(Veranlagung, Feststellung der Steuergrundlagen und Erhebung) ist
bei vielen S., zumal bei denjenigen, bei welchen sich keine
bleibenden Merkmale bieten, um Steuerpflicht und Steuerschuldigkeit
zu erkennen und zu bemessen, mit großen Schwierigkeiten
verknüpft. Zunächst handelt es sich um Feststellung des
Steuersubjekts, bez. des für dasselbe haftpflichtigen
Stellvertreters. Dieselbe ist einfach bei den meisten direkten S.,
bei welchen amtliche Nachforschung, Grundbücher, Meldezwang
des Pflichtigen zur Aufstellung von Steuerlisten führen,
ebenso bei vielen indirekten Verbrauchssteuern, bei welchen
äußere Thatsachen und gewerbepolizeiliche Listen die
Ermittelung erleichtern. Bei Zöllen und Accisen ist der
Frachtführer, bez. (besonders bei dem Begleitscheinverfahren)
der Eigentümer zahlungspflichtig. Bei vielen Verkehrssteuern
ist durch Gesetz zu bestimmen, wer von beiden Parteien die Steuer
zu entrichten hat. Bei mehreren S. fällt die Ermittelung der
Steuersubjekte mit derjenigen der Steuerobjekte zusammen, von
welchen S. zu entrichten sind. Großen Schwierigkeiten
begegnet meist die Bewertung der Objekte, zumal wo es an
äußerlich leicht erkennbaren Merkmalen und an objektiven
Maßstäben fehlte. Die Bemessung kann erfolgen durch die
Pflichtigen selbst (Fassion, Steuerbekenntnis bei der
Einkommensteuer, der Kapitalrentensteuer, Deklaration), durch
Steuergesellschaften, d. h. eine Gruppe von Steuerpflichtigen,
welche eine ihr auferlegte Gesamtsumme auf die einzelnen Mitglieder
verteilt, durch besondere Steuerkommissionen oder
Steuerausschüsse, welche auf Grund äußerer
Merkmale, von Personal- und Sachkenntnis die Einschätzung
vornehmen, durch die Steuerbehörde (Steuerkommissar,
Steuerperäquator etc.) selbst, bei einigen S. unter Zuziehung
von Sachverständigen etc. (vgl. Kataster). Die Steuereinhebung
wurde früher oft verpachtet, so in Rom, wo die Ritter
gewerbsmäßig als publicani (Steuerpachter) auftraten, in
Frankreich, wo die fermiers généraux (Generalpachter)
die S. der Regierung vorstreckten. Doch kommt die Verpachtung heute
nur noch selten vor. In manchen Fällen besorgt die Gemeinde
die Erhebung, bald als einfaches Erhebungsorgan, bald mit voller
Steuerhaftung, indem sie in diesem Fall oft eine Aversalsumme zahlt
und diese auf ihre Mitglieder verteilt. Ebenso können dritte
Personen, bei welchen sich viele Steuerschuldigkeiten
konzentrieren, die Einhebung übernehmen (bei verschiedenen
Gebühren und Verkehrssteuern). Meist besorgt heute der Staat
die Erhebung in Regie durch eigne Steuerbeamte (Steuereinnehmer,
Steuerempfänger, Steuerperzeptor etc.), insbesondere beim
Zollwesen, bei verschiedenen direkten Steuern etc. Bisweilen wird
hierbei unter Ersparung spezieller Berechnungen und lästiger
Einzelkontrollen die Erhebung dadurch vereinfacht, daß der
Steuerpflichtige eine vertragsmäßig festgesetzte Summe
für eine bestimmte Periode als Steuerabfindung (Fixation)
entrichtet. Im Interesse der Pflichtigen und des richtigen
Steuereingangs sind nötig die amtliche Benachrichtigung und
Steueransage (Zustellung von Steuerzetteln), Festsetzung von
Steuerterminen und Steuerfristen, die Gewährung von
Steuerkrediten (Gestattung der Zahlung zu späterer Zeit als
der gesetzlich bestimmten, wenn letztere
314
Steuerrepartition - Steuerung.
eigentlich zu früh angesetzt ist) unter
Sicherheitsleistung, die Einräumung des Reklamations-,
Beschwerde-, Steuerklagerechts gegenüber der Einschätzung
und Erhebung und die Steuerrestitution (Rückersatz, auch als
Exportbonifikation) bei Zahlungen, welche über die Grenze der
Steuerschuldigkeit hinausgehen. Bei ausbleibender Zahlung tritt
Mahnung und Pfändung (Steuerexekution) ein, allenfalls bei
augenblicklicher Zahlungsunfähigkeit die Steuerstundung, bei
Uneinbringlichkeit die Niederschlagung (Steuererlaß) oder
Steuerabschreibung (der Steuerrückstände oder
Steuerreste), ohne solche aber auch nach bestimmter Frist die
Steuerverjährung. Mittel zur richtigen Durchführung
gegenüber Steuerhinterziehungen, Defraudationen etc. sind die
Steuerkontrolle, die Steuerstrafe, der Steuereid, die
Denunziantengebühr, die Öffentlichkeit des
Steuerverfahrens, Begehung von gegensätzlichen Interessenten
bei der Einsteuerung etc. Mitte der 80er Jahre waren die
Einnahmen
an direkten Steuern Mill. Mk. %
an indirekten Steuern Mill. Mk. %
aus andern Quellen Mill. Mk. %
pro Kopf d. Bevöl-kerung Mark
Deutsches Reich nebst Gliederstaaten 260 13 600 29 1240 59 30 70
19,40
Österr.-Ungarn 280 21 670 49 410 31 30 70 26,00
Rußland 250 19 780 60 270 30 25 75 11,00
Italien 310 25 590 44 410 21 36 64 29,80
Frankreich 340 14 1800 74 290 18 15 85 56,80
Großbritannien. 270 15 1170 67 310 12 21 79 41,00
Vgl. Gebühren, Zölle, Aufwandsteuern sowie die
verschiedenen Artikel über die einzelnen S.
[Litteratur.] Außer den unter "Finanzwesen" angegebenen
Werken vgl. Hofmann, Die Lehre von den S. (Berl. 1840); v. Hock,
Die öffentlichen Abgaben und Schulden (Stuttg. 1863);
Förstemann, Die direkten und indirekten S. (Nordh. 1868);
Schäffle, Die Grundsätze der Steuerpolitik (Tübing.
1880); Roscher, System der Finanzwissenschaft (Stuttg. 1886);
Kaizl, Die Lehre von der Überwälzung der S. (Leipz.
1882); v. Falck, Rückblicke auf die Entwickelung der Lehre von
der Steuerüberwälzung (Dorp. 1882); R. Meyer, Die
Prinzipien der gerechten Besteuerung (Berl. 1884); Fr. J. Neumann,
Die Steuer (Leipz. 1887, Bd. 1); Holzer, Historische Darstellung
der indirekten S. (Wien 1888) ; Mangoldt, Das deutsche Zoll- u.
Steuerstrafrecht (Leipz. 1886) ; Vocke, Die Abgaben, Auflagen und
die Steuer vom Standpunkt der Geschichte etc. (Stuttg. 1887);
Rousset, Histoire des impôts indirects (Par. 1883).
Steuerrepartition, s. v. w. Steuerverteilung, Umlegung
einer bestimmten Summe auf die einzelnen steuerpflichtigen Personen
oder Gegenstände. Vgl. Repartitionssteuern und
Kontingentierung der Steuern.
Steuerrollen, s. Heberolle n.
Steuerruder (Ruder), Vorrichtung zum Lenken des Schiffs,
bestehend aus einem hölzernen oder eisernen Blatt, welches in
vertikaler Ebene, drehbar am Hintersteven des Schiffs, ähnlich
wie eine Thür in ihren Angeln, befestigt ist. Man
unterscheidet am S. das Ruderblatt, welches sich ganz oder zum
größten Teil unter Wasser befindet, und den Ruderhals
mit dem Ruderkopf, welche, wenn erforderlich, wasserdicht durch die
Schiffswand geführt, in den innern Schiffsraum hineinragen. Am
Ruderkopf greift die Ruderpinne an, ein hölzerner oder
eiserner einarmiger Hebel, oder das Ruderjoch, ein eiserner
zweiarmiger Hebel. Während die Pinne gewöhnlich mit dem
Ruderblatt in einer Ebene liegt, steht das Ruderjoch im allgemeinen
querschiffs. Durch Drehung der Pinne oder des Jochs wird das Ruder
um einen ebenso großen Winkel aus der Symmetrieebene des
Schiffs herausgedreht und dadurch die Symmetrie des den
Schiffskörper umgebenden Wasserstroms gestört,
vorausgesetzt, daß ein solcher infolge der bis dahin
geradlinigen Bewegung des Schiffs vorhanden ist. Das Schiff wird
dadurch gezwungen, von seiner bisherigen Bahn in der Weise
abzuweichen, daß der Mittelpunkt der vom Schwerpunkt des
Schiffs beschriebenen Bahnlinie auf derjenigen Seite des Schiffs
liegt, nach welcher das Ruderblatt gedreht wurde. In neuerer Zeit
ist bei einzelnen größern Schiffen (König Wilhelm)
das Balanceruder zur Anwendung gekommen, ein Ruder, dessen
Drehachse die Fläche des Ruderblattes ungefähr in dem
Verhältnis von 1:2 teilt, so daß ein Drittel des
Flächeninhalts des Blattes vor der Drehachse liegt. Ein
Balanceruder bedarf einer kleinern Kraft zum Drehen als ein ebenso
großes gewöhnliches Ruder und kann infolgedessen
schneller gedreht werden. Anderseits kehrt es nicht so schnell in
seine neutrale Lage zurück wie dieses. Die Bewegung der Pinne
ersolgt bei kleinern Schiffen direkt mit der Hand, bei
größern Schiffen durch Flaschenzüge,
Zahnradübersetzungen, Schraubenräder, hydraulische
Pressen etc. Die Kraft wird am Steuerrad eingeleitet, einem mit
Griffen versehenen, um eine horizontale Achse drehbaren
Speichenrad, welches eventuell in mehrfacher Ausführung
vorhanden sein muß, um eine größere Anzahl von
Leuten zum Drehen des Ruders verwenden zu können. Der
Widerstand des um einen gewissen Winkel gedrehten Ruders ist unter
sonst gleichen Umständen proportional mit dem Quadrat der
Schiffsgeschwindigkeit; steigert man diese auf das Doppelte, so
wächst dadurch der Widerstand des Ruders auf die vierfache
Größe. Es ist daher erklärlich, daß bei den
neuesten Schiffen mit Geschwindigkeiten bis zu 20 Knoten und
darüber zur Bewegung des Ruders Menschenkraft nicht mehr
ausreicht, um das Schiff Bahnlinien von starker Krümmung
beschreiben zu lassen. Dies ist die Veranlassung zur
Einführung des Dampfsteuerapparats, einer kleinen,
zweicylindrischen Dampfmaschine, welche die Achse der bisherigen
Steuerräder nach Steuerbord oder Backbord in Rotation
versetzt. Die Verrichtung des Mannes am Ruder beschränkt sich
alsdann auf das Anlassen dieser Maschine in der einen oder andern
Richtung und deren rechtzeitige Arretierung.
Steuerüberwälzuug, s. Steuern, S. 312.
Steuer- und Wirtschaftsreformer, s. Agrarier.
Steuerung, Vorrichtung, mittels deren der Zufluß
einer gepreßten Flüssigkeit oder Luftart zu einer
Kraftmaschine und der Abfluß derselben nach ihrer Wirksamkeit
so geregelt wird, daß der Gang der Maschine zu stande kommt.
Die einer solchen S. benötigten Kraftmaschinen, mit Ausnahme
der nur ganz vereinzelt vorkommenden sogen. rotierenden
Dampfmaschinen, nehmen den Druck der Flüssigkeiten, Gase oder
Dämpfe mittels eines Kolbens auf, welcher in einem Cylinder
durch ebendiesen Druck hin- und hergetrieben wird. Um dies letztere
zu ermöglichen, muß man den arbeitenden Dampf etc.
abwechselnd gegen die eine oder andre Seite des Cylinders
drücken und den verbrauchten Dampf etc. auf der der
jedesmaligen Druckrichtung entgegengesetzten
315
Steuerverein - Stewarton.
Seite wieder austreten lassen. Dazu dient die S., welche in der
Regel von der Maschine aus selbstthätig bewegt, seltener von
Menschenhand bedient wird (z. B. bei Hebemaschinen mit direkt
wirkendem hydraulischen oder Dampfcylinder, bei Dampfbremsen etc.).
Man unterscheidet bei jeder S. eine innere und eine
äußere S.: erstere bestehend aus irgend einer oder
mehreren Absperrvorrichtungen (Ventilen, Schiebern, Hähnen,
Kolben), letztere aus Exzentriks, Daumen, Wellen, Stangen, Hebeln
etc. oder auch aus kleinen Cylindern mit Kolben etc.,
überhaupt aus Mechanismen, mittels welcher die erstern in
passender Weise geöffnet oder geschlossen werden. Schieber-,
Ventil- und Hahnsteuerungen werden besonders bei Dampfmaschinen und
ähnlichen Umtriebsmaschinen, Kolbensteuerungen namentlich bei
den Wassersäulenmaschinen verwendet. Die Einrichtungen der
äußern Steuerungen sind außerordentlich
mannigfaltig; man unterscheidet Einrichtungen für die eine
Rotation hervorbringenden Maschinen, welche ihre Bewegung meist von
einer rotierenden Welle (Schwungradwelle) aus erhalten, und solche
für die sogen. direkt wirkenden, d. h. ohne Rotation, nur hin-
und hergehend arbeitenden Motoren, welche von einem hin und her
bewegten Maschinenteil bethätigt werden. Hierher gehören
die Steuerungen von Dampfhämmern, Gesteinsbohrmaschinen,
direkt wirkenden Dampfpumpen, Wasserhaltungsmaschinen etc. Sehr
ausgebildet sind die Steuerungen der Dampfmaschinen und besonders
die Expansionssteuerungen mit durch den Regulator verstellbarem
Expansionsgrad oder Präzisionssteuerungen (s.Dampfmaschine, S.
464 f.). Umsteuerungen bewirken bei Maschinen mit rotierender
Bewegung eine Richtungsänderung der Rotation, z. B. bei
Lokomotiven, Dampfschiffen, Fördermaschinen, Walzwerken etc.
Hierher gehören die Kulissensteuerungen (erfunden von
Stephenson, abgeändert von Gooch, Allan u. a.), bestehend aus
einer geschlitzten Schiene (Kulisse), deren Enden von zwei auf der
Kurbelwelle der Lokomotive etc. um 180° versetzten Exzentriks
so bewegt werden, daß sie abwechselnd vor- und
rückwärts gehen. In dem Schlitz der Kulisse
läßt sich ein Gleitstück (Stein) auf- und
niederschieben, welches mit einer die Bewegung des Schiebers, der
Ventile oder Hähne der S. vermittelnden Stange verbunden ist,
so daß die betreffenden Absperrungsorgane bald von dem einen,
bald von dem andern Exzenter ihre Bewegung erhalten oder in Ruhe
bleiben, je nachdem die Maschine vorwärts oder
rückwärts gehen oder stillstehen soll. Steuerungen kommen
auch bei manchen Arbeitsmaschinen vor, so z. B. bei den
Schiebergebläsen und Schieberpumpen zur Bewegung ihrer
Schieber. Die S. der Metallhobelmaschine erzeugt selbstthätig
den regelmäßigen Wechsel der Bewegungsrichtung der das
Arbeitsstück tragenden Platte (Tisch).
Steuerverein, s. Zollverein.
Steuerverweigerung, s. Steuerbewilligung etc.
Steuervorschuß, s. Antizipation.
Steuerzölle, s. Zölle.
Steuerzuschläge, die Abgaben, welche Gemeinden zur
Deckung ihres Bedarfs als Zuschläge zu bestehenden (direkten)
Staatssteuern erheben. Vgl. Gemeindehaushalt.
Stev., bei botan. Namen Abkürzung für Ch.
Steven, geb. 1781 zu Fredriksham, bereiste Taurien und den
Kaukasus, gest. 1863 in Simferopol.
Steven, die das Schiff vorn (Vordersteven) und hinten
(Achtersteven) begrenzenden, mehr oder weniger senkrecht
aufsteigenden Hölzer; s. Schiff, S. 455.
Stevens, Alfred, belg. Maler, geb. 11. Mai 1828 zu
Brüssel, besuchte das Atelier von Navez in Brüssel und
später das von Roqueplan in Paris und malte anfangs kleine
Historienbilder, wandte sich aber bald der Schilderung des
eleganten Pariser Lebens der Gegenwart zu. S. schildert mit
Vorliebe das Pariser Damenboudoir mit seinen Bewohnerinnen mit
außerordentlicher koloristischer Zartheit, seinem Geschmack
des Arrangements u. pikanter Charakteristik. Seine sehr zahlreichen
Bilder sind meist im Privatbesitz. Das Museum zu Brüssel
besitzt : die Allegorie des Frühlings, der Besuch; das zu
Marseille: ausgelassene Maskengruppe am Aschermittwochsmorgen; die
Ravené-Galerie in Berlin: die Tröstung. Von seinen
übrigen Bildern sind hervorzuheben: die Unschuld, das
Neujahrsgeschenk, der Morgen auf dem Lande, die japanisierte
Pariserin, die Dame im Atelier, der Frühling des Lebens.
Für den König der Belgier malte er in Fresko die vier
Jahreszeiten als Frauengestalten in moderner Tracht (auch als
Ölbilder wiederholt). Er lebt in Paris. Vgl. Lemonnier in der
"Gazette des beaux-arts" 1878. -
Sein Bruder Joseph S. (geb. 1822 zu Brüssel) hat sich
ebenfalls in der Pariser Schule gebildet und ist als Tiermaler in
Brüssel thätig. Seine Hauptwerke sind: der Hund des
Gefangenen, eine Episode auf dem Hundemarkt in Paris, und eine
Brüsseler Straße am Morgen (beide im Museum zu
Brüssel), der naschende Affe und der Hund mit der Fliege.
Stevens Point (spr. stihwens peunt), Stadt im
nordamerikan. Staat Wisconsin, am obern Wisconsinfluß, mit
Sägemühlen, Holzhandel und (1885) 6510 Einw.
Steward (engl., spr. stjuh-erd), Verwalter, Ordner,
Rentmeister; auf Schiffen s. v. w. Oberkellner. Vgl. High
Steward.
Stewart (spr. stjuh-ert), 1) Dugald, schott. Philo-soph,
geb. 22. Nov. 1753 zu Edinburg, erhielt schon 1775 die Professur
der Mathematik an der dortigen Universität als Nachfolger
seines Vaters, 1780 die der Moralphilosophie und starb, seit 1810
in den Ruhestand versetzt, 11. Juni 1828 in Edinburg. Von seinen
oft ausgelegten Schriften, die ihn als einen der Hauptvertreter der
sogen. schottischen Schule kennzeichnen, sind hervorzuheben:
"Elements of the philosophy of the human mind" (Edinb. 1792-1827, 3
Bde.); "Outlines of moral philosophy" (das. 1793); "Philosophical
essays" (das. 1810); "Philosophy of the active and moral powers"
(das. 1828). Eine Gesamtausgabe seiner Werke besorgte Hamilton
(Edinb. 1854-58, 10 Bde.).
2) Balfour, Physiker, geb. 1. Nov. 1828 zu Edinburg, studierte
daselbst und in St. Andrews, wurde 1859 Direktor des Observatoriums
in Kew, 1867 Sekretär des meteorologischen Komitees, 1870
Professor der Physik am Owen's College in Manchester und starb 21.
Dez. 1887. Er lieferte mit De la Rue und Loewy sehr bedeutende
Untersuchungen über die Physik der Sonne und mit Tait
über die Erzeugung von Wärme bei der Rotation der
Körper im luftleeren Raum; auch lieferte er mehrere Arbeiten
über Magnetismus und Meteorologie und schrieb: "Elementary
treatise on heat" (5. Aufl. 1888); "Lessons in elementary physics"
(1871; erweiterte Ausg. 1888; deutsch, Braunschw. 1872); "Physics"
(7. Aufl. 1878); "The conservation of energy" (4. Aufl. 1878;
deutsch, Leipz. 1875); "The unseen universe" (mit Tait, 6. Aufl.
1876); "Lessons in elementary practical physics" (mit Glee,
1885-87, 2 Bde.).
Stewarton (spr. stjúh-ert'n), Binnenstadt im
nördlichen Ayrshire (Schottland), mit Woll- und
Kappenfabrikation und (1881) 3130 Einw.
316
Steyermark - Stickerei.
Steyermark, s. Steiermark.
Steyr, Stadt mit eignem Statut in Oberösterreich, an
der Mündung des Flusses S. in die Enns und an der Bahnlinie
St. Valentin-Pontafel, ist Sitz einer Bezirkshauptmannschaft
(für die Umgebung von S.) und eines Kreisgerichts, hat eine
1443 vollendete gotische Stadtpfarrklrche, eine 980 erbaute, jetzt
fürstlich Lambergsche Burg, ein Rathaus, eine Oberrealschule,
Handelsschule, Fachschule für Eisen- und Stahlindustrie, eine
bedeutende Sparkasse (Einlagen 10 Mill. Guld.), eine
Pfandleihanstalt und (1880) mit den Vorstädten 17,199 Einw. S.
ist ein Hauptsitz der österreichischen Eisenindustrie und des
Eisenhandels. Es bestehen daselbst: eine große Waffenfabrik,
welche hauptsächlich Armeegewehre verfertigt, außerdem
Maschinenfabriken, Unternehmungen für Messerschmiedewaren,
Ahlen, Feilen, Nägel, Bohrer, Ring- u. Kettenschmiedewaren;
ferner Bierbrauereien, Druckereien und Färbereien, Gerbereien
und Papiermühlen. S. war ehemals Hauptort einer
Markgrafschaft, welche dem Land Steiermark den Namen gab.
Südlich von S. liegt das Dorf Garsten mit
Männerstrafanstalt (ehemals Benediktinerstift). Vgl. Widmann,
Fremdenführer für S. (Steyr 1884).
Stheino (Stheno), eine der Gorgonen (s. d.).
Sthelenos, nach griech. Mythus Sohn des Kapaneus und der
Euadne, war Teilnehmer am Epigonenzug und am Trojanischen Krieg, wo
er als treuer Gefährte und Wagenlenker des Diomedes tapfer
mitkämpfte. Auch ein Sohn des Perseus und der Andromeda,
welcher den König Amphitryon (s. d.) von Tiryns vertrieb,
hieß S.; er war Vater des Eurystheus.
Sthenie (griech.), strotzende Kraftfülle (vgl.
Asthenie); sthenisch, vollkräftig; sthenisieren,
kräftigen, die Wirkung der Lebenskraft erhöhen.
St. Hil., bei botan. Namen Abkürzung für A. F.
C. Prouvensal de Saint-Hilaire (s. d.).
Stibine (Antimonbasen), s. Basen.
Stibio-Kali tartaricum, s. v. w. Brechweinstein.
Stibium, Antimon; S. chloratum, muriaticum,
Antimonchlorid; S. sulfuratum aurantiacum, s. Antimonsulfide; S.
sulfuratum nigrum, Spießglanz, s. Antimonsulfide; S.
sulfuratum rubrum, Mineralkermes, s. Antimonsulfide.
Stich, Bertha und Klara, Schauspielerinnen, s.
Crelinger.
Stichblatt, an Schwertern und Degen die über dem
Griff zum Schutz der Hand angebrachte Platte, welche oft
künstlerisch verziert ist. Besonders von Sammlern gesucht sind
die in Eisen geschnittenen, mit Bronze, Silber und Gold
tauschierten japanischen Schwertstichblätter.
Stiche, s. Seitenstechen und Bruststiche.
Stichel, s. v. w. Grabstichel.
Stichkappe, eine dreieckige gewölbte Fläche,
welche an den Stirnseiten eines Tonnengewölbes in die
Fläche desselben einschneidet. Vgl. Gewölbe, S. 312.
Stichkoupon, s. Koupon.
Stichling (Gasterosteus Art.), Gattung aus der Ordnung
der Stachelflosser und der Familie der Stichlinge (Gasterostoidei),
Fische mit spindelförmigem, seitlich zusammengedrücktem
Körper, spitziger Schnauze, sehr dünnem Schwanzteil,
Bürstenzähnen, freien Rückenstacheln vor der
Rückenflosse, bauchständigen, fast nur aus einem
Stachelstrahl bestehenden Bauchflossen und bisweilen mit 4-5 Reihen
kleiner Schilder an den Seiten. Der gemeine S. (Stechbüttel,
G. trachurus L., s. Tafel "Fische II", Fig. 16), 8 cm lang, mit
drei Stachelstrahlen vor der Rückenflosse, oberseits
grünlichbraun oder schwarzblau, an den Seiten und am Bauch
silberfarben, an der Kehle und Brust blaßrot, variiert
vielfach in der Färbung, findet sich in ganz Europa, mit
Ausnahme des Donaugebiets, und ebenso häufig im
süßen Wasser wie im Meer. Er ist lebhaft,
räuberisch und streitsüchtig, kämpft tapfer mit
seinen Stacheln und ändert in der Erregung seine Färbung;
er jagt auf alle Tiere, welche er zu überwältigen vermag,
besonders auf Fischbrut, und ist äußerst
gefräßig. Er laicht in seichtem Wasser auf kiesigem oder
sandigem Grund und baut aus Wurzelfasern, Halmen etc., die er mit
einem eigentümlichen Klebstoff verbindet, ein
faustgroßes, länglichrundes Nest mit einem seitlichen
Eingang, welches er freischwebend zwischen Wasserpflanzen befestigt
oder halb im Sand vergräbt. In dieses Nest legt das Weibchen
seine Eier und bohrt dann auf der dem Eingang entgegengesetzten
Seite ein Loch in das Nest, um sich zu entfernen. Das Männchen
schafft noch mehrere Weibchen herbei, befruchtet die Eier, bewacht
und verteidigt dann das Nest und sorgt durch Bewegung seiner
Flossen für die nötige Strömung in demselben. Auch
die Jungen überwacht er und führt entweichende im Maul
zum Nest zurück. Auch in der Gefangenschaft baut er Nester und
pflanzt sich fort. Der S. soll nur drei Jahre alt werden. In der
Teichwirtschaft ist der S. nicht zu dulden; an der Nordsee
fängt man ihn oft in großer Menge und benutzt ihn als
Dünger, Schweinefutter und zum Thransieden.
Stichomantie (griech.), eine Art Wahrsagung aus Zeilen
oder Versen (stichos), welche bei den Römern darin bestand,
daß Stellen aus Dichtern (namentlich aus Vergil, auch aus den
Sibyllinischen Büchern) auf Zettel geschrieben und diese,
nachdem man sie in einer Urne gemischt hatte, gezogen wurden. Aus
dem zufällig gezogenen Los weissagte man sich Gutes oder
Schlimmes. Außer andern Büchern wurde später
besonders die Bibel zu ähnlichem Zweck benutzt.
Stichometrie (griech.), bei den Alten übliches
Abmessen oder Zählen der Zeilen (stichos) in den
Handschriften, um den ungefähren Umfang einer Schrift
bestimmen zu können (vgl. Ritschl, De stichometria veterum,
Bonn 1840); in der Rhetorik eine Antithese, welche im Dialog durch
Behauptung und Entgegnung entsteht, wie z. B. in der ersten Szene
von Schillers "Maria Stuart".
Stichtag, bei Zeitgeschäften der Tag der
Erfüllung; s. Börse, S. 236.
Stichwahl, s. Wahl.
Stichwort (Schlag- oder Merkwort), in der
Bühnensprache diejenigen Worte eines Darstellers, nach welchen
ein andrer aufzutreten oder seine Rede anzufangen hat. Ebenso gibt
das S. das Signal zu gewissen in der Handlung des Stücks
bedingten szenischen Vorgängen.
Stickerei, eine Kunst, durch welche verzierende
Darstellungen auf schmiegsamen, Falten werfenden Stoffen, also auf
Geweben, Gewändern, Leder etc., mit der Nadel hergestellt
werden. Von den Chinesen von alters her gepflegt, war die S. auch
den alten Indern und Ägyptern bekannt. Diese gingen in ihren
verzierenden Zeichnungen noch nicht über geometrische Figuren
hinaus, wogegen die Assyrer zuerst Tier- und Menschengestalten auf
ihren glatt anschließenden Kleidern und Vorhängen zur
Darstellung brachten. Von ihnen lernten die Griechen und von diesen
die Römer, welche die S. phrygische Arbeit nannten. Im
Mittelalter wurde sie in den Klöstern im Dienste des Kultus
für geistliche Gewänder und Altarbekleidung (Paramente)
gepflegt. Ihre Arbeiten wurden vom 11. Jahrh. an von arabischen
Kunstanstalten
317
Stickertressen - Stickmaschine.