2) Heinrich Friedrich Karl, Freiherr vom und zum, berühmter

deutscher Staatsmann, geb. 26. Okt. 1757 zu Nassau an der Lahn aus

einem alten reichsfreiherrlichen Geschlecht, Sohn des

kurmainzischen Geheimrats Philipp von S., widmete sich von 1773 bis

1777 in Göttingen dem Studium der Rechte und der

Staatswirtschaft, arbeitete ein Jahr beim Reichskammergericht in

Wetzlar, unternahm eine Reise durch einen Teil von Europa, trat

dann, entgegen den Traditionen seines Hauses, in den

preußischen Staatsdienst und erhielt 1780 eine Anstellung als

Bergrat zu Wetter in der Grafschaft Mark. Schon 1782 ward er zum

Oberbergrat befördert, und im Februar 1784 erhielt er die

Oberleitung der westfälischen Bergämter. 1793 erfolgte

seine Ernennung zum Kammerdirektor in Hamm, 1795 zum

Präsidenten der märkischen Kriegs- und Domänenkammer

und 1796 zum Oberpräsidenten aller westfälischen Kammern,

in welcher Stellung er sich die größten Verdienste

namentlich um den Chausseebau und die Forsten sowie um Hebung der

Gewerbthätigkeit und Belebung des Handels erwarb. Im Oktober

1804 als Minister des Accise-, Zoll-, Salz-, Fabrik- und

Kommerzialwesens nach Berlin in das Generaldirektorium berufen,

bewirkte er die Aufhebung sämtlicher binnenländischer

Zölle im Innern von Preußen, errichtete das Statistische

Büreau und schuf als Erleichterungsmittel für den Handel

und Verkehr Papiergeld. Vergeblich waren freilich seine

Anstrengungen, den König zu einer kräftigen,

würdigen Politik zu bewegen. Als er im Januar 1807 seinen

Eintritt in das neue Ministerium von der Umgestaltung der obersten

Verwaltungsstellen und insbesondere von der Beseitigung der

Kabinettsregierung abhängig machte, erhielt er vom König

in ungnädigster Weise den Abschied. Nach dem Tilsiter Frieden

(Juli 1807) berief ihn derselbe jedoch wieder zu sich, um ihm als

erstem Minister das große Werk der Neugestaltung des Staats

zu übertragen. Steins Plan war: das Volk wieder für die

Teilnahme am Staat und seinen Zwecken zu beleben und an der Leitung

desselben zu beteiligen, die bisher unterdrückten Stände

von den aus dem Mittelalter überkommenen Lasten und Fesseln zu

befreien und ein allgemeines freies Staatsbürgertum zu

gründen. Die Weise, wie er diese Reform anstrebte, zeugt

ebenso von seinem echt deutschen Geist wie von tiefer

staatsmännischer Einsicht. Im September 1807 übernahm er

sein neues Amt, und 9. Okt. erschien bereits das Edikt, den

erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grundeigentums

sowie die persönlichen Verhältnisse des

Grundeigentümers betreffend. Ein andres Gesetz

überließ den Domanialbauern ihr Land zu

unumschränktem Grundeigentum. Seine Städteordnung vom 19.

Nov. 1808 bildet noch jetzt die Grundlage der

Rechtsverhältnisse der preußischen Städte. Damit

das so in seinen Verhältnissen und Rechten sittlich und

geistig gehobene Volk auch das Bewußtsein seiner Kraft und

Mut zur Abwerfung des Fremdenjochs gewinne, unternahm S. darauf mit

Scharnhorst die Herstellung einer volkstümlichen

Wehrverfassung. Aber kaum ein Jahr hatte S. als Minister gewaltet,

als er durch einen Machtbefehl Napoleons I., dem ein aufgefangener

Brief Steins an den Fürsten von Wittgenstein seine Hoffnung,

bald das französische Joch abzuschütteln, verraten hatte,

24. Nov. 1808 seinen Abschied zu nehmen und 16. Dez. förmlich

geächtet aus Preußen zu fliehen gezwungen wurde. Ehe er

sein Vaterland verließ, legte er die Grundsätze seiner

Staatsverwaltung in einem Sendschreiben an die oberste

Verwaltungsbehörde nieder, welches unter der Bezeichnung

"Steins politisches Testament" weltgeschichtliche Bedeutung

gewonnen hat. Von der westfälischen Regierung gerichtlich

verfolgt und seiner Güter beraubt, begab er sich nach

Österreich, wo er abwechselnd in Brünn, Troppau und

zuletzt dauernd in Prag lebte. Als zu befürchten stand,

daß seine Auslieferung gefordert werden möchte, folgte

er im Mai 1812 der Einladung des Kaisers Alexander I. nach

Petersburg. Auch von dort aus aber wußte er durch seinen

Einfluß auf den Kaiser sowie durch seine ausgedehnten

Korrespondenzen und die Bildung einer russisch-deutschen Legion die

spätere nationale Erhebung gegen Napoleon I. vorzubereiten.

Nach der Katastrophe von 1812 kehrte er mit dem Kaiser nach

Deutschland zurück und ward zum Vorsitzenden eines

russisch-preußischen Verwaltungsrats für die deutschen

Angelegenheiten ernannt, doch sah er sich in seiner Thätigkeit

in dieser Stellung vielfach beengt. Als nach dem Sieg bei Leipzig

21. Okt. 1813 eine Zentralkommission für die Verwaltung aller

durch die Truppen der Verbündeten besetzten Länder

angeordnet worden war, übernahm S. den Vorsitz in derselben

und erwarb sich trotz der ihm von den einzelnen Regierungen in den

Weg gelegten Hindernisse durch tüchtige Verwaltung im Innern

und Aufstellung zahlreicher Heerhaufen gegen den äußern

Feind hohe Verdienste um das Gesamtvaterland. Die Zentralverwaltung

folgte dem Heer der Verbündeten bis nach Paris. Von dort

kehrte S. im Juni 1814 nach Berlin zurück und begab sich im

September zum Kongreß nach Wien. Hier nahm er besonders an

den Verhandlungen über die deutsche Frage teil. Dann zog er

sich ins Privatleben zurück. Den Sommer brachte er meist auf

seinen Gütern in Nassau,

261

Stein - Steinach.

den Winter in Frankfurt a. M. zu, wo sich im Januar 1819 unter

seinem Vorsitz die Gesellschaft für Deutschlands ältere

Geschichte konstituierte. Ihr Werk ist die Herausgabe der

"Monumenta Germaniae historica" (s. d.), für welche S. selbst

viel sammelte. Mit der nassauischen Regierung in mancherlei

Mißhelligkeiten geraten, siedelte er später auf sein Gut

Kappenberg in Westfalen über. Nach der Einführung der

Provinzialstände in Preußen 1823 ward er für den

westfälischen Landtag zum Deputierten erwählt und vom

König zum Landtagsmarschall ernannt. Auch die Verhandlungen

der evangelischen Provinzialsynode Westfalens leitete er. 1827

ernannte ihn der König zum Mitglied des Staatsrats. S. starb

29. Juni 1831 in Kappenberg als der letzte seines Geschlechts, da

ihn von den Kindern, die ihm seine Gemahlin, Gräfin Wilhelmine

von Wallmoden-Gimborn, geboren, nur drei Töchter

überlebten. 1872 ward ihm auf der Burg Nassau (von Pfuhl),

1874 in Berlin (von Schievelbein und Hagen) ein Standbild

errichtet. Steins Denkschriften über deutsche Verfassungen

wurden von Pertz (Berl. 1848) herausgegeben, Steins Briefe an den

Freiherrn v. Gagern 1813-31 von diesem (Stuttg. 1833), sein

Tagebuch während des Wiener Kongresses von M. Lehmann (in

Sybels "Historischer Zeitschrift", Bd. 60). Vgl. Pertz, Das Leben

des Ministers Freiherrn vom S. (Berl. 1849-55, 6 Bde.); Derselbe,

Aus Steins Leben (das. 1856, 2 Bde.); Stern, S. und sein Zeitalter

(Leipz. 1855); Arndt, Meine Wanderungen und Wandelungen mit dem

Freiherrn vom S. (3. Aufl., Berl. 1869); M. Lehmann, S.,

Scharnhorst und Schön (Leipz. 1877); Seeley, Life and times of

S. (Cambr. 1878, 3 Bde.; deutsch, Gotha 1883-87, 3 Bde.) und die

kürzern Biographien von Reichenbach (Brem. 1880), Baur

(Karlsr. 1885).

3) Christian Gottfried Daniel, Geograph, geb. 14. Okt. 1771 zu

Leipzig, wo er studierte, wurde 1795 an das Gymnasium zum Grauen

Kloster in Berlin berufen, an welchem er bis zu seinem am 14. Juni

1830 erfolgten Tod wirkte. Von seinen zahlreichen Werken sind

besonders zu nennen sein mit Hörschelmann begründetes

"Handbuch der Geographie und Statistik" (Leipz. 1809, 3 Bde.;

neubearbeitet von Wappäus, Delitsch, Meinicke u. a., 7. Aufl.,

das. 1853-71, 4 Bde.); "Geographie für Schule und Haus" (27.

Aufl. von Wagner und Delitsch, das. 1877);

"Geographisch-statistisches Zeitungs-, Post- und Komptoirlexikon"

(2. Aufl., das. 1818-21, 4 Bde.; nebst zwei "Nachträgen", das.

1822-24); "Über den preußischen Staat nach seinem

Länder- und Volksbestand" (Berl. 1818); "Handbuch der

Geographie und Statistik des preußischen Staats" (das. 1819);

"Reisen nach den vorzüglichsten Hauptstädten von

Mitteleuropa" (Leipz. 1827-29, 7 Bde.). Sein "Neuer Atlas der

ganzen Erde" (Leipz. 1814) erlebte in der Bearbeitung durch

Ziegler, Lange u. a. eine 33. Auflage (28 Karten mit Tabellen etc.,

das. 1875).

4) Leopold, jüd. Theolog, geb. 5. Nov. 1810 zu Burgpreppach

(Bayern), bildete sich auf der Talmudschule in Fürth und den

Universitäten zu Erlangen und Würzburg, ward 1834

Rabbiner in Burgkundstadt, 1843 in Frankfurt a. M., wo er nach

Niederlegung des Rabbinats 1864-74 einer höhern

Töchterschule vorstand und 2. Dez. 1882 starb. Er war der

entschiedenste Vertreter der Reform des Judentums. Sein Hauptwerk

ist: "Die Schrift des Lebens. Inbegriff des gesamten Judentums in

Lehre, Gottesverehrung und Sittengesetz" (Mannh. 1868-77).

Außerdem gab er verschiedene Predigtsammlungen und

Zeitschriften ("Der israelitische Volkslehrer", 1851-60;

"Freitagabend", 1860, etc.), mehrere Dramen ("Die Hasmonäer",

Frankf. 1859; "Der Knabenraub von Carpentras", Berl. 1863, u. a.)

heraus. Sein "Gebetbuch" (Straßb. u. Mannh. 1880-82, 2 Bde.)

zeigt S. als formgewandten synagogalen Dichter.

5) Lorenz von, Staatsrechtslehrer und Nationalökonom, geb.

18. Nov. 1815 zu Eckernförde, studierte in Kiel und Jena

Philosophie und Rechtswissenschaft, habilitierte sich dann als

Privatdozent in Kiel und wurde 1846 Professor daselbst. Da er das

Recht der Herzogtümer gegen die dänische Regierung

verfocht und an der Schrift der neun Kieler Professoren über

diesen Gegenstand Anteil nahm, wurde er 1852 aus dem Staatsdienst

entlassen. Er folgte 1855 einem Ruf als Professor der

Staatswissenschaften an die Universität zu Wien, an welcher er

bis zu seiner 1885 erfolgten Pensionierung wirkte. Seine Schriften

sind sehr zahlreich; wir nennen: "Der Sozialismus und Kommunismus

des heutigen Frankreich" (Leipz. 1842, 2. Aufl. 1847); "Die

sozialistischen und kommunistischen Bewegungen seit der dritten

französischen Revolution" (Stuttg. 1818); "Geschichte der

sozialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis auf unsre Tage"

(Leipz. 1850, 3 Bde.); "Geschichte des französischen

Strafrechts" (Bas. 1847); "Französische Staats- und

Rechtsgeschichte" (das. 1846-48, 3 Bde.); "System der

Staatswissenschaft" (Bd. 1: Statistik etc., das. 1852; Bd. 2:

Gesellschaftslehre, das. 1857); "Die neue Gestaltung der Geld- und

Kreditverhältnisse in Österreich" (Wien 1855); "Lehrbuch

der Volkswirtschaft" (das. 1858; 3. Aufl. als "Lehrbuch der

Nationalökonomie", 3. Aufl. 1887); "Lehrbuch der

Finanzwissenschaft" (Leipz. 1860; 5. Aufl. 1885-86, 4 Bde.); "Die

Lehre vom Heerwesen" (Stuttg. 1872). Sein bedeutendstes Werk ist

die "Verwaltungslehre" (Stuttg. 1865-84, 8 Bde.), eine umfassende,

nicht zum Abschluß gelangte Behandlung desjenigen

Gegenstandes, den man sonst als Polizeiwissenschaft zu behandeln

pflegt. Eine kompendiöse Zusammenfassung der ganzen

Wissenschaft ist das "Handbuch der Verwaltungslehre" (Stuttg. 1870;

3. Aufl. 1889, 3 Bde.). Außerdem schrieb er: "Zur

Eisenbahnrechtsbildung" (Wien 1872); "Die Frau auf dem Gebiet der

Nationalökonomie" (Stuttg. 1875, 6. Aufl. 1886); "Gegenwart

und Zukunft der Rechts- und Staatswissenschaft Deutschlands" (das.

1876); "Der Wucher und sein Recht" (Wien 1880); "Die drei Fragen

des Grundbesitzes und seiner Zukunft" (Stuttg. 1881). Das

Eigentümliche der Werke Steins besteht darin, daß er die

Hegelsche Dialektik auf das Gebiet der Volkswirtschaft und der

Staatswissenschaft anwandte, um an der Hand derselben die

Systematik dieser Wissenschaften zu verbessern. Doch hat er

darüber die Hinwendung auf das Geschichtliche nicht

vernachlässigt.

Steinach, 1) Marktflecken im meining. Kreise Sonneberg,

im freundlichen Thal der Steinach, eines Nebenflusses der Rodach,

an der Sekundärbahn Sonneberg-Lauscha (Werrabahn), hat ein

Amtsgericht, Amtseinnahme, Forstei, ein Schloß, Verfertigung

von Kisten, Schachteln, Schiefertafeln, Griffeln, Spielwaren etc.,

Wetzstein- und Schieferbrüche, Eisensteingruben, eine

Glashütte, Schneide- und Märmelmühlen, Bierbrauerei

und (1885) 4743 Einw. Aufwärts im Thal das

Eisenhüttenwerk Obersteinach. Am Fellberg, 3 km von S., die

ersten und lange Zeit einzigen bedeutenden

Griffelschieferbrüche in Deutschland. -

2) Marktflecken in Tirol, Bezirkshauptmannschaft Innsbruck, im

Wippthal, an der Mündung des Gschnitzthals und an der

Brennerbahn gelegen,

262

Steinalter - Steinberge.

beliebte Sommerfrische, hat eine Pfarrkirche mit guten

Gemälden, ein Bezirksgericht und (1880) 643 Einw.

Steinalter, s. Steinzeit.

Steinamanger (ungar. Szombathely), Stadt im ungar.

Komitat Eisenburg, Knotenpunkt der Österreichischen Süd-

und Ungarischen Westbahn und Sitz des Komitats, eines

römisch-katholischen Bischofs und eines Gerichtshofs, mit

bischöflichem Palais und Park, Franziskaner- und

Dominikanerkloster, schöner zweitürmiger Domkirche,

hübschem Komitatshaus und (1881) 10,820 Einw. S. hat eine

große Eisenbahnwerkstätte, eine Gasfabrik, ein

Obergymnasium, ein Seminar, eine theologische

Diözesanlehranstalt, ein Theater und ein archäologisches

Museum. S., das an der Stelle des römischen Savaria (s. d.)

steht, ist von Rebenhügeln umgeben und Fundort zahlreicher

römischer Altertümer.

Stein, armenischer, s. Lasurstein.

Steinau, 1) (S. an der Straße) Stadt im

preuß. Regierungsbezirk Kassel, Kreis Schlüchtern, an

der Kinzig und der Linie Frankfurt-Bebra-Göttingen der

Preußischen Staatsbahn, 169 m ü. M., hat 2 Kirchen, ein

Schloß, ein Amtsgericht, Zigarren-, Wagen- und

Steingutwarenfabrikation, eine Dampfmolkerei, eine Dampfziegelei,

Bierbrauerei und (1885) 2189 meist evang. Einwohner. -

2) Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk Breslau, an der

Oder und der Linie Breslau-Stettin der Preußischen

Staatsbahn, 97 m ü. M., hat eine evangelische und eine kath.

Kirche, ein Schullehrerseminar, 2 Krankenhäuser, ein

Amtsgericht, Fabrikation von Öfen, Thonwaren und Möbeln,

eine Maschinen- u. eine Schiffbauanstalt und (1885) 3636 meist

evang. Einwohner. S. erhielt 1215 deutsches Stadtrecht. Am 11. Okt.

1633 Sieg Wallensteins über die Schweden und Sachsen unter

Thurn, welcher sich mit 12,000 Mann ergeben mußte. Vgl.

Schubert, Geschichte der Stadt S. (Bresl. 1885).

Steinäxte, Steinmesser etc., s. Steinzeit.

Steinbach, Stadt im bad. Kreis Baden, an der Linie

Mannheim-Konstanz der Badischen Staatsbahn, 151 m ü. M., hat

eine kath. Kirche, eine Bezirksforstei, Essig- und

Mostrichfabrikation, bedeutenden Weinbau (Affenthaler) und (1885)

2055 meist kath. Einwohner. S. ist Geburtsort Erwins von S., dem

1844 auf einem nahen Hügel ein Denkmal errichtet ward.

Steinbach, s. Erwin von Steinbach.

Steinbach-Hallenberg, Flecken im preuß.

Regierungsbezirk Kassel, Kreis Schmalkalden, an der Schwarza und an

der Eisenbahn Zella-Schmalkalden, 438 m ü. M., hat eine

imposante Burgruine, ein Amtsgericht, eine Oberförsterei,

Fabrikation von Eisenkurzwaren, gedrechselten Holzwaren, mehrere

Eisenhämmer, Schneidemühlen, Braunsteingruben und (1885)

3116 evang. Einwohner.

Steinbearbeitung, s. Steine.

Steinbeere (Steinfrucht, Drupa), eine Art der

Schließfrüchte, von den Beeren dadurch unterschieden,

daß auf den saftigen Teil der Frucht nach innen eine

saftlose, meist harte Schicht (das Endokarp) folgt, welche in einer

einfachen oder mehrfächerigen Höhlung erst den

eigentlichen Samen einschließt und Steinkern oder Steinschale

(Putamen) genannt wird. Der Steinkern ist meist von holzartiger,

knochen- oder steinartiger Härte, wie beim Walnußbaum

und bei den Amygdalaceen, die deshalb auch Steinobstgehölze

heißen. Bei den Pomaceen ist dagegen der hier

mehrfächerige Steinkern mit wenigen Ausnahmen nur aus einer

dünnen, pergamentartigen Schicht gebildet. Das Fleisch der S.

ist entweder saftig, wie bei den meisten Amygdalaceen, oder

saftlos, wie bei der Mandel und Walnuß, oder trocken und

faserig, wie bei der Kokosnuß. Zusammengesetzte Steinbeeren

sind die Brombeeren und Himbeeren, indem hier die zahlreichen auf

dem Blütenboden sitzenden Steinfrüchtchen

zusammenhängen und als Ganzes sich ablösen.

Steinbeere, s. Paris und Vaccinium

Steinbeis, Ferdinand von, geb. 5. Mai 1807 zu

Ölbronn in Württemberg, erlernte seit 1821 zu

Wasseralfingen und Abtsgmünd den Berg- und Hüttenbetrieb,

studierte in Tübingen Mathematik und Naturwissenschaft und

trat 1827 in die Verwaltung des Staatseisenwerks Ludwigsthal ein.

1830 wurde er Betriebsdirektor der Hüttenwerke des

Fürsten zu Fürstenberg, folgte dann einem Ruf der

Gebrüder Stumm in Neunkirchen bei Saarbrücken zur

Betriebsleitung und zum Umbau ihrer Eisenwerke und führte den

in den Rheingegenden vergeblich versuchten Kokshochofenbetrieb mit

großen Vorteilen in der Materialersparnis und der

Qualität der Produkte ein. 1848 wurde er Mitglied der

neubegründeten Zentralstelle für Gewerbe und Handel in

Stuttgart, deren Präsidium ihm 1855 zufiel. Zu besonderm Ruf

gelangten das von ihm 1849 begonnene württembergische

Gewerbemuseum und der unter seiner Leitung entstandene, über

das ganze Land verbreitete Fortbildungsunterricht, welchem auch die

Frauenarbeitsschulen angehören. Nach dem im Gewerbemuseum

befolgten Plan, der 1851 durch die Ausstellung in London bekannter

wurde, legten die Engländer das Kensington-Museum (allerdings

mit viel bedeutendern Mitteln) an, welches wiederum das Vorbild

für derartige Museen in allen Industrieländern geworden

ist. 1848 wurde S. zu dem in Frankfurt a. M. thätigen

Ausschuß des Allgemeinen Deutschen Vereins zum Schutz der

vaterländischen Arbeit entsandt und unterstützte die

schutzzöllnerischen Bestrebungen desselben bis zur

Auflösung des Parlaments, während er seit 1862 mehr dem

Freihandel zuneigte. Von 185l an war S. als Kommissar und

Preisrichter auf fast allen Universalausstellungen thätig. In

dem seit 1849 von ihm redigierten "Gewerbeblatt" publizierte er

eine große Zahl technischer und volkswirtschaftlicher

Aufsätze. Außerdem schrieb er: "Die Elemente der

Gewerbebeförderung, nachgewiesen an der belgischen Industrie"

(Stuttg. 1853); "Entstehung und Entwickelung der gewerblichen

Fortbildungsschule in Württemberg" (das. 1872). Für seine

vielfachen Verdienste um die Industrie wurde S. der

persönliche Adel verliehen, und nach der Pariser

Industrieausstellung begründete eine große Anzahl

Industrieller eine S.-Stiftung zur Ausbildung u. Unterstützung

der gewerblichen Jugend. Seit 1880 lebt S. in Leipzig.

Steinbeißer, s. v. w. Kirschkernbeißer (s.

Kernbeißer) und Steinschmätzer.

Steinberge (Crannoges, Holzinseln), den schweizerischen

Pfahlbauten ähnliche, aus Erde und Steinen in Verbindung mit

Pfählen hergestellte vorgeschichtliche Konstruktionen in

Irland, besonders auf den durch die Gewässer des Shannon

gebildeten Inseln, die im Winter unter Wasser stehen. Lubbock ("Die

vorgeschichtliche Zeit", Jena 1874, Bd. 1, S. 174) gibt die

Abbildung eines Durchschnitts durch einen solchen Wasserbau.

Knochen von Haus- und Jagdtieren, Stein-, Knochen-, Bronze- und

Eisengeräte wurden auf den Steinbergen in großen Mengen

angetroffen. Die S. sind als Festungen und Zufluchtsorte der

kleinen irischen Häuptlinge noch im 16. Jahrh. bewohnt

gewesen. Vgl. Martin, The lake dwellings of Ireland (Dublin

1886).

263

Steinberger - Steinbrechmaschine.

Steinberger, Rheinweinsorte erster Güte, die am

Stein bei Hochheim (s. d.) erzeugt wird; s. Rheinweine.

Steinbock (Ibex Wagn.), Untergattung der Gattung Ziege

(Capra L.), durch die vorn abgeplatteten Hörner ohne Kiel mit

knotigen Querwülsten charakterisiert, umfaßt mehrere den

höchsten Gebirgen der Alten Welt angehörige Tiere,

über deren Artverschiedenheit nichts Sicheres bekannt ist. Man

kennt Steinböcke auf den europäischen Alpen, auf den

Pyrenäen (Bergbock) und andern spanischen Gebirgen, auf dem

Kaukasus, den Hochgebirgen Asiens, im Steinigen Arabien, in

Abessinien und auf dem Himalaja.

Der Alpensteinbock (Capra Ibex L.), 1,5-1,6 m lang, 80-85 cm

hoch, der Bock mit sehr starkem, 80-100 cm langem, bogen- oder

halbmondförmig schief nach rückwärts gebogenem

Gehörn, welches beim Weibchen bedeutend kleiner und mehr

hausziegenartig ist. Der Körper ist gedrungen und stark, der

Hals von mittlerer Länge, der Kopf

verhältnismäßig klein, aber an der Stirn stark

gewölbt; die Beine sind kräftig und von mittlerer

Höhe. Die Behaarung ist rauh und dicht, am Hinterkopf, Nacken

und Unterkiefer verlängert, im Sommer rötlichgrau, im

Winter fahl gelblichgrau. Längs der Mitte des Rückens

verläuft ein schwach abgesetzter, hellbrauner Streifen; Stirn,

Scheitel, Nase, Rücken und Kehle sind dunkelbraun; die Mitte

des Unterleibs ist weiß.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 75 / 302 段