nur der Westabfall des Landes reich an Regen;
dagegen sind die östlichen Abdachungen und innern Hochebenen
sehr arm an Niederschlägen, Quellen und Flüssen und
bilden zum größten Teil vegetationsarme Steppen oder
kahle Wüsten. Während von der Küste weit
landeinwärts die Gebirge durchaus der Kalkformation
angehören und nur stellenweise, wie in der Spalte
des Jordanthals, vulkanische Gebilde zu Tage kommen, treten
dieselben weiter ostwärts und bis tief in die Wüste
hinein, namentlich in der Südhälfte von S., in Hunderten
von Trachyt- und Basaltkegeln einzeln oder in größern
Gruppen und von der verschiedensten Höhe auf (z. B. Dschebel
Hauran 1782 m).
Die größten, als nackte Felsen über die
Waldregion ansteigenden Erhebungen der Kalkgebirge finden sich
469
Syrien (Geschichte).
im N.: der Amanos der Alten (Gjaur Dagh), 1850 m hoch, der
Kasios (Dschebel Akraa), 1770 m, der Libanon, 3063 m;
landeinwärts der Hermon (Dschebel el Scheich), 2860 m, und der
Antilibanon, 2670 m. Die südliche Fortsetzung des Libanon und
Antilibanon (vgl. Palästina) steigt nirgends zu mehr als
1000-1200 m Höhe an; ihre meist abgerundeten Gipfel und
Scheitelflächen sind daher bis oben hinauf angebaut, und
dasselbe gilt von den östlich sich anschließenden
Hochflächen (die alten Landschaften Hauran und Baschan,
700-900 m hoch) und um Damaskus (700 m), die zum Teil aus sehr
ergiebigem Thonboden bestehen. Bei dieser Beschaffenheit der
Oberfläche sind die Flußthäler (von dem nur als
Grenzfluß Bedeutung habenden Euphrat abgesehen) zum
größten Teil kurze Querthäler, in denen nur aus den
höhern Küstengebirgen (Amanos, Kasios, Libanon) eine
größere Wassermenge mit starkem Gefälle unmittelbar
dem Meer zufließt. Die wenigen längern Flüsse
verlaufen in nordsüdlichen Längsthälern zwischen den
Parallelketten des Kalkgebirges und zwar in entgegengesetzter
Richtung nach N. und Süden, weil die bedeutendste
Bodenanschwellung gerade in der Mitte Syriens unter 34°
nördl. Br. liegt. Dort steigt das breite Thal zwischen dem
Libanon und Antilibanon (jetzt Bekaa genannt, im Altertum Bukka) zu
fast 1200 m an und entsendet nach N. den größten
syrischen Strom, den Orontes (El Asi), nach Süden den Lita
(Litani), welcher zuletzt scharf nach W. umbiegt und in einem
kurzen Querthal das Meer erreicht, und in einer östlichen
Parallelfalte den Jordan (s. d.). Was das Klima anlangt, so hat S.
eigentlich nur zwei Jahreszeiten, eine mit, die andre ohne Regen.
Von Anfang Mai bis Ende Oktober ist die regenlose Zeit, mit
vorherrschenden Nordwestwinden; gegen Ende Oktober bezeichnen
Gewitter den Beginn der Zeit, wo Südwest- und Südwinde
Regen bringen. Die Temperaturunterschiede sind bedeutend: im Innern
des Landes, in der Wüste und auf den Hochebenen sinkt das
Thermometer häufig unter 0°, und in Damaskus, Jerusalem
(mittlere Jahrestemperatur +17° C.) und Aleppo fällt
öfters Schnee. Die Sommerhitze in Damaskus und sonst im Innern
ist natürlich bedeutender als an der Küste, wird aber
noch sehr von dem Ghor (Thal des Jordan) übertroffen. S. ist
kein unfruchtbares Land und war einst angebauter als heute. Sein
Küstenland gehört der Mittelmeerflora an, die sich durch
immergrüne, schmal- und lederblätterige Sträucher
und rasch verblühende Frühlingskräuter auszeichnet;
das Plateau hat orientalische Steppenvegetation mit vielen
Dornsträuchern und wenig zahlreichen Bäumen (Labiaten,
Disteln, Eichen, Pistazien, Koniferen etc.); das Ghor (s. d.)
gehört der subtropischen Flora an. Die hauptsächlichsten
Ausfuhrartikel sind: Weizen, Süßholz, Rosenblätter,
Aprikosen, Rosinen, Oliven und Öl, Tabak, Galläpfel,
Seide, Kokons (1877 wurden 1,925,000 kg Kokons und 140,000 kg rohe
Seide produziert) und Südfrüchte. Unter den Haustieren
spielen die Schafe (meist Fettschwänze) eine große
Rolle, nächst ihnen die Ziegen. Das Rindvieh ist klein und
wird nur im Libanon geschlachtet. Der indische Büffel kommt im
Jordanthal vor, das Kamel hauptsächlich in der Wüste;
auch Pferde, Esel, Hühner sind häufig. Die viel
vorkommenden Heuschrecken werden von den Beduinen gegessen. Die
Bevölkerung von S. zerfällt der Abstammung nach in
Nachkommen der alten Syrer (Aramäer), Araber, Juden, Griechen,
Türken und Franken, der Religion nach in Mohammedaner,
Christen verschiedener Bekenntnisse und Juden. Die Syrer nahmen zum
Teil den Islam und die arabische Sprache an, zum Teil blieben sie
Christen. Die Araber zerfallen in seßhafte und Nomaden,
letztere äußerlich Mohammedaner, eigentlich aber
Sternanbeter. Türken sind nur in geringer Zahl vorhanden. Von
der gesamten, auf etwa 2 Mill. Seelen (14 auf 1 qkm)
geschätzten Einwohnerschaft des Landes bekennen sich vier
Fünftel zum Islam. Unter den Christen überwiegen die
fanatischen griechisch-orthodoxen (Patriarchate von Jerusalem und
Antiochia); sie sprechen meist arabisch. Armenier und Kopten finden
sich fast nur in Jerusalem; wichtiger sind die Jakobiten,
namentlich im N. verbreitet, ihrem Glauben nach Monophysiten. Die
römisch-katholische Kirche, vertreten durch Lazaristen,
Franziskaner und Jesuiten, besitzt in S. zwei Filialkirchen, die
griechisch-katholische und die syrisch-katholische, mit gewissen
Vorrechten. Zu ihr gehören auch die Maroniten (s. d.) im
Libanon, deren Patriarch von Rom bestätigt wird. Protestanten,
Bekehrte der amerikanischen Mission, gibt es nur ein paar tausend.
Die Juden zerfallen in spanisch-portugiesische Sephardim und
Aschkenazim aus Rußland, Österreich und Deutschland;
außerdem gibt es ca. 50 Familien der Samaritaner in Nabulus.
Von mohammedanischen Sekten sind aufzuführen: die Drusen (s.
d.) im Libanon und Hauran, zum größern Teil von den
alten Syrern, zum Teil von eingewanderten Araberstämmen
abstammend; die Nossairier (s. d.), welche auf dem nach ihnen
genannten Dschebel Nasairijeh ihre Sitze haben; die Ismaeliten (s.
d.), die mit den berüchtigten Assassinen identisch sind, und
die Metâwile, eine Abart der Schiiten, südlich von den
Drusen im Libanon und in Galiläa zwischen Saida und Tyros.
[Geschichte.] Die Urbewohner Syriens, sämtlich Semiten,
zerfielen in mehrere Stämme, von denen derjenige der
Aramäer (s. Aramäa) oder der eigentlichen Syrer der
bedeutendste war. Das Land zerfiel damals in einzelne Städte
mit Gebieten unter besondern Oberhäuptern. Schon im
frühsten Altertum werden Damaskus, Hamath, Hems oder Emesa,
Zoba u. a. erwähnt. Ein altes wichtiges Emporium war die
Palmenstadt Tadmor oder Palmyra; nicht minder berühmt als
Mittelpunkt des Sonnenkultus war Baalbek oder Heliopolis. Eine
größere Rolle in der Weltgeschichte als die eigentlichen
Syrer spielten die an der Westküste wohnenden Völker, die
Kanaaniter, Phöniker und Israeliten oder Juden. Die
eigentlichen Syrer vermochten sich oft fremder Unterdrücker
nicht zu erwehren; insbesondere machte David einen großen
Teil ihres Landes zu einer Provinz des jüdischen Reichs. Bei
der Teilung desselben rissen sie sich wieder los, und in Damaskus
entstand ein selbständiges Reich, welchem nach und nach die
Häuptlinge der übrigen Städte tributpflichtig
wurden. Nach mannigfachen Schicksalen ward S. 730 v. Chr. von
Tiglat Pilesar II. zu einer Provinz des assyrischen Reichs gemacht;
die Griechen, welche das Land zuerst als assyrische Provinz kennen
lernten, gaben ihm davon den Namen Syria. Nach dem Fall des
assyrischen Reichs ward S. eine Provinz von Babylonien (um 600),
dann von Persien (538) und von Makedonien (333), bis es endlich
durch die Seleukiden 301 wieder zu einem selbständigen Reich
erhoben ward. Der Gründer dieser Dynastie, Seleukos Nikator
(301-280), dehnte die Grenzen seines Reichs nach O. bis zum Oxus
und Indus aus und machte S. zum Mittelpunkt desselben. Durch
Erneuerung und Gründung vieler griechischer Städte
(Seleukeia am Tigris, Seleukeia am Orontes, Antiocheia u. a.)
470
Syringa - Syrische Sprache und Litteratur.
suchte er in seinem Reich, welches 72 Satrapien umfaßte,
den Wohlstand zu heben. Aber seinen Nachfolgern fehlte zum
Zusammenhalten dieses Reichs die nötige Kraft und Energie.
Schon 256 rissen die Parther Iran von S. los und beschränkten
150 das Reich auf das eigentliche S., und auch dieses ward 85
großenteils dem armenischen König Tigranes
unterwürfig, bis es 64 von Pompejus zur römischen Provinz
gemacht wurde. Im 4. Jahrh. n. Chr. trennte Konstantin d. Gr.
Kommagene und Kyrrhestika vom übrigen S. und machte daraus
eine eigne Provinz, Namens Euphratensis; das übrige Land aber
ward später von Theodosius dem jüngern in Syria prima und
Syria secunda eingeteilt. Unter Justinian wurden die wichtigsten
Städte Syriens von den Persern genommen, darunter Antiochia.
Dann brachen 635 die Araber verwüstend ins Land ein, eroberten
es und bekehrten die Einwohner zum größten Teil zum
Islam. Erst unter der Herrschaft der arabischen Kalifen hob sich S.
wieder. Doch ward das Land den Kalifen bald von rebellischen
Statthaltern und diesen wieder durch die turkmenische Miliz
entrissen. Auch durch die Kreuzzüge litt das Land sehr.
Saladin, Sultan von Ägypten, entriß S. 1187 den
Kreuzfahrern wieder, und unter seinen Nachfolgern kam es an die
Mamelucken. Schwer litt es dann durch die Einfälle der
Mongolen unter Dschengis-Chan. 1517 eroberte der Osmanensultan
Selim I. S., und fortan bildete es eine türkische Provinz.
Doch empörten sich die dortigen Paschas häufig gegen die
Pforte. 1833 kam S. unter die Herrschaft Mehemed Alis,
Vizekönigs von Ägypten; durch die Intervention der
europäischen Mächte 1840 aber kehrte es unter die
unmittelbare Herrschaft der Pforte zurück. Der
unaufhörliche Wechsel der Herrscher, verheerende Kriege und
die Barbarei der mohammedanischen Gewalthaber haben Land und Volk
völlig ruiniert, so daß es jetzt wenig mehr als eine
schwach bevölkerte, sterile Einöde voll Ruinen ist. In
neuerer Zeit hat S. namentlich durch die Kämpfe der Drusen (s.
d.) und Maroniten (s. d.) die Aufmerksamkeit Europas wieder auf
sich gezogen; infolge der blutigen Verfolgungen, denen besonders im
Juni 1858 die Maroniten ausgesetzt waren, namentlich der
Christenmetzelei in Damaskus vom Juli 1860 bis Juni 1861, besetzten
französische Truppen das Land. Vgl. Vogüé,
Architecture civile et religieuse du I. au VI. siècle dans
la Syrie centrale (Par. I866-77, 2 Bde.); Derselbe, Inscriptions
sémitiques de la Syrie (das. 1869-77); Burton und Drake,
Unexplored Syria (Lond. 1872); Zwiedineck, S. und seine Bedeutung
für den Welthandel (Wien 1873); Sachau, Reise in S. und
Mesopotamien (Leipz. 1883); Lortet, La Syrie d'aujourd'hui (Reise
1875 bis 1880, Par. 1884); Bädeker, Palästina und S. (2.
Aufl., Leipz. 1880); über die neuere Geschichte: de Salverte,
La Syrie avant 1860 (Par. 1861); Edwards, La Syrie 1840-62,
histoire etc. (das. 1862); Abbé Jobin, La Syrie en 1860 et
1861 (Lille 1862); Jochmus, The Syrian war (Berl. 1883, 2
Bde.).
Syringa L. (Flieder, Syringe, Lilak), Gattung aus der
Familie der Oleaceen, Sträucher mit gestielten,
entgegengesetzten, glatten, ganzrandigen, selten fiederig
eingeschnittenen Blättern, wohlriechenden Blüten in
reichen, endständigen Rispen und länglichen, meist
zusammengedrückten, lederigen Kapseln. Sechs Arten in
Osteuropa und dem gemäßigten Asien. S. vulgaris L.
(gemeiner Flieder, türkischer, spanischer Flieder,
fälschlich Holunder, Jelängerjelieber), ein 2-6 m hoher
Strauch mit herzförmig länglichen Blättern, lila und
weißen Blüten und konkaven Blumenkronabschnitten, soll
1566 durch Busbecq von Konstantinopel nach Flandern gekommen sein
und im Orient wild wachsen; wahrscheinlicher aber stammt er aus den
östlichen Karpathen, aus Ungarn und Siebenbürgen;
gegenwärtig wird er in zahlreichen Formen als Zierstrauch
kultiviert. Das ziemlich feste, schön geflammte Holz wird von
Drechslern und Tischlern benutzt. S. persica L. (persischer
Flieder), ein kleinerer Strauch mit kleinern,
elliptisch-lanzettförmigen Blättern, länger
gestielten, fleisch- oder rosenroten, auch weißen Blüten
und ziemlich flachen Blumenkronabschnitten, wächst in
Daghestan, aber ebensowenig wie der vorige in Persien, wird, wie
auch einige andre Arten und Blendlinge (S. chinensis Willd., S.
Rothomagensis Ren., wahrscheinlich aus S. vulgaris und S. persica
entstanden), als Zierstrauch kultiviert. Ebenso S. Josikaea Jacq.
aus Ungarn, mit elliptischen Blättern und
knäuelförmig zusammengedrängten, eine Rispe
bildenden, tief violettblauen Blüten ohne Duft.
Syrinx, nach griech. Sage Tochter des arkadischen
Flußgottes Ladon, ward, von Pan verfolgt, in ein Schilfrohr
verwandelt, dem der Wind süß klagende Töne
entlockte. Pan schnitt von dem Schilf Röhrchen, eins immer
kleiner als das andre, und bildete hieraus eine Pfeife, der er den
Namen S. gab. Syringen hießen auch die unterirdischen
Begräbnishöhlen der ägyptischen Könige bei
Theben.
Syrische Christen, s. v. w. Nestorianer.
Syrische Sprache und Litteratur. Die syrische Sprache ist
die wichtigste Sprache der aramäischen Gruppe der
semitischen Sprachen (s. Semiten) und tritt zuerst in
palmyrenischen Inschriften des 1. Jahrh. n. Chr. auf. Nachdem sie
im 1. Jahrtausend n. Chr. ihre Blütezeit gehabt, ward sie
seitdem durch die stammverwandte arabische Sprache mehr und mehr
verdrängt und ist jetzt, abgesehen von einigen verderbten
Volksmundarten in Kurdistan und Mesopotamien (bearbeitet von
Nöldeke in "Grammatik der neusyrischen Sprache am Urmiasee",
Leipz. 1868; von Prym und Socin: "Der neuaramäische Dialekt
des Tûr-Abdîn", Götting. 1881, 2 Bde.; von Socin:
"Die neuaramäischen Dialekte von Urmia und Mosul",
Tübing. 1882), welche auf sie zurückzuführen sind,
nur noch Schrift- und Gelehrtensprache. Die besten Grammatiken
derselben lieferten P. Ewald (Erlang. 1826), Hoffmann (Halle 1827;
in neuer Bearbeitung von Merk, 1867-70), Uhlemann (2. Aufl., Berl.
1857) und Nöldeke (Leipz. 1880), kürzer Nestle (mit
Litteratur, Chrestomathie und Glossar, 2. Aufl., Berl. 1888);
Wörterbücher Castellus (hrsg. von Michaelis,
Götting. 1788), Bernstein (Berl. 1857 ff., unvollendet); mit
Glossarien versehene Chrestomathien Hahn und Sieffert (Leipz.
1826), Bernstein und Kirsch (Lond. 1867, 2 Bde.), Oberleibner (Wien
1826), Rödiger (2. Aufl., Halle 1868), Wenig (Innsbr. 1866),
Zingerle (Rom 1871-73), Cardahi (das. 1875) und Martin (Par. 1875).
Eine neue vollständige Sammlung des syrischen Wortschatzes mit
Beiträgen der hervorragendsten Kenner des Syrischen gibt R. P.
Smith heraus ("Thesaurus syriacus", bis jetzt 5 Hefte, Oxf.
1868-80). Die Schrift der Syrer, eine jüngere Nebenform der
phönikischen, die etwas Eckiges und Steifes hat (s. die
"Schrifttafel"), hieß in ihrer ältesten Gestalt
Estrangelo; aus ihr ist die kufische Schrist der Araber, die Mutter
des spätern arabischen, persischen und türkischen
Alphabets, entstanden. Aus der jüngern syrischen Schrift sind
(durch Vermittelung der Nestorianer) die Schriftarten der Uiguren,
Mongolen, Kalmücken u. Mandschu