Stolberg (Stollberg), ehemalige Grafschaft am

südlichen Fuß des Harzes, deren Gebiet, 429 qkm (7,8

QM.) mit 33,000 Einw., seitdem die Landeshoheit auf Preußen

übergegangen ist (seit 1815), zwei Standesherrschaften,

S.-Stolberg und S.-Roßla, im Regierungsbezirk Merseburg,

Kreis Sangerhausen, bildet. - Die Stadt S. (S. am Harz), Hauptort

der Standesherrschaft S.-Stolberg, in einem engen Waldthal an der

Tyra, 297 m ü. M., hat eine evang. Kirche, ein gräfliches

Konsistorium, ein Waisenhaus, ein Amtsgericht, Bergbau auf Eisen

und Kupfer, eine Zigarren- und eine Pulverfabrik, 2

Sägemühlen und (1885) 2140 Einw. über der Stadt das

gräfliche Residenzschloß mit ansehnlicher

Bibliothek.

Stolberg (Stollberg), Stadt im preuß.

Regierungsbezirk und Landkreis Aachen, an der Vicht, Knotenpunkt

der Linien M'Gladbach-S., Langerwehe-Herbesthal, S.-Alsdorf,

Stolberger Thalbahn, Eschweiler-Velau, S.-Münsterbusch und

Morsbach-S. der Preußischen Staatsbahn, hat 2 evangelische

und 2 kath. Kirchen, ein uraltes Schloß (nach der Sage

Jagdschloß Karls d. Gr.), ein Amtsgericht, eine

Handelskammer, Sayettspinnerei, großartige Zink- und

Messingindustrie, Eisengießereien, Dampfkesselfabriken,

Bleihütten, Kupferhämmer, Glasfabriken mit

Glasschleiferei, ein Walzwerk, Fabriken für Spiegelglas,

Maschinen, Nähnadeln, Haken und Schlingen, Messing- u.

Eisendraht, ferner Gerberei, Kalkbrennerei, Seifensiederei, eine

große chemische Fabrik (Waldmeisterhütte) der

Gesellschaft Rhenania, Bergbau auf Steinkohlen, Eisen, Blei, Galmei

und Zinkblende und (1885) 11,835 meist kath. Einwohner. Die

Messingindustrie der Stadt wurde im 16. und 17. Jahrh. durch aus

Frankreich und Aachen vertriebene Protestanten begründet.

Stolberg, altadliges Geschlecht aus Thüringen,

welches bis ins 11. Jahrh. zurückreicht, und dessen Stammland

die Grafschaft S. in Thüringen ist. Schon 1412 in den

Reichsgrafenstand erhoben, vermehrte es seinen Besitz durch

Erwerbung der Grafschaften Hohnstein, Wernigerode, Königstein,

von welch letzterer jetzt nur noch Gedern und Ortenberg dem Haus

angehören, Wertheim und Rochefort in Belgien, die 1801

verloren ging, sowie des hennebergischen Fleckens Schwarza. Von den

beiden Linien, in welche sich das Geschlecht früher teilte,

der Harz- und der Rheinlinie, erlosch erstere 1631. Letztere teilte

sich 1645 in die Linien: S.-Wernigerode, S.-Stolberg und

S.-Roßla. Die erste hat außer der Grafschaft

Wernigerode im Harz nebst Schwarza noch große Besitzungen in

Schlesien, dem Großherzogtum Hessen und Hannover und wird

gegenwärtig durch Graf Otto von S., geb. 30. Okt. 1837,

repräsentiert (s. S.-Wernigerode 2). Dieser Linie

gehörten an: Graf Ferdinand von S., geb. 18. Okt. 1775, gest.

20. Mai 1854 in Peterswaldau als preußischer Geheimrat, und

Graf Anton von S., geb. 23. Okt. 1785, gest. 11. Juli 1854, der bis

1840 Oberpräsident der Provinz Sachsen und von 1842 bis 1848

zweiter Chef des Ministeriums des königlichen Hauses war.

Dessen Sohn war Graf Eberhard von S., gest. 1872 (s. S.-Wernigerode

1). Die Linie S.-Stolberg, die ein Areal von 200 qkm besitzt,

blüht in dem Hauptast, repräsentiert durch den Grafen

Alfred von S., geb. 23. Nov. 1820, preußischen Standesherrn,

und einem Nebenast, dessen Chef derzeit Graf Günther von S.,

geb. 22. Nov. 1820, ist. Ein Oheim desselben war Graf Joseph von

S., geb. 12. Aug. 1804, gest. 5. April 1859 in Mecheln, bekannt

durch die Stiftung des Bonifaciusvereins (s. d.). Der Stifter

dieses Nebenastes war Graf Christian Günther von S., gest. 22.

Juni 1765 als dänischer Geheimrat, der Vater der als Dichter

bekannten Grafen Christian und Friedrich Leopold zu S. Die Linie

S.-Roßla, deren Besitzungen in Preußen, dem

Großherzogtum Hessen und Anhalt 300 qkm betragen, wird

gegenwärtig durch Graf Botho August Karl, Standesherrn in

Preußen und Hessen, geb. 12. Juli 1850, vertreten. Vgl. Graf

Botho zu S.-Wernigerode, Geschichte des Hauses S. 1210-1511

(Magdeb. 1883) ; Derselbe, Regesta Stolbergica (das. 1886).

Stolberg, 1) Christian, Graf zu, Dichter, der Linie

S.-Stolberg angehörig, geb. 15. Okt. 1748 zu Hamburg, Sohn des

Grafen Christian Günther, studierte seit 1769 in Halle,

1772-74 in Göttingen, wo er dem Göttinger Dichterbund (s.

d.) beitrat, erhielt 1777 die Amtmannsstelle zu Tremsbüttel in

Holstein und vermählte sich hier mit der in vielen

345

Stolberger Diamanten - Stolberg-Wernigerode.

seiner Gedichte gefeierten Luise, Witwe des

Hofjägermeisters v. Gramm, einer gebornen Gräfin von

Reventlow. Nach 23jähriger musterhafter Verwaltung

seines Amtes legte er dasselbe (1800) nieder und lebte

fortan auf seinem Gut Windebye bei Eckernförde. Er

starb 18. Jan. 1821. Seine kleinern "Gedichte" (Elegien, Lieder,

Balladen etc.) sind mit denen seines Bruders zuerst 1779 in Leipzig

(neue Aufl. 1822) erschienen; ebenso die "Schauspiele mit

Chören" (1787), von

denen ihm "Belsazar" und "Otanes" angehören. Beiden

Brüdern gemeinsam waren auch die "Vaterländischen

Gedichte" (Hamb. 1810, 2. Aufl. 1815), in

welchen sie freilich an die neue Zeit einen veralteten

Maßstab legten. Christian lieferte außerdem "Gedichte

aus dem Griechischen" (Hamb. 1782) und eine

Übersetzung des Sophokles (Leipz. 1787, 2 Bde.) in

fünffüßigen Iamben, Übertragungen, die

für ihre Zeit nicht ohne Wert waren. Seine sämtlichen

poetischen Arbeiten befinden sich in der Ausgabe der

"Werke der Brüder S." (Hamb. 1820-25, 20 Bde.);

eine Auswahl aus den Gedichten beider gab Kreiten heraus

(Paderb. 1889).

2) Friedrich Leopold, Graf zu, jüngerer Bruder des vorigen,

Dichter und Schriftsteller, geb. 7.

Nov. 1750 in dem holsteinischen Flecken Bramstedt, gehörte

in Göttingen, wo er von 1772 an studierte,

gleichfalls zu dem erwähnten Dichterbund. Nach Beendigung

der Universitätsstudien wurde er als königlicher

Kammerjunker dem dänischen Hof attachiert

und bekleidete später (1777) den Posten eines Lübecker

Geschäftsträgers bei der dänischen Regierung.

Vermählt (1782) mit der mehrfach von ihm besungenen Agnes,

einer Gräfin von Witzleben, lebte er mehrere Jahre ganz seinem

häuslichen Glück und den Musen. Nach dem Tod seiner

Gattin bekleidete er den Gesandtschaftsposten in Berlin und schritt

hier 1790 zu

einer zweiten Vermählung mit der Gräfin Sophie von

Redern. Von Berlin ging er 1791 als Präsident der

fürstbischöflichen Regierung nach Eutin, wo er mit

Voß den alten Bund der Freundschaft neu knüpfte

und durch ihn wieder zu litterarischer Thätigkeit

angespornt wurde. Nach einer Reise durch die Schweiz und Italien

legte er 1800 seine sämtlichen Ämter nieder, zog nach

Münster und trat mit Weib und Kindern (die älteste,

später dem Grafen Ferdinand von S.-Wernigerode vermählte

Tochter ausgenommen) zur römisch-katholischen Kirche

über. Von Stolbergs alten Freunden machten namentlich

Voß und Jacobi ihrem Unwillen über den Abtrünnigen

durch den Druck, ersterer auf ebenso derbe und bittere wie

letzterer auf eine würdevolle Weise, Luft. Stolbergs

litterarische Thätigkeit beschränkte sich seitdem

vorzugsweise auf seine "Geschichte der Religion Jesu

Christi" (Hamb. 1807-18, 15 Bde.; fortgesetzt von Fr. v. Kerz,

Bd. 16-45, Mainz 1825-48, und von Brischar, Bd. 46-53, das.

1850-64) und ein tendenziös gefärbtes "Leben Alfreds d.

Gr." (Münst.

1815, 2. Aufl. 1837), Werke, die durchgehend von

der geistigen Befangenheit ihres Urhebers zeugen, und auf

asketische Produkte, die kein Blatt in feinen Lorbeerkranz flechten

konnten. "Gedichte", "Schauspiele mit Chören" und

"Vaterländische Gedichte"

gab er mit seinem Bruder gemeinsam heraus. Stolbergs Lyrik ist

vielfach altertümelnd, in ihrer Freiheitsbegeisterung ganz vag

und phrasenhaft, oft gesucht einfachen Gepräges; sie stand im

allgemeinen noch unter den Einwirkungen Klopstocks. Als Prosaiker

versuchte er sich auch in einem Roman: "Die Insel" (1788), und

einer weitschweifigen "Reise durch Deutschland, die Schweiz,

Italien u. Sizilien" (1794);

als Übersetzer trat er mit der ersten Übertragung der

Iliade, einer vorzüglichen Nachdichtung von vier

Tragödien des Äschylos und mehreren Schriften Platons

hervor. S. starb 5. Dez. 1819 auf dem Gut Sondermühlen bei

Osnabrück, nachdem er kurz zuvor "Ein Büchlein von der

Liebe" (Münst. 1820, 5. Aufl. 1877)

vollendet hatte. Seine Schriften nehmen den größten

Teil der "Werke der Brüder S." (Hamb. 1820-1825, 20 Bde.) ein.

Vgl. Nicolovius, F. L., Graf

zu S. (Mainz 1846), mehr apologetische Parteischrift

als Lebensbeschreibung; Menge, Graf F. L. S. und

seine Zeitgenossen (Gotha 1863, 2 Bde.): Hennes, Aus Fr. L. v.

Stolbergs Jugendjahren (das. 1876);

Janssen, F. L., Graf zu S. (3. Aufl., Freiberg 1882).

3) Auguste Luise, Gräfin zu, Schwester der vorigen, geb. 7.

Jan. 1753 zu Bramstedt, wurde durch

ihre Brüder mit Klopstock, Miller und andern Mitgliedern

des Göttinger Dichterbundes bekannt und

trat auch mit Goethe in Briefwechsel, den sie übrigens

persönlich nie kennen lernte. Sie heiratete 1783 den

dänischen Minister Grafen A. P. Bernstorff, wurde

1797 Witwe und starb 30. Juni 1835. Vgl. "Goethes Briefe an die

Gräfin Auguste zu S." (mit Einleitung von W. Arndt, 2. Aufl.,

Leipz. 1881).

Stolberger Diamanten, Bergkristalle vom Auerberg im

Unterharz.

Stolberg-Wernigerode, 1) Eberhard, Graf von,

Präsident des preuß. Herrenhauses, geb. 11. März

1810 zu Peterswaldau bei Reichenbach i. S., Sohn

des 1854 gestorbenen Generalleutnants und Ministers Grafen Anton

aus der schlesischen Seitenlinie des Hauses S., diente zuerst in

der Armee, verwaltete dann die Fideikommißherrschaft

Kreppelhof bei

Landeshut in Schlesien, ward 1853 erbliches Mitglied des

Herrenhauses, in welchem er sich durch seine schroff feudale

Gesinnung hervorthat und bald zum Präsidenten gewählt

wurde, und war 1867-69 konservatives Mitglied des norddeutschen

Reichstags.

1864 organisierte er die Johanniter-Lazarettpflege mit solchem

Eifer und Geschick, daß ihn der König

1866 zum Kommissar und Militärinspektor der freiwilligen

Krankenpflege bei der Feldarmee ernannte. In dieser Eigenschaft

gründete der Graf den "Preußischen Verein zur Pflege im

Feld verwundeter und erkrankter Krieger". 1869 zum

Oberpräsidenten von Schlesien ernannt, starb er 8. Aug. 1872

kinderlos zu Johannisbad in Böhmen.

2) Otto, Graf von, Chef des Hauses, geb. 30. Okt. 1837 zu Gedern

in Hessen, Sohn des Erbgrafen Hermann (geb. 30. Sept. 1802, gest.

24. Okt. 1841),

besuchte das Gymnasium in Duisburg und, nachdem er seinem

Großvater, Grafen Heinrich, 16. Febr. 1854

gefolgt war, die Universitäten Göttingen und

Heidelberg, diente 1859-61 als Offizier in der preußischen

Armee, ward 1867 zum Oberpräsidenten von Hannover ernannt,

welches Amt er bis 1873 mit Takt, Umsicht und großem Erfolg

verwaltete, im

März 1876 Botschafter des Deutschen Reichs zu Wien

und 1. Juni 1878 Stellvertreter des Reichskanzlers

und Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums.

Dies Amt legte er 20. Juni 1881 nieder und ward 1884

Oberstkämmerer und stellvertreten-der Minister des

königlichen Hauses, welches letztere

Amt er 1888 aufgab. 1867-78 Mitglied des Reichstags, 1872-86

Kanzler des Johanniterordens, 1872 bis 1877 Präsident des

Herrenhauses und 1875 Vorsitzender der außerordentlichen

Generalsynode, gehört er zur gemäßigt konservativen

Partei. Er ist erster Vorsitzender des Zentralkomitees der

deutschen Vereine und des preußischen Vereins vom Roten

Kreuz.

346

Stolgebühren - Stollenschrank.

Stolgebühren (Jura stolae), die nach der Stola (s.

d.) benannten Gebühren, welche die Geistlichen für

kirchliche Handlungen, namentlich Taufen, Trauungen, Abnahme der

Beichte und Begräbnisse, beziehen. Schon zu Ende des 5. Jahrh.

war eine Taxe für alle geistlichen Verrichtungen vorhanden;

doch floß das von den Laien dafür in den Opferstock der

Kirche gelegte Geld anfangs der Kirchenkasse zu, die davon den

Pfarrern ihren Anteil gab. Erst später war jeder Parochus

befugt, die S. für sich allein einzunehmen. Auch in der

protestantischen Kirche bilden die S. (als zufällige Einnahmen

jetzt gewöhnlich Accidenzien oder Kasualien genannt) einen

Teil der Einnahmen des Pfarrers; doch sind sie in Deutschland

vielfach abgeschafft und durch festen Gehalt ersetzt worden.

Stoliczka (spr. -litschka), Ferdinand, Paläontolog,

geboren im Mai 1838 in Mähren, war nach Vollendung seiner

Studien mehrere Jahre ein thätiges Mitglied der geologischen

Reichsanstalt zu Wien und wurde 1862 als Mitarbeiter an der

Geological Survey ofIndia nach Kalkutta berufen. Seine Arbeiten

sind meist paläontologischen Inhalts. Eine Reihe von

Aufsätzen behandelt die Kreidefossilien Südindiens.

Daneben publizierte er wichtige zoologische Arbeiten in den

Schriften der Asiatic Society of Bengal, deren Sekretär er

seit 1868 war. 1864 und 1865 machte er Forschungsreisen nach dem

englischen Tibet, nahm 1873 als Geolog an der Forsythschen

Gesandtschaftsreise nach Kaschgar teil, ging dann mit Oberst Gordon

und Kapitän Trotter nach dem Tschatyrkul im Thianschan,

über die Pamirs nach Wachan und zurück, starb aber auf

dem Marsch 19. Juni 1874 in Murghi am Shayok, unfern des

Sasserpasses in Ladak. Vgl. Ball, Memoir of the life and work of F.

S. (Lond. 1886).

Stolidität (lat.), Albernheit, Dummheit.

Stoljetow, Nikolai Grigorjewitsch, russ. General, geb.

1834, trat 1855 als Offizier in ein Regiment der Kaukasusarmee,

avancierte in derselben bis zum Oberstleutnant und ward 1867 zum

Chef der Kanzlei der Militärverwaltung von Turkistan ernannt.

Kurz darauf zum Obersten befördert, erhielt er 1872 das

Kommando des uralischen Infanterieregiments. Nicht lange nachher

ward ihm die Leitung der Amu Darja-Expedition, einer

wissenschaftlichen Unternehmung und zugleich auch

militärischen Rekognoszierung, übertragen. 1875 zum

Generalmajor befördert, erhielt er 1877 den Auftrag, die

bulgarischen Druschinen (Milizbataillone) zu organisieren, und an

der Spitze von sechs bulgarischen Bataillonen nahm er an Gurkos

erstem Zug über den Balkan teil, kämpfte 31. Juli 1877

bei Eski-Sagra mit und hatte den ersten Anprall Suleiman Paschas

auf dem Schipkapaß auszuhalten. Auch beim zweiten

Balkanübergang im Winter 1877-78 befehligte er eine Brigade.

Nach dem Frieden von San Stefano ward er an der Spitze einer

großen Gesandtschaft nach Kabul zum Emir von Afghanistan

geschickt, um diesen zum Widerstand gegen die Engländer

aufzureizen, zog sich aber mit diesem nach Turkistan zurück,

als die Engländer in Afghanistan einrückten.

Stollberg, 1) Stadt in der sächs.

Kreishauptmannschaft Zwickau, Amtshauptmannschaft Chemnitz,

Knotenpunkt der Linien S.-Chemnitz und St. Egidien-Zwönitz der

Sächsischen Staatsbahn, 418 m ü. M., hat 2 Kirchen, ein

neues Rathaus, eine Realschule, ein Amtsgericht, eine bedeutende

Strumpfwarenfabrik (800 Arbeiter), Strumpfstuhl-, Zigarren-,

Metallwaren- u. Kartonagenfabrikation, Maschinenbau, mechanische

Weberei und Zwirnerei, Dampfsägewerke und (1885) 6541 fast nur

evang. Einwohner. Dabei das Dorf Hoheneck mit dem hoch gelegenen

gleichnamigen Schloß (jetzt Arbeitshaus für Männer)

und (1885) 1210 Einw. -

2) S. Stolberg.

Stollbeulen (Ellbogenbeulen), bei Pferden

Geschwülste an der hintern Seite und auf der Spitze des

Ellbogens, die infolge von Quetschungen der Haut und Unterhaut

entstehen. Diese Quetschungsentzündung wird in einzelnen

Fällen durch den Druck der Stollen des Hufeisens während

des Liegens der Pferde mit untergeschlagenen Füßen

hervorgerufen (daher der Name), kommt aber auch bei stellenlosen

Hufeifen und unbeschlagenen Pferden vor. Die Entzündung

breitet sich gewöhnlich auf das benachbarte Bindegewebe aus;

die zunächst mit Blut gefüllten Hohlräume werden

durch Wucherung und Verdichtung des Bindegewebes zum

größten Teil wieder ausgefüllt, und die Geschwulst

wird infolgedessen fest und derb (Stollschwamm). In der ersten Zeit

bildet sich in der Geschwulst nicht selten eine Eiterung. Die

Behandlung verlangt Abstellung der Ursache fortgesetzter

Quetschung; bei frischer Entzündung sind kühlende Mittel,

sonst Entleeren der Flüssigkeit, Einreibungen mit grüner

Seife und Einspritzungen von Jodtinktur angezeigt. Veraltete,

speckartige Stollschwämme können nur durch Ätzmittel

oder auf operativem Weg entfernt werden. Besonders

zweckmäßig ist das Abbinden der S., weil mit demselben

die Verheilung ohne Zurücklassung einer narbigen

Deformität erzielt wird. Übrigens stören S. den

Dienstgebrauch der Pferde wenig, beeinträchtigen aber oft das

gute Aussehen. Die alte Annahme, daß S. am häufigsten

bei lungenkranken Pferden vorkommen, ist unbegründet.

Stolle, Ludwig Ferdinand, Belletrist, geb. 28. Sept. 1806

zu Dresden, studierte in Leipzig die Rechte und

Staatswissenschaften, widmete sich dann zu Grimma und seit 1855 in

Dresden der Litteratur und starb in letzterer Stadt 29. Sept. 1872.

Durch die Herausgabe des humoristisch-politischen Volksblattes "Der

Dorfbarbier" (1844-63) in weitern Kreisen bekannt geworden, fand er

mit feinen zahlreichen historischen und humoristischen Romanen, von

denen wir nur "1813" (Leipz. 1838, 3 Bde.), "Elba und Waterloo"

(das. 1838, 3 Bde.), "Deutsche Pickwickier" (das. 1841, 3 Bde; 3.

Aufl. 1878), "Napoleon in Ägypten" (das. 1843, 3 Bde.) und

"Die Erbschaft in Kabul" (das. 1845) namentlich anführen, wie

mit seinen Erzählungen und Novellen ("Frühlingsglocken",

"Moosrosen" etc.) zahlreiche Leser. Sie wurden unter dem Titel:

"Des Dorfbarbiers ausgewählte Schriften" (2. Aufl., Leipz.

1859-64, 30 Bde.; neue Folge, Plauen 1865, 12 Bde.) gesammelt.

Außer "Gedichten" (Grimma 1847) gab er auch die lyrische

Sammlung "Palmen des Friedens" (Leipz. 1855, 5. Aufl. 1873) heraus

und schrieb zuletzt das Idyll "Ein Frühling auf dem Lande"

(das. 1867).

Stollen, ein möglichst horizontaler, vom Tag

ausgehender, nach Umständen verzweigter unterirdischer

Grubenbau, welcher verschiedenen Zwecken dient; in der Poetik ein

Teil der Strophe der alten Minnelieder (s. Aufgesang und

Abgesang).

Stollenrösche, der vom Mundloch eines Stollens bis

zum nächsten Wasserlauf geführte Graben.

Stollenschrank, ein auf Pfosten (Stollen) ruhender

Schrank mit Doppelthüren, im Mittelalter und in der

Renaissancezeit vornehmlich in den Rheinlanden verfertigt. Die

Pfosten waren meist durch eine Rückwand und unten durch ein

Querbrett verbunden. S. Tafel "Möbel", Fig. 10.

347

Stollhofen - Stolze.

Stollhofen, Dorf im bad. Kreis Baden, unweit des Rheins,

hat (1885) 1139 Einw., ehemals Mittelpunkt der Stollhofer Linien,

die, jetzt vollständig verschwunden, im spanischen

Erbfolgekrieg vom Markgrafen Lndwig von Baden bis zu seinem Tod

(1707) behauptet, nachher von den Franzosen genommen wurden.

Stolnik (russ.), Titel eines Hofbeamten im moskowitischen

Großfürsten- und Zartum; Truchseß.

Stolo(lat.), in der Botanik s. v. w. Ausläufer (s.

d.).

Stolp, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk

Köslin, an der Stolpe, Knotenpunkt der Linien Stargard i.

P.-Zoppot und Neustettin-Stolpmünde der Preußischen

Staatsbahn, 35 m ü. M., hat 3 evang. Kirchen (darunter die

Marienkirche mit hohem Turm und die im 13. Jahrh. erbaute

Schloßkirche), eine altlutherische und eine kath. Kirche,

eine Synagoge, ein altes Schloß und (1885) mit der Garnison

(3 Eskadrons Husaren Nr. 5) 22,442 Einw. (darunter 542 Katholiken

und 867 Juden), welche Eisengießerei und Maschinenbau,

Tabaks-, Zigarren-, Bernsteinwaren und Lederfabrikation,

Wollspinnerei, Dampftischlerei, Ziegelbrennerei, Lachsfischerei

etc. betreiben; auch hat S. 2 große Mahl- und 5

Sägemühlen. Der Handel, unterstützt durch eine

Reichsbanknebenstelle, ist lebhaft in Getreide, Vieh, Spiritus,

Holz, Fischen und Gänsen. S. ist Sitz eines Landgerichts,

zweier Oberförstereien, einer

Mobiliar-Brandversicherungsgesellschaft und hat ein Gymnasium,

verbunden mit Realprogymnasium, ein Fräuleinstift, ein

Invalidenhaus, ein Krankenhaus, ein Militärlazarett und 2

Hofpitäler. Zum Landgerichtsbezirk S. gehören die sieben

Amtsgerichte zu Bütow, Lauenburg, Pollnow, Rügenwalde,

Rummelsburg, Schlawe und S.

Wappen von Stolp.

Stolpe, Küstenfluß in Hinterpommern,

entspringt aus dem Stolper See im Regierungsbezirk Danzig, nimmt

die Bütow, Kamenz und Schottow auf, ist flößbar und

mündet nach einem Laufe von 150 km bei Stolpmünde in die

Ostsee.

Stolpen, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft

Dresden, Amtshauptmannschaft Pirna, an der Wesenitz und der Linie

Neustadt-Dürrröhrsdorf der Sächsischen Staatsbahn,

auf steilem Basaltberg, hat ein Amtsgericht, ein dreitürmiges

altes Schloß, in welchem die Gräfin Cosel (s. d.)

1716-65 gefangen saß, Messerfabrikation und (1885) 1367

Einw.

Stolpmünde, Flecken im preuß. Regierungsbezirk

Köslin, Kreis Stolp, an der Mündung der Stolpe in die

Ostsee und an der Linie Neustettin-S. der Preußischen

Staatsbahn, hat eine evang. Kirche, eine Navigationsvorschule, ein

Seebad, 2 Dampfschneidemühlen, Schiffahrt, Holz- und

Spiritushandel und (1885) 1974 fast nur evang. Einwohner. Vgl.

Zessin, Das Ostseebad S. (Stolp 1885).

Stolze, Friedrich, Frankfurter Dialektdichter, geb. 21.

Nov. 1816 zu Frankfurt a. M., ward von seinem Vater zum

Kaufmannsstand bestimmt, verließ diesen aber nach des Vaters

Tod, um sich den schönen Wissenschaften zuzuwenden, und

ließ sich nach mehrfachen Reisen als Schriftsteller in seiner

Vaterstadt nieder, wo er von 1852 an die im Dialekt geschriebene

"Frankfurter Krebbelzeitung" und daneben seit 1860 mit dem Maler

Schalk die "Frankfurter Laterne" herausgab, die beide 1866 bei der

Besetzung Frankfurts durch die Preußen unterdrückt

wurden. S. lebte seitdem in Stuttgart, dann in der Schweiz, kehrte

aber nach erfolgter Amnestie nach Frankfurt zurück, wo er die

Redaktion der "Frankfurter Laterne" von neuem übernahm. Er

veröffentlichte: "Skizzen aus der Pfalz" (Frankf. 1849);

"Gedichte in hochdeutscher Mundart" (das. 1862); "Gedichte in

Frankfurter Mundart" (das. 1865, 6. Ausl. 1883; 2. Bd., 1884);

"Novellen und Erzählungen in Frankfurter Mundart" (das.

1880-85, 2 Bde.) u. a.

Stolz kommt mit der Eitelkeit (s. d.) darin überein,

daß er, wie diese, als Wirkung des Ehrtriebs auf den Besitz

persönlicher Vorzüge Wert legt, unterscheidet sich aber

von dieser dadurch, daß dieselben nicht eben durchaus

unbedeutende oder gar nur vermeintlich besessene (wirkliche oder

vermeintliche körperliche Schönheit u. dgl.) Güter

sind, sondern wahre und tatsächlich besessene, sogar sittlich

wertvolle Güter (Charakterfestigkeit, wissenschaftliche oder

künstlerische Leistungsfähigkeit u. dgl.) sein

können. Geht derselbe so weit, daß er, um sich zu

behaupten, lieber äußere Vorteile opfert, so heißt

er edler S. Überschätzt er seinen Wert oder

läßt sich durch das Gefühl desselben zur

Geringschätzung andrer verleiten, so geht er in Hochmut (wie

die Eitelkeit in gleichem Fall in Hoffart) über.

Stolz, Alban, bekannter kathol. Theolog, geb. 8. Febr.

1808 zu Bühl im Badischen, ward 1833 zum Priester geweiht und

gab seit 1843, wo er Repetent am theologischen Konvikt zu Freiburg

i. Br. wurde, den vielgelesenen "Kalender für Zeit und

Ewigkeit" heraus. Seit 1848 war er Professor der Pastoraltheologie

und Pädagogik an der theologischen Fakultät. Mehr jedoch

wirkte er durch eine Unzahl von asketischen und kirchenpolitischen

Schriften, wie er denn überhaupt als der originellste und

fruchtbarste aller populären Vertreter des deutschen

Ultramontanismus gelten darf. Er starb 16. Okt. 1883. Von

größern Werken sind anzuführen: "Spanisches

für die gebildete Welt" (8. Aufl., Freiburg 1885); "Besuch bei

Sem, Ham und Japhet" (5. Aufl., das. 1876), beides

Reisefrüchte. Die meisten seiner zahlreichen Schriften

(gesammelt, Freiburg 1871-87, 15 Bde.) wurden in fremde Sprachen

übersetzt. Vgl. Hägele, Alban S. (3. Aufl., Freiburg

1889).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 100 / 302 段