scharfen Schneiden stark eingezogenem Schnabel, hohen, weit
über die Fersengelenke hinauf unbefiederten Beinen, unten
breiten Zehen, deren äußere und mittlere bis zum ersten
Gelenk durch eine Spannhaut verbunden sind, stumpfen, glatten
Krallen, langen, breiten, ziemlich stumpfen Flügeln, in
welchen die dritte und vierte Schwinge am längsten sind,
kurzem, abgerundetem Schwanz und oft nackten Stellen an Kopf und
Hals. Sie sind über alle Erdteile verbreitet, am
häufigsten in den heißen; sie bevorzugen ebene,
wasserreiche, waldige Gegenden, ruhen nachts und nisten auf
Bäumen, einzelne aber mit Vorliebe auf Gebäuden. Sie
fliegen sehr schön, gehen schreitend, waten gern im Wasser,
schwimmen aber nur im Notfall; ihre Stimme besteht nur in Zischen,
dafür klappern sie mit dem Schnabel besonders in der Erregung
sehr laut. Sie leben gesellig, manche als halbe Haustiere, ohne
indes jemals ihre Selbständigkeit aufzugeben. Sie stellen
allen Tieren nach, welche sie bewältigen können, und sind
sehr raubgierig; einzelne fressen auch Aas. Der weiße S.
(Adebar, Ebeher, Honoter, Haus-, Klapperstorch, C. alba L.), 110 cm
lang, 225 cm breit, ist weiß mit Ausnahme der schwarzen
Schwingen und längsten Deckfedern; die Augen sind braun, der
kahle Fleck um dieselben grauschwarz, Schnabel und Füße
sind rot. Er bewohnt Europa mit Ausnahme des höchsten Nordens,
auch Vorderasien, Persien, Japan, die Atlasländer und die
Kanaren, ist aber höchst selten in England, in fast ganz
Griechenland seit dem Unabhängigkeitskrieg ausgerottet;
häufig findet er sich in Norddeutschland und Westfalen; im
Gebirge ist er unbekannt. Im Winter durchschweift er ganz Afrika
und Indien. In Norddeutschland erscheint er etwa Mitte März
und weilt bis Mitte August. Er baut sein Nest aus groben Reisern
auf starken Bäumen, am liebsten auf den Dächern der
Häuser in Städten und Dörfern, und das
wiederkehrende Paar bezieht stets das alte Nest wieder. Er
nährt sich von Fröschen, Schlangen, Eidechsen, nackten
Schnecken, Fischen, Regenwürmern, Mäusen,
Maulwürfen, jungen Hasen, mancherlei Insekten (Bienen!),
plündert aber auch die Nester aller Bodenbrüter,
verschlingt die Eier und die Jungen und zeigt bisweilen große
Mordlust. Die unverdaulichen Bestandteile seiner Nahrung speit er
in Gewöllen aus. Der angeschossene S. kann Menschen und Hunden
gefährlich werden. Die Ehe des Storchenpaars wird im
allgemeinen für das ganze Leben geschlossen, doch hat man
mehrfach Fälle von Untreue beobachtet. Das einmal
begründete Nest wird von demselben Paar lange Jahre benutzt,
aber jährlich ausgebessert. Mitte oder Ende April legt das
Weibchen 2-5 weiße Eier und brütet sie in 28-31 Tagen
aus. Vor dem Abzug versammeln sich alle Störche einer Gegend,
und unter großem Geklapper bricht endlich das ganze Heer auf.
Man kann die Jungen leicht zähmen, so daß sie auf dem
Hof unter dem andern Geflügel herumlaufen. Der schwarze S. (C.
nigra Bechst.), 105 cm lang, 198 cm breit, ist schwärzlich,
mit grünem und Purpurschiller, an Brust und Bauch weiß;
das Auge ist braun, Schnabel und Fuß rot. Er bewohnt Mittel-
und Südeuropa, viele Länder Asiens, im Winter Afrika,
brütet in ruhigen Waldungen der norddeutschen Ebene, weilt bei
uns von Ende März bis August, hat die Lebensweise des
Hausstorchs, ist aber viel scheuer und wird oft der Fischerei
schädlich. Bei uns brütet er einzeln, in Ungarn aber
bildet er Siedelungen, in welchen 20 und mehr Nester in kurzen
Entfernungen voneinander stehen. Das Weibchen legt 2-5 Eier und
brütet dieselben in vier Wochen aus. Der S. ist allenthalben
ein gern gesehener Gast, der mitunter selbst abergläubische
Achtung genießt, indem sein Nest das Haus gegen Blitz und
Feuersgefahr schützen soll. Auch bei den mohammedanischen
Völkern wird er sehr respektiert, weil er zur Verminderung
schädlicher Reptilien viel beiträgt. In der Mythologie
repräsentiert der S. die regnerische winterliche Jahreszeit.
Aus der Wolke oder dem Winter kommt die junge Sonne, das
Heldenkind, heraus, daher der deutsche Kinderglaube, daß die
Störche die Kinder aus dem Wasser bringen.
Storch, Ludwig, Schriftsteller, geb. 14. April 1803 zu
Ruhla bei Eisenach, studierte in Göttingen und Leipzig
Theologie, wandte sich jedoch, von Not und Beruf getrieben,
früh der schriftstellerischen Laufbahn zu, welche sich
äußerlich zu einer vielbewegten gestaltete und ihm den
Segen einer ruhigen Existenz und eines festen Aufenthalts nicht zu
gewähren vermochte. Am längsten hielt es ihn in Leipzig
und Gotha. Seit 1866 lebte er zu Kreuzwertheim in Franken, wo er 5.
Febr. 1881 starb. Storchs Talent ist ein begrenztes; doch erfreuen
seine "Erzählungen und Novellen" (Leipz. 1853-62, 31 Bde.),
wenn sie auch des tiefern poetischen Gehalts ermangeln, ebenso wie
seine "Gedichte" (das. 1854) als der Ausdruck eines patriotisch und
freisinnig gestimmten Geistes und eines warm empfindenden
Gemüts. Die beliebtesten unter den erzählenden Schriften
waren: "Der Freiknecht" (Leipz. 1829, 3 Bde.); "Die Freibeuter"
(das. 1832, 3 Bde.); "Der Jakobsstern" (Frankf. 1836 bis 1838, 4
Bde.); "Die Heideschenke" (Bunzl. 1837, 3 Bde.); "Max von Eigl"
(Leipz. 1844, 3 Bde.); "Ein deutscher Leinweber" (das. 1846-50, 9
Bde.) und "Leute von gestern" (das. 1852, 3 Bde.). Seinen
"Poetischen Nachlaß" gab Alex. Ziegler (Eisenach 1882)
heraus.
Storchnest, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Posen,
Kreis Lissa, hat eine evangelische und eine kath. Kirche, ein
Demeritenhaus (Disziplinarstrafanstalt für Geistliche) und
(1885) 1693 Einw.
Storchschnabel, Pflanzengattung, s. Geranium.
Storchschnabel (Pantograph, früher auch Affe), ein
zuerst von Christ. Scheiner 1635 in seiner "Pantographia seu ars
delineandires quaslibet" beschriebenes Instrument zur
Übertragung von Zeichnungen in verkleinertem oder
vergrößertem Maßstab. Die jetzt üblichste
Einrichtung zeigt die beistehende Figur. AB, BC, CD, DA sind vier
Lineale, die in den Punkten A, B, C, D drehbar miteinander
verbunden sind. Eine Ecke C, auf dem Zeichentisch befestigt, bildet
den Drehpunkt (Pivot), die diagonal gegenüberliegende Ecke A
trägt den Fahrstift, welcher mittels einer Handhabe auf der zu
reduzierenden Zeichnung geführt wird. D und B sind mit Kugeln
oder Rollen versehen. Eine fünfte, parallel AD verstellbare
Leitschiene trägt den Zeichenstift G, welcher mit AG in
gerader Linie liegt. Er wird so eingestellt, daß der Abstand
GC zu CA sich verhält wie der Maßstab der reduzierten
Zeichnung zur Originalzeichnung. Soll eine Zeichnung
vergrößert werden, so wird G der Fahrstift und A der
Zeichenstift. Die Schienen erhalten eine einfache Teilung mit
Nonien oder eine transversale Teilung. Bei den schweben-
352
Storchschnabelgewächse - Störungen.
den Pantographen fällt die Schiene AD fort, das Instrument
hängt mittels Drähte an einem kranenartigen Gestell, so
daß nur der Fahrstift auf der Zeichnung ruht. Das Instrument
ist mit einer Libelle, das Gestell mit Dosenniveau versehen.
Storchschnabelgewächse, s. Geraniaceen.
Storchvögel (Reihervögel), s. v. w.
Watvögel.
Storck, Wilhelm, Romanist und Übersetzer, geb. 5.
Juli 1829 zu Letmathe in Westfalen, studierte von 1850 an in
München, Münster und Bonn, später noch in Berlin
Philologie und wurde 1859 außerordentlicher, 1868
ordentlicher Professor der deutschen Sprache und Litteratur an der
Akademie zu Münster, wo er außer seiner Fachwissenschaft
zeitweise auch Sanskrit sowie Provencalisch, Italienisch, Spanisch
und Portugiesisch lehrt. Litterarisch hat er sich namentlich als
Übersetzer verdienten Ruf erworben. Seinem Werk "Lose Ranken.
Ein Büchlein Catullischer Lieder" (Münst. 1867) und dem
"Buch der Lieder aus der Minnezeit" (das. 1872) folgten als sein
Hauptwerk "Luis de Camoens' sämtliche Gedichte. Zum erstenmal
deutsch" (Paderb. 1880-85, 6 Bde.), denen sich "Hundert
altportugiesische Lieder" (das. 1885) und "Ausgewählte Sonette
von Anthero de Quental" (das. 1887) anschlossen. S. hat auch
Ausgaben der Gedichte von L. Ponce de Leon (Münst. 1853), Juan
de la Cruz und Teresa de Jesus (das. 1854) sowie des
Minnesängers von Sahsendorf (das. 1868) besorgt.
Store (franz., spr. stör), s. v. w. Rouleau (s.
d.).
Store (engl., spr. stohr), Vorrat, Lager.
Storfjord (auch Wijbe Jans Water), Meerbusen im
südlichen Teil von Spitzbergen, zwischen der Hauptinsel
einerseits, Barentsinsel und Edgeinsel anderseits. Zwischen den
Inseln führen die Walter Thymen-Straße und der Helissund
nach O. Im SO. liegen die Tausend Inseln.
Störkanal, s. Elde.
Storkow, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Potsdam,
Kreis Beeskow-S., am Dolgensee und am Storkower Kanal, der, 28 km
lang, aus dem Scharmützelsee in die Dahme führt, hat eine
evang. Kirche, ein Amtsgericht, eine Dampfmahl- und
Ölmühle, Tabaksfabrikation und (1885) 2025 Einw. Die
Herrschaft S. kam 1555 durch Kauf an Brandenburg.
Storm, Theodor Woldsen, Dichter und Novellist, geb. 14.
Sept. 1817 zu Husum in Schleswig, studierte Rechtswissenschaft zu
Kiel und Berlin, wo er mit dem Brüderpaar Theodor und Tycho
Mommsen in nähere Verbindung trat, und ließ sich nach
abgelegter Staatsprüfung 1842 als Advokat in seiner Vaterstadt
nieder, verlor aber 1853 als Deutschgesinnter sein Amt und ward
hierauf erst als Gerichtsassessor zu Potsdam, dann als Landrichter
zu Heiligenstadt angestellt. Nach der Befreiung Schleswig-Holsteins
ging er 1864 nach Husum zurück, wo er zunächst zum
Landvogt, 1867 zum Amtsrichter und 1874 zum Oberamtsrichter
befördert wurde. Seit 1880 als Amtsgerichtsrat quiesziert,
siedelte er nach dem Kirchdorf Hademarschen über, wo er 3.
Juli 1888 starb. S. nimmt unter den Lyrikern, besonders aber unter
den Novellisten der Gegenwart einen vordersten Rang ein. Als
ersterer führte er sich mit dem im Verein mit den beiden
Mommsen herausgegebenen "Liederbuch dreier Freunde" (Kiel 1843) in
die Litteratur ein; "Sommergeschichten und Lieder" (Berl. 1851) und
ein Band "Gedichte" (das. 1852, 8. Aufl. 1888) folgten nach.
Besonders letztere brachten ihm stets wachsende Anerkennung ein.
Der Dichter S. erweist sich als eine tiefsinnige, dabei frische und
warmblutige Natur, welche den tausendmal besungenen uralten Themen
der Lyrik den Stempel des eigensten Empfindens und Genießens
aufdrückt. Reicher und mannigfaltiger noch sind seine Gaben
auf dem Gebiet der Novellistik. Nachdem er 1852 mit der
vielgelesenen, poetisch duftigen Novelle "Immensee" (31. Aufl.,
Berl. 1888) aufs glücklichste debütiert, ließ er
zahlreiche andre Erzählungen und Novellen erscheinen, die
sämtlich Stimmungsbilder von einer Tiefe, Zartheit und Kraft
der Empfindung sind, wie sie nur eine ursprüngliche und echte
Dichternatur schaffen kann. Der Kreis des Lebens, den er
darzustellen liebt, ist eng, aber innerhalb dieses engen Kreises
waltet Lebensfülle und Lebensglut; der norddeutsche
Menschenschlag mit seiner Eigenart, seinem tiefinnerlichen
Phantasie- und Gemütsreichtum findet sich in Storms
Geschichten in einer fast unerschöpflichen Mannigfaltigkeit
der Charaktere geschildert. Dabei ist seine Vor-tragsweise
künstlerisch fein und durchgebildet. Die Titel seiner meist
vielfach aufgelegten Novellen sind: "Im Sonnenschein", drei
Erzählungen (Berl. 1854); "Ein grünes Blatt", zwei
Erzählungen (das. 1855); "Hinzelmeier" (das. 1856); "In der
Sommermondnacht" (das. 1860); "Drei Novellen" (das. 1861); "Lenore"
(das. 1865); "Zwei Weihnachtsidyllen" (das. 1865); "Drei
Märchen" (Hamb. 1866; 3. vermehrte Aufl. u. d. T.:
"Geschichten aus der Tonne", 1888); "Von jenseit des Meers"
(Schlesw. 1867); "Zerstreute Kapitel" (Berl. 1873); "Novellen und
Gedenkblätter" (Braunschw. 1874); "Waldwinkel etc." (das.
1875); "Ein stiller Musikant. Psyche. Im Nachbarhause links" (das.
1877); "Aquis submersus" (Berl. 1877); "Carsten Curator" (das.
1878); "Neue Novellen" (das. 1878); "Drei neue Novellen"
("Eekenhof" etc., das. 1880); "Die Söhne des Senators" (das.
1881); "Der Herr Etatsrat" (das. 1881); "Schweigen" und "Hans und
Heinz Kirch" (das. 1883); "Zur Chronik von Grieshuus" (das. 1884);
"Ein Bekenntnis" (das. 1887); "Der Schimmelreiter" (das. 1888) etc.
Außerdem besitzen wir von S. eine wertvolle kritische
Anthologie: "Hausbuch aus deutschen Dichtern seit Claudius" (4.
Aufl., Braunschw. 1877). Eine Gesamtausgabe seiner Schriften
erschien in 18 Bänden (Braunschw. 1868-88). Vgl. Erich
Schmidt, Theodor S. (in "Charakteristiken", Berl. 1886), und die
Biographien von Schütze (das. 1887) und Wehl (Altona
1888).
Stormarn, Landschaft im südlichen Teil der
preuß. Provinz Schleswig-Holstein, bildet ein Dreieck,
welches im N. durch die Stör von dem eigentlichen Holstein, im
O. durch die Trave von Wagrien und durch die Bille von
Sachsen-Lauenburg, im SW. durch die Elbe von Hannover geschieden
wird. Sie war mit Holstein stets denselben Fürsten unterthan.
Ein Teil derselben bildet jetzt den Kreis S. mit Wandsbeck als
Kreisstadt.
Storno (Ritorno), s. v. w. Ristorno (s. d.).
Stornoway (spr. stórno-ue), Hafenstadt auf der
Ostküste der Hebrideninsel Lewis, mit großartigem
Fischereibetrieb (Kabeljau, Heringe und Leng) und (1881) 2627 Einw.
Zu seinem Hafengebiet gehören (1887) 695 Fischerboote. S. ist
Sitz eines deutschen Konsuls.
Storozynetz, Hauptort einer Bezirkshauptmannschaft in der
Bukowina, am Sereth, mit Bezirksgericht und (1880) 4852 Einw.
Storthing, die reichsständige Versammlung von
Norwegen (s. d., S. 250).
Störungen (Perturbationen), in der Astronomie die
durch die Anziehung der übrigen Körper des Sonnensystems
bewirkten Änderungen in der Bewegung der Planeten und Kometen
um die Sonne
353
Story - Stosch.
sowie der Monde um ihre Hauptplaneten. Gehörte nur ein
einziger Planet zur Sonne, so würde sich dieser genau nach den
beiden ersten Keplerschen Gesetzen (s. Planeten, S. 109) bewegen.
Durch die Anziehung der Massen der übrigen Planeten wird aber
der Planet gezwungen, von dieser Bewegung abzuweichen. Ein Teil
dieser Abweichungen wiederholt sich nach Verlauf eines gewissen
Zeitraums sowohl der Art als der Größe nach, es sind
dies die periodischen S.; andre, die säkularen S., gehen immer
in derselben Richtung weiter und veranlassen also dauernde
Änderungen der Planetenbahnen. Laplace hat gezeigt, daß
die großen Achsen der Planetenbahnen und daher auch die
Umlaufszeiten keinen säkularen S. unterworfen sind; auch die
Exzentrizitäten und Neigungen der Bahnen unterliegen nicht
eigentlichen säkularen, aber doch periodischen S. von so
langer Dauer, daß sie den Charakter säkularer haben.
Dagegen sind die Längen der Perihelien und der Knoten
säkularen S. unterworfen und können daher im Lauf der
Jahrtausende alle Werte von 0-360° annehmen. Die S. der
großen Planeten sind von Leverrier untersucht worden, der
auch durch eine umgekehrte Störungsrechnung den Planeten
Neptun entdeckte. Weit beträchtlicher als die S., welche die
großen Planeten erleiden, die ziemlich weit voneinander
entfernt sind und sich nahezu in derselben Ebene bewegen, sind
diejenigen, welche die kleinen Planeten und die Kometen erfahren,
weil sie nicht selten in die Nähe größerer
Planeten, namentlich des Jupiter, kommen. Die S. des Mondes
rühren fast ausschließlich von der Sonne her, die von
den Planeten verursachten sind sehr unbedeutend. Die
bemerkenswertesten S. des Mondes sind: die von Ptolemäos (130
n. Chr.) entdeckte Evektion (s. d.), die Variation, von Abul Wefa
im 10. Jahrh. und später von Tycho Brahe entdeckt, welche
ihren größten Wert, 0,65° Länge, in den vier
Oktanten, d. h. den zwischen den Syzygien und Quadraturen in der
Mitte liegenden Punkten, erreicht, in letztern aber verschwindet,
und die jährliche Gleichung, welche die Länge des Mondes
6 Monate lang vermehrt und 6 Monate lang vermindert, in der
mittlern Entfernung der Erde von der Sonne (Anfang April und
Oktober) aber verschwindet. Bemerkenswert sind noch ein paar kleine
S. des Mondes, die von der Sonnenparallaxe und der Abplattung der
Erde abhängen, so daß man umgekehrt aus der Mondbewegung
diese Größen berechnen kann (vgl. Erde und Sonne). Vgl.
Dziobek, Die mathematischen Theorien der Planetenbewegungen (Leipz.
1888).
Story, 1) Joseph, nordamerikan. Staatsmann und
Rechtsgelehrter, geb. 18. Sept. 1779 zu Marblehead bei Boston, ward
als Advokat in seiner Vaterstadt 1805 in das Unterhaus von
Massachusetts gewählt, 1811 zum Richter an dem
alljährlich sich in Washington zur Kongreßzeit
versammelnden Bundesgerichtshof berufen und 1829 zum Professor der
Rechte an der Harvard-Universität zu Cambridge bei Boston
ernannt. Als solcher hatte er über Naturrecht,
Völkerrecht, See- und Handelsrecht, Billigkeitsrecht und
Staatsrecht der Vereinigten Staaten zu lesen und verfaßte
über fast alle diese Disziplinen Lehrbücher, die auch in
England für klassisch gelten. Das für Deutschland
bedeutendste unter diesen Werken sind die "Commentaries on the
constitution of the United States" (4. Aufl., Bost. 1873, 2 Bde.;
deutsch im Auszug, Leipz. 1838). Nach diesen sind hervorzuheben
seine "Miscellaneous writings, literary, critical. juridical and
political" (Bost. 1835). S. starb 10. Sept. 1845 in Cambridge. Vgl.
W. Story, Life and letters ofJ. S. (Lond. 1851).
2) William Wetmore, nordamerikan. Bildhauer und Dichter, Sohn
des vorigen, geb. 19. Febr. 1819 zu Salem in Massachusetts,
studierte Rechtswissenschaft und war eine Zeitlang als praktischer
Jurist thätig, wandte sich dann aber ausschließlich der
Kunst und Litteratur zu und ließ sich 1848 in Rom nieder, wo
er noch lebt. S. schuf teils Idealgestalten, welche sich durch
Größe der Auffassung, geistige Vertiefung und
meisterhafte Marmorbearbeitung auszeichnen, wie z. B. Kleopatra,
Sappho, Judith, Medea, eine Sibylle, Moses, Saul, teils
Porträtstatuen, wie z. B. die seines Vaters, Peabodys
(London), E. Everetts (Boston) und das Nationaldenkmal in
Philadelphia. Von seinen poetischen Werken nennen wir: "Nature and
art" (1844); "Poems" (1847; neue Ausg. 1885, 2 Bde.); "A Roman
lawyer in Jerusalem" (1870, Versuch einer Rettung des
Verräters Judas); die "Tragedy of Nero" (1875); die
Dichtungen: "Ginevra da Siena" (1866, in "Blackwood's Magazine"),
"Vallombrosa" (1881), "He and she, or a poet's portfolio" (1883, 8.
Aufl. 1886) und "Fiammetta, a summer idyl" (1885). Außer der
Biographie seines Vaters (s. S. 1) schrieb er noch: "Roba di Roma,
or walks and talks about Rome" (Lond. l862, 7. Aufl. 1875), wozu
1877 eine Fortsetzung unter dem Titel : "Castel St. Angelo"
erschien; "Proportions of human figure; the new canon" (1866);
"Graffiti d'Italia" (1869, 2. Aufl. 1875) u. a.
Stosch, 1) Philipp, Baron von, Kunstkenner, geb. 22.
März 1691 zu Küstrin, widmete sich theologischen und
humanistischen Studien und suchte dann auf Reisen seine Kenntnis
der alten Kunstdenkmäler auszubilden. Später lebte er als
englischer Agent in Rom und seit 1731 in Florenz, wo er 7. Nov.
1757 starb. Er hinterließ einen reichen Schatz von
Kunstsachen aller Art, Landkarten, Kupferstichen, Zeichnungen (324
Folianten, jetzt in der kaiserlichen Bibliothek zu Wien), Bronzen,
Münzen, besonders aber geschnittenen Steinen, deren Katalog
Winckelmann ("Description des pierres gravées du feu baron
de S.", Flor. 1760) herausgab. Friedrich II. kaufte 1770 die
Hauptsammlung, mit Ausnahme der etrurischen Gemmen, die nach Neapel
verkauft waren, der Prinz von Wales die Sammlung von Abgüssen
neuerer Münzen. Eine Auswahl von Gemmen aus dem Stoschschen
Kabinett, das Merkwürdigste der alten Mythologie
zusammenfassend, findet sich in Schlichtegrolls "Dactyliotheca
Stoschiana" (Nürnb. 1797-1805, 2 Bde.) erläutert. Vgl.
Justi, Briefe des Barons Phil. v. S. (Marb. 1872).
2) Albrecht von, Chef der deutschen Admiralität, geb. 20.
April 1818 zu Koblenz, erhielt seine Erziehung im Kadettenkorps und
trat 1835 als Sekondeleutnant in das 29. Infanterieregiment, ward
1856 Major im Großen Generalstab, 1861 Chef des Generalstabs
des 4. Armeekorps und Oberst, 1866 Generalmajor. Im Kriege gegen
Österreich war er Oberquartiermeister der zweiten Armee, vom
Dezember 1866 bis 1870 Direktor des
Militärökonomiedepartements im Kriegsministerium, ward
1870 Generalleutnant, erhielt im Krieg 1870/71 den schwierigen
Posten eines Generalintendanten der deutschen Heere und erwarb sich
auf demselben durch seine musterhafte Leitung des
Verpflegungswesens die allergrößten Verdienste. Im
Dezember 1870 ward er zum Generalstabschef des Großherzogs
von Mecklenburg und nach dem Friedensschluß zum
Generalstabschef bei der in Frankreich bleibenden
Okkupationsarmee
354
Stoß - Stösser.
ernannt. Am 1. Jan. 1872 ward er Chef der deutschen
Admiralität und Staatsminister sowie Mitglied des Bundesrats
und 1875 zum General der Infanterie und Admiral befördert. S.
entwickelte eine große Energie und Thatkraft, indem er
wissenschaftliche Institute (Seewarte, hydrographisches Büreau
und Marineakademie) schuf, die deutsche Kriegsflotte
beträchtlich vergrößerte, den Bau der Schiffe auf
einheimischen Werften ermöglichte und die straffe Disziplin
der preußischen Landarmee auf die Marine übertrug. Das
letztere Bestreben stieß allerdings vielfach auf Widerstand
seitens der ältern Seeoffiziere. Auch für das
Unglück des Großen Kurfürsten wurde S.
verantwortlich gemacht, zumal er den Admiral Batsch (s. d.) eifrig
in Schutz nahm. Er erhielt 20. März 1883 auf sein Gesuch den
Abschied und lebt in Östrich am Rhein.
Stoß , das Zusammentreffen eines in Bewegung
befindlichen Körpers mit einem andern ebenfalls in Bewegung
oder in Ruhe befindlichen Körper. In Beziehung auf die
Richtung, in welcher beide Körper zusammentreffen, macht man
folgende Unterschiede. Man nennt den S. zentral, wenn die Richtung,
in welcher er erfolgt, mit der Verbindungslinie der Schwerpunkte
beider Körper zusammenfällt; ist diese Bedingung nicht
erfüllt, so nennt man ihn exzentrisch. Ferner nennt man den S.
gerade, wenn die Richtung, in welcher er erfolgt, auf der
Berührungsfläche beider Körper senkrecht steht; ist
dies nicht der Fall, so nennt man ihn schief. Treffen zwei Massen
(m und m'), die sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten (v und v')
in derselben Richtung fortbewegen, in geradem, zentralem S.
zusammen, so üben sie, während sie sich berühren,
einen Druck aufeinander aus, infolge dessen die Geschwindigkeit des
vorangehenden vermehrt, die des nachfolgenden vermindert wird. Da
dieser Druck auf beide Massen während derselben Zeit wirkt, so
müssen sich die hervorgebrachten
Geschwindigkeitsveränderungen umgekehrt verhalten wie die
Massen. Sind also c und c' die Geschwindigkeiten der Körper
nach dem S., so verhält sich $c-v:v'-c'=m':m$, woraus folgt,
daß $mc+m'c'=mv+m'v'$. Das Produkt einer Masse mit ihrer
Geschwindigkeit nennt man ihre "Bewegungsgröße"; die
vorstehende Gleichung drückt also aus, daß die Summe der
Bewegungsgrößen vor und nach dem S. die nämliche
ist. Sind die beiden Körper unelastisch, so gehen sie, nachdem
jeder eine Abplattung erfahren hat, vereinigt mit
gemeinschaftlicher Geschwindigkeit weiter, d. h. es ist $c'=c$ und
folglich $(m+m')c=mv+m'v'$. Die gemeinsame Geschwindigkeit nach dem
S. ($c$) ergibt sich demnach, wenn man die Summe der
Bewegungsgrößen durch die Summe der Massen dividiert.
Bewegen sich die Körper in entgegengesetzter Richtung, so ist
die Geschwindigkeit des einen negativ zu rechnen. Mit dem S.
unelastischer Körper ist ein Verlust an lebendiger Kraft
verbunden, welcher für die Zusammendrückung der
Körper, Erzeugung von Wärme, Schall etc. verbraucht wird.
Sind die Körper dagegen vollkommen elastisch, so gleicht sich
die Formänderung sofort wieder aus, indem jeder Körper
seine ursprüngliche Gestalt wieder annimmt; ein Verlust an
lebendiger Kraft findet also hier nicht statt, sondern die Summe
der lebendigen Kräfte muß vor und nach dem S. die
nämliche sein, d. h. es muß $mc^2+m'c'^2=mv^2+m'v'^2$
sein. Diese Bedingung, mit der obigen, daß die Summe der
Bewegungsgrößen ungeändert bleibt,
zusammengenommen, erlaubt auch in diesem Fall, die
Endgeschwindigkeiten c und c' zu bestimmen. Sind z. B. die
elastischen Massen einander gleich, so geht jede nach dem S. mit
derjenigen Geschwindigkeit weiter, welche die andre vor dem S.
besaß: sie vertauschen ihre Geschwindigkeiten. Eine ruhende
Billardkugel z. B., welche von einer bewegten zentral getroffen
wird, nimmt die Geschwindigkeit der letztern an, während diese
an ihrer Stelle in Ruhe bleibt.
Stoß, in der Schweiz die Viehzahl, welche auf ein
Kuhrecht gehalten werden kann (s. Alpenwirtschaft); in der
Jägersprache der Schwanz des Auerhahns (s. Spiel, S. 142).
Stoß, 1) fahrbarer Paß der Appenzeller Alpen
(997 m), führt von Altstätten (470 m) im St. Gallischen
Rheinthal steil hinauf zur Paßhöhe und nun mit geringem
Gefälle abwärts nach Gais (934 m). Hier 17. Juni 1405
Sieg der Appenzeller über Herzog Friedrich von
Österreich. -
2) Luftkurort, s. Stoos.