Starrkrampf (Tetanus und Trismus), eine Krankheit, welche

darin sich äußert, daß auf geringe Erregungen

entweder nur gewisse Muskelgruppen, z. B. die Kaumuskeln beim

Trismus (Mundsperre), die Nackenmuskeln beim Opisthotonus

(Genickkrampf), oder daß die gesamte Muskulatur des

Körpers in den Zustand stärkster Zusammenziehung

gerät. Später reicht der geringste Anlaß, eine

Erschütterung, das Klappen einer Thür hin, um einen S.

auszulösen. Fast immer wird zuerst der Kopf durch starre

Kontraktionen der Rückenmuskeln fixiert und

rückwärts gezogen. Vom Nacken aus verbreitet sich der

Krampf über die Rückenmuskeln, der ganze Körper wird

dadurch bogenförmig rückwärts gekrümmt. Aber

auch die Bauch- und Brustmuskeln beteiligen sich an dem S., deshalb

ist der Unterleib eingezogen und bretthart. Die kontrahierten

Muskeln bleiben während des ganzen Verlaufs der Krankheit

gespannt; sie sind dabei hart wie Stein und der Sitz furchtbarer

Schmerzen, welche denjenigen beim Wadenkrampf ähnlich sind.

Die Krankheit ist um so entsetzlicher, als der Kranke meist bis zum

Tode das volle Bewußtsein seiner furchtbaren Leiden

behält. Er leidet Hunger und Durst, weil er nicht schlingen

kann; der Schlaf fehlt, die Atmung ist erschwert, und die

gestörte Respiration und die Erstickungszufälle sind es

auch, welche den Kranken meist schon nach wenigen Tagen

hinwegraffen. Der S. entsteht durch Vergiftungen, von welchen

diejenige mit Strychnin am besten erforscht ist. Neuere

Untersuchungen machen es wahrscheinlich, daß die alte

Einteilung in rheumatischen und traumatischen S. hinfällig

sei, daß vielmehr alle Fälle von kleinen Wunden

ausgehen, in welchen eine Giftbildung (Briegers Tetanin und

Tetanotoxin) durch Bakterien vor sich geht. Da die Wunden meistens

klein und unbedeutend sind, so hat man sie früher nicht

beachtet und den S. als eine Erkältungskrankheit gedeutet;

für zahlreiche Fälle von S. nach Fußverletzungen,

nach dem Einreißen von Splittern unter einen Fingernagel,

für den S. der Neugebornen, welcher von der Nabelwunde

ausgeht, sind indessen Bakterien (Tetanusbacillen) nachgewiesen

worden, welche auch in Nährflüssigkeiten ein Gift

hervorbringen, welches Tetanus bei Tieren erzeugt. Diese Bacillen

kommen im Erdboden vor, woraus sich die Gefährlichkeit kleiner

Fußwunden namentlich bei barfuß gehenden Personen

erklärt. Die Behandlung gewährt nur Aussicht, wenn

frühzeitig die Wunde ausgeschnitten oder das Glied amputiert

wird; gegen den S. selbst wendet man Morphium an, um das Leiden zu

lindern.

S. kommt auch bei den Haustieren und besonders häufig bei

Pferden vor. Gewöhnlich entwickelt sich das Leiden schnell,

aber ohne Temperaturerhöhung. Die Pferde gehen steif, mit

gestrecktem Kopf; die Muskeln sind gespannt, und oft bekunden die

Tiere eine krankhafte Reizbarkeit. Die Schneidezähne sind mehr

oder weniger fest aufeinander geklemmt, so daß die Tiere wohl

noch Wasser trinken, aber keine festen Nahrungsmittel verzehren

können. Nach diesem Symptom wird der S. auch Maulsperre

(Trismus) genannt. Mehr als die Hälfte der am S. erkrankten

Tiere geht zu Grunde. Bei günstigem Verlauf lassen die

Symptome am 10.-15. Krankheitstag allmählich nach; aber die

Rekonvaleszenz erstreckt sich auf 4-6 Wochen. Mit Arzneimitteln

kann beim S. nicht viel geholfen werden. Mehr empfiehlt sich

zweckmäßige Pflege und Vermeidung jeder Aufregung der

kranken Tiere.

Starrsucht (Katalepsie), eine eigentümliche

Krankheit der Bewegungsnerven, bez. des Rückenmarks, welche in

einzelnen Anfällen auftritt. Während eines kataleptischen

Anfalls verharren die Glieder in der Stellung, in welche sie der

Kranke vor dem Anfall durch seinen Willen gebracht hat, oder in der

Stellung, in welche sie während des Anfalls durch fremde Hand

gebracht werden. Sie sinken weder durch ihre eigne Schwere herab,

noch können sie durch den Willen des Kranken in eine andre

Stellung gebracht werden. Es ist wahrscheinlich, daß bei der

S. alle Bewegungsnerven sich in einem Zustand mittlerer Erregung

befinden, und daß infolgedessen alle Muskeln bis zu dem Grad

kontrahiert sind, daß sie der Schwere der Glieder Widerstand

zu leisten vermögen. Kataleptische Erscheinungen treten bei

gewissen Geisteskranken, bei Hysterischen und neben manchen

Krampfformen, sehr selten dagegen selbständig bei sonst

gesunden Individuen auf. Gelegenheitsursachen zum Ausbruch der S.

sind namentlich starke Gemütsbewegungen oder auch diejenigen

Nervenreizungen, welche den magnetischen Schlaf (s. Hypnotismus)

hervorbringen. Als Vorboten der Anfälle von S. sind

Kopfschmerz, Schwindel, Ohrenklingen, unruhiger Schlaf, große

Reizbarkeit etc. zu nennen. Der Anfall selbst tritt plötzlich

ein; die Kranken bleiben unbeweglich wie eine Statue in der

Stellung oder Lage, in welcher sie sich gerade befinden, wenn sie

der Anfall überrascht. Entweder ist während des Anfalls

das Bewußtsein und damit die Empfindlichkeit gegen

äußere Reize vollständig aufgehoben, oder das

Bewußtsein ist vorhanden, äußere Reize werden

empfunden, aber die Kranken sind nicht im stande, durch Worte oder

Bewegungen Zeichen ihres Bewußtseins zu geben. Die

Atmungsbewegungen, der Herz- und Pulsschlag sind zuweilen so

schwach, daß man sie kaum wahrnimmt. Ein solcher Anfall

dauert meist nur wenige Minuten, selten mehrere Stunden oder Tage.

Die Kranken gähnen und seufzen, wenn der Anfall

vorübergeht, und machen ganz den Eindruck eines Menschen, der

aus einem tiefen Schlaf erwacht. Geht der Anfall schnell

vorüber, und ist während des-

240

Stars and stripes - Staßfurt.

selben das Bewußtsein erloschen gewesen, so wissen die

Kranken oft gar nicht, daß etwas Ungewöhnliches mit

ihnen vorgegangen ist. In andern Fällen bleiben die Kranken

nach dem Anfall für kurze Zeit angegriffen, schwindlig und

klagen über Eingenommenheit des Kopfes. Oft tritt nur ein

Anfall ein, selten folgen sich in kurzen oder langen

Zwischenräumen mehrere Anfälle. Die S. geht fast immer

nach längerm oder kürzerm Bestand in Genesung über.

Dauert der Anfall länger an, so kann es nötig werden, dem

Kranken künstlich (durch die Schlundsonde) Nahrung

einzuführen. Vgl. Kataplexie.

Stars and stripes (engl., spr. stars änd streips),

in Nordamerika beliebte Bezeichnung für das "Sternenbanner"

der Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Starstein, s. Holz, fossiles.

Start (engl.), der Anfang des Wettrennens, geschieht aus

dem Schritt, wenn er gut oder glatt ist. Geschieht er aus dem

Galopp, so nennt man ihn fliegend. Der Starter gibt durch Senken

einer Fahne das Zeichen zum Ablaufen.

Stary (slaw.), in zusammengesetzten Ortsnamen oft

vorkommend, bedeutet "alt".

Staryj-Bychow (Bychow), Kreisstadt im russ. Gouvernement

Mohilew, am Dnjepr, zur Zeit der Polenherrschaft eine der

stärksten Festungen Weißrußlands, seit 1772 zu

Rußland gehörig, jetzt ein armer Ort mit (1885) 6074

Einw.

Staryj-Oskol, Kreisstadt im russ. Gouvernement Kursk, hat

6 griechisch-russ. Kirchen, ein weibliches Progymnasium, Fabriken

für Seife, Leder, Lichte und Tabak, Getreidehandel und (1885)

10,960 Einw.

Stas, Jean Servais, Chemiker, geb. 20. Sept. 1813 zu

Löwen, war längere Zeit Professor an der

Militärschule in Brüssel und wurde 1841 Mitglied der

belgischen Akademie. Er lieferte anfänglich Untersuchungen

über organische Verbindungen, wie das Phloridzin, das Acetal,

aber schon 1841 mit Dumas eine Arbeit über das Atomgewicht des

Kohlenstoffs und hat sich seitdem große Verdienste durch

überaus exakte Atomgewichtsbestimmungen erworben.

Staschow (Stasczow), Stadt im polnisch-russ. Gouvernement

Radom, Kreis Sandomir, am Czarna, hat Fabrikation von Gewehren,

Thonpfeifen und Papier, Strumpfweberei, Wollweberei, Eisen- und

Kupferhämmer und (1885) 7748 Einw.

Stasimon (griech.), Name der Standlieder des Chors im

griechischen Drama, bei deren Vortrag der Chor meist unbeweglich

stehen blieb. Sie traten nur ein, wo die Handlung einen Ruhepunkt

forderte, und teilten mit dem dem Prolog folgenden Einzugslied

(Parodos) das Stück in verschiedene Abschnitte.

Stasis (griech.), Stellung, Stand; auch s. v. w.

Blutstockung (s. d.), Vorläufer bei der Entzündung.

Stassart (spr. -ssar), Goswin Joseph Augustin, Baron von,

belg. Staatsmann, geb. 2. Sept. 1780 zu Mecheln, studierte die

Rechte in Paris, wurde daselbst 1804 Auditeur im französischen

Staatsrat, erhielt 1805 eine Intendantur in Tirol und 1807 bei der

französischen Armee in Preußen. 1810 ward er

Präfekt des Vauclusedepartements und 1811 des der

Maasmündungen. Nach der zweiten Restauration lebte er auf

seinem Landgut bei Namur, bis ihn die Stadt Namur 1822 in die

niederländische Zweite Kammer sandte, wo er zur Opposition

gehörte. Nach dem Ausbruch der Revolution in Brüssel im

September 1830 war er unter den Abgeordneten der südlichen

Provinzen, welche der Einberufung der Kammer nach dem Haag Folge

leisteten. 1831 begab er sich nach Belgien zurück, wo er in

den Kongreß gewählt und Mitglied der provisorischen

Regierung sowie dann des Senats wurde. In dieser Stellung

bekleidete er sieben Sessionen hindurch das Amt eines

Präsidenten, während er von der Regierung 1834 auch zum

Gouverneur von Brabant ernannt wurde, verlor aber 1838 diese beiden

Würden, da er als Großmeister der belgischen

Freimaurerei mit dem dieselbe besehdenden Episkopat offen gebrochen

hatte. 1840 ward er für kurze Zeit Gesandter zu Turin. 1841

legte er seine Würde als Großmeister der belgischen

Freimaurerei nieder. Er starb 16. Okt. 1854 in Brüssel. Seine

Schriften (Denkschriften, Reden, Kritiken etc., namentlich aber

treffliche Fabeln) erschienen gesammelt Brüssel 1854.

Staßfurt, Stadt im preuß. Regierungsbezirk

Magdeburg, Kreis Kalbe, an der Bode, Knotenpunkt der Linien

S.-Schönebeck, S.-Blumenberg und S.-Löderburg der

Preußischen Staatsbahn, 65 m ü. M., hat 2 evangelische

und eine kath. Kirche, ein Amtsgericht, ein bedeutendes

Steinsalzbergwerk, große chemische Fabriken, eine

Zuckerfabrik, Eisengießerei und Dampfkesselfabrikation und

(1885) 16,459 meist evang. Einwohner. S. wird zuerst 806 als Ort

erwähnt, und die dortigen Solbrunnen existierten bereits 1227.

Im 16. und 17. Jahrh. befand sich der blühende Salzbetrieb

hauptsächlich in den Händen des dort seßhaften

Adels, 1796 aber ging der gesamte Besitz an den König von

Preußen über. Unter der Konkurrenz von Dürrenberg

mußte der Betrieb nach wenigen Jahren eingestellt werden, und

als er 1815 wieder aufgenommen wurde, konnte er doch nur bis 1839

erhalten werden. Damals begann man ein Bohrloch, welches 1843 bei

256 m Tiefe ein Salzlager antraf, dessen Liegendes bei 325 m noch

nicht erreicht wurde. Die Bohrlochsole erwies sich aber wegen hohen

Gehalts an Kali- und Magnesiasalzen unbrauchbar, und als man 1851

mit dem Abteufen zweier Schächte begann, erreichte man in

fünf Jahren das Salzlager, welches sich in einer

Mächtigkeit von 160 m mit Kali- und Magnesiasalzen bedeckt

erwies, die man damals als lästige Zugabe betrachtete und als

Abraumsalze (s. d.) bezeichnete. Spätere Bohrungen ergaben,

daß stellenweise über den Abraumsalzen noch ein

jüngeres Steinsalzlager liegt, welches keine

Anhydritschnüre enthält und sehr reines Steinsalz

liefert. Die ersten Vorschläge zur Verwertung der Kalisalze

veranlaßte die anhaltische Regierung zum Abteufen zweier

Schächte zu Leopoldshall, in unmittelbarer Nähe von S.,

und diese kamen 1861 in Betrieb. Ähnliche Unternehmungen, wie

Douglashall, Neustaßfurt, entstandenen der Umgebung von S.,

und auch Schmidtmannshall bei Aschersleben ist hierher zu rechnen.

Die Kalisalzindustrie entwickelte sich seit 1857 und hat eine so

große Bedeutung gewonnen, daß von S. aus der Weltmarkt

für Kalisalze beherrscht wird. Man stellt schwefelsaures Kali,

schwefelsaure Kalimagnesia, Chlorkalium, Pottasche, außerdem

Glaubersalz, Bittersalz, Kieseritsteine, Chlormagnesium, Brom, Soda

etc. dar. 1887 gab es im Staßfurter Becken 7

Kalisalzbergwerke, darunter 2 fiskalische (ein preußisches

und ein anhaltisches). Diese förderten 12,940,808 metr. Ztr.

Kalisalze (8,402,068 Carnallit 2,375,177 Kainit, 141,850 Kieserit

etc.) und 2,019,625 metr. Ztr. Steinsalz. Davon kamen auf die

königlichen Salzwerke in S. an Carnallit 1,979,816, an Kainit

727,093, an Steinsalz 609,851, auf Leopoldshall an Carnallit

2,152,723, an Kainit 644,881, an Kieserit 29,303, an Steinsalz

480,390 metr. Ztr. Vgl. die Litteratur bei Art. Abraumsalze;

außerdem Precht, Die Salzindustrie von S. (3. Aufl.,

Staßf.

241

Staßfurtit - Statistik.

1889); Pfeiffer, Die Staßfurter Kaliindustrie (Braunschw.

1887).

Staßfurtit, s. Boracit.

Stassjulewitsch, Michael Matwejewitsch, russ. Publizist,

geb. 9. Sept. 1826, studierte auf der Petersburger

Universität, bekleidete an derselben 1851 bis 1861 den

Lehrstuhl der Geschichte und war 1860 bis 1862 Lehrer des

verstorbenen Thronfolgers Nikolaus. Er verfaßte einige

Monographien zur altgriechischen und mittelalterlichen Geschichte

und eine Geschichte des Mittelalters (russ., Petersb. 1863-65, 3

Bde.). Später widmete er sich ganz dem Journalismus, indem er

1865 den "Europäischen Boten" ("Westnik Jewropy")

begründete, eine Monatsschrift, welche bis jetzt unter den

Veröffentlichungen dieser Art in Rußland die erste

Stelle einnimmt.

Statarisch (lat.), stehend, verweilend; daher statarische

Lektüre, Lektüre, bei der das Einzelne genau erklärt

wird (Gegensatz: kursorische Lektüre).

Staten Island (spr. steht'n-eiländ), Insel an der

Küste des nordamerikan. Staats New Jersey, an der Einfahrt in

die Bai von New York, wird durch einen schmalen Meeresarm (Staten

Island-Sound) vom festen Land getrennt, ist 160 qkm groß und

hat (1880) 38,991 Einw. Hauptstadt ist Richmond.

Stater, Name verschiedener Geldstücke des Altertums.

Der athenische Goldstater, meist im 5. Jahrh. geprägt, wiegt

etwa 8,6 g; der Kyzikener S., etwa 16 g schwer, war ein aus sogen.

Elektron (Gold- und Silbermischung) geprägtes Stück; der

äginetische S. ist das silberne Didrachmon von 12,3 g. Die

verbreitetsten S. genannten Münzen sind die nach attischem

Fuß ausgeprägten Goldstücke Philipps und Alexanders

von Makedonien (s. Tafel "Münzen I", Fig. 6).

Stathmograph (griech.), ein von Dato konstruierter

Apparat zur Kontrolle der Fahrzeiten, Aufenthaltszeiten und

Fahrgeschwindigkeiten von Eisenbahnzügen, verbunden mit einem

Kilometerzeiger. Letzterer schlägt bei jedem Kilometerstein in

einen durch ein Uhrwerk fortgezogenen Papierstreifen ein Loch. Auf

diesem über eine Walze gehenden Papierstreifen verzeichnet ein

Bleistift die Fahrgeschwindigkeitskurve, welche auf den Stationen

so lange in die Nulllinie fällt, als der Zug steht. Da der

Streifen eine gewisse Bewegungsgeschwindigkeit besitzt, so ist aus

der Fahrtenkurve ersichtlich, mit welcher Geschwindigkeit der Zug

jeden Punkt der Strecke durchfuhr. Vgl. Perambulator.

Statice Tourn. (Limoniennelke, Strandnelke), Gattung aus

der Familie der Plumbagineen, Kräuter oder Halbsträucher

mit ährigen oder traubigen Blütenständen und

häutigen, einsamigen Schließfrüchten. S. Limonium

L., mit fast lederartigen, verkehrt-eiförmigen,

länglichen Wurzelblättern, 30-45 cm hohem

Blütenstiel und blauen Blüten, wächst in

Mitteleuropa an Meeresküsten. Die Wurzel dient in

Rußland als Kermek zum Gerben, doch stammt die genannte

Drogue hauptsächlich von S. coriaria Pall. in Rußland.

Auch die Wurzel von S. tatarica L. in Sibirien und der Tatarei

dient zum Gerben und Färben. Andre Arten aus Süd- und

Osteuropa, von den Kanarischen Inseln und aus Mittelasien werden

als Zierpflanzen kultiviert.

Statik (griech.), die Lehre vom Gleichgewicht der

Körper, bildet einen Teil der Mechanik (s. d.); man

unterscheidet die S. der festen, flüssigen und

gasförmigen Körper oder Geostatik, Hydrostatik und

Aerostatik. Vgl. Poinsot, Elemente der S. (deutsch, Berl. 1887). S.

des Landbaues, die Lehre vom Gleichgewicht der Entnahme und Zufuhr

an Nährstoffen des Bodens. Durch die Agrikulturchemie ist die

Lehre von der S. eine außerordentlich durchsichtige geworden

und hat die bisher vagen Begriffe "Reichtum des Bodens", "Kraft",

"Thätigkeit" in feste Gestalt gebracht, so daß man immer

umfassender wiegt und mißt, was dem Grund und Boden durch die

Ernten entnommen wird, was ihm der Dünger zurückgibt.

Nicht nur im chemischen Laboratorium, auch im großen

praktischen Betrieb der intelligenten Wirtschaften macht man sich

täglich die Errungenschaften der Agrikulturchemie mehr zu

nutze, wendet die Lehre der S. thätig an. Durch die

umfassenden Düngungsversuche, welche durch die

agrikulturchemischen Versuchsstationen in ganz eminent

hervorragender Weise unter Leitung der Halleschen und neuerdings

Breslauer Station veranlaßt wurden, wird alljährlich

diese Lehre mehr und mehr ausgebaut. Durch die Wolffschen

Nährstofftabellen, die sich in jedes tüchtigen Landwirts

Händen befinden (Kalender von Mentzel u. Lengerke und der von

Graf Lippe), ist es ein Leichtes, sich über Aus- und Zufuhr

der Nährstoffe sichere Rechnung aufzustellen. Würde noch

das Bedürfnis der Pflanzen nach Stickstoffzufuhr festgestellt,

so wäre die Lehre von der S. eine vollkommene; auch diesen

Schleier wird die Agrikulturchemie und -Physiologie über kurz

oder lang zu heben im stande sein. - In gleichem Sinn spricht man

auch von forstlicher S. (vgl. Forstwissenschaft, S. 455).

Station (lat.), Aufenthalts-, Standort; auf Reisen, im

Post- und Eisenbahnwesen Ort, wo angehalten wird; daher auch bei

Wallfahrtsorten Bezeichnung für die durch Kreuze,

Bildstöcke, Kapellen etc. bezeichneten Stellen, wo die

Prozessionen Halt machen, um zu beten (vgl. Kreuzweg); allgemeiner

s. v. w. Amt, Stellung.

Stationär (lat.), stillstehend, seinen Standort oder

Standpunkt behauptend; auch s. v. w. Stationsbeamter.

Stationers' Hall (engl., spr. stehscheners hahl), in

London Bezeichnung des Hauses der alten Buchhändlergilde, die

vom Staat mit dem Einschreiben (registration) der litterarischen

Urheberrechte betraut ist.

Stationsvorsteher, s. Eisenbahnbeamte.

Statiös (lat.), staatmachend, prunkend.

Statisch (griech.), stillstehend; auf Statik

bezüglich.

Statisches Moment, s. Hebel, S. 254.

Statist (lat.), jemand, der auf der Bühne eine nur

"dastehende", nicht mitspielende Person vorstellt; gewöhnlich

gleichbedeutend mit Komparse (s. d.).

Statistik (v. lat. status oder ital. stato, Staat),

ursprünglich die beschreibende Darstellung von Staat

(Verfassung, Verwaltung) und Bevölkerung nach ihren

bemerkenswerten Seiten. Solche Darstellungen, einem praktischen

Bedürfnis für militärische und finanzielle Zwecke

entsprungen, kamen bereits im Altertum vor. In China, Ägypten

und bei den Juden wurden schon frühzeitig

regelmäßige Volkszählungen vorgenommen. Dann hatte

Rom einen entwickelten Zensus aufzuweisen, während das

Mittelalter für eine S. und deren Ausbildung keine Gelegenheit

bot. Erst nach dem 15. Jahrh. macht sich wieder das Bedürfnis

geltend, die eigne und die fremde Lage kennen zu lernen, welchem in

Frankreich unter Sully durch Schaffung einer Art statistischen

Büreaus genügt wurde. Die wissenschaftliche Behandlung

der S. nahm ihren Anfang in der Mitte des 17. Jahrh. In Deutschland

entwickelte sich zuerst die beschreibende Schule der S., welche

dieselbe in dem oben genannten Sinn auffaßte. Als

Schöpfer derselben gilt H. Conring (1606-81, s. d.,)

welcher

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

16

242

Statistik (geschichtliche Entwickelung, heutige Richtung).

1660 den üblichen Universitätsvorlesungen eine neue,

aus Geographie, Geschichte und Politik abgesonderte Disziplin als

Notitia rerum publicarum hinzufügte, in welcher er die

Staatszustände zusammenhängend darstellte. Achenwall

(1719-72), ein fleißiger Sammler, stellt den Begriff genauer

fest und führt auch die Bezeichnung S. als Kenntnis der

Staatsmerkwürdigkeiten ein. Auf gleichem Boden steht sein

Schüler Schlözer (1735-1809), welcher der damaligen

Heimlichkeit in Staatssachen gegenüber mit einem gewissen

Freimut die politischen Ereignisse zum Gegenstand der Besprechung

in Vorlesungen machte. Von ihm stammt die bekannte Definition: "S.

ist stillstehende Geschichte, Geschichte ist fortlaufende S."

Gegenüber der ethnographischen Methode der S., welche jedes

Volk für sich behandelte, führte Büsching (1724-93)

die vergleichende Methode ein, indem er bei sachlicher Gliederung

des Stoffes zwischen den entsprechenden Zuständen

verschiedener Länder eine Parallele zog. Bald machte sich das

Bedürfnis geltend, die gesammelten Zahlen der S.

übersichtlich in Tabellenform zu ordnen und dieselben auch

durch graphische Darstellung zu veranschaulichen (Crome, 1782).

Dies führte zu einem lebhaften Streit zwischen der

Göttinger Schule (Anhänger Schlözers) auf der einen

und den von denselben so betitelten Linear- oder

Tabellarstatistikern auf der andern Seite. Der Kampf war insofern

ein verfehlter, als für statistische Darstellungen weder die

Größenangabe (Zahl) noch der Wortausdruck entbehrt

werden kann. Von jeher waren die Ansichten über das Gebiet der

S. geteilt gewesen. Die einen beschränkten es auf den Staat

und staatliche Verhältnisse (Staatsverfassung, Darstellung der

Staatskräfte), andre dehnten es auf alle gesellschaftliche

Thatsachen (faits sociaux) aus, wieder andre überhaupt auf

alle Erscheinungen, an denen ein Dasein, Entstehen und Vergehen

wahrnehmbar sei (also auch Naturerscheinungen). Verlangten die

einen, daß die S. sich nur auf Schilderung der Erscheinungen

der Gegenwart beschränken solle, daß jedes statistische

Datum neu sein müsse, da sich die Vergangenheit nicht

beobachten lasse, so gingen sie zum Teil selbst wieder von dieser

Forderung ab, indem sie auch Einsicht in die Zustände bieten,

den jetzigen Zustand aus dem frühern begreiflich machen

wollten (pragmatische S. nach Achenwall). Man verwechselte hierbei

die einfache Beobachtung, Erhebung und Aufzeichnung des

statistischen Materials mit der wissenschaftlichen Verarbeitung

desselben. Die Beobachtung kann nur die Gegenwart erfassen, die

Zusammenstellung der durch eigne oder (meist) fremde Beobachtung

gewonnenen Ergebnisse erstreckt sich bereits auf die Vergangenheit,

und für die wissenschaftliche Verwertung kann es ganz

gleichgültig sein, welcher Zeit das Material angehört.

Eine weitere Streitfrage war früher die, ob die S. sich auf

solche Thatsachen zu beschränken habe, welche sich durch

Zahlen wiedergeben lassen (nach M. de Jonnés: faits sociaux,

exprimés par des termes numériques). Die moderne S.

befaßt sich allerdings vorzüglich mit Größen

und deren Vergleichung, auch erblickt das gewöhnliche Leben

allgemein in der S. eine Wissenschaft, welche es mit Zahlen und

zwar mit Massen von Zahlen zu thun hat, wobei freilich nicht zu

übersehen, daß Größenangaben in allen

Gebieten der Natur und des gesellschaftlichen Lebens möglich

sind.

Die heutige Richtung der S. hat ihren Ausgangspunkt in England,

und zwar entwickelte sie sich aus der politischen Arithmetik, d.h.

derjenigen Wissenschaft, welche mathematische Rechnungen auf das

Finanzwesen anwandte. Anlaß zur Förderung derselben

gaben vorzüglich das Versicherungswesen und die im 17. Jahrh.

in Aufnahme gekommenen Glücksspiele. Letztere gaben ihrerseits

Anstoß zur Entstehung und Ausbildung der

Wahrscheinlichkeitsrechnung (Huygens, Fermat, Pascal, Bernoulli),

welche eine unentbehrliche Grundlage für wichtige Zweige der

politischen Arithmetik und der S. wurde. Letztere begann sich bald

von der erstern abzuzweigen, ohne daß jedoch, sofern nicht

unter der politischen Arithmetik lediglich die Zins- und

Arbitragerechnung verstanden wird, eine scharfe Scheidung

überhaupt möglich ist. Nachdem Graunt (1660), dann

Pettey, Halley, Kerseboom, Deparcieux sich mit Berechnung der

Sterblichkeit und mit Aufstellung von Sterblichkeitstafeln

befaßt hatten, gab Süßmilch (1707-67) in seiner

"Göttlichen Ordnung in den Veränderungen des menschlichen

Geschlechts" (1742) überhaupt dem Gedanken Ausdruck, daß

im gesellschaftlichen Leben gewisse Regelmäßigkeiten

beobachtet werden könnten, welche freilich nicht in einzelnen,

sondern in einer großen Zahl von Fällen hervortreten.

Diesen Gedanken verfolgte Quételet weiter, und es wird jetzt

an Stelle der frühern einfachen Beschreibung die S. zu einer

Wissenschaft der umfassenden Durchzählung verwandter

Fälle und Vorgänge, um aus derselben

Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten

abzuleiten. Dieselbe erstreckt sich auf alle diejenigen Gebiete,

auf welchen im einzelnen eine bunte individuelle Mannigfaltigkeit

in Erscheinung tritt, während durchschlagende Ursachen und

Beweggründe erst aus einer großen Zahl von Fällen

erkennbar sind. So kann in wenigen Familien eine

verhältnismäßig große Zahl von Totgeburten

eintreten, während in andern gar keine vorkommt. Faßt

man aber eine große Zahl zusammen, so nähert man sich

einer Mittelzahl (Prozent), von welcher die zu einer andern Zeit

oder in einem andern Gebiet für große Zahlen gewonnenen

Ergebnisse nur wenig abweichen werden. Voraussetzung hierfür

ist, daß die verglichenen Zustände nicht wesentlich

voneinander verschieden sind. Solche durchschlagende

Einflüsse, mögen sie nun das Bestreben haben, einen

Zustand der Beharrung zu bewirken oder Veränderungen zu

veranlassen, können nicht allein da festgestellt werden, wo

der menschliche Wille keine Rolle spielt, sondern auch in der Welt

der sittlichen Thatsachen, in welcher ebenfalls nachgewiesen werden

kann, daß bei aller Freiheit des Willens die menschlichen

Handlungen doch wesentlich durch Naturumgebung, gesellschaftliche

Verhältnisse, Erziehung etc. beeinflußt werden, indem je

nach gegebenen äußern Verhältnissen solche

Handlungen eben als die vernünftigen erscheinen.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 69 / 302 段