Finanzmann, geb. 20. Okt. 1823 zu Neidenburg, ging nach dem Tod
seiner Eltern als zwölfjähriger Knabe nach England,
ließ sich dort taufen und legte dabei die früher von ihm
geführten Namen (nach seiner Angabe Bartel Heinrich) ab. Er
trat dort in das Geschäft seiner Oheime, begann für
Journale zu schreiben und wurde Eigentümer von Sharpes "London
Magazine", welches ihm einen erheblichen Gewinn abwarf. Auch war er
für Lebensversicherunggesellschaften thätig. Später
siedelte er nach Berlin über und fand hier 1861 Gelegenheit,
als Vertreter englischer Häuser die Tilsit-Insterburger und
die Ostpreußische Südbahn auszuführen. Dann
übernahm er für eigne Rechnung die Ausführung
folgender Bahnen: der Berlin-Görlitzer, der
Rechte-Oderuferbahn, der Märkisch-Posener, Halle-Sorauer und
Hannover-Altenbekener Bahn, ferner der Brest-Grajewo-, der
Ungarischen Nordostbahn und der rumänischen Eisenbahnen,
zusammen 400 Meilen. Er wandte, da ihm zur Ausführung so
gewaltiger Unternehmungen weder Kapital noch Kredit auch nur
annähernd ausreichend zu Gebote standen, das System an, als
Generalunternehmer die Lieferanten der Bahn durch Aktien zu
bezahlen. Er kaufte ferner die ausgedehnte Herrschaft Zbirow in
Böhmen, die Egestorffsche Lokomotivenfabrik zu Linden bei
Hannover, viele Gruben, Hütten etc. Als 1870 die Koupons der
rumänischen Bahnen nicht eingelöst werden konnten, begann
das Kartenhaus seiner Unternehmungen zusammenzufallen. Er geriet
1875 in Preußen, Österreich und Rußland in
Konkurs, wurde in Moskau verhaftet, nach langem Prozeß zur
Verbannung verurteilt und konnte erst im Herbst 1877 nach Berlin
zurückkehren. In der Haft schrieb er seine Selbstbiographie
("Dr. S. und sein Wirken", Berl. 1876). Auch veröffentlichte
er "Fragen der Zeit", 1. Teil: "Über Parlamentarismus" (Berl.
1877), und eine Denkschrift über den Bau eines
Nordostseekanals (das. 1878). Er starb in großer
Dürftigkeit 31. Mai 1884 in Berlin. Vgl. Korfi, Bethel Henry
S. (Berl. 1870).
Strozzi, Palast, s. Florenz, S. 383.
Strozzi, Bernardo, Maler, genannt il Prete Genovese und
il Cappuccino, geb. 1581 zu Genua, war daselbst, später in
Venedig thätig, wo er 1644 starb. S. malte im naturalistischen
Stil des Caravaggio viele Fresken und Ölbilder, die meist
etwas roh sind, aber kräftiges Leben und feuriges Kolorit
zeigen; besonders vortrefflich sind seine Porträte.
Strubberg, 1) Friedrich August, unter dem Pseudonym
Armand bekannter Schriftsteller, geb. 18. Mai 1808 zu Kassel, trat,
zum Kaufmannsstand bestimmt, in ein amerikanisches Haus in Bremen
ein, durchstreifte dann jahrelang Amerika nach allen Richtungen,
übernahm später unter schwierigen Verhältnissen das
Direktorium des "Deutschen Fürstenvereins in Texas", machte
die Feldzüge gegen Mexiko mit und kehrte 1854 nach Deutschland
zuruck. Er starb 3. April 1889 in Gelnhausen. S. hat seine
Erlebnisse und Beobachtungen in einer Reihe von Werken
396
Strudel - Struensee.
dargelegt, die eine Zwittergattung von Roman und
ethnographischer Schilderung bilden, und von denen die Skizzen "Bis
in die Wildnis" (Berl. 1858, 4 Bde.; 2. Aufl. 1863) das meiste
Aufsehen erregten, der Roman "Sklaverei in Amerika" (Hannov.1862, 3
Bde.) dagegen das meiste poetische Leben hat. Von den übrigen
nennen wir nur: "Amerikanische Jagd- und Reiseabenteuer" (Stuttg.
1858, 2. Aufl. 1876); "An der Indianergrenze" (Hannov. 1859, 4
Bde.), in ethnographischer Hinsicht das lehrreichste Werk, und die
beliebte Jugendschrift "Karl Scharnhorst" (3. Aufl., das. 1887).
Zuletzt veröffentlichte er zwei Dramen: "Der Freigeist"
(Kassel 1883) und "Der Quadrone" (das. 1885).
2) Otto von, preuß. General, geb. 16. Sept. 1821 zu
Lübbecke in Westfalen, wurde im Kadettenkorps erzogen und trat
1839 als Sekondeleutnant in die Armee ein. Nachdem er die
Kriegsakademie besucht hatte, wirkte er 1846-49 als Lehrer am
Kadettenkorps, nahm 1849 am badischen Feldzug teil, ward dann im
topographischen Büreau des Generalstabs beschäftigt und,
nachdem er zwei Jahre zur Erlernung der französischen Sprache
in Paris zugebracht hatte, 1854 als Hauptmann in den Großen
Generalstab versetzt. Er wurde dem Militärgouvernement am
Rhein beigegeben, an dessen Spitze der Prinz von Preußen
(Kaiser Wilhelm I.) stand, und erhielt 1858 den Adelstitel und den
Majorsrang. Im Jahr 1861 wurde er Flügeladjutant des
Königs und Lehrer an der Kriegsakademie. Als Oberstleutnant
gehörte er 1863 der internationalen Militärkommission in
Serbien an, nahm am dänischen Feldzug, namentlich an der
Erstürmung der Düppeler Schanzen, teil, ward 1865 Oberst
und Kommandeur des 4. Gardegrenadierregiments in Koblenz, an dessen
Spitze er 1866 den böhmischen Feldzug mitmachte, und
befehligte 1870-71 die 30. Infanteriebrigade im 8. Korps vor Metz,
bei Amiens, Bapaume und St.-Quentin. Nach Beendigung des Kriegs
organisierte er die Landwehrbehörden in Elsaß-Lothringen
und erhielt 1873 als Generalleutnant das Kommando der 19. Division.
Im November 1880 wurde er zum Generalinspekteur des
Militärerziehungs- und Bildungswesens und 1883 zum General der
Infanterie ernannt.
Strudel, ein Wasserwirbel oder eine Stelle, an der sich
das Wasser kreis- oder spiralförmig nach unten der Tiefe zu
dreht, wobei sich bisweilen in der Mitte eine trichterförmige
Vertiefung bildet. Solche S. haben zur Voraussetzung reißende
Strömungen, wie sie im offenen Meer nirgends vorhanden sind;
sie finden sich auch in engen Meeresstraßen selten vor. Der
Malstrom (s. d.) bei den Lofoten und die Charybdis in der Meerenge
von Messina sind die bekanntesten Wirbel dieser Art, jedoch ist die
Bewegung in denselben keineswegs so verderblich, wie sie von der
Sage dargestellt wird, und bereitet nur kleinen Fahrzeugen
ernstliche Schwierigkeiten. Unterhalb der Niagarafälle und in
den Stromengen des Congo unterhalb Vivi entwickeln sich ebenfalls
derartige S. Der Donaustrudel unterhalb Grein in
Oberösterreich auf der Nordseite der Insel Wörth hat seit
1866 durch Sprengungen seine Gefährlichkeit für die
Schiffahrt verloren. Von besonderm Interesse sind die S., welche
sich in den obern Läufen der Flüsse infolge der
Unebenheiten des Grundes namentlich in Verbindung mit
Wasserfällen und Stromschnellen bilden. Die Erosionswirkung
derselben kennzeichnet sich durch die Bildung von
Strudellöchern oder Riesentöpfen (s.d.).
Strudel, in Bayern und Österreich beliebte
Mehlspeise aus dünn aufgetriebenem Nudel- oder Hefenteig, der,
mit Obst, gewiegtem Fleisch, Schokolade, Krebsen, Mandeln, Mark,
Rosinen etc. bedeckt, zusammengerollt und in einer Kasserolle
gebacken wird.
Strudelwürmer (Turbellaria), s. Platoden.
Struensee, 1) Karl Gustav von, preuß. Minister,
geb. 18. Aug. 1735 zu Halle, Sohn Adam Struensees, des Verfassers
des alten Halleschen Gesangbuchs, Predigers an der Ulrichskirche
daselbst, dann zu Altona, studierte in Halle Mathematik und
Philosophie und wurde 1757 Professor an der Ritterakademie zu
Liegnitz. Hier benutzte er seine Muße, die Anwendung der
Mathematik auf die Kriegskunst zu studieren, und gab
"Anfangsgründe der Artillerie" (3. Aufl., Leipz. 1788) und
"Anfangsgründe der Kriegsbaukunst" (das. 1771-74, 3 Bde.; 2.
Aufl. 1786) heraus, das erste bessere Werk in diesem Fach in
Deutschland. Auf Veranlassung seines Bruders ging er 1769 nach
Kopenhagen, wo er eine Anstellung als dänischer Justizrat und
Mitglied des Finanzkollegiums erhielt. Nach dem Sturz seines
Bruders 1772 wurde er von Friedrich d. Gr. als preußischer
Unterthan reklamiert, so daß man ihn frei in sein Vaterland
entlassen mußte. Nachdem er längere Zeit auf seinem Gut
Alzenau bei Haynau in Schlesien den Wissenschaften gelebt, ward er
1777 zum Direktor des Bankkontors in Elbing ernannt, 1782 als
Oberfinanzrat und Direktor der Seehandlung nach Berlin berufen,
1789 vom König von Dänemark unter Hinzufügung des
Namens v. Karlsbach geadelt und 1791 zum preußischen
Staatsminister und Chef des Accise- und Zolldepartements ernannt.
Obwohl von stattlicher Persönlichkeit und bedeutenden Gaben,
dabei streng rechtlich, vermochte S., durch den Neid und die
Feindseligkeit seiner hochadligen Kollegen behindert, doch nicht
die freisinnigen Reformen im Finanzwesen durchzuführen, welche
er in seinen Schriften empfohlen hatte. Er starb 17. Okt. 1804.
Vgl. v. Held, Struensee (Berl. 1805).
2) Johann Friedrich, Graf von, dän. Minister, Bruder des
vorigen, geb. 5. Aug. 1737 zu Halle, studierte in seiner Vaterstadt
Medizin, ward 1759 Stadtphysikus zu Altona und 1768 Leibarzt und
Begleiter des jungen Königs Christian VII. von Dänemark
auf dessen Reise durch Deutschland, Frankreich und England. Schnell
erwarb er sich die Gunst des Königs und ward 1770 auch mit der
Erziehung des Kronprinzen beauftragt und zum Konferenzrat und
Lektor des Königs und der Königin Karoline Mathilde (s.
Karoline 1) ernannt. Die von ihrem Gatten mit Gleichgültigkeit
behandelte Königin fand bald Interesse an seinem Umgang und
glaubte in ihm den Mann gefunden zu haben, mit dessen Hilfe sie die
ihr abgeneigte dänische Adelsaristokratie stürzen
könnte. Nachdem S. ein besseres Einvernehmen zwischen dem
König und der Königin hergestellt, wußte er die
bisherigen Günstlinge und Minister vom Hof zu entfernen,
zuerst den Grafen von Holck, an dessen Stelle sein Freund Brandt
als königlicher Gesellschafter eintrat, dann auch den
verdienten Minister Grafen Bernstorff, und Ende 1770 hob er den
ganzen Staatsrat auf. Die Königin und S. herrschten nun
unumschränkt, indem sie den schwachen König von den
Staatsgeschäften fern hielten. Bald entspann sich zwischen
ihnen ein näheres Verhältnis. Während Karoline
Mathilde S. zärtlich liebte und ihre Gefühle oft
unvorsichtig verriet, war diesem die Neigung der Königin
besonders deswegen von Wert, weil er sich durch sie in seiner
Machtstellung zu behaupten hoffte. Seine Herrschaft über den
eingeschüchterten König
397
Struktur - Strümpfe.
war so groß, daß er sich schließlich sogar die
Vollmacht erteilen ließ, Kabinettsbefehle ohne
königliche Unterschrift auszufertigen. Es ward ein neues
Ministerium gebildet, S. selbst aber im Juli 1771 zum
Kabinettsminister ernannt. Abweichend von der bisher verfolgten
Politik, suchte S. Dänemark von dem Einfluß
Rußlands frei zu machen und dafür mit dem
stammverwandten Schweden eine enge Verbindung herzustellen. Im
Innern wollte er nach dem Muster Friedrichs II. von Preußen
durch einen aufgeklärten Despotismus gewerbliche
Thätigkeit, Wohlstand und freiheitliche Bildung
begründen. Die Finanzen wurden geordnet, die Abgaben
verringert, viele der Industrie und Handel hemmenden Fesseln
gelöst, Bildungsanstalten gegründet, die strengen
Strafgesetze gemildert, die Folter abgeschafft und alle Zweige der
Verwaltung nach Vernunftgrundsätzen geordnet; doch ging S.
dabei mit zu rücksichtsloser Eile zu Werke, verfeindete sich
mit allen hervorragenden Persönlichkeiten, reizte das Volk
durch Verdrängung der S. unbekannten dänischen Sprache zu
gunsten der deutschen und ward daher als Tyrann verschrien,
insbesondere von der orthodoxen Geistlichkeit. Dazu ward sein
Verhältnis zu der Königin verdächtigt, namentlich
als diese 7. Juli 1771 eine Tochter gebar. An der Spitze der ihm
feindlichen Partei stand die herrschsüchtige Stiefmutter
Christians VII., Juliane Maria, Prinzessin von
Braunschweig-Wolfenbüttel, und an sie schlossen sich mehrere
einflußreiche Männer an, darunter der
Kabinettssekretär Guldberg und der General Rantzau-Aschberg.
Am frühen Morgen des 17. Jan. 1772 drangen diese Verschwornen
in das Schlafzimmer des Königs und zwangen denselben zur
Unterzeichnung des Befehls zur Verhaftung der Königin,
Struensees und Brandts. S. ward in Ketten auf die Citadelle
gebracht und eines Anschlags gegen die Person des Königs, um
ihn zur Abdikation zu zwingen, des strafbaren Umgangs mit der
Königin, der Anmaßung und des Mißbrauchs der
höchsten Gewalt angeklagt. Auf sein Geständnis eines
verbrecherischen Umgangs mit der Königin begab sich eine
zweite Kommission zur Königin nach Kronborg, um aus dieser ein
gleiches Geständnis herauszulocken, was auch gelang. Die
königliche Ehe ward getrennt, S. aber "eines großen,
todeswürdigen Verbrechens wegen" 6. April zu grausamer
Hinrichtung verurteilt. Ebenso lautete das Urteil gegen Brandt als
Genossen Struensees. Nachdem der König das Urteil
bestätigt hatte, erfolgte 28. April 1772 die Exekution, indem
ihnen erst die rechte Hand, dann der Kopf abgeschlagen und der
Rumpf zerstückelt wurde. Beide Verurteilte fielen dem
Haß der von ihnen schwer beleidigten Adelsaristokratie zum
Opfer. Michael Beer und Heinrich Laube machten Struensees Schicksal
zum Gegenstand gleichnamiger Trauerspiele. Bouterwek lieferte einen
seiner Zeit anerkannten Roman. Vgl. Höst, Geheimer
Kabinettsminister Graf J. F. S. und sein Ministerium (deutsch,
Kopenh. 1826); Jenssen-Tusch, Die Verschwörung gegen Karoline
Mathilde von Dänemark und die Grafen S. und Brandt (Jena
1864); Wittich, Struensee (Leipz. 1878).
3) Gustav Otto von (pseudonym Gustav vom See),
Romanschriftsteller, geb. 13. Dez. 1803 zu Greifenberg in Pommern,
studierte zu Bonn und Berlin die Rechte, ward 1834 Regierungsrat in
Koblenz und 1847 Oberregierungsrat in Berlin. Er starb 29. Sept.
1875 in Breslau. Unter seinen ältern Romanen (gesammelt Bresl.
1867-69, 18 Bde.; neue Ausg. 1876, 6 Bde.) verdienen "Die Egoisten"
(1853), "Vor fünfzig Jahren" (1859) und "Herz und Welt" (1862)
hervorgehoben zu werden. Seine stärkste Produktivität
entfaltete der talentvolle und gebildete Erzähler in den
letzten Jahrzehnten seines Lebens, wo er unter andern die Romane:
"Wogen des Lebens" (Bresl. 1863, 3 Bde.), "Gräfin und
Marquise" (Leipz. 1865, 4 Bde.) mit der Fortsetzung "Ost und West"
(Bresl. 1865, 4 Bde.), "Arnstein" (das. 1868, 3 Bde.), "Valerie"
(das. 1869, 4 Bde.), "Falkenrode" (Hannov. 1870, 4 Bde.), "Krieg
und Friede" (Berl. 1872, 4 Bde.), "Gänseliese" (Hannov. 1873,
3 Bde.), "Ideal und Wirklichkeit" (das. 1875, 3 Bde.), "Erlebt und
erdacht", Novellen (das. 1875, 2 Bde.), "Die Philosophie des
Unbewußten" (das. 1876, 3 Bde.) etc. erscheinen
ließ.
Struktur (lat. structura), die Art und Weise der
äußern und innern Zusammenfügung eines zu einem
Ganzen aus einzelnen, verschiedenartigen Teilen verbundenen
Körpers; insbesondere in der Geologie das innere Gefüge
der Gesteine, wie es durch die Form, die gegenseitige Lage, die
Verteilung und die Art der Verbindung der Gesteinselemente und der
accessorischen Bestandteile bedingt wird; über die einzelnen
Strukturformen vgl. Gesteine.
Struma, s. Kropf.
Struma (Karasu, der alte Strymon), Fluß in der
europ. Türkei, entspringt in Bulgarien am Westabhang der
Witosch (Skomios), bildete im Altertum die Ostgrenze Makedoniens
und mündet nach ca. 300 km langem Lauf in den Golf von Orfani
(Strymonischer Meerbusen), nachdem er kurz vorher den See Tachyno
(Kerkine im Altertum) durchflossen hat.
Strumiza (Strumdscha), Stadt im türk. Wilajet
Saloniki, am Flusse S. (Nebenfluß des Struma), Sitz eines
griechischen Erzbischofs, mit altem Schloß, 6 Moscheen und
ca. 15,000 Einw., von denen etwa die Hälfte Mohammedaner.
Strümpell, Ludwig, Philosoph und Pädagog, geb.
23. Juni 1812 zu Schöppenstädt im Braunschweigischen,
studierte zu Königsberg (unter Herbart) Philosophie und
Pädagogik, wurde Erzieher in Kurland, habilitierte sich 1843,
wurde 1844 außerordentlicher, 1849 ordentlicher Professor der
Philosophie und Pädagogik an der russischen Universität
Dorpat, siedelte 1871 als kaiserlich russischer Staatsrat a. D.
nach Leipzig über, wo er als Honorarprofessor der Philosophie
thätig ist. Von seinen zahlreichen, im Geist Herbarts
verfaßten Schriften sind hervorzuheben: "Erläuterungen
zu Herbarts Philosophie" (Götting. 1834); "Die Hauptpunkte der
Herbartschen Metaphysik" (Braunschw. 1840); "Vorschule der Ethik"
(Mitau 1844); "Entwurf derLogik" (das. 1846); "Der
Kausalitätsbegriff und sein metaphysischer Gebrauch in der
Naturwissenschaft" (Leipz. 1872); "Die Geisteskräfte der
Menschen, verglichen mit denen der Tiere" (gegen Darwin, das.
1878); "Psychologische Pädagogik" (das. 1880); "Grundriß
der Logik" (das. 1881); "Grundriß der Psychologie" (das.
1884); "Einleitung in die Philosophie vom Standpunkt der Geschichte
der Philosophie" (das. 1886). Die "Geschichte der griechischen
Philosophie" (Leipz. 1854-61, 2 Bde.) blieb unvollendet. - Sein
Sohn Gustav Adolf, geb. 28. Juni 1853, seit 1886 ordentlicher
Professor der Medizin in Erlangen, schrieb: "Lehrbuch der
speziellen Pathologie und Therapie der innern Krankheiten" (5.
Aufl., Leipz. 1889, 2 Bde.).
Strümpfe (franz. Bas [de chausses]) waren anfangs
von Leder oder Wollenzeug genäht und mit den Hosen verbunden
(Strumpfhosen). Gestrickte, von den Beinkleidern getrennte S.
sollen erst im 16. Jahrh. und zwar zuerst in England in Gebrauch
gekommen sein. Man sagt, Königin Elisabeth sei die erste
gewesen,
398
Strumpfwaren - Struve.
die sich ihrer bediente. Indes besaß schon ihr Vater
Heinrich VIII. ein Paar gestrickte seidene Beinkleider (tricots),
die er aus Spanien zum Geschenk erhalten haben soll, und die damals
noch für ein seltenes Prachtstück galten. Ende des 16.
Jahrh. waren S. von farbiger und weißer Seide (filet de
Florence) mit gestickten Zwickeln schon weiter verbreitet. S. als
Ornatstück der Bischöfe, violettblau von Farbe, waren
genäht, anfangs aus Leinen, später aus Seide oder Samt.
Strumpfbänder kamen ebenfalls bereits in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrh. auf und wurden bald kostbar verziert. Im
18. Jahrh. wurden Strumpfbänder aus Gold- oder Silberstoff mit
Metallschnallen auch von Männern zur Befestigung der Kniehosen
und S. getragen.
Strumpfwaren, s. Wirkerei.
Strunk (Stipes), kurzer, dicker Stengel; insbesondere der
Stiel der Hutpilze (s. Pilze, S. 71).
Strunkschwamm, s. Sparassis.
Struthio, Strauß; Struthionidae (Strauße),
Familie aus der Ordnung der Straußvögel.
Struve, 1) Friedrich Adolf August, Begründer der
Mineralwasserfabrikation, geb. 9. Mai 1781 zu Neustadt bei Stolpen,
studierte seit 1799 in Leipzig und Halle Medizin, ließ sich
1803 in seiner Vaterstadt als Arzt nieder, kaufte 1805 die
Salomonisapotheke in Dresden und bemühte sich fortan um die
künstliche Nachbildung der Mineralwässer, die er zu
großer Vollkommenheit brachte. Er richtete viele Anstalten
für Mineralwässerfabrikation ein und starb 29. Sept. 1840
in Berlin. Er schrieb: "Über Nachbildung der natürlichen
Heilquellen" (Dresd. 1824-1826, 2 Hefte). - Sein Sohn Gustav Adolf,
geb. 11. Jan. 1812 zu Dresden, studierte in Berlin, hielt dann in
Dresden Vorlesungen über Chemie und übernahm die Leitung
der väterlichen Geschäfte, die er wesentlich ausdehnte.
Er bereitete auch neue Mineralwässer, indem er Chemikalien in
reinem, mit Kohlensaure imprägniertem Wasser löste, u.
schuf auf diese Weise sehr wertvolle Arzneiformen. Er starb 21.
Juli 1889 in Schandau, nachdem er 1880 die Leitung der
Geschäfte seinem Sohn Oskar, geb. 5. Juli 1838 zu Dresden,
gest. 28. Nov. 1888 in Leipzig, übergeben hatte.
2) Friedrich Georg Wilhelm von, Astronom, geb. 15. April 1793 zu
Altona, studierte 1808-11 in Dorpat erst Philologie, dann
Astronomie, ward 1813 Observator und 1817 Direktor der Sternwarte
zu Dorpat, 1839 Direktor der neu erbauten Nikolai-Zentralsternwarte
zu Pulkowa bei St. Petersburg. Er widmete sich vorzugsweise der
Beobachtung der Doppelsterne und veröffentlichte:
"Observationes Dorpatenses" (Dorp. 1817-39, 8 Bde.) sowie
"Catalogus novus stellarum duplicium" (das. 1827), "Stellarum
duplicium mensurae micrometricae" (Petersb. 1831) und "Stellarum
fixarum, imprimis compositarum positiones mediae" (das. 1852); er
bestimmte ferner die Parallaxe von a [alpha] Lyrae und gab
Untersuchungen über den Bau der Milchstraße in den
"Études d'astronomie stellaire" (das. 1847). Ferner
organisierte S. die sämtlichen russischen Sternwarten,
führte 1816-19 eine Triangulation Livlands aus und leitete
1822-52 die große russisch-skandinavische, einen
Meridianbogen von 25° 20' umfassende Gradmessung, über
welche er in "Arc du méridien entre le Danube et la Mer
Glaciale" (Petersb. 1857-60, 2 Bde.) berichtet hat, wie auch die
Ausführung eines Nivellements zwischen dem Kaspischen und
Schwarzen Meer (1836-37), dessen Bearbeitung durch S. 1841
erschien, und geographische Ortsbestimmungen in Sibirien, der
europäischen und asiatischen Türkei. Nach schwerer
Krankheit im J. 1858 übergab er 1862 sein Amt seinem Sohn Otto
Wilhelm (s. unten) und starb 23. (11.) Nov. 1864 in Petersburg.
Ausgezeichnet war die Beobachtungsgabe Struves und das Geschick,
Beobachtungsfehler zu ermitteln und unschädlich zu machen. Er
wurde zum Wirklichen Staatsrat ernannt und geadelt.
3) Otto Wilhelm von, Astronom, Sohn des vorigen, geb. 7. Mai
1819 zu Dorpat, wurde 1837 Gehilfe des Vaters daselbst, dann in
Pulkowa, später zweiter Astronom und Vizedirektor, 1862
Nachfolger seines Vaters. Er war auch 1847-62 beratender Astronom
des russischen Generalstabs, dessen astronomisch-geodätische
Arbeiten er leitete, lieferte eine neue Bestimmung der
Präzessionskonstanten (1841), eine Durchmusterung des
nördlichen Himmels, welche 500 neue Doppelsternsysteme ergab,
Arbeiten über den Saturn und dessen Ringe, Bestimmung der
Masse des Neptun, entdeckte einen innern Uranustrabanten,
ermittelte die Parallaxe verschiedener Fixsterne, machte
Beobachtungen über die Veränderlichkeit im Nebel des
Orion und kleiner, in demselben verteilter Sterne und veranstaltete
zahlreiche Beobachtungen über Kometen, Doppelsterne und Nebel.
1851 wies er bei Gelegenheit der Sonnenfinsternis nach, daß
die Protuberanzen dem Sonnenkörper angehören, auch
beteiligte er sich an der Gradmessung, die sich über 69
Längengrade zwischen Valentia in Irland und Orsk an der
asiatischen Grenze erstreckt. Er schrieb: "Übersicht der
Thätigkeit der Nikolai-Hauptsternwarte während der ersten
25 Jahre ihres Bestehens" (Petersb. 1865) und gab heraus:
"Observations de Poulkowa" (das. 1869-87, 12 Bde.).
4) Gustav von, republikan. Agitator und Schriftsteller, geb. 11.
Okt. 1805 in Livland, studierte die Rechte in Deutschland und ward
dann oldenburgischer Gesandtschaftssekretär zu Frankfurt a.
M., ging aber bald als Advokat nach Mannheim. Seine Muße
widmete er phrenologischen Studien, als deren Früchte eine
"Geschichte der Phrenologie" (Heidelb. 1843) und ein "Handbuch der
Phrenologie" (Leipz. 1845) erschienen. Auch redigierte er das
"Mannheimer Journal" und ward infolge der oppositionellen Haltung
dieses Blattes wiederholt zu Gefängnisstrafe verurteilt. 1846
gründete er den "Deutschen Zuschauer". Nach der Pariser
Februarrevolution machte er im April 1848 im badischen Seekreis mit
Hecker den bewaffneten Putsch zur Einführung der Republik und
floh nach dessen Mißlingen in die Schweiz. Ein bewaffneter
Einfall, den er 21. Sept. mit andern politischen Flüchtlingen
auf badisches Gebiet machte, mißglückte wieder, und er
selbst ward nach dem Treffen bei Staufen 25. Sept. im Amtsbezirk
Säckingen verhaftet und vom Schwurgericht zu Freiburg 30.
März 1849 wegen versuchten Hochverrats zu 5 1/3 Jahren
Einzelhaft verurteilt und zu deren Abbüßung nach
Bruchsal abgeliefert. Infolge der badischen Volkserhebung schon 24.
Mai wieder frei geworden, beteiligte er sich in Mieroslawskis
Hauptquartier an derselben und entfloh nach dem Scheitern dieses
neuen Aufstandes in die Schweiz, von da im April 1851 nach New
York, wo er seine "Allgemeine Weltgeschichte" im radikalen Sinn
(New York 1853-60, 9 Bde.; 8. Abdruck, Koburg 1866) schrieb. Im
nordamerikanischen Bürgerkrieg machte er als Offizier in einem
New Yorker Regiment die Feldzüge von 1861 und 1862 mit, kehrte
aber im Sommer 1863 nach Europa zurück und lebte in Koburg,
seit 1869 in Wien, wo er 21. Aug. 1870 starb. Von seinen
übrigen Schriften sind zu erwähnen: "Politische Briefe"
(Mannh. 1846);
399
Struvit - Stuart.