Einweihung des Suezkanals beigewohnt, dann einen Abstecher nach

Persien und Indien gemacht hatte, langte er im Januar 1871 in

Sansibar an, von wo er mit etwa 200 Mann (darunter 3 Weiße),

vorzüglich ausgerüstet und aufs beste bewaffnet, einige

Wochen später seinen Marsch ins Innere von Afrika antrat. Nach

vielen zu überwindenden Schwierigkeiten war er endlich am

Ziel: 10. Nov. hielt er seinen feierlichen Einzug in Udschidschi am

Tanganjikasee, wo er in der That den tot geglaubten Livingstone

fand. Daß S. in Großbritannien eine starke Anfeindung

erfuhr, daß man seinen ganzen Bericht für eine

Unwahrheit erklärte, daß später aber sich alles

dies als bloße Verleumdung herausstellte, trug nur dazu bei,

dem verdienten Manne noch größere Berühmtheit zu

verschaffen. Nachdem er mit Livingstone sich noch der Erforschung

des Tanganjika gewidmet, trat er im März 1872 seine

Rückreise nach Sansibar und Europa an. Über seine

Erlebnisse und die Resultate seiner Expedition, die dem Besitzer

des "New York Herald" gegen 10,000 Pfd. Sterl. gekostet hatte,

berichtete er in dem Werk "How I found Livingstone" (Lond. 1872;

deutsch, 2. Aufl., Leipz. 1885), worin er außer seinen eignen

auch Livingstones Beobachtungen in dem See- und Flußsystem im

SW. und W. des Tanganjikasees brachte. Darauf wohnte er 1873 bis

1874 dem Feldzug der Engländer gegen den König der

Aschanti bei und berichtete darüber wie über den

abessinischen Feldzug in "Coomassie and Magdala" (Lond. 1874). In

noch großartigerer Weise nahm S. sodann seine Forschungen

1874 wieder auf und zwar zuerst auf Kosten des "New York Herald"

und des Londoner "Daily Telegraph". Mit mehr als 300 Soldaten und

Trägern verließ er im November 1874 Bagamoyo, erreichte

27. Febr. 1875 das südliche Ufer des Ukerewe oder Victoria

Nyanza und umfuhr den ganzen See. Da S. nicht wußte,

daß der Schwestersee des Ukerewe, der 1864 von Baker

entdeckte Mwutan oder Albert Nyanza, bereits von dem Italiener

Gessi bis zu seinem Südende befahren war, so versuchte er,

diesen See zu erreichen. Vom Ukerewe sich westlich wendend,

entdeckte er im Januar 1876 zunächst das 5000 m hohe,

schneebedeckte Gambaragaragebirge. Unter 30° 20' östl. L.

v. Gr. und dem Äquator stieß er alsdann auf einen

großen Golf, den er Beatricegolf nannte und für einen

Teil des Mwutan ansah. Nach spätern Aufnahmen des

ägyptischen Obersten Mason Bei muß jedoch angenommen

werden, daß S. hier einen neuen großen, noch

unbenannten See entdeckt hat. Nun sich südlich wendend,

erforschte er den Hauptzufluß des Ukerewe, den Kagera oder

Kitangule, welchen er als einen bedeutenden, 20-40 m tiefen Strom

schildert, und der aus einem gleichfalls von S. entdeckten See, dem

Akanjaru oder Alexandrasee (zwischen 2-3° südl. Br. und

31° östl. L. v. Gr.), entspringt. S. wandte sich nun der

Lösung des größten noch vorhandenen afrikanischen

Problems zu. Er wollte zu ergründen suchen, wohin die

ungeheuern Wassermassen der Seen und Ströme, die westlich vom

Tanganjikasee liegen, sich ergössen, und ob dieselben, wie

theoretisch bereits Behm nachgewiesen, den obern Lauf des Congo

darstellten, von dem man nur die Mündung kannte. Am 27. Mai

1876 war S. wieder in Udschidschi am Ostufer des Tanganjikasees,

machte auf demselben sein tragbares Boot flott und umfuhr in 51

Tagen zum erstenmal vollständig dieses große

Wasserbecken. Auch den nach W. führenden "Abfluß" des

Tanganjika, den von Cameron entdeckten Lukuga, fand S. wieder auf

und fuhr denselben eine Strecke weit abwärts. Nach seinen

Schilderungen ist der Lukuga jedoch nur ein sumpfiger Arm des

Tanganjika, welcher bloß bei Hochwasser einen gelegentlichen

Abfluß nach W. ausmacht. Nach Vollbringung dieser Aufgabe

drang S. nach W. vor und erreichte unter großen Gefahren

Nyangwe, den äußersten von Livingstone und Cameron

erreichten Ort am obern Lualaba-Congo. Nachdem er seine

zusammengeschmolzene Expedition wieder auf 200 Bewaffnete gebracht

hatte, verließ er 15. Nov. 1876 mit 18 Kanoes Nyangwe, um

eine der gefahrvollsten und merkwürdigsten Reisen anzutreten,

von welcher die Geschichte aller Zeiten berichtet. Sowohl in seinem

obern Lauf bis zum Äquator als in seinem untern zeigt der

Lualaba-Congo zahlreiche bedeutende Wasserfälle, die zum

großen Teil umgangen werden mußten, was meist unter

Kämpfen mit den Eingebornen geschah. Einzelne Katarakte wurden

durchschifft, doch verlor S. hierbei seinen treuen Diener Kalulu

und seinen letzten weißen Gefährten, Francis Pocock.

Drei Vierteljahre hatte diese gefahrvolle, abenteuerliche Reise

gedauert, als S. mit seiner zusammengeschmolzenen Schar, dem

Hungertod nahe, 8. Aug. 1877 in Boma an der Congomündung in

den Bereich portugiesischer Herrschaft gelangte. Aber die

Anstrengungen waren des Resultats wert. Der bisher unbekannte

Riesenlauf des Congo konnte in die Karte eingetragen werden (s.

Congo). S. stellte die ganze Länge des Stroms, für

welchen er den nicht acceptierten Namen "Livingstone" vorschlug,

auf 630 Meilen fest, von denen der 225 Meilen lange, oft seeartig

erweiterte mittlere Teil für die größten Schiffe

fahrbar ist, so daß hier dem Handel ein neues, ungeheuer

großes Gebiet durch den kühnen Reisenden eröffnet

wurde. Die Identität des Congo mit dem Lualaba war somit

festgestellt und damit eine Wasserstraße ins Innere von

Afrika von mehr als 4000 km Länge eröffnet, die nur an

2-3 Stellen von Katarakten unterbrochen wird. Bereits vier Monate

nach seiner Rückkehr veröffentlichte er seinen

Reisebericht "Through the dark continent" (Lond. 1878), der

mehrmals aufgelegt wurde, ebenso wie die zu gleicher Zeit

erschienene deutsche Übersetzung "Durch den dunkeln Weltteil"

(2. Aufl., Leipz. 1881, 2 Bde.). Der großartige Erfolg

Stanleys führte nach der Begegnung König Leopolds II. von

Belgien mit dem Entdecker in Brüssel zur Gründung des

Comité d'études du Haut-Congo, das es sich zur

Aufgabe stellte, Zentralafrika dem Handel zu eröffnen. S.

wurde mit der Leitung des Unternehmens betraut, er legte nicht

allein längs des Congo, auch in dem später an Frankreich

abgetretenen Gebiet des Kuilu eine Reihe von Stationen an bis zu

den Stanleyfällen am obern Congo, entdeckte, den Kwa

aufwärts fahrend, den großen See, welchem er den Namen

Leopolds II. gab, und war mit kurzer Unterbrechung, als ihn seine

geschwächte Gesundheit zur Reise nach Europa nötigte, bis

1884 unermüdlich im Congogebiet thätig. In diesem Jahr

kehrte er endgültig nach Europa zurück, nahm als

technischer Kommissar des Bevollmächtigten der amerikanischen

Union an der Congokonferenz in Berlin teil und veranlaßte in

England die Bildung einer Gesellschaft zur Erbauung einer Eisenbahn

von der Congomündung bis zum Stanley Pool. Zu gleicher Zeit

publizierte er "The Congo and the foundation of its free state",

deutsch unter dem Titel: "Der Congo und die Gründung des

Congostaats" (Leipz. 1885, 2 Bde.). Als Ende 1886 die

ägyptische Regierung in Gemeinschaft mit einigen englischen

Kapitalisten eine Expedition zum Entsatz Emin Beis auszusenden

beschloß,

230

Stanley Pool - Stans.

übernahm S. bereitwilligst die Führung dieses

schwierigen und gefahrvollen Unternehmens, traf 24. Dez. 1886 von

New York in London ein, das er 21. Jan. 1887 verließ, um sich

nach Sansibar zu begeben, von wo er mit den dort von ihm

angeworbenen Leuten um das Kap zum Congo fuhr. Dort traf er 18.

März ein. Seine Begleitung bestand aus 9 Europäern, 13

Somal, 61 Sudanesen und 620 Sansibariten. Außerdem

schloß sich der arabische Sklavenhändler Tippu Tip,

welchen S. durch dessen Ernennung zum Gouverneur vom obern Congo

mit einem Jahresgehalt gewonnen hatte, mit 40 Mann an; weitere

Mannschaften vom Tanganjika und von Kassongo bei Nyangwe sollten

bei den Stanleyfällen zu Tippu Tip stoßen. Da am Congo

großer Mangel an Nahrungsmitteln herrschte, war die

Verproviantierung der großen Kolonne sehr schwierig, doch

konnte sich S. 29. April von Stanley Pool auf vier Dampfern und

mehreren großen Booten endlich einschiffen. Am 28. Mai

erreichte er die Mündung des Aruwimi, wo er ein festes Lager

errichtete, und bereits 2. Juni brach er mit 5 Europäern und

580 Mann nach O. auf. Am 20. Juni befand er sich an den

Jambujafällen des Aruwimi, wo er ein festes Lager zum Schutz

der unter Major Barttelot zurückbleibenden 100 Mann starken

Besatzung errichtete. Von hier brach er 28. Juni mit 389 Mann auf,

am linken Ufer des Flusses aufwärts ziehend. Der Name des

Aruwimi ändert sich wiederholt, 140 km von Jambuja heißt

er Lubali, dann Nevoa, nach seinem Zusammenfluß mit dem

Nepoko heißt er No-Welle, 350 km vom Congo aber Ituri. Trotz

der Feindseligkeiten der Eingebornen ging der Marsch ohne

Schwierigkeit vor sich, bis man Anfang August ein Urwaldgebiet

erreichte, wo der Expedition furchtbare Leiden harrten. Die

Eingebornen widersetzten sich dem Vordringen Stanleys und

erschossen 5 Mann mit vergifteten Pfeilen, auch Leutnant Stairs

wurde schwer verwundet. Um den arabischen Sklavenjägern

auszuweichen, hielt sich S. auf der Congostraße, stieß

31. Aug. aber doch auf eine Abteilung des Sklavenhändlers

Ugarrowa, zu dem 26 Leute desertierten. Auch mußte S. 56

Invalide im Lager Ugarrowas zurücklassen. Mit 273 zog er

weiter, schreckliche Leiden ausstehend in dem durch

Sklavenjäger verwüsteten Land, so daß ein

mitgebrachtes Boot mit 70 Warenladungen unter dem Wundarzt Parke

und dem Kapitän Nelson, beide marschunfähig und

verwundet, bei dem Sklavenhändler Kilonga-Longa

zurückgelassen werden mußte. Endlich wurde Ibwiri

erreicht, wo an Stelle des bisherigen dichten, dumpfen Waldes weite

fruchtbare Ebenen traten und Lebensmittel im Überfluß

waren. Zwar widersetzte sich der mächtige Häuptling

Mogamboni Stanleys Vordringen, doch wurden alle Angriffe

zurückgeschlagen. Am 14. Nov. erreichte S. den Albert Nyanza

bei Kawalli, wo er ein verschanztes Lager errichtete, und da keine

Nachricht von Emin Pascha eingelaufen war, marschierte S. die 200

km zu Kilonga-Longa zurück, um das Boot zu holen. Am 28. April

1888 traf S. endlich mit Emin und Casati zusammen, die ihn in dem

Dampfer Khediv aufgesucht hatten. Emin blieb 26 Tage bei S., ohne

sich bewegen zu lassen, nach Europa zurückzukehren. Darauf

trat S. 16. Juni mit 111 Sansibariten und 101 ihm von Emin

überlassenen Trägern seinen Rückmarsch an, fand

indes von den zurückgelassenen 257 Mann nur noch 71 bei

Bunalaya vor und schlug darauf einen kürzern Weg ein, um nach

Fort Bodo bei Ibwiri, wo er seine Europäer gelassen

zurückzukehren. Vgl. Rowlands, Henry M. S., record of his life

(Lond. 1872); Volz, Stanleys Reise durch den dunkeln Weltteil,

für weitere Kreise bearbeitet (3. Aufl., Leipz. 1885).

3) Frederik Arthur, Lord, engl. Staatsmann, jüngerer Bruder

des Lords Derby, geb. 15. Jan. 1841, widmete sich der

militärischen Laufbahn und avancierte zum Kapitän bei den

Gardegrenadieren, trat aber dann zur Reserve über und wurde

erst zum Major, dann zum Obersten eines Milizregiments ernannt.

Seit 1865 gehörte er für Preston dem Unterhaus an, wo er

sich, den Traditionen seiner Familie gemäß, der

konservativen Partei anschloß. 1868 war er auf kurze Zeit

jüngerer Lord der Admiralität, mußte aber im

Dezember d. J. mit Disraeli zurücktreten. 1878-80 war S.

Kriegsminister und leitete die Vollendung der Rüstungen gegen

Rußland und die Okkupation Cyperns. Unter Salisbury war er im

Juni 1885 bis Januar 1886 Staatssekretär für die Kolonien

und seit August 1886 Handelsminister. Unter dem Titel Lord S. of

Preston wurde er 1887 in den Peersstand erhoben.

Stanley Pool (spr. stännli puhl), das von H. M.

Stanley entdeckte, ca. 40 km lange und 26 km breite, 348 m ü.

M. gelegene Becken, welches der Congo unter 16° östl. L.

und 4° südl. Br. oberhalb der Kallulufälle bildet. Am

Nordufer liegt Brazzaville, im SW. des Sees die Station

Leopoldville.

Stannate, s. Zinnsäure.

Stannin, s. Zinnkies.

Stanniol (Zinnfolie), sehr dünnes Zinnblech aus

reinem Zinn oder einer Zinnlegierung mit 1-2 Proz. Kupfer (wodurch

die Folie an Festigkeit gewinnt) durch Gießen, Walzen und

Schlagen hergestellt. Man gießt das Metall in

Platteneingüssen zu Platten von 10 mm Dicke aus und walzt

diese Platten in einem Blechwalzwerk anfangs einzeln, dann mehrere

aufeinander gelegt, zu Blechen bis zu einer Dicke von 0,1 mm. Noch

dünneres S. wird aus diesen Platten durch Schlagen unter

Hämmern auf die gleiche Weise wie das Blattgold (s.

Goldschlägerei) hergestellt. Nach einem neuen Verfahren wird

Zinn in einer flachen, 2,5 m langen eisernen Schale flüssig

gehalten; über dieser Schale befindet sich eine 2,5 m lange

Walze von 2 m Durchmesser, mit Leinwand überzogen. Diese Walze

wird in das Zinn gesenkt und einmal umgedreht, wodurch sie sich mit

einer dünnen Lage Zinn bedeckt, welche während einer

Rückdrehung der gehobenen Walzen abgewickelt und auf einen

polierten ebenen Stein gelegt wird. Auf diese Lage kommen noch 299

solche Blätter, die nun gemeinschaftlich von zehn Arbeitern

bis zur gewünschten Dicke geschlagen werden. S. dient

hauptsächlich zum Belegen der Spiegel und erhält für

diesen Zweck eine Dicke von 0,038-0,5 mm. S. zum Einwickeln von

Seife, Schokolade etc. ist 0,15-0,0077 mm dick. Auch bleihaltige

Zinnfolie wird vielfach dargestellt und zwar entweder aus

Legierungen oder aus Bleiplatten, die mit Zinn übergossen

wurden. Um farbige, glänzende Zinnfolie zu bereiten, wird S.

mit Baumwolle und Kreidepulver gereinigt, mit Gelatinelösung

überzogen, mit Berberis-, Lackmus-, Orseille- oder

Safranabkochung oder Anilinlösung gefärbt und nach dem

Trocknen mit Weingeistfirnis überzogen.

Stannum (lat.), Zinn,

Stanowoi, Gebirge, s. Sibirien, S. 927.

Stans (auch Stanz), Flecken im schweizer. Kantor

Unterwalden, Hauptort von Nidwalden, am Fuß des 1900 m hohen

Stanser Horns, mit (1880) 2210 Einw. und einem Denkmal Arnolds von

Winkelried.

231

Stansfield - Stapelia.

Hier 9. Sept. 1798 Gefecht zwischen den Nidwaldnern und den

Franzosen unter Schauenburg. Der Hafen des Orts, am

Vierwaldstätter See, ist Stansstad (s. Alpnach), mit 763

Einw.

Stansfield (spr. stännsfild), James, engl.

Staatsmann, geb. 1820 zu Halifax, studierte in London, wurde 1849

Barrister und trat 1859 für seine Geburtsstadt ins Unterhaus,

wo er sich dem linken Flügel der liberalen Partei

anschloß. 1863 wurde er zum Lord der Admiralität

ernannt, schied aber schon 1864 wieder aus der Regierung, bei der

sein intimes Verhältnis zu Mazzini Anstoß erregte.

Trotzdem konnten die folgenden liberalen Regierungen bei dem

Einfluß, den er im Unterhaus hatte, nicht umhin, ihn wieder

in ihre Mitte aufzunehmen: er war Unterstaatssekretär unter

Russell vom Februar bis Juni 1866 und Lord der Admiralität

unter Gladstone vom Dezember 1868 bis Oktober 1869 sowie

Sekretär des Schatzamtes unter demselben bis März 1871.

Darauf erhielt er das Präsidium des Armenamtes und im August

d. J. das Präsidium des neugegründeten

Local-government-board. 1874 trat er mit Gladstone zurück; bei

der Neubildung des liberalen Ministeriums im Frühjahr 1880

wurde S. übergangen.

Stante pede (lat.), stehenden Fußes, auf der

Stelle, flugs, stracks.

Stanton, Edwin M., nordamerikan. Staatsmann, geb. 1815 zu

Steubenville (Ohio), studierte die Rechte, wirkte als Advokat, seit

1857 in Washington, ward 1860 Generalstaatsanwalt, 1861 unter

Lincoln Kriegsminister, weil er als einer der Führer der

republikanischen Partei belohnt werden mußte, erwarb sich

zwar durch rastlose Thätigkeit um die Organisation und

Verpflegung des Heers während des Bürgerkriegs

Verdienste, stiftete aber durch Nepotismus und Einmischung in die

Kriegsoperationen auch Schaden, trat gegen Johnsons vermittelnde

Politik auf, ward deshalb abgesetzt, was den Staatsprozeß

gegen den Präsidenten zur Folge hatte, legte im Mai 1868 sein

Amt nieder, war Richter am obersten Gerichtshof und starb 23. Dez.

1869.

Stanze (ital.), eigentlich Wohnung, Zimmer; dann s. v. w.

Reimgebäude, Strophe; insbesondere das auch Oktave (ital.

Ottava rima) genannte epische Versmaß der Italiener, eine aus

acht fünffüßigen Jamben bestehende Strophe, in

welcher die Verse so verschlungen sind, daß der 1., 3. und

5., dann der 2., 4. und 6., endlich der 7. und 8. aufeinander

reimen und zwar ursprünglich nur mit weiblichem Reim,

während in neuerer Zeit männlicher mit weiblichem Reim

wechselt. Die Strophe findet sich bei den Italienern in allen

größern epischen Gedichten (Ariosts "Rasender Roland",

Tassos "Befreites Jerusalem") angewendet; auch Camoens hat seine

"Lusiaden", Byron seinen "Don Juan" in dieser Form gedichtet sowie

von neuern deutschen Dichtern E. Schulze seine "Bezauberte Rose",

Lingg seine "Völkerwanderung". Indessen eignet sich die S. im

Deutschen mehr zu Widmungsgedichten (z. B. in Goethes "Faust"), zu

Prologen, gedankenreichen Apostrophen u. dgl. als zu

größern epischen Gedichten, wo sie leicht monoton wird

und ermüdend wirkt. Diese Erkenntnis regte Wieland (im

"Oberon") zu einer freiern Behandlung derselben an, indem er die

Zahl der Versfüße beliebig zwischen vier, fünf und

sechs schwanken, die Reime aber ein- oder zweimal wiederkehren

ließ und dabei willkürlich verband. Außer Wieland

hat diese freiere Form, welche einen großen malerischen

Reichtum zu entfalten gestattet, auch Schiller bei seiner

Übersetzung des Vergil angewendet. Eine andre Abart der S. ist

die Spenserstanze, die Spenser in seiner "Feenkönigin" und

nach ihm Lord Byron in seinem "Childe Harold" zur Anwendung

brachte. Sie ist neunzeilig, die Reimpaarung derartig, daß

zuerst zwei Zeilen: die 1. und 3., dann vier: die 2., 4., 5. und

7., und zuletzt drei: die 6., 8. und 9., aufeinander reimen, und um

dem Ganzen einen wuchtigen Abschluß zu geben, hat der letzte

Vers stets einen Fuß mehr. - In der Kunstgeschichte

heißen Stanzen ("Zimmer") vorzugsweise die von Raffael und

seinen Schülern ausgemalten Räume des Vatikans in

Rom.

Stanzen, in der Technik Stempel aus Stahl oder Bronze zur

Verfertigung vertiefter Gegenstände aus Blech

(Eßlöffel, Dosendeckel, Ornamente etc.). Man stellt sie

durch Gravieren oder Gießen her und benutzt sie im Verein mit

Gegenstempeln, indem man das Blech durch Fall- oder Prägwerke

in die liegenden S. eintreibt. Die Gegenstempel werden aus weicherm

Metall (Kupfer, Hartblei etc.) in die S. gegossen oder in dieselben

eingeprägt.

Stanzer Thal, linksseitiges Nebenthal des Inn in

Nordtirol, Bezirkshauptmannschaft Landeck, von der Rosanna

durchströmt, heißt im obersten Teil Verwallthal und wird

von der Straße und Eisenbahn über den Arlberg

durchzogen. Den Namen trägt es vom Dorf Stanz bei Landeck (301

Einw.).

Stanzmaschine, s. Hobelmaschinen, S. 588.

Stapel, ein Haufe, eine Menge Dinge, besonders wenn sie

in einer gewissen Ordnung aufgesetzt sind; vorzüglich eine

Quantität gewisser trockner Waren, welche aufeinander

geschichtet ist, z. B. Holz, Tücher etc., besonders

Häute; Jahrmarkt, Messe, daher Stapelplatz, Ort oder Hafen mit

Warenniederlagen (vgl. Stapelgerechtigkeit). Im Schiffbau nennt man

S. in einer gewissen Ordnung aufeinander gelegte hölzerne

Balken, die entweder bei Luftzutritt aufbewahrt werden sollen, oder

mit deren Hilfe man eine ebene Plattform in einer gewissen

Höhe und Neigung über dem Terrain gewinnen will, auf

welcher ein neues Schiff erbaut wird. Wird ein fertiges Schiff ins

Wasser gelassen, so verläßt es den S., daher Stapellauf

(s. Ablauf).

Stapelartikel, solche Artikel, welche vornehmlich

Handelsgegenstand eines Platzes und infolgedessen hier in

größerer Menge aufgestapelt sind.

Stapelgerechtigkeit (Stapelrecht, Staffelrecht,

Stapelfreiheit), ein in ältern Zeiten gewissen Städten

bewilligtes Recht, wonach gewisse oder auch alle Waren, welche auf

Straßen versandt wurden, an denen ein Stapelplatz gelegen

war, in diesem abgeladen und daselbst eine gewisse Zeit

(Stapelzeit) über zum Verkauf ausgestellt werden mußten,

ehe man sie weiterbringen durfte.

Stapelholm, Landschaft in der preuß. Provinz

Schleswig-Holstein, Kreis Schleswig, östlich von

Friedrichstadt, bildet einen Geestrücken zwischen

Flußmarschen an der Eider, mit den Pfarrdörfern

Süderstapel und Erfde mit (1885) 869 u. 1391 Einw.

Stapelia L. (Aaspflanze), Gattung aus der Familie der

Asklepiadaceen, kaktusartige, blattlose Gewächse mit

fleischigen, oft kantigen und an den Kanten gezähnelten

Stengeln und Ästen, großen, radförmigen

Blumenkronen, welche meist auf gelbem oder gelbgrünem Grund

schwarzpurpurn oder violett gefleckt oder marmoriert sind, und fast

cylindrischen Balgkapseln mit geschwänzten Samen. Die etwa 60

besonders in Südafrika heimischen Arten werden der Blüten

halber als Zierpflanzen in Gewächshäusern kultiviert; die

Blüten riechen indes höchst widerwärtig nach Aas. S.

Tafel "Kakteen".

232

Stapellauf - Star.

Stapellauf, s. Stapel

Stapelplatz, s. Stapel

Stapelrecht, s. v. w. Stapelgerechtigkeit.

Stapelstädte, in Schweden die Städte, welchen

das Recht verliehen ist, auf eignen Schiffen Waren ein- und

auszuführen.

Stapes (lat.), Steigbügel; in der Anatomie eins der

Gehörknöchelchen.

Staphylea L. (Pimpernuß), Gattung aus der Familie

der Sapindaceen, Sträucher mit gegenständigen, unpaarig

gefiederten Blättern, gipfelständigen, meist

überhängenden, weißlichen Blütentrauben und

häutiger, ein- oder wenigsamiger, aufgeblasener Kapsel. S.

pinnata L. (Klappernuß, Blasennuß, Paternosterbaum),

3-5 m hoch, mit fünf- bis siebenzählig gefiederten

Blättern, länglich elliptischen Blättchen,

rötlichweißen Blüten und hellbraunen,

ölreichen Samen mit großem Nabelfleck

(Ölnüßchen), in Gebirgswäldern Mitteleuropas

und Vorderasiens, wird als Zierstrauch angepflanzt. Das

weiße, feste Holz dient zu Drechslerarbeiten; die Samen sind

eßbar und geben ein gutes Öl. Auch S. colchica Stev.

(Hoibreghia formosa hort.), aus Transkaukasien, mit drei- bis

fünfzählig gefiederten Blättern und weißen

Blüten, und S. trifolia L., mit dreizähligen

Blättern, aus Nordamerika, sind Ziersträucher.

Staphyleaceen, dikotyle Pflanzengruppe, eine Unterfamilie

der Celastrineen (s. d.) bildend, von denen sie sich

hauptsächlich durch die Lage des Blütendiskus, die blasig

aufgetriebene Frucht und das Fehlen des Samenmantels

unterscheiden.

Staphylhämatom (griech.), Blutgeschwulst am

Zäpfchen, welche wahrscheinlich durch kleine Verletzungen beim

Essen, Räuspern etc. entsteht und ohne schlimme Bedeutung

ist.

Staphylinus, Staphylinidae, s. Kurzflügler.

Staphyloma (griech.), in der Augenheilkunde zwei

wesentlich verschiedene Zustände: 1) Das S. der Hornhaut ist

ein Auswuchs, der aus jungem Bindegewebe oder Narbenmasse besteht

und seinen Ursprung einer geschwürigen Hornhautentzündung

mit Vorfall der Iris verdankt. Dies S. wird mit dem Messer

abgetragen und ist auf diesem Weg heilbar. 2) Das S. der Sklera,

der harten weißen Haut, bedeutet eine Ausbuchtung derselben,

oft verbunden mit Verdünnung und zunehmender Transparenz,

welche entweder mehr allgemein ist, wie beim grünen Star (s.

Glaukom), oder auf den hintern Umfang beschränkt, wie bei der

Verlängerung des sagittalen Augendurchmessers kurzsichtiger

Augen (S. posticum), oder an mehrfachen Stellen

unregelmäßige Hervorwölbungen bedingen kann, die

ihren Ursprung Entzündungen der Aderhaut oder Iris verdanken.

Ist eine solche Ausstülpung einmal eingetreten, so können

korrigierende Brillen oder die Operation beim Glaukom die

Sehstörungen und die Vergrößerung das S. wohl

beseitigen, aber nicht das Übel selbst heilen.

Staphyloplastik (griech.), künstliche

Gaumenbildung.

Staphylorrhaphie, s. Gaumenspalte.

Stapß, Friedrich, bekannt durch seinen Mordversuch

gegen Napoleon I., geb. 14. März 1792 zu Naumburg, erlernte

die Kaufmannschaft und kam dann nach Leipzig in Stellung. Ein

erbitterter Gegner Napoleons, beschloß er, denselben zu

ermorden, und reiste zu diesem Zweck nach Wien und von da 13. Okt.

1809 nach Schönbrunn, wo jener Heerschau hielt. Der General

Rapp, dem das Benehmen S.', der den Kaiser zu sprechen verlangte,

verdächtig vorkam, ließ ihn festnehmen, und man fand bei

ihm ein großes Küchenmesser. S. gestand unerschrocken

seine Absicht und antwortete auf die Frage des Kaisers: "Wenn ich

Sie nun begnadige, wie werden Sie mir es danken?" mit den Worten:

"Ich werde darum nicht minder Sie töten". Er ward hierauf 17.

Okt. erschossen.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 66 / 302 段