Star, die Herabsetzung oder gänzliche Aufhebung des

Sehvermögens eines oder beider Augen, sofern dieselbe auf

Anomalien der lichtempfindenden Elemente (schwarzer S.) oder auf

Trübung der Kristalllinse (grauer S.) beruht. Über den

sogen. grünen S. oder das Glaukom s. d. Bei dem schwarzen S.

unterscheidet man herkömmlich: Amblyopie, Stumpf- oder

Schwachsichtigkeit, und Amaurose (besser Anopsie), völlige

Blindheit. Beide kommen zu stande zum Teil in der Form von Hemiopie

durch Erkrankung der Netzhaut oder des Sehnervs an irgend einer

Stelle seines Verlaufs oder des Gehirns selbst. Liegt die erkrankte

Stelle hinter dem Eintritt des Sehnervs in die Netzhaut, so

läßt sich die Ursache des schwarzen Stars durch den

Augenspiegel nicht erkennen. In den meisten Fällen hat der

schwarze S. einen langsamen Verlauf, entsteht unmerklich, nimmt

ganz allmählich zu und geht schließlich in

vollständige Erblindung über; doch kommt es auch vor,

daß er auf einer gewissen Stufe der Entwickelung stehen

bleibt oder selbst rückgängig wird. Selten bildet er sich

in sehr kurzer Zeit aus oder tritt selbst plötzlich nach Art

eines Schlaganfalls auf, namentlich dann, wenn sich die Netzhaut

durch einen Bluterguß oder durch ein Entzündungsprodukt

von der Gefäßhaut des Auges abgelöst hat, oder wenn

Blutergüsse, schnell wachsende Geschwülste u. dgl. den

Ursprung des Sehnervs im Gehirn zerstört haben. Der schwarze

S. kommt bei beiden Geschlechtern und in jedem Alter, selbst

angeboren vor; doch ist er bei Männern häufiger als bei

Weibern und in dem Alter von 20-40 Jahren häufiger als im

Greisenalter, hier aber häufiger als im Kindesalter. Vielfach

ist erbliche Disposition vorhanden. Die Pupille pflegt erweitert

oder wenig beweglich oder auch ganz starr zu sein, selbst wenn

starkes Licht in das Auge fällt. Der Kranke hat einen stieren,

nichtssagenden Blick; er büßt überhaupt mehr oder

weniger die Herrschaft des Willens über die Bewegungen des

Auges ein. Die Augenlider sind in der Regel weit geöffnet, der

Augenlidschlag ist träge. Die Bewegungen eines an schwarzem S.

Leidenden sind unsicher, seine Haltung ist ängstlich. Das

wichtigste Symptom ist Schwachsichtigkeit. Jeder Versuch, kleinere

Objekte deutlich zu sehen und anhaltend zu fixieren, kostet

Anstrengung; das Auge ermüdet sehr schnell. Später geht

auch der letzte Lichtschein, das Vermögen, Hell und Dunkel zu

unterscheiden, verloren. Die meisten Fälle von schwarzem S.

sind unheilbar oder sehr schwer zu heilen. Ein frisch entstandener

Fall gibt eine bessere Prognose als ein solcher, der schon lange

Zeit bestanden hat. Der schwarze S., welcher infolge von

Sehnervenschwund, Netzhautablösung und von Zerstörungen

des Gehirns auftritt, gibt die geringste Aussicht auf Heilung. Am

ehesten lassen diejenigen Fälle eine Heilung zu, welche durch

konstitutionelle und dyskrasische Leiden, durch Gicht, Syphilis,

Nierenerkrankungen, Hysterie etc., sowie diejenigen, welche durch

übermäßigen Gebrauch narkotischer Mittel (z. B.

übermäßigen Genuß starker Zigarren, von

Alkohol) entstanden sind. Oft wird nur das eine Auge geheilt, das

andre nicht, oder der schwarze S. heilt nur auf einer Stelle der

Netzhaut; völlige Heilung beider Augen ist selten. Die

Behandlung ist je nach der Form des schwarzen Stars sehr

verschieden. Die

233

Star (Augenkrankheit) - Star (Vogel).

Funktionen des Körpers müssen durch eine angemessene

Lebensordnung geregelt, die Verrichtungen des Auges sorgfältig

überwacht, Anstrengungen desselben durchaus vermieden werden.

Oft wird ein längerer Aufenthalt im Dunkeln, das Tragen

dunkler Brillen etc. notwendig. Die spezielle Behandlung ist von

einem Augenarzt zu leiten.

Der graue S. (Cataracta, s. Tafel "Augenkrankheiten", Fig. 10 u.

11) besteht in einer Trübung im Bereich des Linsensystems, d.

h. der Linse selbst oder ihrer Kapsel, bez. beider, wodurch den

Lichtstrahlen der Durchgang zu der lichtempfindenden Netzhaut

verwehrt wird. Zuerst zeigt sich hinter der Pupille eine

unbedeutende Trübung, welche allmählich zunimmt; der

Kranke sieht wie durch ein trübes Glas, durch Nebel oder

Rauch. Nach und nach wird der vor dem Auge schwebende Nebel

dichter, und die Gegenstände erscheinen wie dunkle Schatten.

Die Pupille bewegt sich meist frei, nur bei sehr großem S.

verliert die Iris an Beweglichkeit und wird nach vorn

gedrängt. Nur nach Verletzungen des Auges entwickelt sich der

graue S. in wenig Tagen (Cataracta traumatica, s. Tafel

"Augenkrankheiten", Fig. 12), meist bedarf er zu seiner Ausbildung

Monate und Jahre. Nur Stare nach äußerer Verwundung

beschränken sich auf Ein Auge. Selten bleibt der S. auf einer

niedern Entwicklungsstufe stehen. Nach dem Sitz der Trübung

unterscheidet man den Kapselstar und den Linsenstar. Der Kapselstar

kommt viel seltener vor und erscheint als eine unsymmetrische,

grauweiße, undurchscheinende Trübung nahe hinter der

Iris. Der Linsenstar befällt am häufigsten alte Leute

(Altersstar, Cataracta senilis) infolge des Sinkens der

Ernährungsthätigkeit. Der Linsenstar ist bald ein

Kernstar, bald ein Rindenstar; bald ist sowohl Kern als Rinde

getrübt (totaler S.). Nach der Konsistenz der getrübten

Linsenmasse teilt man die Linsenstare ein in harte und weiche

Stare. Der harte S. ist von dunkler, bräunlicher Farbe,

betrifft meist den Kern der Linse; dieselbe ist oft knorpelartig

fest oder selbst in eine kalkartige oder steinige Masse (Cataracta

gypsea) umgewandelt. Beim weichen S., welcher unter allen

Starformen am häufigsten vorkommt, zeigt die Linse eine

verminderte Konsistenz. Hinsichtlich der Entwicklungsstufe nennt

man den S. reif, wenn die Trübung die ganze Linse einnimmt,

dagegen unreif, wenn die Entartung noch im Fortschreiten begriffen

ist und besonders die Linsenperipherie noch durchsichtige Stellen

besitzt, überreif, wenn die schon lange getrübten

Linsenmassen stellenweise oder ganz verhärtet und geschrumpft

sind. Die Disposition zum grauen S. ist bei dem männlichen

Geschlecht größer als bei dem weiblichen; Leute mit

blauer oder grauer Iris werden viel häufiger davon betroffen

als solche mit brauner Iris. Mitunter ist der graue S. angeboren

(Cataracta congenita), sehr selten entwickelt er sich vor dem 7.

Lebensjahr; von dieser Zeit an bis zum 60.-70. Lebensjahr wird er

allmählich immer häufiger. Der graue S. tritt oft nach

entzündlichen Augenkrankheiten auf und ist mit solchen

kompliziert. Bei einfachen, nicht komplizierten Staren bleibt

stets, auch wenn das Erkennen von Gegenständen längst

unmöglich geworden ist, die Fähigkeit, Hell und Dunkel zu

unterscheiden, z. B. eine vor dem Auge hin und her bewegte

Lampenflamme zu erkennen, erhalten. Das einzige Mittel, das

Sehvermögen wiederherzustellen, ist die Staroperation, deren

Zweck darin besteht, durch Beseitigung der kranken Linse den

Lichtstrahlen den Eintritt in das Innere des Auges wieder zu

eröffnen. Dies kann auf dreifachem Weg erreicht werden:

entweder indem man die getrübte Linse gänzlich und mit

einemmal aus dem Auge entfernt (Extraktion des Stars); oder durch

Lagenveränderung der Linse, indem man sie aus der Sehachse

entfernt und an einen solchen Ort schiebt, wo sie dem Einfallen der

Lichtstrahlen kein Hindernis in den Weg legt, ohne sie aus dem Auge

zu schaffen (Depression oder Reklination des Stars); oder durch

Zerstückeln und Zerschneiden, wodurch man den S. in einen

solchen Zustand versetzt, daß er aufgesaugt werden und also

von selbst verschwinden kann (Discision des Stars). Die Operation

gelingt bei der Vervollkommnung der modernen Technik unter 100

Fällen 94-96mal. Aber auch im günstigsten Fall ist

dieselbe nicht im stande, das Gesicht so vollkommen

wiederherzustellen, wie es vor der Erkrankung war; denn es fehlt ja

im Auge die Linse, ohne welche sich keine scharfen Bilder auf der

Netzhaut bilden können, und mit der Linse fehlt auch das

Akkommodationsvermögen für verschiedene Entfernungen. Die

verloren gegangene Kristalllinse ersetzt man daher durch starke

(½-¼) Konvexlinsen, durch eine sogen. Starbrille, mit

deren Hilfe der Kranke dann meist wieder kleinste Schrift zu lesen

und die meisten Arbeiten zu verrichten im stande ist. Da aber der

Operierte auch das Akkommodationsvermögen verloren hat, so

muß er Brillen von verschiedener Brechungskraft gebrauchen,

je nachdem er nahe oder ferne Gegenstände sehen will. Nach der

Staroperation tritt oft von neuem wieder eine Trübung in der

hintern Augenkammer ein, welche man sekundärer Kapselstar,

Nachstar (s. Tafel "Augenkrankheiten", Fig. 13), nennt, und wodurch

das Sehvermögen wieder beschränkt oder ganz aufgehoben

wird. Der Nachstar entsteht dadurch, daß die bei der

Operation zurückgelassene hintere Linsenkapsel sich aufs neue

trübt; dieselbe wird dann entweder durch eine Nachoperation

ganz entfernt, oder auf ungefährliche Weise durch

Zerreißung (Discision des Nachstars) beseitigt. Eine

abermalige Trübung ist dann nicht mehr möglich. Vgl.

Magnus, Geschichte des grauen Stars (Leipz. 1876)

Star (Sturnus L.), Vogelgattung aus der Ordnung der

Sperlingsvögel und der Familie der Stare (Sturnidae),

mittelgroße, gedrungen gebaute Vögel mit kurzem Schwanz,

ziemlich langen Flügeln, in welchen die erste Schwinge

verkümmert, die zweite am längsten ist,

mittelmäßig langem, geradem, breit kegelförmigem

Schnabel, mittelhohen, ziemlich starken Füßen und langen

Zehen. Der gemeine S. (Strahl, Sprehe, Spreu, S. vulgaris L.), 22

cm lang, 37 cm breit, ist im Frühling schwarz, auf Schwingen

und Schwanz wegen der breiten, grauen Federränder lichter,

nach der Mauser und im Herbst weiß gepunktet, mit braunen

Augen, schwarzem Schnabel und rotbraunen Füßen, bewohnt

den größten Teil Europas, erscheint aber in den

Mittelmeerländern nur im Winter und geht höchstens bis

Nordafrika; bei uns weilt er von Februar oder März bis Oktober

und November. Er bevorzugt die Ebenen mit Auenwaldungen,

läßt sich aber auch in Gegenden, die er sonst nur auf

dem Zug berührt, durch Anbringung von Brutkasten etc. fesseln.

Dadurch hat ihn z. B. Lenz seit 1856 in Thüringen heimisch

gemacht. Durch sein munteres, heiteres Wesen ist er allgemein

beliebt; seine Stimme ist ein angenehmes Geschwätz, er besitzt

aber auch ein großes Nachahmungsvermögen und mischt die

verschiedensten Töne ein. Er nistet in Baumhöhlungen,

Mauerlöchern, am liebsten in Brutkästchen auf

Bäumen, Stangen, Hausgie-

234

Staraja-Russa - Starhemberg.

beln etc., und legt im April 5-6 lichtblaue Eier (s. Tafel "Eier

I", Fig. 57), welche vom Weibchen allein ausgebrütet werden.

Die ausgeschlüpften Jungen sind bald selbständig und

schweifen mit andern Nestlingen umher. Ist auch die zweite Brut

flügge, so vereinigen sich alle Stare und sammeln sich zu

großen Scharen in Wäldern sowie später (etwa Ende

August) im Röhricht der Gewässer. Die Alten kehren

zuletzt gegen Ende September noch einmal zu den Nistkasten

zurück, singen morgens und abends, ziehen aber nach den ersten

starken Frösten mit den Jungen in die Winterherberge. Der S.

nährt sich von Kerbtieren, Würmern und Schnecken und wird

durch massenhafte Vertilgung derselben sehr nützlich;

weidenden Rindern liest er Mücken und andre Insekten vom

Rücken ab. In Kirschpflanzungen und Gemüsegärten,

namentlich in Weinbergen richtet er zwar oft erheblichen Schaden

an, doch überwiegt sein Nutzen bei weitem. In der

Gefangenschaft wird er leicht zahm, lernt Lieder pfeifen und Worte

nachsprechen und dauert fast ein Menschenalter aus.

Staraja-Russa, Kreisstadt im russ. Gouvernement Nowgorod,

südlich vom Ilmensee, an der Polista und der Eisenbahn

S.-Nowgorod, mit Mönchskloster, 16 Kirchen, weiblichem

Progymnasium, Theater, Stadtbank, Findelhaus, mehreren Kasernen und

(1885) 13,537 Einw. S. besitzt bedeutende Salinen und ist in

neuerer Zeit als Solbad in Ruf gekommen.

Stara Planina, s. Balkan.

Starbuck, zum Manihikiarchipel der Südssee

gehörige, unbewohnte Insel, 3 qkm groß, wurde 1866

für englisches Eigentum erklärt.

Staremiasto (Alt-Sambor), Stadt in Galizien, am Dnjestr,

südwestlich von Sambor, Sitz einer Bezirkshauptmannschaft und

eines Bezirksgerichts, mit (1880) 3482 Einw.

Stargard, 1) Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk

Stettin, Kreis Saatzig, an der Ihna, Knotenpunkt der Linien

Berlin-S., Posen-S. und S.-Zoppot der Preußischen Staatsbahn

wie der Eisenbahn S.-Küstrin, 36 m ü. M., hat 3

evangelische und eine kath. Kirche, ein Bethaus der Irvingianer,

eine Synagoge und (1885) mit der Garnison (ein Grenadierregiment

Nr. 9) 22,112 meist evang. Einwohner, welche Maschinen-,

Schuhwaren-, Lack-, Filzwaren-, Dachpappen-, Seifen-,

Bürsten-, Spiritus- und Zigarrenfabrikation, Bildhauerei,

Gerberei, Bierbrauerei, Feilenhauerei und Dampfschleiferei

betreiben. S. hat außerdem eine Wasser- und

Dampfmahlmühle, eine Dampfmolkerei, eine

Provinzialobstbaumschule und bedeutende Landwirtschaft. Der Handel,

unterstützt durch eine Reichsbanknebenstelle, ist besonders

lebhaft in Getreide, Vieh und Produkten, auch finden

alljährlich in S. ein Leinwandmarkt und zwölf besuchte

Vieh- und Pferdemärkte statt. S. hat ein Landgericht, ein

Landratsamt (für den Kreis Saatzig), ein Hauptsteueramt, eine

Landschaftsdepartements-Direktion, ein Gymnasium, ein

Realprogymnasium, ein Zentralgefängnis, ein Waisenhaus, 8

Hospitäler etc. S. erhielt 1253 Stadtrecht und ward dann die

Hauptstadt von Hinterpommern. Zum Landgerichtsbezirk S.

gehören die 14 Amtsgerichte zu Dramburg, Falkenburg, Gollnow,

Greifenberg i. P., Jakobshagen, Kallies, Labes, Massow, Naugard,

Nörenberg, Pyritz, Regenwalde, S. und Treptow a. R. Vgl.

Petrich, Stargarder Skizzenbuch (Starg. 1876). -

2) (Stargardt, Preußisch-S.) Kreisstadt im preuß.

Regierungsbezirk Danzig, an der Ferse und der Linie

Schneidemühl-Dirschau der Preußischen Staatsbahn, hat

eine evangelische und eine kath. Kirche, eine Synagoge, ein

Gymnasium, eine Präparandenanstalt, ein Amtsgericht, ein

Hauptsteueramt, Eisengießerei, Kupferschmiederei,

Schnupftabaks-, Möbel-, Spiritus- und Essigfabrikation, eine

Holzbearbeitungsanstalt, große Mühlen, Bierbrauerei und

(1885) mit der Garnison (2 Eskadrons Husaren Nr. 1) 6634 meist

kath. Einwohner. Vgl. Stadie, Geschichte der Stadt S. (Starg.

1864). -

3) (S. an der Linde) Stadt im Großherzogtum

Mecklenburg-Strelitz, an der Linie Berlin-Stralsund der

Preußischen Staatsbahn, hat eine evang. Kirche, ein

Amtsgericht, ein Domanialamt, Furniertischlerei, Wollspinnerei,

Tuchmacherei, 2 Dampfschneidemühlen und (1885) 2200 evang.

Einwohner. Dabei auf steiler Höhe die alte Burg S. mit

Wartturm. Vgl. v. Örtzen, Geschichte der Burg S. (Neubrandenb.

1887). Nach S. wurde ehemals auch der Hauptteil des

Großherzogtums Mecklenburg-Strelitz benannt (s. Strelitz,

Herzogtum).

Starhemberg (Starchimberg, Storchenberg),

österreich., teils fürstliches, teils gräfliches

Geschlecht, stammt aus Oberösterreich, erhielt 1643 die

reichsgräfliche, 1765 die reichsfürstliche Würde und

blüht noch in einer fürstlichen Hauptlinie und einer

gräflichen Nebenlinie, erstere vertreten durch Camillo,

Fürsten von S., Mitglied des österreichischen

Herrenhauses, geb. 31. Juli 1835, letztere durch Stephan, Grafen

von S., geb. 25. Juni 1817. Vgl. Schwerdling, Geschichte des

uralten, teils fürstlichen, teils gräflichen Hauses S.

(Linz 1839). Die namhaftesten Sprößlinge des Geschlechts

sind:

1) Ernst Rüdiger, Graf von, geb. 12. Jan. 1638 zu Graz in

Steiermark, diente unter Montecuccoli gegen Türken und

Franzosen und machte sich besonders als Kommandant von Wien durch

die erfolgreiche Verteidigung der Stadt gegen die Türken vom

9. Juli bis 12. Sept. 1683 berühmt. Kaiser Leopold verlieh ihm

hierfür den Feldmarschallsstab, die Würde eines Staats-

und Konferenzministers und das Recht, den Stephansturm in seinem

Wappen zu führen. S. folgte dann dem König Johann

Sobieski als Kommandierender der Infanterie nach Ungarn, ward aber

1686 bei Ofen so schwer verwundet, daß er sein Kommando

niederlegen mußte, und lebte fortan als Präsident des

Hofkriegsrats (seit 1691) zu Wien, vorzugsweise mit der

Organisation des österreichischen Heers beschäftigt. Er

starb 4. Juni 1701. Sein Leben beschrieb Graf Thürheim (Wien

1882).

2) Guido, Graf von, geb. 1657, kämpfte während der

Belagerung Wiens 1683 mit Auszeichnung als Adjutant des vorigen,

seines Vetters, folgte nach dem Entsatz Wiens dem Heer nach Ungarn

und that sich auch dort vielfach, unter anderm 1686 dei der

Belagerung von Ofen, 1687 bei Mohács und bei der

Erstürmung Belgrads (6. Sept. 1688) sowie in den Schlachten

bei Slankamen (19. Aug. 1691) und Zenta (11. Sept. 1697), hervor.

Nach dem Ausbruch

235

Staring - Stärke.

des spanischen Erbfolgekriegs ging er mit dem Prinzen Eugen nach

Italien, führte hier 1703 an dessen Stelle den Oberbefehl und

wußte die versuchte Vereinigung der Franzosen und Bayern in

Tirol zu verhindern. 1708 übernahm er als Feldmarschall das

Kommando der in Spanien kämpfenden österreichischen Armee

und führte trotz der geringen ihm zu Gebote stehenden

Streitkräfte den kleinen Krieg glücklich. 1710 zog er

nach den Siegen bei Almenara und Saragossa in Madrid ein, ward aber

durch Mangel und die Teilnahmlosigkeit des spanischen Volkes an der

Sache Karls bald zum Rückzug nach Barcelona genötigt. Als

Karl nach Josephs Tod in die österreichischen Erblande

zurückgekehrt war, blieb S. als Vizekönig in Barcelona

zurück, konnte sich aber trotz seiner genialen Taktik und

seines Mutes, der ihm den spanischen Beinamen el gran capitan

verschaffte, aus Mangel an Unterstützung daselbst nicht halten

und ließ sich infolge des Neutralitätstraktats vom 14.

Mai 1713 mit den Resten seiner Truppen auf englischen Schiffen nach

Genua übersetzen. Er lebte seitdem in Wien. Während des

Türkenkriegs von 1716 bis 1718 übernahm er in Abwesenheit

des Prinzen Eugen das Präsidium des Hofkriegsrats. Er starb 7.

März 1737 als Gouverneur von Slawonien. Sein Leben beschrieb

Arneth (Wien 1853).

Staring, Antony Winand Christiaan, holländ. Dichter,

geb. 24. Jan. 1767 zu Gendringen, studierte die Rechte in Harderwyk

und Göttingen und wohnte seitdem auf seinem Landgut

Wildenborch bei Zütphen, wo er 18. Aug. 1840 starb. S. hat nur

einen Band Novellen und vier kleine Bände Gedichte geschrieben

(hrsg. von Nik. Beets, 4. Aufl. 1883), welche erst nach seinem Tod

nach Verdienst geschätzt wurden und sich durch

Ursprünglichkeit, Kernhaftigkeit und einen gesunden Humor

auszeichnen.

Stariza, Kreisstadt im russ. Gouvernement Twer, an der

Wolga, die hier den Fluß S. aufnimmt, und an der Eisenbahn

Ostaschkow-Rshew, mit (1885) 4709 Einw., welche starken

Getreidehandel auf der Wolga und den Kanälen nach Petersburg

treiben,

Stark (Starck), 1) Johann Friedrich, luther. asketischer

Schriftsteller, geb. 10. Okt. 1680 zu Hildesheim, wirkte als

Prediger nacheinander in Sachsenhausen und Frankfurt a. M., wo er

17. Juli 1756 als Konsistorialrat starb. Außer vielen

geistlichen Liedern schrieb er einige bis auf den heutigen Tag

vielgebrauchte Gebetbücher, so namentlich: "Tägliches

Handbuch" (Frankf. 1727).

2) Johann August, Freiherr von, bekannt als Kryptokatholik, geb.

29. Okt. 1741 zu Schwerin, war zuerst Lehrer in Petersburg,

besuchte 1763 England und ward 1765 in Paris Interpret der

morgenländischen Handschriften an der königlichen

Bibliothek und, heimgekehrt, Konrektor in Wismar. Nach einer

zweiten Reise nach Petersburg übernahm er 1769 eine Professur

der morgenländischen Sprachen zu Königsberg und wurde

hier 1770 Hofprediger, 1772 ordentlicher Professor der Theologie

und 1776 Oberhofprediger, ging 1777 als Professor an das Gymnasium

nach Mitau und 1781 als Oberhofprediger und Konsistorialrat nach

Darmstadt. 1786 beschuldigten ihn Biester und Nicolai

öffentlich, daß er Kryptokatholik, Priester und Jesuit

sei. S. vermochte sich in der Schrift "Über

Kryptokatholizismus, Proselytenmacherei, Jesuitismus, geheime

Gesellschaften etc." (Frankf. 1787, 2 Bde.; Nachtrag 1788) nicht

vollständig zu rechtfertigen, und sein anonymes Buch "Theoduls

Gastmahl, oder über die Vereinigung der verschiedenen

christlichen Religionssocietäten" (das. 1809, 7. Aufl. 1828)

gab jenem Verdacht nur neue Nahrung. Gleichwohl ward er vom

Großherzog von Hessen 1811 in den Freiherrenstand erhoben; er

starb 3. März 1816. Nach seinem Tod soll man in seinem Haus

ein zum Messehalten eingerichtetes Zimmer gefunden haben, und es

wird behauptet, daß er schon 1766 in Paris förmlich zur

katholischen Kirche übergetreten sei.

3) Karl Bernhard, Archäolog, geb. 2. Okt. 1824 zu Jena,

Sohn des als Professor der Pathologie bekannten Geheimen Hofrats S.

(gest. 1845), studierte in seiner Vaterstadt und in Leipzig

Philologie, wandte sich dann vorzugsweise der Archäologie zu

und unternahm 1847 eine Reise nach Italien. Seit 1848 in Jena erst

als Privatdozent, dann als außerordentlicher Professor

thätig, folgte er 1855 einem Ruf als Professor der

Archäologie nach Heidelberg, wo er 12. Okt. 1878 starb. Er

schrieb: "Kunst und Schule" (Jena 1848); "Forschungen zur

Geschichte des hellenistischen Orients: Gaza und die

philistäische Küste" (das. 1852); "Archäologische

Studien" (Wetzl. 1852) und als Ergebnis einer Reise durch

Frankreich und Belgien "Städteleben, Kunst und Altertum in

Frankreich" (Jena 1855); "Niobe und die Niobiden" (Leipz.1863);

"Gigantomachie auf antiken Reliefs und der Tempel des Jupiter

tonans in Rom" (Heidelb. 1869); "Handbuch der Archäologie der

Kunst" (Leipz. 1878, Bd. 1, die Systematik der Archäologie und

eine Geschichte der archäologischen Studien enthaltend);

kleinere Schriften über Creuzer, Winckelmann, das Heidelberger

Schloß u. a. Auch bearbeitete er die zweite Auflage des

dritten Teils von Hermanns "Lehrbuch der griechischen

Antiquitäten" (Privataltertümer, Leipz. 1870). Eine neue

Reise nach dem griechischen Orient gab Stoff zu einer Reihe von

Berichten, die er später in dem Werk "Nach dem griechischen

Orient" (Heidelb. 1874) verarbeitete. Vgl. W. Frommel, Karl Bernh.

Stark (Berl. 1880).

4) Ludwig, Musikpädagog, geb. 19. Juni 1831 zu

München, studierte daselbst Philologie, widmete sich jedoch

dann unter Ignaz Lachners Beistand der Musik und konnte bald mit

Erfolg als Komponist von Ouvertüren, Zwischenaktsmusiken etc.

am Hoftheater debütieren. Die Bekanntschaft mit Siegm. Lebert

(s. d.) führte S. an die von jenem gegründete Stuttgarter

Musikschule als Lehrer der Theorie und Geschichte der Musik; als

solcher erhielt er 1868 den Professortitel, 1873 den Doktorgrad von

der Universität Tübingen sowie andre Auszeichnungen. Er

starb 22. März 1884 in Stuttgart. Von Starks mit Lebert

gemeinschaftlich herausgegebenen Unterrichtswerken ist außer

der berühmt gewordenen "Klavierschule" (s. Lebert) noch die

"Deutsche Liederschule" zu erwähnen. Ferner erschienen von ihm

ein "instruktives" u. "Solfeggien-Album", eine weitverbreitete

Chorsammlung: "Stimmen der Heimat", eine große, mit A. und C.

Kißner gemeinschaftlich bearbeitete Sammlung keltischer

Volksweisen in verschiedenen Serien ("Burns-Album" etc.), eine

"Elementar- und Chorgesangschule" (mit Faißt, Stuttg.

1880-83, 2 Tle.), Klaviertransskriptionen etc. und eine Bearbeitung

der Klavierwerke Händels, Bachs, Mozarts; endlich auch

zahlreiche Originalkompositionen für Gesang, Klavier und andre

Instrumente und eine Auswahl seiner Tagebuchblätter unter dem

Titel: "Kunst und Welt" (Stuttg. 1884).

Stärke (Stärkemehl, Satzmehl, Kraftmehl,

Amylum), neben Protoplasma (s. d.) u. Chlorophyll (s. d.) der

wichtigste Inhaltsbestandteil der Pflanzenzelle, in welcher sie in

Form organisierter Körner (Fig. 1 u. 2) auftritt. Dieselben

besitzen eine sehr wech-

236

Stärke (natürliches Vorkommen, Chemisches;

Gewinnung).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 67 / 302 段