übertroffen. Seltene Beispiele, wie ein deutscher

Kaiserkrönungsmantel, zeugen noch heute von der Höhe der

damaligen S. Mit der geistigen Bildung kam auch die Kunst des

Stickens in weltliche Hände. Erst in England, später aber

in Burgund erreichte sie im 14. Jahrh. die höchste Ausbildung

und ist seitdem langsam bis auf unsre Zeit ganz in Verfall geraten,

wo auch sie an der allgemeinen Hebung des Kunstgewerbes ihren

Anteil erhielt und jetzt eine verständnisvolle Pflege, zum

Teil durch größere Ateliers (Bessert-Nettelbeck in

Berlin), findet. Die S. verziert nicht nur, sondern sie bedeckt oft

den ihr zu Grunde gelegten Stoff ganz; man könnte danach

Weiß- und Buntstickerei unterscheiden, wenngleich auch bei

der letztern zuweilen der Grund frei stehen bleibt. Die

Buntstickerei kann entweder auf einen dichten Grund, auf Leinwand,

Tuch, Seide, Leder, oder auf einen eigens dazu gefertigten,

siebartig durchlöcherten Stoff, Kanevas, aus Hanf, Leinen,

Baumwolle, auch Seide aufgesetzt sein. Auf Kanevas werden

hauptsächlich der gewöhnliche Kreuzstich und seine

Abarten (Gobelinstich, Webstich) ausgeführt sowie der sehr

feine Petitpoint-Stich, welcher sehr zarte, mosaikartige Bildnerei

ermöglicht. Weniger mühsam als der letztere, aber besser

als der Kreuzstich zur figürlichen Darstellung geeignet ist

der Plattstich, mit dem die mittelalterlichen Arbeiten fast

durchgängig auf dichtem Grund gefertigt sind. Während der

Petitpoint-Stich nur mit Seidenfäden hergestellt wird,

verwendet man für die andern Sticharten gewöhnlich

gefärbte Wolle, wenn auch bei ihnen Seide, Goldfäden und

sogar zeitweise mit eingenähte Perlen nicht ausgeschlossen

sind. Andre Arten der S. sind: der Kettenstich, bei welchem jeder

Stich doppelt gemacht wird, indem der Faden von unten nach oben und

durch dasselbe Loch wieder zurückgeht, so eine Schleife

bildend, durch welche er, nachdem er durch ein neues Loch wieder

nach oben gekommen, gezogen wird; der Steppstich, bei welchem auf

der untern Seite des Stoffes ein langer Stich gemacht wird, auf der

obern Seite um die Hälfte der Ausdehnung desselben wieder

zurückgegriffen wird, so daß auf der untern Seite jeder

Stich doppelt so lang ist wie oben; in umgekehrter Anwendung

entsteht der Stielstich. Noch andre Arten des Stichs

(Flechtenstich, Doppelstich, Gitterstich, maurischer, spanischer

Stich) sind bei Lipperheide, Muster altitalienischer

Leinenstickerei (Berl. 1881-85, 2 Bde.), beschrieben. Die Art der

im Mittelalter hochberühmten Goldstickerei, die so wunderbare

Wirkung hervorbrachte, wie man sie noch an den in Wien aufbewahrten

sogen. burgundischen Gewändern aus dem 15. Jahrh. sieht, ist

technisch sehr von der unsrigen verschieden. Während jetzt die

Goldfäden wie andre Fäden behandelt werden, legte man sie

früher parallel nebeneinander und nähte sie mit

Überfangstichen fest. Auf den so erst gebildeten Grund wurde

nun mit Plattstich die eigentliche S. gesetzt, durch welche das

Gold hindurchschimmerte (Reliefstickerei). Die heutige Gold- und

Silber-Kannetillestickerei nähert sich schon der

Perlenstickerei. Dieses reihenweise Aufnähen billiger

Glasperlen hat dadurch, daß es den Grundstoff schwer und

unbiegsam macht, viel zum Verfall der Kunst beigetragen. Für

den künstlerischen Wert ist allemal die Vorzeichnung des

Musters wichtig, die jetzt selten die Erfindung des Verfertigers

einer S. ist. Die Herstellung der Muster ist dagegen zum besondern

Industriezweig der Dessinateure oder Musterzeichner geworden. Eine

eigne Art der S. ist noch das Tamburieren, das nicht mit der

Nähnadel, sondern mit dem Häkelhaken geschieht, wie auf

den Handrücken feiner Glaceehandschuhe. Ferner werden jetzt

feine Lederwaren, namentlich in Amerika, sehr zart durch auf der

Nähmaschine hergestellten Steppstich verziert. Die

Weißstickerei, abgesehen von der Namenstickerei, dem Zeichnen

der Wäsche, beschränkt sich auf Verzierung der

Wäsche und des Tischzeugs in Leinwand oder Baumwolle (deshalb

auch Leinenstickerei genannt). In der sogen. französischen

Weißstickerei herrscht mehr der Plattstich, in der englischen

der durchbrochene Arbeit liefernde Bindlochstich vor; doch kommen

bei beiden noch der Languettenstich und verschiedene

Phantasiestiche zur Anwendung. Die venezianische

Weißstickerei, bei der stellenweise der Grund nach der Arbeit

entfernt wird, so daß die durchbrochenen Stellen durch feine

Fadenverschlingungen gefüllt werden, streift schon nahe an die

Spitzennäherei. Die Weißstickerei ist im westlichen

Europa mehr Sache der Industrie; in Deutschland wird sie im

sächsischen Vogtland, namentlich in Plauen, und den

angrenzenden Gegenden des Erzgebirges und des bayrischen

Oberfranken und zwar in ausgedehntester Weise mit Stickmaschinen

(s. d.) betrieben. Vgl. die bei den Artikeln Handarbeiten und

Spitzen angeführte Litteratur, insbesondere die

Musterbücher von H. Sibmacher (dazu noch: Kreuzstichmuster, 36

Tafeln der Ausgabe von 1604, Berl. 1885), und Drahan, Stickmuster

(Wien 1873); "Original-Stickmuster der Renaissance" (2. Aufl., daf.

1880); Lessing, Muster altdeutscher Leinenstickerei (3 Sammlungen,

Berl.); Teschendorff, Kreuzstichmuster für Leinenstickerei

(das. 1878-83, 2 Hefte); Wendler, Stickmuster nach Motiven aus dem

16. Jahrhundert in Farben gesetzt (das. 1881); H. Schulze,

Mustersammlung alter Leinenstickerei (Leipz. 1887); Fröhlich:

Neue farbige Kreuzstichmuster (Berl. 1888), Neue Borden (das.

1888), Allerlei Gedanken in Vorlagen für das Besticken und

Bemalen unsrer Geräte (das. l888).

Stickertressen, s. Bortenweberei.

Stickftuß, s. Lungenödem.

Stickgas, s. v. w. Stickstoff.

Stickhusten, s. Keuchhusten.

Stickmaschine, von Josua Heilmann 1829 erfundene

Vorrichtung zur Herstellung von Stickereien auf Geweben. Die

Figuren entstehen hierbei dadurch, daß die Fäden an den

Figurenrändern mittels Nadeln so durch das Gewebe gesteckt und

durchgezogen werden, daß sie nach und nach auf der

Fläche das Muster erhaben bilden, z. B. indem (Fig. 1) der

Faden den durch die Zahlen 1-10 angedeuteten Verlauf nimmt, 1-2

oben, 2-3 unten, 3-4 oben u. s. f. Die Heilmannsche S., welche bis

heute keine wesentliche Abänderung erfahren hat, ahmt die

Handarbeit genau nach und besteht in der Hauptsache aus drei

Teilen, nämlich einem Rahmen, an welchem das mit Stickerei zu

versehende Zeug ausgespannt wird, den Nadeln und einem Apparat,

welcher die Nadel ergreift, durchs Zeug sticht und mit dem Faden

durchzieht, also die Hand des Arbeiters ersetzt. Bei der S. ist nun

aber der Rahmen nicht, wie beim Handsticken, horizontal

feststehend, sondern beweglich und zwar so, daß das Zeug

immer in einer vertikalen Ebene bleibt, während die Nadeln nur

eine horizontale Bewegung machen. Wenn also eine Nadel durch das

Zeug an einer Stelle, z. B. Punkt 1 der Fig. 1, durchgegangen ist,

so wird der Rahmen so bewegt, daß die Nadel beim

Zurückstechen den nächsten Punkt, z. B. Punkt 2 der Fig.

1,

[Fig 1.]

318

Stickmaschine.

trifft. Die S. arbeitet mit einer großen Anzahl Nadeln,

welche in zwei horizontale Reihen so verteilt sind, daß auf

dem Zeuge gleichzeitig zwei kongruente Stickereien an zwei

verschiedenen Stellen gebildet werden. Dazu ist es nötig,

daß der Rahmen stets parallel verschoben wird. Zu dem Zweck

liegt der vertikale Stickrahmen A (Fig. 2) mit zwei runden Schienen

a auf Rollen b, welche wieder in einem Rahmen c sitzen, der sich

mit Schneiden auf das gegabelte Ende eines Hebels d stützt,

welcher in Fig. 2 abgebrochen gezeichnet ist, jedoch sich in

Wirklichkeit über den Drehpunkt d' fortsetzt und am Ende ein

Gegengewicht trägt. Die Gegengewichte beider Hebel halten dem

Rahmen mit den darauf befindlichen Walzen e, e1, e2, e3 und dem

aufgespannten Zeug das Gleichgewicht. Da nun außerdem der

Rahmen unten an zwei Stellen durch vertikale Schlitze f

geführt und oben durch zwei Zapfen g des Gestells, welche

zwischen Gleitschienen h des Rahmens stecken, gehalten wird, so

läßt sich derselbe in horizontaler und vertikaler

Richtung so verschieben, daß er in einer vertikalen Ebene

bleibt, und daß auch jede in ihm liegende Linie ihrer

ursprünglichen Lage parallel bleibt. An dem Rahmen sind nun

vier Walzen e, e1, e2, e3 in Zapfen drehbar angebracht, wovon jede

mit einem Sperrrad versehen ist, in welches je eine Sperrklinke (e'

e1', e2', e3') eingreift. Je zwei Walzen (e und e1, e2 und e3)

dienen zur Aufspannung je eines Zeugstücks kk' parallel zu dem

Rahmen, während die Sperrklinken die Rückdrehung

verhindern. Ist auf jedem Stück eine horizontale Reihe

nebeneinander liegender Figuren fertig gestickt, so zieht man das

Zeug von e auf e1 und von e2 auf e3 ein Stück weiter. Die

Bewegung zwischen je zwei Nadelstichen wird dem Rahmen nicht

direkt, sondern mit Hilfe eines sogen. Storchschnabels

(Pantographen) übertragen. Fig. 3 zeigt denselben mit dem

Rahmen A in verkleinertem Maßstab. I II III IV ist ein in

seinen Ecken in Scharnieren drehbares Parallelogramm. Die Seite II

III ist bis zum Punkt V, die Seite III bis zum Punkt VI

verlängert, wobei die Dimensionen I VI und III V so

gewählt sind, daß die Punkte V, IV und VI auf einer

Geraden liegen. Wenn man daher den Punkt V festhält und den

Punkt VI die Kontur irgend einer Figur umfahren läßt, so

wird dabei Punkt IV eine dieser ähnliche Figur verkleinert

beschreiben. Der Punkt V ist nun an dem Gestell der S. drehbar

befestigt, während im Punkt IV ein am Rahmen A befindlicher

Zapfen angebracht ist. Da sich aber der Rahmen A so verschiebt,

daß jede Linie in ihm ihrer ursprunglichen Lage parallel

bleibt, so wird, wenn Punkt VI an einer vergrößerten

Figur des Stickmusters entlang geführt wird, jeder Punkt des

Rahmens, also auch des aufgespannten Zeugs, dieselbe Figur in

(gewöhnlich sechsfach) verkleinertem Maßstab

beschreiben. An dem Stickmuster sind die einzeln Fadenlagen durch

Linien, die Nadelstiche durch Punkte angedeutet, der Arbeiter

rückt einen in VI befestigten spitzen Stift zwischen je zwei

Nadelstichen von einem Punkt auf den nächstfolgenden, so

daß jeder Punkt des Zeugs in derselben Richtung um eine

verkleinerte Strebe verschoben wird, die der wirklichen

Größe des Musters entspricht. Die Nadeln werden durch

jedes der beiden Zeugstücke in je einer horizontalen Reihe von

50-75 Stück hin- und hergestochen. Dazu sind sie mit zwei

Spitzen und einem in der Mitte sitzenden Öhr durch das der

Faden gezogen ist, versehen und werden auf jeder Seite von Zangen

erfaßt, durchgezogen, dann wieder nach Verschiebung des

Rahmens rückwärts eingestochen, losgelassen und von der

auf der andern Seite dagegen geführten Zange ergriffen und

durchgezogen etc. Diese Zangen sitzen auf jeder Seite in zwei

horizontalen Reihen an je einem mit Rollen ll' auf Schienen m m des

Untergestells C gegen das Zeug zu bewegenden Gestell B B'. Dasselbe

besteht aus einem Wagen n n' von der Breite des Zeugs mit Schildern

o o', welche oben und unten prismatische Schienen p p' tragen. An

diesen sind die Zeuge mit ihren festliegenden Schenkeln q q'

befestigt, welche an ihrer dem Zeug zugekehrten Seite eine kleine

Platte mit einem konischen Loch zum Einführen der Nadeln

haben. Die Nadel wird so weit eingeschoben, daß sie gegen

einen kleien Vorsprung stößt. Während sie nun in

einer kleinen Rille liegt, wird der bewegliche Backen r r' der

Zange dagegen gedrückt. Dies geschieht in folgender Weise: Der

Schwanz der beweglichen Zangenschenkel steht fortwährend

unter

Fig. 2. Stickmaschine (Querschnitt)

Fig. 3. Storchschnabel

319

Sticknähmaschine - Stickstoffoxyd.

dem Druck einer auf Schließung der Zange wirkenden Feder s

s'. Gegen die andre Seite des Schwanzes legt sich jedoch eine

über sämtliche Zangen einer Reihe fortgehende Welle t t',

welche im allgemeinen von rundem Querschnitt und nur von einer

Seite abgeflacht ist. Liegt diese Welle mit ihren runden Teilen auf

den Zangen, so sind dieselben geöffnet; ist sie dagegen so

gedreht, daß sie ihre flache Seite den Zangen zukehrt, so

geben die Schwänze dem Druck der Federn nach und

schließen sich. Zur Drehung dieser Wellen dient der

Zahnsektor u u', in welchen die Zähne einer durch einen

besondern Mechanismus bewegten Zahnstange v v' eingreifen. An den

Stützen o' sind nun noch kleine durchgehende Wellen w w'

gelagert, an deren beiden Enden die Hebelchen x x' und y y'

befestigt sind. Die Enden der erstern sind durch je eine parallel

zum Zeug liegende dünne Stange z z' verbunden, dieselben legen

sich unter der Einwirkung der Gewichte ß ß' auf die von

dem Gewebe zu den Nadeln geführten Stickfäden und geben

ihnen eine gleichmäßige Spannung, werden aber

aufgehoben, sobald sich die Zangen dem Zeug so weit nähern,

daß die Hebel y y' gegen kleine am Maschinengestell

befestigte Zapfen $\zeta\zeta'$ stoßen. Die Bewegung der

Wagen n n' mit den daran befindlichen Zangen erfolgt durch einen

Arbeiter von einer Seite der Maschine aus mittels Mechanismen,

welche in der Figur fortgelassen sind. Die Maschine arbeitet nun in

folgender Weise: Die einen Enden der Fäden mögen im Zeug

befestigt sein, während die andern in die Nadeln

eingefädelt sind. Ist der linke Wagen eben gegen das Zeug

gefahren, und sind dabei die Nadeln mit ihren aus den Zangen

herausstehenden Spitzen durchgestochen, dann muß der rechte

Wagen mit geöffneten Zangen vor dem Zeug stehen, um die Nadeln

zu fassen. Darauf werden zugleich durch Verschiebung der

Zahnstangen v und v' unter Vermittelung der Zahnsegmente u u' und

der Wellen t t' die linken Zangen geöffnet und die rechten

geschlossen, so daß die Nadeln nunmehr in den rechten Zangen

festgehalten werden. Während nun der linke Wagen in seiner

Stellung verbleibt, entfernt sich der rechte vom Zeug und nimmt

dabei die Nadeln mit. Nachdem der Wagen einen kleinen Weg

zurückgelegt hat, sind die an w drehbaren kleinen Stangen v an

den Zapfen $\zeta$ so weit zurückgeglitten, daß sie sich

zugleich mit den Hebeln x und den daran befestigten Querstangen z

unter der Einwirkung des Gewichtshebels ß gesenkt haben, so

daß die Stangen z sich auf die durch das Zeug

hindurchgezogenen Fadenenden legen. Der Wagen wird so weit

geführt, bis die Fäden ganz ausgezogen sind, wobei sie

durch die aufgelegte Stange z eine gleichmäßige schwache

Spannung erhalten, welche genügt, die eben auf der linken

Seite des Zeugs entstandene Lage von Fadenschleifen gehörig

anzuziehen. Nun wird der Rahmen A mit Hilfe des Storchschnabels

verschoben, dann der Wagen B zurückgeführt, damit z

gehoben und die Nadeln von rechts nach links durchgesteckt, worauf

sich der beschriebene Vorgang abwechselnd von links und rechts

wiederholt. In neuester Zeit ist für die S. eine neue

Grundlage dadurch gewonnen, daß man, wie bei den

Nähmaschinen, Nadeln mit dem Öhr an der Spitze und kleine

Schiffchen zum Durchbringen eines zweiten Fadens anwendet, also die

Sticknähmaschine nachahmt. Vgl. Jäck, Die rationelle

Behandlung der S. (3. Aufl., Leipz. 1886).

Sticknähmaschine, zum Sticken kleiner Muster

eingerichtete Nähmaschine, besteht aus einer gewöhnlichen

Nähmaschine, auf deren Nähplatte der Stoff, in einen

Stickrahmen eingespannt, durch Führung des letztern

vermittelst eines Storchschnabels, wie bei den Stickmaschinen,

unter der Nadel hin- und hergeschoben wird, so daß die

Figuren durch Plattstich entstehen.

Stickoxyd und Stickoxydul, s. v. w. Stickstoffoxyd, resp.

Stickstoffoxydul.

Stickseide, s. v. w. Plattseide.

Stickstoff (Stickgas, Azot, Luftgas, Nitrogenium) N,

chemisch einfacher Körper, findet sich in der Atmosphäre

(79 Volumprozent), mit Sauerstoff und Wasserstoff verbunden als

salpetrige Säure und namentlich als Salpetersäure, mit

Wasserstoff verbunden als Ammoniak weitverbreitet, mit Kohlenstoff,

Wasserstoff und Sauerstoff verbunden in vielen Tier- und

Pflanzenstoffen, namentlich in den Proteinkörpern. Zur

Darstellung von S. entzieht man der Luft den Sauerstoff durch

Eisen- oder Manganhydroxydul, alkalische Pyrogallussäure oder

alkalische Kupferchlorürlösung, durch Phosphor,

glühende oder mit Salzsäure befeuchtete

Kupferdrehspäne etc., oder man erhitzt eine Lösung von

salpetrigsaurem Ammoniak (NH4NO2), welches dabei in S. und Wasser

(H2O) zerfällt, oder man leitet Chlor in stets

überschüssiges Ammoniak, wobei Salmiak (NH4Cl) und S.

entstehen; auch kann man saures chromsaures Ammoniak (oder ein

Gemisch von saurem chromsaurem Kali mit Salmiak) erhitzen, welches

sich zu Wasser, Chromoxyd und S. zersetzt. S. ist ein farb-,

geruch- und geschmackloses Gas, welches unter einem Druck von 200

Atmosphären und bei sehr niedriger Temperatur zu einer

farblosen Flüssigkeit verdichtet werden kann. Es besitzt ein

spezifisches Gewicht von 0,971 (1 Lit. wiegt bei 0° und 760 mm

Barometerstand 1,256 g); das Atomgewicht ist 14,01, 100 Volumen

Wasser lösen bei 0°: 2,035, bei 15°: 1,478 Vol. S.,

Alkohol löst etwas mehr. S. ist sehr indifferent,

unterhält weder die Verbrennung noch die Atmung, ist auch

selbst nicht brennbar und verbindet sich direkt nur mit wenigen

Elementen; aus indirektem Weg aber bildet er eine Reihe von

Verbindungen, die meist durch sehr charakteristische Eigenschaften

ausgezeichnet sind: manche von ihnen sind sehr beständig,

andre höchst wandelbar, zum Teil explosiv, wie der

Chlorstickstoff, manche Nitrokörper etc. S. tritt

gewöhnlich dreiwertig, in manchen Verbindungen aber auch

fünfwertig auf. Er bildet mit Sauerstoff fünf

Verbindungen: Stickstoffoxydul N2O, Stickstoffoxyd NO,

Stickstofftrioxyd (Anhydrid der salpetrigen Säure) N2O3,

Stickstoffperoxyd NO2 und Stickstoffpentoxyd (Anhydrid der

Salpetersäure) N3O5. Er wurde von Rutherford 1772 entdeckt,

insofern dieser zeigte, daß die Luft, in welcher Tiere

geatmet hatten, auch nach Beseitigung der ausgeatmeten

Kohlensäure die Verbrennung einer Kerze nicht mehr

unterhält. Scheele sprach 1777 bestimmt von zwei Bestandteilen

der Luft, und Lavoisier erkannte den S. als einfachen Körper

und nannte ihn Azot, weil er das Leben nicht unterhält,

während Chaptal den Namen Nitrogène vorschlug, weil er

in Salpeter enthalten sei. Vgl. König, Der Kreislauf des

Stickstoffs und seine Bedeutung für die Landwirtschaft

(Münst. 1878); Frank, über die Ernährung der Pflanze

mit S. etc. (Berl. 1888).

Stickstoffbor, s. Borstickstoff.

Stickstoffdioxyd, s. v. w. Stickstoffoxyd.

Stickstoffmonoxyd, s. v. w. Stickstoffoxydul.

Stickstoffoxyd (Stickstoffdioxyd, Stickoxyd) NO entsteht

bei Einwirkung vieler Metalle (Kupfer, Silber, Quecksilber etc.),

des Phosphors und andrer leicht oxydierbarer Körper auf

Salpetersäure und beim Erwärmen von Eisenchlorür mit

salpetersaurem Kali und Salzsäure. Es ist ein farbloses Gas

und wird

320

Stickstoffoxydul - Sticta.

bei sehr niedriger Temperatur unter einem Druck von 104

Atmosphären zu einer farblosen Flüssigkeit verdichtet.

Das spezifische Gewicht ist 1,039, es verbindet sich mit dem

Sauerstoff der Luft direkt unter Bildung roter Dämpfe von

Stickstoffperoxyd, löst sich bei mittlerer Temperatur in 20

Volumen Wasser, erträgt hohe Temperatur, ist nicht atembar,

unterhält die Verbrennung von erhitztem Eisen und Phosphor,

während eine Kerze darin erlischt; eine Mischung von

Schwefelkohlenstoffdampf und Stickstoffoxyd verbrennt mit einer

blauen, an chemisch wirksamen Strahlen sehr reichen Flamme, welche

zum Photographieren bei Ausschluß des Tageslichts dienen kann

(Sellsche Lampe). Feuchte Zink- und Eisenfeilspäne,

Schwefelleber etc. reduzieren S. zu Oxydul; Kalium und

glühendes Kupfer reduzieren es vollständig.

Eisennitriollösung absorbiert es reichlich und färbt sich

dabei fast schwarz, auch Salpetersäure nimmt es auf und bildet

eine blaue, grüne oder braune Flüssigkeit. Es wurde schon

von van Helmont beobachtet, aber erst von Priestley näher

untersucht und von ihm Salpetergas genannt.

Stickstoffoxydul (Stickstoffmonoxyd, Stickoxydul,

Lustgas, Lachgas) N2O entsteht bei vorsichtigem Erhitzen von

salpetersaurem Ammoniak, bei Einwirkung sehr verdünnter kalter

Salpetersäure auf Zink- oder feuchter Eisen- oder Zinkfeile,

Schwefelleber oder schwefliger Säure auf Stickstoffoxyd und

bei Einwirkung von schwefliger Säure auf heiße

verdünnte Salpetersäure. Dargestellt wird es stets durch

Erhitzen von salpetersaurem Ammoniak und Waschen des Gases mit

Eisenvitriollösung und Kalilauge; 1 kg des Salzes liefert 182

Lit. Gas. Ein kontinuierlich arbeitender Apparat zur Darstellung

des Gases besteht aus einer mit gereinigtem groben Sand

gefüllten, entsprechend erhitzten eisernen Röhre, in

welcher das geschmolzene salpetersaure Ammoniak, während es

durch den Sand sickert, vollständig zersetzt wird. Man

versendet das Gas im flüssigen Zustand in starkwandigen

eisernen oder kupfernen Flaschen. Es bildet ein farbloses Gas,

riecht und schmeckt schwach süßlich, spez. Gew. 1,52;

100 Volum. Wasser lösen bei 0°: 130,5, bei 15°: 77,8

Vol. In Alkohol ist es noch leichter löslich; bei 0° und

unter einem Druck von 30 Atmosphären wird es zu einer

farblosen Flüssigkeit kondensiert, welche bei -88° siedet,

bei -115° erstarrt und, mit Schwefelkohlenstoff gemischt, beim

Verdampfen im luftleeren Raum eine Temperatur von -140°

erzeugt. Das Gas kann geatmet werden, unterhält den Atmungs-

und Verbrennungsprozeß, und ein glimmender Holzspan

entzündet sich darin fast wie in Sauerstoff. Ein Gemisch von 4

Vol. S. mit 1 Vol. Sauerstoff erzeugt beim Einatmen nach 1 1/2-2

Minuten Rausch und Heiterkeit (daher Lustgas). Bei längerm

Einatmen erzeugt es Ohrensausen, Rausch, Bewußtlosigkeit und

tötet endlich durch Erstickung. Unterbricht man aber die

Einatmung, sobald die Bewußtlosigkeit eingetreten ist, so

verschwinden alle Erscheinungen schnell und ohne bleibenden

Nachteil. Deshalb benutzt man das Gas als anästhetisches

Mittel bei kleinen Operationen. S. wurde 1772 von Priestley

entdeckt, Davy beobachtete 1799 seine eigentümliche Wirkung

auf den Organismus, und Wells zu Hartford in Connecticut benutzte

es zur Hervorbringung einer schnell vorübergehenden Narkose.

Es blieb indes ohne praktischen Wert, bis Colton und Porter 1863

von neuem darauf aufmerksam machten. Letzterer führte es in

England ein, und 1867 brachte es Evans in Paris zur eigentlich

wissenschaftlichen Verwertung. Das S. erleidet bei der Einatmung

durchaus keine Veränderung, und dies Verhalten erschwert eine

genügende Erklärung seiner Wirkung. Zur Hervorbringung

einer vollständigen Narkose sind im Durchschnitt 22-26 Lit.

Gas erforderlich. Gewöhnlich währt dieselbe nur 30-90

Sekunden, reicht also nur für kurze Operationen, wie das

Ausziehen von Zähnen; doch hat man durch geschickte Leitung

des abwechselnden Einatmens von S. und Luft die Narkose auch schon

auf 50-90 Minuten ausgedehnt. Unterbricht man die Zufuhr des

Stickstoffoxyduls vollständig, so tritt schon nach 1-2 Minuten

der normale Zustand wieder ein, ohne daß sich die mindeste

Nachwirkung bemerkbar macht. Lange fortgesetztes Einatmen von S.

behufs Herbeiführung einer vollkommen und lange andauernden

Empfindungslosigkeit erfordert immerhin große Umsicht des

Operateurs, weil in solchem Falle leicht bedenkliche

Erstickungszufälle eintreten können. Nun hat aber Bert

das gleichzeitige Einatmen von S. und Luft ohne Abschwächung

der Wirkung des erstern dadurch ermöglicht, daß er

gleiche Volumen dieser Gase mischt und sie unter doppeltem

Atmosphärendruck einatmen läßt. In gleicher Zeit

wird dann dieselbe Menge S. den Lungen zugeführt wie beim

Einatmen des reinen Gases unter gewöhnlichem Druck, nebenbei

aber erhält die Lunge die für eine normale Respiration

erforderliche Menge Sauerstoff. Auf solche Weise vermochte Bert bei

Versuchen an Tieren eine volle Stunde hindurch gänzliche

Empfindungslosigkeit zu unterhalten und in dieser Zeit große

Operationen schmerzlos vorzunehmen. Nach 2-3 Atemzügen reiner

Luft trat der normale Zustand wieder ein, ohne daß sich

irgend welche Nachwirkungen gezeigt hätten. Vgl. Goltstein,

Die physiologischen Wirkungen des Stickstoffoxydulgases (Bonn

1878); Schrauth, Das Lustgas und seine Verwendbarkeit in der

Chirurgie (Bonn 1889).

Stickstoffpentoxyd, s. Salpetersäure, S. 226.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 92 / 302 段