Stud., Abkürzung für Studiosus, Student; z. B.

Stud. arch. nav., für St. architecturae navalis, Studierender

des Schiffbaues (an technischen Hochschulen); Stud. phil.,

Studierender der Philosophie; Stud. philol., Studierender der

Philologie; Stud. rer. nat., für St. rerum naturalium,

Studierender der Naturwissenschaften.

Stud., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung

für B. Studer (s.d.).

Stud-book (engl., spr. stodd-buck), "Gestütbuch",

das Verzeichnis der in einem Land vorhandenen Vollbluttiere nebst

deren Pedigree (s. d.).

Studemund, Wilhelm, namhafter Philolog, geb. 3. Juli 1843

zu Stettin, studierte 1860-63 in Berlin und Halle, hielt sich

1864-66 zu wissenschaftlichen Zwecken in Italien auf und fertigte

besonders eine Abschrift des berühmten Mailänder

Palimpsestes des Plautus, privatisierte dann in Halle, verglich

1867 bis 1868 in Verona auf Anregung der Berliner Akademie das

Palimpsest des Gajus, wurde 1868 außerordentlicher und 1869

ordentlicher Professor der Philologie in Würzburg, 1870 in

Greifswald und 1872 in Straßburg, wo er auch die Leitung des

philologischen Seminars übernahm. Seit 1885 als ordentlicher

Professor und Mitdirektor des philologischen Seminars an der

Universität Breslau wirkend und 1889 zum Geheimen

Regierungsrat ernannt, starb er daselbst 9. Aug. 1889. S. ist

hochverdient um die lateinische Paläographie und die Kritik

des Plautus sowie um die griechischen Musiker und Metriker. Er

veröffentlichte: "De canticis Plautinis"

(Inauguraldissertation, Berl. 1864), "Studien auf dem Gebiet des

archaischen Lateins" (Bd. 1, das. 1873), "Analecta Liviana" (mit

Th. Mommsen, Leipz. 1873), "Gaji institutionum codicis Veronensis

apographum" (das. 1874), eine Handausgabe des Gajus (mit P.

Krüger; 2. Aufl., Berl. 1884), "Anecdota varia graeca musica,

metrica, grammatica" (das. 1886) und zahlreiche Abhandlungen,

besonders zu Plautus, von dessen "Vidularia" er auch eine Ausgabe

besorgte (Greifsw. 1870, 2. Aufl. 1883).

Student (lat.), s. Studieren.

Studer, Bernhard, Geolog, geb. 21. Aug. 1794 zu

Büren im Kanton Bern, studierte anfangs in Bern Theologie,

wandte sich aber mathematischen und naturwissenschaftlichen Studien

zu und wurde 1815 Lehrer am Gymnasium zu Bern, studierte dann in

Göttingen und Paris Geologie und Astronomie, begleitete

Leopold v. Buch auf mehreren Alpenreisen und widmete sich seitdem

hauptsächlich der Erforschung der Alpen. 1825 erhielt er die

für ihn errichtete Professur der Geologie in Bern, die er bis

1873 innehatte. Er starb 2. Mai 1887 in Bern. Von seinen Schriften

sind zu nennen: "Monographie der Molasse" (Bern 1825); "Geologie

der westlichen Schweizeralpen" (Heidelb. 1834); "Anfangsgründe

der mathematischen Geographie" (2. Aufl., Bern 1842); "Die

Gebirgsmasse von Davos" (das. 1837); "Lehrbuch der physikalischen

Geographie und Geologie" (das. 1844-47, 2 Bde.); "Hauteurs

barometriques prises dans le Piémont, en Valois et en

Savoie" (mit Escher von der Linth, das. 1843); "Geologie der

Schweiz" (das. 1851-53, 2 Bde.); "Einleitung in das Studium der

Physik und Elemente der Mechanik" (das. 1859); "Geschichte der

physischen Geographie der Schweiz" (Zürich 1863); "Über

den Ursprung der Schweizer Seen" (Genf 1864); "Zur Geologie der

Berner Alpen" (Stuttg. 1866); "Index der Petrographie und

Stratigraphie der Schweiz" (Bern 1872); "Gneis und Granit der

Alpen" (Berl. 1873). Auch bearbeitete er mit Escher von der Linth

die treffliche "Carte géologique de la Suisse" (Winterth.

1853, 2. Aufl. 1870, in 4 Blättern) und eine

Übersichtskarte in 1 Blatt. In den letzten Jahren widmete er

sich besonders der auf seine Anregung von der Schweizerischen

Naturforschenden Gesellschaft beschlossenen Herausgabe von

"Beiträgen zu einer geologischen Karte der Schweiz" und der

geologischen Kolorierung der großen Schweizerkarte von

Dufour. 1885 legte er das Präsidium der schweizerischen

geologischen Kommission nieder. - Sein Vetter Gottlieb S., geb.

1804 zu Bern, lebt als Bibliothekar daselbst und ist bekannt als

Mitbegründer des Schweizer Alpenklubs und durch die wertvollen

Schriften: "Berg- und Gletscherfahrten" (mit Ulrich und Weilenmann,

Zürich 1859-63, 2 Bde.); "Über Eis und Schnee. Die

höchsten Gipfel der Schweiz und die Geschichte ihrer

Besteigung" (Bern 1869-83, 4 Bde.).

Studie (v. lat. studium), Übungsstück,

Vorarbeit zu einem Kunstwerk, besonders in der Malerei etc.

Studienanstalten, in Bayern amtliche Bezeichnung der

Gymnasien; s. Gymnasium, S. 962.

Studieren (lat.), wissenschaftlich forschen, etwas

wissenschaftlich betreiben; zu diesem Zweck eine Hochschule

besuchen. Student, Studiosus, ein Stu-

403

Studio - Stuhlzwang.

dierender, besonders auf einer Hochschule (vgl.

Universitäten).

Studio (Bruder S.), scherzhaft für Studiosus,

Student.

Studium (lat., Mehrzahl: Studien), wissenschaftliche

Forschung sowie der Gegenstand derselben; auch Werkstätte

eines bildenden Künstlers (ital. studio). Als akademisches S.

pflegt man die Bildungszeit zu bezeichnen, die jemand auf der

Universität zubringt.

Studjianka, Dorf, s. Borissow.

Studley Royal (spr. stoddli reu-el), s. Ripon.

Stuer, Lehngut in Mecklenburg-Schwerin, am Plauer See,

hat eine evang. Kirche, eine Burgruine, eine besuchte

Wasserheilanstalt und (1885) 173 Einw.

Stuerbout (spr. stührbaut), Maler, s. Bouts.

Stufe, ein Stück Gestein oder Erz; Fundstufe, am

Fundort von dem gefundenen Mineral genommene Probe; auch ein vom

Markscheider oder einem Bergbeamten in das Gestein eingehauenes

Merk- oder Grenzzeichen.

Stufenerz, s. v. w. Stuferz.

Stufengebete (Staffelngebete) heißen die Gebete,

welche am Anfang der Messe von dem Celebranten und dem Altardiener

auf der untersten Stufe des Altars gesungen werden.

Stufenjahre, s. Klimakterische Jahre.

Stufenlieder, s. Psalmen.

Stufenscheibe, s. Riemenräderwerke.

Stufenschnitt, in der Heraldik, s. Heroldsfiguren.

Stuferz (Stufferz), derbes Erz; edle Stuferze, reine

gediegene Erzstücke, welche keiner Aufbereitung auf Pochwerken

etc. bedürfen.

Stuhl, früher Bezeichnung gewisser hoher

Gerichtsbarkeiten, z. B. Schöppenstuhl; in Siebenbürgen

früher s. v. w. Gerichtsbezirk (daher Stuhlrichter etc.).

Stühle. Über die S. der Alten s. Sella. Im

frühern Mittelalter kommt der Stuhl noch selten vor und

dann nur als Thronstuhl für hohe Würdenträger oder

als Ehrensitz für das Familienhaupt. Die übrigen

Familienmitglieder setzten sich auf Schemel, Bänke, Truhen,

Klappstühle, Sessel. Am Ende des 11. Jahrh. findet man Schemel

mit Rückenlehnen im täglichen Gebrauch, doch immer nur

noch bei Vornehmen. Im 13. Jahrh. wird die Sitzplatte sechs- bis

achteckig, und das Gerät hat die entsprechende gleiche Zahl

von Beinen oder Stützen; für den Richterstuhl besteht aus

jener Zeit die Vorschrift, daß er vierbeinig sein soll.

Ebenfalls im 13. Jahrh. fertigte man auch schon S. aus dünnen

Eisenstäben, deren Sitze aus Riemen oder Gurten bereitet und

mit Kissen belegt wurden. Sehr kostbar waren und blieben das ganze

Mittelalter hindurch die byzantinischen und römischen

Prachtstühle, die besonders hohe und mit Schnitzereien

gezierte Rücklehnen sowie geschweifte oder gedrechselte

Säulen und Füße hatten. Ein solcher Prachtstuhl,

der in der Regel mit einem gestickten oder gewirkten Überzug

bedeckt war, stand nie frei, sondern meist vor der Mitte einer

Wand.

Stuhlfeier Petri, s. Petri Stuhlfeier.

Stuhlgericht, s. v. w. Femgericht.

Stuhlherr (Gerichtsherr), bei den frühern

Patrimonialgerichten der Inhaber der Patrimonialgerichtsbarkeit (s.

d.); bei den Femgerichten (s. d.) des Mittelalters der Inhaber des

sogen. Freistuhls und der Patronatsherr des Gerichts.

Stühlingen, Stadt im bad. Kreis Waldshut, an der

Wutach und der Linie Oberlauchringen-Weizen der Badischen

Staatsbahn, 501 m ü. M., Hauptstadt der dem Fürsten von

Fürstenberg gehörigen gleichnamigen Standesherrschaft,

hat ein Bergschloß (Hohenlupfen), ein Hauptzollamt, eine

Bezirksforstei, Baumwollzwirnerei, Gerberei, eine Kunstmühle

und (1885) 1244 Einw. 1849 wurden hier römische Mauern mit

Mosaikboden gefunden.

Stuhlrohr, s. v. w. Spanisches Rohr.

Stuhlverstopfuug (Obstruktion), Hemmung der normalen

Darmentleerung. Die S. ist keine selbständige Krankheit,

sondern nur das Symptom einer solchen und begleitet eine

große Zahl von Darmleiden. Entweder hat die S. ihre Ursache

darin, daß an irgend einer Stelle des Darmrohrs eine

Verengerung, Einklemmung oder Verschlingung eingetreten ist, welche

mechanisch das Hineingelangen des Inhalts in den Mastdarm und seine

Entleerung hindert, oder es liegt bei freier Wegsamkeit eine mehr

oder weniger vollständige Lähmung der Darmbewegung

(Peristaltik) dem Übel zu Grunde. Eine solche Trägheit in

der wurmförmigen Zusammenziehung kann künstlich durch

sogen. stopfende Mittel, Tannin und besonders Opium, hervorgerufen

werden; gemeiniglich ist sie eine Folge vorausgegangener abnorm

lebhafter Bewegungen, wie sie bei Darmkatarrhen,

Darmentzündungen, choleraähnlichen Durchfällen oder

beim Typhus vorkommen; zuweilen ist die üble Angewohnheit der

seltenen Stuhlentleerung schuld an der S., in noch andern

Fällen mag eine organische Erkrankung des Nervenapparats,

welcher in der Darmwand selbst liegt, die Ursache der sogen.

habituellen S. (Hartleibigkeit) sein. Die leichtern Grade der S.,

welche ungemein häufig nach kleinen Diätfehlern

auftreten, weichen der Anwendung milder Abführmittel, wie

Rizinusöl, Senna, oder dem Gebrauch einiger Gläser

Bitterwasser. Die hartnäckigen Fälle erfordern eine

sorgfältige Behandlung des ursachlichen Darmleidens; bei

habitueller S. ist die Diät zu regeln, für Bewegung und

Erhaltung eines guten Allgemeinbefindens zu sorgen und bei

bestehender hypochondrischer Verstimmung künstlich durch milde

Arzneien vollständige und tägliche Öffnung des

Leibes zu schaffen.

Stuhlweißenburg (ungar. Szekesfehervar, lat. Alba

regia), königliche Freistadt im ungar. Komitat

Weißenburg und Knotenpunkt der Süd- und Ungarischen

Westbahn, hat einen Dom, unter dem außer alten

Königsgräbern auch die Basilika Stephans des Heiligen

gefunden wurde, eine bischöfliche Residenz mit Bibliothek, 3

Klöster, eine schöne Seminarkirche, ein neues Theater,

eine große Honvedkaserne, ein Denkmal des Dichters

Vörösmarty (von Vay) und (1881) 25,612 Einw., die

lebhaften Handel (bedeutend sind die Pferdemärkte) und Gewerbe

treiben. S. hat ein katholisches Obergymnasium, ein

Priesterseminar, eine Real- und eine Handelsschule, ein

Militärhengstedepot und ist Sitz des Komitats, eines

römisch-katholischen Bischofs, Domkapitels und Gerichtshofs. -

Von Stephan dem Heiligen zur Krönungsstadt erhoben, war S.

seitdem meist Residenz und Begräbnisstätte der

ungarischen Könige, bis erstere zur Zeit des Königs Bela

IV. nach Ofen verlegt wurde. 1543 fiel die Stadt den Türken

durch Kapitulation in die Hände. Infolge der hier 3. Nov. 1593

und 6. Sept. 1601 von den Kaiserlichen über die Türken

erfochtenen Siege kam die Stadt wieder in den Besitz der erstern,

aber schon 1602 durch Meuterei der Besatzung von neuem in die

Gewalt der Türken, welche sie erst 1688 verließen.

Stuhlwinde, s. Aufzüge, S. 70.

Stuhlzeug, Roßhaargewebe zum Beziehen von

Möbeln.

Stuhlzwang (Tenesmus), das schmerzhafte Drängen zum

Stuhl, wobei aber nur geringe Kotmassen

404

Stuhm - Stumpfsinn.

entleert werden, oder welches auch gänzlich erfolglos

bleibt. Der S. beruht auf krampfhafter Zusammenziehung der

Muskulatur des Dickdarms und des Afterschließmuskels und ist

konstantes Symptom der Dickdarmentzündungen bei Katarrhen,

namentlich des Mastdarms, bei Reizungen durch Würmer und

vornehmlich bei Ruhr, Typhus etc. Der S. hört mit erfolgtem

Stuhl auf, oder dauert noch eine Weile fort; er kann ein

äußerst quälendes Symptom darstellen.

Stuhm, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk

Marienwerder, an zwei Seen und an der Linie Thorn-Marienburg der

Preußischen Staatsbahn, hat eine evangelische und eine kath.

Kirche, ein altes Schloß, Amtsgericht, Pferdemärkte und

(1885) 2238 Einw.

Stuhmsdorf, Dorf im preuß. Regierungsbezirk

Marienwerder, Kreis Stuhm, hat eine kath. Kirche und 602 Einw. Hier

wurde 12. Sept. 1635 unter französischer Vermittelung ein

Waffenstillstand auf 26 Jahre zwischen Schweden und Polen

geschlossen.

Stuhr, Peter Feddersen, Geschichtsforscher, geb. 28. Mai

1787 zu Flensburg, ließ sich nach beendetem akademischen

Studium 1810 in Heidelberg nieder und machte sich durch seine

Polemik gegen Niebuhr in der Schrift "Über den Untergang der

Naturstaaten" (Berl. 1817) bekannt. Nachdem er den Feldzug von 1813

in der hanseatischen Legion und den von 1815 in der

preußischen Landwehr, dann im 6. Ulanenregiment mitgemacht,

erhielt er eine Anstellung als Sekretär bei der

Militärstudienkommission in Berlin und 1826 eine

außerordentliche Professur daselbst. Er starb 13. März

1851 in Berlin. Von seinen Arbeiten sind noch hervorzuheben: "Die

Staaten des Altertums und die christliche Zeit in ihrem Gegensatz"

(Heidelb. 1811); "Die Religionssysteme der heidnischen Völker

des Orients" (Berl. 1836) und der Hellenen" (das. 1838); "Die drei

letzten Feldzüge gegen Napoleon" (Lemgo 1832, Bd. 1); "Der

Siebenjährige Krieg" (das. 1834); "Geschichte der See- und

Kolonialmacht des Großen Kurfürsten" (Berl. 1839);

"Forschungen und Erläuterungen über Hauptpunkte der

Geschichte des Siebenjährigen Kriegs" (Hamb. 1842, 2

Bde.).

Stuiben, Berg in den Algäuer Alpen, südwestlich

von Immenstadt, 1764 m hoch, mit Wirtshaus.

Stuifen, Bergkegel an der Nordwestseite des Albuch

(Schwäbischer Jura) im württembergischen Jagstkreis,

erreicht 756 m Höhe.

Stuiver, Münze, s. Stüber.

Stüler, Friedrich August, Architekt, geb. 28. Jan.

1800 zu Mühlhausen in Thüringen, bildete sich zu Berlin

nach Schinkel, bereiste 1829 und 1830 Frankreich und Italien, ward

Hofbauinspektor und 1832 Hofbaurat und Direktor der

Schloßbaukommission. Unter Friedrich Wilhelm IV.

eröffnete sich ihm ein bedeutender Wirkungskreis. Außer

den "Vorlegeblättern für Möbeltischler" , welche er

mit Strack in 4 Heften (1835 ff.) herausgab, sind unter seinen

architektonischen Entwürfen die im "Album des

Preußischen Architektenvereins" (Potsd. 1837 ff.)

erschienenen hervorzuheben, ferner die zu dem neuen Rathaus in

Perleberg, zum Wiederaufbau des Winterpalais in Petersburg, zu den

Schloßbauten in Boitzenburg, Basedow, Arendsee, Dalwitz und

zu der katholischen Kirche in Rheda. Seine bedeutendste

Schöpfung ist das Neue Museum in Berlin. Auch der Kuppelbau

auf dem Triumphbogen des Hauptportals des königlichen

Schlosses ist sein Werk. Andre Bauten von ihm sind: die Alte

Börse zu Frankfurt a. M. (1844), die Matthäus-, Jacobus-,

Markus- und Bartholomäuskirche in Berlin, mehrere

Prachtanlagen im Park von Sanssouci, die Nikolaikirche zu Potsdam,

die Vollendung des großherzoglichen Schlosses zu Schwerin,

die Universität zu Königsberg, das Nationalmuseum zu

Stockholm, die Akademie zu Pest. Endlich lieferte er eine Menge

dekorativer Zeichnungen für Gußwerke,

Porzellangefäße, Silberarbeiten etc. S. starb 18.

März 1865 in Berlin.

Stultitia (lat.), Thorheit; Stultus, Thor.

Stumm, Karl Ferdinand, Freiherr von, Industrieller, geb.

30. März 1836 zu Saarbrücken, besuchte die

Universitäten Bonn und Berlin und übernahm sodann die

Leitung der von seinem Vater gegründeten großen

Eisenhüttenwerke in Neunkirchen. 1870/71 führte er als

Rittmeister der Landwehr eine Ulanenschwadron; auch erhielt er von

der Regierung den Titel eines Geheimen Kommerzienrats. Er wurde

1867 gleichzeitig in das preußische Abgeordnetenhaus und den

Reichstag gewählt und gehörte dem erstern bis 1870, dem

andern bis 1881 und wieder seit 1889 an. 1882 wurde er zum Mitglied

des Herrenhauses ernannt und 1888 in den Freiherrenstand erhoben.

Mitglied der deutschen Reichspartei, unterstützte er

namentlich die wirtschaftlichen Reformen Bismarcks, sowohl die

schutzzöllnerische Tarifreform von 1879 als die

Maßregeln für den Schutz des Handwerks und der Arbeiter.

Sein Bruder Ferdinand, Freiherr von S., geb. 1843 zu Neunkirchen,

machte als Offizier die Feldzüge gegen Dänemark (1864) u.

Österreich (1866) mit, nahm 1868 am Feldzug der Engländer

gegen Abessinien teil, trat 1869 zur diplomatischen Laufbahn

über, kämpfte aber 1870/71 im Kriege gegen Frankreich und

ward 1883 zum Gesandten in Darmstadt, 1885 in Kopenhagen, 1887 in

Madrid ernannt. 1888 ward er Botschafter des Deutschen Reichs in

Madrid und in den Freiherrenstand erhoben.

Stummelaffe (Colobus Illig.), Gattung aus der Familie der

Schmalnasen (Catarrhini) und der Unterfamilie der Hundsaffen,

stehen den Schlankaffen (s. d.) sehr nahe, haben aber an den

Vorderhänden nur Daumenrudimente; ihr Leib ist schlank, die

Schnauze kurz, der Schwanz sehr lang; sie besitzen

Gesäßschwielen, aber keine Backentaschen. Die Guereza

(C. Guereza Rüpp.), 65 cm lang, mit 70 cm langem Schwanz, ist

schwarz mit silbergrauer Kehle und Stirnbinde und grauer

Seitenmähne u. Schwanzquaste; er bewohnt Abessinien, lebt fast

nur auf Bäumen, ist höchst behende, durchaus harmlos und

nährt sich von Blättern, Früchten und Insekten. Zu

derselben Gattung gehören der Bärenstummelaffe (C.

ursinus Wagn.), in Westafrika, und der Teufelsaffe(C. Satanas

Wagn.), auf Fernando Po.

Stumme Rollen, im Theaterwesen Rollen, in welchen der

Schauspieler nicht spricht oder singt, sondern sich einzig und

allein durch die Gebärdensprache zu verstehen gibt (z. B. in

der "Stummen von Portici").

Stummheit, das Unvermögen, artikulierte Laute

hervorzubringen, zeigt sich bei Krankheiten des Gehirns

(Schlagfluß, Epilepsie etc.) und der Sprachwerkzeuge, auch

bei Taubheit (Taubstummheit).

Stumpf, s. Juxtabuch.

Stumpfsinn (Stupor), ein Seelenzustand, bei welchem alle

Thätigkeit des Gehirns daniederliegt. Teils als

selbständige Geisteskrankheit, teils als Teilerscheinung

mannigfacher Symptomenkomplexe (Melancholie, paralytische

Geistesstörung) aufgefaßt, stellt der S. den

höchsten Grad des Schwachsinns dar, welcher durch die

gänzliche Aufhebung aller willkürlichen psychischen wie

motorischen Äußerungen charakterisiert ist. Man sieht

diese Kranken im Zustand völliger Geistesabwesenheit und

Regungslosigkeit durch Tage und Wo-

405

Stunde - Sturdza.

chen verharren; keine Frage wird beantwortet, kein

äußerer Eindruck kommt zum Bewußtsein, das

Gefühl gegen Frost und Hitze, gegen Schmerzen und andere

Sinneseindrücke ist verloren. Der Harn u. Speichel

fließen unwillkürlich ab, die Kranken verunreinigen

sich, sie müssen künstlich ernährt werden, da sie

sonst verhungern oder verdursten würden. Zuweilen ist mit dem

S. eine eigentümliche Starrsucht (Flexibilitas cerea)

verbunden, bei welcher die Muskeln gespannt, ja bretthart sind und

in der einmal eingenommenen Stellung ohne Regung, ohne

Ermüdung verharren. Die Ursache dieses Zustandes ist

unbekannt. Der S. geht zuweilen in Genesung über, sofern er

akut und als einzige Geistesstörung auftritt; bildet er den

Ausgang chronischer, in Schwachsinn übergehender

Geisteskrankheiten, so führt er ziemlich jäh den letzten

Abschnitt dieser Leiden zu Ende.

Stunde, der 24. Teil eines Tags, der wieder in 60 Minuten

à 60 Sekunden geteilt wird. Die Zeichen dafür sind h,

d. h. hora oder S., m und s; es ist also 5 h 12 m 51,5 s soviel wie

5 Stunden 12 Min. 51,5 Sek. Die meisten zivilisierten Völker

fangen jetzt die erste S. des Tags im bürgerlichen Leben nach

dem Eintritt der Mitternacht an zu zählen, zählen aber

nur bis 12 und beginnen zu Mittag wieder von vorn, so daß der

Tag in zweimal 12 Stunden (Vormittag [a. m. = ante meridiem] und

Nachmittag [p. m. = post m.]) zerfällt. In einem großen

Teil Italiens aber zählte man bis zur neuesten Zeit die

Stunden vom Sonnenuntergang an fortlaufend von 1-24. Ebenso pflegen

die Astronomen zu zählen, aber von Mittag an. S. als

Wegmaß (Wegstunde) = 5km.

Stundenglas, s. v. w. Sanduhr.

Stundenkreis, jeder größte Kreis der

Himmelskugel, welcher durch beide Pole geht, also den Äquator

senkrecht schneidet, gleichbedeutend mit Deklinationskreis; vgl.

Himmel, S. 545.

Stundenwinkel, der Winkel zwischen dem Deklinationskreis

eines Sterns und dem Meridian; vgl. Himmel, S. 546.

Stundisten (russ. Stundisty, vom deutschen "Stunde" im

Sinn von Betstunde), Name einer um 1870 im Gouvernement Kiew

gebildeten religiösen Sekte, die in Südrußland

weite Verbreitung gefunden hat. Die S. verwerfen jede

Priesterherrschaft, die Sakramente und äußern

gottesdienstlichen Gebrauche und begegnen sich, indem sie das

Hauptgewicht auf die religiöse Erweckung legen, mannigfach mit

dem protestantischen Pietismus.

Stundung, Fristerteilung von seiten des Gläubigers

dem Schuldner gegenüber in Ansehung einer an und für sich

fälligen Forderung. Die nach gemeinem deutschen Recht auch

gegen den Willen des Gläubigers zulässige S. durch die

Staatsgewalt ist nach der deutschen Zivilprozeßordnung nicht

mehr statthaft.

Stupa, s. Tope.

Stupefaktion (lat.), Bestürzung; Stupefacientia,

betäubende Mittel; stupend, erstaunlich.

Stüpfelmaschine, s. Schablonenstechmaschine.

Stupid (lat.), stumpfsinnig, dumm.

Stupor (lat.), Erstarrung, dumpfe Starrheit; als

Geisteskrankheit s. v. w. Stumpfsinn (s. o.).

Stupp, Quecksilberruß, s. Quecksilber.

Stuprum (lat.), außerehelicher Beischlaf; Stuprata,

die Geschändete, Geschwächte; Stuprator, der

Schwängerer.

Stur, 1)(Stúr, spr. schtur) Ludewit, slowak.

Schriftsteller u. Patriot, geb. 23. Okt. 1815 zu Uhrowez im

ungarischen Komitat Trentschin, protestantischer Abkunft, studierte

in Preßburg und Halle und bekleidete 1840-43 eine Professur

am Lyceum zu Preßburg, der Hauptpflanzstätte der

litterarischen und patriotischen Bewegung der Slowaken, der er sich

mit Begeisterung anschloß. Fortan ganz der Litteratur

zugewendet, verteidigte er in mehreren Schriften in deutscher

Sprache die Rechte der Slowaken gegen die Angriffe der Magyaren und

gründete 1845 die Zeitung "Slovenske narodnie Novini"

("Slowakische Nationalzeitung") mit der litterarischen Beilage

"Orol Tatranski" ("Der Adler von der Tatra"), worin er sich statt

des bisher üblichen Tschechischen der slowakischen

Volkssprache (und zwar im Dialekt seiner Heimat) bediente, die

hierdurch zur Schriftsprache bei den protestantischen Slowaken

erhoben wurde. Im J. 1847 wurde S. von Altsohl in den Reichstag zu

Preßburg gewählt, wo er mit glänzender Beredsamkeit

für die Rechte seines Volkes auftrat; nach Ausbruch des

Aufstandes 1848 floh er nach Wien, nahm dann am

Slowakenkongreß zu Prag teil, blieb aber nach wie vor der

Hauptleiter der Bewegung gegen die Ungarn, die sogar einen Preis

auf seinen Kopf setzten. Später in Zurückgezogenheit

seinen litterarischen Arbeiten lebend, starb er 12. Jan. 1856

infolge einer Wunde, die er sich auf der Jagd zugezogen hatte. Von

seinen Schriften sind noch "Zpevy i pisne" ("Gesänge und

Lieder", Preßb. 1853) und das in tschechischer Sprache

abgefaßte Werk "Über die Volkslieder und Märchen

der slawischen Stämme" (Prag 1853) zu erwähnen. Auch

hinterließ er im Manuskript ein deutsch geschriebenes Werk

aus den Jahren 1852 bis 1853, das eine Darstellung seiner Theorie

des Panslawismus enthält und in russischer Übersetzung

von Lamanskij unter dem Titel: "Das Slawentum und die Welt der

Zukunft" (Mosk. 1867) erschien.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 117 / 302 段