deutscher Staatsmann, geb. 26. Okt. 1757 zu Nassau an der Lahn aus
einem alten reichsfreiherrlichen Geschlecht, Sohn des
kurmainzischen Geheimrats Philipp von S., widmete sich von 1773 bis
1777 in Göttingen dem Studium der Rechte und der
Staatswirtschaft, arbeitete ein Jahr beim Reichskammergericht in
Wetzlar, unternahm eine Reise durch einen Teil von Europa, trat
dann, entgegen den Traditionen seines Hauses, in den
preußischen Staatsdienst und erhielt 1780 eine Anstellung als
Bergrat zu Wetter in der Grafschaft Mark. Schon 1782 ward er zum
Oberbergrat befördert, und im Februar 1784 erhielt er die
Oberleitung der westfälischen Bergämter. 1793 erfolgte
seine Ernennung zum Kammerdirektor in Hamm, 1795 zum
Präsidenten der märkischen Kriegs- und Domänenkammer
und 1796 zum Oberpräsidenten aller westfälischen Kammern,
in welcher Stellung er sich die größten Verdienste
namentlich um den Chausseebau und die Forsten sowie um Hebung der
Gewerbthätigkeit und Belebung des Handels erwarb. Im Oktober
1804 als Minister des Accise-, Zoll-, Salz-, Fabrik- und
Kommerzialwesens nach Berlin in das Generaldirektorium berufen,
bewirkte er die Aufhebung sämtlicher binnenländischer
Zölle im Innern von Preußen, errichtete das Statistische
Büreau und schuf als Erleichterungsmittel für den Handel
und Verkehr Papiergeld. Vergeblich waren freilich seine
Anstrengungen, den König zu einer kräftigen,
würdigen Politik zu bewegen. Als er im Januar 1807 seinen
Eintritt in das neue Ministerium von der Umgestaltung der obersten
Verwaltungsstellen und insbesondere von der Beseitigung der
Kabinettsregierung abhängig machte, erhielt er vom König
in ungnädigster Weise den Abschied. Nach dem Tilsiter Frieden
(Juli 1807) berief ihn derselbe jedoch wieder zu sich, um ihm als
erstem Minister das große Werk der Neugestaltung des Staats
zu übertragen. Steins Plan war: das Volk wieder für die
Teilnahme am Staat und seinen Zwecken zu beleben und an der Leitung
desselben zu beteiligen, die bisher unterdrückten Stände
von den aus dem Mittelalter überkommenen Lasten und Fesseln zu
befreien und ein allgemeines freies Staatsbürgertum zu
gründen. Die Weise, wie er diese Reform anstrebte, zeugt
ebenso von seinem echt deutschen Geist wie von tiefer
staatsmännischer Einsicht. Im September 1807 übernahm er
sein neues Amt, und 9. Okt. erschien bereits das Edikt, den
erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grundeigentums
sowie die persönlichen Verhältnisse des
Grundeigentümers betreffend. Ein andres Gesetz
überließ den Domanialbauern ihr Land zu
unumschränktem Grundeigentum. Seine Städteordnung vom 19.
Nov. 1808 bildet noch jetzt die Grundlage der
Rechtsverhältnisse der preußischen Städte. Damit
das so in seinen Verhältnissen und Rechten sittlich und
geistig gehobene Volk auch das Bewußtsein seiner Kraft und
Mut zur Abwerfung des Fremdenjochs gewinne, unternahm S. darauf mit
Scharnhorst die Herstellung einer volkstümlichen
Wehrverfassung. Aber kaum ein Jahr hatte S. als Minister gewaltet,
als er durch einen Machtbefehl Napoleons I., dem ein aufgefangener
Brief Steins an den Fürsten von Wittgenstein seine Hoffnung,
bald das französische Joch abzuschütteln, verraten hatte,
24. Nov. 1808 seinen Abschied zu nehmen und 16. Dez. förmlich
geächtet aus Preußen zu fliehen gezwungen wurde. Ehe er
sein Vaterland verließ, legte er die Grundsätze seiner
Staatsverwaltung in einem Sendschreiben an die oberste
Verwaltungsbehörde nieder, welches unter der Bezeichnung
"Steins politisches Testament" weltgeschichtliche Bedeutung
gewonnen hat. Von der westfälischen Regierung gerichtlich
verfolgt und seiner Güter beraubt, begab er sich nach
Österreich, wo er abwechselnd in Brünn, Troppau und
zuletzt dauernd in Prag lebte. Als zu befürchten stand,
daß seine Auslieferung gefordert werden möchte, folgte
er im Mai 1812 der Einladung des Kaisers Alexander I. nach
Petersburg. Auch von dort aus aber wußte er durch seinen
Einfluß auf den Kaiser sowie durch seine ausgedehnten
Korrespondenzen und die Bildung einer russisch-deutschen Legion die
spätere nationale Erhebung gegen Napoleon I. vorzubereiten.
Nach der Katastrophe von 1812 kehrte er mit dem Kaiser nach
Deutschland zurück und ward zum Vorsitzenden eines
russisch-preußischen Verwaltungsrats für die deutschen
Angelegenheiten ernannt, doch sah er sich in seiner Thätigkeit
in dieser Stellung vielfach beengt. Als nach dem Sieg bei Leipzig
21. Okt. 1813 eine Zentralkommission für die Verwaltung aller
durch die Truppen der Verbündeten besetzten Länder
angeordnet worden war, übernahm S. den Vorsitz in derselben
und erwarb sich trotz der ihm von den einzelnen Regierungen in den
Weg gelegten Hindernisse durch tüchtige Verwaltung im Innern
und Aufstellung zahlreicher Heerhaufen gegen den äußern
Feind hohe Verdienste um das Gesamtvaterland. Die Zentralverwaltung
folgte dem Heer der Verbündeten bis nach Paris. Von dort
kehrte S. im Juni 1814 nach Berlin zurück und begab sich im
September zum Kongreß nach Wien. Hier nahm er besonders an
den Verhandlungen über die deutsche Frage teil. Dann zog er
sich ins Privatleben zurück. Den Sommer brachte er meist auf
seinen Gütern in Nassau,
261
Stein - Steinach.
den Winter in Frankfurt a. M. zu, wo sich im Januar 1819 unter
seinem Vorsitz die Gesellschaft für Deutschlands ältere
Geschichte konstituierte. Ihr Werk ist die Herausgabe der
"Monumenta Germaniae historica" (s. d.), für welche S. selbst
viel sammelte. Mit der nassauischen Regierung in mancherlei
Mißhelligkeiten geraten, siedelte er später auf sein Gut
Kappenberg in Westfalen über. Nach der Einführung der
Provinzialstände in Preußen 1823 ward er für den
westfälischen Landtag zum Deputierten erwählt und vom
König zum Landtagsmarschall ernannt. Auch die Verhandlungen
der evangelischen Provinzialsynode Westfalens leitete er. 1827
ernannte ihn der König zum Mitglied des Staatsrats. S. starb
29. Juni 1831 in Kappenberg als der letzte seines Geschlechts, da
ihn von den Kindern, die ihm seine Gemahlin, Gräfin Wilhelmine
von Wallmoden-Gimborn, geboren, nur drei Töchter
überlebten. 1872 ward ihm auf der Burg Nassau (von Pfuhl),
1874 in Berlin (von Schievelbein und Hagen) ein Standbild
errichtet. Steins Denkschriften über deutsche Verfassungen
wurden von Pertz (Berl. 1848) herausgegeben, Steins Briefe an den
Freiherrn v. Gagern 1813-31 von diesem (Stuttg. 1833), sein
Tagebuch während des Wiener Kongresses von M. Lehmann (in
Sybels "Historischer Zeitschrift", Bd. 60). Vgl. Pertz, Das Leben
des Ministers Freiherrn vom S. (Berl. 1849-55, 6 Bde.); Derselbe,
Aus Steins Leben (das. 1856, 2 Bde.); Stern, S. und sein Zeitalter
(Leipz. 1855); Arndt, Meine Wanderungen und Wandelungen mit dem
Freiherrn vom S. (3. Aufl., Berl. 1869); M. Lehmann, S.,
Scharnhorst und Schön (Leipz. 1877); Seeley, Life and times of
S. (Cambr. 1878, 3 Bde.; deutsch, Gotha 1883-87, 3 Bde.) und die
kürzern Biographien von Reichenbach (Brem. 1880), Baur
(Karlsr. 1885).
3) Christian Gottfried Daniel, Geograph, geb. 14. Okt. 1771 zu
Leipzig, wo er studierte, wurde 1795 an das Gymnasium zum Grauen
Kloster in Berlin berufen, an welchem er bis zu seinem am 14. Juni
1830 erfolgten Tod wirkte. Von seinen zahlreichen Werken sind
besonders zu nennen sein mit Hörschelmann begründetes
"Handbuch der Geographie und Statistik" (Leipz. 1809, 3 Bde.;
neubearbeitet von Wappäus, Delitsch, Meinicke u. a., 7. Aufl.,
das. 1853-71, 4 Bde.); "Geographie für Schule und Haus" (27.
Aufl. von Wagner und Delitsch, das. 1877);
"Geographisch-statistisches Zeitungs-, Post- und Komptoirlexikon"
(2. Aufl., das. 1818-21, 4 Bde.; nebst zwei "Nachträgen", das.
1822-24); "Über den preußischen Staat nach seinem
Länder- und Volksbestand" (Berl. 1818); "Handbuch der
Geographie und Statistik des preußischen Staats" (das. 1819);
"Reisen nach den vorzüglichsten Hauptstädten von
Mitteleuropa" (Leipz. 1827-29, 7 Bde.). Sein "Neuer Atlas der
ganzen Erde" (Leipz. 1814) erlebte in der Bearbeitung durch
Ziegler, Lange u. a. eine 33. Auflage (28 Karten mit Tabellen etc.,
das. 1875).
4) Leopold, jüd. Theolog, geb. 5. Nov. 1810 zu Burgpreppach
(Bayern), bildete sich auf der Talmudschule in Fürth und den
Universitäten zu Erlangen und Würzburg, ward 1834
Rabbiner in Burgkundstadt, 1843 in Frankfurt a. M., wo er nach
Niederlegung des Rabbinats 1864-74 einer höhern
Töchterschule vorstand und 2. Dez. 1882 starb. Er war der
entschiedenste Vertreter der Reform des Judentums. Sein Hauptwerk
ist: "Die Schrift des Lebens. Inbegriff des gesamten Judentums in
Lehre, Gottesverehrung und Sittengesetz" (Mannh. 1868-77).
Außerdem gab er verschiedene Predigtsammlungen und
Zeitschriften ("Der israelitische Volkslehrer", 1851-60;
"Freitagabend", 1860, etc.), mehrere Dramen ("Die Hasmonäer",
Frankf. 1859; "Der Knabenraub von Carpentras", Berl. 1863, u. a.)
heraus. Sein "Gebetbuch" (Straßb. u. Mannh. 1880-82, 2 Bde.)
zeigt S. als formgewandten synagogalen Dichter.
5) Lorenz von, Staatsrechtslehrer und Nationalökonom, geb.
18. Nov. 1815 zu Eckernförde, studierte in Kiel und Jena
Philosophie und Rechtswissenschaft, habilitierte sich dann als
Privatdozent in Kiel und wurde 1846 Professor daselbst. Da er das
Recht der Herzogtümer gegen die dänische Regierung
verfocht und an der Schrift der neun Kieler Professoren über
diesen Gegenstand Anteil nahm, wurde er 1852 aus dem Staatsdienst
entlassen. Er folgte 1855 einem Ruf als Professor der
Staatswissenschaften an die Universität zu Wien, an welcher er
bis zu seiner 1885 erfolgten Pensionierung wirkte. Seine Schriften
sind sehr zahlreich; wir nennen: "Der Sozialismus und Kommunismus
des heutigen Frankreich" (Leipz. 1842, 2. Aufl. 1847); "Die
sozialistischen und kommunistischen Bewegungen seit der dritten
französischen Revolution" (Stuttg. 1818); "Geschichte der
sozialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis auf unsre Tage"
(Leipz. 1850, 3 Bde.); "Geschichte des französischen
Strafrechts" (Bas. 1847); "Französische Staats- und
Rechtsgeschichte" (das. 1846-48, 3 Bde.); "System der
Staatswissenschaft" (Bd. 1: Statistik etc., das. 1852; Bd. 2:
Gesellschaftslehre, das. 1857); "Die neue Gestaltung der Geld- und
Kreditverhältnisse in Österreich" (Wien 1855); "Lehrbuch
der Volkswirtschaft" (das. 1858; 3. Aufl. als "Lehrbuch der
Nationalökonomie", 3. Aufl. 1887); "Lehrbuch der
Finanzwissenschaft" (Leipz. 1860; 5. Aufl. 1885-86, 4 Bde.); "Die
Lehre vom Heerwesen" (Stuttg. 1872). Sein bedeutendstes Werk ist
die "Verwaltungslehre" (Stuttg. 1865-84, 8 Bde.), eine umfassende,
nicht zum Abschluß gelangte Behandlung desjenigen
Gegenstandes, den man sonst als Polizeiwissenschaft zu behandeln
pflegt. Eine kompendiöse Zusammenfassung der ganzen
Wissenschaft ist das "Handbuch der Verwaltungslehre" (Stuttg. 1870;
3. Aufl. 1889, 3 Bde.). Außerdem schrieb er: "Zur
Eisenbahnrechtsbildung" (Wien 1872); "Die Frau auf dem Gebiet der
Nationalökonomie" (Stuttg. 1875, 6. Aufl. 1886); "Gegenwart
und Zukunft der Rechts- und Staatswissenschaft Deutschlands" (das.
1876); "Der Wucher und sein Recht" (Wien 1880); "Die drei Fragen
des Grundbesitzes und seiner Zukunft" (Stuttg. 1881). Das
Eigentümliche der Werke Steins besteht darin, daß er die
Hegelsche Dialektik auf das Gebiet der Volkswirtschaft und der
Staatswissenschaft anwandte, um an der Hand derselben die
Systematik dieser Wissenschaften zu verbessern. Doch hat er
darüber die Hinwendung auf das Geschichtliche nicht
vernachlässigt.
Steinach, 1) Marktflecken im meining. Kreise Sonneberg,
im freundlichen Thal der Steinach, eines Nebenflusses der Rodach,
an der Sekundärbahn Sonneberg-Lauscha (Werrabahn), hat ein
Amtsgericht, Amtseinnahme, Forstei, ein Schloß, Verfertigung
von Kisten, Schachteln, Schiefertafeln, Griffeln, Spielwaren etc.,
Wetzstein- und Schieferbrüche, Eisensteingruben, eine
Glashütte, Schneide- und Märmelmühlen, Bierbrauerei
und (1885) 4743 Einw. Aufwärts im Thal das
Eisenhüttenwerk Obersteinach. Am Fellberg, 3 km von S., die
ersten und lange Zeit einzigen bedeutenden
Griffelschieferbrüche in Deutschland. -
2) Marktflecken in Tirol, Bezirkshauptmannschaft Innsbruck, im
Wippthal, an der Mündung des Gschnitzthals und an der
Brennerbahn gelegen,
262
Steinalter - Steinberge.
beliebte Sommerfrische, hat eine Pfarrkirche mit guten
Gemälden, ein Bezirksgericht und (1880) 643 Einw.
Steinalter, s. Steinzeit.
Steinamanger (ungar. Szombathely), Stadt im ungar.
Komitat Eisenburg, Knotenpunkt der Österreichischen Süd-
und Ungarischen Westbahn und Sitz des Komitats, eines
römisch-katholischen Bischofs und eines Gerichtshofs, mit
bischöflichem Palais und Park, Franziskaner- und
Dominikanerkloster, schöner zweitürmiger Domkirche,
hübschem Komitatshaus und (1881) 10,820 Einw. S. hat eine
große Eisenbahnwerkstätte, eine Gasfabrik, ein
Obergymnasium, ein Seminar, eine theologische
Diözesanlehranstalt, ein Theater und ein archäologisches
Museum. S., das an der Stelle des römischen Savaria (s. d.)
steht, ist von Rebenhügeln umgeben und Fundort zahlreicher
römischer Altertümer.
Stein, armenischer, s. Lasurstein.
Steinau, 1) (S. an der Straße) Stadt im
preuß. Regierungsbezirk Kassel, Kreis Schlüchtern, an
der Kinzig und der Linie Frankfurt-Bebra-Göttingen der
Preußischen Staatsbahn, 169 m ü. M., hat 2 Kirchen, ein
Schloß, ein Amtsgericht, Zigarren-, Wagen- und
Steingutwarenfabrikation, eine Dampfmolkerei, eine Dampfziegelei,
Bierbrauerei und (1885) 2189 meist evang. Einwohner. -
2) Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk Breslau, an der
Oder und der Linie Breslau-Stettin der Preußischen
Staatsbahn, 97 m ü. M., hat eine evangelische und eine kath.
Kirche, ein Schullehrerseminar, 2 Krankenhäuser, ein
Amtsgericht, Fabrikation von Öfen, Thonwaren und Möbeln,
eine Maschinen- u. eine Schiffbauanstalt und (1885) 3636 meist
evang. Einwohner. S. erhielt 1215 deutsches Stadtrecht. Am 11. Okt.
1633 Sieg Wallensteins über die Schweden und Sachsen unter
Thurn, welcher sich mit 12,000 Mann ergeben mußte. Vgl.
Schubert, Geschichte der Stadt S. (Bresl. 1885).
Steinäxte, Steinmesser etc., s. Steinzeit.
Steinbach, Stadt im bad. Kreis Baden, an der Linie
Mannheim-Konstanz der Badischen Staatsbahn, 151 m ü. M., hat
eine kath. Kirche, eine Bezirksforstei, Essig- und
Mostrichfabrikation, bedeutenden Weinbau (Affenthaler) und (1885)
2055 meist kath. Einwohner. S. ist Geburtsort Erwins von S., dem
1844 auf einem nahen Hügel ein Denkmal errichtet ward.
Steinbach, s. Erwin von Steinbach.
Steinbach-Hallenberg, Flecken im preuß.
Regierungsbezirk Kassel, Kreis Schmalkalden, an der Schwarza und an
der Eisenbahn Zella-Schmalkalden, 438 m ü. M., hat eine
imposante Burgruine, ein Amtsgericht, eine Oberförsterei,
Fabrikation von Eisenkurzwaren, gedrechselten Holzwaren, mehrere
Eisenhämmer, Schneidemühlen, Braunsteingruben und (1885)
3116 evang. Einwohner.
Steinbearbeitung, s. Steine.
Steinbeere (Steinfrucht, Drupa), eine Art der
Schließfrüchte, von den Beeren dadurch unterschieden,
daß auf den saftigen Teil der Frucht nach innen eine
saftlose, meist harte Schicht (das Endokarp) folgt, welche in einer
einfachen oder mehrfächerigen Höhlung erst den
eigentlichen Samen einschließt und Steinkern oder Steinschale
(Putamen) genannt wird. Der Steinkern ist meist von holzartiger,
knochen- oder steinartiger Härte, wie beim Walnußbaum
und bei den Amygdalaceen, die deshalb auch Steinobstgehölze
heißen. Bei den Pomaceen ist dagegen der hier
mehrfächerige Steinkern mit wenigen Ausnahmen nur aus einer
dünnen, pergamentartigen Schicht gebildet. Das Fleisch der S.
ist entweder saftig, wie bei den meisten Amygdalaceen, oder
saftlos, wie bei der Mandel und Walnuß, oder trocken und
faserig, wie bei der Kokosnuß. Zusammengesetzte Steinbeeren
sind die Brombeeren und Himbeeren, indem hier die zahlreichen auf
dem Blütenboden sitzenden Steinfrüchtchen
zusammenhängen und als Ganzes sich ablösen.
Steinbeere, s. Paris und Vaccinium
Steinbeis, Ferdinand von, geb. 5. Mai 1807 zu
Ölbronn in Württemberg, erlernte seit 1821 zu
Wasseralfingen und Abtsgmünd den Berg- und Hüttenbetrieb,
studierte in Tübingen Mathematik und Naturwissenschaft und
trat 1827 in die Verwaltung des Staatseisenwerks Ludwigsthal ein.
1830 wurde er Betriebsdirektor der Hüttenwerke des
Fürsten zu Fürstenberg, folgte dann einem Ruf der
Gebrüder Stumm in Neunkirchen bei Saarbrücken zur
Betriebsleitung und zum Umbau ihrer Eisenwerke und führte den
in den Rheingegenden vergeblich versuchten Kokshochofenbetrieb mit
großen Vorteilen in der Materialersparnis und der
Qualität der Produkte ein. 1848 wurde er Mitglied der
neubegründeten Zentralstelle für Gewerbe und Handel in
Stuttgart, deren Präsidium ihm 1855 zufiel. Zu besonderm Ruf
gelangten das von ihm 1849 begonnene württembergische
Gewerbemuseum und der unter seiner Leitung entstandene, über
das ganze Land verbreitete Fortbildungsunterricht, welchem auch die
Frauenarbeitsschulen angehören. Nach dem im Gewerbemuseum
befolgten Plan, der 1851 durch die Ausstellung in London bekannter
wurde, legten die Engländer das Kensington-Museum (allerdings
mit viel bedeutendern Mitteln) an, welches wiederum das Vorbild
für derartige Museen in allen Industrieländern geworden
ist. 1848 wurde S. zu dem in Frankfurt a. M. thätigen
Ausschuß des Allgemeinen Deutschen Vereins zum Schutz der
vaterländischen Arbeit entsandt und unterstützte die
schutzzöllnerischen Bestrebungen desselben bis zur
Auflösung des Parlaments, während er seit 1862 mehr dem
Freihandel zuneigte. Von 185l an war S. als Kommissar und
Preisrichter auf fast allen Universalausstellungen thätig. In
dem seit 1849 von ihm redigierten "Gewerbeblatt" publizierte er
eine große Zahl technischer und volkswirtschaftlicher
Aufsätze. Außerdem schrieb er: "Die Elemente der
Gewerbebeförderung, nachgewiesen an der belgischen Industrie"
(Stuttg. 1853); "Entstehung und Entwickelung der gewerblichen
Fortbildungsschule in Württemberg" (das. 1872). Für seine
vielfachen Verdienste um die Industrie wurde S. der
persönliche Adel verliehen, und nach der Pariser
Industrieausstellung begründete eine große Anzahl
Industrieller eine S.-Stiftung zur Ausbildung u. Unterstützung
der gewerblichen Jugend. Seit 1880 lebt S. in Leipzig.
Steinbeißer, s. v. w. Kirschkernbeißer (s.
Kernbeißer) und Steinschmätzer.
Steinberge (Crannoges, Holzinseln), den schweizerischen
Pfahlbauten ähnliche, aus Erde und Steinen in Verbindung mit
Pfählen hergestellte vorgeschichtliche Konstruktionen in
Irland, besonders auf den durch die Gewässer des Shannon
gebildeten Inseln, die im Winter unter Wasser stehen. Lubbock ("Die
vorgeschichtliche Zeit", Jena 1874, Bd. 1, S. 174) gibt die
Abbildung eines Durchschnitts durch einen solchen Wasserbau.
Knochen von Haus- und Jagdtieren, Stein-, Knochen-, Bronze- und
Eisengeräte wurden auf den Steinbergen in großen Mengen
angetroffen. Die S. sind als Festungen und Zufluchtsorte der
kleinen irischen Häuptlinge noch im 16. Jahrh. bewohnt
gewesen. Vgl. Martin, The lake dwellings of Ireland (Dublin
1886).
263
Steinberger - Steinbrechmaschine.
Steinberger, Rheinweinsorte erster Güte, die am
Stein bei Hochheim (s. d.) erzeugt wird; s. Rheinweine.
Steinbock (Ibex Wagn.), Untergattung der Gattung Ziege
(Capra L.), durch die vorn abgeplatteten Hörner ohne Kiel mit
knotigen Querwülsten charakterisiert, umfaßt mehrere den
höchsten Gebirgen der Alten Welt angehörige Tiere,
über deren Artverschiedenheit nichts Sicheres bekannt ist. Man
kennt Steinböcke auf den europäischen Alpen, auf den
Pyrenäen (Bergbock) und andern spanischen Gebirgen, auf dem
Kaukasus, den Hochgebirgen Asiens, im Steinigen Arabien, in
Abessinien und auf dem Himalaja.
Der Alpensteinbock (Capra Ibex L.), 1,5-1,6 m lang, 80-85 cm
hoch, der Bock mit sehr starkem, 80-100 cm langem, bogen- oder
halbmondförmig schief nach rückwärts gebogenem
Gehörn, welches beim Weibchen bedeutend kleiner und mehr
hausziegenartig ist. Der Körper ist gedrungen und stark, der
Hals von mittlerer Länge, der Kopf
verhältnismäßig klein, aber an der Stirn stark
gewölbt; die Beine sind kräftig und von mittlerer
Höhe. Die Behaarung ist rauh und dicht, am Hinterkopf, Nacken
und Unterkiefer verlängert, im Sommer rötlichgrau, im
Winter fahl gelblichgrau. Längs der Mitte des Rückens
verläuft ein schwach abgesetzter, hellbrauner Streifen; Stirn,
Scheitel, Nase, Rücken und Kehle sind dunkelbraun; die Mitte
des Unterleibs ist weiß.