Sprosse, die Sproßfolge, beginnen in ihrer Entwickelung bei
phanerogamen Pflanzen an dem Keimling. Das Stengelchen desselben
erwächst zur Hauptachse. In seltenen Fällen
schließt schon diese mit einer Blüte ab, und der S. kann
dabei einfach bleiben, so daß die Pflanze nur aus einer
einzigen Achse besteht und als einachsige bezeichnet wird.
Zweiachsige Pflanzen sind dagegen diejenigen, bei denen erst an den
Nebenachsen erster Ordnung Blütenentwickelung eintritt, also
z. B. wenn die Hauptachse aufrecht steht und Laubblätter
trägt, aus deren Achseln Blütenstiele entspringen, oder
an der Spitze zu einer Traube, Dolde oder Ähre wird, denn auch
jede Blüte dieser Infloreszenzen ist ein Sproß für
sich; aber auch der Fall gehört hierher, wo die Hauptachse
unterirdisch als Rhizom wächst und einfache Nebenachsen
über den Boden treibt, die mit einer einzelnen Blüte
abschließen, wie z. B. bei Paris quadrifolia. Man kann
hiernach leicht selbst finden, was unter drei-, vierachsigen etc.
Pflanzen zu verstehen ist. Sehr häufig sind bei mehrachsigen
Pflanzen die successiven Achsen nicht bloß dem Grad nach,
sondern auch hinsichtlich der Ausbildung der Blätter, die sie
tragen, voneinander unterschieden. Durch die Metamorphose der
Blätter werden nämlich bei fast allen Phanerogamen
bestimmte Blattformationen bedingt, die man als Nieder-, Laub- u.
Hochblätter charakterisiert (s. Blatt, S. 1016), und nach
deren Auftreten am S. man eine Niederblattregion, Laubblattregion
und Hochblattregion zu unterscheiden hat. Bei einachsigen Pflanzen
folgen diese drei Regionen an Einer Achse aufeinander, bei
mehrachsigen sind sie in der Regel auf die einzelnen Achsen
verteilt, so daß man diese selbst als Niederblattstengel etc.
unterscheiden kann. Diese Verhältnisse, von denen
hauptsächlich mit das äußere Ansehen (Habitus) der
Pflanze abhängt, zeigen wiederum große
Mannigfaltigkeiten.
Für die S. gewisser Pflanzen sind besondere Namen
üblich. Bei den Kräutern redet man schlechthin vom S.
oder Krautstengel, bei den grasartigen Monokotyledonen wird er Halm
(culmus) genannt. Der hohe, meist einfache, an der Spitze mit einer
einzigen großen Gipfelknospe endigende S. der Palmen und
Baumfarne heißt Stock (caudex). Der holzige, lang dauernde,
in Äste und Zweige sich teilende S. der Dikotyledonen und
Nadelhölzer wird Stamm (truncus) genannt (vgl. Baum).
Abweichende, für besondere Lebenszwecke eingerichtete
Stengelformen sind die Knollen, Ranken und Dornen (s. d.). Bei
manchen Pflanzen ist der S. fleischig verdickt und dann knollig,
wie bei dem Kohlrabi (Fig. 3), nahezu kugelig, wie bei Melocactus
(Fig. 4), aus ovalen, zusammengedrückten Gliedern
zusammengesetzt, wie bei den Opuntien (Fig. 5). Ja, es gibt auch
S., welche der Gestalt nach mit Blättern übereinstimmen,
wie z. B. die Zweige von Ruscus aculeatus (Fig. 6), welche
flächenartig ausgebreitet sind und ein beschränktes
Längenwachstum besitzen, daher sie eine begrenzte
blattähnliche Form haben. Solche Blattzweige (phyllocladia)
unterscheiden sich von wahren Blättern leicht dadurch,
daß sie aus den Achseln kleiner, schuppenförmiger
Blätter entspringen und auf ihrer Fläche selbst kleine
Blättchen tragen, aus deren Achsel sie eine Blüte
hervorbringen. Über den innern Bau des Stengels vgl. die
Artikel Gefäßbündel, Holz, Rinde, Kambium.
^[Fig. 5. Stengel von Opuutia.]
^[Fig. 6. Phyllokladien von Ruscus aculeatus.]
^[Fig 3. Kohlrabi.]
^[Fig. 4. Stengel von Melocactus.]
Stengelbrand, s. Brandpilze III.
Stengelgläser, venezian. Gläser mit
dünnem, stengelartigem Fuß (s. Tafel
"Glaskunstindustrie", Fig. 8).
Stenochromie (griech.), Verfahren gleichzeitigen Druckes
einer beliebigen Anzahl von Farben, dessen Erfindung von Radde in
Hamburg und von dessen Kompagnon Greth beansprucht wird. Aus eigens
präparierten Farbentäfelchen werden der zu bedruckenden
Bildfläche entsprechende Teile mittels der Laubsäge
herausgeschnitten, welche man, gleich den Teilen der
Zusammensetzspiele der Kinder, sodann zu einer Platte vereinigt, in
eine besonders konstruierte Presse bringt, wo der Druck mit
chemisch gefeuchtetem Papier derart erfolgt, daß das Papier
die zur Herstellung des Bildes erforderliche Farbenschicht von der
Farbenplatte aufsaugt. Wird über solcherweise erzeugte Grund-
oder Tonplatten eine denselben entsprechende, das Bild selbst als
photographisches Positiv tragende Gelatinehaut gelegt, so
können damit überraschend schöne Resultate erzielt
werden.
Stenograph (griech.), im weitern Sinn jeder, der sich ein
System der Stenographie (s. d.) zu eigen
289
Stenographie (Wesen und Zweck).
gemacht hat; im engern einer, dessen Beruf das
geschwindschriftliche Aufnehmen von Reden u. dgl. ist.
Stenographie (griech., "Engschrift", auch Tachygraphie,
"Schnellschrift", engl. Shorthand. "Kurzhand", deutsch am
treffendsten Kurzschrift genannt), eine Schriftart, welche
vermittelst eines einfachen, von den gewöhnlichen Buchstaben
abweichenden Alphabets, ferner durch eigne Grundsätze
über deren Zusammenfügung und meist auch durch
Aufstellung besonderer Kürzungen zu ihrer Ausführung nur
ein Viertel der sonst nötigen Zeit erfordert und dazu bestimmt
ist, bei schreiblicher Thätigkeit als zeitersparendes
Erleichterungsmittel verwandt zu werden. Da die S. nicht
beabsichtigt, die gewöhnliche Schrift zu verdrängen,
sondern nur neben derselben hergehen will, so nimmt sie in der
Lautbezeichnung hauptsächlich die gangbare Schrift zum
Vorbild; doch werden auch aus orthographischen Vereinfachungen
Kürzungsvorteile gern benutzt. Phonetische Stenographien (s.
Phonographie), wie sie in England (s. Pitman) und Frankreich (s.
Duployé) vorhanden sind, lassen sich in Deutschland bei dem
Mangel einer Behörde zur Entscheidung über die
Richtigkeit der provinziell verschiedenen Aussprache gewisser Laute
vorläufig nicht durchführen. Hinsichtlich der
Zeichenauswahl für das Alphabet unterscheidet man zwei Arten
von Systemen der S.: geometrische, d. h. solche, welche nur die
einfachsten geometrischen Elemente (Punkt, gerade Linie, Kreis und
Kreisteile) verwenden, und graphische, d. h. solche, die ihre
Zeichen aus Teilen der gewöhnlichen Buchstaben bilden und
dadurch im Gegensatz zu den erstern geläufige, der Richtung
der schreibenden Hand entsprechende Züge erzielen.
Geometrische wie graphische Systeme vervielfältigen die
geringe Menge der verfügbaren Urzeichen durch allerhand
Auskunftsmittel, wie Höhenwert, Neigungswert, Stellenwert,
Schattierungswert etc., die zur Erreichung der verschiedensten
Zwecke benutzt werden. An einer Klassifikation der Systeme nach
diesen Gesichtspunkten mangelt es noch vollständig. Zu der
graphischen Art gehören außer der altrömischen
Tachygraphie fast nur die modernen deutschen Systeme und deren
Übertragungen, während die übrigen meist auf
geometrischer Grundlage beruhen. In den Regeln über die
Zeichenzusammenfügung herrscht außerordentliche
Mannigfaltigkeit. Das Gleiche gilt von den Kürzungsregeln,
doch ist fast allen Systemen gemeinsam die Anwendung von Siglen (s.
d.). Schreibkürzungsmethoden, welche sich der
gewöhnlichen Buchstaben, allenfalls mit einigen Signaturen,
bedienen, fallen, auch wenn sie die angegebene Kürze erreichen
sollten, nicht unter den Begriff der S., ebensowenig Systeme,
welche zwar eigne Zeichen verwenden, aber hinter dem Maß von
ein Viertel der sonstigen Schreibzeit erheblich zurückbleiben.
Die Veranlagung, schnelle Reden wörtlich nachzuschreiben,
gehört nicht zu den Bedingnissen einer S., obgleich die
meisten Systeme dazu befähigen oder wenigstens sich dessen
rühmen. Oft aber ist es dieses Bedürfnis, Reden
nachzuschreiben, gewesen, welches den Anstoß zur Aufstellung
einer Kurzschrift gegeben hat. Daher sehen die ersten Systeme mehr
auf Kürze als auf genügende Bürgschaft für
richtiges Wiederlesen des Geschriebenen. Sobald die S. die engen
Grenzen der Redezeichenschrift verläßt, um ihre
umfassendere und höhere Bestimmung zu erfüllen, muß
das Streben nach Kürze durch die Rücksicht auf
Deutlichkeit, Zuverlässigkeit, Lesbarkeit und
Formenschönheit eingeschränkt werden; auch darf die Zeit
und Mühe, welche zur Erlernung eines solchen mechanischen
Erleichterungsmittels aufgewandt wird, nicht zu groß sein
oder gar den Charakter eines förmlichen Studiums annehmen. Je
mehr ein System bei theoretischer Konsequenz und ästhetischem
Äußern Zuverlässigkeit mit Kürze vereinigt,
ohne an leichter Erlernbarkeit zu verlieren, desto höher steht
es an Brauchbarkeit und Güte. Denn die S. ist für alle
bestimmt, welche viel zu schreiben oder Geschriebenes zu lesen
haben, nicht bloß für Gelehrte, Schriftsteller,
höhere Beamte, Kaufleute, Studenten, Gymnasiasten etc.,
sondern auch für Subalternbeamte, Sekretäre, Kanzlisten,
Schreiber, Schriftsetzer etc., bei deren gegenseitigem
Zusammenwirken (ein einheitliches Stenographiesystem vorausgesetzt)
sie erst ihren vollen Wert zeigen kann. Als rein mechanisches
Hilfsmittel für so verschiedene zum Teil wenig gebildete
Kreise besitzt die S. keinerlei Anrecht auf die Bezeichnungen
"Wissenschaft" oder "Kunst"; höchstens im uneigentlichen Sinn,
wie man von Buchdrucker- oder Schreibkunst spricht, könnte die
S. eine Kunst heißen. Aus der Verwertung
sprachlich-etymologischer und lautlich-physiologischer
Forschungsergebnisse vermag die Kurzschrift wohl Vorteile zu
ziehen, aber nur Schwärmer reden von hoher
Wissenschaftlichkeit und zahlreichen bildenden Elementen der S. Die
Kurzschrift hat ihren wissenschaftlichen Gehalt in der Konsequenz,
in rationeller Ökonomie und einem systematischen Aufbau zu
suchen; ihre wissenschaftliche Bedeutung liegt in den Diensten, die
sie der Wissenschaft leistet. Eine kritisch-forschende
Beschäftigung mit Geschichte, Wesen und Wert der S. ist
dagegen sehr wohl als wissenschaftliche Thätigkeit zu denken.
Zur Ausübung der redennachschreibenden Praxis bedarf es neben
stenographischer Virtuosität insbesondere scharfer Sinne,
schneller Auffassung und fester Nerven. Wissenschaftliche Bildung
ist dafür nicht durchaus erforderlich, indessen gewährt
dieselbe größere Bürgschaft für
zuverlässige und von Verständnis getragene Leistungen;
darum verlangt gewöhnlich der Staat von seinen amtlichen
Stenographen außer der technischen Fertigkeit bestimmte
Bildungsnachweise. In den größern deutschen Staaten und
in Österreich werden z. B. fast nur akademisch gebildete
Männer als Kammerstenographen zugelassen. Gegenwärtig
dient die S. ihrem umfassendern, höhern Zweck umfänglich
in Großbritannien, einem Teil des englisch sprechenden
Nordamerika, in Frankreich, Deutschland, der Schweiz,
Österreich-Ungarn und langsam beginnend auch in Italien; in
den übrigen europäischen und einigen überseeischen
Ländern erfährt sie fast nur in dem beschränkten
Sinn Anwendung zum Nachschreiben von Reden. Die Pflege der
Kurzschrift ruht zumeist in den Händen der stenographischen
Vereine, die zuerst in England aufgekommen sind. Ebenda entstand
1842 die stenographische Presse, welche jetzt über fast 150
Fachzeitschriften verfügt. Versuche zur Aufstellung einer
stenographischen Tonschrift an Stelle des gewöhnlichen
Notensystems sind von einigen Franzosen, Deutschen und
Engländern gemacht worden, haben aber eine praktische
Verwertung ebensowenig gefunden wie die Entwürfe zu
"Blindenstenographien". Vgl. Steinbrink, Über den Begriff der
Wissenschaftlichkeit auf dem Gebiet der S. (Berl. 1879); Hasemann,
Prüfung der wichtigsten Kurzschriften (Trarbach 1883);
Morgenstern, Wissenschaftliche Grundsätze zur Beurteilung
stenographischer Systeme (im "Magazin für S." 1884); Brauns,
Welche Anforderungen sind an eine Schulkurzschrift zu stellen?
(Hamb. 1888); Hüeblin, Stimmen über die Bedeutung der S.
(Wetzikon 1888).
290
Stenographie (Geschichtliches, Verbreitung).
Geschichtliches. Verbreitung.
Den ersten Ansatz zu einer S. finden wir in Griechenland. Eine
Marmorinschrift von etwa 350 v. Chr., welche vor wenigen Jahren auf
der Akropolis von Athen ausgegraben ward und im dortigen
Zentralmuseum aufgestellt ist, gibt Anweisungen einer
gekürzten Schriftart, mit welcher allerdings nur die
Hälfte der Zeit erspart wird. Der frühsten Erwähnung
einer griechischen S. begegnet man erst ums Jahr 164 n. Chr. bei
Galenos. Aus Zeugniffen späterer Schriftsteller geht hervor,
daß die wörtliche Aufnahme einer griechischen Rede durch
S. möglich war. Von der Beschaffenheit des dabei angewendeten
Systems können wir uns keine rechte Vorstellung bilden, denn
die Schriftproben, welche unter dem Namen griechische Tachygraphie
gehen, repräsentieren nur eine ganz späte und entartete
Gestalt, in der das System an Kürze sich wenig über die
gewohnliche griechische Schrift erhebt und nicht mehr S., sondern
nur noch Geheimschrift ist. Vgl. Gomperz, Über ein
griechisches Schriftsystem aus der Mitte des 4. vorchristlichen
Jahrhunderts (Wien 1884); Mitzschke, Eine griechische Kurzschrift
aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert (Leipz. 1885); Gitlbauer,
Überreste griechischer Tachygraphie im "Codex Vaticanus
graecus 1809" (Wien 1878); Wessely, Wiener Papyrus Nr. 26 und die
Überreste griechischer Tachygraphie in den Papyri von Wien,
Paris und Leiden (in den "Wiener Studien" 1881, Bd. 3, S. 1-21);
Rueß, Über griechische Tachygraphie (Neuburg a. D.
1882). Reichlicher fließen die Quellen über die
altrömische S., deren Wesen und Geschichte vom Beginn bis zum
Untergang sich verfolgen läßt. Nach ihrem Erfinder Tiro
führt diese Kurzschrift den Namen Tironische Noten (weiteres
s. Tiro). Aus dem Mittelalter verdient nur hervorgehoben zu werden,
daß ein Mönch, Johannes von Tilbury, den Versuch machte,
durch eine Nova notaria die Tironischen Noten zu ersetzen (vgl.
Rose, Ars notaria, im "Hermes", Bd. 8, S. 303 ff.). Die Nation, bei
welcher die Kurzschrift in neuer Zeit zuerst wieder erwachte, und
von wo der zündende Funke fast in alle Länder Europas und
über den Ozean übersprang, war die englische. Die
frühsten Spuren stenographischer Systeme zeigen sich in
England schon zu Ende des 16. Jahrh. in den Schriften von Bright
und Bales. Der erste aber, der hier von Bedeutung ward, ist John
Willis ("The art of stenography, or short-writing", Lond. 1602).
Von diesem Anfangspunkt an bis zur jüngsten Vergangenheit ist
das stenographische Schrifttum Englands ein außerordentlich
fruchtbares gewesen. Als besonders hervorragend sind zu nennen
Samuel Taylors "Essay intended to establish a standard for an
universal system of stenography" (Lond. 1786), wovon
Übertragungen auf viele andre europäische Sprachen
gemacht wurden, und Isaak Pitmans "Phonographie" (1837). Dieselbe
hat nach dem Taylorschen System die weiteste Verbreitung und
praktische Verwertung unter den Volksstämmen englischer Zunge
gefunden (näheres s. Pitman). In Frankreich blieben die ersten
von Cossard 1651 und dem Schotten Ramsay 1681 veröffentlichten
Systeme ohne Erfolg. Erst einer von Bertin verfaßten
Übertragung des Taylorschen Systems, die 1792 unter dem Titel:
"Système universel et complet de sténographie"
erschien, gelang es, Anerkennung und praktische Verwendung zu
finden. Noch heute besitzt dieselbe namentlich in den
Überarbeitungen von Prévost und Delaunay in den
franzöfischen und belgischen Kammern als Redezeichenkunst das
Übergewicht, auch sonst einige Verbreitung im täglichen
Schriftverkehr und eine Zeitschrift zur Vertretung ihrer
Interefsen. Hinsichtlich der allgemeinen Ausbreitung und Benutzung
bei schriftlichen Arbeiten hat aber neuerdings die S.
Duployé (s. d.) alle andern französischen Methoden weit
überflügelt. In Italien ist der erste nachweisbare
Versuch, zu einer Kurzschrift zu gelangen, der von Molina 1797. Ihm
folgte eine von Amanti 1809 bewirkte Übertragung des
Taylorschen Systems ("Sistema universale e completo di
stenografia"), die mit einigen Modifikationen beim italienischen
Parlament Verwendung findet, sonst aber hinter einer von Noe
bewirkten Übertragung der deutschen Redezeichenkunst von
Gabelsberger zurücktritt, welche bereits anfängt, in
weitern Kreisen als Gebrauchsschrift sich Geltung zu verschaffen
("Manuale di stenografia italiana", 9. Aufl., Dresd. 1887). In
Spanien war es Marti, der, auf englischen Grundlagen bauend, durch
seine "Tachigrafia castellana" (Madr. 1803) die Kurzschrift in
seinem Vaterland einbürgerte und eine Stenographenschule
gründete, deren Anhänger auch in Mexiko, Carácas,
Buenos Ayres als Schnellschreiber der dortigen Gesetzgebenden
Körper thätig sind. Ihr ist in neuester Zeit die
"Taquigrafia sistematica" (Barcel. 1864) des Garriga y Marill mit
Erfolg an die Seite getreten; ein thätiger und tüchtiger
Verein in Barcelona wirkt für dieses System. Ein Sohn des
vorgenannten Marti führte seines Vaters System, indem er es
auf das Portugiesische übertrug, in Portugal ein ("Tachigrafia
portugueza", Lissab. 1828). In Brasilien kommt ein nach
englisch-französischen Mustern von Pereira da Silva Velho
geschaffenes System (Rio de Jan. 1844) im Parlament zur Verwendung.
In Rumänien tauchte die Kurzschrift 1848 auf, als Rosetti die
Taylorsche S. seiner Muttersprache anzupassen suchte. Von einigem
Erfolg begleitet war erst Winterhalders 1861 bewirkte
Übertragung des französischen Systems von Tondeur. Auch
in Schweden, Norwegen, Dänemark, den Niederlanden,
Rußland, Polen, Böhmen und den übrigen slawischen
Ländern, Ungarn, Finnland, der Türkei, Griechenland,
Armenien, Madagaskar, Japan trägt die S. das Gepräge
fremder Herkunft. Es gibt in diesen Ländern keine
national-eigentümlichen Stenographien, sondern nur
Übertragungen ausländischer Methoden, besonders der
deutschen von Gabelsberger und Stolze oder
englisch-französischer. Erst 1888 hat sich bei den Tschechen
eine Richtung auf Nationalisierung der S. bemerkbar gemacht. Auch
auf Schleyers Volapük sind schon mehrere Systeme der S.
übertragen worden. In Deutschland begegnen uns
merkwürdige Beispiele großer Schreibgeschwindigkeit
während der Reformationszeit, wo Luthers Freunde und Gehilfen
(Cruciger, Dietrich und Röhrer) Predigten, Reden,
Verhandlungen u. dgl. wörtlich nachgeschrieben haben sollen.
Da jedoch nähere Angaben nicht erhalten sind, muß es
unentschieden bleiben, welcher Hilfsmittel sich diese Männer
bedient haben. Der Versuch des Schotten Ramsay, 1679 das englische
System von Shelton in Deutschland einzuführen, blieb ohne
Erfolg. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts lenkte Buschendorf in
seinem "Journal für Fabrik, Manufaktur etc." 1796 die
Aufmerksamkeit der Deutschen auf die stenographischen Systeme
Englands und Frankreichs und wies auf die Wichtigkeit dieser
Kunstfertigkeit hin. Noch in demselben Jahr erschienen Mosengeils
"Anleitung zur S. nach Tay-
291
Stenographiermaschine - Stenotelegraph.
lor" und 1797 Horstigs "Erleichterte deutsche S.", beide ebenso
wie das vom Hauptmann Danzer in Wien 1800 veröffentlichte
"Allgemeine System der S. des Herrn Sam. Taylor" nach englischem
Muster gearbeitet. Seit jener Zeit ist in Deutschland eine
außerordentlich große Anzahl stenographischer Systeme
aufgetaucht, unter denen aber nur die Methoden von Gabelsberger (s.
d., 1834), Stolze (s. d., 1841) und Arends (s. d., 1850) in den
Vordergrund getreten sind. Gabelsberger schuf in seiner
Redezeichenkunst das erste deutsche Nationalsystem und eroberte der
graphischen Richtung das Feld. Stolze hob die S. zur Bedeutung
eines allgemeinen Hilfsmittels, brachte strengere Grundsätze
zur Anwendung und belebte den früher toten Bindestrich. Arends
ist darüber nicht hinausgekommen. Die Pflege dieser drei
Hauptsysteme nebst Übertragungen stellt sich nach der neuesten
Statistik folgendermaßen:
Gabelsberger 660 Vereine mit 17000 Mitgliedern,
Stolze 450 - - 10500
Arends 120 - - 2600
Erst in neuester Zeit hat der stenographische Gedanke wieder
eine wirkliche Förderung erfahren durch Brauns, der in seinem
"Entwurf eines Schulkurzschriftsystems" (Hamb. 1888) auf Grund
eingehender Untersuchungen über die Häufigkeit der
Lautgruppen einerseits und die Schreibflüchtigkeit der
verfügbaren Zeichen anderseits die Bahnen für eine
rationelle Ökonomie in der Kurzschrift vorgezeichnet hat.
Diejenigen Systeme der S., welche in der Zwischenzeit
veröffentlicht worden sind, haben wohl diesen oder jenen neuen
Einzelvorteil sich zu nutze gemacht, für den
Allgemeinfortschritt der S. aber nichts geleistet. Faulmanns
Phonographie, die zuerst von Braut 1875 herausgegeben ward, hebt
sich durch ihre Einfachheit hervor. Das sogen.
"Dreimännersystem" von Schrey, Johnen und Socin (1888),
gewöhnlich nach dem Hauptautor Schrey allein benannt, versucht
eine Vermittelung zwischen Gabelsberger, Stolze und Faulmann. Durch
Vereine sind folgende kleinere Systeme vertreten:
Roller (1875) 105 1450
Faulmann (1875) 25 1000
Lehmanns "Stenotachygraphie" (1875) 40 860
Schrey (1888) 30 450
Merkes (1880) 15 150
Velten (1876) 10 150
Ganz vereinzelt bestehen auch Vereine nach den Systemen von
Adler (1877), Herzog (1884) und einigen andern, wie denn das
stenographische Vereinswesen in Deutschland, dem gegenwärtigen
Hauptsitz stenographischer Thätigkeit, am meisten entwickelt
ist. Ein regelmäßiger Gedankenaustausch zwischen den
Stenographen aller Länder ist von Großbritannien aus
durch die Einführung internationaler Stenographenkongresse
geschaffen worden. Die erste Zusammenkunft dieser Art fand 1887 in
London statt (vgl. "Transactions of the first international
short-hand congress", Lond. u. Bath 1888). Einen Einblick in acht
bedeutende Systeme der S. gewährt beifolgende Tafel
"Stenographie". Für die umfängliche stenographische
Litteratur besteht bei J. H. Robolsky in Leipzig eine besondere
buchhändlerische Zentralstelle; Bücher von wirklichem
Wert sind seltene Erscheinungen. Vgl. Pitman, A historv of
short-hand (Lond. 1852); Anderson, History of short-hand (das.
1882) ; Rockwell, The teaching, practice and literature of
short-hand (2. Aufl., Washingt. 1885); Scott de Martinville,
Histoire de la sténographie (Par. 1849); Guénin,
Recherches sur l'histoire, la pratique et l'enseignement de la
sténographie (das. 1880); Depoin, Annuaire
sténographique international (das. 1887); Gabelsberger,
Anleitung zur deutschen Redezeichenkunst oder S. (Münch.
1834); Anders, Entwurf einer allgemeinen Geschichte und Litteratur
der S. (Köslin 1855); Erkmann, Geschichte der S. im
Grundriß (Görl.1875); Mitzschke, Beiträge zur
Geschichte der Kurzschrift (Berl. 1876); Zeibig, Geschichte und
Literatur der Geschwindschreibkunst (2. Aufl., Dresd. 1878) ;
Blenck, Die geschichtliche Entwickelung etc. der S. (Berl. 1887);
Krieg, Katechismus der S. (2. Aufl., Leipz. 1888); Moser,
Allgemeine Geschichte der S. (das. 1889, Bd. 1.);
"Panstenographikon" (Dresd. 1869-74); Faulmann, Historische
Grammatik der S. (Wien 1887); Keil und Hödel, Verzeichnis der
stenographischen Litteratur Deutschlands etc. (Leipz. 1880 u.
1888); Westby-Gibson, The bibliography of short-hand (Lond. u. Bath
1887).
Stenographiermaschine, ein neuerdings konstruierter
Apparat, auf gleicher Idee beruhend und von ähnlicher
Einrichtung wie die Schreibmaschine (s. d.), der indessen mit
solcher Schnelligkeit arbeiten soll, daß er gehaltenen Reden
wörtlich zu folgen vermag. Dieses Ziel ist aber unerreichbar,
und die unter dem Namen S. gehenden Apparate sind in der That nur
Schreibmaschinen von größerer Leistungsfähigkeit.
Am meisten hat die S. des Italieners Michela von sich reden
gemacht. Vgl. Petrie, Reporting and transcribing machines (Lond.
1882); Guénin, Les machines à écrire (in Nr. 4
des "Bulletin de l'Association des sténographes de Paris"
vom 1. Febr. 1883). Vgl. Stenotelegraph.
Stenokardie (griech.), Herz- oder Brustkrampf.
Stenokephalen, s. v. w. Dolichokephalen, s.
Menschenrassen, S. 475, und Schädellehre.
Stenopäisch (griech.), Bezeichnung für Brillen
und andre optische Apparate, welche dem Licht nur durch eine enge
Öffnung Zutritt zum Auge gestatten (z. B. zur Verkleinerung
von Zerstreuungskreisen).
Stenops, Lori.