neuen Bischof aus seiner Mitte zu wählen hatte. Vor der durch
den Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Febr. 1803
verfügten Säkularisation hatten die deutschen Erz- oder
Hochstifter Mainz, Trier, Köln, Salzburg, Bamberg,
Würzburg, Worms, Eichstätt, Speier, Konstanz, Augsburg,
Hildesheim, Paderborn, Freising, Regensburg, Passau, Trient,
Brixen, Basel, Münster, Osnabrück, Lüttich,
Lübeck und Chur sowie einige Propsteien (Ellwangen,
Berchtesgaden etc.) und gefürstete Abteien (Fulda, Korvei,
Kempten etc.) Landeshoheit und Stimmrecht auf dem Reichstag, daher
sie auch reichsunmittelbare Stifter hießen und den
Fürstentümern gleich geachtet wurden. In andern
Ländern waren die Stifter niemals zu so hoher Macht gelangt.
Auch in den bei der Reformation protestantisch gewordenen
Ländern blieben meist die Stifter und die Domkapitel, jedoch
ohne einen Bischof und ohne Landeshoheit, und ihre Einkünfte
wurden als Sinekuren vergeben. Ausnahmen bildeten nur das ganz
protestantische Bistum Lübeck und das aus gemischten
Kapitularen bestehende Kapitel zu Osnabrück. Jetzt sind alle
Stifter mittelbar, d. h. der Hoheit des betreffenden Landesherrn
unterworfen. Bei den unmittelbaren Hoch- und Erzstistern
mußten die Domherren ihre Stiftsfähigkeit durch 16 Ahnen
beweisen; sie waren Versorgungsanstalten für die jüngern
Söhne des Adels geworden. Während diese adligen
Kapitularen sich den Genuß aller Rechte ihrer Kanonikate
vorbehielten, wurden die geistlichen Funktionen den regulären
Chorherren auferlegt, woher sich der Unterschied der weltlichen
Chorherren (Canonici seculares), welche die eigentlichen
Kapitularen sind, von den regulierten Chorherren (Canonici
regulares) schreibt. Die säkularisierten und protestantisch
gewordenen Stifter behielten häufig ihre eigne Verfassung und
Verwaltung; meist wurden aber ihre Präbenden in Pensionen
verwandelt, welche zuweilen mit gelehrten Stellen verbunden sind.
In Preußen sind die evangelischen Domkapitel zu Brandenburg,
Merseburg und Naumburg sowie das Kollegiatstift in Zeitz
bemerkenswert. Vgl. Schneider, Die bischöflichen Domkapitel
(Mainz 1885). Außer den Erz-, Hoch- und Kollegiatstiftern
gibt es auch noch weibliche Stifter und zwar geistliche und
weltliche. Erstere entstanden durch eine Vereinigung regulierter
Chorfrauen und glichen den Klöstern; bei den freien weltlichen
Stiftern dagegen legen die Kanonissinnen nur die Gelübde der
Keuschheit und des Gehorsams gegen ihre Obern ab, können
jedoch heiraten, wenn sie auf ihre Pfründe verzichten, und
haben die Freiheit, die ihnen vom S. zufließenden
Einkünfte zu verzehren, wo sie wollen. Nur die Pröpstin
und Vorsteherin nebst einer geringen Zahl Kanonissinnen pflegen
sich im Stiftsgebäude aufzuhalten. Auch die Pfründen
dieser Stifter wußte der stiftsfähige Adel vielfach
ausschließlich für seine Töchter zu erlangen, doch
hängt häufig die Aufnahme auch von einer Einkaufssumme
ab. Auch sind für die Töchter von verdienten Beamten
Stiftsstellen geschaffen worden. Die Kanonissinnen dieser "freien
weltadligen Damenstifter" werden jetzt gewöhnlich Stiftsdamen
genannt.
Stifte, s. Nägel, S. 977.
Stifte (Balzstifte), die kleinen hornartigen Federchen an
beiden Seiten der Zehen des Auerhahns, welche er zu Ende der Balz
verliert.
Stifter, Adalbert, Dichter und Schriftsteller, geb. 23.
Okt. 1806 zu Oberplan im südlichen Böhmen, studierte in
Wien die Rechte, daneben Philosophie und Naturwissenschaften, ward
Lehrer des Fürsten Richard Metternich und 1849 zum Schulrat
für das Volksschulwesen Oberösterreichs ernannt. Als
solcher nahm er seinen Wohnsitz in Linz, von wo aus er vielfach die
Alpen, Italien etc. bereiste, ward 1865 pensioniert und starb
daselbst 28. Jan. 1868. Seine Idylle und Novellen erschienen
gesammelt unter den Titeln: "Studien" (Pest 1844-51, 6 Bde.; 8.
Aufl. 1882, 2 Bde.) und "Bunte Steine" (das. 1852, 2 Bde.; 7. Aufl.
1884). Namentlich die "Stadien" erregten von ihrem Erscheinen an
Teilnahme und selbst Enthusiasmus. Die unbedingte Hinwegwendung von
allen Problemen und Tendenzen des Tags, der idyllische, fast
quietistische Grundzug, die meisterhaften Details, namentlich die
sinnigen Naturschilderungen, die feine, gleichmäßige
Durchführung bildeten einen so wohlthuenden Gegensatz zur
Tagesbelletristtk, daß man darüber die Mängel der
überwiegend kontemplativen, aller Leidenschaft und Thatkraft
abgewandten, zur lebendigern Menschendarstellung daher
unfähigen Natur des Autors übersah. Diese Mängel
traten namentlich in den größern Romanen Stifters: "Der
Nachsommer" (Pest 1857, 3. Aufl. 1877) und "Witiko" (das. 1864-67,
3 Bde.), hervor. Stifters Nachlaß ("Briefe", Pest 1869, 3
Bde.; "Erzählungen", das. 1869, 2 Bde.; "Vermischte
Schriften", das. 1870, 2 Bde.) gab Aprent heraus. "Ausgewählte
Werke" von ihm erschienen in 4 Bänden (Leipz. 1887). Vgl. Emil
Kuh, Adalbert S. (Wien 1868); Derselbe, Grillparzer und A. S.
(Preßb. 1872); Markus, A. Stifter (2. Aufl., Wien 1879).
Stiftsherr, s. Domherr.
Stiftshütte (Bundeshütte), das zeltartige
tragbare Heiligtum, welches Moses auf dem Zug der Israeliten durch
die Wüste zum Gottesdienst anfertigen ließ. Es ward
später in Kanaan an verschiedenen Orten, zuletzt unter David
in Jerusalem, aufgestellt und darin bis zur Erbauung des Tempels
durch Salomo der Opferkultus verrichtet. Die S. (hebr. Ohel moed,
wobei man Ohel und Mischkan unterschied) bildete ein Rechteck von
30 Ellen Länge, 10 Ellen Breite und 10 Ellen Höhe. Ihre
Wände bestanden aus 48 übergoldeten Brettern von
Akazienholz, welche durch goldene Ringe zusammengehalten wurden.
Über diesen Wänden hing ein einfacher Teppich. Die
vordere, zum Eingang dienende Seite war mit einem an fünf
Säulen befestigten Vorhang verhängt. Das Innere teilte
ein andrer Vorhang (Parochet) in eine vordere Abteilung, das
Heilige, worin der Tisch mit den Schaubroten, der goldene Leuchter
und der Räucheraltar, und in eine hintere Abteilung, das
Allerheiligste, worin die Bundeslade stand. Das Ganze war mit einem
für das Volk bestimmten Vorhof umgeben. Salomo ließ nach
Erbauung des Tempels die Überreste der S. in diesem
aufstellen. Vgl. Naumann, Die S. (Gotha 1869).
Stiftslehen, s. Kirchenlehen.
Stiftsschulen, s. Domschulen.
Stiftung, s. Milde Stiftungen.
Stigel, Johann, neulat. Dichter, geb. 13. Mai 1515 bei
Gotha, studierte in Leipzig und Wittenberg, wo er Luthers und
Melanchthons Freundschaft genoß, Humaniora, ward 1542, zu
Regensburg vom Kaiser als Dichter gekrönt, Professor der
lateinischen Sprache in Wittenberg, eröffnete 1558 als erster
Professor der Beredsamkeit die Universität Jena mit der
Weihrede und starb 11. Febr. 1562. Unter seinen Schriften sind die
"Carmina" (Jena 1660 ff., 4 Bde.) hervorzuheben. Vgl.
Göttling, Vita Joh. Stigelii (Jena 1858; abgedr. in den
"Opusc. acad.", S. 1-64).
325
Stiglmayer - Stil.
Stiglmayer, Johann Baptist, Erzgießer, Bildhauer
und Medailleur, geb. 18. Okt. 1791 zu Fürstenfeldbruck bei
München, kam zu einem Goldschmied in München in die
Lehre, ward 1810 in die Akademie der bildenden Künste
aufgenommen, 1814 als Münzgraveur angestellt und 1819 nach
Italien gesandt, um die Technik des Erzgusses kennen zu lernen. In
Rom gründete er seinen Ruf durch den Guß der Büste
des spätern Königs Ludwig I. von Bayern nach Thorwaldsens
Modell. 1822 ins Vaterland zurückgekehrt, schnitt er Stempel
zu Kurrentmünzen und Medaillen und ward dann zum Inspektor der
königlichen Erzgießerei ernannt, in welcher Stellung er
eine lebhafte Thätigkeit entfaltete. Aus seiner Werkstatt
gingen folgende Güsse hervor: der Kandelaber für das vom
Grafen von Schönborn in Gaibach errichtete
Konstitutionsdenkmal, der auf dem Karolinenplatz in München
errichtete Obelisk, Bronzethore nach Zeichnungen L. v. Klenzes
für die Glyptothek und die Walhalla, das Denkmal des
Königs Maximilian I. im Bad Kreuth, nach eignem Entwurf, das
Monument des Königs Maximilian I. auf dem Max Josephsplatz in
München, nach Rauchs Modell (1835), die Reiterstatue des
Kurfürsten Maximilian aus dem Wittelsbacher Platz daselbst,
nach Thorwaldsens Modell (1836), die zwölf kolossalen
Standbilder der Fürsten des Hauses Wittelsbach im Thronsaal
der Residenz, nach Schwanthalers Modellen, die Statue Schillers auf
dem Schloßplatz zu Stuttgart, nach Thorwaldsen, die
Standbilder Jean Pauls in Baireuth, Mozarts in Salzburg, des
Markgrafen Friedrich von Brandenburg in Erlangen, des
Großherzogs Ludwig von Hessen-Darmstadt in Darmstadt, nach
Schwanthaler. Das kolossalste Werk der Münchener
Gießerei, dessen Guß S. aber nur in seinen ersten
Teilen ausführte, war die Bavaria in München, sein
letztes die Goethestatue in Frankfurt a. M. Er starb 2. März
1844 in München.
Stigma (griech., "Stich"), bei den Griechen und
Römern ein Brandmal, das Verbrechern, namentlich diebischen
oder entlaufenen Sklaven, eingebrannt wurde (gewöhnlich auf
der Stirn); in der Botanik s. v. w. Narbe (s. Blüte, S. 69);
in der Zoologie s. v. w. Luftloch (s. Tracheen).
Stigmaria Brongn., s. Lykopodiaceen, S.6.
Stigmatisation, das angebliche freiwillige Auftreten der
fünf Wundmale Christi bei Personen, die sich in eine
schwärmerische Betrachtung seiner Leiden versenkt hatten.
Nachdem der heil. Franz von Assisi (s. Franziskaner) zuerst diese
Auszeichnung erhalten haben soll und die heil. Katharina von Siena
wenigstens einen Ansatz dazu genommen, hat sich diese Erscheinung
im Lauf der Jahrhunderte an sehr zahlreichen Personen, namentlich
weiblichen Geschlechts, wiederholt, und zwar sowohl bei Nonnen als
bei weiblichen Laien, und bei einigen blieb die S. eine dauernde,
indem die Wundmale alle Freitage und am stärksten in der
Passionszeit bluteten, was dann häufig zu Schaustellungen
Anlaß gegeben hat. Insbesondere wiederholte sich die S. in
Zeiten religiöser Aufregung, und in unserm Jahrhundert haben
Katharina Emmerich, die Freundin Klemens Brentanos, Maria v.
Mörl und insbesondere Louise Lateau in dem belgischen
Dörfchen Bois d'Haine in dieser Richtung großes Aufsehen
erregt. Diese Personen gaben bestimmten Verehrerkreisen
Schaustellungen, indem sie theatralisch die Leiden Christi,
während sie dieselben angeblich empfanden, in lebenden Bildern
durchführten; daneben bekamen sie kataleptische Zufälle
(Verzückungen), in denen sie unempfindlich gegen Schmerzen zu
sein vorgaben, und mancherlei andre Wundergaben (vollkommenes
Fasten, Empfindung der Nähe heiliger Gegenstände etc.).
Das Urteil über diese Fälle hat sich zuerst
naturgemäß nur in den beiden Gegensätzen: Wunder
oder Betrug! kundgegeben, und in der unendlichen Litteratur, die
über Louise Lateau entstand, vertrat der belgische Arzt
Professor Lefebvre ("Louise Lateau", Löwen 1873) mit aller
Entschiedenheit die Überzeugung, daß hier ein
übernatürliches Ereignis vorliege, während Virchow
u. a. es einfach als Betrug brandmarkten. In der That sind denn
auch nicht wenige Fälle von sogen. S. vor den Gerichten als
grober Betrug entlarvt worden. Bei der Bedeutung, welche von
manchen Seiten dem Fall der Louise Lateau beigelegt wurde, ernannte
die Brüsseler Akademie der Wissenschaften eine Kommission zur
Untersuchung desselben, und in dem Bericht, welchen Warlomont
über die Arbeiten dieser Kommission erstattet hat, wird nun
auf Grund sehr sorgfältiger und den Betrug
ausschließender Untersuchungen und in Übereinstimmung
mit andern belgischen und französischen Ärzten die schon
von Montaigne vertretene Meinung ausgesprochen, daß eine bis
zur Krankheit gesteigerte Einbildungskraft das wiederholte
freiwillige Bluten der irgendwie erworbenen Wunden hervorbringen
könne. Außerdem bieten viele den Stigmatisierten
eigentümliche Zufälle, wie die Katalepsie,
Unempfindlichkeit, die Nachahmungssucht u. a., eine bedeutende
Ähnlichkeit mit den neuerdings genauer untersuchten
Zuständen des Hypnotismus (s. d.), welche in ähnlicher
Weise durch Konzentration der Gedanken und Sinneseindrücke auf
bestimmte eng begrenzte Gebiete hervorgerufen werden. Danach
würde sich die S. in den Fällen, wo nicht grober Betrug
vorliegt, jenen zahlreichen Erscheinengen anreihen lassen, welche
mit hochgradiger Hysterie einhergehen, und bei denen Krankheit und
Selbstbetrug so merkwürdig miteinander verbunden sind. Diesen
Standpunkt nehmen die Schriften von Warlomont (Brüssel 1875)
und Bourneville (Par. 1875) über Louise Lateau und Charbonnier
("Maladies des mystiques", Brüssel 1875) ein; aus der
unübersehbaren fernern Litteratur vgl. Schwann. Mein Gutachten
über die Versuche etc. (Köln 1875).
Stigmatypie (griech.), ein von Fasol in Wien erfundenes
Setzverfahren zur Herstellung von Bildern durch Punkte auf
typographischem Weg.
Stikeen (spr. -kihn, Stachine), Fluß in
Nordamerika, entspringt auf dem Tafelland von Britisch-Columbia,
durchfließt in seinem untern, schiffbaren Teil das
Territorium Alaska und mündet unterm 57.° nördl. Br.
in den Stillen Ozean. An seinen Ufern wurde 1862 Golo entdeckt.
Dampsschiffe befahren ihn 320 km weit.
Stil (v. lat. stilus, "Griffel", Schreibart), bezeichnet
in der Litteratur die Art und Weise der sprachlichen Darstellung,
wie sie sowohl durch die geistige Fähigkeit und subjektive
Eigentümlichkeit des Schriftstellers als auch durch den Inhalt
und den Zweck des Dargestellten bedingt wird. Da der S. also als
die durch das Ganze der schriftlichen Darstellung herrschende Art,
einen Gegenstand aufzufassen und auszudrücken, nicht nur von
dem Inhalt des Gegenstandes, sondern auch von dem Charakter und der
Bildung des Menschen abhängig ist, so hat eigentlich jeder
Schriftsteller seinen eignen S., was Buffon meint, wenn er sagt:
"Der S. ist der Mensch selbst" ("le style c'est l'homme
même"). Die erste Forderung, die man an jede Art des Stils
macht, ist Deutlichkeit und Klarheit. Die Deutlichkeit verlangt
aber Reinheit der Sprache oder Vermeidung aller
326
Stilbit - Stilke.
Wörter, die das Bürgerrecht in der Sprache nicht
erlangt haben, z. B. aller Provinzialismen, ausländischer,
ohne Not neugeschaffener oder veralteter Wörter; treue
Beobachtung der durch die Grammatik bestimmten Gesetze;
Korrektheit, wonach man das den darzustellenden Begriff
bezeichnende und deckende Wort wählt; Präzision oder
Bestimmtheit, wonach alles Überflüssige entfernt und
nicht mehr oder weniger gegeben wird, als was zur genauen
Darstellung des Gedankens erforderlich ist. Inhalt und Zweck der
stilistischen Darstellung können verschieden sein, und man
unterscheidet insbesondere drei Kräfte, die bei derselben in
Wirksamkeit treten: Verstand, Einbildung und Gefühl, weshalb
man von einem S. des Verstandes, der Einbildung und des
Gefühls spricht. Bei dem erstern wird man sich vor allem der
Deutlichkeit, bei dem zweiten der Anschaulichkeit und bei dem
dritten der Leidenschaftlichkeit zu befleißigen haben. Zu dem
ersten gehört die prosaische Darstellung im allgemeinen, zu
dem zweiten die Epik und das Drama, zu dem dritten die Lyrik und
die Rede. Die alten Griechen und Römer unterschieden,
ungefähr dem entsprechend, aber ohne Rücksicht auf Inhalt
und Zweck der Darstellung, in der Prosa einen niedern (genus
submissum), einen mittlern (g. medium) und einen höhern S. (g.
sublime), und es sollen nach ihrer Regel z. B. in einer Rede alle
drei Stilarten miteinander abwechseln (vgl. Rede). Im übrigen
unterscheidet man mehrere stilistische Gattungen mit gewissen
feststehenden Formen, z. B. den philosophischen, den didaktischen,
den historischen, den Geschäfts- und Briefstil. Die Theorie
des Stils oder Stilistik ist die geordnete Zusammenstellung aller
Regeln des guten Stils oder der üblichen Art, sich schriftlich
auszudrücken. Vgl. Wackernagel, Poetik, Rhetorik und Stilistik
(2. Aufl., Halle 1888). - In der bildenden Kunst versteht man unter
S. einerseits die in einem Kunstwerk zur Darstellung gebrachte
formale und geistige Anschauung, wie sie bei einem Volk oder in
einer gewissen Zeit für die verschiedenen Künste als
maßgebend angesehen ward, anderseits die individuelle, sich
von der allgemeinen Richtung in Einzelheiten unterscheidende
Darstellungsweise eines Künstlers. Wenn sich dieser
individuelle S. zu einseitig ausprägt oder seinen geistigen
Inhalt verliert, nennt man diese Darstellungsweise Manier (s. d.).
Ebenso bezeichnet S. in der Musik sowohl die für eine
Kompositionsgattung oder für bestimmte Instrumente
erforderliche Schreibweise (Opernstil, Klavierstil, Kirchenstil,
Vokalstil etc.) als auch die eigentümliche Schreibweise eines
Meisters. Auch spricht man von einem strengen oder gebundenen S.
und versteht darunter die Schreibweise mit reellen Stimmen unter
Beobachtung der für den Vokalstil gültigen Gesetze, und
von einem freien oder galanten S., welcher sich nicht an eine
bestimmte Anzahl Stimmen bindet, sondern dieselben nach Belieben
vermehrt oder vermindert etc. Endlich heißt auch S. die
verschiedene Rechnungsart nach dem julianischen und gregorianischen
Kalender. Man unterscheidet alten S., nach dem julianischen (noch
jetzt bei den Russen gebräuchlich), und neuen S., nach dem
gregorianischen Kalender, die beide um zwölf Tage voneinander
abweichen; daher datiert man meist 12./24. Jan., d. h. 12. Jan.
nach dem alten und 24. Jan. nach dem neuen S.
Stilbit (Heulandit, Blätterzeolith), Mineral aus der
Ordnung der Silikate (Zeolithgruppe), kristallisiert monoklinisch,
findet sich aufgewachsen oder in Drusen (s. Tafel "Mineralien",
Fig. 7), auch derb in strahligblätterigen Aggregaten, ist
farblos, gelblich, grau, braun oder durch eingeschlossene
Schüppchen von Eisenoxyd rot, glasglänzend, durchsichtig
bis kantendurchscheinend, Härte 3,5-4, spez. Gew. 2,1-2,2,
besteht aus Thonerdekalksilikat H4CaAl2Si6O18+3H2O mit geringem
Natriumgehalt. Fundorte aus Erzlagern oder Gängen (Arendal,
Kongsberg, Andreasberg), häufig in Blasenräumen der
Basalte und Basaltmandelsteine auf den Färöern, Island,
Skye, im Fassathal und in Nordamerika. S. auch s. v. w. Desmin (s.
d.).
Stilett (ital.), Spitzdolch, ein kleiner Dolch mit
schlanker, spitzer Klinge; s. Dolch.
Stilfser Joch (Monte Stelvio, Wormser Joch), der
höchste fahrbare Alpenpaß, 2756 m ü. M., an der
Nordwestseite der Ortleralpen in Tirol, mit prachtvoller
Kunststraße, welche das Etschthal (Vintschgau) mit dem Thal
der Adda (Veltlin) verbindet. Die Straße wurde 1820-25 vom
Ingenieur Donegani angelegt, ist 53 km lang und führt von
Spondinig im Vintschgau über Gomagoi (Mündung des
Suldenthals), Trafoi und Franzenshöhe in 48 Windungen, von
denen die letzten teilweise durch Galerien gedeckt sind, bis zur
Paßhöhe und von dort in 38 Windungen in das Brauliothal
und weiter nach Bormio in der italienischen Provinz Sondrio. Die
Straße übertrifft an Großartigkeit der Umgebung
alle fahrbaren Alpenübergänge. Seinen Namen erhielt das
Joch nach dem oberhalb der Straße gelegenen Tiroler
Dörfchen Stilfs.
Stilicho, röm. Feldherr und Staatsmann, Sohn eines
im römischen Heer dienenden Vandalen, schwang sich durch Mut,
Einsicht und Treue unter Kaiser Theodosius I. zu den höchsten
Stellen empor und ward von diesem zum Gemahl seiner Nichte und
Pflegetochter Serena und zum Vormund seines Sohns Honorius, welcher
395 als elfjähriger Knabe die Herrschaft des
weströmischen Reichs antrat, erwählt. S. ließ
seinen Nebenbuhler Rufinus ermorden, zwang 396 den Gotenkönig
Alarich, das von ihm verwüstete Griechenland zu räumen,
unterdrückte 398 den Aufstand des Gildo in Afrika, brachte
Alarich, als derselbe 403 in Italien einfiel, zwei Niederlagen bei
Pollentia und Verona bei, durch die derselbe genötigt wurde,
Italien zu verlassen, und als 405 oder 406 ein großes Heer
deutscher Völker unter Radagaisus in Italien eindrang, wurde
dieses bei Fäsulä von ihm eingeschlossen und fast
völlig vernichtet. Dagegen vermochte er nicht, Gallien gegen
die Vandalen und Alanen, welche dasselbe 406 überschwemmten,
zu schützen und Britannien, wo sich Constantinus zum
Gegenkaiser erhoben hatte, wieder zu unterwerfen. Er wurde 408
durch Olympius gestürzt und in Ravenna ermordet. Vgl. Keller,
Stilicho (Berl. 1884).
Stilisieren, stilmäßig formen, besonders in
Bezug auf die Schreibweise (s. Stil); in der Zeichenkunst und
Malerei das Zurückführen der Naturformen unter
Fortlassung des Zufälligen und Willkürlichen auf
Grundformen, in welchen eine gewisse Gesetzmäßigkeit
waltet. So ist z. B. der Akanthus (s. d., mit Abbildung) am
korinthischen Kapitäl stilisiert. Über stilisierte oder
stilistische Landschaften s. Heroisch.
Stilistik (lat.), s. Stil.
Stilke, Hermann, Maler, geb. 29. Jan. 1803 zu Berlin,
studierte auf der Akademie daselbst, dann seit 1821 in München
unter Cornelius, folgte demselben nach Düsseldorf, malte mit
Stürmer gemeinsam im Assisensaal zu Koblenz das (unvollendete)
Jüngste Gericht, führte darauf mehrere Fresken in den
Arkaden zu München aus, besuchte 1827 Oberitalien und ging
1828 nach Rom. 1833 kehrte er nach Düsseldorf zurück,
stellte 1842-46 im Rittersaal des Schlosses
327
Stille - Stiller Ozean.
Stolzenfels die sechs Rittertugenden in großen Wandbildern
dar, siedelte 1850 nach Berlin über und starb daselbst 22.
Sept. 1860. Außer einigen Fresken für das
königliche Schloß in Berlin und das Schauspielhaus in
Dessau malte er dort nur Staffeleibilder. Von seinen übrigen
Werken sind hervorzuheben: Kreuzfahrerwacht (1834), St. Georg mit
dem Engel, Pilger in der Wüste (Nationalgalerie in Berlin),
die Jungfrau von Orléans, die letzten Christen in Syrien
(1841, Museum in Königsberg), Raub der Söhne Eduards
(Nationalgalerie in Berlin). - Seine Gattin Hermine S., geborne
Peipers, geb. 1808, gest. 1869, hat sich als talentvolle Zeichnerin
und Aquarellmalerin bekannt gemacht.
Stille, Karl, Pseudonym, s. Demme 1).
Stille Gesellschaft, s. Handelsgesellschaft.