Hochgebirge und wie die Gemse ein wahres Alpentier; er lebt in
Rudeln von verschiedener Stärke und steigt nur dann in die
Waldregion herab, wenn die Alpenkräuter, seine Nahrung, vom
Schnee bedeckt sind. Alle seine Bewegungen sind rasch und leicht;
er klettert mit außerordentlicher Gewandtheit und weiß
an den steilsten Felsenwänden Fuß zu fassen, auch
springt er mit größter Sicherheit und verfehlt nie sein
Ziel. Mit Sonnenaufgang steigen sie weidend bergauf, lagern sich an
den wärmsten und höchsten Plätzen und kehren gegen
Abend weidend zurück, um die Nacht in den Wäldern weidend
zu verbringen. Die Brunstzeit fällt in den Januar, und
fünf Monate nach der Paarung wirft das Weibchen ein oder zwei
Junge, welche sie in der Gefahr tapfer verteidigt. Jung
eingefangene Steinböcke werden leicht zahm, doch bricht die
Wildheit im Alter wieder hervor. Während der S. in der Mammut-
und Renntierzeit durch die ganze Schweiz, einen Teil
Südfrankreichs und (wahrscheinlich) bis Belgien verbreitet
war, noch von Plinius kenntlich als Hochgebirgsstier erwähnt
wurde, auch im frühen Mittelalter bei den St. Galler
Mönchen als Wildbret beliebt war und noch von Albertus Magnus
zur Hohenstaufenzeit als häufig in den Deutschen Alpen
bezeichnet wurde, ist der Bestand desselben in den letzten
Jahrhunderten schnell zusammengeschmolzen; 1550 wurde der letzte in
Glarus, 1583 der letzte am Gotthard erlegt; 1574 war er in
Graubünden kaum noch aufzutreiben; 1706 verschwand er aus dem
Zillerthal, wo er über ein Jahrhundert von den
Erzbischöfen von Salzburg beschützt worden war, so
daß schon im vorigen Jahrhundert sein natürliches
Vorkommen auf die Hochgebirge des südlichen Wallis, Savoyens
und Piemonts sich beschränkte. Mehrfache Versuche, ihn an
einzelnen Stellen der Schweiz und den Österreichischen Alpen
wieder einzubürgern, haben keinen dauernden Erfolg gehabt, nur
im Höllensteingebirge am Traunsee soll sich eine Kolonie
erhalten und fortgepflanzt haben. Gegenwärtig findet sich nur
noch in den Thälern, welche vom Aostathal in
südwestlicher Richtung streichen, durch strengste
Maßregeln des Königs Viktor Emanuel geschützt, eine
Anzahl von 300 bis 500 Stück, die aber doch trotz allen
Schutzes an Terrain eher zu verlieren als zu gewinnen scheinen. Nur
einzelne alte Böcke finden sich oft weit versprengt bisweilen
noch in andern Gebieten. Im Aostathal legte der König auch ein
Gehege für Steinbockzucht an und erzielte durch eine
ausgewählte Ziegenart, welche in das Gebirge zu den wilden
Steinböcken getrieben wurde und von dort trächtig
zurückkehrte, eine Kolonie von Steinbockbastarden, welche nur
sehr gute Kenner von den echten Steinböcken zu unterscheiden
vermögen. Diese Steinbockbastarde haben 1 m lange Hörner
und sind zur Fortpflanzung durchaus geeignet. Beim Tode des
Königs kam der größte Teil des Bestandes von 52
Stück in das fürstlich Pleßsche Gehege in Salzau,
17 Stück aber wurden in Graubünden in Freiheit gesetzt,
um das Rätische Gebirge mit Steinwild zu bevölkern. Vgl.
Girtanner, Der Alpensteinbock (Trier 1878).
Steinbock, 1) das zehnte Zeichen des Tierkreises
(^[...]);
2) Sternbild zwischen 301-326½° Rektaszension und
9¾-28 1/3° südl. Deklination, nach Heis 63 dem
bloßen Auge sichtbare Sterne zählend, davon drei von
dritter Größe.
Steinborn, Pfarrdorf im preuß. Regierungsbezirk
Trier, Kreis Daun, in geognostisch merkwürdiger Gegend der
Eifel, hat (1885) 282 kath. Einwohner. Dabei der Felsberg,
Rimmerich, Errensberg und Scharteberg mit deutlich erkennbaren
Lavaströmen.
Steinbrand, s. Brandpilze II.
Steinbrech, Pflanzengattung, s. Saxifraga.
Steinbrechartige Pflanzen, s. Saxifragaceen.
Steinbrecher, s. Adler, S. 122.
Steinbrechmaschine, mechan. Vorrichtung zur Zerkleinerung
von Gesteinen, Erzen etc., welche vielfach an Stelle der sonst
üblichen Pochwerke und Walzen angewandt wird, besteht im
wesentlichen nach der Figur aus zwei im spitzen Winkel
gegeneinander gestellten eisernen Platten a c, zwischen welche die
zu zerbrechenden Steine geschüttet werden. Die eine Platte a
steht fest, die andre ist um Zapfen f beweglich und nähert
sich der feststehenden Platte durch die Wirkung eines Kniehebels g
h g', welcher sich gegen a' stützt, während die
Rückbewegung durch das Gewicht der Platte, unterstützt
durch eine Feder i, erfolgt. Bei dieser Rückbewegung findet
natürlich eine Erweiterung des Brechmauls r statt, welche dem
darin befindlichen Steinmaterial Gelegenheit gibt, tiefer zu
sinken, bis es wieder fest anliegt; die hierauf folgende
Verengerung wird sodann, wenn der Winkel zwischen beiden
264
Steinbruch - Steindienst.
Backen genügend klein gewählt ist, um ein Ausweichen
der Steine nach oben auszuschließen, die Zerdrückung zur
Folge haben. Bei rasch aufeinander folgender Wiederholung dieser
Schwingungen des Backens c, hervorgerufen durch das Exzenter k,
welches auf der Welle des Schwungrades l sitzt, werden sonach die
oben aufgegebenen großen Steine immer tiefer einsinken und
allmählich zu immer feinerm Korn zerdrückt. Die Maschine
arbeitet demnach kontinuierlich, indem regelmäßig oben
aufgegeben und unten abgezogen werden kann. Um die Maschine selbst
vor Abnutzung zu schützen und gleichzeitig die Form des
Backenquerschnitts für verschiedenes Material verschieden
wählen zu können, sind die Backen noch mit besondern
Druckplatten b d aus hart gegossenem Gußeisen von
wellenförmigem Querschnitt versehen, welche nach Bedarf
ausgewechselt oder erneuert werden können. Der Antrieb der
Maschine erfolgt durch Riemenscheibe von einem Dampf- oder
Wassermotor aus, und ein Schwungrad l dient zur Regulierung des
Widerstandes. Die S. von Blake zerkleinerte in der Stunde 200 Ztr.
harten, körnigen Granit zu brauchbarem Chausseematerial, wenn
die Betriebsarbeit 5 Pferdekräften entsprach.
Steinbruch (ungar. Köbánya), Ort bei Budapest
in Ungarn und Station der Österreichisch-Ungarischen sowie der
Ungarischen Staatsbahn, hat (1881) 8804 Einw., 2 große
Bierbrauereien, Schweinemastanstalten und 2 Hochreservoirs der
Budapester Wasserleitung und bildet den 10. Bezirk der ungarischen
Hauptstadt (s. Budapest, S. 588).
Steinbrüche, s. Steine.
Steinbrück, Eduard, Maler, geb. 3 Mai 1802 zu
Magdeburg, widmete sich in Berlin unter Wach der Kunst, ging 1829
nach Düsseldorf, dann nach Rom, lebte von 1830 bis 1833 wieder
in Berlin, darauf bis 1846 in Düsseldorf, seitdem abermals in
Berlin und zog sich im März 1876 nach Landeck in Schlesien
zurück, wo er 3. Febr. 1882 starb. Seine Bilder, deren Motive
meist der Sage und der Dichtung entnommen sind, tragen in der
empfindsamen Auffassung wie in dem zarten, weichen Kolorit das
Gepräge der Düsseldorfer Romantik. Die hervorragendsten
derselben sind: Genoveva, Rotkäppchen, Nymphe der Düssel,
Fischerfrau am Strand, Undine, die Magdeburger Jungfrauen, welche
sich während der Plünderung der Stadt 1631 von den
Wällen herabstürzen, und Maria bei den Elfen, nach Tiecks
Märchen (1840, in der Nationalgalerie zu Berlin).
Steinbühler Gelb, s. v. w. chromsaurer Baryt oder
chromsaurer Kalikalk, welcher aus Chlorcalciumlösung durch
chromsaures Kali gefällt wird und einen schön gelben
Farbstoff bildet.
Steinburg, Kreis in der preuß. Provinz
Schleswig-Holstein, benannt nach einer alten Burg, östlich von
Krempe, mit der Hauptstadt Itzehoe.
Steinbutt, s. Schollen.
Steinbutter, s. Bergbutter.
Steindattel (Lithodomus lithophagus Cuv.), Muschel aus
der Familie der Miesmuscheln (Mytilidae), lebt an den Ufern des
Mittelmeers in Felslöchern oder in Steinkorallen, in welche
sie sich auf noch nicht sicher ermittelte Weise einbohrt.
Wahrscheinlich sondert sie einen kalkauflösenden Saft ab, da
sie nicht wie die Bohrmuschel (s. d.) sich durch Feilen helfen
kann. Die Bohrlöcher sind innen völlig glatt. Besonders
interessant ist ihr Vorkommen in den Säulen des sogen.
Serapistempels von Pozzuoli bei Neapel. Sie nehmen dort eine scharf
begrenzte, etwa 2 m hohe Zone ein und beweisen so, daß der
Tempel nach seiner Erbauung eine geraume Zeit im Wasser gestanden
haben muß. Da er aber gegenwärtig wieder auf dem
Trocknen steht, so hat man darin wahrscheinlich ein Beispiel von
Senkung und Hebung des Meeresbodens in vulkanischer Gegend und zu
historischer Zeit (weiteres s. Hebung; vgl. indes Brauns, Das
Problem des Serapeums zu Pozzuoli, Halle 1888).
Stein der Weisen, s. Alchimie.
Steindienst (Steinkultus), die dem gesamten Heidentum der
Vorzeit und Jetztwelt eigentümliche Verehrung erwählter
Steine, sei es roher oder behauener, und zwar als Fetisch, Idol der
Gottheit oder als Opferstein. Die roheste und ursprünglichste
Form scheint diejenige zu sein, in welcher das Naturkind irgend
einen beliebigen Stein erwählt und zu seinem Fetisch macht.
Die Dakota Nordamerikas nehmen einen runden Kieselstein und bemalen
ihn, dann reden sie ihn Großvater an, bringen ihm Opfer und
bitten ihn, sie aus der Gefahr zu erretten. Ähnliches
beobachtete man in Südamerika, in der Südsee, an vielen
Orten Afrikas, Lapplands, Indiens etc. Bei den Kulturvölkern
der Alten Welt finden sich ähnliche Gebräuche, die aber
meist nur Meteorsteinen und prähistorischen Steinwaffen oder
Werkzeugen, die man für vom Himmel gefallene Waffen der
Götter, namentlich für Donnerkeile (Jupiter lapis-Kult),
hielt und vielfach als Amulette trug, dargebracht wurden, wobei man
bereits eine deutlichere Verknüpfung mit der
übersinnlichen Welt gewahrt. Die hochgefeierten Palladien der
Trojaner, Griechen und Römer waren meistens solche vom Himmel
herabgefallene Göttergeschenke, die namentlich im Kulte der
Kybele, Minerva und des Mars eine Rolle spielten. Anderseits
scheint bei einer etwas höher gestiegenen religiösen
Bildung eine Art von Vermählung der Gottheit mit einem
bestimmten ihr errichteten Altarstein, Opfertisch oder Idol
angenommen worden zu sein, sei es, daß man, wie im alten
Ägypten, meinte, die Gottheit nehme in dem Stein Wohnung, oder
auch, indem der Stein als uralte Opferstätte der Väter
den Nimbus des nationalen Allerheiligsten eines Volkes oder Stammes
erwarb. So wurden einfache Platten, Steinkegel, Opfertische etc. zu
dem Ursymbol der Nationalgottheit, dem man sich mit dem
höchsten religiösen Schauder näherte. Hierher
gehören: der schwarze Stein von Pessinus, das berühmte
konische Idol der Venus auf Cypern, der Stein, welcher bei den
böotischen Festen als Vertreter des typischen Eros die
höchsten Ehren genoß, der rohe Stein zu Hyettos, welcher
"nach alter Weise" den Herakles darstellte, die 30 Steine, welche
die Pharäaner in althergebrachter Weise an Stelle der
Götter verehrten, die rohen Steinaltäre zu Bethel,
Garizim und Jerusalem, der Steinkreis von Stonehenge (s. d.) als
vornehmstes Beispiel der unzähligen, über die ganze Alte
Welt verbreiteten Cromlechs (s.d.) etc. Tacitus sagt, wo er von der
Verehrung der paphischen Venus als Steinkegel spricht, die Ursache
ruhe im Dunkel (ratio in obscuro); allein wir werden kaum irre
gehen, wenn wir in ihnen Überbleibsel aus einer rohern
Urreligion suchen, die in dem philosophischer gewordenen Kultus
Aufnahme fanden, wie z. B. so vielfach Isisbilder in "schwarze
Madonnenbilder" umgewandelt worden sind. Durch die Beibehaltung des
alten Idols besiegelte die neue Religion ihren Frieden mit der
alten. Wir sehen ganz dasselbe bei dem heiligen Stein in der Kaaba
(s. d.) zu Mekka und an der heiligen Steinplatte in der Moschee
Omars zu Jerusalem, die eben uralte heilige Steine und
Opferstätten der Araber und Juden waren, vielleicht seit
Jahr-
265
Steindrossel - Steine, künstliche.
tausenden vor dem Auftreten Mohammeds. Aber gerade der mystische
Reiz, welcher in der Verehrung des rohen Naturidols liegt,
führte zu den tollsten Übertreibungen in dieser
Kultusform. Theophrast schildert im 4. Jahrh. v. Chr. den Typus des
abergläubischen Griechen, der immer sein Salbfläschchen
bei sich führt, um jedem heiligen Stein, dem er auf der
Straße begegnet, Öl aufzuträufeln, dann davor
niederzufallen und ihn anzubeten, ehe er seines Wegs weiter
schreitet. Die Kirchenväter (Arnobius, Tertullian u. a.)
machen sich lustig über diesen Gebrauch der Heiden, Steine zu
salben und anzubeten; aber sie vergessen, daß dies eine gut
biblische Sitte war, die auch Jakob, der Erzvater, bei jenem Stein
übte, der ihm als Kopfkissen gedient hatte. Noch Heliogabal
brachte das schwarze Steinidol des syrischen Sonnengottes unter
großer Feierlichkeit nach Rom und errichtete ihm einen durch
orientalische Pracht ausgezeichneten Dienst. Viele Forscher nehmen
an, daß die Menhirs, Bautasteine (s. d.) und megalithischen
Bauwerke, die sich in einer weiten Zone vom Westen Europas bis nach
Indien ziehen, ähnliche Idole eines besondern Steinvolkes
gewesen seien. Mehr an den reinen Fetischdienst erinnert die
besonders in Syrien und Phönikien heimisch gewesene Verehrung
kleiner Meteorsteine oder Bätylien (s. Bätylus); denn
diese Steine wurden speziell als Hausgötter etc. gebraucht,
und die Dioskuren, welche als die Nothelfer des Altertums galten,
wurden besonders häufig als Steine verehrt. Ähnliches
gilt von den Buddhasteinen in Indien. Vgl. v. Dalberg, Über
Meteorkultus der Alten (Heidelb. 1811); Tylor, Anfänge der
Kultur (deutsch, Leipz. 1873).
Steindrossel (Felsschmätzer, Monticola Boie),
Gattung aus der Ordnung der Sperlingsvögel, der Familie der
Drosseln (Turdidae) und der Unterfamilie der Steinschmätzer
(Saxicolinae), große, schlanke Vögel mit starkem,
pfriemenförmigem, gestrecktem, seicht gewölbtem Schnabel
mit überragender Spitze, langen Flügeln, in denen die
dritte Schwinge am längsten ist, kurzem, schwach ausgerandetem
Schwanz und mittelhohem, starkem, langzehigem Fuß mit
großen, merklich gebogenen Krallen. Der Steinrötel
(Steinmerle, Rotschwanz, M. saxatilis Cab.), 23 cm lang, 37 cm
breit, ist am Kopfe, Vorderhals, Nacken u. Bürzel blaugrau, am
Unterrücken weißblau, an der Unterseite und am Schwanz,
mit Ausnahme der beiden mittelsten dunkelgrauen Federn, rot, an den
Flügeln schwarzbraun; die Augen sind rotbraun, der Schnabel
schwarz, die Füße rötlichgrau. Er findet sich in
fast allen Gebirgen Südeuropas, brütet noch in
Österreich, am Rhein, ausnahmsweise in Böhmen, in der
Lausitz und am Harz, geht im Winter nach Nordafrika, bewohnt weite,
steinige Thalmulden, singt trefflich, nährt sich von Beeren
und Kerbtieren, nistet in Mauer- und Felsspalten, auch im
Gestrüpp und legt 4-6 blaugrüne Eier (s. Tafel "Eier I",
Fig. 59). Die Blaumerle (Blauamsel, Blaudrossel, Blauvogel,
einsamer Spatz, Einsiedler, M. cyana Cab.) ist 25 cm lang, 37 cm
breit, schieferblau, mit mattschwarzen Schwingen und Steuerfedern,
braunem Auge, schwarzem Schnabel und Fuß, bewohnt
Südeuropa, Nordafrika, Mittelasien, findet sich auch in den
südlichen Kronländern Österreichs, als Strichvogel
im Bayrischen Hochgebirge, lebt einsam in Einöden, singt sehr
angenehm, nistet in Felsspalten, auf Kirchtürmen etc. und legt
vier grünlichblaue, violett und rotbraun gefleckte Eier. In
Italien, Griechenland und auf Malta ist sie als Stubenvogel sehr
beliebt.
Steindruck, s. Lithographie.
Steine, linksseitiger Nebenfluß der Glatzer
Neiße, im preuß. Regierungsbezirk Breslau, entspringt
unfern Görbersdorf im Waldenburger Gebirge, fließt
südöstlich und mündet unterhalb Glatz; 55 km
lang.
Steine (Bausteine), Gesteine (s. d.) der verschiedensten
Art, welche zu Bauzwecken benutzt werden. Soweit sich dieselben
nicht als lose Trümmer in der Nähe größerer
Felsmassen, als Rollsteine, Geschiebe oder erratische Blöcke
vorfinden, werden sie an ihren natürlichen Fundorten
(Steinbrüchen) abgebaut oder gebrochen. Am häufigsten und
leichtesten gewinnt man die S. durch Tagebau; liegt das brauchbare
Gestein tief unter der Erdoberfläche, so wird die Gewinnung
durch Grubenbau betrieben. Zur Abtrennung der S. von ihren Lagern
dienen Brechstangen und Keile, und wo diese nicht ausreichen,
sprengt man mit Pulver oder Dynamit, während das früher
übliche Feuersetzen jetzt fast ganz aufgegeben ist. Beim
Sprengen werden Bohrmaschinen angewandt, und auch bei der
Ablösung der S. mittels der Keile benutzt man jetzt Maschinen,
wie in einem Steinbruch bei Marcoussis (Paris) einen auf Schienen
beweglichen Dampfhammer, der die S. absprengt und spaltet. Die aus
den Steinbrüchen gelieferten rohen S. werden zum Teil als
solche benutzt, meist aber zu Werkstücken, Schnittsteinen oder
Quadern verarbeitet. Seit dem Altertum wird diese Steinmetzarbeit
mit Hammer und sehr verschieden gestalteten Meißeln (Eisen)
ausgeführt, in neuerer Zeit aber sind immer mehr maschinelle
Vorrichtungen in Gebrauch gekommen, welche erfolgreich mit der
Handarbeit konkurrieren. Zum Zerschneiden der S. dienen
Steinsägen, welche statt der gezahnten in der Regel einfache
Stahlblätter oder Drähte enthalten, die
scharfkörnigen Sand unter Zufluß von Wasser hin- und
herschleifen. Die Bewegung des Gatters wird durch Menschen,
Göpel oder andre Motoren hervorgebracht. Bei den Sägen
mit Draht benutzt man oft einen sehr langen Draht, der sich
abwechselnd von einer Rolle auf eine andre ab- und aufwickelt. Zur
Bearbeitung ebener Flächen benutzt man Maschinen, welche nach
Art der Metallhobelmaschinen wirken, nur daß die Meißel
während der Steinbewegung nicht stillstehen, sondern, unter
45° geneigt, vermittelst schnell drehender Exzenter kurze
Stöße gegen den Stein führen und so die Handarbeit
nachahmen. Bei Anwendung profilierter Meißel erhält man
hierbei Kehlungen etc. Andre Maschinen besitzen als Arbeitsorgan
eine sehr schnell rotierende Scheibe mit feststehenden
Meißeln oder mit kleinen runden Scheiben aus Hartguß
(Kreismeißel), welche bei der schnellen Rotation der Scheibe
gegen den Stein stoßen, sich an diesem wälzen und
Stücke bis 25 mm Dicke abtrennen. Auch schwarze Diamanten
werden statt der Meißel angewandt. Die ebenen
Steinflächen werden mit scharfkörnigem Sand und Wasser
mittels hin und her bewegter, auch rotierender, belasteter eiserner
Schleifschalen geschliffen und zuletzt mit Bimsstein (für
Marmor), Kolkothar (Granit, Syenit), Zinnasche (für weicheres
Gestein) poliert. Hierbei werden runde Formen (Säulen etc.)
durch eine Drehbank gedreht, während die Schleifschalen
dagegen gedrückt werden. In neuerer Zeit benutzt man mehr und
mehr auch Schmirgelscheiben zum Schleifen der S. Vgl. Gottgetreu,
Physischen. chemische Beschaffenheit der Baumaterialien (3. Aufl.,
Berl. 1880, 2 Bde.); Schwartze, Die Steinbearbeitungsmaschinen
(Leipz. 1885).
Steine, künstliche, aus verschiedenen Substanzen
hergestellte steinartige Massen, welche als Surrogate
266
Steinen - Steingallen.
der natürlichen Steine benutzt werden. Hierher gehören
außer den Mauersteinen (s. d.) die Kalkziegel
(Kalksandziegel), die durch Mischen von Kalkmilch mit Sand zu einer
plastischen Masse, Formen der letztern unter starkem Druck und
Trocknen an freier Luft dargestellt werden. Vorteilhaft taucht man
sie vor völligem Erhärten in schwache
Wasserglaslösung. Auch der Zementguß muß zu den
künstlichen Steinen gerechnet werden. Sehr gute k. S.
erhält man aus einer Mischung von Steinbrocken, Zement und
Wasser, welche in Formen gestampft wird. Aus derartigem Beton sind
für Hafenbauten Steine von 18 cbm Inhalt dargestellt worden.
Cendrinsteine bestehen aus Zement mit Kohlenstaub oder Asche; eine
andre Sorte aus gebranntem Kalk und Steinkohlenasche, welche
breiförmig zusammengestampft werden, worauf man die Masse in
Ziegelform bringt und die Steine nach dem Trocknen in
Wasserglaslösung taucht. Die englischen Viktoriasteine werden
aus kleinen Granitbruchstücken und Zement geformt und nach 4
Tagen etwa 12 Stunden in Natronwasserglaslösung gelegt.
Marmorartige und bei Zusatz von Quarzstückchen und Eisenoxyd
auch granitartige Steine stellt Ransome dar, indem er Zement,
Kreide, feinen Sand und Infusorienerde mit Natronwasserglas zu
einem dicken Brei anmacht, diesen in Formen gießt, die
erhärtete Masse wiederholt mit sehr starker
Chlorcalciumlösung begießt, 3 Stunden hineinlegt und
schließlich in Wasser bringt, um lösliche Salze zu
entfernen. Diese Steine werden für solides Mauerwerk,
Trottoirplatten und zu Ornamenten sehr viel benutzt und sind
polierbar. Die Marmormosaik-Bodenbelegplatten von Oberalm bestehen
aus Marmorabfällen, welche durch eine Mischung von Zement und
Marmorpulver zu einer Masse verbunden werden, die man in eiserne
Formen preßt und nach dem Erhärten schleift und poliert.
In Nordamerika finden Steinplatten aus Schieferpulver, mit geringem
Zementzusatz gepreßt, ausgedehnte Verwendung. Der
Bietigheimer künstliche Sandstein besteht aus
Sandkörnern, die durch ein gesintertes alkalisches Silikat
(Feldspat, Glaspulver, Thon) verbunden sind. In Dirschau mischt man
1 Teil Thon mit 4 Teilen Mergel (Wiesenkalk) im Thonschneider,
zerschneidet den heraustretenden Strang, brennt die Steine im
Ringofen, mahlt sie mit 3 Volumen Sand und wenig Wasser in
rotierenden Trommeln, setzt Farbstoff zu und formt daraus Steine
unter dem Dampfhammer. Die Steine trocknen im Trockenschuppen und
sind nach 3 Tagen verwendbar. Auch Magnesiazement, Kieserit, Gips
(s. Zement) werden zu künstlichen Steinen verarbeitet, und
namentlich Schlacken bilden ein vortreffliches Material, aus
welchem sehr allgemein Ziegel gegossen werden. Eine Mischung von
Sodarückständen und geröstetem Schwefelkies mit
konzentrierter Wasserglaslösung liefert sehr harte Steine,
welche dem Wasser Widerstand leisten. Zu den künstlichen
Steinen gehören auch Mischungen aus Steintrümmern und
harzigen Bindemitteln, wie die braune Metalllava aus Sand,
Kalkstein, Teer und wenig Wachs. Aus dieser Masse gegossene Platten
lassen sich schön polieren.
Steinen, Karl von den, Forschungsreisender, geb. 7.
März 1855 zu Mülheim a. d. Ruhr, studierte Medizin in
Zürich, Bonn und Straßburg, widmete sich dann in Berlin
und Wien der Psychiatrie und war 1878-79 Assistenzarzt an der
Irrenklinik der Charitee in Berlin. 1879-81 machte er eine Reise um
die Erde, studierte dabei das Irrenwesen in den Kulturstaaten und
machte auf mehreren Gruppen der Südsee ethnologische
Forschungen. Nachdem er dann wiederum seine frühere Stellung
in Berlin eingenommen hatte, ging er als Arzt und Naturforscher mit
der von Deutschland ausgesandten Südpolarexpedition 1882 nach
Südgeorgien, wo er bis zum nächsten Jahr verweilte, um
darauf noch im Februar 1884 nach Asuncion zu gehen, von wo er mit
seinem Vetter, dem Maler Wilhelm von den S., und Clauß sowie
einem Kommando brasilischer Soldaten den Lauf des Xingu, eines
Nebenflusses des Amazonas, erforschte. Nach Europa
zurückgekehrt, veröffentlichte er als Ergebnis dieser
Reise: "Durch Zentralbrasilien" (Leipz. 1886). Eine zweite Reise in
dasselbe Gebiet trat S. im Januar 1887 an; er untersuchte, durch
den Ausbruch der Cholera am Paraguay aufgehalten, die
merkwürdigen Sambaquis in der Provinz Santa Catharina und traf
16. Juli in Cuyaba ein, von wo er im August aufbrach. Er erforschte
im östlichen Quellgebiet des Xingu eine Reihe von
Stämmen, die noch in vorkolumbianischer Steinzeit lebten, und
kehrte im August 1888 nach Europa zurück.
Steiner, 1) Jakob, Mathematiker, geb. 18. März 1796
zu Utzendorf bei Solothurn, besuchte die heimatliche Dorfschule, wo
er erst mit 14 Jahren schreiben lernte, und ging im Alter von 17
Jahren nach Yverdon zu Pestalozzi, an dessen Anstalt er später
einige Zeit als Hilfslehrer thätig war. Von hier wandte er
sich 1818 nach Heidelberg, um Mathematik zu studieren, sah sich
aber fast ganz auf Privatstudien angewiesen. Seit 1821 lebte er in
Berlin, anfangs als Privatlehrer der Mathematik, dann als Lehrer an
der Gewerbeakademie, seit 1834 als außerordentlicher
Professor an der Universität und Mitglied der Akademie der
Wissenschaften. Die letzten Lebensjahre verbrachte er, von schweren
Körperleiden gequält, in der Schweiz, wo er 1. April 1863
in Bern starb. Von seinem Hauptwerk: "Systematische Entwickelung
der Abhängigkeit geometrischer Gestalten", haben wir nur den
ersten Teil (Berl. 1832); außerdem schrieb er noch: "Die
geometrischen Konstruktionen, ausgeführt mittels der geraden
Linie und Eines festen Kreises" (das. 1833). Nach seinem Tod
erschienen seine "Vorlesungen über synthetische Geometrie"
(hrsg. von Geiser und Schröter, Leipz. 1867, 2 Bde.; 2. Aufl.
1875-76), und seine "Gesammelten Werke" (hrsg. von
Weierstraß, Berl. 1881-82, 2 Bde.). Vgl. Geiser, Zur
Erinnerung an Jakob S. (Schaffh. 1874).
2) Jakob, Instrumentenmacher, s. Stainer.
Steiner Alpen (auch Sannthaler oder Sulzbacher Alpen),
südliche Vorlage der Karawanken zwischen Save und Sann, im
südlichen Steiermark und dem angrenzenden Krain, erreichen mit
der Oistritza 2350 m Höhe. Östlich davon das Cillier
Bergland, vom Drann durchschnitten, reich an Mineralquellen. Vgl.
Frischauf, Die Sannthaler Alpen (Wien 1877).
Steinernes Meer, s. Salzburger Alpen.
Steinfrucht, s. Steinbeere.
Steinfurt, ehemals (seit 1495) reichsunmittelbare
Grafschaft im westfäl. Kreis, jetzt zum preußischen
Regierungsbezirk Münster und zum Kreise S. gehörig,
standesherrliche Besitzung der Grafen von Bentheim-S., mit dem
Hauptort Burgsteinfurt.
Steingallen (blaue Mäler), die durch Quetschung und
Entzündung der Hufsohle, namentlich in den Eckstrebenwinkeln
bei Pferden entstehenden roten, resp. geröteten Flecke. Die
Ursachen der S. beruhen in abnormem Druck auf die Sohlenschenkel
durch die übergewachsene Horn- und Eckstrebenwand oder durch
unzweckmäßigen Beschlag. Am meisten wird das Übel
bei sonst gesunden Hufen durch zu kurze Huf-
267
Steingang - Steinhuhn.
eisen veranlaßt. Bei länger anhaltendem und starkem
Druck auf die Eckstrebenpartie der Hufe entsteht Eiterung (feuchte
oder eiternde S. im Gegensatz zu den trocknen S.). Die Behandlung
wird durch zweckmäßige Beschneidung und Erweichung der
Hufe sowie durch Regelung des Hufbeschlags bewirkt. In letzterer
Hinsicht bedient man sich meist eines langen und starken oder eines
geschlossenen oder auch eines Dreiviertelhufeisens. Die Entstehung
von Eiter in einer Steingalle erfordert eine frühzeitige
Öffnung in dem Sohlenschenkel und Erweichung der Hufe durch
Umschläge von schleimigen und fetthaltigen Mitteln.
Steingang (Allée couverte), s. Dolmen.
Steingeier, s. Adler, S. 122.
Steingrün, s. Grünerde.
Steingut, s. Thonwaren.
Steinh., bei botan. Namen Abkürzung für A.
Steinheil, geb. 1810 zu Straßburg, Pharmazeut, bereiste
Algerien; starb 1839 auf der Überfahrt von Martinique nach
Caracas.
Steinhäger, Branntweinsorte, s. Genever.
Steinharz, s. Dammaraharz.