Südpolarländer (antarktische Länder), alle

diejenigen Länder und Inseln, welche innerhalb oder in der

Nähe des südlichen Polarkreises liegen. Manche nehmen das

Vorhandensein eines großen Festlandes oder antarktischen

Kontinents im S. an, andre bezweifeln die Existenz eines solchen

und denken an größere oder kleinere Inselgruppen. Was

man bis jetzt entdeckt hat, ist folgendes:

Südsüdöstlich von der Südspitze Amerikas liegen

zwischen 63 1/2 und 65° südl. Br. Trinity- und Palmerland,

1821 von Powell und Palmer entdeckt; weiter südlich in der

Breite des Polarkreises das 1832 von Biscoe entdeckte Adelaiden-

und Grahamsland und aus der Ostseite des Trinitylandes das 1838 von

Dumont d'Urville entdeckte Louis-Philippeland nebst der Insel

Joinville. Von der schon 1599 von Dirk Gerrits gesehenen, aber erst

1819 von W. Smith wirklich entdeckten Inselkette Südshetland

ist jener Teil des antarktischen Landes durch die

Bransfieldstraße geschieden. Südwestlich davon liegt die

Alexanderinsel und unter derselben Breite die hohe Peterinsel,

beide 1821 von Bellingshausen entdeckt. Weiter westlich ist nur

Wasser und Eis, kein Land gesehen worden. Erst unter 170-160°

östl. L. v. Gr. entdeckte James Clark Roß (1841-42) die

hohe Küste eines schneebedeckten Landes, welches er

Victorialand nannte, und welches zahlreiche Berge von 3000 bis 4000

m Höhe trägt, darunter die Vulkane Erebus (3770 m),

Terror (3318 m) und den 4570 m hohen Melbourne als höchsten

der gesehenen Gipfel. Zwischen 165-95° östl. L. v. Gr.,

unter dem Polarkreis, verzeichneten Dumont d'Urville, Balleny und

Wilkes (1839-40) eine Reihe Inseln und unzusammenhängender

Küstenstrecken, die unter dem Namen Wilkesland

zusammengefaßt werden; einzelne Strecken sind:

Adélieland, Clarieland, Sabrinaland, Knoxland,

Terminationinsel. Weiter westlich von Wilkesland liegt Kempland

sowie das 1831 von Biscoe entdeckte Enderbyland, beides

wahrscheinlich nur Inseln. Auch die schon weiter nördlich

liegende, von Cook 1775 entdeckte, 1819 von Bellingshausen

untersuchte Sandwichgruppe, das ebenfalls von Cook untersuchte,

schon 1675 von Laroche entdeckte Südgeorgien und die 1821 von

Palmer und Powell aufgefundenen, 1822 von Weddell besuchten

Südorkneyinseln werden hierher gerechnet. Man schätzt das

Areal der S. auf 660,000 qkm (12,000 QM.). Falls ein antarktischer

Kontinent wirklich vorhanden ist, kann derselbe höchstens an

einer Stelle (Australien gegenüber) den 70. Breitengrad

wesentlich überschreiten und muß aus der atlantischen

Seite weit von demselben entfernt bleiben. Hier erreichte Weddell

im Februar 1823 unter 33° 20' westl. Länge in fast

eisfreiem Meer die Breite von 74° 15'. - Die eisige Öde

der antarktischen Felseninseln beschränkt das Pflanzen- und

Tierleben fast ganz auf den Ozean; doch sind Klippen und

Berghänge mit zahllosen Vögeln bedeckt. Thätiger

Vulkanismus tritt besonders im Bereich des Victorialandes in

großartigster Weise auf. Die Temperaturbeobachtungen weisen

naturgemäß auf die niedrige Sommerwärme und geringe

Winterkälte eines durchaus ozeanischen Klimas hin. Seitdem die

Challenger-Expedition 1874 über den Polarkreis vordrang und

Dallmann 1873-74 Grahamsland untersuchte, und seit der Fahrt der

Gazelle (1874-75) ist die Erforschung der S. wiederholentlich von

Deutschland aus angeregt worden. Namentlich aber war man in

Australien dafür thätig, und die dortigen geographischen

Gesellschaften erlangten die Bewilligung einer namhaften Summe

durch die dortigen Regierungen; da die englische Regierung aber

ihre Beihilfe versagte, so kam ein Unternehmen nicht zu stande.

423

Südpreußen - Suetonius.

Südpreußen, ehemalige Provinz des

Königreichs Preußen, aus dem 1793 zu Preußen

geschlagenen Teil Großpolens bestehend, umfaßte die

frühern Woiwodschaften Posen, Gnesen, Kalisch, Sieradz,

Lentschiza, Rawa und Plozk, zusammen 60,570 qkm (1100 QM.) mit

1,335,000 Einw. (s. "Geschichtskarte von Preußen"). 1795 kam

noch ein Teil der Erwerbungen der dritten polnischen Teilung mit

Warschau hinzu. Im Frieden von Tilsit (1807) wurde S. zu dem

Großherzogtum Warschau geschlagen, nach dessen Auflösung

Preußen 1815 das jetzige Großherzogtum Posen

zurückerhielt, der übrige größere Teil aber zu

Rußland kam. Vgl. Holsche, Geographie und Statistik von

West-, Süd- und Neuostpreußen (Berl. 1804, 3 Bde.).

Südpunkt (Mittagspunkt), derjenige der beiden

Schnittpunkte des Meridians mit dem Horizont, welcher dem

Südpol näher liegt.

Sudra, die vierte und unterste Klasse in der altindischen

Kastenordnung, welche die verschiedenen Handwerker, Pachtbauern,

Tagelöhner, Diener etc. umfaßte. In der Gegenwart gehen

die S. in den Mischkasten auf, stehen jedoch noch innerhalb der

Kastenordnung. Sie bilden die große Mehrzahl des indischen

Volkes, gelten auch den orthodoxen Hindu als rein, wohnen deswegen

innerhalb der Ortschaften, gehen aber nicht unter dem Namen S.,

sondern unter den besondern Kastenbezeichnungen, die sich jede der

vielen Gruppen der S. beilegte.

Sudsalz, das in den Salinen gewonnene Kochsalz im

Gegensatz zum Steinsalz.

Südsee, s. Stiller Ozean.

Südseegesellschaft, s. Handelskompanien, S.86.

Südseeinsulaner, die Bewohner der Inseln der

Südsee, die Polynesier, Mikronesier, Melanesier (s. Ozeanien,

S. 584 ff.), welche eine Abteilung der großen malaiischen

Rasse bilden und (wahrscheinlich im 1. Jahrh. unsrer Zeitrechnung)

von W. nach O. sich über alle Inselgruppen verbreiteten. Nach

allem, was vorliegt, dürfen wir annehmen, daß in den

Samoa- und Tongainseln der Ursitz dieser östlichen Abteilung

der malaiischen Rasse nach ihrer Absonderung von der westlichen zu

suchen ist. Von diesem Zentrum aus scheinen sie dann sämtliche

polynesische Inseln der Südsee bevölkert zu haben.

Südseeschwindel, s. Handelskrisis, S. 88.

Südseethee, s. Ilex.

Sudsha (Ssudsha), Kreisstadt im russ. Gouvernement Kursk,

am Flusse S., mit (1885) 4979 Einw. In der Nähe

Sandsteinbrüche.

Südslawen, Gruppe der slawischen Völker in

Südosteuropa. Dazu gehören die Slowenen in den Ostalpen

Österreichs, die Serben und Bosniaken, Kroaten, Slawonier und

die Bulgaren (s. Slawen und Slawische Sprachen).

Sudur (arab., Mehrzahl von Sadr, s. d.), Rangbezeichnung

der hohen geistlichen Würdenträger im türkischen

Staat.

Südwestinseln (Serwatty), eine zur niederländ.

Residentschaft Amboina gehörige Inselgruppe des Indischen

Archipels, erstreckt sich von den Kleinen Sundainseln und Timor an

östlich bis Timorlaut und umfaßt die größere

Insel Wetter und die kleinern Kisser, Damma, Roma, Moa, Sermattan,

Lakor, Baber u. a. mit einem Gesamtumfang von 5236 qkm (95 QM.) und

etwa 47,000 Einw. (meist Malaien). Für den Handel liefern sie

Wachs, Schildpatt, Trepang, Sago, Holz.

Süd-Wilhelmskanal (Zuid-Willemsvaart), Kanal in den

niederländ. Provinzen Nordbrabant und Limburg, 122 km lang,

1822-26 gegraben, führt von Herzogenbusch über Helmond

und Weert, dann durch belgisches Gebiet nach Maastricht. Zweige

dieses Kanals sind: der Kanal nach Eindhoven und der Helenavaart

nach den Fehnen des Peel.

Sue (spr. ssüh), Joseph Marie, genannt

Eugène, franz. Romandichter, geb. 10. Dez. 1804 zu Paris,

machte als Militärarzt 1823 den Feldzug nach Spanien, dann

mehrere Fahrten nach Amerika und Westindien mit, besuchte 1827

Griechenland und nahm an der Schlacht bei Navarino teil. Hierauf

trat er aus dem Militärdienst, um zur Malerei

überzugehen, veröffentlichte aber auf Zureden von

Freunden eine Romandichtung: "Kernock le pirate" (1830), ward durch

den günstigen Erfolg des Buches veranlaßt, sich ganz der

Schriftstellerei zu widmen, und wurde der Begründer des

Seeromans in Frankreich. Nachdem er noch eine Reihe Werke in diesem

Genre, besonders die unhistorischen "Histoire de la marine

française" (1835-37, 5 Bde.) und "Histoire de la marine

militaire chez tous les peuples" (1841), veröffentlicht,

wandte er sich dem Sittenroman zu, wobei er sich besonders in

greller Ausmalung sittlichen Verderbnisses gefiel; so in den durch

zahllose Übersetzungen verbreiteten "Mystères de Paris"

(1842, 10 Bde.). Der beispiellose Erfolg dieses Produkts

führte den Verfasser dem sozialen Roman zu. Hierher

gehören: "Le Juif errant" (1845, 10 Bde.; von gleichem Erfolg

wie die "Mystères"); "Martin, l'enfant trouvé" (1846,

12 Bde.); "Les sept péchés capitaux" (1847 bis 1849,

16 Bde.); "Les mystères du peuple" (1849, 16 Bde.), vor den

Assisen in Paris als unmoralisch und aufrührerisch verurteilt;

"La famille Jouffroy" (1854, 7 Bde.); "Les secrets de l'oreiller"

(1858, 7 Bde.) u. a. 1850 zum Deputierten erwählt, hielt er

sich zur äußersten Linken, wurde nach dem Staatsstreich

1851 aus Frankreich verbannt und lebte seitdem zu Annecy in

Savoyen, wo er 3. Aug. 1859 starb. Auch als dramatischer Dichter

für die Boulevardstheater hatte er sich versucht, doch ohne

besonderes Glück. Auf dem Gebiet des Romans hat S. in Bezug

auf Phantasie, sprudelnde Erfindungskraft und Erzählertalent

wenige Rivalen unter seinen Landsleuten. Seine Mittel sind zwar

teilweise zu tadeln und sein Realismus oft mehr als derb; aber

seiner unwiderstehlichen Macht, den Leser gefangen zu halten, kann

man die Bewunderung doch nicht versagen.

Suecia, neulat. Name für Schweden.

Suedoise (franz., spr. sswedoahs'. "Schwedin"), eine in

Frankreich sehr beliebte süße Speise aus

Apfelmarmelade.

Sues, Stadt, s. Suez.

Suessouer (Suessones), tapferes und mächtiges Volk

in Gallia belgica, das über 50,000 Bewaffnete stellte, und

dessen König Divitiacus vor Cäsars Zeiten der

mächtigste unter den Fürsten Galliens war, bewohnte einen

ausgedehnten und fruchtbaren Landstrich zwischen Seine und Aisne

und besaß zwölf Städte, unter welchen Noviodunum,

später Augusta Suessonum (Soissons), die Hauptstadt war.

Suetonius, Gajus S. Tranquillus, röm.

Geschichtschreiber, lebte um 70-140 n. Chr., widmete sich zu Rom

rhetorischen und grammatischen Studien, trat dann daselbst als

gerichtlicher Redner auf, ward unter Hadrian zum Magister

epistolarum ernannt, verlor aber diese Stelle wieder und scheint

sich von nun an ausschließlich der schriftstellerischen

Thätigkeit gewidmet zu haben. Er verfaßte 120 die fast

vollständig erhaltenen Biographien der zwölf Kaiser von

Julius Cäsar bis Domitian ("De vita Caesarum"), welche in

einfacher und klarer Sprache eine

424

Sueven - Suezkanal.

Menge wertvoller Notizen über die betreffenden Kaiser

enthalten. Außerdem besitzen wir noch Teile einer Schrift:

"De grammaticis et rhetoribus" (hrsg. von Osann, Gieß. 1854),

und Biographien des Terenz, Horaz, Lucanus (letztere

unvollständig) sowie Reste einer Biographie des ältern

Plinius, alles wahrscheinlich Überreste eines

größern von ihm verfaßten Werkes: "De viris

illustribus". Von andern Schriften sind nur die Namen und

unbedeutende Fragmente erhalten; die ebenfalls seinen Namen

führenden Biographien des Vergilius und Persius sind

wahrscheinlich unecht. Ausgaben lieferten Burmann (Amsterd. 1735, 2

Bde.), Oudendorp (Leid. 1751), Ernesti (Leipz. 1748, 2. Aufl.

1772), Wolf (das. 1802, 4 Bde.) und Roth (das. 1858); neuere

Übersetzungen Reichardt (Stuttg. 1855 ff.), Stahr (2. Aufl.,

das. 1874, 2 Bde.) und Sarrazin (das. 1883, 2 Bde.). Des S.

übrige Schriften außer den "Vitae" sind besonders

herausgegeben von Reifferscheid (Leipz. 1860).

Sueven (Suevi), Name eines german. Völkerbundes,

welcher wohl die im Osten der Elbe vorhandenen, weniger von

Ackerbau als von Jagd und Viehzucht lebenden kriegerischen,

wanderlustigen ("schweifenden") Stämme umfaßte,

später Name eines einzelnen Volkes. Cäsar, welcher die

nach Gallien eingedrungenen S. unter Ariovist 58 v. Chr. besiegt

hatte, begreift unter diesem Namen die hinter den Ubiern und

Sigambern wohnenden Germanen und berichtet, daß sie 100 Gaue

mit je 10,000 streitbaren Männern gezählt, aber sich bei

seinem Rheinübergang weit, nach dem Wald Bacenis,

zurückgezogen hätten. Sie sollen keine festen Wohnsitze

gehabt haben, sondern alljährlich zum Teil auf kriegerische

Unternehmungen ausgezogen sein. Tacitus nennt das ganze

östliche Germanien von der Donau bis zur Ostsee Suevia. Die

Hermunduren gelten ihm als das vorderste, die Semnonen als das

angesehenste, die Langobarden als das kühnste unter den

suevischen Völkern. Der Dienst der Nerthus (Hertha) war allen

S. gemeinschaftlich. Der Markomanne Marbod vereinigte suevische

Völker unter seinem Zepter, und noch später, zu Marcus

Aurelius' Zeiten, werden Markomannen und Quaden als S. bezeichnet.

In der Zeit der Völkerwanderung beschränkte sich der Name

S. auf die Semnonen. Ein Teil derselben nahm 406 an dem

Verwüstungszug des Radagaisus teil. 409 drangen sie dann mit

den Vandalen und Alanen über die Pyrenäen nach Spanien

vor und breiteten sich unter Rechila nach Süden über

Lusitanien und Bätica aus. Rechilas Sohn Rechiar verlor 456

gegen den westgotischen König Theoderich II. Sieg und Leben,

und sein Nachfolger Remismund wurde von Eurich zur Anerkennung der

Oberhoheit der Westgoten gezwungen. König Theodemir trat vom

Arianismus zum Katholizismus über. 585 ward das suevische

Reich dem westgotischen einverleibt. In Deutschland hat sich der

Name S. in dem der Schwaben erhalten.

Suez (Sues), Stadt in Ägypten, an der Nordspitze des

Roten Meers, welches hier in den Golf von S. ausläuft, an der

Mündung des Suezkanals (s. d.) in denselben und der Eisenbahn

Kairo-Ismailia-S., mit (1882) 10,919 Einw., worunter 1183

Ausländer. Die Stadt besteht aus dem arabischen Viertel und

dem regelmäßig angelegten europäischen Viertel mit

großen Warenlagern, Magazinen der Peninsular and

Oriental-Dampfergesellschast und einer vizeköniglichen Villa.

Nordöstlich die Mündung des hier 2 m ü. M. liegenden

Süßwasserkanals mit großem Schleusenwerk,

nordwestlich ein großes englisches Hospital. Zu den

Hafenanlagen, welche in S. weit ins Meer hinausgebaut sind,

führt ein 3 km langer Damm; auf diesem läuft die

Eisenbahn zum Bassin der Kanalgesellschaft mit Leuchtturm und der

Statue des Leutnants Waghorn. Das große Hafenbassin, Port

Ibrahim genannt, wird durch eine mächtige Mauer in den Kriegs-

und den Handelshafen geschieden und kann 500 Schiffe fassen. Der

Handel hat sich aber nicht hier konzentriert, sondern mehr nach

Port Said und Alexandria gezogen, und S. ist mehr ein

Durchgangspunkt geblieben. 1886 betrug die Einfuhr 594,385, die

Ausfuhr 42,697 ägyptische Pfund. Die Stadt ist Sitz eines

deutschen Konsuls. Wahrscheinlich steht S. auf der Stätte des

alten Klysma, von den Arabern Quolzum genannt. Es war vor der

Entdeckung des Seewegs nach Indien um das Kap als Hauptniederlage

europäischer und indischer Waren ein blühender Platz,

verfiel aber danach und zählte bei Beginn der Kanalbauten nur

1500 Einw.

Suezkanal, Seekanal zur Verbindung des

Mittelländischen und des Roten Meers mittels Durchschneidungen

der nur 113 km breiten Landenge von S. (s. das Nebenkärtchen

auf der Karte "Mittelmeerländer"). Dieser Kanal ist gleichsam

von der Natur vorgezeichnet, indem der Isthmus selbst nur als eine

den Golf von S. fortsetzende Bodensenkung zu betrachten ist, die an

ihrer höchsten Stelle, bei El Gisr, nur 16 m ü. M. liegt,

und deren Durchstechung durch drei Seen (Ballah-, Timsah- und

Bittersee) nochwesentlich erleichtert werden mußte. Bereits

im 14. Jahrh. v. Chr. wurde der Bau eines vom Nil zum Timsahsee und

von da zum Roten Meer führenden Kanals durch die beiden

großen Herrscher Sethos I. und Ramses II. ausgeführt, um

ihre Flotte aus dem einen ins andre Meer bringen zu können.

Dieser Kanal (altägypt. ta tenat, "der Durchstich") ging

wahrscheinlich durch Vernachlässigung zu Grunde, und erst

gegen Ende des 7. Jahrh. v. Chr. unternahm es Necho (616-600), ein

Sohn Psammetichs I., einen neuen Kanal vom Nil ins Rote Meer zu

bauen, der aber durch Orakelspruch (weil er nur den "Fremden"

nützen würde) gehemmt wurde, nachdem sein Bau schon

120,000 Menschen das Leben gekostet hatte. Erst Dareios Hystaspis

(521-486) vollendete das Werk des Necho, welches unter den

Ptolemäern dann noch bedeutend verbessert wurde. Doch schon zu

Kleopatras Zeit war der Kanal teilweise wieder versandet, und was

unter den Römern, namentlich unter Kaiser Trajan (98-117 n.

Chr.), für den Kanal geschah, scheint nicht von großer

Bedeutung gewesen zu sein. Nachdem die Araber Ägypten erobert

hatten, war es Amr, der Feldherr des Kalifen Omar, welcher im 7.

Jahrh. den Kanal von Kairo nach dem Roten Meer wiederherstellte und

zu Getreidetransporten benutzte; im 8. Jahrh. aber war er schon

wieder gänzlich unbrauchbar, und heute bezeichnen nur noch

schwache Spuren das alte Werk, an dem einst Pharaonen, Perser,

Ptolemäer, römische Kaiser und arabische Kalifen bauten.

Das Verdienst, zuerst wieder auf die Vorteile eines maritimen

Kanals zwischen dem Mittel- und dem Roten Meer hingewiesen zu

haben, gebührt Leibniz, der in diesem Sinn 1671 an Ludwig XIV.

schrieb. Bonaparte ließ gelegentlich seiner Expedition nach

Ägypten 1798 durch den Ingenieur Lepère Vermessungen

zum Bau eines direkten Kanals machen. Leider gelangte Lepère

zu dem schon damals als falsch bezeichneten Ergebnis, daß der

Spiegel des Roten Meers 9,908 m höher liege als der des

Mittelmeers. Dies schreckte von weitern Versuchen ab. Als endlich

1841 durch barometrische Messungen englischer Offiziere der Irrtum

nachgewiesen werden war, versuchte Metternich 1843 vergeblich,

Mehemed Ali dafür zu

425

Suffeten - Suffolk.

interessieren, bis endlich 1854 Ferdinand v. Lesseps (s. d.) bei

dem Vizekönig Said Unterstützung fand. Nach

Überwindung von mancherlei Schwierigkeiten erhielt dieser

endlich 5. Jan. 1856 von der Pforte einen Ferman zur Konzession des

Kanalbaues und zur Bildung einer Aktiengesellschaft. Diese

Gesellschaft trat unter dem Namen Compagnie universelle du canal

maritime de Suez zusammen und erhielt ein Privilegium auf 99 Jahre,

nach welcher Zeit der Kanal an Ägypten fällt. Am 25.

April 1859 erfolgte zu Port Said, am Nordende des Kanals, der erste

Spatenstich. Das Maß der zu bewältigenden

Schwierigkeiten war ein ungeheures. Alles Material, alle Werkzeuge,

Maschinen, Kohlen, Eisen, jedes Stück Holz mußte aus

Europa geholt werden. 1862 waren von den 1800 Lastkamelen der

Kompanie allein 1600 zum täglichen Transport des Trinkwassers

für 25,000 Arbeiter in Anspruch genommen, so daß die

tägliche Ausgabe für Trinkwasser 8000 Frank betrug. Es

war also vor allen Dingen erst nötig, den

Süßwasserkanal zu vollenden, welcher vom Nil Trinkwasser

nach dem Isthmus führen sollte. Bei Sagasig zweigt derselbe

sich vom Nil ab, führt zunächst in östlicher

Richtung nach Ismailia und von da südlich bis Suez;

Schleusenwerke geben die Möglichkeit, ihm eine

größere oder geringere Wassermenge zuzuführen. Auf

dem Spiegel erreicht er eine Breite von 17, am Grund von 8 m; doch

ist er nur 2 1/2 m im Durchschnitt tief. Seine Vollendung erfolgte

29. Dez. 1863, wodurch eine Jahresausgabe von 3 Mill. Fr. erspart

wurde. Mit Maschinenkräften, die bis 22,000 Pferdekräfte

repräsentierten, wurde trotz mancher Unglücksfälle

(Ausbruch der Cholera und darauf folgende Desertion sämtlicher

Arbeiter), trotz diplomatischer und finanzieller Schwierigkeiten

rüstig weitergearbeitet, so daß schon 18. Nov. 1862 die

Wasser des Mittelmeers in den Timsahsee einströmen konnten, zu

dessen Ausfüllung 80 Mill. cbm notwendig waren. Am

nordwestlichen Gestade dieses Sees entstand die Residenz der

Kanalverwaltung, die Stadt Ismailia, zu welcher die neue Eisenbahn

von Kairo und Alexandria hingeführt wurde, während die

alte Wüstenbahn Kairo-Suez aufgegeben ward. Am 18. März

1869 erfolgte der Einlaß der Mittelmeerwasser in den

Bittersee, und 16. Nov. 1869 fand im Beisein vieler

Fürstlichkeiten und einer ungeheuern Schar geladener

Europäer die Eröffnung des Kanals unter Festlichkeiten

statt, die dem Chedive 20 Mill. Fr. gekostet haben sollen. Die

Länge des Kanals beträgt 160 km, die Breite am

Wasserspiegel 58-100 m, an der Sohle 22 m, die Tiefe 8 m. Er

beginnt am Mittelmeer bei Port Said mit zwei ungeheuern in das Meer

hinausgebauten Molen von 2250 und 1600 m Länge, welche den

Vorhafen von Port Said bilden und den durch westliche

Strömungen herbeigeführten Nilschlamm abhalten. Der Kanal

tritt dann in südlicher Richtung in den Menzalehsee ein, wo er

an beiden Seiten von Dämmen eingerahmt ist, verläßt

denselben bei Kilometer 45 und erreicht die El Kantara genannte

Bodenerhebung, welche er durchschneidet, um 4 km weiter in den

Ballahsee einzutreten. Nachdem er aus diesem wieder ausgetreten,

folgen die Stationen El Ferdane und El Gisr; dann tritt der Kanal

in die weite, blaue Fläche des Timsahsees ein, an dessen

Nordwestende Ismailia liegt, und den er bei Tusûn

verläßt, um die 16 km lange Felsenschwelle des Serapeums

zu durchbrechen. Die nun bei Kilometer 95 folgenden Bitterseen

bilden eine schöne, etwa 220 qkm große

Wasserfläche, die rings von Wüsten umgeben und am Ein-

und Austritt des Kanals mit Leuchttürmen versehen ist. Bei El

Schaluf, am Südende der Bitterseen , machen sich bereits Ebbe

und Flut des Roten Meers bemerkbar, das bei Kilometer 156 erreicht

wird. Südöstlich von der Stadt Suez ist die Kanalrinne

noch 4 km weit in das Meer geführt, um endlich bei 9 m Tiefe

die Reede von Suez zu erreichen. Die Baukosten des Kanals beliefen

sich auf etwa 19 Mill. Pfd. Sterl., von denen 12,800,000 durch

Aktienzeichnungen aufgebracht wurden, während den Rest der

Chedive deckte. Letzterm kaufte England 1875 die übernommenen,

noch unplacierten Aktien (177,602 Stück im Wert von 3,5 Mill.

Pfd. Sterl.) ab. Bis Ende 1884 wurden mit Einschluß der

Verbesserungen für den Kanal verausgabt 488 Mill. Fr., wogegen

die Aktiva 76,7 Mill. Fr. betrugen. Die Einnahmen der Gesellschaft

ergaben 1872 zum erstenmal einen Überschuß von 2 Mill.

Fr., der 1887 auf 29,7 Mill. Fr. stieg. Auch der Schiffsverkehr

beweist den vollständigen Erfolg des Unternehmens. Es

benutzten den Kanal 1887: 3137 Schiffe von 5,903,024

Nettotonnengehalt, davon 2330 englische, 185 französische, 159

holländische, 159 deutsche, 82 österreichisch-ungarische,

138 italienische etc. Die Zahl der Reisenden betrug 182,998 mit

Einschluß von Soldaten. Die Einnahmen bezifferten sich auf

60,5, die Ausgaben auf 30,8 Mill. Fr. Was die Abkürzung der

Entfernungen zwischen Europa und den östlichen Ländern

betrifft, so beträgt dieselbe für die Dampferfahrt nach

Bombay von Brindisi 37, von Triest 37, von Genua 32, von Marseiile

31, von Bordeaux 24, von Liverpool 24, von London 24, von Amsterdam

24, von Hamburg 24 Tage. Danach lassen sich die Zeitersparnisse in

der Fahrt nach andern Häfen berechnen. Freilich ist auch in

Rücksicht zu ziehen, ob die zu transportierenden Waren den

kostspieligen Kanalzoll (10 Fr. pro Tonne Nettogewicht) zu tragen

vermögen. Manufakturen, Stahl, feine Metallwaren, Seide, Thee,

Kaffee, Baumwolle etc. dürfen als unbedingt kanalfähige

Güter gelten, während eine lange Fracht vertragende

Güter vorteilhafter den Weg um das Kap nehmen. Vgl. Lesseps,

Lettres, journal et documents à l'histoire du canal de Suez

(Par. 1881, 5 Bde.); Volkmann, Der S. und seine Erweiterung (in

"Kanäle", Berl.1886); Krukenberg, Die Durchflutung des Isthmus

von S. (Heidelb. 1888).

Suffeten ("Richter"), die obersten Magistratspersonen in

Karthago (s. d., S. 566).

Sufficit (lat.), es genügt, reicht hin.

Suffisance (franz., spr. ssüffisängs),

Selbstgefälligkeit, dünkelhafte Selbstgenügsamkeit;

süffisant, gegenügend; selbstgefällig,

eingebildet.

Suffix (lat.), Nachsilbe, am Ende eines Wortes

angehängte Silbe; s. Flexion.

Suffizient (lat.), genügend, ausreichend.

Sufflenheim, Flecken im deutschen Bewirk

Unterelsaß, Kreis Hagenau, am Eberbach, hat Fabriken für

Töpferwaren und feuerfeste Steine, Bauholzhandel und (1885)

3158 meist kath. Einwohner.

Suffocatio (lat.), Erstickung (s. d.).

Suffolk (spr. ssöffok), engl. Grafschaft, an der

Nordsee, 3820 qkm (69,4 QM.) groß mit (1881) 356,893 Einw.,

ist im allgemeinen wellenförmig und meist sandig und verflacht

sich nach der Küste, wo Strecken von Marschland vorkommen. Die

bedeutendsten Flüsse sind: der Stour (Grenzfluß gegen

Essex), Orwell, Wavenay (Grenzfluß gegen Norsolk) und Ouse

mit dem Lark. Ackerbau und Viehzucht stehen auf hoher Stufe. Man

hält hier eine Rasse von ungehörnten Kühen, welche

ungemein viel Milch geben; das Suf-

426

Suffolk - Suggestion.

folkschaf gibt kurze, aber sehr feine Wolle. 63 Proz. der

Oberfläche sind unter dem Pflug, 18 Proz. bestehen aus Wiesen.

1888 zählte man 41,534 Ackerpferde, 63,258 Rinder, 422,150

Schafe und 130,887 Schweine. Im Bau landwirtschaftlicher Maschinen

leistet S. Bedeutendes, andre Zweige der Industrie sind ohne

Belang. Hauptstadt ist Ipswich.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 123 / 302 段