zu Sorau in der Niederlausitz, studierte zu Berlin Theologie und
Philologie, bekleidete darauf Lehrerstellen an den
Kadettenanstalten in Potsdam und Berlin, trat 1868 in den
Kirchendienst über und wirkt seit 1883 als Prediger zu Beetz
bei Kremmen im Regierungsbezirk Potsdam. Außer kritischen und
andern Beiträgen zum "Reichsboten" veröffentlichte er:
"Irmela. Eine Geschichte aus alter Zeit" (Leipz. 1881 , 10. Aufl.
1887); "Gevatter Tod. Im Armenhaus. Mr. Bob Jenkins' Abenteuer",
Novellen (2. Aufl., Barmen 1884); "Markus Zeisleins großer
Tag", Novelle (das. 1883); "Der Korrektor. Szenen aus dem
Schattenspiel des Lebens" (1.-4. Aufl., Leipz. 1885) u. a. Aufsehen
erregte seine gegen G. Ebers' Romane gerichtete kritische Schrift
"Memphis in Leipzig" (Frankf. a. M. 1880).
Steinhäuser, Karl, Bildhauer, geb. 3. Juli 1813 zu
Bremen, bildete sich an der Berliner Akademie, besonders unter
Rauchs Leitung, lebte seit 1836 längere Zeit in Rom und seit
1863 als Lehrer an der Kunstschule zu Karlsruhe, wo er 9. Dez. 1879
starb. Mehrere seiner zahlreichen Statuen zählen zu den
vorzüglichsten Schöpfungen der neuern deutschen Plastik,
so die von Olbers, Schmidt und dem heil. Ansgar in Bremen, Goethe
mit der Psyche in Weimar, die Gruppe von Hermann und Dorothea in
Karlsruhe. Er war ein Vertreter der antikisierenden Richtung,
wußte aber die Strenge der Behandlung durch Anmut zu mildern,
was sich besonders in seinen weiblichen Figuren (Mädchen mit
der Muschel, Deborah, Judith) kundgibt.
Steinheid, Dorf im sachsen-meining. Kreise Sonneberg, auf
der Grenzscheide zwischen Thüringer und Frankenwald, 813 m
ü. M., hat eine evang. Kirche, Kaolingruben, Fabrikation von
Glasperlen, Porzellan und Holzschachteln und (1885) 1522 Einw.
Nördlich dabei das Kieferle, 868 m hoch.
Steinheil, Karl August, Physiker, geb. 12. Okt. 1801 zu
Rappoltsweiler im Elsaß, studierte seit 1821 zu Erlangen die
Rechte, hierauf zu Göttingen und Königsberg Astronomie,
lebte seit 1825 auf dem väterlichen Gut zu Perlachseck, mit
astronomischen und physikalischen Arbeiten beschäftigt, und
ward 1832 Professor der Physik und Mathematik an der
Universität München. 1846 ward er von der
neapolitanischen Regierung zur Regulierung des Maß- und
Gewichtssystems berufen. 1849 trat er als Vorstand des Departements
für Telegraphie im Handelsministerium in österreichische
Dienste, richtete ein fast vollständiges Telegraphensystem
für alle Kronländer ein und beteiligte sich 1850 auch an
der Gründung des Deutsch-Österreichischen
Telegraphenvereins. 1851 folgte er einem Ruf der Schweizer
Regierung zur Einrichtung des Telegraphenwesens in diesem Land, und
1852 kehrte er als Konservator der mathematisch-physikalischen
Sammlungen und Ministerialrat im Handelsministerium nach
München zurück; auch gründete er daselbst 1854 eine
optisch-astronomische Anstalt, aus welcher ausgezeichnete
Instrumente hervorgingen. S. gilt als der wissenschaftliche
Begründer der elektromagnetischen Telegraphie, entdeckte die
Bodenleitung, konstruierte den ersten Drucktelegraphen, der indes
keinen Eingang in die Praxis fand, erfand die elektrischen Uhren,
konstruierte ein sinnreiches Pyroskop, fertigte das erste
Daguerreotypbild in Deutschland, vervollständigte und
begründete die Gesetze der Galvanoplastik, konstruierte ein
Zentrifugalwurfgeschütz, mehrere optische Instrumente etc.
Auch bei der Feststellung der bayrischen Maße und Gewichte
und durch Verbesserung der Bier- und Spirituswagen erwarb er sich
Verdienste. Er starb 12. Sept. 1870 in München. Die optische
Werkstätte wird seit 1862 von den Söhnen Steinheils
weitergeführt. Vgl. Marggraff, Karl August S. (Münch.
1888).
Steinheim, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Minden,
Kreis Höxter, an der Emmer und der Linie Hannover-Altenbeken
der Preußischen Staatsbahn, 135 m ü. M., hat eine
evangelische und eine kath. Kirche, eine Synagoge, ein Amtsgericht,
Maschinenfabrikation, Holzschleiferei, 3 Mahlmühlen,
Steinbrüche und (1885) 2660 meist kath. Einwohner.
Steinhirse, s. Lithospermum.
Steinhorst, Gutsbezirk in der preuß. Provinz
Schleswig-Holstein, Kreis Herzogtum Lauenburg, hat ein Amtsgericht
und (1885) 295 Einw.
Steinhuder Meer, Binnensee in Schaumburg-Lippe und der
preuß. Provinz Hannover, ist 8 km lang, 5 km breit, 41 m
tief, sehr fischreich und fließt durch die Meerbeke zur Weser
ab. Daran der lippesche Flecken Steinhude mit 1400 Einw.; im See
selbst auf einer künstlichen Insel das 1761-65, vom Grafen
Wilhelm von der Lippe als Musterfestung angelegte kleine Fort
Wilhelmsstein (ehemals mit Kriegsschule, in der auch der
preußische General v. Scharnhorst seine erste
militärische Bildung erhielt), jetzt Gefängnis.
Steinhuhn (Caccabis Kp.), Gattung aus der Qrdnung der
Scharrvögel, der Familie der Waldhühner (Tetraonidae) und
der Unterfamilie der Feldhühner (Perdicinae), kräftig
gebaute Vögel mit kurzem Hals, großem Kopf, kurzem, auf
der Firste gewölbtem Schnabel, mittelhohem Fuß mit
stumpfem Sporn oder mit einer den Sporn andeutenden Hornwarze,
mittellangem Flügel und ziemlich langem Schwanz. Das S. (C.
saxatilis Briss.), 35 cm lang, 50-55 cm breit, an der Oberseite und
Brust blaugrau, Kehle weiß, mit schwarzem Kehl- und
Stirnband, die Federn der Weichen gelbrotbraun und schwarz
gebändert, an der Unterseite rostgelb, die Schwingen
schwärzlichbraun mit gelblichweißen Schäften und
rostgelblich gekantet, die äußern Steuerfedern rostrot;
das Auge ist rotbraun, der Schnabel rot, der Fuß
blaßrot; lebte im 16. Jahrh. am Rhein, gegenwärtig in
den Alpen, Italien, der Türkei, Griechenland und Vorderasien,
eine Varietät lebt in ganz Nordasien. Es bewohnt sonnige,
etwas begraste Schutthalden zwischen Holz- und Schneegrenze, im
Süden auch die Ebene aus felsigem
268
Steinhund - Steinkohle.
Boden, zeichnet sich durch Behendigkeit, Klugheit und Kampflust
aus, läuft und klettert sehr gut, fliegt leicht und schnell,
bäumt nur im Notfall, nährt sich von allerlei
Pflanzenstoffen und kleinen Tieren und frißt auch die Spitzen
von jungem Getreide. Im Winter lebt es in größern
Gesellschaften, im Frühjahr isolieren sich die Paare, und das
Weibchen legt in den Alpen im Juni oder Juli in einer Mulde unter
Gesträuch oder überhängendem Fels 12-15
gelblichweiße, braun gestrichelte Eier, welche es in 26 Tagen
ausbrütet. Man jagt das S. des sehr wohlschmeckenden Fleisches
halber. Es kann auch leicht gezähmt werden, bleibt aber sehr
kampflustig, und schon die Alten ließen Steinhühner
miteinander kämpfen. In Indien und China sind Steinhühner
halbe Haustiere geworden, werden gezüchtet, auf die Weide
getrieben, laufen frei im Haus umher und werden auch hier zu
Kampfspielen benutzt. In Griechenland glaubt man, daß sie
Schutz gegen Bezauberung gewähren, und hält sie in sehr
engen, kegelförmigen Käfigen.
Steinhund, s. Nörz.
Steinicht, s. Vogtländische Schweiz.
Steinigtwolmsdorf, Pfarrdorf in der sächs. Kreis-
und Amtshauptmannschaft Bautzen, an der Wesenitz, hat eine evang.
Kirche, Lein- und Damastweberei, Bierbrauerei, Steinbrüche und
(1885) 2529 Einw.
Steinigung (Lapidatio), Tötung mit Steinwürfen,
gesetzliche Strafe bei den Römern, Juden und andern
Völkern, besonders aber Akt der Volksjustiz.
Steinigwerden, eine Krankheit der saftigen Früchte
mancher Pomaceen, besonders der Birnen, Quitten und Mispeln, wobei
der größere Teil des saftigen Fruchtfleisches in meist
isolierte steinharte Körner sich verwandelt und dabei an
Süßigkeit verliert. Die Körner bestehen aus Zellen
mit außerordentlich stark verdickten und von
Porenkanälen durchzogenen Wänden (Steinzellen).
Anfänglich sind diese Zellen gleich den andern dünnwandig
und stärkemehlführend; erst beim Reifen bilden sich aus
der Stärke die Verdickungsschichten, anstatt daß
dieselbe sich in Zucker umwandelt. Die Steinzellen fehlen auch in
normalen, guten Früchten nicht ganz; ihre Menge ist in den
wilden Birnen am größten, übrigens nach Sorten
verschieden. Ihre reichlichere Bildung wird durch magern, trocknen
Boden begünstigt, aus welchem oft die saftigsten Sorten
steinig werden. Ähnliche Bildungen (Steinkonkretionen) treten
auch in fleischigen Wurzelknollen, bei Päonien, Georginen, im
Mark von Hoya und besonders in der Rinde vieler Bäume auf.
Steiningwer, s. Löß.
Steinig, Wilhelm, Schachspieler, geb. 18. Mai 1837 zu
Prag, galt schon als Knabe für den besten Schachkämpen
seiner Vaterstadt, erhielt aber die eigentliche Ausbildung darin
erst bei Hamppe in Wien, wohin er sich 1858 als Student der
Mathematik begab. In dem großen internationalen Wettstreit zu
London (mit Anderssen, Paulsen u. a.) gewann er 1862 den letzten
der sechs Preise, blieb in London und machte das Schach zu seinem
Hauptberuf. 1865 gewann er auf dem Kongreß der Dubliner
Ausstellung den ersten Preis, 1866 siegte er im Wettkampf (match)
mit acht zu sechs Spielen gegen Anderssen. Im Pariser Turnier 1867
erhielt er den zweiten Preis, im Baden-Badener 1870 gleichfalls; im
Londoner 1872 wurde er Hauptsieger, ohne eine einzige Partie zu
verlieren, und in Wien erstritt er 1873 den großen
Kaiserpreis von 2000 Gulden. Nachdem er dann noch den
Engländer Blackburne, den Gewinner des zweiten Wiener Preises,
im Einzelkampf besiegt, beteiligte er sich längere Zeit nicht
mehr an Turnieren. Auf den Schachkongressen zu Paris 1878 und zu
Wiesbaden 1880 war er als Berichterstatter für die englische
Zeitung "The Field" erschienen, deren Schachrubrik er damals
leitete. Der Tod Anderssens und die großen Erfolge Zukertorts
(s. d.), den er 1872 in einem Match leicht geschlagen, spornten S.
indessen zu neuer Thätigkeit an, doch mußte er sich,
obwohl er im Wiener Turnier 1882 die beiden ersten Preise mit
Winawer geteilt hatte, 1883 in London, wo Zukertort Erster blieb,
mit der zweiten Stelle begnügen. Seitdem betrieb S.
höchst eifrig einen neuen Einzelwettkampf mit Zukertort, der
nach langen Verhandlungen in den ersten Monaten 1886 in Amerika
ausgefochten wurde, und in welchem S. schließlich mit 10
gegen 5 Gewinn- bei 5 Remisspielen siegte. In jüngster Zeit
stellte sich S., nunmehr der erste Schachspieler der Gegenwart, dem
Russen Tschigorin auf Cuba, der eine Minderheit der Gewinnpartien
erzielte.
Steinkauz, s. Eulen, S. 906.
Steinkern, in der Botanik s. Steinbeere; in der
Petrefaktenkunde s. Abdruck.
Steinkind (Steinfrucht, Lithopaedion), eine unreife
Leibesfrucht, welche abgestorben in der Bauchhöhle liegt,
eingekapselt, verschrumpft und durch Aufnahme von Kalksalzen
steinhart geworden ist. Das S. verursacht der Mutter bisweilen
allerhand Beschwerden; manchmal aber bleibt sie von solchen ganz
verschont, kann sogar schwanger werden und normal gebären.
Derartige Bildungen sind bei Menschen äußerst selten,
bei Schafen häufiger.
Steinkirche, s. Dolmen.
Steinklee, s. Melilotus und Medicago.
Steinkochen, s. Kochkunst (in prähistorischer
Zeit).
Steinkohle (Schwarzkohle), im petrographisch-technischen
Sinn die schwarzen, kohlenstoffreichen, an Wasserstoff und
Sauerstoff armen Kohlen; im geologischen Sinn die Kohlen der
ältern Formationen vom Silur bis einschließlich der
Kreideformation, vorzüglich diejenigen der Steinkohlenperiode.
Beide Begriffe decken sich meist insofern, als die ältern
Kohlen der Regel nach auch die kohlenstoffreichern sind; indes
tragen eine Reihe jüngerer (tertiärer) Kohlen den
petrographischen Charakter der S. an sich, während umgekehrt
Kohlen, welche nachweisbar der Steinkohlenformation angehören,
Braunkohlen zum Verwechseln ähnlich sehen. Die S. im
petrographisch-technischen Sinn des Wortes ist eine dunkel
gefärbte, undurchsichtige, höchstens in kleinen Splittern
durchscheinende amorphe Masse von Glas- und Fettglanz; Härte
2-2,5, spez. Gew. 1,2-1,7; sie färbt heiße Kalilauge im
Gegensatz zur Braunkohle nicht oder unbedeutend; an der offenen
Flamme verbrennt sie unter brenzligem Geruch (Unterschied von
Anthracit). Die Hauptbestandteile sind: Kohlenstoff (C), Sauerstoff
(O) und Wasserstoff(H), daneben etwas Stickstoff (N), Schwefel (S),
Bitumen und Asche (in reinen Kohlen unter 0,5 Proz.). Die
quantitative Zusammensetzung der S. zeigt bedeutende Schwankungen,
und an verschiedenen Stellen desselben Flözes entnommene
Proben zeigen kaum je gleiche Zusammensetzung. Von den
Aschebestandteilen abgesehen, kann man folgende Grenzwerte
annehmen: 55-98 Proz. Kohlenstoff, 1,75-7,85 Proz. Wasserstoff,
0-38 Proz. Sauerstoff, Spuren bis 2,0 Proz. Stickstoff. Bei
Abschluß der Luft erhitzt, liefern die Kohlen je nach ihrer
chemischen Zusammensetzung und der Temperatur in sehr verschiedenen
Mengen: Kohlenwasserstoffgase (namentlich Methan und Äthylen),
Wasserstoff, Kohlensäure, Kohlenoxyd, Stickstoff,
Schwefelwasserstoff, Teerdämpfe (bestehend aus
Kohlenwasserstoffen, Phenolen und
269
Steinkohle (chemische Zusammensetzung, Grubenbrände,
Varietäten).
Basen), Ammoniak und Wasserdämpfe. Als accessorische
Begleiter der Kohle finden sich: Schieferthon, Kalkspat, Gips,
Nakrit, Quarz, Eisenspat, Eisenkies, Bleiglanz, Kupferkies. Von
diesen Beimengungen verringert der Eisenkies den Wert der Kohle als
Brennmaterial, und wo er in größern Mengen auftritt,
zwingt er zu einem Abschwefeln der Kohlen; er kann aber auch durch
die mit seiner Zersetzung verbundene Temperaturerhöhung zu
Selbstentzündungen der Kohle führen. Es wird deshalb in
den Kohlengruben auf das möglichst sorgsame Fördern des
sogen. Grubenkleins Gewicht gelegt. Kohlenbrände entstehen, da
sie die Mitwirkung der Atmosphäre voraussetzen, meist in dem
Abbau unterworfenen (verritzten) Flözen, während
unverritzte Flöze, namentlich an ihrem Ausgehenden
(Kohlenausstrichen), derselben Gefahr ausgesetzt sind. Bei den
Kohlenbränden wird die Kohle teils vollkommen verbrannt, teils
in Koks umgewandelt; die begleitenden Schieferthone werden
gefrittet (Kohlenbrandgesteine, Porzellanjaspis) und eine Reihe von
Sublimationsprodukten (Salmiak, Schwefel, Alaun) gebildet. Die
Bekämpfung einmal ausgebrochener Kohlenbrände muß
sich auf Isolierung der entzündeten Partien durch Abbau der
benachbarten Flözteile und Errichtung trennender Mauern
beschränken. - Nach äußern mineralogischen
Merkmalen unterscheidet man unter den Steinkohlen schieferige
Varietäten (Schieferkohle), dünnblätterige
(Blätterkohle), zu unregelmäßigen
parallelepipedischen Formen zerfallende (Grobkohle), faserige
(Faserkohle), erdige, stark abfärbende (Rußkohle),
pechschwarze, lebhaft fettglänzende von muscheligem Bruch
(Pechkohle). Weitere Abarten sind: die Kannelkohle (Cannel Coal,
Candle Coal), eine schwer zersprengbare, gräulichschwarze
Kohle; Glanzkohle mit muscheligem Bruch und stark glänzenden,
öfters regenbogenartig angelaufenen Absonderungsflächen.
In der Technik unterscheidet man nach dem Verhalten der Kohle im
Feuer: Backkohlen, Sinterkohlen und Sandkohlen, zu welchen Arten
noch die Gaskohlen, bald den einen, bald den andern nahestehend,
als reichlich Leuchtgas liefernde hinzukommen. Das Pulver der
Backkohlen (fette Kohlen) liefert beim Erhitzen eine
gleichmäßig zusammengeschmolzene Masse (Koks), die
Sinterkohlen eine weniger gleichmäßige und weniger
feste, nicht eigentlich geschmolzene, sondern nur
"zusammengesinterte" Masse; die Sandkohlen (magere Kohlen) endlich
liefern ein Pulver ohne Zusammenhang. Fleck versuchte dieser rein
empirischen Einteilung einen wissenschaftlichen Hintergrund zu
geben. Er unterschied den Wasserstoff in der S. als gebundenen und
als disponibeln, von welchen der erstere denjenigen Bruchteil des
Gesamtgehalts darstellt, der mit dem gleichzeitig vorhandenen
Stickstoff und Sauerstoff zu Ammoniak und Wasser verbunden gedacht
werden kann, während der Überschuß an Wasserstoff
"disponibel" bleibt. Nach Fleck sind alle Kohlen, welche auf 1000
Gewichtsteile Kohlenstoff über 40 Teile disponibel und unter
20 Teile gebundenen Wasserstoff enthalten, verkohlbar und bilden
die Backkohlen. 40 Teile disponibler und über 20 Teile
gebundener Wasserstoff geben Back- und Gaskohle; weniger als 40
Teile disponibler und mehr als 20 Teile gebundener Wasserstoff sind
in Gas- und Sinterkohlen enthalten; Sinterkohlen und Anthracite
enthalten weniger als 40 Gewichtsteile disponibeln und weniger als
20 Teile gebundenen Wasserstoff. Da diese Unterschiede nicht
hinreichend scharf durchführbar sind, so hat Gruner eine neue
Klassifikation gegeben, indem er fünf Typen unterscheidet,
deren Zusammensetzung und Verhalten in folgender Tabelle angegeben
sind; an den Grenzen gehen dieselben ineinander über.
Klassen Zusammensetzung (C,H,O) O:H Spezifisches Gewicht
Wärmeeffekt Wärmeeinheiten Wasserverdampfung Kilogr.
Flüchtige Bestandteile Verhalten bei der Destillation (Koks,
Beschaffenheit der Koks, Gas, Ammoniak Wasser, Teer)
1) Trockne Kohlen mit langer Flamme (Sandkohlen) 75-80 5,5-4,5
19,5-15 4-3 1,25 8000-8500 6,7-7,5 45-40 50-60 pulverförmig
od. höchstens gefrittet 20-30 12-5 18-15
2) Fette Kohlen mit langer Flamme (Gaskohlen, Sinterkohlen)
80-85 5,8-5 14,2-10 3-2 1,28-1,30 8500-8800 7,6-8,3 40-32 60-68
geflossen, aber sehr aufgebläht 20-17 5-3 15-12
3) Fette oder Schmiedekohlen (Backkohlen) 84-89 5-5,5 11,5-5,5
2-1 1,30 8800-9300 8,4-9,2 32-26 68-74 geflossen, mitteldicht 16-15
3-1 13-10
4) Fette Kohlen mit kurzer Flamme (Verkokungs-K.) 88-91 5,5-4,5
6,5-5,5 1 1,30-1,35 9300-9600 9,2-10 26-18 74-82 geflossen, sehr
kompakt, wenig blasig 15-12 1-1 10-5
5) Magere Kohlen od.Anthracite mit kurzer Flamme 90-93 4,5-4
5,5-3 1 1,35-1,4 9200-9500 9-9,5 18-10 82-90 gefrittet oder
pulverförmig 12-8 l-0 5-2
Diese fünf Typen charakterisieren sich schon durch
äußere Kennzeichen, welche aber durch Erhitzen bei
Abschluß der Luft (trockne Destillation) kontrolliert werden
müssen. Die den Braunkohlen sich nähernden Steinkohlen
mit langer Flamme sind verhältnismäßig hart, beim
Anschlagen klingend, zäh, von unebenem Bruch, matt schwarz und
von mehr braunem als schwarzem Strich. Mit abnehmendem Sauerstoff
und damit abnehmender Produktion von Wasser beim Destillieren wird
die Kohle zerreiblicher, weniger klingend, schwärzer und
dichter. Der Glanz nimmt mit dem Wasserstoffgehalt und damit auch
das Agglomerationsvermögen zu. Die den Anthraciten sich
nähernden Kohlen sind rein schwarz und im allgemeinen ein
wenig mürber als fette Kohlen mit kurzer Flamme. Die
Eigenschaften werden indes durch erdige Beimengungen alteriert.
Dichtigkeit und Härte wachsen mit dem Aschengehalt,
während der Glanz sich vermindert. Die Brennbarkeit und die
Länge der Flamme hängen von der Gegenwart flüchtiger
Elemente ab. Die den Braunkohlen sich nähernden Steinkohlen
entzünden sich leicht und brennen mit langer, rußiger
Flamme. Die an flüchtigen Bestandteilen ärmern,
namentlich wasserstoffarmen, Kohlen
270
Steinkohle (Vorkommen, Entstehung).
entzünden sich, verbrennen weniger leicht und halten lange
an. Die Flamme ist kurz und wenig rauchig. Die Steinkohlen finden
sich, soweit es sich um größere, technisch wichtige
Massen handelt, in Schichten (Flözen), häufig in
mehrfachem Wechsel, zwischen andern Gesteinen (Schieferthonen und
Sandsteinen). Das ganze Schichtensystem ist ältern Gesteinen
gewöhnlich muldenförmig eingelagert (Steinkohlenbecken,
Steinkohlenmulden). Ein Kohlenfeld ist die Gesamtheit
bauwürdiger Flöze in horizontal ununterbrochenem
Zusammenhang oder doch nur durch Verwerfungen getrennt, welche den
ursprünglichen Zusammenhang trotz der Trennungen erkennen
lassen. Untergeordnete, technisch gewöhnlich wertlose
Vorkommnisse sind die in Form kleiner Lager, Nester, Schmitzchen,
als einzelne Stämme und Stammfragmente. Die Flöze eines
Kohlenfeldes sind nach Lage und Mächtigkeit
außerordentlich verschieden. Als unterste Grenze der
Bauwürdigkeit wird gewöhnlich 0,6 m Mächtigkeit
angegeben, aber auch hier kann das Auftreten mehrerer Flöze
übereinander die Verhältnisse ändern. Es sind bis 30
m mächtige Kohlenflöze bekannt, doch treten die
bedeutendern Mächtigkeiten mehr bei lager- oder
stockförmigen Einlagerungen als bei eigentlichen Flözen
auf. Häufig stören Verwerfungen die ursprüngliche
Lage und unterbrechen den Zusammenhang der Flöze. Solche
Faltungen, Knickungen, Überkippungen und Verschiebungen der
Flöze bereiten dem Abbau oft enorme Schwierigkeiten.
Erfahrungsmäßig gehören die meisten und wichtigsten
Steinkohlen dem Alter nach der Steinkohlenformation (s. d.) an,
obgleich sie den andern Formationen nicht fehlen und hier
wenigstens lokal ebenfalls Wichtigkeit erhalten können. So
führen das Silur und Devon mitunter anthracitische Flöze;
im Rotliegenden, namentlich dem untern, tritt bauwürdige Kohle
in der Saargegend, in Sachsen etc. auf; ein Teil der ostindischen
und chinesischen Kohlenschätze und einige nordamerikanische
Flöze sind triasisch, in Deutschland gehört dem untern
Keuper die meist unbauwürdige sogen. Lettenkohle an. In Polen
sind Keuperkohlen bauwürdig. Der Liasformation gehören
die für Ungarn sehr wichtigen Ablagerungen von Steyerdorf und
Fünfkirchen an. England, Polen, Rußland und Persien
besitzen ebenfalls jurassische Kohlen. Eine für
Norddeutschland sehr wichtige Kohle liegt in den Grenzschichten
zwischen Jura und Kreide, in der Wealdenformation im Teutoburger
Wald, Wesergebirge und links der Weser und im Deister. In der noch
jüngern Kreideformation sind bauwürdige Kohlen sehr
selten. In Deutschland sind als abbauwürdig nur ein paar
dünne Flöze am Altenberg bei Quedlinburg sowie an einigen
Orten (besonders bei Ottendorf) im Regierungsbezirk Liegnitz zu
nennen. Österreich gewinnt aus der der gleichen Formation
angehörigen Mulde der Neuen Welt bei Wiener-Neustadt
jährlich gegen ½ Mill. Ztr. Noch jüngere Kohlen,
welche nach ihren petrographischen Eigenschaften ebenfalls als
Steinkohlen (Pechkohlen) bezeichnet werden müssen,
während sie im geologischen Sinn Braunkohlen darstellen,
finden sich als lokale Abänderungen typischer Braunkohlen in
vielen Tertiärbecken, so unter andern Orten in Böhmen und
Oberbayern. Die Steinkohlen stammen ohne Zweifel von pflanzlichen
(nur selten und untergeordnet von tierischen) Organismen ab, welche
einem langsamen Verkohlungsprozeß unterlegen sind. Dieser
Prozeß verlief unter Entwickelung von wasserstoff- und
sauerstoffreichen Gasen und mußte mithin einen
kohlenstoffreichen Rückstand, die S., liefern. Am
frühsten ist der Zusammenhang zwischen Kohlen und Pflanzen
wohl von Scheuchzer (gest. 1733) betont worden; bestimmter und den
heutigen Ansichten sich vollkommen anschmiegend, betonte v.
Beroldingen 1778 den Zusammenhang zwischen Torf, Braunkohle und S.,
Hutton (1785) und Williams (1798) stellten für die englische
Kohle gleiche Hypothesen auf. Das meiste Beweismaterial zur
Stützung der jetzt herrschenden Ansicht brachte aber
Göppert bei. Ein Vergleich der mittlern chemischen
Zusammensetzung der Holzfaser, des Torfs, der Braunkohle, der S.
und des Anthracits zeigt, daß diese fünf Körper in
der genannten Folge eine Reihe bilden, in welcher ein an
Kohlenstoff relativ armer, an Wasserstoff und Sauerstoff reicher
Körper allmählich andern Substanzen weicht, die immer
reicher an Kohlenstoff, ärmer an Sauerstoff und Wasserstoff
sind. Es ist nämlich die mittlere prozentige Zusammensetzung
der genannten Körper:
C H O N
Holzfaser 50 6,0 43,0 1,0
Torf 59 6,0 33,0 2,0
Braunkohle 69 5,5 25,0 0,8
Steinkohle 82 5,0 13,0 0,8
Anthracit 95 2,5 2,5 Spur