Wesermarsch, begreift im wesentlichen das heutige Amt Berne und ist
berühmt durch seine freiheitliebenden und tapfern Bewohner,
die Stedinger (Stettländer). In alten Zeiten umfaßte der
Stedinggau außer dem jetzigen S. die vormaligen vier
Marschvogteien Moorrieh, Oldenbrook, Strückhausen und
Hammelwarden, die Vogtei Wüstenlande (die Stedingerwüste
oder Wösting genannt), das jenseit der Weser gelegene
Osterstade und wahrscheinlich auch den damals schon vorhandenen
Teil des nachmaligen Vogteidistrikts Schwey. Das jetzige S. liegt
zwischen der Ochte, Weser und Hunte, wird von mehreren kleinen
Flüssen, der Berne, Hörspe und Ollen, durchströmt
und ist an zwei Seiten von der Geest umgeben. Der Boden, dessen
obere Lage von dem fetten Wasserschlamm gebildet worden, ist
fruchtbar und der Landstrich unter allen Marschdistrikten
Oldenburgs der gesündeste; wegen seiner niedrigen Lage bedarf
er aber der Eindeichung. - Als König Heinrich IV. 1062 das
linke Weserufer von der Mündung der Ochte bis zum
Butjadingerland dem Erzbischof von Bremen schenkte, siedelte dieser
Rüstringer und Holländer in dem durch Deiche dem
Fluß abgerungenen Gebiet an. Sie nannten sich Stedinger, d.h.
Uferbewohner. Ursprünglich zu Zehnten verpflichtet,
wußten sie sich bei der Schwäche mehrerer
Erzbischöfe allmählich jeder Zahlung zu entziehen und
wahrten ihre Grenzen ebenso energisch gegen die Grafen von
Oldenburg, deren Burgen Lichtenberg und Line sie 1187
zerstörten. Auch Erzbischof Hartwig II., dem der Papst schon
gestattete, einen Kreuzzug gegen die Stedinger zu predigen, konnte
sie nicht unterwerfen (1207). Einer seiner Nachfolger, Gerhard II.,
verklagte sie 1232 beim Papst Gregor IX. als Ketzer; die Folge
waren Bann und Interdikt und ein neuer Kreuzzug, für dessen
Zustandekommen besonders Konrad von Marburg thätig war. Kaiser
Friedrich lI. ließ sich außerdem zur
Achtserklärung herbei. Bald ward unter Anführung des
Herzogs Heinrich von Brabant, der Grafen von Holland, von der Mark,
von Kleve und von Oldenburg ein Heer von 40,000 Mann gesammelt,
welches teils zu Land, teils auf der Weser 1234 gegen die bei
Oldenesch (Altenesch) 11,000 Mann stark in Schlachtordnung
stehenden Stedinger anrückte. Letztere wurden 27. Mai nach
tapferm Widerstand in die Flucht geschlagen. Tausende kamen um, und
gegen die Gefangenen ward schrecklich gewütet und das Land
verwüstet. Die Sieger teilten sich darauf in dasselbe, der
größte Teil fiel dem Erzbischof von Bremen und den
Grafen von Oldenburg zu; doch überließen diese das
Erworbene meist den Besiegten oder neuen Kolonisten wieder zu
Meierrecht. Erzbischof Nikolaus von Bremen (1422-35) sicherte die
Stellung der Stedinger durch ein besonderes Landrecht. Auf dem
Schlachtfeld von Altenesch wurde an der Stelle einer verfallenen
Kapelle 27. Mai 1834 ein Denkmal ("Stedingsehre") errichtet. Vgl.
Schumacher, Die Stedinger (Brem. 1865).
Steeden (Steeten), Dorf im preuß. Regierungsbezirk
Wiesbaden, Oberlahnkreis, an der Lahn, hat eine Dolomithöhle
mit zahlreichen Knochen vorweltlicher Tiere, Kalkbrennerei und
(1885) 645 Einw.
Steele, Stadt im preuß. Regierungsbezirk
Düsseldorf, Landkreis Essen, an der Ruhr, Knotenpunkt der
Linien Ruhrort-Holzwickede, Vohwinkel-S., S.-Witten und Heissen-S.
der Preußischen Staatsbahn, 69 m ü. M., hat ein
Amtsgericht, wichtigen Steinkohlenbergbau und (1885) 8237 meist
kath. Einwohner.
Steele (spr. stihl), Sir Richard, engl. Schriftsteller,
geb. 1671 zu Dublin, studierte in Oxford (Genosse Addisons), trat
dann als gemeiner Soldat in die Armee (was seine Enterbung zur
Folge hatte) und versuchte sich nebenbei als Schriftsteller. Mitten
in einem extravaganten Leben überraschte er die Welt durch den
moralischen Traktat "The christian hero"; ihm folgten einige
ebenfalls moralische Lustspiele. Als Herausgeber der "Gazette", des
offiziellen Regierungsorgans, hatte er den Vorteil, wichtige
Nachrichten aus sicherster Quelle verbreiten zu können, sah
sich aber bei ihrer Beurteilung durch manche Rücksichten
gehemmt. Er gab daher seit 1709 eine eigne, dreimal
wöchentlich erscheinende Zeitschrift: "The Tatler", heraus, in
der er "eine belehrende und zum Denken anregende Unterhaltung"
versprach. Der Inhalt war sehr vielseitig, der Beifall allgemein.
Die bedeutendsten Schriftsteller boten ihre Hilfe an, Addison wurde
der hervorragendste Mitarbeiter. Bald vergrößerte sich
das Unternehmen: seit 1711 erschien täglich "The Spectator",
der in einem novellistischen Rahmen Unterhaltungen über
litterarische, ästhetische, selten politische Dinge,
Erzählungen, moralische Betrachtungen brachte. Im J. 1713
löste "The Guardian" den "Spectator" ab, lenkte aber zu tief
in das politische Fahrwasser, um dauernd Erfolg zu haben, zumal S.
im whiggistischen Sinn wirkte, was sogar 1714 seinen
Ausschluß aus dem Parlament herbeiführte. Als bald
darauf mit der Thronbesteigung Georgs I. die Whigs ans Ruder
traten, kam S. wieder zu Ehren und erhielt die Stelle eines
Oberstallmeisters zu Hamptoncourt. Er starb 1. Sept. 1729. Seine
Lustspiele erschienen 1761, seine Briefe 1787. Vgl. Montgomery,
Memoirs of Sir R. S. (Lond. 1865, 2 Bde.); Dobson, R. S. (das.
1886).
Steen, Jan, holländ. Maler, geboren um 1626 zu
Leiden, war Schüler N. Knupfers zu Utrecht und soll sich dann
in Haarlem bei A. van Ostade, vielleicht auch nach Dirk Hals,
gebildet haben. 1648 ließ er sich in die Malergilde zu Leiden
aufnehmen, und 1649 verheiratete er sich im Haag, wo er bis 1653
thätig war. Von 1654 bis 1658 wohnte er wieder in Leiden, dann
bis 1669 in Haarlem, und 1672 erhielt er in Leiden die Erlaubnis,
eine Schenke zu halten. Er wurde daselbst 3. Febr. 1679 begraben.
S. ist der geistreichste und humorvollste der holländischen
Genremaler, der auch eine scharfe gesellschaftliche Satire nicht
scheut. Er malte biblische Darstellungen in sittenbildlicher,
bisweilen humoristischer Auffassung (Hauptwerke: Simson unter den
Philistern, in Antwerpen; Verstoßung der Hagar und Hochzeit
zu Kana, in Dresden), zumeist aber Szenen aus dem mittlern und
niedern Bürgerstand, in welchen er die größte
Feinheit und Mannigfaltigkeit der Charakteristik mit derbem,
ausgelassenem, oft groteskem Humor zu verbinden weiß. Er
liebt es, seinen figurenreichen Darstellungen oft eine moralische
Tendenz unterzulegen oder durch sie ein Sprichwort oder eine
allgemeine Wahrheit zu versinnlichen. Am besten ist er im
Reichsmuseum zu Amsterdam vertreten, wo sich ein St. Niklasfest,
der berühmte Papageienkäfig, die kranke Dame mit dem
Arzt, eine Tanzstunde und eine Darstellung des Sprichworts "Wie die
Alten sungen, so zwitschern die Jungen" befinden. Von seinen
übrigen Werken sind die hervorragendsten: die Menagerie und
die Lebensalter (im Haag), die Unterzeichnung des Ehekontrakts
(Braunschweig), das Bohnenfest (Kassel), der Streit beim Spiel und
der Wirtshausgarten (Berlin) und die Hochzeit (St. Petersburg). In
der koloristischen Durchführung seiner Bilder ist S.
ungleich.
254
Steenbergen - Steffeck.
Doch übertrifft er in seinen besten und sorgfältigsten
Arbeiten alle Zeitgenossen an geistreicher, fein zusammengestimmter
Färbung und meisterhafter Behandlung des Helldunkels. Vgl. T.
van Westrheene, J. S. (Haag 1856). - Sein Sohn Dirk soll sich als
Bildhauer bekannt gemacht haben.
Steenbergen, Stadt in der niederländ. Provinz
Nordbrabant, Bezirk Breda hat eine katholische und eine reform.
Kirche, einen Hafen, starke Krapp-, auch Garancinfabrikation und
(1887) 6790 Einw. S. war früher Festung.
Steendysser, s. Gräber, prähistorische.
Steenkerke (Steenkerque), Dorf in der belg. Provinz
Hennegau, Arrondissement Soignies, an der Naasee (zur Senne), mit
860 Einw., historisch denkwürdig durch den Sieg der Franzosen
unter dem Marschall von Luxemburg über Wilhelm III. von
England 3. Aug. 1692.
Steenstrup, Johann Japetus Smith, Zoolog und
Prähistoriker, geb. 8. März 1813 zu Vang in Norwegen, war
bis 1845 Lektor für Mineralogie in Sorö, dann Professor
der Zoologie und Direktor des zoologischen Museums in Kopenhagen,
privatisiert seit 1885. Von Bedeutung für die Tierkunde im
allgemeinen sind seine Arbeiten über das Vorkommen des
Hermaphroditismus in der Natur (Kopenh. 1846) und über den
Generationswechsel (das. 1842). Außerdem arbeitete er
über die Cephalopoden, über niedere Schmarotzerkrebse
(mit Lütken, Kopenh. 1861) und über die Wanderung der
Augen bei den Flundern (das. 1864). Lange Jahre widmete er sich
auch der Untersuchung der Torfmoore und der
Kjökkenmöddinger Dänemarks, bei denen er nicht nur
die damalige Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch die Erzeugnisse
früherer Kultur berücksichtigte. - Sein Sohn Johannes,
geb. 5. Dez. 1844 in Sorö, seit 1877 Professor der nordischen
Altertumskunde in Kopenhagen, machte sich als Historiker bekannt
durch "Studien über Waldemars Erdebuch "(1873) und ein
größeres Werk über die Normannen (1876-86, 4
Bde.).
Steenwijck (spr. -weik). 1) Hendrik der ältere,
niederländ. Maler, geboren um 1550 zu Steenwijk im Kreis
Overyssel, kam früh nach Antwerpen, wo er Schüler von
Hans Fredeman de Vries wurde und 1577 in die Lukasgilde eintrat. Er
siedelte aber bald nach Frankfurt a. M. über, wo er um 1603
starb. S. war Architekturmaler und hat vorzugsweise das Innere
gotischer Kirchen und großer Säle in genauer, strenger
Zeichnung, aber mit harter Farbe dargestellt. Bilder von ihm
befinden sich in den Galerien von Wien, Petersburg, Stockholm,
Kassel u. a. D.
2) Hendrik der jüngere, Sohn des vorigen, ebenfalls
Architekturmaler, geboren um 1580 zu Frankfurt a. M., war
später in Antwerpen und London thätig und starb nach
1649. Er hat Kircheninterieurs, große Hallen und
Palasträume mit Staffage, aber auch die architektonischen
Hintergründe zu Bildnissen andrer Künstler gemalt. Seine
Bilder sind häufig (z. B. in Berlin, in der kaiserlichen
Galerie zu Wien, im Louvre zu Paris, in der Eremitage zu St.
Petersburg und in den Galerien zu Dresden und Kassel). Seine
malerische Behandlung ist freier und breiter als die des
Vaters.
Steenwijk (spr. -weik), Stadt in der niederländ.
Provinz Overyssel, Bezirk Zwolle, an der Steenwijker Aa und der
Bahnlinie Zwolle-Leeuwarden, Sitz eines Kantonalgerichts, mit
mehreren Kirchen, Ackerbau, lebhafter Industrie und Handel und
(1887) 5065 Einw. S. war früher Festung und ist namentlich
bekannt durch die Belagerung von 1580 und die Einnahme durch die
Spanier 1582. Nordwestlich davon der Flecken Steenwijkerwold, mit
Ackerbau, Viehzucht, Torfstich, starker Besenbinderei und (1887)
6045 Einw.
Steeple-chase (engl., spr. stihpl tsches',
"Kirchturmrennen"), ein Wettrennen, bei welchem man früher
einen Kirchturm oder einen ähnlichen hervorragenden Gegenstand
zum Ziel setzte und dann querfeldein über Hecken und
Zäune, durch Bäche und Flüsse hindurch auf denselben
zujagte. Gegenwärtig versteht man in Deutschland unter S. ein
Rennen mit Hindernissen, bei welchem die Reiter auf einer mit
Flaggen abgesteckten Bahn in unebenem Terrain verschiedene feste,
natürliche oder künstlich angelegte Hindernisse "nehmen"
müssen, um das Ziel zu erreichen.
Stefan, Joseph, Physiker, geb. 24. März 1835 zu St.
Peter bei Klagenfurt in Kärnten, studierte seit 1853 zu Wien,
habilitierte sich 1858 daselbst für mathematische Physik,
wurde 1863 Professor der Physik an der Universität und 1866
Direktor des physikalischen Instituts. 1875-85 war er Sekretär
der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Akademie der
Wissenschaften in Wien, 1883 Präsident der internationalen
wissenschaftlichen Kommission der elektrischen Ausstellung und 1885
Präsident der internationalen Stimmtonkonferenz. Er arbeitete
über die Fortpflanzung des Schalles, über Polarisation,
Interferenz und Doppelbrechung des Lichts, über Diffusion und
Wärmeleitung der Gase, über die Abhängigkeit der
Wärmestrahlung von der Temperatur, über die
elektrodynamischen Erscheinungen und die Induktion.
Steffani, Agostino, Abbate, ital. Komponist, geb. 1655 zu
Castelfranco in Venetien, erhielt seine musikalische Ausbildung in
Venedig und München (bei Ercole Bernabei), wurde 1675 in
letzterer Stadt Organist, um 1681 Direktor der kurfürstlichen
Kammermusik und erhielt 1688 infolge seiner Oper "Servio Tullio"
die Kapellmeisterstelle am Hof zu Hannover, wo er die Musik zu
hoher Blüte brachte. Seine italienischen Opern, welche dort im
Garten zu Herrenhausen mit großem Glanz zur Aufführung
kamen, wurden auch ins Deutsche übersetzt und in den Jahren
1690-1700 auf dem Operntheater zu Hamburg gegeben. Bedeutender aber
als diese und seine kunstvollen Kirchenwerke sind seine zahlreichen
Kammerduette zu italienischen Texten, welche die größte
Kunst des Tonsatzes mit einer gesangreichen und ausdrucksvollen
Melodie vereinigen und als Muster ihrer Gattung gelten. Später
nahm mehr und mehr die Diplomatie sein Interesse in Anspruch.
Nachdem er seine Kapellmeisterstelle 1710 an Händel, mit dem
er befreundet war, abgetreten, wurde er vom Kurfürsten von der
Pfalz zum Geheimrat, vom Papst zum Protonotar und Bischof von Spiza
(in partibus) ernannt und widmete sich öffentlich nur noch
staatswissenschaftlichen und geistlichen Geschäften, die ihn
1729 auch noch einmal nach Italien führten. Er starb auf der
Reise 1730 in Frankfurt a. M. Von seinen wenigen im Druck
erschienenen Kompositionen nennen wir: "Psalmodia vespertina"
(für 8 Stimmen, 1674); "Sonate da camera a due violini, alto e
continuo" (1679); "Duetti da camera a soprano e contralto" (1683)
und "Janus quadrifons" (Motetten mit Basso continuo für 3
Stimmen, von denen jede beliebige weggelassen werden kann.
Steffeck, Karl, Maler, geb. 4. April 1818 zu Berlin, kam
1837 in das Atelier von Franz Krüger, später in das von
Karl Begas und ging 1839 nach Paris, wo er eine Zeitlang im Atelier
von Delaroche arbeitete, besonders aber nach Horace Vernet
studierte.
255
Steffenhagen - Steg
Von 1840 bis 1842 hielt er sich in Italien auf und malte nach
seiner Rückkehr meist Jagd- und Tierstücke, schwang sich
aber auch zu einem großen Geschichtsbild: Albrecht Achilles
im Kampf mit den Nürnbergern um eine Standarte, auf (1848, in
der Berliner Nationalgalerie), welches sowohl durch den Glanz des
Kolorits als durch die meisterhafte Darstellung der Pferde
ausgezeichnet war. In der Darstellung von Pferden in ruhiger
Stellung oder dramatischer Bewegung, aber auch andrer Tiere bewegte
sich fortan seine Hauptthätigkeit. Insbesondere bildete er das
Sportsbild und das Pferdeporträt zu großer
Virtuosität aus. Seine Hauptbilder dieser Gattung sind:
Pferdeschwemme, zwei Wachtelhunde um einen Sonnenschirm streitend
(1850, in der Berliner Nationalgalerie), der lauernde Fuchs,
Arbeitspferde (1860), Halali (1862), Pferdekoppel (1870),
Wochenvisite (1872), Wettrennen (1874), Zigeunerknabe durch einen
Wald reitend, die Stute mit dem toten Füllen. Daneben hat S.
auch zahlreiche Porträte, insbesondere Reiterbildnisse (Kaiser
Wilhelm I., Kronprinz Friedrich Wilhelm und v. Manteussel), und
einige Geschichtsbilder (König Wilhelm auf dem Schlachtfeld
von Königgrätz, im königlichen Schloß zu
Berlin; Übergabe des Briefs Napoleons III. an König
Wilhelm bei Sedan, im Zeughaus zu Berlin) gemalt. Seit dem Anfang
der 50er Jahre entfaltete S. eine umfangreiche Lehrthätigkeit.
1880 wurde er als Direktor der Kunstakademie nach Königsberg
berufen. Er hat auch lithographiert und radiert.
Steffenhagen, Emil Julius Hugo, Rechts- und
Literarhistoriker, geb. 23. Aug. 1838 zu Goldap in
Ostpreußen, studierte zu Königsberg die Rechte, wandte
sich aber bald vorzugsweise litterarwissenschaftlichen Studien zu
und habilitierte sich 1865 in der juristischen Fakultät als
Privatdozent. 1867 ging er nach Athen, um die dortige
Nationalbibliothek im Auftrag der Athener Universität neu zu
ordnen, folgte 1870 einem Ruf als Stadtbibliothekar nach Danzig,
erhielt 1871 eine Kustodenstelle an der Königsberger
Bibliothek, wurde 1872 als Bibliotheksekretär nach
Göttingen versetzt und übernahm 1875 die Leitung der
Universitätsbibliothek in Kiel. 1884 wurde er zum
Oberbibliothekar ernannt. Schon als Student veröffentlichte er
aus Königsberger Handschriften "Beiträge zu v. Savignys
Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter" (Königsb.
1859, 2. Ausg. 1861) und den von ihm entdeckten Originaltext von
Johannes Faxiolus "De summaria cognitione" im "Jahrbuch des
gemeinen deutschen Rechts" (Bd. 3, 1859), welchen Arbeiten er 1861
den Katalog der juristischen, 1867 und 1872 den der historischen
sowie in Haupts "Zeitschrift für deutsches Altertum" (Bd. 13,
1867) die Beschreibung der altdeutschen Handschriften der
Königsberger Bibliotheken folgen ließ. Außer
Aufsätzen in verschiedenen Zeitschriften schrieb er noch: "De
inedito juris germanici monumento" (Königsb. 1863); "Die neun
Bücher Magdeburger Rechts" (das. 1865); "Deutsche
Rechtsquellen in Preußen" (Leipz. 1875). 1877 übertrug
ihm die Wiener Akademie der Wissenschaften die kritische
Bearbeitung der Sachsenspiegelglosse. Als Vorarbeit dazu erschien
von ihm in den Sitzungsberichten der Akademie "Die Entwickelung der
Landrechtsglosse des Sachsenspiegels" (Wien 1881-87, 9 Hefte). An
bibliothekwissenschaftlichen Schriften gab er heraus: "Die neue
Aufstellung der Universitätsbibliothek zu Kiel" (Kiel 1883);
"Die Klosterbibliothek zu Bordesholm und die Gottorfer Bibliothek"
(mit A. Wetzel, das. 1884); "Über Normalhöhen für
Büchergeschosse" (das. 1885); "Verzeichnis der laufenden
periodischen Schriften der Universitätsbibliothek Kiel" (das.
1887); "Die Ordnungsprinzipien der Universitätsbibliothek
Kiel" (Burg 1888).
Steffens, Henrich, Philosoph, Naturforscher und Dichter,
geb. 2. Mai 1773 zu Stavanger in Norwegen, widmete sich seit 1790
zu Kopenhagen naturwissenschaftlichen Studien, bereiste dann
Norwegen, eröffnete 1796 zu Kiel naturwissenschaftliche
Vorlesungen, wandte sich aber schon im folgenden Jahr nach Jena, wo
er ein Anhänger von Schillings Naturphilosophie wurde. 1800
ging er nach Freiberg, wo er Werners Gunst gewann und
"Geognostische geologische Aufsätze" (Hamb. 1810)
ausarbeitete, die er später in seinem "Handbuch der
Oryktognosie" (Berl. 1811-24, 4 Bde.) weiter ausführte. Nach
seiner Rückkehr nach Dänemark 1802 hielt er Vorlesungen
an der Kopenhagener Universität, ging aber 1804 als Professor
nach Halle, wo er die "Grundzüge der philosophischen
Naturwissenschaft" (Berl. 1806) herausgab, und 1811 nach Breslau.
1813 trat er in die Reihen der Freiwilligen ein und machte die
Freiheitskriege bis zur ersten Einnahme von Paris mit. Nach dem
Frieden kehrte er zu seinem akademischen Lehrerberuf nach Breslau
zurück, folgte 1831 einem Ruf an die Universität zu
Berlin und starb hier 13. Febr. 1845. S. war einer der
Hauptvertreter der spekulativen Richtung der Naturforschung,
beteiligte sich aber auch lebhaft an andern Fragen der Zeit, wie er
z. B. in Breslau in der sogen. "Turnfehde" mit seinen "Karikaturen"
(s. unten) und dem "Turnziel" (Bresl. 1818) entschieden gegen die
Turnsache Partei nahm und später eifrig die Sache der
Altlutheraner verfocht (vgl. seine Schrift "Wie ich wieder
Lutheraner wurde", das. 1831). Von seinen naturwissenschaftlichen
Arbeiten ist noch die "Anthropologie" (Bresl. 1824, 2 Bde.)
hervorzuheben, Zeitfragen hat er in religiös und politisch
mehr als konservativem Geist unter anderm in den Schriften:
"Karikaturen des Heiligsten" (Leipz. 1819-21, 2 Bde.), "Von der
falschen Theologie und dem wahren Glauben" (Bresl. 1824, neue Aufl.
1831) behandelt, neben welchen die "Christliche
Religionsphilosophie" (das. 1839, 2 Bde.) zu erwähnen ist. Von
seinen dichterischen Arbeiten (gesammelt als "Novellen", Bresl.
1837-38, 16 Bde.) sind besonders "Die Familien Walseth und Leith"
(1827, 5 Bde.), "Die vier Norweger" (1828, 6 Bde.) und "Malkolm"
(1831, 2 Bde.), Werke, die sich namentlich durch meisterhafte
Naturschilderungen aus seiner nordischen Heimat auszeichnen,
hervorzuheben. Eine Selbstbiographie schrieb er unter dem Titel:
"Was ich erlebte" (Bresl. 1840-45, 10 Bde.). Nach seinem Tod
erschienen "Nachgelassene Schriften" (Berl. 1846). Vgl. Tietzen,
Zur Erinnerung an S. (Leipz. 1871); Petersen, Henrik S. (deutsch
von Michelsen, Gotha 1884).
Steg, bei den Streichinstrumenten das zierlich
ausgeschnittene, aus festerm Holz gefertigte Holztäfelchen,
das zwischen den beiden Schalllöchern auf der Oberplatte
aufgestellt ist, und über das die Saiten gespannt sind. Der S.
steht mit seinen beiden Füßen fest auf der Oberplatte
auf; genau unter dem einen Fuß ist zwischen Ober- und
Unterplatte der Stimmstock (die Seele) eingeschoben, welcher ein
Nachgeben der Oberplatte verhindert und dem S. eine einseitige
feste Stütze gibt, die dem andern Fuß, sobald eine Saite
schwingt, eine kräftige stoßweise Übertragung der
Schwingungen auf die Oberplatte ermöglicht. Beim Klavier
heißt S. die parallel mit dem Anhängestock laufende
lange Leiste, die auf dem Re-
256
Steganographie - Steiermark.
sonanzboden aufliegt, und über welche die Saiten gespannt
sind. - An der ionischen Säule heißt S. der schmale
Streifen zwischen den Kannelüren.
Steganographie (griech.), Geheimschrift.
Steganopodes, s. v. w. Ruderfüßer, s.
Schwimmvögel.
Stege, Hauptstadt der dän. Insel Möen (s.
d.).
Steglitz, Dors im preuß. Regierungsbezirk Potsdam,
Kreis Teltow, an der Linie Berlin-Magdeburg der Preußischen
Staatsbahn und an der Dampfstraßenbahn S.-Schöneberg,
hat eine schöne gotische evang. Kirche, ein Progymnasium, eine
Blindenanstalt, ein Feierabendhaus für Lehrerinnen, ein
Denkmal des Prinzen Friedrich Karl (auf der Maihöhe),
bedeutende Gärtnerei, Seidenraupenzucht, Musterlandwirtschaft
und (1885) 8501 meist evang. Einwohner.
Stegreif, s. v. w. Steigbügel; Stegreifritter,
Raubritter. Aus dem S., eigentlich: ohne abzusteigen, dann s. v. w.
ohne Vorbereitung; daher Stegreifdichtung, s. v. w. Improvisation
(s. d.).
Stegreifkomödie, s. Commedia dell' arte.
Stehbolzen, Bolzen, gegen deren Ansätze
plattenförmige Körper gepreßt werden können,
so daß letztere durch die Bolzen in bestimmter Entfernung
voneinander festgehalten werden.
Stehendes Gut, s. Takelung.
Stehkolben (Kochflaschen), s. Kolben.
Stehlsucht (Kleptomanie), s. Geisteskrankheiten, S.
35.
Steichele, Anton, Erzbischof von München-Freising,
geb. 22. Jan. 1816 zu Wertingen in Schwaben, studierte in
München katholische Theologie, ward 1838 Kaplan, 1841 Domvikar
in Augsburg, 1844 geistlicher Rat u. Sekretär des Bischofs von
Augsburg, Peter v. Richarz, 1847 Domkapitular und 1873 Dompropst.
In fast klösterlicher Zurückgezogenheit lebend, widmete
sich S. ganz der Wissenschaft, namentlich der Kirchengeschichte;
für seine Verdienste um diese verlieh ihm die theologische
Fakultät in München 1870 die Doktorwürde. Seine
hauptsächlichsten Werke sind: "Friedrich, Graf von Zollern,
Bischof von Augsburg, und Johann Geiler von Kaisersberg. Mit
Briefen" (Augsb.1854); "Bischof Peter v. Richarz" (das. 1856); "Das
Bistum Augsburg, historisch und statistisch beschrieben" (das.
1861-87, Bd. 1-5). Durch seine Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und
Milde für eine hohe kirchliche Würde besonders geeignet,
ward er 1878 vom König nach dem Tod Scherrs zum Erzbischof von
München-Freising ernannt.
Steier, Stadt, s. Steyr.
Steierdorf (ungar. Steierlak), Markt im ungar. Komitat
Krasso Szöreny, an der Flügelbahn Jassenova-S., mit
berühmtem Kohlen- und Eisensteinbergbau der
Österreich.-Ungarischen Staatsbahn und (1881) 9239 deutschen
Einwohnern. In der Nähe das Eisenwerk Anina und der
Bergwerksort Oravicza (s. d.).