Töne, welche im tierischen Organismus beim Durchgang des Atems
durch den Kehlkopf willkürlich erzeugt werden. Das menschliche
Stimmorgan zerfällt in das Windrohr, das Zungenwerk und in das
Ansatzrohr. Der Kehlkopf ist ein Zungenwerk mit membranösen
Zungen (den Stimmbändern). Als Windrohr dienen die
Luftröhre und deren Verästelungen, als Zungen die beiden
untern Stimmbänder, und das Ansatzrohr wird gebildet von den
obern Teilen des Kehlkopfes (den Morgagnischen Taschen und den
sogen. obern Stimmbändern) sowie von der Schlund-, Mund- und
Nasenhöhle. Der Vorgang bei der Stimmbildung, welche auf
regelmäßigen periodischen Explosionen der durch die enge
Stimmritze tretenden Luft beruht, ist nun folgender: Die
Luftröhre leitet die unter einem gewissen Druck stehende
Ausatmungsluft gegen die mehr oder weniger gespannten und also
schwingungsfähigen Stimmbänder, die jedoch für sich
keine oder nur ganz schwache Töne geben. Die beiden untern
Stimmbänder treten von den Seiten her einander entgegen und
verwandeln die zwischen ihnen liegende Stimmritze in eine feine
Spalte, welche dem Luftaustritt ein gewisses Hindernis
entgegensetzt. Dadurch wird eine zu schnelle Entleerung des in den
Lungen vorhandenen Luftvorrats verhindert, und es wird
möglich, einmal den Ton längere Zeit hindurch auszuhalten
und das andre Mal die Luft des Windrohrs durch den Druck der
Ausatmungsmuskeln in eine bestimmte Spannung zu versetzen. Der
Luftstoß drängt die Stimmbänder in die Höhe
und etwas auseinander; sofort aber schwingen die Bänder
zurück, und die Stimmritze wird dadurch wieder verengert.
Dieses Schwingen der Stimmbänder mit abwechselnder minimaler
Verengerung und Erweiterung der Stimmritze wiederholt sich oft und
in rhythmischer Weise, d. h. die Schwingungen sind
regelmäßige. Dadurch wird auch die Luft des Ansatzrohrs
in regelmäßige, stehende, also tönende Schwingungen
versetzt. Zur Hervorbringung selbst der schwächsten Töne
ist eine gewisse Stärke des Anblasens nötig, d. h. es
muß die Luft im Windrohr eine gewisse Spannung haben, welche
wir ihr durch Zusammendrücken des Brustkorbes, d. h. durch die
Ausatmung, geben. Bei großer Kraftlosigkeit der
Atmungsmuskeln und bei einer Öffnung in der Luftröhre
(Wunde) geht daher die S. verloren. Übrigens dienen die
Wandungen der Luftröhre und der Bronchien sowie die in ihnen
eingeschlossenen Luftmassen als Resonanzapparate, denn sie
verstärken durch ihr Mitschwingen die Töne. Menschen mit
entwickeltem Brustkorb haben darum eine kräftige S.; der
Brustkorb selbst wird durch die
331
Stimme (des Menschen).
S. in Schwingungen versetzt, welche die auf den Brustkorb
aufgelegte Hand wahrzunehmen vermag (Stimmvibration des Thorax).
Selbst beim heftigsten und schnellsten Ausatmen entstehen keine
Töne, welche der S. irgendwie vergleichbar wären, sondern
nur blasende oder keuchende Geräusche infolge der Reibung der
Luft im Kehlkopf und an andern Stellen der Luftwege. Tonbildung ist
immer nur möglich, wenn der Luftstrom regelmäßig
unterbrochen wird durch die gespannten Stimmbänder. Aus diesem
Grund muß eine feine Stimmritze vorhanden sein, wenn es zur
Tonbildung kommen soll, denn die weite Stimmritze gibt kein
hinreichendes Hemmnis für den Luftstrom ab. Diese Stimmritze
wird ausschließlich durch die untern Stimmbänder
gebildet, denn wenn man am toten Kehlkopf die untern
Stimmbänder abträgt, so bekommt man mittels der obern
Stimmbänder allein keine Töne mehr. Bei höhern
Tönen näherten sich zwar auch die obern Bänder
einander, doch nie in dem Grade, daß dadurch ein zur
Tonbildung hinreichendes Lufthindernis gebildet wurde. Entfernt man
aber am toten Kehlkopf die obern Bänder, so erlangt man durch
die untern Bänder immer noch mit Leichtigkeit Töne, nur
von etwas anderm Klang als bei unversehrtem Kehlkopf. Ebensowenig
wird durch Verstümmelung der obern Bänder die
Tonhöhe verändert. Die untern Bänder sind demnach
unentbehrlich zur Tonerzeugung, und sie allein verdienen daher den
Namen der Stimmbänder. Die Bildung der engen Stimmritze wird
dadurch bewirkt, daß die Gießkannenknorpel aneinander
rücken und somit den freien Rand der Stimmbänder einander
nähern. Mit zunehmender Tonhöhe wird die Stimmritze enger
und kürzer. Ganz unentbehrlich für die Stimmbildung ist
die gehörige Spannung und Elastizität der
Stimmbänder. Ist der Schleimüberzug derselben
entzündlich geschwollen, mit zähem und dickem Schleim
belegt, oder sind die Stimmbänder durch andre krankhafte
Prozesse, Neubildungen etc., verdickt, so sind sie unfähig, in
gehöriger Weise zu schwingen. Die Tongebung ist dann mehr oder
weniger gehindert, die Töne werden rauh, unangenehmer und
tiefer; in höherm Grade tritt völlige Stimmlosigkeit ein.
Außerdem ist zum Hervorbringen eines Tons von bestimmter
Höhe erforderlich, daß Länge und Spannung der
Stimmbänder unverändert bleiben. Die Bildung und
Öffnung der Stimmritze ist an die Ortsbewegungen gebunden,
welche die beiden Gießkannenknorpel ausführen. Durch das
Auseinanderrücken letzterer wird die Stimmritze gebildet
(geschlossen), durch die Rückwärtsbewegung derselben
werden die Stimmbänder gespannt und umgekehrt. Die
Tonhöhe ist abhängig von der Länge und der Spannung
der Stimmbänder. Die Länge der Stimmbänder ist von
großem Einfluß auf die Stimmlage in der Art, daß
mit langen Stimmbändern (beim Mann) eine tiefe, mit kurzen
Stimmbändern (beim Kind und Weib) eine hohe Stimmlage
verbunden ist. Für jedes einzelne Stimmorgan ist die Spannung
der Bänder das Hauptveränderungsmittel der Tonhöhe:
je größer die Spannung, um so höher der betreffende
Ton. Die Spannung der Stimmbänder erfolgt durch Muskelwirkung
, wobei ihr hinterer Insertionspunkt sich von dem vordern entfernt.
Für alle die Formveränderungen, welche mit der Stimmritze
bei der Tonbildung vor sich gehen, sind besondere Muskeln am
Kehlkopf angebracht. Die Tonhöhe steigt jedoch nicht
bloß mit zunehmender Spannung der Stimmbänder, sondern
auch mit zunehmender Stärke des Luftstroms, welcher durch die
Stimmritze geht. Eine und dieselbe Tonhöhe ist also erreichbar
entweder durch stärkere Bänderspannung bei zugleich
ruhigem Ausatmungsstrom oder mittels schwächerer Spannung der
Bänder bei stärkerm Luftstrom. Im erstern Fall hat der
Ton einen angenehmern Klang, aber beide Faktoren sind wichtige
Kompensationsmittel der Tonhöhe. Auch erklärt sich
hieraus, daß die höchsten Töne niemals schwach, die
niedrigsten niemals sehr stark gegeben werden können. Obschon
während des Ausatmens mit Abnahme des Luftvorrats auch die
Kraft des Anblasens abnimmt, so kann der Ton trotzdem auf gleicher
Höhe erhalten werden durch zunehmende Spannung der
Stimmbänder. Das Ansatzrohr der musikalischen Zungenwerke wird
am menschlichen Stimmorgan mit mannigfachen, der S. zu gute
kommenden Modifikationen durch diejenigen Abschnitte der Luftwege
vertreten, welche oberhalb der untern Stimmbänder liegen, also
durch die Rachen-, Mund- und Nasenhöhle. Dieses Ansatzrohr
verändert zwar nicht wesentlich die Tonhöhe, wohl aber
den Klang und besonders die Stärke des Tons. Zuhalten der
Nase, Schließen oder Öffnen des Mundes z. B.
verändern in der That niemals die Höhe, wohl aber den
Klang und die Stärke der Töne. Ein Verschluß der
Nase ändert, wenn der Ausatmungsstrom schwach und der Mund
weit geöffnet ist, den Klang der Töne
verhältnismäßig nur wenig; bei starkem Luftstrom
aber wird der Klang näselnd, indem die Wände der
Nasenhöhle die Schallwellen nicht bloß reflektieren,
sondern auch selbst in stärkere, den Klang modifizierende
Schwingungen geraten. Zunehmende Räumlichkeit der Mund- und
Nasenhöhle begünstigt, umfängliche
Verknöcherung der Kehlkopfknorpel vermindert die
Tonstärke.
Nach dem Umfang der menschlichen S. unterscheidet man den Sopran
oder die höhere Frauenstimme, den Alt oder die tiefere
Frauenstimme, den Tenor oder die hohe Männerstimme und den
Baß oder die tiefe Männerstimme. Der Sopran liegt
ungefähr eine Oktave höher als der Tenor, der Alt um
ebensoviel höher als der Baß. Zwischen dem tiefsten
Baß- und höchsten Sopranton liegen etwas über 3 1/2
Oktaven. Rechnet man die Stimmen von seltener Tiefe und Höhe
dazu, so beträgt der ganze Umfang der Menschenstimme sogar 5
Oktaven; ihr tiefster Ton hat 80, ihr höchster 1024
Schwingungen in der Sekunde. Eine gute Einzelstimme umfaßt 2
Oktaven (und etwas darüber) musikalisch verwendbarer
Töne. Stimmen von größerm Umfang sind nicht so
selten, ja selbst ein Gebiet von 3 1/2 Oktaven wurde schon
beobachtet. Der Baß erreicht ausnahmsweise f1, Kinderstimmen
und der Frauensopran manchmal f3, ja selbst a3. Nur wenige
Töne, nämlich von c1-f1, sind allen Stimmlagen gemein.
Die Menschenstimme zeigt unendlich viele individuelle
Modifikationen oder Klangarten. Hierfür sind außer der
Regelmäßigkeit, d. h. der gleichen Dauer, der
Schwingungen der Stimmbänder, wodurch die Reinheit der S.
vorzugsweise bedingt wird, namentlich die Teile des Ansatzrohrs,
deren Form, Größe, Elastizität etc.
maßgebend. Abgesehen von den individuellen Klangarten,
unterscheidet man zwei Hauptregister von Tönen: Brusttöne
und Falsetttöne. Der Klang der erstern ist voll und stark, die
auf die Brust gelegte Hand fühlt deutliche Vibrationen; die
Falsett- oder Fisteltöne (s. Falsett) dagegen sind weicher.
Weiteres s. unter Stimmbildung.
Vgl. v. Kempelen, Der Mechanismus der menschlichen Sprache nebst
der Beschreibung einer sprechenden Maschine (Wien 1791); Joh.
Müller, über die
332
Stimmer - Stimmführung.
Kompensation der physischen Kräfte am menschlichen
Stimmorgan (Berl. 1839); Liskovius, Physiologie der menschlichen S.
(Leipz. 1846); Merkel, Anthropophonik (das. 1857); Derselbe, Die
Funktionen des menschlichen Schlund- und Kehlkopfes (das. 1862);
Roßbach, Physiologie der menschlichen S. (Würzb. 1869);
Luschka, Der Kehlkopf des Menschen (Tübingen 1871);
Fournié, Physiologie des sons de la voix et de la parole
(Par. 1877); Helmholtz, Lehre von den Tonempfindungen (4. Aufl.,
Braunschw. 1876); Grützner, Physiologie der S. und Sprache (in
Hermanns "Handbuch der Physiologie", Bd. 1, Tl. 2, Leipz. 1879);
Mandl, Die Gesundheitslehre der S. in Sprache und Gesang
(Braunschw. 1876).
Die Stimmen der Tiere.
Mit Ausnahme der walfischartigen Tiere und des Stachelschweins,
die weder Stimmbänder noch Morgagnische Taschen besitzen,
treffen wir bei sämtlichen Säugetieren stimmbildende
Apparate an, die dem beschriebenen des Menschen ganz ähnlich
sind. Oftmals finden sich große resonatorische Nebenapparate
vor, welche die S. zu verstärken und in ihrer Klangfarbe zu
beeinflussen berufen sind. Je umfangreicher der Kehlkopf und die
Stimmbänder, desto lauter ist die S. Die S. der meisten Tiere
ist nicht sehr umfangreich; bei den meisten Wiederkäuern
bewegt sie sich nur innerhalb ein bis zwei Tonstufen. Oftmals
bringen Tiere Töne hervor, die in ihrer Höhe sehr weit
auseinander liegen, ohne daß sie zur Erzeugung der
zwischenliegenden Töne befähigt wären. Bei einigen
Tieren dient nicht allein der Ausatmungs-, sondern auch der
Einatmungsluftstrom der Stimmbildung; in diesen Fällen ist
meistens der Kehlkopf mit besondern Apparaten ausgestattet, z. B.
beim Esel. Bei der Erzeugung hoher Töne bedienen sich die
Tiere oftmals der Fistelstimme, z. B. der Hund, wenn er sich nach
etwas sehnt, oder wenn er Schmerzen empfindet. Die S. der
Vögel, namentlich der Männchen, ist ungemein entwickelt.
Obenan stehen hier die Singvögel und die Papageien. Mit
Ausnahme einiger straußartiger Vögel und Geier haben
sämtliche Vögel einen doppelten Kehlkopf. Der eine davon
entspricht vollständig dem Kehlkopf der Säugetiere, hat
aber mit der eigentlichen Stimmbildung gar nichts zu thun und
besitzt keine knorpelige, sondern eine knöcherne Grundlage.
Der andre liegt im Brustraum an der Vereinigungsstelle der
Luftröhrenzweige und stellt den eigentlichen stimmbildenden
Apparat dar. Derselbe ist entweder einfach oder doppelt vorhanden
und liegt im erstern Fall entweder im Anfangsteil der
Luftröhre oder an der Übergangsstelle in die Bronchien;
im andern Fall befindet sich in jedem der beiden Bronchien ein
Stimmapparat. Schon Cuvier und Johannes Müller konnten
experimentell nachweisen, daß die S. der Vögel in dem
untern Kehlkopf gebildet wird; letzterm gelang es auch, durch
Anblasen des ausgeschnittenen untern Kehlkopfes der S.
ähnliche Töne zu erzeugen. Die Stimmbildung beruht bei
den Vögeln im wesentlichen auf demselben Prinzip wie beiden
Säugetieren, da wir es auch hier mit membranösen
Zungenpfeifen zu thun haben. Die S. der Amphibien ist nur von
untergeordnetem Interesse. Die Krokodile haben eine durchdringende
und schreiende S., die allerdings in der Gefangenschaft kaum
beobachtet wird. Bei den Lurchen, besonders bei den
ungeschwänzten, findet man neben den stimmbildenden Apparaten
vielfach noch resonatorische Einrichtungen, die wesentlich zur
Verstärkung der S. dienen (z. B. die Luftsäcke der Kehle
bei den Fröschen). Sind auch die meisten Fische stumm, so
wußte doch schon Aristoteles, daß manche Fische
brummende, singende Töne zu erzeugen im stande sind.
Allerdings kann man hier von einer S. nur dann sprechen, wenn man
unter letzterer die Fähigkeit eines Tiers versteht, Töne
als Mittel zur gegenseitigen Verständigung zu benutzen. Auch
nur im letztern Sinn können wir von einer S. der Insekten
sprechen; hierbei kommen die durch den Flügelschlag erzeugten
Töne kaum in Rechnung. über die Einrichtung der
Stimmapparate s. Insekten, S. 978.
Stimmer, Tobias, Maler und Zeichner für den
Holzschnitt, geb. 1539 zu Schaffhausen, war dort, in
Straßburg und Frankfurt a. M. als Fassaden- und
Porträtmaler thätig und hat besonders eine große
Anzahl von Zeichnungen für den Holzschnitt (biblische
Darstellungen, Allegorien, Embleme, Genrebilder etc.) gefertigt,
welche von dem Buchdrucker S. Feierabend in Frankfurt a. M.
herausgegeben wurden. Er starb 1582 in Straßburg. S.
schloß sich an H. Holbein den jüngern an, verfiel aber
zuletzt in leere Manier. Von seinen Fassadenmalereien hat sich die
des Hauses zum Ritter in Schaffhausen erhalten. Bildnisse von ihm
befinden sich im Museum zu Basel.
Stimmfehler (Vitia vocis), organische oder funktionelle
Affektionen des Kehlkopfes und des oberhalb desselben gelegenen
Teils des Respirationsorgans, bei welchen entweder die Erzeugung
der tongebenden Schwingungen der Stimmbänder mehr oder weniger
aufgehoben, oder die willkürliche Modifizierung derselben
unmöglich gemacht worden, oder die Klangfarbe der im Kehlkopf
erzeugten Töne eine abnorme geworden ist. Die wichtigsten S.
sind Heiserkeit und Aphonie. Häufig, namentlich beim
Stimmwechsel und männlichen Geschlecht, ist auch das
Überschnappen der Stimme (Hyperphonie), wobei die Töne
der Stimme leicht aus dem Brustregister in das Falsettregister
umschlagen.
Stimmführung nennt man den musikalischen Satz in Bezug
auf die Behandlung der einzelnen denselben hervorbringenden
Stimmen. Das Wichtigste der Lehre von der S. läßt sich
in wenige Worte zusammenfassen. Die Seele der S. ist die
Sekundfortschreitung. Der Satz erscheint um so glatter,
vollkommener, je mehr die Akkordfolgen durch Sekundschritte der
einzelnen Stimmen bewerkstelligt werden. Selbst harmonisch sehr
schwer verständliche Folgen geben sich mit einer gewissen
Ungezwungenheit, wenn alle oder die meisten Stimmen Sekundschritte
machen, seien diese Ganztonschritte, Leitton- oder chromatische
Halbtonschritte (s. Beispiel). Ein vorzügliches Bindemittel
einander folgender Akkorde ist ferner das Liegenbleiben gemeinsamer
Töne. Eine Ausnahme macht die Führung der
Baßstimme, welche gern von Grundton zu Grundton der Harmonien
fortschreitet und wesentlich der Förderung des harmonischen
Verständnisses dient; auch von Hauptton zu Terzton und von
Terzton zu Terzton oder Hauptton geht der Baß gern, dagegen
ist der Sprung der Baßstimme zum Quintton mit Vorsicht zu
behandeln (s. Quartsextakkord und Konsonanz). Überhaupt aber
ist die Sekundbewegung zwar erstrebenswert, jedoch keineswegs immer
erreichbar, und gerade die Stimme, welche zumeist frei und zuerst
erfunden wird, die eigentliche Melodiestimme (in der neuern Musik
gewöhnlich die Oberstimme), unterbricht die Sekundbewegung
gern durch größere, sogen. harmonische Schritte. Da
solche Schritte, wie bereits bemerkt, den Effekt der
Mehrstimmigkeit durch Brechung machen, so sind sie
333
Stimmgabel - Stimmung.
eine Bereicherung des Satzes; es blüht sozusagen eine
zweite Stimme aus der einen heraus (im Orchester- und Klaviersatz
geschieht das oft genug wirklich). Von solchem Gesichtspunkt aus
erscheint das Abweichen von der Sekundbewegung auch für die
Mittelstimmen oft als ein Vorzug, indem dieselben sich dadurch
selbständiger herausheben. Gewisse Stimmschritte, die
harmonisch schwer verständlich und darum schwer rein zu
treffen sind, vermeidet der Vokalsatz gern (der "strenge" Stil
vermeidet sie ganz), nämlich die übermäßigen
Schritte (Tritonus, übermäßiger Sekundschritt etc.)
und den verminderten Terzschritt (cis-es). Die in allen
Lehrbüchern der Harmonie zu findenden Regeln, daß der
Leitton einen kleinen Sekundschritt nach oben mache und die Septime
nach unten fortschreiten müsse, sind nur bedingungsweise
richtig. Wo der Leitton in Dominantenakkord auftritt und dieser
schließend sich zur Tonika fortbewegt, wird natürlich
der Leittonschritt gemacht werden, weil überhaupt
Halbtonfortschreitungen überall zu machen sind, wo sich
Gelegenheit bietet und dadurch nicht gegen eine andre Satzregel
verstoßen wird; deshalb wird auch die Septime in den
Fällen gern nach unten fortschreiten, wo sie einen fallenden
Leittonschritt ausführen kann, z. B. wo sich der
Dominantseptimenakkord in die Durtonika auflöst (s. das
Beispiel). In diesem Fall ist sowohl der steigende Leittonschritt
h'-c'' als der fallende f'-e' obligatorisch und wird nur in
Ausnahmefällen von einem von beiden abzusehen sein. Dagegen
ist kein Grund abzusehen, warum in Akkorden wie h:d:f:a oder
c:e:g:h die Septime sich abwärts bewegen sollte, wenn nicht
Gefahr der Quintenparallelen od. dgl. dazu zwingt. Es wird immer
darauf ankommen, was für eine Harmonie folgt; enthält
dieselbe die Oktave des Grundtons, so wird die Septime häufig
steigen. Die Regel der abwärts zu führenden Septime wie
des aufwärts zu führenden Leittons ist also nichts andres
als ein praktischer Fingerzeig, weil bei den gewöhnlichsten
Akkordfolgen sich diese S. als eine bequeme ergibt. Dagegen sind
von höchster Bedeutung für die S. die negativen Gesetze:
das Quintenverbot und Oktavenverbot (s. Parallelen), da falsche
Parallelen dem Grundprinzip des mehrstimmigen Satzes, eine
Vereinigung mehrerer sich selbständig und wohl unterscheidbar
bewegender Stimmen zu sein, widersprechen.
Stimmgabel, ein nach Gerber im 18. Jahrh. von dem
englischen Musiker John Shore erfundenes, aus Stahl gabelartig
zweizinkig gearbeitetes, unten mit einem Stiel von gleicher Masse
versehenes Instrument, das, wenn seine beiden Zinken durch
Anschlagen in Vibration gesetzt werden, einen sanften, einfachen
Ton von bestimmter Tonhöhe gibt. Die S. ist in den meisten
Fällen auf das eingestrichene a (Kammerton) gestimmt und dient
zur Bewahrung einer absolut gleichen Tonhöhe. S. Schall, S.
392.
Stimmrecht, allgemeines, s. Allgemeines S.
Stimmritze, s. Kehlkopf.
Stimmritzenkrampf (Laryngospasmus infantilis, Asthma
laryngeum, Laryngismus stridulus), krampfhafte Zusammenziehung
derjenigen Muskeln, welche die Stimmritze verschließen,
beruht auf einem krampfhaften Erregungszustand der Nerven, welche
jene Muskeln innervieren. In manchen Fällen scheint die Anlage
zum S. angeboren zu sein, da in einzelnen Familien fast alle Kinder
daran erkranken. Der S. tritt in Anfällen auf, zwischen
welchen freie Pausen liegen. Der Anfall ist charakterisiert durch
eine plötzliche gewaltsame Unterbrechung des Atmens, welche
mehrere Minuten lang andauern kann, wenn die Stimmritze nicht
gänzlich verschlossen, sondern nur stark verengert ist. Das
Atmen ist dabei mit einem pfeifenden langgezogenen Geräusch
verbunden. Das Kind ist voll der höchsten Angst und Unruhe,
wird blau im Gesicht und macht angestrengte Bewegungen, um zu
atmen. Husten, Heiserkeit und Fieber fehlen dabei. Ist der Krampf
vorüber, und hat das Kind seine Angst vergessen, so ist wieder
vollständiges Wohlbefinden da. Manchmal sind krampfhafte
Bewegungen der Finger und Zehen, der Arme und Beine mit den
Anfällen von S. verbunden oder wechseln mit ihnen ab. Die
Anfälle treten in verschiedenen Zeiträumen auf; oft
wiederholen sie sich erst nach acht und mehr Tagen, in schlimmen
Fällen folgen sie schneller aufeinander. Immer bleibt
große Neigung zu Rückfällen zurück, welche man
selbst dann noch zu fürchten hat, wenn das Kind monatelang
frei geblieben ist. In seltenen Fällen trat der S. nur in
Einem Anfall auf und kehrte nie wieder. Der Krankheitsanfall geht
meist binnen wenigen Sekunden oder Minuten vorüber, endet aber
auch manchmal mit dem plötzlichen Tode der Kinder durch
Erstickung. Sobald sich ein Anfall einstellt, soll man das Kind
aufrichten, ihm Wasser in das Gesicht spritzen, kühle Luft
zufächeln, den Rücken reiben und ein Klystier von
Kamillen-oder Baldrianthee setzen. Auch ist es gut, einen Senfteig
vorrätig zu halten, um denselben, sobald der Anfall eintritt,
in die Magengrube zu legen. In der freien Zwischenzeit muß
man alle Unregelmäßigkeiten in der Verdauung beseitigen,
den Stuhlgang regulieren und für eine möglichst
zweckmäßige Ernährung des Kindes sorgen.
Stimmung, in der Musik s. v. w. Feststellung der
Tonhöhe und zwar 1) Feststellung der absoluten Tonhöhe,
d.h. der Schwingungszahl eines Tons, nachdem die übrigen
gestimmt werden. In ältern Zeiten hatte man verschiedene
Stimmungen für verschiedene Instrumente: die einen waren in
den Chorton (s. d.), die andern in den Kammerton (s. d.) gestimmt;
in der neuern Zeit bediente man sich allgemein des Kammertons (vgl.
A). Indessen war nicht nur die Tonhöhe des letztern an
verschiedenen Orten eine verschiedene, so daß man von einer
Pariser, Wiener, Berliner, Petersburger S. etc. spricht, sondern es
hat sich außerdem in den letzten anderthalb Jahrhunderten ein
stetiges Hinauftreiben der S. herausgestellt. Zu Lullys Zeiten
(1633-87) war dieselbe fast anderthalb Töne tiefer als jetzt;
seit Händel und Gluck ist sie um einen ganzen Ton gestiegen,
seit Mozart um einen halben. Nach der Pariser S. von 1788 zeigte
das eingestrichene a 409 (Doppel-) Schwingungen in der Sekunde,
nach der ältern Mozart-Stimmung etwas über 421, nach der
Pariser S. von 1835: 449, nach der Wiener und Berliner S. von etwa
1850: 442. Um diesem fortdauernden Schwanken des Kammertons Einhalt
zu thun und die Einführung einer allgemein gültigen S.
anzubahnen, nahm man in Deutschland in Übereinstimmung mit der
Deutschen Naturforschergesellschaft (1834) Scheiblers Bestimmung
als für den Kammerton maßgebend an, nach welcher dem
eingestrichenen a in der Sekunde 440 Schwingungen zukommen,
während man 1858 zu Paris auf Anlaß Napoleons III. durch
eine Kommission von Sachverständigen einen neuen Kammerton
(diapason normal) feststellte, welcher zunächst für
Frankreich die normale Tonhöhe auf 870 einfache (= 435
Doppel-) Schwingungen bestimmte. Dieselbe kam bald auch auf
mehreren deutschen Bühnen (z. B. der Wiener, Dresdener und
Ber-
334
Stimmungsbild - Stinktier.
liner) zur Geltung und wurde auf der 16.-19. Nov. 1885 in Wien
tagenden internationalen Konferenz zur Feststellung eines
einheitlichen Stimmtons endlich einstimmig angenommen. - 2)
Theoretische Bestimmung der relativen Tonhöhen, der
Verhältnisse (Intervalle) der Töne untereinander, welche
wieder auf zweierlei Weise möglich ist: a) abstrakt
theoretisch als mathematisch-physikalische Tonbestimmung (s. d.),
und b) für die Praxis berechnet, welche statt der zahllosen
theoretisch definierten Tonwerte nur wenige substituieren
muß, wenn sie einen sichern Anhalt für die Intonation
gewinnen will, als Temperatur (s. d.). - 3) Die praktische
Ausführung der Temperatur, welche jetzt für Orgel wie
Klavier allgemein die gleichschwebende zwölfstufige ist. Exakt
durchführbar ist dieselbe nicht, doch erreicht die Routine
befriedigende Resultate. Was mit der Undurchführbarkeit der
gleichschwebenden Temperatur versöhnen kann, ist der Umstand,
daß diese selbst keine exakten Werte vorstellt, sondern nur
Näherungswerte, Mittelwerte, und daß eine etwanige
Abweichung ein Intervall schlechter, dafür aber ein andres
besser macht. Das einzige Intervall, das absolut rein gestimmt
werden muß, ist die Oktave; die Quinte muß ein wenig
tiefer sein, und zwar beträgt die Differenz in der
eingestrichenen Oktave etwa eine Schwingung, d.h. wenn man jede
Quinte so viel tiefer stimmt, daß sie gegen die reine Quinte
eine Schwebung in der Sekunde macht, und jede Quarte um ebensoviel
höher, so wird man ungefähr genau auskommen. Von
Schriften, welche die S. der Klavierinstrumente behandeln, seien
besonders die von Werkmeister (1691 und 1715), Sinn (1717), Sorge
(1744, 1748, 1754, 1758), Kirnberger (1760), Marpurg (1776 und
1790), Schröter (1747 und 1782), Wiese (1791, 1792, 1793),
Türk (1806), Abt Vogler (1807) und Scheibler (1834, 1835 und
1838) erwähnt. Die Mehrzahl der ältern Stimmmethoden sind
gemischte, ungleich schwebend temperierte, d.h. sie bewahren einer
Anzahl Intervallen ihre akustische Reinheit, während andre
dafür desto schlechter ausfallen. - Im geistigen Sinn
bezeichnet S. einen bestimmten Gemütszustand, den in aller
Reinheit zum Ausdruck zu bringen eine der Hauptaufgaben der Musik
wie jeder andern Kunst ist.
Stimmungsbild, s. Landschaftsmalerei.
Stimmwechsel, s. Mutation.