Stolze, Heinrich August Wilhelm, Begründer des nach

ihm benannten stenographischen Systems, geb. 20. Mai 1798 zu

Berlin, besuchte das Joachimsthalsche Gymnasium daselbst, um sich

zum Studium der Theologie vorzubereiten, mußte aber

beschränkter Vermögensverhältnisse wegen 1817 eine

Anstellung im Büreau der Berliner Feuerversicherungsanstalt

annehmen. Schon 1815 beim Eintritt in die Prima wurde S. auf den

Gedanken geführt, zur Erleichterung der Arbeitslast sich mit

der Kurzschrift bekannt zu machen, und der große Umfang

seiner neuen Berufsarbeiten lenkte ihn 1818 abermals und

ernstlicher auf die Stenographie. Er erlernte 1820 das

Mosengeilsche System, fand es aber feinen Erwartungen nicht

entsprechend. Von da ab versuchte er selbst neue Wege einzuschlagen

und machte die Stenographie zum Gegenstand seiner besondern

Beschäftigung, indem er alle ihm zugänglichen ältern

und neuern Systeme der Kurzschrift durcharbeitete. Das Studium der

Lautphysiologie und der damals jungen Sprachwissenschaft zeigte

ihm, welche Kürzungsvorteile eine Stenographie aus der

Beachtung des Wesens der Laute und aus dem Anschluß an die

Etymologie ziehen könne. Durch das Erscheinen von

Gabelsbergers Redezeichenkunst und W. v. Humboldts Werk über

die

348

Stolze - Stölzel.

Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues wurde S. aus die

Idee der symbolischen Vokalbezeichnung geführt. Er gab 1835

seine Stelle bei der Feuerversicherungsanstalt auf und widmete sich

ganz der Ausarbeitung seiner Stenographie, welche 1840

abgeschlossen und 1841 mit Unterstützung des preußischen

Kultusministeriums in dem "Theoretisch-praktischen Lehrbuch der

deutschen Stenographie" (Berl.) veröffentlicht ward. Weitere

Publikationen von S. sind: "Ausführlicher Lehrgang der

deutschen Stenographie" (Berl. 1852, 9. Aufl. 1886); "Anleitung zur

deutschen Stenographie" (das. 1845, 52. Aufl. 1889);

"Stenographisches Lesebuch" (das. 1852, 2. Aufl. 1861);

"Normalübertragung der Aufgaben etc." (das. 1865). Seit 1852

war S. Vorsteher des stenographischen Büreaus des Hauses der

Abgeordneten in Berlin und starb daselbst 8. Jan. 1867. Vgl.

Michaelis, Nachruf an W. S. (Berl. 1867); Derselbe, Festrede zur

Übergabe der S.-Büste etc. (das. 1882); Kreßler, W.

Stolze (das. 1884); Käding, Die Denkmäler Stolzes (das.

1889). Das Ziel, welches S. im Auge hatte, war nicht die Schaffung

eines Werkzeugs zum Redennachschreiben, sondern das höhere der

Herstellung eines allgemeinen Erleichterungsmittels bei jeder

ausgedehntern Schreibthätigkeit. Vollständigkeit und

Genauigkeit der Lautbezeichnung galten ihm ebensosehr als

Grundbedingungen wie die Kürze. Erst später, nachdem die

Stolzesche Stenographie in den preußischen Kammern Eingang

als Mittel zum Nachschreiben der Reden gefunden, fügte S.

für diesen Zweck weitere Bestimmungen hinzu, die aber nicht

erschöpfend waren und sich als hinderlich bei der Erreichung

des eigentlichen Ziels erwiesen. Systemreformen von 1868 und 1872

gingen daher wieder auf Stolzes ursprüngliches Ziel

zurück, eine weitere von 1888 schuf abermals wesentliche

Vereinfachungen. In dieser neuesten Gestalt ist das System etwa

viermal kürzer als die gewöhnliche Schrift und erfordert

ungefähr 10 Unterrichtsstunden. Seine Zeichen bildete S. nach

Gabelsbergers Vorgang aus Teilzügen der gewöhnlichen

Schrift und verteilte dieselben nach bestimmt ausgesprochenen

Grundsätzen auf das Alphabet. Die meisten Vokale bezeichnet er

symbolisch durch Stellung des Wortbildes zur Schriftlinie, durch

kurzen oder langen Bindestrich sowie durch Druck oder Nichtdruck im

begleitenden Konsonanten. In der hierbei durchgeführten Idee,

den sonst bedeutungslosen Bindestrich als Träger der

Vokalsymbolik zu verwenden, liegt neben Erhebung der Kurzschrift zu

höherer Bestimmung Stolzes Hauptverdienst um die Fortbildung

der Stenographie. Endlich werden gewisse häufig vorkommende

Wörter und Silben durch feststehende, aus Teilen des Ganzen

gebildete Abkürzungen (Siglen) bezeichnet. Das Stolzesche

System ist auf eine Reihe fremder Sprachen übertragen worden,

nämlich auf das Niederländische, Schwedische, Englische;

Lateinische, Italienische, Französische, Portugiesische,

Spanische; Russische, Serbische; Magyarische. Eine nennenswerte

staatliche Fürsorge genießt die Stolzesche Stenographie

nicht, sie verdankt ihre Ausbreitung fast allein der

Privatthätigkeit ihrer Anhänger. In einigen Lehranstalten

Preußens und der Schweiz wird sie fakultativ, in mehreren

preußischen Militärschulen obligatorisch gelehrt; die

amtliche Kommission zur Prüfung der Stenographielehrer in

Budapest prüft sowohl Kandidaten, welche das Stolzesche, als

solche, die das Gabelsbergersche System vortragen wollen. Im

deutschen, schwedischen und ungarischen Reichstag, im

preußischen, anhaltischen und württembergischen Landtag,

in mehreren preußischen Provinziallandtagen und im

Großen Rat zu Bern dient die Stolzesche Stenographie wie

deren Übertragungen teils allein, teils neben andern Systemen

zur amtlichen Aufnahme der gehaltenen Reden. Zur größten

Verbreitung als Verkehrsschrift ist das Stolzesche System in der

Schweiz gelangt; ferner besitzt es in seinem Ursprungsland

Preußen sowie in ganz Nord- und Mitteldeutschland außer

Sachsen das Übergewicht, während es in Österreich

und Süddeutschland neben der staatlich gepflegten

Redezeichenkunst Gabelsbergers nicht aufgekommen ist. Von den

Stolzeschen Lehrmitteln wurden mehr als 1/4 Mill. Exemplare

abgesetzt. Infolge der oben erwähnten Systemrevisionen von

1868, 1872 und 1888, denen sich ein Teil der Schule widersetzte,

enstand eine Spaltung in die kleine, unter sich wieder geteilte

altstolzesche und die numerisch bedeutend überwiegende

neustolzesche Richtung. Beide Richtungen zusammen zählen

gegenwärtig 450 Vereine (der älteste und zugleich erste

des europäischen Kontinents der zu Berlin seit 1844) mit

10,500 Mitgliedern und werden durch 20 Fachzeitschriften vertreten,

deren älteste, das "Archiv für Stenographie", seit 1849

erscheint. Nach Gegenden und Provinzen sind diese Vereine in

Verbänden zusammengefaßt. Jede der beiden Stolzeschen

Richtungen besitzt eine eigne Organisation; an der Spitze der

Neustolzeaner steht der Vorstand des Verbandes Stolzescher

Stenographenvereine (Sitz Berlin), während die vereinigten

altstolzeschen Körperschaften in dem Vorstand der

Verbände (Sitz Berlin) eine leitende Stelle besitzen. Aus dem

Stolzeschen System sind mehrere abgeleitete Systeme hervorgegangen,

z. B. die von Erkmann (1876), Velten (1876), Lentze (1881). Vgl.

"Systemurkunde der deutschen Kurzschrift von W. S." (Berl. 1888);

Stolze, Anleitung zur deutschen Stenographie (52. Aufl., das.

1889); Derselbe, Ausführlicher Lehrgang der deutschen

Stenographie (9. Aufl., das. 1886); Frei, Lehrbuch der deutschen

Stenographie (9. Aust., Wetzikon 1889); Käding, Der Unterricht

in der Stolzeschen Stenographie (2. Aufl., Berl. 1885);

Knövenagel und Ryssel (Altstolzeaner), Vollständiges

praktisches Lehrbuch der deutschen Stenographie (7. Aufl., Hannov.

1886); Simmerlein, Das Kürzungswesen in der stenographischen

Praxis (4. Aufl., Berl. 1887); Knövenagel, Redezeichenkunst

oder deutsche Kurzschrift? (3.Aufl., Hannover 1880); F. Stolze,

Gabelsberger oder S.? (Berl. 1864); Häpe, Die Stenographie als

Unterrichtsgegenstand (Dresd. 1863); Kaselitz, Kritische

Würdigung der deutschen Kurzschriftsysteme von S.,

Gabelsberger und Arends (Berl. 1875); Miller, Die Stenographien von

S. und Faulmann (Wien 1886); Steinbrink, Zur Entstehungsgeschichte

des Stolzeschen Systems (im "Archiv für Stenographie" 1885);

Müller, Die Organisationsbestrebungen der Stolzeschen Schule

(Berl. 1883); Krumbein, W. S. und der Entwicklungsgang seiner

Schule (Dresd. 1876); Mitzschke, Museum der Stolzeschen

Stenographie (2. Aufl., Berl. 1877); Alge, Geschichte der

Stenographie in der Schweiz (Gossau 1877); "Serapeum der

Stolzeschen Stenographie" (Berl. 1874, Nachtrag 1876).

Stölzel, 1) Karl, Technolog, geb. 17. Febr. 1826 zu

Gotha, studierte in Jena und Heidelberg Staatswirtschaftslehre,

dann Naturwissenschaft und besonders Chemie in Berlin und unter

Liebigs Leitung in Gießen. Er habilitierte sich 1849 in

Heidelberg als Privatdozent, war in der Folge Lehrer an den

Gewerbeschulen zu Kaiserslautern und Nürnberg und

349

Stolzenau - Stopfbüchse.

wurde 1868 als Professor der chemischen Technologie und

Metallurgie an die technische Hochschule in München berufen.

S. war auch bei den Weltausstellungen zu London 1851, Paris 1867

und Wien 1873 amtlich beschäftigt und an der Berichterstattung

über die letzten beiden beteiligt. Sein Hauptwerk ist die

"Metallurgie" (Braunschw. 1863-86, 2 Bde.).

2) Adolf, Rechtsgelehrter, Bruder des vorigen, geb. 28. Juni

1831 zu Gotha, studierte in Marburg und Heidelberg, war 1860-66

Richter beim Kasseler Stadtgericht und Obergericht, trat dann in

den preußischen Staatsdienst und wurde 1872 zum

Kammergerichtsrat, 1873 zum Ministerialrat in Berlin ernannt, wo er

gleichzeitig seit 1875 als Mitglied der obersten

Justizprüfungsbehörde fungiert, deren Präsident er

seit 1886 ist. Von seinen zahlreichen rechtswissenschaftlichen

Arbeiten sind hervorzuheben das im Verein mit andern anonym

herausgegebene "Handbuch des kurhessischen Zivil- und

Zivllprozeßrechts" (Kassel 1860-61, 2 Bde.); "Die Lehre von

der operis novi nunciatio und dem interdictum quod vi aut clam"

(Götting. 1863): "Kasseler Stadtrechnungen aus der Zeit von

1468 bis 1553" (Kassel 1871); "Die Entwickelung des gelehrten

Richtertums in deutschen Territorien" (Stuttg. 1872) ; "Das Recht

der väterlichen Gewalt" (Berl. 1874); "Das

Eheschließungsrecht im Geltungsbereich des preußischen

Gesetzes vom 9. März 1874" (das. 1874 u. öfter);

"Wiederverheiratung eines beständig von Tisch und Bett

getrennten Ehegatten" (das. 1876); "Deutsches

Eheschließungsrecht nach amtlichen (Ermittelungen als

Anleitung für die Standesbeamten" (das. 1876 u. öfter);

"Karl Gottlieb Svarez" (das. 1885); "Brandenburg-Preußens

Rechtsverwaltung und Rechtsverfassung, dargestellt im Wirken ihrer

Landesfürsten und obersten Justizbeamten" (das. 1888, 2 Bde.).

Schon 1872 zum Ehrendoktor der Universität Marburg promoviert,

wurde S. 1887 zum ordentlichen Honorarprofessor der

Universität Berlin ernannt.

Stolzenau, Flecken und Kreishauptort im preuß.

Regierungsbezirk Hannover, an der Weser, hat eine evang. Kirche,

ein Schloß, ein Amtsgericht, Branntweinbrennerei,

Seifenfabrikation, Lachsfischerei, Wollhandel, Schiffahrt und

(1885) 1483 Einw.

Stolzenfels, Bergschloß im preuß.

Regierungsbezirk und Kreis Koblenz, am linken Rheinufer, bei dem

Dorf Kapellen, war im Mittelalter häufig die Residenz der

Erzbischöfe von Trier und ward 1689 von den Franzosen in

Trümmer gelegt. 1836-45 ward das Schloß nach Schinkels

Plan im mittelalterlichen Stil in großartiger Weise neu

aufgeführt und im Innern mit allerlei Kunstwerken, darunter

Freskomalereien von Deger, Lasinsky, Stilke etc.,

geschmückt.

Stolzer Tritt, in der Reitkunst, s. Piaffe.

Stolzit, s. Wolframbleierz.

Stoma (griech.), Mund, Mündung.

Stomachika (lat.), die Verdauung anregende Mittel, s.

Digestivmittel.

Stomachus (lat.), der Magen.

Stomakace (griech.), Mundfäule, s.

Mundkrankheiten.

Stomatitis (griech.), Entzündung der

Mundschleimhaut, s. Mundkrankheiten.

Stomatoskop (griech.), Instrument zur Untersuchung des

Mundes, besonders der Zähne, beruht auf einer Durchleuchtung

derselben mittels galvanisch weißglühenden Drahts, der

von einem Glasmantel umgeben ist, oder mittels des Drummondschen

Kalklichts und soll die ersten Anfänge von Erkrankungen

erkennbar machen; vgl. Beleuchtungsapparate.

Stone (engl., spr. stohn, "Stein"), Handelsgewicht, s.

Avoirdupois.

Stone (spr. stohn), Stadt in Staffordshire (England), am

Trent, mit Brauereien und (1881) 5669 Einw.

Stonehaven (spr. stóhn-hewen), Hauptstadt von

Kincardineshire (Schottland), an der Mündung des Carron in die

Nordsee, hat einen kleinen Hafen, Fischerei und (1881) 3957 Einw.

Dabei das Schloß Dunnottar (s. d.).

Stonehenge (spr. stohn-hendsch, "hängender Stein"),

eins der imposantesten vorgeschichtlichen Bauwerke bei Amesbury in

der englischen Grafschaft Wilts auf der Heide von Salisbury. Der

Bau bestand einstmals aus einem kreisrunden Säulengang von ca.

88 m im Durchmesser, welcher einen Kreis von einzeln stehenden

mächtigen Steinen (Menhirs) umgab. Innerhalb dieses zweiten

Kreises folgte ein eiförmiger Ring aus Trilithen (zwei

aufrecht stehende Steine, welche eine Felsplatte tragen) und in

diesem wiederum Menhirs in gleicher Anordnung. Dieser vierfache

Ring von unbehauenen oder nur roh zugehauenen Granitblöcken

war von einem Wassergraben umgeben. Ungefähr 30 m von dem

äußern Ring entfernt ragt ein einzeln stehender

Felsblock empor; am Horizont schließt ein andrer gewaltiger

Ring von Felsblöcken dieses merkwürdige Bauwerk, welches

die meisten Archäologen als ein von einer Nekropole umgebenes

Heiligtum betrachten, ein.

Stonington, Hafenstadt im nordamerikan. Staat

Connecticut, Grafschaft New London, am Long Island-Sound, hat

Seebäder, Dampfschiffsverbindung mit New York und Boston und

(1880) 1755 Einw.

Stonsdorf (Stohnsdorf), Dorf im preuß.

Regierungsbezirk Liegnitz, Kreis Hirschberg, östlich von

Warmbrunn, hat eine evang. Kirche, ein Schloß, Bierbrauerei,

Likörfabrikation und (1885) 680 Einw.; dabei der Prudelberg,

470 m hoch, mit wunderbaren Felspartien.

Stonyhurst (spr. stóhni-hörrst),

Jesuitenseminar und Schule in Lancashire (England), in einem

Seitenthal des Ribble, 10 km nördlich von Blackburn, 1794

gegründet.

Stoof, altes Hohlmaß, besonders in den russischen

Ostseeprovinzen, =1,275-1,530 Liter.

Stoos (Stoß), Luftkurort im schweizer. Kanton

Schwyz, 1293 m ü. M., südöstlich von Brunnen, hoch

über dem Vierwaldstätter See, unterhalb der Fronalp.

Stoósz, Bergstadt im ungar. Komitat Abauj-Torna,

hat (1881) 1076 slowakische und deutsche Einwohner, Eisenwerke und

Messerfabriken. 1 km entfernt liegt (622 m ü. M.) der

klimatische Kurort S. mit Wasserheilanstalt u. eisenhaltigen

Quellen.

Stopfbüchse (Stopfbuchse), Maschinenelement, welches

eine Öffnung in einer Gefäßwand dampf-, luft- oder

wasserdicht machen soll, wenn durch dieselbe eine bewegliche

Stange, z. B. die Kolbenstange einer Dampfmaschine, hindurchgeht.

Es hat in der Regel die nebenstehende Form; a ist die

Gefäßwand mit dem Stopfbüchsenunterteil, b die

Brille, welche durch Schrauben gegen erstere angedrückt werden

kann. Der

Stopfbüchse.

350 Stopfen - Storch.

Raum c enthält das Dichtungsmaterial (Packung), aus

Hanfzöpfen mit Talg oder einer mit Talkum gefüllten

Baumwollschnur oder aus Asbest bestehend. Durch Anziehen der

Schrauben wird die vollkommene Dichtigkeit hergestellt. Die

vielfach gemachten Versuche, die bisher gebräuchlichen, oft zu

erneuernden Packungsmaterialien durch eine dauerhaftere

Metallliderung, wie bei den Kolbendichtungen, zu ersetzen, haben

bisher noch zu keinem brauchbaren Resultat geführt.

Stopfen, eine Nadelarbeit, durch welche die fehlenden oder

zerrissenen Fäden einer Strickarbeit oder eines Gewebes

ersetzt werden. Man bedient sich beim S. einer Strickarbeit

desselben Materials, aus dem das beschädigte Stück

hergestellt ist. Zum S. eines Kleiderstoffs nimmt man am besten

ausgezogene Fäden eines neuen Stücks desselben Stoffes.

Bei leinenen Geweben verwendet man Glanzgarn, bei baumwollenen

Stopfgarn (Twist). Die Stopffäden dürfen nur lose gedreht

sein, damit sie gut füllen. Die Stopfnadeln sind lang, vom

Anfang bis zum Ende fast gleich stark, haben ovales Öhr und

stumpfe Spitze. Da die Stopfe möglichst genau das Gewebe

nachahmen soll, gibt es verschiedene Stopfstiche (Leinen-,

Köper-, Damast-, Tüll-, Strickstopfstiche etc.). Die

Gewebestopfen unterscheiden sich durch die zur Herstellung des

Musters verschiedene Anzahl der aufgenommenen Fäden. Die

Strickstopfe bildet Maschen, die Tüllstopfe ahmt die

eigentümliche, aber gleichmäßige Art des Gewebes

nach. Zur Herstellung einer Gewebestopfe zieht man zuerst die

parallel nebeneinander liegenden Kettenfäden ein und danach

die quer durchlaufenden Einschlagfäden, mit welchen man das

Muster bildet. Beide müssen so weit durch den Stoff gezogen

werden, wie derselbe schadhaft ist. Alle Gewebestopfen werden auf

der linken Seite ausgeführt. Zum S. einer Strickerei verwendet

man außer der Maschen- auch die Gitterstopfe, welche

vollkommen der Leinwandstopfe gleicht. Die Fäden des

Tülls laufen in drei Richtungen. Man zieht zuerst die

schrägen, sich kreuzenden Fäden ein und dann die

wagerechten, welche die andern befestigen.

Stopfer, s. Steckling.

Stoppelrübe, s. Raps.

Stoppelschwamm, Pilz, s. v. w. Hydnum repandum.

Stoppine (ital.), ein früher zur Entzündung von

Geschützladungen dienendes Ende Zündschnur in

Papierhülse, auch die Zündschnur selbst.

Stor (schwed.), in zusammengesetzten Ortsnamen

vorkommend, bedeutet "groß".

Stör (Acipenser L.), Gattung aus der Ordnung der

Schmelzschupper und der Familie der Störe (Acipenserini),

Fische mit gestrecktem, mit fünf Reihen großer,

gekielter Knochenschilder bedecktem Körper, gestreckter,

unbeweglicher Schnauze, unten mit vier Barteln und

unterständigem, weit nach hinten gerücktem, kleinem,

zahnlosem Maul. Der Kopf ist von Knochenplatten dicht und

vollständig eingehüllt, und über dem Kiemendeckel

befindet sich jederseits ein Spritzloch. Die nicht mit Knochen

belegten Hautstellen sind durch kleinere oder größere

Knochenkerne oder Knochenspitzen rauh. Die zwei Flossenpaare sowie

die drei unpaarigen Flossen werden von gegliederten, biegsamen

Knochenstrahlen gestützt, nur die beiden Brustflossen besitzen

außerdem einen starken Knochen als ersten Flossenstrahl. Die

kurze Rückenflosse steht dicht vor der Afterflosse, das nach

aufwärts gebogene, den obern Lappen der großen

Schwanzflosse bildende Schwanzende ist sensenförmig

gekrümmt. Der gemeine Stör (A. Sturio L., s. Tafel

"Fische II", Fig. 20), bis 6, meist nur 2 m lang, mit

mäßig gestreckter Schnauze, einfachen Bartfäden,

dicht aneinander gereihten, großen Seitenschildern und vorn

und hinten niedrigen, in der Mitte hohen Rückenschildern, ist

oberseits bräunlich, unterseits weiß, bewohnt den

Atlantischen Ozean, die Nord- und Ostsee und das Mittelmeer, geht,

um zu laichen, bis Mainz, Minden, Böhmen, Galizien und liefert

viel Elbkaviar und Hausenblase. Der Sterlett (A. Ruthenus L.), 1 m

lang, bis 12 kg schwer, mit langgestreckter, dünner Schnauze,

ziemlich langen, nach innen gefransten Bartfäden, nach hinten

an Höhe zunehmenden und in eine scharfe Spitze endigenden

Rückenschildern, ist oberseits dunkelgrau, unterseits heller,

bewohnt das Kaspische und Schwarze Meer und steigt in der Donau bis

Ulm empor; er liefert Kaviar und Hausenblase. Der Scherg

(Sternhausen, Sewruga, A. stellatus Pall.), 2 m lang, bis 25 kg

schwer, mit sehr langer, schwertförmiger, spitzer Schnauze,

einfachen Bartfäden, voneinander getrennten Seiten- und nach

hinten an Höhe zunehmenden, in eine Spitze endigenden

Rückenschildern, ist auf dem Rücken rötlichbraun,

oft blauschwarz, an den Seiten und am Bauch weiß, bewohnt das

Schwarze und Kaspische Meer und liefert Kaviar und Hausenblase. Der

Osseter (Esther, Waxdick, A. Gueldenstaedtii Brandt), 2-4 m lang,

mit kurzer, stumpfer Schnauze, einfachen Bartfäden u.

sternförmigen Knochenplättchen, ist dem S. ähnlich

gefärbt, bewohnt die Flußgebiete des Schwarzen und

Kaspischen Meers, gelangt bisweilen nach Bayern, liefert Kaviar und

Hausenblase. Der Hausen (A. Huso L.), bis 8 m lang und 1600 kg

schwer, mit kurzer Schnauze, platten Bartfäden, vorn und

hinten niedrigen, in der Mitte höhern Rückenschildern und

kleinen, voneinander getrennt stehenden Seitenschildern, ist

oberseits dunkelgrau, unterseits schmutzig weiß, bewohnt das

Schwarze Meer und liefert die größte Menge des

russischen Kaviars, auch Hausenblase. Die Störe leben am

Grunde der Gewässer und bewegen sich in Sand oder Schlamm halb

eingebettet langsam fort, mit der Schnauze Nahrung suchend. Diese

besteht aus Würmern, Weichtieren und Fischen, welch letztere

sie jagend verfolgen. Sie wandern in Gesellschaften von März

bis Mai, legen ihre zahlreichen Eier am Grunde der Flüsse ab

und kehren bald ins Meer zurück, während die Jungen

lange, vielleicht zwei Jahre, in den Flüssen verweilen. Im

Spätherbst gehen sie wieder in die Flüsse, um, mit den

Köpfen in den Schlamm vergraben, Winterschlaf zu halten. Durch

die rücksichtslose Verfolgung hat die Zahl der Störe

stark abgenommen. Die großartigsten Fischereien befinden sich

in den Strömen, welche ins Schwarze und Kaspische Meer

münden, an den Mündungen der Wolga, des Dnjestr, Dnjepr,

der Donau und in der Meerenge von Jenikale oder Kaffa. Das Fleisch

aller Störe ist wohlschmeckend und kommt frisch, gesalzen und

geräuchert in den Handel. Es wurde schon von den Alten

hochgeschätzt, und in England und Frankreich gehörte es

zu den Vorrechten der Herrscher, Störe für den eignen

Bedarf zurückzuhalten.

Stör, Fluß in der preuß. Provinz

Schleswig-Holstein, entspringt südwestlich von

Neumünster, ist 75 km lang (40 km schiffbar) und mündet

rechts unterhalb Glückstadt bei Störort in die Elbe.

Storax, Storaxbalsam, s. Styrax.

Storaxbaum, Pflanzengattung, s. v. w. Styrax;

amerikanischer S., s. Liquidambar.

Storch (Ciconia L.), Gattung aus der Ordnung der Reiher-

oder Storchvögel und der Familie der Störche (Ciconiidae)

, verhältnismäßig plump ge-

351

Storch - Storchschnabel.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 101 / 302 段