Stephanus, Name zahlreicher Heiligen der
römisch-katholischen Kirche, von denen besonders zu nennen
sind : 1) Einer der sieben Armenpfleger der Christengemeinde zu
Jerusalem, der, ein eifriger Verkündiger des Evangeliums, vom
fanatischen Pöbel als Gotteslästerer 36 oder 37
gesteinigt wurde und deshalb für den ersten Märtyrer gilt
(Apostelgesch. 6 und 7); sein Tag ist der 26. Dezember. Die
Steinigung des S. wurde in der bildenden Kunst häufig
dargestellt, namentlich von Raffael (in den Teppichen des
Vatikans), von Giulio Romano (in Santo Stefano zu Genua) u. a. 2)
Erster König von Ungarn, s. Stephan 4).
Stephanus, Gelehrtenfamilie, s. Estienne.
Stephens, 1) Alexander Hamilton, amerikan. Politiker,
geb. 11. Febr. 1812 zu Taliafero in Georgia, ward im Franklin
College erzogen und studierte die Rechte, worauf er sich 1834 zu
Crawfordsville in Georgia als Advokat niederließ,
gleichzeitig aber sich der Politik widmete. Schon 1836 wurde er in
die Legislatur, 1842 in den Senat von Georgia gewählt und 1843
zum Mitglied des Repräsentantenhauses ernannt, welchem er bis
1859 angehörte. Er schloß sich zuerst der Partei der
Whigs, dann der demokratischen an, stimmte 1854 für die
Kansas- und Nebraskabill und betrieb 1856 mit Eifer die Wahl
Buchanans zum Präsidenten. 1859 schied er aus dem
Kongreß, weil er die extremen Ansichten der
Sklavenhalterpartei nicht billigte, wie er 1861 auch anfangs
gegen die Sezession war. Dennoch ließ er sich zum
Vizepräsidenten der südlichen Konföderation
wählen und bekleidete diesen Posten bis zu deren Untergang
1865. Er wurde auf Befehl der Unionsregierung verhaftet und nach
Fort Warren bei Boston gebracht, im Oktober 1865 aber freigelassen.
1872-77 wieder demokratisches Mitglied des Kongresses, bemühte
er sich um die Versöhnung der Parteien. Seit 1882 Gouverneur
von Georgia, starb er 4. März 1883. Er veröffentlichte:
"A constitutional view of the late war between the states" (Philad.
1869, 2 Bde.); "Compendium of the history of the U.S. (neue Ausg.,
New York 1883). Ein Teil seiner Reden und Briefe wurde von
Cleveland ("A. H. S.. in public and private life", Philad. 1867)
herausgegeben.
2) George, Archäolog und Philolog, geb. 13. Dez. 1813 zu
Liverpool, kam mit 20 Jahren nach Schweden, dessen Bibliotheken er
behufs altnordischer Studien eifrig durchforschte, wurde 1851 an
der Universität zu Kopenhagen angestellt und 1855 zum
Professor ernannt. Sein Hauptwerk ist: "The old-northern Runic
monuments of ScandinaVia and England" (Lond. u. Kopenh. 1866-84, 3
Bde.; abgekürzte Ausg. 1884). Von seinen übrigen
Schriften sind zu ermähnen: "Bihang till Frithiofs saga"
(1841); "Svenska folksagor och afventyr" (1844) und "Sveriges
historiska och politiska visor" (1853); die beiden letztern
Schriften sind im Verein mit G.O. Hylten-Cavallius
herausgegeben.
Stephenson (spr. stihwensson), 1) George, der
Hauptbegründer des Eisenbahnwesens, geb. 8. Juni 1781 zu Wylam
bei Newcastle als Sohn eines Kohlenarbeiters, arbeitete sich von
einem gewöhnlichen Maschinisten zum Direktor der großen
Kohlenwerke des Lord Ravensworth bei Darlington empor und baute
1812 die erste Lokomotive fürdas Kohlenwerk Killingworth. 1824
gründete er in Newcastle eine Maschinenfabrik, und im
folgenden Jahr wurde nach seinem Prinzip die erste Eisenbahn zur
Beförderung von Personen zwischen Stockton und Darlington
angelegt. Er gehörte zu den ersten, welche hierbei die
Anwendung glatter walzeiserner Schienen befürworteten und
deren Konstruktion verbesserten. Die Erbauung der
Liverpool-Manchester-Eisenbahn 1829 begründete seinen Ruf
für immer. Bei der berühmten Preisausschreibung für
die beste und schnellste Lokomotive dieser Bahn, welche ihr
dreifaches Gewicht mit 10 engl. Meilen Geschwindigkeit in der
Stunde ziehen sollte,
ohne Rauch zu erzeugen, errang Stephensons Rocket den Preis,
indem sie ihr fünffaches Gewicht zog und 14-20 engl. Meilen in
der Stunde zurücklegte, also die gestellten Bedingungen weit
übertraf. Dieser Erfolg war hauptsächlich der
Einführung des eine lebhaftere Verbrennung erzeugenden
Blasrohrs sowie des nach einer Idee Booths, des
Generalsekretärs der Gesellschaft, zu einer größern
Dampfentwickelungsfähigkeit geeigneten Röhrenkessels
zuzuschreiben. Von da an leitete S. den Bau der bedeutendsten
Eisenbahnen in England oder baute Maschinen für dieselben und
wurde zu gleichem Zweck nach Belgien, Holland, Frankreich,
Deutschland, Italien und Spanien berufen. Er war zuletzt auch
Eigentümer mehrerer Kohlengruben und der großen
Eisenwerke von Claycroß und starb 12. Aug. 1848 in Tapton
House bei Chesterfield. Seine Statue ward in Newcastle auf der
Stephensonbrücke aufgestellt. Vgl. Smiles, The life of George
S. (Lond. 1884).
2) Robert, Baumeister, Sohn des vorigen, geb. 16. Dez. 1803 zu
Wilmington, studierte in Edinburg,
unterstützte seinen Vater bei dessen Unternehmungen,
leitete den Bau mehrerer Eisenbahnlinien, verbesserte die
Lokomotive, erbaute die unter dem Namen High Lewel Bridge bekannte
eiserne Bogenhängwerkbrücke bei Newcastle, welche in
sechs Öffnungen von je 37,5 m Weite und 25,8 m Höhe den
Tyne überspannt, und erfand unter andern die sogen. Tubular-
oder Röhrenbrücken, welche aus Blech zusammengesetzt und
so weit sind, daß sie einem Eisenbahnzug die Durchfahrt
gestatten. Eine Riesenbrücke dieser Art,
296
Steppe - Sterblichkeit.
die bekannte Britanniabrücke (s. d.), erbaute er von 1847
bis 1850 über den Menaikanal, indem er deren Röhren an
dem Ufer zusammensetzte, auf Pontons zwischen die Pfeiler
flößte und mittels hydraulischer Pressen bis zu dem Orte
ihrer Bestimmung aufzog. Das bedeutendste Beispiel dieser
Brückengattung ist die von S. entworfene, 3 km lange
Viktoriabrücke bei Montreal in Kanada, welche den St.
Lorenzstrom in 25 Öffnungen überspannt, deren mittlere
eine Weite von 100,58 m besitzt. S. starb 12. Okt. 1859. Sein
"Report on the atmospheric railway-system" wurde von Weber (Berl.
1845) deutsch bearbeitet. Vgl. Smiles, Lives of George and Robert
S. (8. Aufl., Lond. 1868); Jeaffreson und Pole, Life of Robert S.
(das. 1864, 2 Bde.).
Steppe (v. russ. stepj, "flaches, dürres Land"), in
der Erdkunde Bezeichnung für ausgedehnte Ebenen, die nur mit
Gras und Kräutern bewachsen sind, auch wegen Mangels an
Bewässerung keinen Anbau gestatten, in ihrem sonstigen
physiognomischen Charakter aber von der geognostischen
Beschaffenheit des Bodens und dem Klima abhängig sind (vgl.
Ebene). Die Steppen stellen mannigfaltige Übergänge zu
den Wüsten dar und sind entweder Salzsteppen, deren kahler
Boden effloreszierendes Salz und magere Vegetation von Salzpflanzen
trägt, oder mit Gerölle bedeckte Steinsteppen oder
eigentliche Grassteppen, die sich nach dem Regen mit einem dichten
und einförmigen Pflanzenteppich überziehen, deren
Ackerkrume aber nicht tief genug ist, als daß Bäume
darin Wurzel schlagen könnten; auch die mit Flechten und
Moosen überzogenen Sumpfsteppen (Tundren) sind hierher zu
rechnen. Die Steppen kommen unter verschiedenen Namen in allen
Kontinenten vor; sie heißen im südlichen Rußland
und in Westasien Steppen, im nordwestlichen Deutschland Heiden, im
südwestlichen Frankreich Landes, in Ungarn Pußten, in
Nordamerika Savannen und Prärien, in Südamerika Llanos
und Pampas etc. Vgl. Humboldt, Über die Steppen und
Wüsten (in den "Ansichten der Natur", zuletzt Stuttg.
1871).
Steppenhuhn (Syrrhaptes Ill.), Gattung aus der Ordnung
der Scharrvögel und der Familie der Flughühner
(Pteroclidae), gedrungen gebaute Vögel mit kleinem Kopf,
kurzem, seitlich wenig komprimiertem, auf der Firste leicht
gebogenem Schnabel, sehr spitzen Flügeln, in welchen die erste
Schwinge am längsten, nach der Spitze hin verschmälert
und fast borstenartig ist, bis zur Spitze der Zehen mit
zerschlissenen, daunenartigen Federn bekleideten, kleinen
Füßen, fehlender Hinterzehe, durch eine Haut verbundenen
Vorderzehen und breiten, kräftigen Nägeln. Das S.
(Fausthuhn, S. paradoxus Ill.), ohne die verlängerten
Mittelschwanzfedern 39 cm lang und ohne die verlängerten
Schwingenspitzen 60 cm breit, am Kopf und Hals aschgrau, Kehle,
Stirn und ein Streif über dem Auge lehmgelb, mit schwarzem und
weißem Brustband, an der Brust grau isabellfarben, am
Öberbauch schwarzbraun, Unterbauch hell aschgrau, Rücken
lehmgelb, dunkel gefleckt und quergestreift, Schwingen aschgrau,
die vorderste schwarz gesäumt, Schwanzfedern gelb, dunkel
gebändert. Es bewohnt die Steppe östlich vom Kaspischen
Meer bis zur Dsungarei, im W. nördlich bis 46°, im O. noch
die Hochsteppen des südlichen Altai, geht im Winter
südlich bis zum Südrand der Gobi, lebt im Frühjahr
in kleinen Trupps, im Herbst in größern Flügen, in
welchen aber die Paare stets beisammen bleiben. Sie laufen rasch,
aber nicht anhaltend, fliegen schneller und schneidender als Tauben
und nisten in kleinen Gesellschaften. Das Gelege besteht aus vier
hell grünlichgrauen bis schmutzig bräunlichgrauen Eiern.
1860 zeigten sich Fausthühner in Holland und England, 1861 in
Norwegen und Nordchina, 1863 aber erfolgte eine große
Einwanderung, welche sich von Galizien bis Island, von
Südfrankreich bis zu den Färöerinseln ausdehnte. Auf
Borkum verschwanden die letzten im Oktober. Aber noch im folgenden
Jahr wurden sie in Deutschland mehrfach beobachtet, und in
Jütland und auf mehreren dänischen Inseln haben sie auch
gebrütet. Eine ähnliche Einwanderung erfolgte 1888, blieb
indes ebenfalls ohne weitere Folgen; nur im SO. Europas hat sich
das S. seßhaft gemacht. In der Gefangenschaft hält es
sich recht gut. Vgl. Holtz, Über das S. (Greifsw. 1888).
Steppenhund, s. Hyänenhund.
Steppenkuh, s. Antilopen, S. 640.
Steppstich, s. Nähen.
Ster (franz. stere, v. griech. stereos, starr, fest),
Körpermaß (besonders Holzmaß), = 1 cbm, und zwar
entweder Festmeter (fm) = 1 cbm fester Masse, oder Raummeter (rm) =
1 cbm Schichtmaß.
Sterbekassen (Grabe-, Leichenkassen, Totenladen,
Sterbeladen, Begräbniskassen) sind kleine, im wesentlichen die
Deckung der Beerdigungskosten bezweckende genossenschaftliche, oft
zweckmäßig mit Krankenkassen verbundene
Lebensversicherungsanstalten, welche im Todesfall das Sterbegeld an
die Erben auszahlen oder, wenn solche nicht vorhanden, auch wohl
die Beerdigung selbst besorgen. Es gab solche nachweisbar schon in
Rom und bei den alten germanischen Völkern. Sie sind in
Deutschland sehr verbreitet und werden namentlich von den untern
Klassen benutzt, ohne daß es jedoch möglich wäre,
genauere Zahlenangaben über dieselben zu machen. S. bestehen
auch als Nebenzweige von etwa zehn deutschen großen
Lebensversicherungsanstalten, meistens aber sind sie kleinere
Privatvereine, an welchen die Beteiligung entweder nur einer
bestimmten Zahl von Personen (geschlossene Kassen) oder einer nicht
festgesetzten Zahl von Mitgliedern, entweder nur Personen
bestimmter Kategorien (z. B. Beamten derselben Behörde,
Arbeitern derselben Fabrik, Personen bestimmten Berufs etc.) oder
jedem Beitrittswilligen offen steht. Viele derselben werden in
alter unrationeller Weise ohne genügende Abstufung der
Prämien (hier oft Totenopfer genannt) und ohne richtige
Bemessung der Prämienreserven verwaltet und sind deshalb zum
Teil wenig lebensfähig, doch haben es manche bereits zu hohem
Alter gebracht. In England gehören viele S. zu den
hauptsächlichsten Einrichtungen der Friendly Societies (s.
d.), welchen gesetzlich verboten ist, für den Sterbefall von
Frau und Kind mehr als die Begräbniskosten zu versichern. Vgl.
Lebensversicherung und Krankenkassen; Hattendorf, Über S.
(Götting. 1867); Heym, Die Grabekassen (Leipz. 1850);
Fleischhauer, Die Sterbekassenvereine (Weim. 1882).
Sterbelehen, Abgabe, welche bei einem durch den Tod
herbeigeführten Wechsel in der Person des Lehnsherrn oder des
Beliehenen entrichtet werden mußte.
Sterbender Fechter, s. Gallierstatuen.
Sterbequartal, s. v. w. Gnadenquartal (s. Pension, S.
832). Vgl. Deservitenjahr.
Sterbethaler, s. Begräbnismünzen.
Sterbevogel, s. Seidenschwanz.
Sterbfall, s. Bauer, S. 464.
Sterblichkeit (Sterblichkeitsziffer, Mortalität),
das Verhältnis der Zahl der Gestorbenen einer Zeiteinheit
(gewöhnlich das Jahr) zur Zahl derjeni-
297
Sterblichkeit (statistisch).
gen, welche vorher am Leben waren. Dagegen versteht man unter
Intensität der S. den Bruch, welchen man erhält durch
Division einer Anzahl Gestorbener durch die Zeit, welche die
Personen, aus denen jene weggestorben sind, während der Dauer
des Absterbens zusammen durchlebt haben. Zu unterscheiden ist die
S. einer gesamten Bevölkerung und diejenige einer Gruppe,
insbesondere von gleichaltrigen Personen. So kamen im Deutschen
Reich im Durchschnitt der Jahre 1841-85 je auf 10,000 Köpfe
der mittlern Bevölkerung 281,6 Todesfälle, die S. stellte
sich demnach rund auf 0,028, dagegen findet man andre Zahlen
für verschiedene Altersklassen. Die Feststellung der S. ist
nicht allein für die Wissenschaft, sondern auch für die
Praxis (Lebensversicherung, Gesundheitspflege etc.) von hoher
Wichtigkeit. Eine Tausende von Jahren umfassende Erfahrung hat zu
dem bekannten Satz geführt, daß jeder Mensch einmal
stirbt. Wenn man auch das höchste überhaupt nur
erreichbare Alter nicht kennt, so hat man doch beobachtet,
daß die Zahl derjenigen, welche die Grenze von 90 und 100
Jahren überschreiten, außerordentlich klein ist. Man
fand ferner, daß die S. verschiedener Altersklassen, sobald
sie nur für genügend große Zahlen ermittelt wird,
gewisse Regelmäßigkeiten aufweist. Diese Thatsache gab
dazu Veranlassung, an der Hand von Volkszählungen Geburts-,
Sterbelisten etc., Sterblichkeit (Überlebens-,
Mortalitäts-) Tafeln oder Absterbelisten aufzustellen (die
ersten von den Engländern Graunt 1661 und Halley 1691, vom
Holländer Kerseboom 1742, vom Franzosen Deparcieux 1746, vom
Schweden Wargentin 1766). Aus denselben ist die Absterbeordnung, d.
h. die Art zu ersehen, wie eine Anzahl Gleichalteriger
(Neugeborner) sich durch Absterben von Jahr zu Jahr mindert. Diese
Tafeln haben nur dann eine Bedeutung, wenn sie aus großen
Zahlen gewonnen werden. Sie geben alsdann die Wahrscheinlichkeit
des Sterbens an, ihreZahlen werden darum in Wirklichkeit um so mehr
zutreffen, auf eine je größere Zahl von Personen sie
angewandt werden. So wird die Zahl derjenigen, welche von 1 Mill.
30jährigen Männern in den nächsten zwölf
Monaten sterben werden, nicht viel von 0,928 Proz. abweichen,
während der Prozentsatz, welcher von einer gegebenen kleinen
Anzahl wirklich sterben wird, erheblich größer oder
kleiner sein kann. Dann dürfen die Tafeln nur auf solche
Bevölkerungsmassen angewandt werden, welche denen gleichartig
sind, die Gegenstand der Erhebung waren. Denn die S. ist
verschieden je nach Wohnort (Stadt, Land, Gegend), Geschlecht (im
allgemeinen geringere S. des weiblichen Geschlechts), Beruf (Gefahr
für Gesundheit, Anstrengung, Aufregung), Zivilstand,
Lebensweise, Gesundheitspflege, Wohlstand etc. So wird die
Sterblichkeitstafel einer Versicherungsanstalt, welche nur
genügend gesunde Personen aufnimmt, andre Zahlen aufweisen als
diejenige, welche für die Gesamtbevölkerung eines Landes
aufgestellt wurde. Aus den Sterblichkeitstafeln ist zunächst
die Sterbenswahrscheinlichkeit für jedes Lebensalter zu
ersehen. Ist die Zahl der $n+1$-und die der $n$-jährigen
Personen $m_{n+1}$ und $m_n$, so ist die Sterbenswahrscheinlichkeit
der $n$-jährigen (für das nächste Jahr) gleich
$\frac{m_{n+1}}{m_n}$, die Wahrscheinlichkeit des Gegenteils
(Überlebenswahrscheinlichkeit) ist gleich
$1-\frac{m_{n+1}}{m_n}$. Die Wahrscheinlichkeit eines
$n$-jährigen, in einem der nächsten vier Jahre zu
sterben, ist $\frac{m_{n+4}}{m_n}$, wenn $m_{n+4}$ die Zahl der
übriggebliebenen $n+4$jährigen bedeutet. Dieselbe Zahl
erhält man, wenn man die Wahrscheinlichkeiten der einzelnen
Jahre miteinander multipliziert. Denn es ist
$\frac{m_{n+4}}{m_n}=\frac{m_{n+1}}{m_n}\frac{m_{n+2}}{m_{n+1}}\frac{m_{n+3}}{m_{n+2}}\frac{m_{n+4}}{m_{n+3}}$.
Das mittlere Lebensalter (Durchschnittsalter, vie moyenne) einer
Anzahl Personen (gleichzeitig Lebender oder Gestorbener
verschiedenen Alters) ist gleich der Summe der Jahre, welche alle
zusammen durchlebt haben, dividiert durch die Anzahl der Personen.
Von demselben ist zu unterscheiden die nur an der Hand von
Sterblichkeitstafeln als eine Wahrscheinlichkeit zu berechnende
mittlere Lebenserwartung (auch mittlere Lebensdauer oder
Vitalität genannt), dieselbe ist gleich der Summe der nach
Maßgabe der Tafel noch zu verlebenden Jahre, dividiert durch
die Zahl der Personen. Die wahrscheinliche Lebensdauer oder
Lebenserwartung (vie probable) ist gleich der Anzahl von Jahren,
nach deren Verlauf gerade die Hälfte einer gegebenen Anzahl
(wahrscheinlich) gestorben sein wird. Für diese Zeit sind also
Sterbens- und Überlebenswahrscheinlichkeit einander gleich (je
gleich 1/2). Nach der vom kaiserlichen Statistischen Amt
aufgestellten deutschen
Sterbetafel (1871-81) ist die S.:
Eben vollendetes Alter
Zahl der Überlebenden
Sterbenswahrscheinlichkeit für das nächste Jahr
Mittlere (durchschnittliche) Lebenserwartung
Wahrscheinliche Lebenserwartung
männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl.
männl. weibl.
0^1 104520 103692 0,2850 0,2453 34,0 37,1 34,2 39,6
0 100000 100000 0,2527 0,2174 35,6 38,5 38,1 42,5
1 74727 78260 0,0649 0,0636 46,5 48,1 53,2 56,3
2 69876 73280 0,0332 0,0326 48,7 50,3 54,6 57,7
3 67997 70892 0,0231 0,0225 49,4 51,0 54,6 57,7
13 61320 64390 0,0035 0,0039 44,1 45,8 47,4 50,2
20 59287 62324 0,0075 0,0061 38,5 40,2 41,2 44,0
30 54454 57566 0,0093 0,0097 31,4 33,1 33,2 35,6
40 48775 51576 0,0136 0.0122 24,5 26,3 25^3 27,6
50 41228 45245 0,0215 0,0160 18,0 19,3 18,0 19,6
60 31124 36293 0,0382 0,0329 12,1 12,7 11,5 12,3
70 17750 21901 0,0811 0,0747 7,3 7,6 6,5 6,7
80 5035 6570 0,1745 0,1683 4,1 4,2 3,3 3,4
90 330 471 0,3190 0,3138 2,3 2,4 1,8 1,8
100 2 3 0,5193 0,5180 1,4 1,2 1,0 0,9
1 Einschließlich der Totgebornen, die Zahl 100,000
bedeutet die Lebendgebornen.
Die S. (Sterbenswahrscheinlichkeit) nimmt von Geburt an bis zum
13. Lebensjahr beim männlichen wie beim weiblichen Geschlecht
ab; dann steigt sie mit einer kurzen Unterbrechung zuerst langsam,
dann immer rascher bis zum höchsten Alter. Die S. des
weiblichen Geschlechts bleibt mit Ausnahme der Zeit vom 9. bis 15.,
dann vom 27. bis zum 35. Lebensjahr stets hinter derjenigen des
männlichen zurück. Die mittlere Lebenserwartung ist beim
männlichen Geschlecht bis zum 50., bei dem weiblichen bis zum
54. Jahr kleiner und dann größer als die
wahrscheinliche. Der Umstand, daß ermittelte
Absterbeordnungen einen regelmäßigen Verlauf aufweisen,
gab zur Aufstellung von Formeln Veranlassung, welche das
Sterblichkeitsgesetz darstellen sollten, und aus denen die S., bez.
die Zahl der Überlebenden für jedes Alter zu ermitteln
sei (bereits Lambert für die Londoner Bevölkerung 1776,
Th. Young 1826, Gompertz 1825 mit Erweiterungen von Makeham und
Lazarus 1867, ferner Littrow 1832, Moser 1839,
298
Sterculia - Stereometer.
endlich Kaiser 1884), und zwar gelangte man, da die
Sterbenswahrscheinlichkeit für kleine Zeitteilchen gleich dem
Bruch aus dem Differential der jeweilig Lebenden und diesen
letztern selbst ist, zu Exponentialfunktionen, deren Konstante
durch Ausgleichungsrechnung an der Hand wirklicher Beobachtungen zu
ermitteln sind; doch führen derartige Formeln nur für
gewisse Zeitstrecken zu genügend genauen Ergebnissen.
Vgl.Wappäus, Allgemeine Bevölkerungsstatistik (Leipz.
1859-61, 2 Bde.); Quételet, Sur l'homme (Par. 1835, 2 Bde.;
deutsch, Stuttg. 1835); Derselbe, Physique sociale (Par. 1869, 2
Bde.); Moser, Die Gesetze der Lebensdauer (Berl. 1839); Casper, Die
wahrscheinliche Lebensdauer der Menschen (das. 1843);
Österlen, Handbuch der medizinischen Statistik (Tübing.
1865); Kolb, Handbuch der vergleichenden Statistik (8. Aufl.,
Leipz. 1879); Beneke, Vorlagen zur Organisation der
Mortalitätsstatistik in Deutschland (Marb. 1875); die
Veröffentlichungen des königlich preußischen
Statistischen Büreaus: "Deutsche Sterblichkeitstafeln aus den
Erfahrungen von 23 Lebensversicherungsgesellschaften" (Berl. 1883),
nicht zu verwechseln mit der für die
ganze deutsche Bevölkerung aufgestellten Tafel
(Novemberheft der "Statistik des Deutschen Reichs" von
1887); Oldendorff, Der Einfluß der Beschäftigung auf
die Lebensdauer des Menschen (das. 1877-78, 2 Tle.); Westergaard,
Die Lehre von der Mortalität etc. (Iena 1882).
Sterculia L. (Stinkbaum), Gattung aus der Familie der
Sterkuliaceen, meist große Bäume mit
wechselständigen, einfachen oder gelappten Blättern und
filzigen Blüten in Rispen, sämtlich in heißen
Ländern. S. foetida L. (Stinkmalve) ist ein großer
Baum in Ostindien und auf den Molukken mit großen,
gefingerten Blättern und dunkel karminroten, orangegelb
gescheckten, sehr stark und unangenehm, dem Menschenkot
ähnlich riechenden Blüten, von welchem die jüngern,
schleimigen Blätter nach Art der Malvenblätter benutzt,
die haselnußgroßen Samen aber geröstet gegessen
werden und ein gutes Öl liefern. Einige andre Arten werden in
Gewächshäusern kultiviert. S. acuminata Beauv., welche
die Kolanüsse liefert, s. v. w. Cola acuminata (s. Cola).
Stereiden, in der Pflanzenanatomie die einzelnen
Bestandteile des Stereoms (s. d.).
Stereobat (griech.), der massive, abgestufte Unterbau der
griechischen Tempel. Weiteres s. Säule (S.
350) und Tempel.
Stereochromie (griech.), eine 1846 in München von
Schlotthauer (s.d.) und Oberbergrat Fuchs erfundene Art Malerei,
welche eine Zeitlang angewendet wurde, um Wandflächen
unmittelbar mit Gemälden, nach Art der Freskomalerei, zu
bedecken. Es wurde dabei ein Malgrund hergerichtet, der bei
Gemälden auf Leinwand in einer leichten Bindung, womit
dieselbe gesättigt wurde, bei Wänden mit Stein oder
Mörtel
aus einem wenige Linien dicken Bewurf bestand, der mit der
Steinunterlage zu einer mechanisch völlig untrennbaren Masse
sich verbindet. Auf diesem Grund wurde mit eigens präparierten
Wasserfarben gemalt, und da diese sich mit dem Grund vereinigen und
die Bildfläche schließlich durch Aufspritzen von
Wasserglas steinhart gemacht wurde, so glaubte man in diesem
Verfahren eine Technik gefunden zu haben, welche besonders
Wandgemälde in großen Räumen gegen die nachteiligen
Einflüsse des Temperaturwechsels, der Feuchtigkeit etc.
unempfindlich machen würde. Doch hat auch die von Seibertz
erfundene Vervollkommnung der S. durch Anwendung von trocknen
Farben die Erwartungen, welche man von der S. hegte, nicht
gerechtfertigt. Der von Kaulbach im Treppenhaus des Neuen Museums
zu Berlin in großem Maßstab mit der S. gemachte Versuch
hat vielmehr gezeigt, daß die Bildflächen über und
über mit störenden Riffen überzogen werden, weshalb
man die S. wieder aufgegeben hat.
Stereograph (griech.), eine von Liwtschack zu Wilna
erfundene Maschine zur Anfertigung von Stereotypmatrizen ohne
vorgängigen Schriftsatz. Die Herstellung der letztern erfolgt
durch Einschlagen von Typen, eine nach der andern, in eine
präparierte, halbweiche Platte, welche stets um die Breite der
eingeschlagenen Type durch den Mechanismus der Maschine weiter
geschoben wird, wobei der Arbeiter den Wortlaut des Manuskripts auf
einer Tastatur, wie bei den meisten Setzmaschinen, abspielt. Bis
jetzt sind technisch befriedigende Resultate mit dem Stereographen
nicht erzielt worden.
Stereographie (griech.), perspektivische Zeichnung von
Körpern auf einer Fläche.