Eine richtige Ermittelung der Wirkung jener durchschlagenden

Ursachen und damit dieser selbst ist ohne mathematische Behandlung

nicht möglich und darum die mathematische S. unentbehrlich.

Letztere ist insbesondere in der neuern Zeit in ihrer Anwendung auf

Versicherungs- und Bevölkerungswesen durch Wittstein, Zeuner,

Knapp, Lexis gefördert worden. Je nach den Gebieten, welche

einer statistischen Betrachtung unterworfen werden, unterscheidet

man Ackerbau-, Forst-, Gewerbe-, Handels-, Post-, Eisenbahn-,

Medizinal-, Kriminal-, Moral-, Bevölkerungsstatistik etc. Im

engern Sinn wird heute auch oft die S. als eine auf die

gesellschaftlichen Erscheinungen (Volk und Staat) beschränkte

Disziplin aufgefaßt (vgl. Demographie), während die

Methode der S. in allen Gebieten, auch in denen der

Naturwissenschaften (Meteorologie), anwendbar sei. Die Sammlung des

statistischen Materials ist nun Einzelnen selten in

243

Statistik des Warenverkehrs - Statistische

Darstellungsmethoden.

genügendem Umfang möglich (Privatstatistik), sie

bildet vorzüglich eine Aufgabe von Staat und Gemeinden und in

zweiter Linie als Ergänzung von Vereinen. Infolgedessen ist

denn die S. vorwiegend amtliche S. Die erste Organisation derselben

erfolgte 1756 in Schweden, wo eine "Tabellenkommission"

jährlich Nachweisungen über die Bewegung der

Bevölkerung lieferte. Ferner wurden eigne mit der Ansammlung,

Ordnung und Veröffentlichung des statistischen Materials

betraute Stellen (statistische Büreaus) errichtet in:

Frankreich (1796 vorübergehend, dann 1800), Bayern (1801,

Hermann, Mayr), Italien (1803, Bodio), Preußen (1805 von

Stein gegründet, Krug, I. G. Hoffmann, Dieterici, Engel,

Blenck), Österreich (1810, Czörnig, Ficker), Belgien

(1831), Griechenland (1834), Hannover, Holland (1848), Sachsen

(1849, von Engel gegründet, Petermann, Böhmert),

Kurhessen, Mecklenburg (1851), Braunschweig (1853), Oldenburg

(1855), Rumänien (1859), in der Schweiz (1860), im

Großherzogtum Hessen (1861), in Serbien (1862), den

vereinigten thüringischen Landen (in Jena, 1864, jetzt Weimar)

etc. Das 1872 ins Leben gerufene "Statistische Amt des Deutschen

Reichs" verarbeitet die Erhebungen der einzelnen Landesbüreaus

und der Reichs- und Zollvereinsbehörden. Meist sind die

Büreaus Zentralstellen, welchen in mehreren Ländern

für Beratungen über die Art der auszuführenden

Arbeiten noch eigne aus Mitgliedern verschiedener

Verwaltungszweige, Volksvertretern und Theoretikern bestehende

statistische Zentralkommissionen beigegeben sind. Seit neuerer Zeit

haben auch die meisten Großstädte eigne statistische

Büreaus errichtet. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts

wurden die Arbeiten der statistischen Büreaus ziemlich geheim

gehalten; seitdem hat man überall mit regelmäßigen

amtlichen statistischen Veröffentlichungen in Form von

Zeitschriften, Jahrbüchern etc. begonnen, neben welchen als

private Unternehmungen das "Journal of the Statistical Society"

(London) und das "Journal de la Société de

statistique" (Paris) zu nennen sind. Eine internationale S. ist

schwer durchführbar, insbesondere deswegen, weil die Begriffe,

welche den Gegenstand statistischer Ermittelung bilden, nicht

überall die gleichen sind. Volle Gleichheit läßt

sich auf vielen Gebieten wegen der Verschiedenartigkeit in den

Verwaltungseinrichtungen, Volksleben, Gebräuchen etc. nicht

erzielen. Die besonders auf Quételets Anregung geschaffenen

internationalen statistischen Kongresse, welche stattgefunden haben

in Brüssel (1853), Paris (1855), Wien (1857), London (1860),

Berlin (1863), Florenz (1867), Haag (1869), St. Petersburg (1872),

Pest (1876), hatten es sich zur Aufgabe gemacht, Einheit in die

amtlichen Statistiken der verschiedenen Staaten zu bringen und

gleichförmige Grundlagen für die statistischen Arbeiten

zu erlangen. 1885 wurde in London ein "internationanales Institut

der S." mit dem Sitz in Rom gegründet, welches das "Bulletin

de l' Institut international de statistique" herausgibt. Weiteres

s. in den Artikeln: Bevölkerung, Gewerbe-, Handels-,

Kriminal-, Moralstatistik und Statistische

Darstellungsmethoden.

Vgl. Fallati, Einleitung in die Wissenschaft der S.

(Tübing. 1843); A. Quételet, Sur l' homme (Par. 1835;

deutsch, Stuttg. 1838); Derselbe, Physique sociale (Brüssel

1869, 2 Bde.); Knies, Die S. als selbständige Wissenschaft

(Kassel 1850); Jonak, Theorie der S. (Wien 1856); Rümelin,

Reden und Aufsätze (Tübing. 1875); Ad. Wagner (in

Bluntschlis "Staatswörterbuch"); M. Haushofer, Lehr- und

Handbuch der S. (2. Aufl., Wien 1882); Block Traité

théorique et pratique de statistique (Par. 1878; deutsch von

v. Scheel, Leipz. 1879); Wappäus, Einleitung in das Studium

der S. (das. 1881); Meitzen Geschichte, Theorie und Technik der S.

(Berl. 1886); Gabaglio, Teoria generale della statistica (2. Aufl.,

Mail. 1888); John, Geschichte der S. (Stuttg. 1884 ff.); R.

Böckh, Die geschichtliche Entwickelung der amtlichen S. des

preußischen Staats (Berl. 1863); Puslowski, Das

königlich preußische Statistische Büreau (das.

1872); Klinckmüller, Die amtliche S. Preußens im vorigen

Jahrhundert (Jena 1880); Mayr, Die Organisation der amtlichen S.

(Münch. 1876). Als Sammlungen wichtiger statistischer

Thatsachen sind zu erwähnen: der "Gothaische Genealogische

Hofkalender" und O. Hübners "Statistische Tafel" (Frankf. a.

M., jährlich erscheinend); Kolb, Handbuch der vergleichenden

S. (8. Aufl., Leipz. 1879); Brachelli, Die Staaten Europas (4.

Aufl., Brünn 1884).

Statistik des Warenverkehrs, s. v. w. Handelsstatistik

(s. d.).

Statistische Darstellungsmethoden. Statistische Thatsachen

können zunächst durch einfache Beschreibung oder

Schilderung vorgeführt werden. Doch gestattet der Wortausdruck

(groß, steigend, abnehmend, kleiner etc.) keine

übersichtliche Darstellung, sobald eine große Menge

nebeneinander gelagerter oder gereihter Thatsachen in Betracht

kommen. In diesem Fall bietet die ohnedies unvermeidliche Zahl eine

Hilfe, welche, in Tabellenform angeordnet, über

Größen und deren Änderungen Auskunft gibt. Doch

gestattet die Tabelle, zumal wenn eine Masse mehrstelliger Zahlen

vorgeführt wird, keine rasche Orientierung und Vergleichung.

Dieser Zweck soll durch die graphische Darstellung erfüllt

werden, welche zur einfachen Veranschaulichung dient, die

Aufsuchung von Gleichmäßigkeiten,

Gesetzmäßigkeiten und Gegensätzen sowie die

Beurteilung wechselseitiger Zusammenhänge erleichtert, aber an

und für sich nicht als ein besonderes Beweismittel zu

betrachten ist. Die graphische Darstellung gibt Größen

in der linearen oder der Flächenausdehnung oder räumlich

in Körpern für verschiedene Begriffe an. Letztere werden

unterscheidbar gemacht durch verschiedenartige Punktierung,

Anwendung der Schraffur, der Farbe oder andrer Zeichen. Man

unterscheidet das Diagramm und das Kartogramm. Das Diagramm gibt

die Größen einfach als solche wieder. Ist für

dieselben eine feste Reihenfolge gegeben (z. B. nach der Zeit), so

können sie in einem Koordinatensystem in der Art zur

Darstellung kommen, daß je auf den Abschnitten der

Abscissenachse die zugehörigen Größen aufgetragen

werden. Hierfür können aneinander gereihte Flächen

für jede Einheit gewählt werden, wenn die Änderungen

der Größen keine stetigen sind. Statt dessen trägt

man aber auch wohl Linien auf die betreffenden Punkte der Abscissen

auf und verbindet deren Endpunkte miteinander durch eine besondere

Linie, welche eine Leitung für das Auge bilden soll. Alsdann

kann auch die Ordinatenlinie selbst gespart werden. Die

Leitungslinie wird zur regelmäßig verlaufenden Kurve,

sobald die Änderungen stetige sind. Auf einem und demselben

Blatt können mehrere derartige Kurven aufgetragen werden,

voneinander durch Farbe, Punkte, Striche, Kreuze etc.

unterschieden, was eine Vergleichung verschiedener Reihen

erleichtert. Das einfache Flächendiagramm gibt eine

statistische Größe in einer Fläche (Rechteck,

Dreieck) wieder, indem Unterabteilungen (z. B. männliches

16*

244

Statistische Gebühr - Statuten.

weibliches Geschlecht, Altersklassen) in der oben erwähnten

Weise kenntlich gemacht werden. Auch der Körper (Würfel,

Pyramide, Raumkoordinaten mit krummer Oberfläche) kann

statistische Größen zur Anschauung bringen. Das

Kartogramm dient dazu, die örtliche Lagerung statistischer

Thatsachen (auf der Landkarte) anzugeben. Hierfür kann nun,

wie dies schon von jeher üblich, Punkt, Schraffur und Farbe,

dann die Fläche benutzt werden (z. B. für die Städte

auf der Landkarte), welch letztere bei der Darstellung des

längs einer Linie (Fluß, Eisenbahn) sich bewegenden

Verkehrs dem Auge als Bänder erscheinen.

Statistische Gebühr nennt man in Deutschland eine auch

in England, Italien und Frankreich erhobene Gebühr, welche

von über die Grenze des Zollgebiets ein-, aus- oder

durchgeführten Waren im Interesse und zur Deckung der Kosten

der für Zollgesetzgebung und Handel wichtigen Statistik des

Warenverkehrs auf Grund von bei den bestimmten amtlichen

Anmeldestellen erfolgenden Anmeldungen (nach Gattung, Menge,

Herkunft, Bestimmungsland) seit 1. Jan. 1880 (Reichsgesetz vom 20.

Juli 1879) erhoben wird.

Statius, Publius Papinius, röm. Dichter, geboren um

45 n. Chr. zu Neapel, ward in Rom von seinem Vater, der selbst

Lehrer und Dichter war, gebildet und erwarb sich schon früh

durch sein poetisches Talent, namentlich im Improvisieren, Beifall

und mehrfach den Sieg in dichterischen Wettkämpfen. Doch sah

er sich sein lebenlang in Abhängigkeit von der Gunst des

Domitian und der römischen Großen, denen er oft in der

unleidlichsten Weise schmeichelte. Später zog er sich nach

Neapel zurück, wo er um 96 starb. Von seinen Schriften, die

sich durch Gewandtheit und Phantasie auszeichnen, aber vielfach an

rhethorischem Schwulst und dunkler Gelehrsamkeit leiden, besitzen

wir noch: "Silvae", Gelegenheitsgedichte in fünf Büchern

und in verschiedenen Versmaßen (hrsg. von Markland, Lond.

1728, Dresd. 1827, von Bährens, Leipz. 1876); "Thebais", ein

Epos in 12 Büchern (Buch 1-6 hrsg. von Müller, das. 1870,

das ganze Werk von Kohlmann, das. 1844; deutsch von Imhof, Ilmenau

1886), und von dem unvollendeten Epos "Achilleïs" die beiden

ersten Bücher (hrsg. von Kohlmann, Leipz. 1879).

Gesamtausgaben besorgten Gronov (Amsterd. 1653), Dübner (Par.

1835-1836, 2 Bde.) und Queck (Leipz. 1854, 2 Bde.); eine

Übersetzung Bindewald (Stuttg. 1868 ff.).

Stativ (lat.), Gestell für mathematische,

astronomische und andre Apparate.

Stator (lat.), Beiname des Jupiter, angeblich weil ihm

Romulus einen Tempel gelobte, wenn er die vor den Sabinern

fliehenden Römer zum Stehen brächte.

Stättegeld, s. v. w. Standgeld (s. d.).

Statthalter, derjenige, welcher die Stelle des

Landesherrn oder der höchsten Obrigkeit in einem Land oder

einer Provinz vertritt, so in Elsaß-Lothringen (s. d., S.

577) der an der Spitze der Staatsverwaltung stehende höchste

Beamte; (stadhouder) ehemals in den Vereinigten Niederlanden Titel

der Prinzen von Oranien, welchen nach der Losreißung von

Spanien ein Teil der königlichen Rechte, namentlich der

Oberbefehl über die Kriegsmacht zu Lande und zur See,

übertragen wurde; in Österreich Amtstitel von politischen

Landesbehörden (Statthaltereien), s. Landesbehörden.

Statue (lat. statua, Standbild), die durch die

Thätigkeit des bildenden Künstlers in irgend einer, meist

harten Masse dargestellte volle Gestalt, besonders des Menschen. Im

Altertum und in der neuern Zeit bis zur Zeit der Renaissance

pflegte man statuarische Bildwerke zur Belebung und Verdeutlichung

der Formen mehr oder weniger reich zu bemalen (s. Polychromie). Man

unterschied schon im griechischen Altertum Ideal- und

Porträtstatuen, je nachdem der Künstler aus der Phantasie

schöpfte oder sich an die Wirklichkeit hielt. Zu den

Idealstatuen gehörten die der Götter und Heroen. Die

Porträtstatuen kamen erst verhältnismäßig

spät durch die Sitte auf, in Olympia Statuen der Sieger in den

Wettkämpfen aufzustellen. Doch waren auch diese anfangs ideal,

d. h. nicht porträtähnlich, gehalten. Noch später

kam dazu das Genrebild, welches Personen und Vorgänge aus dem

Alltagsleben als Einzelstatuen oder Gruppen darstellte. In der

römischen, besonders kaiserlichen, Zeit wurden in großer

Menge Porträtstatuen gefertigt. Kolossale Dimensionen wurden

durch den Zweck der Aufstellung bedingt. Den Begriff der

Erhabenheit durch räumliche Ausdehnung anzudeuten, war aber

dem griechischen Geschmack fern, und erst die verfallende Kunst,

die sich ägyptisch-asiatischen Begriffen anbequemte, suchte

auf diese Weise durch Zusammenstellungen eine größere

Wirkung hervorzubringen. In Hinsicht ihrer äußern

Stellung unterschieden schon die Alten stehende, sitzende,

Reiterstatuen und fahrende Statuen, und die Statuen waren teils

einzeln, teils in Gruppen zusammengefaßt. Die moderne

Bildhauerkunst versteht unter S. im weitesten Sinn jede plastische

Einzelfigur, im engern Sinn ein stehendes Bild. Statuette,

Standbildchen. Vgl. Bildhauerkunst.

Statuieren (lat.), aufstellen, festsetzen, bestimmen;

etwas statthaben lassen; ein Exempel s., ein Beispiel zur Warnung

aufstellen.

Statur (lat.), Leibesgröße und Gestalt,

Wuchs.

Status (lat.), Stand (z. B. des Vermögens, die

Bilanz der Aktiva und Passiva, wie sie von Aktien-Gesellschaften

als Monatsstatus allmonatlich veröffentlicht wird), Zustand;

daher S. quo, der Zustand, die Lage, in welcher sich etwas befand

oder befindet, namentlich S. quo ante (bellum), die Lage,

insbesondere die Gebiets- und Machtverhältnisse, wie sie vor

einem Krieg waren. S. nascendi, Entstehungszustand; S. praesens,

der gegenwärtige Gesundheitszustand eines Kranken und der

ärztliche Bericht über denselben. Die Römer

bezeichneten mit S. auch die drei Hauptstufen der

Persönlichkeit, nämlich Freiheit, römisches

Bürgerrecht und Familienstand. Der Verlust eines solchen S.

involvierte eine Capitis deminutio (s. d.).

Status duplex (lat., "doppelter Stand"), ein Kapitel in

der Christologie (s. d., S. 100).

Status nascendi, s. Entstehungszustand.

Statutarisch (lat.), was Statuten (Satzungen) zufolge

gesetzmäßig ist; daher statutarische Portion, der

festgesetzte Erbteil, den eine Witwe von der Verlassenschaft des

Mannes erhält (s. Güterrecht der Ehegatten, S. 948).

Statuten (lat.), Satzungen, Gesetze; namentlich

Bezeichnung für die mittelalterlichen Stadtrechte, auch

für die Hausgesetze des hohen Adels (s. Autonomie). S.

heißen ferner die Satzungen über die Verfassung und

Verwaltung von Vereinen, juristischen Personen und Korporationen,

und zwar bestehen über Inhalt und Gültigkeit, namentlich

aber auch über die staatliche Anerkennung und Bestätigung

solcher S. vielfach besondere Vorschriften, so z. B. in Ansehung

der Aktiengesellschaften, der Genossenschaften und der Innungen.

Den Gemeinden und Kommunalverbänden ist jetzt in den meisten

Staaten das Recht ein-

245

Statz - Staubeinatmungskrankheiten.

geräumt, zur Durchführung gemeinnütziger

Maßregeln, zur Aufrechthaltung der öffentlichen

Sicherheit innerhalb des Gemeindebezirks und sonst zur Erreichung

der Gemeindezwecke innerhalb der durch die Gesetzgebung gezogenen

Schranken Ortsstatuten, geeigneten Falls mit Strafbestimmungen, zu

errichten. Nach preußischem Recht bedürfen derartige S.

der Stadtgemeinden der Genehmigung des Bezirksausschusses, in

Berlin des Oberpräsidenten. In andern Staaten ist die

Genehmigung der Zentralverwaltungsbehörde oder sogar diejenige

des Souveräns erforderlich. In England versteht man unter S.

(Statutes) die eigentlichen Gesetze, welche mit Zustimmung des

Parlaments von der Krone erlassen werden, im Gegensatz zur

königlichen Verordnung (Ordinance), für welche die

Zustimmung der beiden Häuser des Parlaments nicht erforderlich

ist. Die Lokalverordnungen der Gemeinden, welche bei uns S.

heißen, werden in England als Bylaws (s. d.) bezeichnet.

Statz, Vinzenz, Architekt, geb. 1819 zu Köln, war

anfangs Maurermeister am dortigen Dombau, wurde 1845

Dombauwerkmeister, legte 1854 diese Stelle nieder und wurde 1863

Diözesanbaumeister. In dieser Stellung war er eifrig

beflissen, der strengen Gotik neue Bahnen zu brechen. Die Zahl der

unter seiner Leitung hergestellten kirchlichen Bauten beläuft

sich auf einige hundert, von denen als die größten zu

nennen sind: die Mauritiuskirche in Köln, die Marienkirche in

Aachen, die katholischen Kirchen in Kevelaer, Dessau, Eberswalde,

Bernshausen in Hannover, wobei er es trefflich verstand, moderne

Einrichtungen mit mittelalterlichen Formen zu verbinden.

Hervorzuheben sind noch: das große Krankenhaus zu St. Hedwig

in Berlin und sein Wohnhaus in Köln. Auch leistete er

Bedeutendes in der innern Ausstattung der Kirchen, in der Holz- wie

in der Steinarchitektur, namentlich in der Liebfrauenkirche zu

Trier, wo er einen prächtigen Altar ausführte. Sein

größtes Werk ist der Dom in Linz an der Donau, den er

1862 begann, ein Bau von gewaltigen Dimensionen. S. gab heraus:

"Gotische Entwürfe" (Bonn 1861); "Gotische Einzelnheiten" (180

Tafeln, 2. Aufl., Berl. 1886); "Gotisches Musterbuch" (mit

Ungewitter und Reichensperger, Leipz. 1856-60) u. a. Er erhielt

1864 den Titel Baurat, ist Ehrenmitglied der Londoner Royal

Society, der k. k. Akademie in Wien etc.

Staub, in der atmosphärischen Luft enthaltene

Körperchen verschiedener Art, welche bei gewisser

Größe oder massenhafter Anhäufung dem bloßen

Auge sichtbar, aber auch in vollkommen rein erscheinender Luft

immer noch nachweisbar sind. Man unterscheidet gröbere

Stäubchen, die, von Winden oder vom Kehrbesen aufgewirbelt,

bei einigermaßen ruhiger Luft bald niederfallen;

Sonnenstäubchen, die nur im Sonnenstrahl sichtbar sind und

auch in scheinbar ruhiger Zimmerluft meist nicht zu Boden sinken;

endlich unsichtbare Stäubchen, die nur künstlich

nachweisbar sind und auch in ruhigster Luft sich schwebend

erhalten. Der S. entsteht hauptsächlich durch die Verwitterung

der Gesteine, wodurch diese in feinste Teilchen zerfallen, auch die

Vulkane werfen Staubmassen aus, die in weite Entfernungen getragen

werden; er entsteht ferner durch zahlreiche Verbrennungsprozesse,

die Ruß und Asche liefern; in jedem S. finden sich auch

Pollenkörner, Sporen der Kryptogamen und Keime der niedersten

Organismen. Endlich erzeugt der Mensch durch seine Thätigkeit

beständig S. Aus Flüssigkeiten und von feuchten

Oberflächen gelangen niemals Teilchen als S. in die Luft,

solange sich jene Substrate in Ruhe befinden; wohl aber kann durch

Verspritzen heftig bewegter Flüssigkeiten oder durch

Schaumbildung ein solcher Übergang bewirkt werden. In der

Regel wird jedoch Austrocknung und nachfolgende Zerkleinerung die

Veranlagung zum Zerstäuben von Pilzvegetationen in

Flüssigkeiten und von gelösten nicht flüchtigen

Substanzen sein. Die Zerkleinerung aber braucht nicht immer durch

mechanische Wirkungen zu erfolgen, sie kann vielmehr auch eine

Folge der geringen Bewegungen sein, welche durch

Temperaturänderungen bedingt sind und leicht

Zusammenhangstrennungen, Ablösungen von Partikelchen

herbeiführen. Landluft enthält weniger S. als Stadtluft,

im Winter und Frühjahr und nach Regen ist die Luft ärmer

an S. als im Sommer und Herbst und nach langer Dürre. 1 cbm

Landluft enthält bei trocknem Wetter 3-4,5, bei feuchtem 0,15

mg S., in Fabriken fand man bis 175 mg S. Aller S. besteht, seiner

Bildung entsprechend, aus mineralischen und organischen Substanzen;

unter letztern interessieren hauptsächlich die Keime

niederster Organismen, welche unter den feinsten Staubteilen zu

suchen sind. Stets enthält die Luft Sporen von Schimmelpilzen,

im März am wenigsten (5480 in 1 cbm), im Juni bis 54,460, nach

Regen mehr als nach Trockenheit. An Bakterien ist die Luft im

Winter arm (53), im Herbst am reichsten (121), nach Regen weniger

reich als bei Dürre. Stadtluft enthält ungleich mehr

Bakterien als Landluft. Die angegebenen Zahlen müssen bei der

Unvollkommenheit der Methode, nach welcher sie gewonnen wurden, im

allgemeinen als zu niedrig betrachtet werden. Der in der Luft

vorkommende S. gelangt vorzüglich durch die Respirationsorgane

zur Einwirkung auf den Menschen, wenn auch nur ein Teil des Staubes

in den Respirationsorganen zurückbleibt; die feinsten

Staubpartikelchen werden fast vollständig wieder ausgeatmet.

Der S., welcher an den Wänden der Luftwege hängen bleibt,

wird durch das Flimmerepithel, welches diese bedeckt, wieder aus

dem Körper entfernt. Vermag das Epithel die Staubmassen nicht

zu bewältigen, so entstehen krampfhafte Bewegungen, wie

Räuspern, Husten etc., zur Herausbeförderung der

staubhaltigen Schleimmassen. Reichen auch diese Hilfsmittel nicht

mehr aus, so entstehen Störungen, welche je nach der Art des

eingeatmeten Staubes verschieden charakterisiert sind. Nur

mechanisch reizender S. erzeugt die Staubeinatmungskrankheiten (s.

d.); S., welcher aus Partikelchen giftiger Substanzen besteht,

erzeugt namentlich durch den in den Mund und in den Magen

gelangenden Anteil eigentümliche Krankheitserscheinungen, am

wichtigsten aber sind die Keime solcher Organismen, welche als

Krankheitserreger zu betrachten sind. Man muß annehmen,

daß jene Keime ebensogut wie alle übrigen in Staubform

auftreten können, und in der That sind mehrere derselben im S.

nachgewiesen worden. Die Übertragung von Krankheiten durch den

S. der Luft ist mithin sehr wohl möglich, sofern nur nicht

jene Keime durch das Austrocknen ihre Entwickelungsfähigkeit

einbüßen. Vgl. Renk, Die Luft ("Handbuch der Hygieine",

von Pettenkofer und Ziemssen, Tl. 1, Abt. 2, Leipz. 1886);

Tissandier, Les poussieres de l'air (Par. 1877).

Staubbach, s. Lütschine.

Staubbeutel, s. Staubgefäß.

Staubbilder, elektrische, s. Lichtenbergsche Figuren.

Staubbrand, s. Brandpilze I.

Staubeinatmungskrankheiten. Der Staub, welcher bei der

Atmung in die Luftwege eingesogen wird,

246

Stäuben - Staubgefäße.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 70 / 302 段