Berührung von Stickstoffoxyd mit Luft, beim Erhitzen
verschiedener Salpetersäuresalze (wie Bleinitrat) und, mit
Stickstofftrioxyd gemischt, bei Einwirkung von Salpetersäure
auf Stärkemehl, Zucker etc.; es bildet bei -9° farblose
Kristalle und schmilzt leicht zu einer farblosen Flüssigkeit,
die sich bei höherer Temperatur gelb färbt, bei 15°
orangerot ist, bei 22° siedet und einen braunroten, erstickend
riechenden Dampf bildet, welcher bei stärkerm Erhitzen immer
dunkler, fast schwarz wird. In Form dieses Dampfes beobachtet man
es am häufigsten. Mit wenig eiskaltem Wasser zersetzt sich das
Peroxyd in salpetrige Säure und Salpetersäure, mit Wasser
von gewöhnlicher Temperatur (wegen Zersetzung der salpetrigen
Säure) in Salpetersäure und Stickstoffoxyd und bei
Gegenwart von Sauerstoff zuletzt vollständig in
Salpetersäure. Wegen der schnell eintretenden sauren Reaktion
des feuchten Peroxyds nannte man dasselbe früher
Untersalpetersäure.
Stickstofftetroxyd, s. v. w. Stickstoffperoxyd.
Stickstofftheorie, s. Agrikulturchemie und
Landwirtschaft, S. 478.
Sticta Schreb. (Grubenflechte), Laubflechten mit
weißen, becherartig vertieften Flecken (Cyphellen) auf der
Unterseite des Thallus, meist am Rande des letztern befindlichen
Apothecien und mit der Markschicht aufsitzender Apothecienscheibe.
S. pulmonacea Ach. (Lungenflechte), mit lederartigem, buchtig
gelapptem, netzförmig grubigem, grünem, trocken
bräunlichem Thallus mit weißen Flecken und rotbraunen
Apothecien, wächst am Fuß alter Buchen und Eichen und
war früher als Lungenmoos offizinell.
321
Stiefel - Stiehle.
Stiefel, Fußbekleidung, s. Schuh.
Stiefel, altdeutsches gläsernes
Trinkgefäß in Form eines Stiefels, zum Willkomm oder
Rundtrunk benutzt, oft von bedeutender Größe; daher die
Redensart "einen S. vertragen". In der Technik heißt S. der
Cylinder, worin der Kolben einer Pumpe sich bewegt.
Stieffel, Michael, s. Stifel.
Stiefgeschwister, s. Halbgeschwister.
Stiefmütterchen, s. v. w. Viola tricolor.
Stiefverwandtschaft, s. Schwägerschaft.
Stiege, eine Anzahl von 20 Stück.
Stieglitz (Distelfink, Goldfink, Jupitersfink, Fringilla
[Carduelis] elegans Cuv.), Sperlingsvogel aus der Gattung Fink, 13
cm lang, 22 cm breit, mit langem, kegelförmigem, an der
dünnen Spitze etwas gebogenem Schnabel, spitzigen
Flügeln, mittellangem Schwanz, kurzen, starken, langzehigen,
mit wenig gebogenen Nägeln bewehrten Füßen und sehr
buntem Gefieder. Den Schnabel umgibt ein schwarzer und diesen ein
breiter, karminroter Kreis; der Hinterkopf ist schwarz, die Wangen
und der Unterkörper sind weiß, der Rücken ist
braun; Flügel und Schwanz sind schwarz mit weißem
Spiegel, die Schwingen an der Wurzelhälfte goldgelb. Beide
Geschlechter ähneln sich täuschend. Der S. findet sich
fast in ganz Europa, auf den Kanaren, Madeira, in Nordwestafrika,
weitverbreitet in Asien, verwildert auf Cuba, überall in baum-
und obstreichen Gegenden. Im Herbst zieht er in Scharen weit umher,
und im Winter trifft man ihn in kleinern Trupps. Er ist
hauptsächlich Baum-, aber nicht eigentlich Waldvogel, sehr
lebhaft und gewandt, fliegt leicht und schnell, klettert wie eine
Meise, nährt sich von allerlei Samen, besonders von Birken,
Erlen, Disteln, frißt auch viele Kerbtiere, nistet auf
Bäumen und legt im Mai 4-5 weiße oder
blaugrünliche, sparsam violettgrau punktierte, am stumpfen
Ende kranzartig gezeichnete Eier, welche das Weibchen 13-14 Tage
bebrütet. Wegen seines anmutigen Gesangs wird er viel in der
Gefangenschaft gehalten; er erzeugt leicht mit dem Kanarienvogel
eigentümlich gefärbte Bastarde.
Stieglitz, 1) Ludwig, Baron von, Gründer des
berühmten Handels- und Wechselhauses seines Namens in
Petersburg, geb. 1778 zu Arolsen, ging früh nach
Rußland, erwarb sich dort durch sein kommerzielles Genie und
seine rastlose Thätigkeit ein bedeutendes Vermögen,
übte auf Rußlands Handel und Industrie einen
weitgreifenden förderlichen Einfluß aus und war an allen
größern Kredit- und Finanzoperationen der russischen
Regierung beteiligt. Seiner Bemühung hauptsächlich
verdankt Rußland unter anderm die Einführung der
Dampfschiffahrt zwischen Petersburg und Lübeck. Dabei war sein
Haus in Petersburg der Sammelplatz der geistreichsten
Notabilitäten. Der Kaiser ernannte ihn 1825 zum Reichsbaron.
Er starb 18. März 1843 in Petersburg. Nach seinem Tod
führte sein Sohn Alexander das Geschäft fort und wahrte
ihm als tüchtiger Finanzmann seinen alten Ruhm, doch
löste er 1863 die Firma auf. Er starb 24. Okt. 1884.
2) Heinrich, Dichter, geb. 22. Febr. 1803 zu Arolsen, studierte
in Göttingen und Leipzig , ward 1828 in Berlin Gymnasiallehrer
und Kustos an der königlichen Bibliothek und verheiratete sich
in demselben Jahr mit Charlotte Sophie Willhöft (geb. 1806 zu
Hamburg). Ein Nervenleiden veranlaßte ihn jedoch bald, seine
Stellen niederzulegen; eine Reise nach Petersburg hatte nicht den
gewünschten Erfolg der Heilung. Ein anempfindendes Talent, dem
Stärke und Konzentration fehlten, fühlte S. diesen Mangel
aufs tiefste; die Sehnsucht nach einer höchsten Leistung
erfüllte und verzehrte ihn krankhaft. Seine
schwärmerische Gattin nährte den unseligen Gedanken,
daß ein großer Schmerz den Geliebten zum ganzen Mann
und Dichter reifen würde, und gab sich deshalb 29. Dez. 1834
durch einen Dolchstich den Tod (vgl. Mundt, Charlotte S., ein
Denkmal, Berl. 1835). Die That dieser opferfreudigen Verirrung
konnte indessen den geträumten Erfolg nicht haben, S. brach
beinahe völlig zusammen. Er lebte fortan meist zu Venedig und
starb daselbst 24. Aug. 1849 an der Cholera. Seine bedeutendsten
dichterischen Arbeiten sind: "Bilder des Orients" (Leipz. 1831-33,
4 Bde.) mit der Tragödie "Sultan Selim III." Ihnen
schließen sich die "Stimmen der Zeit in Liedern" (2. Aufl.,
Leipz. 1834) an. Von seinen spätern Leistungen sind nur die
"Bergesgrüße" (Münch. 1839) hervorzuheben. Vgl. die
von H. Curtze herausgegebenen Schriften: "H. S., eine
Selbstbiographie" (Gotha 1865), "Briefe von S. an seine Braut
Charlotte" (Leipz. 1859, 2 Bde.) und "Erinnerungen an Charlotte"
(Marb. 1865).
Stiehl, Ferdinand, preuß. Schulmann, namentlich
bekannt als Verfasser der "Regulative für das Volksschul-,
Präparanden- und Seminarwesen" vom 1., 2. u. 3. Okt. 1854,
wurde 12. April 1812 zu Freusburg (Kreis Altenkirchen) geboren,
studierte in Bonn und Halle Theologie, kam 1835 als erster Lehrer
an das Seminar zu Neuwied und wurde 1839 zum Direktor ernannt. Der
Minister Eichhorn berief ihn 1844 als Hilfsarbeiter in das
Kultusministerium, 1845 ward er Regierungs- und Schulrat, 1848
Geheimer Regierungs- und vortragender Rat, 1855 Geheimer
Oberregierungsrat. Um die Entwickelung des Seminarwesens in jenen
Jahrzehnten hat er sich bei aller Einseitigkeit seiner
konservativen Richtung unleugbare Verdienste erworben und die
Einfügung des Volksschul- und Seminarwesens der neuen
Provinzen in die preußische Ordnung nach 1866 mit kundiger,
sicherer, wenn auch bisweilen rauher Hand vollzogen. Kurz nach
Falks Antritt des Kultusministeriums und nach dem Erlaß der
"Allgemeinen Bestimmungen" vom 15. Okt. 1872 am 1. Jan. 1873 trat
S. als Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat in den Ruhestand und
starb 16. Sept. 1878 in Freiburg i. Br. Er veröffentlichte:
"Der vaterländische Geschichtsunterricht" (Kobl. 1842);
"Aktenstücke zur Geschichte und zum Verständnis der drei
preußischen Regulative" (Berl. 1855); "Die Weiterentwickelung
der Regulative" (das. 1861); "Meine Stellung zu den drei
preußischen Regulativen" (das. 1872). Auch begründete er
1859 das "Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung
in Preußen".
Stiehle, Gustav von, preuß. General, geb. 14. Aug.
1823 zu Erfurt, trat 1840 in das 4. pommersche Infanterieregiment
Nr. 21, ward 1841 Offizier, 1845 bis 1847 zur Kriegsakademie und
1852-55 zur trigonometrischen Abteilung des Großen
Generalstabs kommandiert. 1858 als Hauptmann in das
Königsgrenadierregiment versetzt, trat er 1859 als Major in
den Generalstab zurück und ward Direktor der neuerrichteten
Kriegsschule zu Potsdam, dann zu Neiße. 1860 erhielt er die
Leitung der historischen Abteilung des Generalstabs und hielt
zugleich Vorlesungen an der Kriegsakademie. 1864 nahm er im Stab
des Feldmarschalls v. Wrangel am Feldzug gegen Dänemark teil,
wurde geadelt, zum Oberstleutnant und Flügeladjutanten des
Königs ernannt und dann als Militärattaché den
Gesandtschaften in London und Wien zugeteilt. Den Feldzug von 1866
machte er im großen Hauptquartier des Königs mit; er
erwarb sich hier den Orden pour le mérite, nahm an den
Nikolsburger
322
Stielbrand - Stiergefechte.
Verhandlungen teil u. leitete die militärischen
Schlußverhandlungen, welche dem Prager Frieden folgten. 1868
ward er zum Kommandeur des Gardegrenadierregiments Königin
Augusta in Koblenz ernannt, 1869 jedoch in den Großen
Generalstab zurückgerufen. 1870 wurde er Chef des Generalstabs
der zweiten Armee und nahm an allen kriegerischen Thaten dieser
Armee in einflußreichster Weise teil. S. war es, der am 27.
Okt. mit dem französischen General Jarras die Kapitulation von
Metz abschloß. Nach dem Friedensschluß trat er als
Abteilungschef in den Generalstab zurück, wurde 1871 Direktor
des allgemeinen Kriegsdepartements und Mitglied des Bundesrats,
1873 Generalleutnant à la suite und Inspekteur der
Jäger und Schützen, 1875 Kommandeur der 7. Division in
Magdeburg, 1881 kommandierender General des 5. Armeekorps in Posen
und 1886 Chef des Ingenieur- und Pionierkorps und Generalinspekteur
der Festungen; im September 1888 nahm er seinen Abschied.
Stielbrand (Stengelbrand), s. Brandpilze III.
Stieler, 1) Adolf, Kartograph, geb. 26. Febr. 1775 zu
Gotha, studierte die Rechte, erhielt 1797 eine Anstellung beim
Ministerialdepartement in Gotha, ward 1813 zum Legationsrat und
1829 zum Geheimen Regierungsrat befördert und starb 13.
März 1836. S. hat sich um die Geographie besonders durch
gründliche und geschmackvolle Behandlung des Kartenwesens
verdient gemacht. Sein Hauptwerk ist der bekannte "Handatlas", den
er unter Mitwirkung von Reichard (Gotha 1817-23) in 75
Blättern herausgab, und der in neuester Bearbeitung seit 1888
(in 90 Bl.) erscheint. Auch sein "Schulatlas" und seine "Karte von
Deutschland" in 25 Sektionen fanden weite Verbreitung.
2) Karl Joseph, Maler, geb. 1. Nov. 1781 zu Mainz, bildete sich
als Autodidakt zum Pastell- und Miniaturmaler, widmete sich dann
seit 1805 als Schüler Fügers in Wien der Ölmalerei
und eröffnete sich hier eine glänzende Thätigkeit
als Porträtmaler. Sein Ruf führte ihn von da nach Ungarn
und Polen, wo er zahlreiche Bildnisse malte, dann nach Paris, wo er
zwei Jahre verweilte und sich weiter bei Gerard ausbildete, dessen
elegante und anmutige, aber oberflächliche und charakterlose
Art für ihn maßgebend blieb. Nach einem Besuch Roms, wo
er das jetzt in der Leonhardskirche zu Frankfurt a. M. befindliche
große Altarblatt malte, ließ er sich 1812 in
München nieder. 1816 nach Wien gerufen, um den Kaiser Franz zu
malen, verweilte er dort bis 1820 und kehrte dann nach München
zurück, wo er 9. April 1858 starb. Von seinen Arbeiten sind
noch hervorzuheben: die Bildnisse Goethes (1828), Schellings,
Tiecks, A. v. Humboldts, Beethovens, der Familie des Königs
Maximilian von Bayern und die Galerie weiblicher Schönheiten
in der königlichen Residenz zu München.
3) Karl, Dichter und Schriftsteller, Sohn des vorigen, geb. 15.
Dez. 1842 zu München, studierte auf der Universität
daselbst die Rechte und promovierte, unternahm dann Reisen nach
England, Frankreich, der Schweiz, Belgien, Italien, Ungarn und
Norddeutschland, über die er meist in der "Allgemeinen
Zeitung" berichtete, und übernahm endlich eine Beamtenstelle
im bayrischen Staatsarchiv zu München, wo er 12. April 1885
starb. Sein Ruf als Dichter gründet sich auf seine
volkstümlich frischen und von köstlichem Humor
gewürzten Dichtungen in oberbayrischer Mundart, von denen
mehrere Sammlungen vorliegen, wie: "Bergbleameln" (Münch.
1865), "Weil's mi freut!" (Stuttg. 1876), "Habt's a Schneid'?!"
(das. 1877), "Um Sunnawend" (das. 1878), "In der Sommerfrisch"
(das. 1883) und "A Hochzeit in die Berg" (das. 1884), letztere
beiden mit Zeichnungen von H. Kauffmann. Alle diese (meist in
wiederholten Auflagen erschienenen) Bücher fanden, wie auch
seine hochdeutschen "Hochlandlieder" (Stuttg. 1879), "Neue
Hochlandlieder" (das. 1883) und das Liederbuch "Wanderzeit" (das.
1882), allgemein die günstigste Aufnahme. Außerdem
beteiligte sich S. an der Herausgabe mehrerer illustrierter
Prachtwerke, so: "Aus deutschen Bergen" (mit H. Schmid, Stuttg.
1871); "Weidmanns-Erinnerungen" (Münch. 1874); "Italien" (mit
E. Paulus und W. Kaden, Stuttg. 1875); "Rheinfahrt" (mit H.
Wachenhusen und Fr. W. Hackländer, das. 1877) und
"Elsaß-Lothringen" (das. 1877). Nach sei- nem Tod erschienen
noch: "Ein Winteridyll" (Stuttg. 1885); "Kulturbilder aus Bayern"
(das. 1885); "Natur- und Lebensbilder aus den Alpen" (das. 1886);
"Aus Fremde und Heimat", vermischte Aufsätze (das. 1886);
"Durch Krieg zum Frieden. Stimmungsbilder aus den Jahren 1870/71"
(das. 1886).
Stielstich, s. Stickerei.
Stier, 1) das zweite Zeichen des Tierkreises (*);
2) ein Sternbild zwischen 46-87° Rektaszension und 0-28
1/2° nördl. Deklination, nach Heis mit 188 dem
bloßen Auge sichtbaren Sternen, darunter der Aldebaran von
erster Größe sowie die Plejaden und Hyaden. Der
Poniatowskische S. ward 1777 vom Abt Poczobut zu Wilna als ein
eignes Sternbild aus Sternen gebildet, die zwischen der
östlichen Schulter des Ophiuchus und dem Adler sich befinden
und größtenteils zum Ophiuchus gehören.
Stier, Ewald Rudolf, protestant. Theolog, geb. 17.
März 1800 zu Fraustadt in Posen, studierte erst Jura, dann
Theologie, war bis 1819 Vorsteher der Halleschen Burschenschaft,
hielt sich hierauf an verschiedenen Orten auf, teils lernend, teils
lehrend, wurde, ohne eine Prüfung absolviert zu haben, 1829
Pfarrer zu Frankleben bei Merseburg, 1838 in Wichlinghausen bei
Barmen; 1846-50 privatisierte er in Wittenberg , dann wurde er zum
Superintendenten ernannt zuerst 1850 in Schkeuditz, 1859 in
Eisleben, wo er 16. Dez. 1862 starb. Unter seinen zahlreichen
exegetischen Werken nennen wir: "Siebzig ausgewählte Psalmen"
(Braunschw. 1834-36, 2 Bde.); "Die Reden des Herrn Jesu" (3. Aufl.,
Leipz. 1865 bis 1874, 7 Bde.); "Die Reden der Engel" (das. 1860);
"Die Reden der Apostel" (2. Aufl., das. 1861); "Jesaias, nicht
Pseudo-Jesaias" (Barm. 1851). Auch beteiligte er sich am Streit
über die Apokryphen (zu gunsten derselben), über die
Union, an der Revision der deutschen Bibel etc. Sehr verbreitet war
"Luthers Katechismus als Grundlage des Konfirmandenunterrichts" (6.
Aufl., Berl. 1855). Seine Auslegung ist mehr von einem kraftvollen
Inspirationsglauben, den er von J. F. v. Meyer übernommen
hatte, als vonwissenschaftlichen Gesichtspunkten bestimmt. Auch war
er Mitherausgeber der "Polyglotten-Bibel" (mit Theile, 4. Aufl.,
Bielef. 1875). Sein Leben beschrieben seine Söhne G. und F. S.
(Wittenb. 1868).
Stiergefechte (Corridas ["Rennen"] oder Fiestas ["Feste"]
de Toros), Kämpfe von Menschen zu Fuß und zu Pferd mit
Stieren, eine spezisisch spanische Volksbelustigung, die,
wahrscheinlich durch die Mauren in Spanien eingeführt, auch in
den spanischen Kolonien (nur schwach in Portugal) sich erhalten
hat. Als ritterliches Vergnügen, ähnlich dem Turnier und
den Eberhetzen, waren sie nachweislich schon im Anfang des 12.
Jahrh. in Spanien üblich, wie denn auch der Cid Campeador als
glänzender echter gerühmt wird, und unter Philipp IV.
323
Stieringen-Wendel - Stift.
erreichten die S. den Höhepunkt ihres Glanzes. Erst Philipp
V. trat, wenn auch ohne Erfolg, als offener Gegner der S. auf,
welche von nun an gewerbsmäßig von bezahlten
Stierkämpfern (Toreros) betrieben wurden, die heute in ganz
Spanien der Gegenstand allgemeinster Popularität und der
übertriebensten Huldigungen sowohl innerhalb als
außerhalb der Arena sind. Fast jede irgend bedeutende Stadt
hat ihre in Form eines Amphitheaters errichtete Plaza de Toros. Die
größten finden sich in Valencia (16,000 Plätze) und
Madrid (14,000). In Madrid finden, mit einer kurzen Unterbrechung
im Sommer, von Ostern bis Allerheiligen jeden Sonntag und
Donnerstag, oft auch häufiger, S. statt, so im J. 1887 deren
34 mit 217 Stieren und 372 Pferden als Opfer; in den
Provinzialstädten nicht so oft, dennoch kann man 200 S.
jährlich in Spanien annehmen. Das moderne Stiergefecht besteht
aus drei Akten, in welchen die vier Gruppen der Cuadrilla (alle
Toreros, welche irgendwie am Gefecht teilnehmen) nacheinander ihre
Geschicklichkeit entfalten. Die Picadores (Lanzenreiter) auf
elenden Kleppern reizen zunächst den auf den Kampfplatz
gelassenen Stier durch Lanzenstiche in den Nacken; seine Wut wird
gesteigert durch die Banderilleros, welche zu Fuß dem Stier
mit Widerhaken versehene aufgeputzte Stäbe (Banderillas,
Fähnlein) ins Fleisch stoßen. Die Chulos (auch
Capeadores, von Capa, Mantel, genannt) unterstützen die
andern, indem sie durch geschicktes Schwingen roter Mäntel die
Aufmerksamkeit des Stiers von seinen Verfolgern, sobald diese in
Gefahr schweben, ablenken. Die Hauptperson aber ist der Espada
(Degen), der dem Stier mit der blanken Waffe, einem ca. 90 cm
langen, starken Stoßdegen (Espada), den Todesstoß in
eine bestimmte Stelle des Nackens zu versetzen hat. Der Espada (der
Ausdruck Matador [Töter] ist in Spanien weniger üblich)
reizt den Stier durch die Muleta, ein an einem Stock befestigtes
Stück roten Tuches, das er mit der Linken vor sich flattern
läßt, und stößt dann dem angreifenden Stier
den Degen zwischen den Hörnern hindurch bis ans Heft in den
Leib. Berühmte Espadas erhalten 6-8000 Frank für jedes
Stiergefecht. Feige Stiere werden erst gebrannt und dann durch
Hunde zerrissen, oder man durchschneidet ihnen von hinten die
Fesseln, und der Cachetero, der auch die andern Stiere, die nicht
tödlich getroffen sind, abfängt, tötet sie durch
einen Dolchstoß ins Genick. Jeder einzelne Stierkampf dauert
ungefähr eine halbe Stunde; meist kommen bei einer Vorstellung
sechs Stiere und ungefähr doppelt so viel Pferde ums Leben.
Man kann heute die Opfer auf jährlich 1000 Stiere und
mindestens 3500 getötete Pferde berechnen. Die jährlichen
Ausgaben für S. betragen viele Millionen Frank. In Spanien wie
in den südamerikanischen Republiken widmen sich zahllose
Zeitschriften dem nationalen Sport der S., und die Litteratur
über dieselbe ist eine sehr reichhaltige. Vgl. Joest,
Spanische S. (Berl. 1889).
Stieringen-Wendel, Gemeinde im deutschen Bezirk
Lothringen, Kreis Forbach, an der Eisenbahn S. (Preußische
Grenze)-Novéant, hat ein bedeutendes Eisenhüttenwerk
mit 1250 Arbeitern (Fabrikation von Trägern, Eisenbahnschienen
etc.), eine Glashütte und (1885) 3854 meist kath.
Einwohner.
Stiersucht, s. Brüllerkrankheit.
Stier von Uri, im Mittelalter der Hürner (Hornist)
der Männer von Uri, so benannt, weil er die Mannschaft durch
das Blasen eines Auerochsenhorns zusammenrief.
Stieve, Felix, Geschichtsforscher, geb. 9. März 1845
zu Münster in Westfalen als Sohn des damaligen
Gymnasialdirektors, spätern vortragenden Rats im
preußischen Unterrichtsministerium, Friedrich S. (gest.
1878), studierte in Breslau, Innsbruck, Berlin und München
Geschichte und erlangte mit einer Dissertation: "De Francisco
Lamberto Avenionensi". 1867 zu Breslau die philosophische
Doktorwürde. Hierauf trat er im Herbst 1867 bei der
Historischen Kommission in München als Mitarbeiter an den
"Wittelsbacher Korrespondenzen zur Geschichte des
Dreißigjährigen Kriegs" ein, habilitierte sich 1874 als
Privatdozent der Geschichte an der Münchener Universität,
wurde 1878 Mitglied der königlich bayrischen Akademie der
Wissenschaften und 1886 Professor der Geschichte am Polytechnikum
in München. Er veröffentlichte: "Die Reichsstadt
Kaufbeuren und die bayrische Restaurationspolitik" (Münch.
1870); "Der Ursprung des Dreißigjährigen Kriegs 1607-19"
(Bd. 1: "Der Kampf um Donauwörth", das. 1875); "Das kirchliche
Polizeiregiment in Bayern unter Maximilian I." (das. 1876); "Zur
Geschichte der Herzogin Jakobe von Jülich" (Bonn1878); "Die
Politik Bayerns 1591-1607" (als Band 4 u. 5 der "Briefe und Akten
zur Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs", Münch.
1878-82); "Die Verhandlungen über die Nachfolge Kaiser Rudolfs
II. in den Jahren 1581-1602" (das. 1879); "Der Kalenderstreit des
16. Jahrhunderts in Deutschland" (das. 1880); "Über die
ältesten halbjährigen Zeitungen oder Meßrelationen
und insbesondere über deren Begründer Freiherrn v.
Aitzing" (das. 1881) ; "Wittelsbacher Briefe aus den Jahren
1590-1610" (das. 1885-88, 3 Tle.) u. a.
Stifel (Styfel, auch Stieffel), Michael, Algebrist, geb.
1487 zu Eßlingen, ging in das dortige Augustinerkloster, aus
dem er aber 1522 als Anhänger Luthers entfloh, worauf er als
evangelischer Prediger erst bei einem Grafen von Mansfeld, dann in
Oberösterreich, 1528-34 zu Lochau bei Torgau, hierauf bis 1547
zu Holzdorf bei Wittenberg, nachher zu Haberstrohm bei
Königsberg i. Pr. wirkte. Später scheint er in Jena
gelebt zu haben, wo er 19. April 1567 starb. Sein Hauptwerk ist die
"Arithmetica integra" (Nürnb. 1544). Vgl. Cantor in
Schlömilchs "Zeitschrift für Mathematik und Physik", Bd.
2.
Stift (das S.; Mehrzahl: die Stifter), jede mit
Vermächtnissen und Rechten ausgestattete, zu kirchlichen
Zwecken bestimmte und einer geistlichen Korporation übergebene
Anstalt mit allen dazu gehörigen Personen, Gebäuden und
Liegenschaften. Die ältesten Anstalten dieser Art sind die
Klöster, nach deren Vorbild sich später das kanonische
Leben der Geistlichen an Kathedralen und Kollegiatstiftskirchen
gestaltete. Im Gegensatz zu den mit den Kathedralkirchen
verbundenen Erz- und Hochstiftern mit je einem Erzbischof oder
Bischof an der Spitze hießen die Kollegiatkirchen, bei
welchen kein Bischof angestellt war, Kollegiatstifter. Die
Mitglieder derselben wohnten in Einem Gebäude zusammen und
wurden von dem Ertrag eines Teils der Stiftsgüter und Zehnten
unterhalten. So bildeten sich die Domkapitel, deren Glieder, die
Canonici, sich Kapitularen, Dom-, Chor- oder Stiftsherren nannten.
Infolge des häufigen Eintritts Adliger entzogen sich dieselben
schon im 11. Jahrh. der Verpflichtung des Zusammenwohnens
(Klausur), verzehrten ihre Präbenden einzeln in besondern
Amtswohnungen, bildeten jedoch fortwährend ein durch Rechte
und Einkünfte ausgezeichnetes Kollegium, welches seitdem 13.
Jahrh. über die Aufnahme neuer Kapitularen zu entscheiden, bei
Erledigung eines Bischofsitzes (Sedisvakanz) die
324
Stifte - Stigel.