Stillen der Kinder, die Ernährung der Kinder in den

ersten Lebensmonaten durch die Mutter- oder Ammenmilch. Für

das neugeborne Kind, den Säugling, ist die Milch seiner Mutter

die natürlichste und gesündeste Nahrung. Anderseits ist

das Stillen ihrer Kinder für die Mutter eine natürliche

Pflicht und für die Erhaltung ihrer eignen Gesundheit, zumal

während des Wochenbettes, erforderlich. Bleibt die Mutter

gesund, und wird die Milchabsonderung nicht gestört, so

genügt die Mutterbrust dem Kind bis zu der Zeit, wo mit dem

Durchbruch der Zähne sich der Trieb nach festen

Nahrungsmitteln äußert. Mit dem ersten Anlegen des

Kindes darf man nicht warten, bis die Brüste reichlichere und

wirkliche Milch geben. Gerade durch das Saugen des Kindes wird die

Milchabsonderung am besten befördert, und das Kolostrum,

welches vom Kind zuerst verschluckt wird, begünstigt den

Abgang des Kindspechs aus dem Darm. Schon in den ersten 24 Stunden

nach der Geburt, am besten, sobald das Kind ordentlich aufgewacht

ist, legt man dasselbe an die Brust und wiederholt dies etwa alle 3

Stunden, im allgemeinen um so häufiger, je schwächlicher

das Kind ist, und läßt es dann um so weniger auf einmal

trinken. Sonst aber läßt man es saugen, bis es satt ist,

d. h. bis es zu trinken aufhört, oder bis es einschläft.

Man läßt das Kind nun so lange schlafen, bis es von

selbst aufwacht, und gibt ihm dann wieder die Brust. Nach einigen

Monaten braucht dem Kinde die Brust nur in größern

Zwischenräumen gereicht zu werden, und es pflegt dann um so

größere Portionen auf einmal zu trinken. Wegen der

nachteiligen Wirkung auf die Milchabsonderung und somit auch auf

den Säugling darf dieser niemals gleich nach einem heftigen

Gemütsaffekt, Zorn oder Ärger, der Mutter an die Brust

gelegt werden; man kennt viele Fälle, wo Kinder unter solchen

Umständen plötzlich erkrankt und selbst gestorben sind.

Nach jedesmaligem Trinken muß der Mund des Säuglings mit

einem zarten, in Wasser getauchten Leinwandläppchen

sorgfältig gereinigt werden. Es ist dies das sicherste Mittel

gegen Schwämmchenbildung auf der kindlichen Mundschleimhaut

sowie gegen das Wundwerden der Brustwarzen. Mit der Entwickelung

der Zähne müssen dem Kind noch andre Nahrungsmittel als

Milch gereicht werden, und jetzt, wenn das Kind die Mutterbrust

beißen kann, soll es von derselben entwöhnt werden,

gewöhnlich etwa nach Vollendung des ersten Lebensjahrs, oft

aber auch erst später. Je schwächlicher und

kränklicher das Kind, je schlechter es genährt ist, um so

später ist dasselbe zu entwöhnen, desgleichen bei

bestehendem Verdacht auf erbliche Anlage zu gewissen Krankheiten.

Hier fahre man womöglich mit dem Stillen über das erste

Zahnen hinaus fort. Überhaupt warte man mit dem Entwöhnen

eine Zeit ab, wo das Kind ganz gesund ist, und nehme es

womöglich erst im Frühjahr oder Sommer vor. Immer sollte

das Kind schon vorher mit Vorsicht und allmählich an

dünnen Milchbrei, Suppen mit Zwieback, Arrowroot u. dgl.

gewöhnt werden. Dem entwöhnten Kind gibt man täglich

vier- bis fünfmal einen dünnen Brei aus feinem

Weizenmehl, fein gestoßenem Zwieback und Milch mit wenig

Zucker. Nebenher gibt man dem Kind gute, erwärmte, nicht

abgekochte Kuhmilch, unter Umständen mäßig

verdünnt, zu trinken. Wird das Kind stärker, so reicht

man ihm Kalbfleisch- und Hühnerfleischbrühe, später

auch andre Fleischbrühsuppen mit Grieß, Reis u. dgl.,

die aber durchgeseiht und einem dünnen Brei ähnlich sein

müssen, bis man endlich nach dem Zahndurchbruch zu festern

Nahrungsmitteln übergeht.

Stiller Freitag, s. Karfreitag.

Stiller Ozean (engl. Pacific Ocean, franz. Océan

Pacifique), derjenige Teil des Weltmeers, welcher sich zwischen

Amerika, Asien und Australien von der Beringsstraße bis zum

südlichen Polarkreis ausbreitet (s. Karte "Ozeanien") und

gegen den Atlantischen Ozean durch den Meridian des Kap Horn, gegen

den Indischen Ozean durch den Meridian des Kap Liuwin abgegrenzt

wird. Er überdeckt (uneingerechnet das Chinesische Meer und

die australisch-ostindischen Archipelgewässer) einen

Flächenraum von 2,926,210 QM. oder 161,125,673 qkm (nach

Krümmels Berechnung), übertrifft also an Ausdehnung die

Gesamtoberfläche der fünf Kontinente (2,441,642 QM.). Die

älteste Benennung des Stillen Ozeans war Mar del Zur, die

Südsee, weil dieses Meer bei der ersten Entdeckung 1513 von

Vasco Nunez de Balboa im Süden des Isthmus von Darien gesehen

wurde. Die Benennung Südsee ist noch jetzt für das

gesamte inselreiche Meer südlich von Japan und den

Sandwichinseln, namentlich bei den Seeleuten, allgemein in

Gebrauch. Die von Malte-Brun herrührende Bezeichnung als

Großer Ozean hat sich nicht allgemein einzubürgern

vermocht und verschwindet mehr und mehr. Die in allen Sprachen

eingebürgerte Bezeichnung Pacific oder S. O. rührt von

Magelhaens her, welcher nach stürmischer Fahrt drei Monate

lang bei beständigem stillen Wetter dieses Meer durchsegelte,

bis er die Ladronen erreichte. Die Erforschung des Stillen Ozeans

auf wissenschaftlicher Grundlage datiert von Cook und seinen

unmittelbaren Nachfolgern. Krusenstern, Dumont d'Urville, King und

Fitzroy und eine Reihe andrer hervorragender Seeoffiziere setzten

diese Arbeiten in unserm Jahrhundert fort. Die Hydrographie des

Stillen Ozeans ist so weit gefördert, daß Entdeckungen

neuer Inseln als ausgeschlossen gelten dürfen, wenn auch die

genauere Bestimmung und Kartierung der zahlreichen kleinen Inseln

(nahe 700) noch zum größern Teil der Zukunft vorbehalten

bleibt.

Die Tiefenverhältnisse des Stillen Ozeans sind durch eine

Reihe von Forschungen in den beiden letzten Jahrzehnten in

großen Zügen bestimmt worden. Danach befindet sich im

nördlichen Stillen Ozean ein großes Depressionsgebiet

von über 6000 m Tiefe (Tuscaroratiefe), dessen westlicher Teil

die größte bisher gelotete Tiefe aufweist (8513 m; vgl.

die Tabelle im Art. "Meer", S. 411). Der steile Abfall von der

Küste von Japan zu diesen großen Tiefen ist

bemerkenswert. Ein kleines tiefes Gebiet liegt in großer

Nähe des südamerikanischen Kontinents. Dagegen ist der

südliche Stille Ozean, soweit bis jetzt erforscht,

verhältnismäßig arm an großen Tiefen. Die

Tiefenverhältnisse zwischen den einzelnen Inselgruppen

sind

328

Stiller Ozean (Hydrographisches, Verkehrsverhältnisse).

noch wenig bekannt und nach den vereinzelten Lotungen als sehr

ungleichmäßig zu betrachten.

Die für den Stillen Ozean charakteristischen

Erdbebenwellen, welche von Zeit zu Zeit beobachtet worden sind,

lassen einen Schluß zu auf die mittlere Tiefe des

durchlaufenen Meeresgebiets. Die Erdbebenwellen von 1854, 1868 und

1877 sind zu solchen Berechnungen benutzt und haben für die

Richtung Kalifornien-Japan rund 4050 m, für die Richtung

Peru-Neuseeland 2750 m ergeben (Hochstetter 1869, Geinitz 1877 in

"Petermanns Geographischen Mitteilungen"). Bisher sind solche

Beobachtungen nur immer an einer Seite des Ozeans mit

selbstregistrierenden Apparaten angestellt, während die

Zeitangaben für die andre Seite schwankend waren. Die

Ergebnisse sind daher noch ungenau. Auf Grund der verschiedenen

Lotungen und Berechnungen bis zum Jahr 1878 ist die mittlere Tiefe

des Stillen Ozeans von Supan gefunden worden zu 3370 m, von

Krümmel (ohne Rücksicht auf die Wellenrechnung) zu 3912

m. Das Stromsystem an der Oberfläche des Stillen Ozeans zeigt

in seinen Hauptzügen Analogien mit dem des Atlantischen

Ozeans. Auch hier wird ein Äquatorialstrom von den Passaten zu

beiden Seiten des Äquators nach W. getrieben. Die Nordgrenze

dieser Westströmungen setzt Duperrey in 24° nördl.

Br., die Südgrenze in 26° südl. Br. In der Nähe

des Äquators findet sich ein östlich gerichteter

Äqnatorialgegenstrom, in der Regel zwischen 2 und 6°

nördl. Br. angegeben. Diese Strömungen sind bei weitem

nicht so stark und beständig wie die analogen des Atlantischen

Ozeans. Da außerdem ihre Grenzen nach N. und Süden mit

den Jahreszeiten schwanken müssen, so bedarf es einer sehr

großen Zahl von Beobachtungen, um ein zuverlässiges Bild

dieser Verhältnisse zu erlangen. Daran mangelt es so sehr,

daß die Fortführung dieser Strömungen über den

ganzen Ozean auf einer Verbindung von Einzelbeobachtungen und

Wahrscheinlichkeiten beruht, welche noch weiterer Bestätigung

bedürfen. Die weitaus größte Fläche des

Stillen Ozeans ist frei von regelmäßigen

Strömungen, an den Küsten der Kontinente dagegen finden

sich ausgeprägte Stromverhältnisse, welche denen des

Atlantischen Ozeans nahekommen. Namentlich der Kuro Siwo (Schwarzer

oder Japanischer Strom, s. Kuro Siwo), welcher warmes Wasser an der

Ostküste von Japan nach N. führt, ist stets gern mit dem

Golfstrom verglichen worden. Seine Fortsetzung macht sich an der

Westküste Nordamerikas in warmem, feuchtem Klima bemerklich.

Der Labradorströmung der Ostküste von Nordamerika

entspricht das kalte Wasser im Ochotskischen Meer und bis zur

Halbinsel von Korea. Im südlichen Stillen Ozean finden sich

ebenfalls analoge Strömungen wie im südlichen

Atlantischen Ozean. Eine nach Süden setzende australische

Strömung macht sich an der Küste von Neusüdwales

bemerklich. Im Süden von Australien herrscht ein

östlicher Strom vor, welcher den australischen Strom nach

Neuseeland hin ablenkt.

Südlich von 30° südl. Br. herrschen Westwinde und

mit ihnen laufende Ostströme vor, welche nach der

Westküste Südamerikas das Wasser hintreiben. Daraus

resultieren an dieser Küste die an der patagonischen

Küste nach Süden um das Kap Horn setzende Strömung

und nach N. die kalte Peru- oder Humboldt-Strömung, welche

sich bis über die Galapagosinseln hinaus fortsetzt und auf das

Klima der ganzen Küste einen so wohlthätigen

Einfluß ausübt. Die an der Küste von Chile und Peru

bekannten dichten Nebel werden diesem kalten Wasser zugeschrieben.

Doch wird selbst diese Strömung streckenweise durch anhaltende

Nordwinde in ihren obern Schichten zum Stillstand gebracht. Neuere

Forschungen machen es wahrscheinlich, daß das kalte Wasser an

der peruanischen Küste nicht der Strömung direkt

entstammt, sondern aus der Tiefe aufsteigt.

Die Temperaturverteilung an der Oberfläche dieses

ausgedehnten Wasserbeckens ist nur lückenhaft erforscht. Es

knüpft sich jedoch an die Kenntnis derselben das für die

Südsee so wichtige Problem von der Verbreitung der Riffe

bauenden Korallen; man hat daher aus direkten Beobachtungen, aus

den Strömungen und aus der Lage der Koralleninseln

wechselseitig Schlüsse gezogen. Danach ist die

Oberflächentemperatur zwischen 28° nördl. Br. und

28° südl. Br. im allgemeinen nicht niedriger als 20°

C., mit Ausnahme der Gewässer im Bereich der peruanischen

Strömung und der Küste von Kalifornien, während im

O. das warme Wasser noch höhere Breiten (Japan) erreicht. Im

Bereich des Äquatorialgegenstroms ist das Wasser, ebenso wie

im Atlantischen Ozean, am wärmsten. Das Gebiet, in welchem das

Wasser über 20° warm bleibt, bietet die Lebensbedingungen

für die Riffe bauenden Korallen, welche im Stillen Ozean eine

so große Verbreitung aufweisen (vgl. Dana, Corals and

coral-islands) und Inselgruppen von der Ausdehnung der Karolinen u.

der Tuamotus u.a. ganz ausschließlich aufgebaut haben. Eine

charakteristische Eigentümlichkeit des westlichen Stillen

Ozeans sind die tiefen Meeresbecken, welche von der freien

Zirkulation des Tiefenwassers durch unterseeische Bodenerhebungen

abgeschlossen werden (vgl. Tiefentemperatur im Art. "Meer", S. 413

f.). Eine solche Erhebung verbindet in ca. 2600 m Tiefe Japan mit

den Bonininseln, Marianen und Karolinen und umschließt ein

8400 m tiefes Becken. Das Korallenmeer mit Tiefen von 4900 m ist in

2500 m durch eine Bodenerhebung abgesperrt, ebenso sind die Sulusee

(4700 m), Mindorosee (4800 m), Celebessee (5150 m) in Tiefen von

600-1200 m umrandet, wie sich aus ihren warmen Bodentemperaturen

unzweifelhaft ergibt.

Die Windverhältnisse des Stillen Ozeans sind im allgemeinen

denen des Atlantischen Ozeans ähnlich. Zwischen 25°

nördl. Br. und 25° südl. Br. wehen vorherrschend

Nordost- und Südostpassate, welche jedoch hier nur durch einen

schmalen, im mittlern Teil sogar überhaupt nicht durch einen

Stillengürtel voneinander getrennt sind. An der Westküste

von Nordamerika sind nördliche, an der von Südamerika

sehr beständige, aber schwache südliche Winde das ganze

Jahr hindurch vorherrschend. Die Westseite des Stillen Ozeans,

namentlich die oben genannten, durch ihre Tiefentemperaturen

merkwürdigen Meeresteile liegen im Gebiet der Monsune, welche

sie mit dem Indischen Ozean (s. d.) gemeinsam haben. Die

höhern Breiten beider Hemisphären weisen, ähnlich

wie im Atlantischen Ozean, vorherrschend Westwinde auf, welche

namentlich im Süden sehr kräftig und beständig

angetroffen werden.

Verkehrsverhältnisse des Stillen Ozeans.

Der Stille Ozean ist erst sehr spät dem Weltverkehr

eröffnet worden. Seine nordwestliche Küste wurde

allerdings schon in früher Zeit befahren, ohne daß man

aber eine Ahnung davon hatte, daß man sich hier in andern

Gewässern befinde als denen des Atlantischen Ozeans. Auch

Kolumbus meinte, daß letzterer bis nach Japan und China

reiche. Erst dem Vasco Nunez de Balboa verdanken wir die Entdeckung

der Existenz einer zwischen der Westküste Amerikas und Asien

sich hinziehenden Meeresfläche. Als der

329

Stillfried-Rattonitz - Stillleben.

eigentliche Entdecker des Stillen Ozeans muß aber

Magelhaens gelten, welcher ihn in seiner ganzen Ausdehnung von SO.

nach NW. durchquerte. Aber erst 44 Jahre später (1565) gelang

dem Mönch und Seefahrer Urbaneta der oft gemachte, stets

mißglückte Versuch, den Stillen Ozean von W. nach O. zu

durchmessen. Doch bot trotz mancher neuen Unternehmungen noch 250

Jahre nach Magelhaens der Stille Ozean noch immer ein ungeheures

Feld für Entdeckungen; der Ruhm, nicht nur die in ihm

verstreuten Archipele und einzelnen Inseln, auch seine

Tiefenverhältnisse und Riffe näher bekannt gemacht zu

haben, gebührt unbestritten Cook, und wenn auch nach ihm noch

viel gethan wurde, die Hauptarbeit hatte er doch geleistet.

Indessen eine Verkehrsstraße wurde der Stille Ozean erst viel

später. Seine Ränder freilich wurden an den asiatischen

und den australischen Küsten sowie entlang der Westseite

Amerikas mit dem wirtschaftlichen Aufschwung, bez. der

Erschließung derselben für den europäischen Handel

mit jedem Jahr belebter; allein ein Bedürfnis, durch die ganze

weite Fläche des Ozeans einen regelmäßigen Verkehr

hindurchzuleiten, stellte sich erst weit später ein. Dies fand

erst nach dem Aufblühen der australischen Kolonien und nach

der regern Anteilnahme Nordamerikas an dem Handel mit Ostasien

statt. Die Vollendung der Eisenbahn über den Isthmus von

Panama führte zur Errichtung einer Dampferlinie von Panama

nach Sydney als Fortsetzung einer in Aspinwall endigenden

englischen Linie, aber die Pacificbahn von New York nach San

Francisco gab dem Verkehr sofort eine andre Bahn. Die Dampfer

verließen in Zukunft San Francisco, um über Honolulu und

Auckland nach Sydney zu gelangen, und kehrten auf demselben Weg zu

ihrem Ausgangspunkt zurück. Eine Linie von Segelschiffen

stellte regelmäßige Verbindung zwischen San Francisco

und den französischen Markesas und Tahiti her. Eine bessere

Kenntnis der Winde und Meeresströmungen bestimmte viele

Segler, den Weg von Australien nach Europa um die Südspitze

Amerikas zu nehmen. Die zunehmende volkswirtschaftliche Bedeutung

der australischen Kolonien führte Hand in Hand mit einem

schnell wachsenden Handelsverkehr zu einer Vermehrung der zwischen

Europa und dem fünften Weltteil fahrenden Postdampferlinien.

Zu den Linien, welche um die Südküste des

Australkontinents dessen Ostküste erreichen, traten solche,

welche die Torresstraße durchziehen, kamen

Anschlußlinien in Sydney nach Neukaledonien, dem

Fidschiarchipel, der Samoa- und Tongagruppe sowie nach Neuguinea.

Englische, französische und deutsche Dampfer traten hier in

Konkurrenz. Den nördlichen Stillen Ozean durchziehen zwei von

Hongkong über Jokohama gehende Dampferlinien, deren eine in

San Francisco, deren andre in Vancouver endet. Ein

größerer Verkehr mit und zwischen den einzelnen Inseln

wurde erst dann zum Bedürfnis, als man auf denselben oder in

deren Gewässern Waren entdeckte, deren der Welthandel

benötigt, wie Kopra und Kokosnußkerne, Perlen und

Perlmutter, Trepang, Schildkrötenschalen, und als die von

europäischen Unternehmern in Ostaustralien und auf mehreren

Inselgruppen begonnene Plantagenwirtschaft eine Nachfrage nach

Arbeitern erzeugte, die nur durch Herbeiziehung von Bewohnern

gewisser Inselgruppen befriedigt werden konnte. Daß das

Telegraphenkabel hier noch einen wenig bedeutenden Platz einnimmt,

ist bei der ungeheuern Ausdehnung des Stillen Meers

erklärlich. Doch haben bereits seit längerer Zeit

Tasmania und Neuseeland Anschluß an den Australkontinent

gefunden, der wiederum durch Kabel und Landlinien mit der

übrigen Welt in Verbindung steht.

Stillfried-Rattonitz, Rudolf Maria Bernhard, Graf von,

preuß. Geschichtsforscher, geb. 14. Aug. 1804 zu Hirschberg

aus einem alten, ursprünglich böhmischen, jetzt auch in

Schlesien verzweigten Geschlecht, studierte zu Breslau die Rechte,

trat für kurze Zeit in den Staatsverwaltungsdienst und widmete

sich dann historisch-antiquarischen Studien. Er begründete,

von Friedrich Wilhelm IV. an den Hof gezogen und 1840 zum

Zeremonienmeister ernannt, das königliche Hausarchiv und ward

1856 Direktor desselben. Seit 1853 Oberzeremonienmeister und 1856

Wirklicher Geheimer Rat, ward er 1858 in Lissabon zum Granden

erster Klasse mit dem Titel eines Grafen von Alcantara und 1861 zum

preußischen Grafen ernannt. Auch ward er zum Ehrenmitglied

der Akademie der Wissenschaften gewählt. Er starb 9. Aug.

1882. S. machte sich unter anderm durch folgende Arbeiten bekannt:

"Altertümer und Kunstdenkmale des Hauses Hohenzollern" (Berl.

1838-67, 2 Foliobände), "Geschichte der Burggrafen von

Nürnberg" (Görl. 1843), "Monumenta Zollerana" (Berl.

1843-62, 7 Bde.), "Der Schwanenorden" (Halle 1845), "Beiträge

zur Geschichte des schlesischen Adels" (Berl. 1860-64, 2 Hefte),

"Stammtafel des Gesamthauses Hohenzollern" (das. 1869; neue Ausg.

1879, 6 Blatt), "Hohenzollern. Beschreibung u. Geschichte der Burg"

(Nürnb. 1871), "Friedrich Wilhelm III. und seine Söhne"

(Berl. 1874), "Die Attribute des neuen Deutschen Reichs" (3. Aufl.,

das. 1882), "Die Titel und Wappen des preußischen

Königshauses" (das. 1875), "Kloster Heilsbronn" (das. 1877)

und gab mit Kugler das Prachtwerk "Die Hohenzollern und das

deutsche Vaterland" (3. Aufl., Münch. 1884, 2 Bde.) sowie mit

Hänle "Das Buch vom Schwanenorden" (das. 1881) heraus. Auch

leitete er den Bau der Burg Hohenzollern und die Wiederherstellung

der Klosterkirche zu Heilsbronn.

Stillgericht, s. Femgerichte.

Stilling, Schriftsteller, s. Jung 2).

Stillingia L. (Talgbaum), Gattung aus der Familie der

Euphorbiaceen, meist Sträucher mit wechselständigen,

ganzen Blättern, endständigen Blütenähren und

dreisamigen Kapseln. S. sebifera Michx. (Exoecaria sebifera J.

Müll., s. Tafel "Öle und Fette liefernde Pflanzen"), ein

kleiner Baum mit langgestielten, breit rhombisch-eiförmigen,

ganzrandigen Blättern und großer, kugelig-elliptischer

Kapsel, besitzt haselnußgroße, schwarze Samen, welche

mit talgartigem Fett umgeben sind. Er ist in China und Japan

heimisch, wird dort sowie in Ost- und Westindien, Nordamerika,

Algerien und Südfrankreich kultiviert und liefert den

chinesischen Talg. Durch Pressen der von der Fetthülle

befreiten Samen erhält man fettes Öl. S. silvatica J.

Müll., ein Strauch mit fast sitzenden und linealischen bis

elliptisch lanzettlichen Blättern, im südlichen

Nordamerika, liefert eine purgierend wirkende Wurzel.

Stillkoller, s. Dummkoller.

Stillleben (holländ. Stilleven, engl. Still-life,

franz. Nature morte, ital. Riposo), ein Zweig der Malerei, welcher

die Darstellung lebloser Gegenstände, wie toter Tiere (Wild,

Geflügel und Fische), Haus-, Küchen- und

Tischgeräte, Früchte, Blumen, Kostbarkeiten,

Raritäten etc., zum Gegenstand hat und besonders durch ein

geschicktes Arrangement, durch koloristische Reize und feine

Beleuchtung zu wirken sucht. Schon im Altertum entwickelte sich das

S. seit

330

Stillwater - Stimme.

der alexandrinischen Zeit zu größter Blüte,

wofür die pompejanischen Wandbilder noch zahlreiche Beispiele

liefern. Die Malerei der Renaissance behandelte das S. nicht als

eine selbständige Gattung der Malerei. Seit dem Anfang des 17.

Jahrh. wurde es jedoch von den niederländischen Malern in

großem Umfang kultiviert und zur höchsten

Virtuosität entwickelt, wobei man zwei Richtungen zu

unterscheiden hat, deren eine nach glänzender koloristischer

Wirkung bei einer mehr aufs Ganze gerichteten dekorativen

Behandlung strebte, während die andre mehr auf peinliche,

miniaturartige Wiedergabe der Einzelheiten sah. Die Hauptvertreter

der niederländischen Stilllebenmalerei sind: J. Brueghel der

ältere, Snyders, Seghers, die Familie de Heem, A. van

Beijeren, W. Kalf, Heda, W. van Aelst, Dou, Fyt, Weenix, R. Ruysch,

van Huysum u. a. m. Im 19. Jahrh. ist das S. wieder sehr in

Aufnahme gekommen, in Frankreich besonders durch Robie, Vollon und

Ph. Rousseau, in Deutschland durch Preyer (Düsseldorf), die

Berliner Hoguet, P. Meyerheim, Hertel, Th. und R. Grönland,

Heimerdinger (Hamburg), namentlich aber durch die Malerinnen

Begas-Parmentier, H. v. Preuschen, Hormuth-Kallmorgan, Hedinger u.

a. Vgl. Blumen- und Früchtemalerei.

Stillwater, Stadt im nordamerikan. Staat Minnesota, 25 km

nordöstlich von St. Paul, am schiffbaren St. Croix, hat ein

Staatsgefängnis, bedeutenden Holzhandel und (1885) 16,437

Einw.

Stilo (ital.), Stil; S. osservato, der "hergebrachte",

strenge Stil, besonders der reine Vokalstil, a cappella-Stil,

Palestrinastil; S. rappresentativo, der für die szenische

Darstellung geeignete, dramatische Stil, die um 1600 zu Florenz

erfundene begleitete Monodie (s. Oper, S. 398).

Stilo, Stadt in der ital. Provinz Reggio di Calabria,

Kreis Gerace, am Stillaro, hat ein merkwürdiges altes

Kirchlein, Seidenzucht, Weinbau und (1881) 2655 Einw. Das

südöstlich davon gelegene Kap S. schließt

südlich den Golf von Squillace.

Stilpnosiderit (Eisenpecherz, Pecheisenstein), Mineral

aus der Ordnung der Hydroxyde, tritt gewöhnlich gleichzeitig

mit Brauneisenstein in nierenförmigen oder stalaktitischen,

amorphen, pechschwarzen oder schwärzlichbraunen Massen mit

starkem Fettglanz auf; Härte 4,5-5, spez. Gew. 3,6-3,8. S.

enthält Eisenoxyd und Wasser und nähert sich bald dem

Brauneisenerz (14 Proz. Wasser), bald dem Goethit (10 Proz.

Wasser); er findet sich bei Siegen, Sayn, Amberg, in Böhmen

und Mähren und wird mit Brauneisenstein verhüttet.

Stilpon, griech. Philosoph, aus Megara, blühte um

300 v. Chr. und erhob, durch Ernst und Reinheit seiner Ethik, in

welcher er ein Vorläufer der Stoiker war, sowie durch

Schärfe seiner Dialektik ausgezeichnet, die megarische Schule

zu großem Ansehen. Von seinen Schriften hat sich nichts

erhalten.

Stilton, Dorf in Huntingdonshire (England), mit (1881)

645 Einw., hat seinen Namen einer berühmten Sorte Käse

gegeben, der hier zuerst verkauft wurde, indes meist aus

Leicestershire kommt.

Stimmbänder, s. Kehlkopf.

Stimmbildung. Die verschiedenen, bei der Ausbildung der

Singstimmen (s. Stimme, S. 321) in Betracht zu ziehenden Momente

sind: 1) Bildung des richtigen Ansatzes (s. d.) der für den

Gesang geeigneten Resonanz der Vokale; 2) Schulung des Atemholens

und Atemausgebens (mittels des messa di voce), also Kräftigung

der Respirationsorgane, welche die erste Vorbedingung einer

Kräftigung der Stimme ist; 3) Übung im Festhalten der

Tonhöhe (zugleich eine Übung der beteiligten Muskeln und

Bänder und des Gehörs, ebenfalls mittels des Messa di

voce); 4) Ausgleichung der Klangfarbe der Töne (wobei zu

beachten ist, daß manchmal ein einzelner Ton schlecht

anspricht); 5) Erweiterung des Stimmumfanges (durch Übung der

Töne, welche dem Sänger bequem zu Gebote stehen); 6)

Übung der Biegsamkeit der Stimme (zunächst langsame

Tonverbindung in engen und weiten Intervallen, später

Läuferübungen, Triller, Mordente etc.); 7) Ausbildung des

Gehörs (systematische Treffübungen, Musikdiktat); 8)

Übungen in der richtigen Aussprache (am besten durch

Liederstudium) ; 9) Übungen im Vortrag (durch geschickte

Auswahl von Werken verschiedenartigen Charakters für das

Studium). Vgl. Gesang.

Stimmbruch, s. Mutation.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 95 / 302 段