Straßenbau. Die Straßen zerfallen in Land- und

Stadtstraßen. Erstere verbinden zwei Ortschaften

miteinander, und wenn dies nicht durch eine gerade und ebene

Straße möglich ist, so haben die Vorarbeiten

demgemäß die beste Trace auszumitteln, was an Ort und

Stelle oder mit Hilfe von Karten geschehen kann, in welche

Höhenkurven (Schichtenlinien, Niveaukurven) eingetragen sind.

Man sucht dabei die notwendigen Unterbauarbeiten thunlichst zu

vermindern. Krümmungen sind bei Straßen, sofern sie die

Länge nicht unnötigerweise sehr vergrößern,

ohne Nachteil; von wesentlicher Bedeutung sind aber stärkere

Steigungen. Eine allgemeine Regel für die größte

gestattete Steigung läßt sich nicht geben: sie muß

der ortsüblichen Wagenladung entsprechen. Man darf sie heute

steiler wählen als früher, da der schwere Frachtverkehr

größtenteils durch die Bahnen besorgt wird; Laissle

empfiehlt 3 Proz. für Hauptstraßen zu der Ebene, 5-6

Proz. im Hügelland, 7 Proz. im Gebirge. Die Breiten der

Fahrbahnen und Bankette wechseln mit der Frequenz der Straße

und betragen für zwei sich ausweichende Wagen und

Fußgänger bez. 4,5-5,5 und 1-1,25 m. Ein Sommerweg, d.

h. ein nicht befestigter Streifen für leichte Wagen, Vieh

etc., dessen Anlage sich dort empfiehlt, wo der Unterbau billig,

die Befestigung der Fahrbahn teuer ist, erfordert eine Breite von

2,5-3m, ein Weg für zwei sich ausweichende Reiter 1,5-2 und

ein Materialstreifen 1-1,25m Breite. Statt der letztern werden auch

in Entfernungen von 100-200m besondere Lagerplätze für

das Unterhaltungsmaterial angelegt; dagegen erscheint es

fehlerhaft, einen Teil der Fußwege zum Lagerplatz für

Straßenmaterial zu verwenden. Die Straßengräben

erhalten, je nach der zu gewärtigenden Wassermenge, eine

Sohlenbreite von 0,25-0,5 bei einer Tiefe von 0,5-1m und nach der

größern oder geringern Kohäsion des Erdreichs 1-1

1/3füßige Böschungen. Die gewöhnliche

Befestigung der Landstraßen bildet die Versteinung oder

haussierung. Die Dicke der Versteinung soll in der Mitte mindestens

25-30, an den Rändern 20-25cm und die zur Beförderung des

Wasserabflusses dienende Wölbung ihrer Oberfläche (Pfeil)

etwa 1/38 bis 1/32 ihrer Breite betragen. Nach Umpfenbach

genügt eine Abdachung (zwei geneigte Ebenen) von 1/40-1/30

oder eine Wölbung (Kreisbogen), welche 1/30-1/30 der

Straßenbreite zur Pfeilhöhe hat. Die Steinbahn kann mit

einer Packlage hergestellt werden, d. h. mit einem 13-15cm hohen

Unterbau aus Steinen, die man auf die breite Seite (Kopf) stellt,

deren Zwischenräume man oben auskeilt, und die man mit einer

in der Straßenmitte 12-17cm hohen Schicht zerschlagener

walnußgroßer Steine (Decklage) bedeckt. Manchmal

faßt man die Packlage mit größern Randsteinen

(Bordsteinen) ein, und um die Zwischenräume der Decksteine

auszufüllen und hierdurch das Einfahren der Straße zu

erleichtern, wird zuweilen eine bis zu 5cm starke Schicht Kies in

einer oder mehreren Lagen auf derselben ausgebreitet.

Schließlich ist die Straße stets mit einer schweren

Straßenwalze mehrmals zu überfahren. Viele

Straßenbanmeister ziehen die makadamisierte Straße

(nach ihrem Erfinder Mac Adam) vor, bei welcher

gleichmäßig kinderfaustgroße Steinstücke auf

dem trocknen Untergrund in dünnen Lagen aufgetragen werden,

bis sie eine 25-30cm hohe Lage bilden, die man zum Schluß bei

feuchter Witterung tüchtig überwalzt. Wo Steine mangeln,

legt man Kiesstraßen an, verwendet das gröbere Material

zu unterst, das feinere in den darüberliegenden Schichten und

mengt der obersten, damit sie besser binde, etwas Lehm bei.

Zur Befestigung der Fahrbahn (des Fahrdammes) städtischer

Straßen ist Chaussierung trotz der billigen Anlage wenig

geeignet: sie nutzt sich rasch ab, erfordert daher öftere

Erneuerung und ist teuer in der Unterhaltung, gibt

außerordentlich viel Staub und Schmutz, ist

wasserdurchlässig, mit Einem Wort, nur in wenig belebten

Straßen verwendbar. Den Vorzug verdient Pflaster aus

natürlichen oder künstlichen Steinen, auch aus

Gußeisenblöcken, Holzpflaster und Asphalt. Das ehemals

sehr verbreitete rauhe Pflaster aus Gerollen wird mehr und mehr von

dem regelmäßigen Reihenpflaster verdrängt, dessen

Steine an der Oberfläche rechteckig bearbeitet sind. Die

Oberfläche muß eine Wölbung von 1/100-1/60 der

Breite erhalten, und des bessern Auftretens der Pferde sowie des

raschern Wasserabflusses wegen sollen die Reihen senkrecht zur

Straßenrichtung laufen. Die untere Fläche der Steine

soll nicht kleiner sein als etwa 2/3 der obern, und die Höhe

der Steine darf nicht zu sehr wechseln, sonst drücken sie sich

ungleich in die Bettung ein. Am besten, aber in manchen Gegenden zu

teuer, ist Würfelpflaster aus parallelepipedisch bearbeiteten

Steinen, welche, wenn sie thatsächlich Würfel sind, wie

in Wien (18cm Seitenlänge), ein mehrmaliges Umwenden

gestatten. Die Größe schwankt: so hat Brüssel

Prismen von 10cm Breite, 16cm Länge, 13cm Höhe, Turin

Platten von 60cm Länge, 30cm Breite, 15-20cm Höhe. Die

Steine erhalten eine etwa 25cm dicke Unterlage (Bettung) bloß

von Sand oder von Kies und Sand darüber. Wo der Boden leicht

beweglich ist, wie in Berlin, gibt man eine starke Unterlage von

geschlagenen Steinen, auf diese eine Kiesdecke, welche vor dem

Aufsetzen der Würfel festgewalzt wird. Der Pflasterer

(Steinsetzer) setzt die Steine des gewöhnlichen Pflasters

zunächst etwa 5cm höher, als sie später liegen

sollen; dann wird das Pflaster mit Sand überdeckt und

abgerammt. Gut ist es, wenn bei der nunmehr folgenden abermaligen

Sandüberdeckung der Sand durch Wasserspülnng in die Fugen

getrieben wird. Häufig, namentlich unter Wagenständen u.

dgl., werden die Fugen durch Einguß von Zementmörtel

oder Asphalt wasserundurchlässig gemacht, um das Eindringen

der Jauche, also eine Infizierung des Untergrundes, zu

375

Straßenbau.

verhindern. In England wird vielfach statt der Sandunterlage

eine ungefähr 25 cm starke Betonunterlage angeordnet und

dadurch große Haltbarkeit erzielt, allerdings unter

störender Erschwerung aller Ausbesserungen an unter der

Fahrbahn liegenden Rohrleitungen und Telegraphenkabeln.

Pflastersteine dürfen mit der Zeit nicht zu glatt werden und

müssen hart und fest sein, Bedingungen, welche von allen

Felsarten Granit mit am besten erfüllt. Man hat bei

verschiedenen, namentlich holländischen, Stadt- und

Landstraßen statt natürlicher Steine bis zur Verglasung

hartgebrannte Ziegel, Klinker, benutzt, welche ähnlich wie

andres Reihenpflaster unterbettet und so aufgestellt werden,

daß ihre breite Seite die Dicke der Steindecke bildet.

Gußeisenpflaster besteht aus vielfach durchbrochenen

großen Gußeisenplatten (bis 100 kg schwer), die auf der

geebneten Unterlage verlegt werden und zur Vermeidung einseitigen

Setzens untereinander in Verbindung stehen. Die Durchbrechungen

werden mit Sand und Kies ausgefüllt, um dem Pflaster

Rauhigkeit zu geben. Es hat sich bis jetzt nicht bewährt.

Holzpflaster besteht aus 15-17 cm hohen Holzblöcken von

rechteckigem, selten sechseckigem Querschnitt, welche auf einer

Unterlage von Sand, Beton oder hölzernen, manchmal in Teer

getränkten Dielen ruhen. Man füllt die Fugen, welche

zuweilen Filzeinlagen erhalten, mit Sand, einer Mischung von Sand

und Asphalt oder Mörtel. Man verwendet meist Tannenholz und

imprägniert die Blöcke oder taucht sie vor dem Versetzen

in heißen Teer. Eine Verbindung der Klötze durch

hölzerne Dübel ist wenig üblich. Holzpflaster ist in

der Anlage eher billiger als Reihenpflaster, scheint aber bei

starkem Verkehr sehr zu leiden. Es bewirkt ein geräuschloses

Fahren und empfiehlt sich aus diesem Grund für Thoreinfahrten

und enge, stark belebte Gassen sowie seines geringen Gewichts wegen

als Brückenbelag. In England wird es viel verwendet, so z. B.

in zahlreichen Straßen der Londoner City; auch in Berlin ist

es an mehreren stark frequentierten Stellen benutzt worden.

Asphaltstraßen werden aus Stampfasphalt (kom- primiertem

Asphalt) hergestellt. Dieser besteht aus natürlichem

Asphaltstein, d. h. Kalkstein, der zwischen 7 und 11 Proz. Bitumen

enthalten muß und sich z. B. im Val de Travers (Kanton

Neuenburg), bei Seyssel (Aindepartement), Limmer (Hannover) und auf

Sizilien findet. Der rohe Stein wird zwischen gerieften Walzen

zerkleinert und hierauf auf 120-130° erhitzt, wobei er zu

Pulver zerfällt. Zur Herstellung der Fahrbahn, welche eine

Wölbung von 1/100-1/300 erhält, wird das Pulver in

großen Eisenpfannen abermals erhitzt und dann auf der

vorgerichteten Betonunterlage von 10-20 cm Stärke aufgetragen

und mit heißen Rammen, auch wohl einer heißen Walze

verdichtet; schließlich wird mit einer Art Plätteisen

die Oberfläche vollends geglättet und mit etwas feinem

Sand überstreut. Die aufgetragene Schicht ist 5/7mal so stark

als die spätere gestampfte, 4-6 cm dicke Asphaltlage. Da es

auf eine gleichmäßige Unterlage wesentlich ankommt,

bedarf bei nachgiebigem Untergrund die Betonlage selbst eines

Grundbaues aus festgewalztem Kleinschlag. Im allgemeinen

dürften die Kosten der Herstellung von Asphaltstraßen

geringer sein als die von Granitwürfelpflaster, die der

Unterhaltung größer. Die Vorteile der

Asphaltstraßen sind: Ebenheit der Fahrbahn, also leichte

Fortbewegung der Fuhrwerke, große Reinlichkeit,

Wasserundurchlässigkeit, geräuschloses Fahren; die

Nachteile sind: leichtes Stürzen der Pferde, schwierige

Ausbesserung bei nassem Wetter, also insbesondere im Winter.

Übrigens hat es sich gezeigt, daß die Gefahr der

Stürzens sehr abnimmt, wenn Pferd und Kutscher sich an den

Asphalt gewöhnen, und daß, während sich auf

vereinzelten Asphaltbahnen viele Unfälle zutragen, auf einem

größern mit Asphalt befestigten Straßennetz die

Anzahl der Stürze verhältnismäßig nicht mehr

bedeutend ist; bezüglich der Häufigkeit von

Fußkrankheiten der Pferde soll sogar Asphalt dem Pflaster

vorzuziehen sein. Künstliche Steine aus Asphalt haben sich

bisher nicht behaupten können. Fußwege städtischer

Straßen liegen meist zu beiden Seiten des Fahrdammes,

besitzen ein schwaches Quergefälle gegen die

Straßenmitte zu und liegen mit ihrer gewöhnlichen

Begrenzung, den Randsteinen (Bordsteinen, Bordschwellen), 5-20 cm

über dem anstoßenden tiefsten Teil der Fahrbahn, welcher

als Gosse (Straßenrinne, Kandel, Rinnstein) zur

Wasserableitung dient. Neben versteinten Fahrbahnen findet man

manchmal einfach mit Kies überdeckte Fußwege (Gehwege),

sonst stellt man Trottoirs aus Pflaster, Plattenbelag,

Stampfasphalt oder Gußasphalt her. Hausteinplatten kann man

unmittelbar auf den festgestampften Untergrund in Mörtel

legen; Thonplättchen mit ebener oder gerippter Oberfläche

erfordern schon eine Betonunterlage von 8-10 cm Stärke oder

mindestens eine Kiesbettung. Zum Gußasphalt (der mit dem

bereits beschriebenen Stampfasphalt nicht zu verwechseln ist)

verwendet man den im Handel vorkommenden Asphalt-Goudron, d. h.

eine Mischung von natürlichem Asphaltpulver (s. oben) mit

ungefähr 5 Proz. reinem Erdharz (Goudron). Der Asphalt-Goudron

wird an der Baustelle in Kesseln geschmolzen unter Zusatz von noch

etwas Erdharz und so viel Kies, daß etwa 35 Proz. Kies in der

neuen Mischung enthalten sind, welche man, wenn sie genügend

heiß ist, auf die Unterlage ausbreitet. Letztere ist gemauert

oder besteht aus einer 8-10 cm starken Betonschicht. Die

Gußasphaltdecke wird meist in zwei Lagen hergestellt und

erhält eine Dicke von 15 bis 20 mm, in Thoreinfahrten etwa 30

mm.

Geschichtliches. Kunststraßen legte man schon in den

ältesten Zeiten an. Die Spuren der Römerstraßen,

welche sich über das ganze Gebiet des römischen Reichs

zerstreut vorfinden, haben dem neuern S. zum Vorbild gedient. Die

römischen Kunststraßen erhielten, wie Plinius und Vitruv

berichten, zuerst ein Substrat von einer Art Beton, welches einer

20 cm starken Steinplattenschicht (statimen) als Unterlage diente.

Auf letztere kam eine neue, ebenfalls 20 cm starke Schicht in

Mörtel versetzter Steine (rudus), welche durch eine 8 cm

starke Betonschicht (nucleus) bedeckt wurde, auf der dann die

eigentliche Straßendecke (summum dorsum) aus Pflaster oder

Kies hergestellt wurde. Manchmal fehlte jedoch eine oder die andre

Lage, oder es wurden Lehmschichten zwischengeschaltet u. dgl. mehr.

An den Seiten erhielt der Straßendamm Böschungen oder

(bisweilen mit Stu-fen versehene) Strebemauern. Augustus,

Vespasian, Trajan und Hadrian haben Bauten der Art anlegen lassen,

die uns jetzt fast unglaublich erscheinen. Nachdem diese

Straßen nach dem Umsturz des Reichs in Verfall geraten,

ließ Karl d. Gr. die alten Kunststraßen wieder

ausbessern und neue anlegen. In Deutschland reichen die ersten

Spuren eines geregelten Straßenbaues nicht über das 13.

Jahrh. zurück. Doch waren diese Ausführungen noch

höchst mangelhaft. Infolge des mit der Entwickelung eines

regern Geschäfts- und Verkehrslebens wachsenden

Bedürfnisses

376

Straßenbauordnnng - Straßeneisenbahnen.

an Kunststraßen gründete man in Frankreich 1720 ein

besonderes Korps der Ingenieure, in dessen Hand man den mit

verhältnismäßig bedeutendem Kostenaufwand

verknüpften Straßen- und Brückenbau legte.

Vervollkommt wurde diese Einrichtung noch durch die Gründung

der École des ponts et chaussées 1795, durch welche

Ingenieure für S. wissenschaftlich ausgebildet wurden.

Später wurde durch ähnliche Organisationen und technische

Bildungsanstalten der S. auch in andern Staaten gefördert. Die

Fortschritte der neuesten Zeit betreffen weniger die durch die

Eisenbahnen ihrer frühern Bedeutung teilweise beraubten

Landstraßen als die Anlage städtischer Straßen,

wie z. B. die Neuenburger Asphaltindustrie, von einigen später

in Vergessenheit geratenen Anfängen abgesehen, erst 1832 durch

den Grafen Sassenay be-gründet wurde; die erste Verwendung des

Stampfasphalts erfolgte später durch den Ingenieur Merian aus

Basel. Vgl. Umpfenbach, Theorie des Neubaues, der Herstellung und

Unterhaltung der Kunststraßen (Berl. 1830); Wedeke, Handbuch

des Chaufseebaues etc. (Quedlinb. 1835); Launhardt, Über

Rentabilität u. Richtungsfeststellung der Straßen

(Hannov. 1869); Ahlburg, Der S. mit Einschluß der

Konstruktion der Straßenbrücken (Braunschw. 1870); v.

Kaven, Der Wegebau (2. Aufl., Hannov. 1870); Zur Nieden, Der Bau

der Straßen und Eisenbahnen (Berl. 1878); Heusinger v.

Waldegg, Handbuch der Ingenieurwissenschaften, Bd. 1 (2. Aufl.,

Leipz. 1884); Osthoff, Wege- und S. (das. 1882); Dietrich, Die

Asphaltstraßen (Berl. 1882); Derselbe, Baumaterialien der

Steinstraßen (das. 1885).

Straßenbauordnung, s. Bebauungsplan.

Straßenbeleuchtung durch Laternen kannte man schon im

Altertum zu Rom, Antiochia etc., wenigstens in den

Hauptstraßen und auf öffentlichen Plätzen. In Paris

wurde 1524, 1526 und 1553 den Einwohnern befohlen, von 9 Uhr abends

an die Straßen durch Lichter an den Fenstern der Sicherheit

wegen zu erleuchten. Schon im November 1558 brannten die ersten, an

den Häusern oder auf Pfählen angebrachten Laternen, und

1667 war die Stadt in solcher Weise vollständig erleuchtet.

Diesem Beispiel folgten London 1668, Amsterdam 1669, Berlin 1679,

Wien 1687, Leipzig 1702, Dresden 1705, Frankfurt a. M. 1707, Basel

1721 und im Lauf des 18. Jahrh. bei weitem die Mehrzahl der

größern Städte, namentlich in Deutschland. Erst im

19. Jahrh. fing man an, die Lampen mit Reverberen zu versehen und

sie in der Mitte der Straßen aufzuhängen. Den

bedeutendsten Fortschritt hat die S. durch die Gasbeleuchtung (s.

Leuchtgas) gemacht, zu welcher in neuester Zeit das elektrische

Licht getreten ist.

Straßeneisenbahnen (engl. Tramways, Trambahnen, von

Tram = Schiene mit vorspringendem Rand, Grubenschiene),

Schienenwege, welche 1793 von J. Burns und Outram in Derbyshire

statt auf hölzerne Lang- und Querschwellen auf

Steinblöcke gelegt wurden (daher auch Outram ways genannt), u.

auf denen Wagen zur Beförderung von Passagieren oder

Gütern meist mittels Pferde (Pferdebahnen) oder Maschinen mit

geringerer Geschwindigkeit als auf der Eisenbahn fortbewegt werden.

Die Möglichkeit der Rentabilität derartiger Bahnen beruht

auf der Thatsache, daß die Transportarbeit, welche ein Pferd

auf den S. zu verrichten im stande ist, d. h. Anzahl der Menschen

mal Kilometer täglich, wegen der verminderten Reibung eine

wesentlich größere ist als auf Chaussee oder

Steinpflaster, und daß daher die Straßeneisenbahn trotz

billiger Fahrpreise die nicht geringen Anlagekosten durch

Betriebsersparnisse zu verzinsen vermag. Bei diesen Bahnen, deren

lebhafte Entwickelung erst dem letzten Jahrzehnt angehört,

haben die eigenartigen Verhältnisse auch viele eigenartige,

von den Lokomotivbahnen wesentlich abweichende Oberbausysteme

veranlaßt. Am häufigsten wendet man Schienen an, welche

mit dem Straßenpflaster genau in gleicher Höhe liegen,

also den Verkehr des übrigen Fuhrwerkes nicht stören und

mit einer schmalen Rinne versehen sind, worin die Spurkränze

der Räder laufen. Übereinstimmend mit den

Lokomotivbahnen, ist die Spurweite der S. in Europa fast allgemein

1,435 m. Bei eingeleisigen Bahnen sind sogen. Weichen in gewissen

Zwischenräumen vorhanden, d. h. kurze Strecken Nebengeleise,

in welches einer von zwei sich begegnenden Wagen einbiegen kann, um

den andern vorüber zu lassen. Die Schienen bestehen in der

Regel aus einer Hauptschiene, worauf der Radkranz läuft, und

einer durch die Spurrinne von ersterer getrennten Gegenschiene,

welche den Zweck hat, die Spurrinne gegen das Straßenmaterial

zu begrenzen, um sie leichter reinigen zu können. In Kurven

bleibt bei der äußern Schiene die Spurrinne weg, so

daß der Wagen nur innen geführt ist, da sich sonst die

Räder festklemmen würden. In Fig. 1 ist a die

Hauptschiene, b die Gegenschiene der zuerst für die

Berlin-Charlottenburger Pferdebahn angewendeten Schiene, die

später durch die leichtere (Fig. 2) ersetzt wurde. Beide waren

auf die durch Querschwellen getragenen hölzernen Langschwellen

geschraubt, was den Nachteil hatte, daß das Regenwasser

leicht durch die Schraubenlöcher in das Innere des Holzes

drang und rasch Fäulnis veranlagte. Um dies zu vermeiden, hat

man mancherlei andre Befestigungsmittel der Schienen vorgeschlagen

und angewendet, z. B. schmiedeeiserne Bügel unter die Schiene

genietet, welche die Langschwelle umgreifen und seitlich an

dieselbe festgenagelt (Pariser Linie Pont de Courbevoie-Suresnes)

oder festgekeilt sind. In den Vereinigten Staaten sind die S. sehr

entwickelt. Die Straßen haben daselbst meist sehr wenig

Wölbung, was für die Anlage der Geleise vorteilhaft ist.

Die Schienen ruhen auf fichtenen Langschwellen, die wiederum auf

meistens eichenen Querschwellen befestigt sind und zu beiden Seiten

um 0,3 m das Geleise überragen dürfen. Der Abstand

derselben wechselt zwischen 1 und 1,8 m und sinkt auf 0,6 m, wenn

die Langschwellen ganz wegbleiben. Sie sind auf geschlagene Steine

gelagert; die ganze Bahn wird sorgfältig drainiert

(trockengelegt). Die Geleisebreite beträgt 1,59 m. In den

Kurven ist die äußere Schiene flach, die innere aber mit

einer hohen Gegenschiene versehen, um die Fortbewegung in gerader

Linie, Entgleisung, zu verhüten. In Wien, wo die S. seit 1868

bestehen, 1874 bereits eine Länge von 50 km doppelgeleisiger

Strecke besaßen und 34 Mill. Passa-

377

Straßeneisenbahnen.

giere während des Ausstellungsjahrs 1873 beförderten,

liegen die Schienen bei 1,455 m Spurweite aus eichenen

Langschwellen von 237 mm im Quadrat und diese auf Querschwellen,

die in Schotter gebettet sind. Die Vergänglichkeit der

Holzschwellen, durch welche Betriebsstörungen und bedeutende

Reparaturkosten erwachsen, hat neuerdings zur Anwendung eiserner

Langschwellen oder zur direkten Lagerung der Schienen auf das

Straßenmaterial geführt. Im letztern Fall

(Stuttgart-Berg-Kannstätter Pferdebahn) müssen die

Schienen eine beträchtliche Breite erhalten, um den Druck auf

eine genügend große Grundfläche zu verteilen.

Einige Systeme besitzen den großen Vorzug, daß die

Wagen die Schienen beliebig verlassen können, um

entgegenkommenden Wagen auszuweichen. Man hat dies durch schwach

ausgehöhlte Schienen und entsprechend abgerundete

Radkränze, ferner durch eine dritte Schiene erreicht, in die

ein fünftes kleineres Rad als Leitrad eingreift, während

die vier Wagenräder mit gewöhnlichen Radkränzen auf

flachen Schienen laufen (Perambulatorsystem). Das Leitrad kann

mittels eines Trittes vom Kutscher gehoben werden, worauf der Wagen

im stande ist, aus dem Geleise abzulenken. Erspart wird die dritte

Schiene auf der Berliner Linie Alexanderplatz-Weißensee,

indem hier die vier Laufräder der Wagen ohne Spurkränze

auf den Schienen laufen und anfangs nur durch ein fünftes, auf

der linken Schiene laufendes kleines Spurrad, welches, am vordern

Ende des Wagens an einem Hebel sitzend, ebenfalls durch einen

Fußtritt vom Kutscher ein- und ausgelegt werden konnte, auf

dem Geleise gehalten wurden. Nach etwa halbjährigem Betrieb

brachte man zur größern Sicherheit des Geleisehaltens

zwei an einem gemeinschaftlichen Hebel sitzende Spurräder an.

Dieses System gestattet den Pferdebahnbetrieb in den engsten

Straßen, da nur ein einziges Geleise notwendig ist, indem zum

Ausweichen je ein Wagen durch Aushebung der Spurräder das

Geleise verläßt, bis der andre vorbei ist. Die Schiene

besteht hier aus zwei gleichen, ebenen Laufflächen von ca. 40

mm Breite, mit einem Zwischenraum von 30 mm für die Spur. Es

ist zu erwarten, daß dieses System eine bedeutende Zukunft

hat, namentlich weil das hier benutzte Schienensystem den

Wagenverkehr nicht im geringsten stört. Neuerdings wird

vielfach auf den Straßenbahnen die Betriebskraft der Pferde

durch Dampfkraft ersetzt. Man benutzt Lokomotiven von 15-100

effektiven Pferdekräften mit Rauchverbrennungs- und

Kondensationsvorrichtungen und möglichst ruhigem Gang, um die

Passagiere und Fußgänger nicht zu belästigen und

Pferde nicht scheu zu machen. Solche Dampfstraßenbahnen sind

besonders in Oberitalien in beträchtlicher Ausdehnung

vorhanden und vermitteln den Personen- und Güterverkehr

zwischen Ortschaften abseits der Eisenbahnen. Auch feuerlose

Lokomotiven sind für S. benutzt worden, ebenso Dampfwagen, bei

welchen die Dampfmaschine in dem für die

Personenbeförderung bestimmten Wagen angebracht ist (s.

Lokomotive, S. 890). Ein in Amerika mehrfach in Anwendung

befindliches Straßenbahnsystem mit Dampfbetrieb (Taubahnen,

Kabel-, Seilbahnen) benutzt stationäre Dampfmaschinen und zur

Übertragung der Zugkraft auf die Wagen ein unter dem

Straßenplanum laufendes Stahldrahtseil ohne Ende. Die Bahn

selbst ist eine zweigeleisige, und die beiden Seiltrümer sind

so gelegt, daß das eine fortwährend nach derselben

Richtung hinlaufende Trum unter dem einen Geleise, das andre in

entgegengesetzter Richtung bewegte unter dem zweiten Geleise

bleibt, entsprechend dem Lauf der hin- und hergehenden Wagen. Damit

das Seil weder den sonstigen Wagenverkehr behindert, noch selbst

einer Beschädigung oder Beschmutzung ausgesetzt ist, zugleich

aber die Ankuppelung der Wagen gestattet, liegt unter jedem Geleise

ein Rohr unter dem Straßenplanum, in welchem zahlreiche um

horizontale Achsen drehbare Leitrollen zur Aufnahme des etwa 25 mm

starken Seils dienen. An den beiden Enden der ganzen Strecke wird

das Seil aus einem Geleise in das andre durch horizontale

Wenderollen von 2,4 m Durchmesser übergeleitet. Die

Röhren sind auf ihre ganze Länge an der Oberseite

geschlitzt, um eine Verbindung zwischen Wagen und Seil zu

ermöglichen, und zwar ist der Schlitz so viel von der

Rohrmitte entfernt angebracht, daß einerseits kein Schmutz

auf das Seil und die Leitrollen fallen und anderseits ein vom Wagen

durch den Schlitz hinabreichender Kuppelungsarm den an den

Gefällewechseln über dem Seil befindlichen

Ablenkungsrollen ausweichen kann. Eine von dem Wagen herabreichende

Stahlschiene wird mittels einer an ihrem untern Ende angebrachten,

vom Führerstand des Wagens aus mittels Hebels zu handhabenden

Seilklemme mit dem Seil verkuppelt. Diese Klammer hat die Form

einer Zange und ist mit zwei das Seil erfassenden Klemmbacken aus

weichem Gußeisen versehen. Das Anhalten und Weiterfahren an

den Haltestellen erfolgt durchaus stoßfrei und wird von dem

Kondukteur durch Lösen und Schließen der Klemme besorgt.

Die Betriebsmaschine ist ungefähr in der Mitte der ganzen

Bahnstrecke aufgestellt und liegt seitwärts von der Bahn, so

daß an dieser Stelle eine rechtwinkelige Ablenkung des dem

nächstliegenden Geleise angehörigen Seiltrums erfolgen

muß, um das Seil nach der Betriebsscheibe hinzuleiten. Dieser

Ablenkung des Seils kann die Seilklemme aber nicht folgen und

muß daher kurz vor der Ablenkungsstelle gelöst und

gleich hinterher wieder angeschlossen werden, während der

Wagen infolge seines Beharrungsvermögens die kurze

dazwischenliegende Strecke frei durchführt. Ein ähnliches

Manöver muß bei Kurven gemacht werden, und damit hier

die bedeutend längere Strecke ohne Seilantrieb sicher

durchfahren werden kann, sind die Geleise vor der Kurve etwas

ansteigend ausgeführt, um in der Kurve eine zur sichern

Weiterbeförderung des Wagens erforderliche Neigung zu

erhalten. Für den Betrieb wird nicht jeder Wagen einzeln an

das Seil angeschlossen, sondern man fährt mit einem kleinen

Zug von zwei gewöhnlichen Straßenbahnwagen und einem

davor befindlichen Kuppelungswagen, welch letzterer aber

außer dem Kondukteur noch Passagiere aufnimmt. Auf der

Hängebrücke zwischen New York und Brooklyn wird eine

Taubahn mit einem 38 mm dicken, 3492 m langen Drahtseil betrieben.

Dasselbe wird mit 15 km Geschwindigkeit in der Stunde täglich

20 Stunden lang in Betrieb erhalten. 10-20 Wagen werden

gleichzeitig angehängt, ihr Gewicht beträgt

durchschnittlich je 10 Tonnen. Die Wagen folgen in

Zeitabständen von 0,6-1,2 Minuten, so daß täglich

1200 ganze Reisen (hin und zurück) ausgeführt werden.

über Elektrische Eisenbahnen s. d. Vgl. Clark, Tramways. their

construction and working (Lond. 1878; deutsch von Uhland, Leipz.

1880, 2 Bde.); "Die Straßen- und Zahnradbahnen" (Organ

für die Fortschritte des Eisenbahnwesens, Supplementband 8,

Wiesb. 1882); "Zeitschrift für das gesamte Lokal- und

Straßenbahnwesen" (das., seit 1881); "Zeitschrift für

Transportwesen und

378

Straßenkehrmaschinen - Strategie.

Straßenbau" (Berl., seit 1884); v. Lindheim, Die

Straßenbahnen, Statistisches etc. (Wien 1888); Huber, Das

Tramwayrecht (Zürich 1889).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 109 / 302 段